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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 51
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authorKarl Friedrich Becker
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Zwölfter Abend.

Orestes.

»Hat Herakles außer dem Hyllos keine Söhne gehabt?« fragte am andern Abend einer der Knaben.

»Die erfinderische Sage schreibt ihm deren sehr viele zu«, antwortete der Lehrer. »Sie alle machten sich mehr oder weniger berühmt und nannten sich mit Stolz Herakliden. Aber sie veranlaßten eben dadurch, daß eine Menge Prahler, die für etwas gehalten sein wollten, sich diesen Namen mit Unrecht zueigneten. Daher gab es einige Menschenalter nach Herakles' Tode so viele Herakliden, daß sie ganze Stämme ausmachten, Könige und Völkerschaften aus ihren alten Wohnsitzen vertrieben und an vielen Orten neue Kolonieen anlegten. Doch werde ich euch erst in einer unserer künftigen Geschichtsstunden Genaueres darüber mitteilen.«

»Nun, so erzählen Sie uns vielleicht heute die Geschichte des Orestes? Sie sagten neulich, daß gehöre auch in die griechische Sagengeschichte und solle auch des Abends ausführlich erzählt werden.«

»Sollte ich das wirklich versprachen haben?« fragte der Lehrer schalkhaft zaudernd.

»Freilich, freilich!« riefen in froher Ungeduld die Knaben wie aus einem Munde.

»So hört denn zu!«

Hier in der Landschaft Argolis im Peloponnes seht ihr zwei Städte, Argos und Mykenä.In diesen herrschten etwa ein Menschenalter vor dem trojanischen Kriege zwei Brüder, Thyestes und Atreus, die eine Zeitlang sehr friedlich nebeneinander lebten, bis endlich dieselbe Leidenschaft, welcher Nessos und selbst Herakles erlegen waren, auch sie aufs heftigste entzweite. Thyestes, obgleich selbst vermählt, warf die Augen auf seines Bruders Gattin Aërope, und vergaß so sehr alle Achtung für das Recht und für den Namen desselben, daß er ihm zuletzt die Gattin wirklich abwendig machte. Atreus entdeckte den Frevel nicht sobald, als er im höchsten Zorne auf den Bruder losging und ihn verjagte. Doch war seine Rache damit noch nicht gestillt; denn eine Beleidigung dieser Art wurde von den Griechen für einen Schimpf gehalten, der nur durch die ausgesuchteste Genugtuung getilgt werden konnte. Ihr wisset, als in der Folge Menelaos von seinem Gastfreunde Paris das nämliche erfuhr, setzte er ganz Griechenland deshalb in Bewegung und wollte Troja zerstören, bloß um diesen Schandfleck abzuwaschen. Und so sind eine Menge von Kämpfen in jenen alten Zeiten nur durch Frauen veranlaßt oder doch um ihretwillen geführt worden.

Der Racheplan, den Atreus entwarf, war nicht gerade sehr umfassend, aber desto abscheulicher. Er ließ seinen noch immer verbannten Bruder einladen wieder in sein Reich zurückzukehren, bot ihm Verzeihung an und bestimmte einen Tag, wo sie beide den Göttern ein gemeinschaftliches Sühnopfer bringen wollten. Thyestes traute den heuchlerischen Worten, stellte sich ein, opferte mit seinem Bruder und verzehrte fröhlich an dessen Tische das Opfermahl. Als er nach der zarten Speise forschte, die ihm so wohl gemundet, ließ ihm sein Bruder einen verdeckten Korb reichen: darin werde er die Überbleibsel seines Mahles finden. Thyestes schlägt das Tuch zurück und erblickt – die Knochen und Arme seiner beiden jüngsten Kinder, Tantalos und Pleisthenes!

Von Abscheu, Rache und Furcht zugleich ergriffen, verläßt Thyestes im Augenblick Haus und Gebiet seines entmenschten Bruders und flieht nach Sikyon. Selbst der Sonnengott, sagen die Dichter, erschrak vor dieser scheußlichen That und lenkte seinen Wagen zurück. Doch gelingt es dem Thyestes nach vielen Jahren sich der Herrschaft von Argos wieder zu bemeistern, wo ihm in seinem Sohne Ägisthos ein Rächer erwuchs. Mit diesem überfällt er später Mykenä, eben als sein Bruder Atreus am Altare den Göttern opferte, und erschlägt ihn an der heiligen Stätte. Er selbst stirbt bald darauf und hinterläßt seinem Sohne Ägisthos die Herrschaft von Argos.

