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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 50
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Elfter Abend.

Herakles.

Aus Ägypten glücklich entkommen, gelangte Herakles nun nach Libyen. Hier wohnte ein übermütiger Riese, Antäos genannt, ein Sohn Poseidons und der Erde, der, gleich jenem Bebrykerfürsten, welchen Pollux erlegte, jeden Fremden zum Faustkampf herausforderte. Bisher hatte er noch alle besiegt und würde auch unsern Helden sicher erschlagen haben, wäre diesem nicht durch Prometheus das Geheimnis kund geworden, welches jenen unüberwindlich machte. Als Sohn der Erde zog Antäos nämlich während des Kampfes immer frische Kraft aus dem Boden, den seine Füße berührten; und während seine Gegner allmählich ermüdeten, strömte ihm von daher unerschöpflich neue Stärke zu, so daß er zuletzt die Oberhand über alle behielt.

Kaum sah dieser Erdensohn den Fremden von weitem kommen, so schritt er ihm schon stolz entgegen und forderte auch ihn zum Streite heraus. Herakles nahm die Ausforderung unbedenklich an, legte seine Waffen und seine Löwenhaut auf die Erde und ging auf den Gegner los. Aber eingedenk der Worte des Prometheus ließ er sich gar nicht lange auf Faust- und Ringkämpfe ein, sondern packte den Antäos in der Mitte des Leibes, hob ihn so vom Boden in die Höhe und zerbrach ihm mit furchtbarem Druck der Arme die Rippen, ohne daß ihn die Hilfe seiner Mutter noch hätte erreichen können.

Bei der weiteren Wanderung kam er bis Thermydrä, wo er einem Ochsenführer einen seiner Zugstiere vom Wagen abgespannt und beim Opfermahle verzehrt hat.

Über die Hauptsache, die Bezwingung des Drachens und die Erbeutung der Äpfel, kann ich mich kurz fassen. Als Herakles zum Atlas kam, überredete er diesen die Äpfel selbst zu holen, während er mittlerweile an dessen Stelle den Himmel mit seinen eigenen Schultern stützte. Atlas aber verlangte, nun auch selbst dem Eurystheus die Äpfel zu überreichen und weigerte sich die Last des Himmels wieder auf sich zu laden, so daß sich Herakles nur durch eine List in den Besitz der Wunderfrüchte setzen konnte. Er bat nämlich den Atlas ihm auf einige Augenblicke den Himmel abzunehmen, bis er sich eine aus Binsen geflochtene Wulst auf den Nacken gelegt haben werde, um so die ungeheure Wucht leichter tragen zu können. Atlas ließ sich täuschen; denn er wartete vergebens auf die Ablösung. Nach andern Erzählungen ist jedoch Herakles selbst in die Gärten gestiegen, hat den Drachen Ladon mit seiner mächtigen Keule erschlagen und dann die Äpfel gepflückt. Bei seiner Heimkehr überreichte er dem Eurystheus die Äpfel, der sie besah und dann dem Helden als Gnadenlohn wieder zurückgab. Dieser legte sie nun auf einem Altare der Athene nieder, und die Sage geht, die Göttin habe sie dort aufgenommen und wieder an ihren ersten Ort getragen, wo sie einem alten Orakel zufolge für immer bewahrt bleiben sollten. –

Der glückliche Ausgang dieses Abenteuers, welches allein dem Herakles eine lohnende Anerkennung eintrug, ist Veranlassung geworden, daß es bisweilen an die letzte Stelle versetzt ist.

Die grauenhafteste und nach der gewöhnlichen Überlieferung die letzte seiner Arbeiten führte den Helden in die Unterwelt. Dort sollte er den grimmen Höllenhund, den dreiköpfigen Kerberos (Cerberus), welcher den Eingang zur Wohnung der Schatten bewachte, lebendig heraufholen und wieder hinunterbringen. Um dieses Wagnis zu bestehen, bedurfte es mehr als unbeugsamen Heldenmutes. Ohne fromme Weihe schien ein solcher Versuch frevelhaft und nutzlos. Deshalb mußte der Held sich zu Eleusis in den göttlichen Lehren unterweisen und vor allem von der Blutschuld sühnen lassen, die noch von der Kentaurenschlacht her an ihm haftete. Erst nach solchen Vorbereitungen zog er nach dem Vorgebirge Tänaron. Hier, wo eine der Eingangshöhlen zur Unterwelt sich öffnete, stieg er hinab. Bei den Thoren stieß er auf Theseus und Peirithoos. Beide schmachteten an die Felsen gefesselt, und um die Seelen der abgeschiedenen Helden mit einem Trunke frischen Herzblutes zu letzen und sie wenigstens auf Augenblicke zu vollem Leben zurückzuführen, schlachtete er einen von den Stieren des Gottes der Unterwelt. Darauf erbat er sich den Hund und erhielt die Erlaubnis denselben mitzunehmen, wenn er bei dessen Bändigung sich nicht der Waffen bediene, mit denen er gerüstet erschien. Nachdem er ihn nun bei den Mündungen des Acheron aufgefunden hatte, warf er sich auf das Ungeheuer, umschlang sein Haupt und ließ nicht los, obgleich der Schweif desselben plötzlich zur Schlange ward und ihn mit mörderischen Bissen überfiel. Indem Herakles dem Untiere auf diese Weise den Hals zuschnürte, zwang er es nieder, so daß es sich ihm heulend zu Füßen wand. Dann führte er es auf die Oberwelt und brachte es, nachdem er es dem Eurystheus gezeigt hatte, wieder in die Unterwelt zurück.

Über allen diesen Abenteuern war endlich die zwölfjährige Knechtzeit unseres Helden verflossen. Er selber war nicht minder froh eines so elenden Herrn, als Eurystheus eines so furchtbaren Dieners ledig zu sein. Seine Heimat Theben war nun sein erster Gedanke. Er kehrte sogleich dahin zurück und ward mit Liebe aufgenommen; aber durch die Erinnerung an seine vormalige Raserei und an das unschuldig vergossene Blut seiner Kinder fühlte er sich von seinem treuen Weibe Megara innerlich getrennt, und verließ, nachdem er die Megara mit seinem alten Freunde Jolaos vermählt, Theben zum zweitenmale, um sich auswärts eine andere Gattin zu suchen.

Er hörte von einem reichen Könige zu Öchalia auf der Insel Euböa, Namens Eurytos. Dieser hatte bekannt machen lassen, daß von den vielen Freiern seiner Tochter Jole derjenige sie erhalten solle, der ihn und seine Söhne im Bogenschießen überwinden würde. Da machte sich Herakles auf, mischte sich unter die Bewerber, übertraf sie alle und verlangte nun den versprochenen Kampfpreis. Dennoch wollte ihm Eurytos, so sehr er den berühmten Gast bewunderte und ehrte, seine Tochter nicht überlassen. Er fürchtete die Wiederkehr jenes entsetzlichen Wahnsinnes, in welchem derselbe einst die eigenen Kinder ermordet hatte, und auch außerdem mochte er Gründe haben, warum er seiner Tochter einen weniger ausgezeichneten Mann wünschte. Menschen von so gewaltiger Natur mögen nicht nach dem Maße anderer Sterblichen gemessen sein; ihre Kraft und ihr Mut scheint die ungebundenste Freiheit fordern zu dürfen, und ebendeshalb genügt ihnen selten an der stillen häuslichen Lebensart, bei der allein ein gutes Weib sich wohl befindet, ja sie verschmähen und verkennen diejenige Art von Glückseligkeit, die eine solche Beschränkung darbieten kann. Des Herakles Werbung ward also in kluger Weise abgelehnt, und vor einem ruhigen Richter wäre der Vater des Mädchens gewiß hinreichend entschuldigt gewesen. Nicht aber vor dem heftigen, leidenschaftlichen Herakles. Dieser sah in ihm nur den arglistigen, treulosen Betrüger, und sich selbst hielt er durch diese Zurücksetzung vor den Augen aller Mitbewerber an seiner Ehre so tief gekränkt, daß er ihm eine recht empfindliche Rache schwur und mit der Drohung bald wieder zu kommen, im höchsten Zorne das Haus des Eurytos verließ. Eine Zeitlang schweifte er darauf in der Irre umher, bis er endlich zu Admetos, dem Beherrscher von Pherä in Thessalien, kam. Diesen verzehrte eine unheilbare Krankheit, und ein Orakel hatte verkündigt, daß er nur dann gerettet werden könne, wenn jemand sich für ihn freiwillig dem Tode opfern wolle. Die Heilung schwerer Krankheiten durch die Aufopferung eines andern Lebens kehrt in vielen Sagen wieder, so in der von Blaubart und andern Zauberern, die ihre jungen geraubten Frauen töteten und das Blut derselben sammelten. In einem deutschen Gedichte aus dem 13. Jahrh., dem »armen Heinrich« von Hartmann von der Aue, wird dem schwer leidenden Ritter nur ein Heilmittel genannt, daß nämlich eine reine Jungfrau aus freiem Willen für ihn den Tod leide. Selbst die Sage von den Juden, welche Christenkinder heimlich gemordet haben sollen, um ihr Blut zu erlangen, mag auf dieser Vorstellung beruhen; sie wollten sich damit heilen und von schmutzigen Krankheiten reinigen.