Atreus' Söhne waren Agamemnon und Menelaos, die uns wohlbekannten homerischen Helden. Damals standen sie noch im Jünglingsalter. Der ältere hielt das väterliche Mykenä inne, baute sein Feld, vermehrte seine Herden und gewann die schöne Klytämnestra, die ältere Tochter des spartanischen Königs Tyndareus, zur Gattin. Sein Bruder Menelaos wendete sich in derselben Angelegenheit an denselben Fürsten und erhielt die zweite jüngere und noch weit schönere Tochter, die berühmte Helena; ja der alte Tyndareus gewann ihn so lieb, daß er ihn bei sich behielt, und da seine eigenen Söhne, Kastor und Pollux (Polydeukes) gleich dem Herakles, ein herumschweifendes Leben bleibenden Wohnsitzen vorzogen, so erbte nach des Schwiegervaters Tode Menelaos das ganze spartanische Reich beide Brüder, jener in Argolis, dieser in Lakonien, waren zu jener Zeit wegen ihres Reichtums an Herden und wegen des Umfangs ihrer Besitzungen die angesehensten aller Griechenfürsten. Daher auch die ausgezeichnete Rolle, die sie unter den Heerführern vor Troja spielten.

Agamemnon trug seinem Nachbar und Vetter Ägisthos in Argos den Haß der Väter nicht nach, vielmehr scheint er ihm gütig und offen begegnet zu sein. An dem Zuge gegen Troja zu dem ganz Griechenland aufgeboten wurde, nahm indessen Ägisthos keinen Teil, sondern blieb unkriegerisch daheim. Agamemnon, nachdem er sein ganzes Heer beisammen hatte, empfahl seine geliebte Gattin der Obhut eines alten Sängers, dessen Redlichkeit er kannte, nahm noch einmal herzlichen Abschied von ihr und bestieg dann seinen Wagen, um nach Aulis abzufahren.

Ein alter Diener sagt: die Frau, die sich in ihres Mannes Abwesenheit sehr schmückt und putzt, ist schon den schlimmen beizuzählen. Ein so leichtsinniges und eitles Weib war Klytämnestra. Anstatt wie die edle Penelope des Hauses und der Kinder in züchtiger Stille zu warten, ließ sie sich öfters prunkend vor dem Volke sehen, ging dem Vergnügen nach und vergaß ihres Mannes und ihrer Kinder. Da sah sie Ägisthos, der seit Agamemnons Abreise oft nach Mykenä kam, und entbrannte zu ihr in sündlicher Liebe. Sie hatte ihn anfangs arglos aufgenommen und in ihm nur einen Freund gesehen; bald aber bethörte er ihren Sinn durch listige Reden; er stellte ihr vor, daß an Agamemnons Rückkehr kaum noch zu denken sei, daß derselbe auch ihr nicht treu geblieben sein, sondern trojanische Sklavinnen an Weibes Statt zu sich genommen haben werde, daß er wie ein Barbar an ihr gehandelt habe, indem er ihre liebste Tochter Iphigeneia (Iphigenia) in Aulis geschlachtet, und was der täuschenden Worte noch mehr waren. Klytämnestra widerstand lange, auch wagte sie vor den Augen des immer lauernden Alten, den der Gemahl ihr zum Hüter gegeben, nicht offenbar etwas Böses zu thun. Als aber schon Jahre verstrichen waren und Agamemnon noch immer nicht wieder kam; als die Neigung zu dem Verführer, der ihr ewige Treue schwur, zuletzt die Oberhand gewann, da mußte das Verbrechen geschehen, und weder die Furcht vor den Göttern, noch die Achtung vor dem Urteil der Menschen war Gegengewicht genug gegen die Stärke der Leidenschaft.