Vater und Mutter hatten den grausamen Schicksalsspruch gekannt, aber keiner hatte sich entschließen können sich selber für den Sohn zu opfern. Nur Alkestis, seine Gemahlin, hielt das eigene Leben nicht zu wert; sie war still hinausgegangen und hatte die Todesgöttin angefleht, sie selbst als Opfer für den siechen Gatten hinzunehmen. Eben war das treue Weib gestorben, als Herakles zu dem nun völlig hergestellten Admetos eintrat. Er fand den trostlosen Gatten jammernd neben der geliebten Leiche, das ganze Haus hallte von gerechter Wehklage wieder, und der selbst schwermütige Gast ward von herzlicher Teilnahme an dem harten Schicksale seines Gastfreundes ergriffen. »Leb wohl!« sprach er, »ich will dir nicht beschwerlich sein.« Und damit wandte er sich ab.

Draußen aber flehte er zu seinem Vater Zeus: »Schon einmal hast du mich, Vater, aus den Schrecken der Unterwelt glücklich hinausgeführt, o erbarme dich jetzt des verlassenen Gatten und gewähre mir's, daß ich die Seele noch einmal zurückführe, die der Erde zu früh geraubt ist!«

Er stieg nochmals in den wohlbekannten Schlund des Tartaros hinab, ging festen Schrittes bei dem Kerberos vorüber, um den kaum gelandeten Schatten der Alkeste von der Persephone loszubitten. Die Göttin, schon vorher von deren treuer Liebe gerührt, gewährte dem Helden sogleich seine Bitte, und siegesfroh führte Herakles die Wiedererstandene ihrem Gatten zu und freute sich ihres gegenseitigen Entzückens.

Unterdessen war dem Eurytos eine Herde schöner Rinder entwendet worden. Ein gewisser Autolykos hatte sie weggetrieben, und der Diebstahl blieb um so leichter unentdeckt, als jedermann den Herakles in Verdacht hatte und in der That nur ein Werk der Rachsucht sah. Nur Iphitos, der Sohn des Eurytos, teilte den Verdacht seines Vaters nicht; dennoch machte er sich auf den Weg, um Herakles aufzusuchen und wo möglich durch seine Hilfe die Rinder wieder zu bekommen. Er durchirrte überall den Peloponnes, ohne ihn zu finden. Endlich kam er nach Tiryns und verweilte eine Zeitlang daselbst. Und siehe, dorthin kam auch Herakles, der den Admetos verlassen hatte und noch immer bittern Groll gegen Eurytos im Busen nährte. Schon unterwegs war er mit Gedanken der Rache umgegangen, ohne über die Art derselben mit sich einig geworden zu sein. Jetzt trat er bei dem Eurystheus ein und erblickte den verhaßten Sohn seines Feindes. Warum mußte auch der unglückliche Iphitos gerade jetzt dort verweilen! und warum mußte er zur Beschleunigung seines Unglücks gerade jetzt dem erzürnten Manne von seiner Herde reden!

Herakles blickte finster auf; dann seine Wut verbergend, sagte er scheinbar gelassen: »Komm, komm, ich will dir deine Rinder zeigen!« Er ging mit ihm hinaus und kletterte einen steilen Bergpfad voran. Aber als sie auf dem Gipfel des Felsens waren und nahe an dem jähen Abhange standen, rief Herakles plötzlich mit fürchterlicher Stimme: »Da! such' dir deine Rinder!« und stürzte ihn in die Tiefe hinab.