Zuerst ward der alte Sänger ergriffen, auf ein Schiff gebracht und auf einer wüsten Insel dem Hungertode preisgegeben. Dann feierten Ägisthos und Klytämnestra ein glänzendes Vermählungsfest und ließen die Nachricht von Agamemnons Tode unter dem Volke ausbreiten. Ägisthos nahm Besitz von dessen ganzem Reiche und übertrug einem treuen Wächter, dem er eine Warte an der argolischen Küste erbaute, das Amt, jeden Tag sorgfältig umherzuschauen, und wenn er Agamemnon zurückkehren sähe, ihm schnelle Kunde zu geben.

Eine Zeitlang lebte das treulose Paar herrlich und in Freuden, und für jetzt litt außer dem armen Sänger keiner darunter als Agamemnons Kinder: Chrysothemis, Elektra und Orestes, die seit dem Einzuge des fremden Stiefvaters auch von der Mutter kaum mehr angesehen wurden und vielleicht verschmachtet wären, wenn nicht noch manche teilnehmende Diener sich ihrer erbarmt hätten.

Auf einmal leuchteten Feuerzeichen von der Küste auf, um dem Ägisthos zu melden, es sei ein Schiff angekommen und Agamemnon befinde sich auf demselben. Sogleich beratschlagte der Verbrecher mit seiner Buhle – nicht was zu thun sei, denn darüber waren sie längst einig, sondern wie es zu thun sei. Vor allem wurde beschlossen sorgsam zu verhüten, daß dem Agamemnon das neue Ehebündnis etwa gar schon auf dem Wege kund werde. Dann solle Klytämnestra ihn freundlich empfangen, baden und bewirten, Ägisthos aber sollte hinter dem Hause verborgen lauern. Das übrige werde von der Gelegenheit abhängen.

Klytämnestra, um den getäuschten Gemahl von allem Verdachte frei zu erhalten, eilte ihm selbst bis an den Hafen entgegen und empfing ihn mit schmeichelnden Liebkosungen, ja mit unterwürfiger Demut. Angekommen in seiner Wohnung, die er nach zehnjähriger Trennung mit freudiger Rührung begrüßte, warf er sich, von der langen Fahrt ermüdet, mit Wohlbehagen auf seinen alten Lieblingssitz, ruhte ein wenig und befahl den Mägden ihm ein Bad zu bereiten. Dann legte er Waffen und Gewand ab, und wahrend er arglos in die Badewanne stieg, ging Klytämnestra hinaus, um dem Ägisthos einen Wink zu geben. Dieser ergriff eine Axt, stellte sich hinter die Thür und erspähte durch eine Spalte jede Bewegung im Gemach. Als nun Agamemnon neu erquickt aus dem Bade stieg und ein reines Gewand begehrte, warf ihm Klytämnestra eines von besonderer Weite über den Kopf und verhüllte ihm denselben damit wie durch Zufall oder Ungeschick. Diesen Augenblick nahm Ägisthos wahr, dem Unglücklichen mit einem furchtbaren Streiche den Schädel zu zerspalten. Ächzend fiel Agamemnon nieder, streckte noch einigemale die Hände nach seiner Gemahlin aus, als wollte er sie um Hilfe anrufen, und verschied wenige Stunden nachher. Nach einer anderen Überlieferung war es Klytämnestra selbst, die durch drei Stiche den Gatten tötete und in ihrer Verblendung sogar der gräßlichen That sich rühmte. Nicht Mord, sie habe nur Rache geübt für das unschuldig geopferte Blut ihrer Tochter, entgegnete sie den Greisen von Argos, deren Vorwürfe sie verlachte.

Vor dem Thore ward ihm ein Grabmal errichtet. Das Volk von Mykenä war die Herrschaft des Ägisthos schon gewohnt, fürchtete ihn auch zu sehr und hatte überdies den Agamemnon bereits zu lange den Toten beigezählt, als daß seine Ermordung etwa einen Aufruhr hätte hervorrufen sollen. Wohl mochte jeder die That im stillen verabscheuen, aber wenn die Könige und Mächtigen der Erde freveln, wie selten vermag da die Stimme der Gerechtigkeit ihre Klage zu erheben!

Der Erschlagene hatte aus dem Trojanerkriege reiche Beute und eine Anzahl Sklavinnen mitgebracht. Die erstere riß Ägisthos an sich, die letztern mußten das Gefolge der prunkenden Klytämnestra vergrößern helfen. Nur eine dieser Sklavinnen, Priamos schöne Tochter Kassandra, hatte ein anderes Schicksal. Klytämnestra durchbohrte sie mit eigner Hand, aus Rache, wie sie vorgab, weil sie Agamemnons heimliche Verlobte gewesen sei; in der That aber wohl aus Furcht, die Jugend und Schönheit der edlen Gefangenen möchte ihr (der Klytämnestra) bei dem Ägisthos gefährlich werden.

Orestes zählte damals noch nicht zwölf Jahre, die Schwestern waren etwas älter. Aber die Verwaisten mußten schweigen, wollten sie nicht sich selbst verderben; sogar das Weinen war ihnen verboten. Im Dunkel verbargen sie ihre Thränen und den Schauder, mit dem sie fortan der Anblick der blutbefleckten Mutter und des grausen Stiefvaters erfüllte. Aber ihre geheime Furcht steigerte sich zum Schrecken, als die kluge Elektra eines Tages ein Zwiegespräch ihrer Eltern belauscht und auf diese Weise erfahren hatte, daß Ägisthos auch auf die Ermordung des Orestes sinne, da er in diesem nur den künftigen Rächer des Vaters erblicke. Mit Bitten und Thränen beschwur sie einen alten treuen Diener heimlich mit ihrem Bruder zu entfliehen und ihn bei ihres Vaters Schwager, dem Könige Strophios zu Orchomenos (im nördlichen Böotien) in Sicherheit zu bringen. Es gelang. Der wohlwollende Fürst nahm den Knaben samt dessen Führer in sein Haus auf, und da er selbst einen gleichaltrigen Sohn mit Namen Pylades hatte, so war es ihm erwünscht, demselben in dem Orestes einen Gefährten geben zu können.

Die beiden Knaben wurden bald miteinander vertraut und schienen unzertrennlich, weil man fast niemals den einen ohne den andern sah. Sie wetteiferten miteinander in allen körperlichen Übungen, blieben sich in ihren Fortschritten immer gleich, und dabei führte eben dieser Wetteifer sie in allen Arten männlicher Spiele zu einer solchen Vollkommenheit, daß Orestes und Pylades schon unter den angesehensten Fürstensöhnen genannt wurden. Ihr wißt, daß in den frühesten Zeiten Griechenlands, da noch keine Gesetze und Gerichtshöfe den Verbrecher bestraften, es jedem Sohne heilige Pflicht war die Ermordung seines Vaters zu rächen. Ein ähnliches Amt der »Blutrache« besteht z. B. noch jetzt auf der Insel Corsica, und es hat der Kraft des Gesetzes noch immer nicht gelingen wollen, diesen Brauch zu vernichten.

Orestes, der oft mit stiller Aufmerksamkeit von Söhnen der Helden hatte erzählen hören, die solche blutige Kindespflicht geübt, trug sich schon als Knabe mit tausend Entwürfen, wie auch er in jenem Gebote der Sitte nachkommen wolle, und da er kein Geheimnis vor seinem Freunde hatte, so teilte er ihm offen diese Entwürfe mit. Mit dem wachsenden Alter reifte des Orestes Entschluß, und Pylades, edlen und feurigen Gemüts, wie er war, erklärte sich bereit, zu dem Werke der Gerechtigkeit seine Hand zu bieten. Beide schwuren sich unverbrüchliche Treue in allen Gefahren, und verließen etwa im zwanzigsten Jahre das Haus des Strophios.

Weil indessen doch den Beratschlagenden oft ein Zweifel aufgestiegen war, ob es auch recht sei den Vater an der Mutter zu rächen, so beschlossen sie zuerst den Willen Apollons zu erforschen. Sie besuchten den heiligen Dreifuß der Pythia zu Delphi und bekamen die Antwort: allerdings müsse der Mord eines so vortrefflichen Mannes an seiner unnatürlichen Mörderin gerächt werden, nur sei die That nicht mit Gewalt, sondern einzig durch List zu versuchen.

Daran hatte Orestes auch schon gedacht. Er füllte eine Totenurne mit Knochen und Asche und ging damit nach Mykenä. Sein treuer Pylades begleitete ihn. Noch dämmerte der Morgen, als sie vor der Königswohnung ankamen. Im Hause aber war niemand wach als Elektra, die zu allen Diensten der Mägde erniedrigt wurde, weil sie nicht, wie die ältere Schwester, ihres Herzens Abscheu unterdrücken und der grausamen Mutter Liebe und Gehorsam heucheln konnte. Übrigens durfte nie ein Werber den verstoßenen Mädchen nahen. Für immer ehelos zu bleiben war ihre Bestimmung, weil Ägisthos befürchtete, daß sie, wenn sie verheiratet würden, leicht ihre Gatten bewegen könnten des Vaters Tod zu rächen. In dem ganzen Gefühle ihres Unglücks und selber schon gräßliche Pläne zur heimlichen Ermordung ihrer Eltern im Herzen wälzend, ging Elektra im Hause umher, als die beiden Fremdlinge ankamen, welche die Nacht vorher am Grabe Agamenmons zugebracht und zu seinem Andenken eine Opferschale auf demselben ausgegossen hatten. Sie lockten die Schwester hinaus, um ungestörter allerlei Erkundigungen einzuziehen, und da sie dieselbe für eine Sklavin hielten, so hüteten sie sich wohl das geringste von ihrer wahren Absicht zu verraten. Vielmehr täuschten sie die Elektra mit derselben Erdichtung, die eigentlich für Ägisthos und Klytämnestra ausgesonnen war.

»Wir sind Männer von Phokis«, hub Orestes an, »und haben vernommen, daß dieser Ort hier die Heimat des edlen Orestes ist, dessen Vater der berühmte Agamemnon war, und dessen Mutter und Geschwister noch hier wohnen sollen.«

»Ganz recht, so ist's!« versetzte Elektra, »Doch sagt mir, bringt ihr Botschaft von Orestes?«

»Botschaft genug«, erwiderte der Fremde, »doch leider traurige! Diese Urne enthält alles, was von dem trefflichen Jünglinge noch übrig ist. In den pythischen Spielen fiel ihm sein Unglückslos. Nachdem er in allen Kämpfen schon den Preis errungen und auch im Wagenrennen schon fünfmal die Säule am Ziele glücklich umfahren hatte, stürzte er beim sechstenmale und ward von den unaufhaltbaren Rossen jämmerlich zu Tode geschleift. Ach, es war der herzzerreißendste Anblick, den wir jemals sahen! Alle Phokäer beweinten den herrlichen Jüngling; sein Leichnam ward mit den größten Feierlichkeiten verbrannt; wir aber erhielten den Auftrag seine Asche hierher zu tragen, auf daß er im Lande seiner Väter ein Grabmal fände.«

Elektra erblaßte bei dieser Erzählung. Einen Augenblick stand sie erstarrt, dann riß sie dem Fremdling gewaltsam die Urne aus der Hand und preßte sie bald an ihren Busen, bald an die Lippen. »O du einziges Angedenken des Geliebtesten!« rief sie aus, »so bist du alles, was ich jemals von ihm zurückerhalten kann! Ach, Götter, so hatt' ich dich nicht fortgesandt! So zurückzukehren hattest du mir nicht versprochen! Als mein Rächer wolltest du erscheinen in deiner Jugendkraft, mit starken Kämpfern umgeben. O meine Hoffnung! Wie stolz war ich schon darauf dich gerettet zu haben, in dir einen Rächer für unsern unvergleichlichen Vater und für mich selbst erzogen zu haben! O daß ich doch gestorben wäre in meinem Jammer, ehe diese schmerzlichste Kunde mein Ohr erreicht hätte! Ach, du bist mein Sehnen und mein Gebet bei Tag und Nacht gewesen acht kummervolle Jahre lang! Wie hat mich oft eine kleine Nachricht von dir erquickt, ein versteckter Wink, den selbst der Bote nicht verstand, eine brüderliche Versicherung deiner Liebe! Und nun bist du dahin! Einen stolzen, schönen Jüngling hoffte ich zu sehen, und nun halte ich alles, was noch von dir vorhanden ist, in diesem ärmlichen Aschenkruge. Ach umsonst war die Pflege und Sorge, die ich einst deiner Kindheit widmete! Ich war dir Wärterin und Gespielin und Trost, als deine unnatürliche Mutter dich vergaß. Ich hoffte einst einen Mutterlohn an dir zu verdienen. Und nun ist nicht einmal die traurige Wohlthat mir geworden, deinen Leichnam zu salben und zu schmücken; fremde Hände haben dich bestattet. O hätten sie auch meine Asche mit der deinen vereinigen können! Was ist jetzt noch mein Leben, da diese Hoffnung dahin ist! Geht ihr Männer, geht ins Haus hinein, da werdet ihr euch mit der Botschaft großen Dank verdienen. Gewiß wiegt meine Mutter euch diesen Aschenkrug mit Golde auf, und Ägisthos wird euch königlich lohnen.«

Die Fremden waren tief gerührt; Orestes aber konnte sich nicht länger halten. Er drückte die zärtliche Schwester an seine Brust und sprach: Teures Mädchen, du bewegst mich mehr als du glaubst. Laß den Aschenkrug. Er enthält Orests Gebeine nicht. Ich habe dich getäuscht!«

»Wie?« sprach sie, »also auch dieser Trost war eitel? Nun so sage mir, wo finde ich seine Gruft?«

»Nirgends. Die Lebenden haben keine Gruft.«

»Was sagst du? Er lebt?«

»So gewiß, als ich.«

»Ha! so bist du's selber gar? Was zweifle ich! – du bist's! du bist's – mein Bruder!«

»Ja, Schwester, ich bin's! Siehe hier, du getreue Seele, des Vaters Siegelring, den du selbst mir mitgabst, als du mich vor Ägisthos rettetest!«

»Und bist du jetzt gekommen, meine letzten Wünsche wahr zu machen? Du bist ja so allein, nur ein Gefährte ist mit dir!«

»So wollte es Apollon«, versetzte Orestes. »Doch jetzt, Elektra, laß uns scheiden. Gehe hinein ins Haus und hüte dein Herz und dein Angesicht, daß du uns nicht vielleicht wider Willen verratest. Wir werden bald nach dir eintreten, und unser Märchen von dem Aschenkruge soll uns zum zweitenmale bessere Dienste thun.«

Elektra verbarg sich in ihre Kammer und sagte keinem etwas von dem, was sie gehört hatte. Endlich zeigten sich die beiden Freunde und begehrten den König und die Königin zu sprechen. Sie schienen nicht bewaffnet, aber unter den Gewändern trugen sie Dolche. Die Botschaft von dem toten Sohne und der Aschenkrug verschafften ihnen das vollste Zutrauen. Ägisthos und Klytämnestra hörten sie mit sichtbarem Wohlgefallen an und boten ihnen, als lieben Gästen, auf die freundlichste Weise Herberge und Erquickung an. Und so ersahen die Jünglinge bald eine Gelegenheit ihr schaudervolles Vorhaben auszuführen. Elektra hatte die Diener auf eine schickliche Art entfernt und die Gäste mit ihren Eltern allein gelassen. Plötzlich sprangen jene auf, Pylades ergriff den Ägisthos, Orestes seine Mutter. »Mutter!« rief Orestes, »deine Stunde ist gekommen! Denk' an Agamemnon! Ich bin sein Sohn und jetzt sein Rächer!« Und das Gesicht abwendend, stieß er ihr den Dolch in die Kehle, und verscheidend stürzte Klytämnestra neben der Leiche des Ägisthos auf eben der Stelle nieder, wo vor acht Jahren Agamemnon das Leben ausgehaucht hatte.

Die Sklaven im Hause wandten sich nach der Weise stumpfer, knechtischer Seelen sogleich dem neuen Herrn zu, aber nicht so die Bürger von Mykenä. Ein Muttermord schien ihnen etwas so Unerhörtes und Fluchwürdiges, daß sie es nicht wagten den Orestes in ihrer Stadt zu behalten. Auf sein Bitten gewährten sie ihm nur einige Tage zur Bestattung der Erschlagenen, um alsdann in öffentlicher Volksversammlung zu entscheiden, ob er zu töten oder zu verbannen sei.

Die Befriedigung lange genährter Rache und die Erfüllung einer von alter Sitte gebotenen Pflicht mochten vielleicht in den ersten Stunden den Orestes über sich und seine Schuld täuschen. Aber als die Sonne eines neuen Tages über seiner That aufging, als er den entstellten Leichnam seiner Mutter vor sich sah, da verdunkelte sich sein Auge und eine tötliche Gewissensangst bemächtigte sich seiner. Der Name Muttermörder klang immerdar in seinen Ohren wieder, sein Haar sträubte sich empor, er redete wie im Wahnsinn. Vergebens sprachen Elektra und Pylabes ihm Schmeichelworte vor, sie konnten ihn nur auf Augenblicke beschwichtigen, und nach kurzen Zwischenräumen kehrten die wilden Bilder seiner Seele nur desto entsetzlicher zurück, indem er drohende Höllengeister um sich zu sehen glaubte, die das Blut seiner Mutter von ihm zurückforderten.

Aus diesem Zustande haben nun die Dichter das furchtbar erhabene Gemälde von den Erinnyen oder Eumeniden (Furien) entlehnt. Die Götter der Unterwelt, sagen sie, zu denen der blutige Schatten Klytämnestras hinabstieg und um Rache flehte, sandten dem Mörder die schwarzen Töchter der Nacht, gräßliche Weiber mit Schlangen im Haar und mit Fackeln in den Händen, wutblickende, fluchheulende, erbarmungslose Ungeheuer, die den Schuldbeladenen durch Berge und Thäler, durch Wälder und Wiesen unablässig verfolgten, nur ihm allein sichtbar, seinen Begleitern aber verborgen. Legte er sich schlafen, so umlagerten sie sein Bett; kehrte er in ein Haus ein, so drängten sie sich mit durch die Thüre. – Alles, was Schwesterliebe und Freundestreue vermochten, das wandten Elektra und Pylades an, um dem Orestes sein schreckliches Los zu erleichtern, und nicht immer war ihr tröstlicher Zuspruch fruchtlos. Sie bewogen ihn wieder in sein väterliches Haus zurückzukehren, so daß er sich geduldig dahin führen ließ. Aber die Bürger von Mykenä, die in seiner düstern, verzweifelnden Schwermut die Strafe der Götter ahnten, glaubten es ihrer eigenen Sicherheit schuldig zu sein nicht länger mit dem Verbrecher in derselben Stadt zu wohnen. Auf eine Einladung der Ältesten versammelten sie sich und beratschlagten über seine Strafe. Ein Teil stimmte für die Steinigung, ein anderer für die Verbannung. Die letztere Meinung behielt die Oberhand, und so schickten sich die drei Unglücksgenossen an Mykenä zu verlassen.

»O Apollon«, rief Orestes in seiner Qual, »immer haben sie dich als einen untrüglichen Gott genannt, aber jetzt sehe ich's anders! Unglücklich, ewig verloren ist, wer dir folgt! Hättest du nicht mein Vorhaben gebilligt, nimmer hätte ich das Entsetzliche vollführt! Du lobtest meine kindliche Treue, und jetzt sendet mir die Hölle ihre gräßlichsten Gestalten herauf, um mich dafür mit ewiger Angst zu foltern. Und das siehst du und duldest es und lachst vielleicht gar selber meiner Leiden! O Götter, Götter!«

Nach langer Ermattung entschlummerte er endlich. Da erschien ihm Apollon im Traume und sagte zu ihm: »Du sollst von den Grenzen dieser Stadt entweichen und ein Jahr lang in Arkadien wohnen; dann aber begieb dich nach Athen, stehe dort Rede über den blutigen, an der Mutter begangenen Mord, und die Götter werden das unbestochene Urteil sprechen, das dich der Strafe entläßt und dein Herz entsühnt von der Schuld.«

Wundersam beruhigt, erzählte er am Morgen seiner Schwester und seinem Freunde den tröstlichen Traum und ließ sich von ihnen sogleich aus Mykenä führen. Auf dem langen Wege bis nach Athen verfolgten ihn die Erinnyen noch immer mit ihren Geißeln und Fackeln. Selbst aus dem Tempel der Athene schreckten sie ihn mit ihrer fürchterlichen Erscheinung zurück; dem Mörder blieb der Zutritt zu allen Heiligtümern versagt. Aber wohl war auch für schwere Unthat eine Sühne und Reinigung möglich, durch die der Schuldige wieder in die Gemeinschaft der Götter und Menschen aufgenommen werden konnte. So war in Athen ein ehrwürdiger Verein von Greisen auf dem Areshügel (Areopagos) versammelt, um Recht und Unrecht des Orestes abzuwägen, und Athene und Apollon selbst führten in menschlicher Gestalt den Vorsitz. Orestes umfaßte knieend den Altar, wie es dem Schuldigen und Bittenden geziemte, und erzählte ohne Beschönigung sein Verbrechen. Feierlich erheben sich die Richter von ihren Sitzen, schreiten zu einem Altare und nehmen ein jeder von den dort gleichsam vor den Augen der Götter liegenden Stimmsteinen. Dann treten sie zu einem Tische, auf welchem die eherne Urne des Mitleids und die hölzerne des Todes stehen, und werfen ihren Stein in eine derselben. Auch Athene hat einen Stimmstein vom Altare genommen, und als bei der Zählung die Stimmen gleich befunden werden, da legt die Göttin den ihrigen der Seite der Lossprechenden zu und verkündigt zugleich in demselben Augenblicke den entscheidenden Spruch. Es herrschte noch in spätern Zeiten die Sitte in den athenischen Gerichtshöfen, in jedem Falle, wo die Stimmen gleich waren, auf ähnliche Weise zum Vorteile des Beklagten zu entscheiden, und das hingeworfene weiße Steinchen hieß dann die Stimme der Athene. Der Stimmstein der Athene ist also nur der mythische Ausdruck für den Grundsatz, daß in einem zweifelhaften Rechtsfalle die Gnade vorwalte.

Aber noch immer hatte der unglückliche Orestes seine Ruhe nicht wieder gefunden. Er eilte zu dem Delphischen Gotte, um der Weisung desselben zu folgen; aber Apollon wies ihn weiter zu dem Orakel der Taurischen Artemis. Dorthin segelte er mit seinem Freunde. Neues Unglück traf ihn; denn die barbarische Sitte des Landes forderte den Tod jedes Fremdlings, der jenen Boden betrat. Die beiden Freunde kamen in die Hände des Königs Thoas; der Tod eines von beiden wurde bestimmt. Da zeigte sich, welche innige Freundschaft beide verband; denn jeder wollte sein Leben für die Erhaltung des andern opfern. Aber hier rettete sie in fast wunderartiger Weise Iphigeneia oder – wie wir mit der gebräuchlicheren römischen Form sagen – Iphigenia, die Schwester des Orestes. Sie erkannte den lange totgeglaubten Bruder, und da sie als Priesterin des Artemistempels auch dem Könige lieb und wert war, so gelang es ihr, von diesem Leben und Freiheit für beide zu erbitten. Im Geleite der wiedergefundenen Schwester kehrte Orestes zurück.

Mehr davon will ich euch morgen erzählen; eine kurze Erwähnung genüge hier wegen des Zusammenhangs.

Entsündigt von einem ehrwürdigen Gericht, ja von den Göttern selbst, fühlte sich der schwerverfolgte Jüngling allmählich ruhiger. So ging er denn nach Mykenä zurück, zeigte sich den Bürgern als einen völlig Gereinigten und erwarb sich durch Weisheit, Tapferkeit und Güte ihr Vertrauen. Sie bewilligten ihm als dem würdigen Abkömmling des erhabenen Agamemnon die Herrschaft über Argos und Mykenä, die er zu ihrer vollkommensten Zufriedenheit führte. Pylades blieb bei ihm bis an sein Ende, erwählte die Elektra zum Weibe und unternahm noch manche Streifzüge mit seinem Freunde, auf welchen beide ihren Feinden nicht minder furchtbar wurden, als sie einst dem Ägisthos und der Klytämnestra gewesen waren.

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