»Gewiß! eine scheußliche That«, fuhr der Lehrer fort, als seine jugendlichen Hörer wie erschreckt ihn anblickten. Aber sie war auch nicht sobald geschehen, als die bitterste Reue den Mörder ergriff. Aller Zorn war verraucht; er stand erschüttert und trostlos da, und Thränen stürzten ihm aus den Augen. Er erinnerte sich, daß dieser Iphitos ihm zu Anfange unter allen Söhnen des Eurytos am meisten zugethan gewesen war; er rief sich die offene, treuherzige Miene zurück, mit welcher der Unglückliche ihm noch kurz vorher auf den Felsen gefolgt war; ihm war das Herz wie zerrissen. Er ging zu dem ehrwürdigen Neleus, Nestors Vater, und bat diesen ein feierliches Opfer für ihn zu veranstalten, wodurch er entsündigt würde. Neleus, als ein Freund des Eurytos, verweigerte es. Da ging er zu Deïphobos, der in Amyklae seinen Sitz hatte. Dieser verrichtete das entsühnende Opfer, aber es stillte Herakles' Unruhe nicht. Eine heftige Krankheit ließ ihn vollends fürchten, daß die Götter ihn zum zweitenmale mit Wahnsinn schlagen könnten, und dem zuvorzukommen, eilte er wiederum nach Delphi, von dem Orakel sich Rat erbittend. Es schwieg lange, denn der Gott zürnte. Schon erfaßt der Jähzorn den Herakles, und er schickt sich an das Heiligtum zu plündern. Er packt den ehernen Dreifuß und schleppt ihn auf seinen Schultern hinweg; ja als Apollon herbeieilt sein Eigentum zu schützen, tritt ihm der zürnende Held mit gewaltiger Waffe entgegen, und erst ein Blitzstrahl des Zeus kann die Kämpfenden trennen. Nachdem dieser Zwist ausgeglichen worden war, erhielt Herakles die Antwort, um ganz entsündigt zu werden, müsse er sich auf drei Jahre als Sklave verkaufen und den Kaufpreis dem Eurytos als Blutgeld zahlen.

Herakles gehorchte; aber das Vaterland, beschloß er, sollte seine Schande nicht sehen. Er setzte nach Asien über und verkaufte sich der Omphale, einer Königin in Lydien. Hier ward er anfangs zu gemeinen Knechtsdiensten gebraucht; doch als die Herrscherin seine große Thaten vernahm, bediente sie sich seiner zu würdigeren Geschäften. Sie sandte ihn gegen einen benachbarten Völkerstamm, der sich, wie noch jetzt die herumziehenden Schwärme der Beduinen an der Nordküste Afrikas, von Straßenraub und Plünderung angrenzender Gebiete nährte. Er züchtigte die Barbaren und zwang sie zu einer regelmäßigern Lebensart. Den König Syleus in Aulis, der jeden Wanderer aufgreifen und in seinen Weingärten arbeiten ließ, suchte er gleichfalls auf, um solchen Gewaltthaten ein Ende zu machen, und da derselbe zuerst Hand an ihn legte, um auch ihn zu fangen, so riß der Held ein Grabscheit aus der Erde und erschlug ihn samt seiner Tochter. Noch viele andere Dienste leistete Herakles der schönen Omphale. Diese aber, voll Dank gegen den hochgemuten Mann, in dem sie wohl die Götterabkunft ahnte, machte ihn zu ihrem Gemahle. So sah sich Herakles plötzlich aus der Erniedrigung des Sklaven zum Herrscher erhoben. Allein der kräftige Held, der so manches Ungeheuer besiegt, vermochte nicht den Lockungen zu widerstehen, mit denen ihn das üppige Morgenland umfing. Sich selber und seine großen Thaten vergessend, verweichelte er so sehr, daß er sogar Frauentracht anlegte und an den Arbeiten der Mägde Gefallen trug, wahrend Omphale als Gebieterin in der Löwenhaut einherging.

Endlich aber ermannte sich Herakles; er ward wieder der starke, unüberwindliche Göttersohn und kehrte nach Verlauf seiner vorgeschriebenen Dienstzeit nach Griechenland zurück, nicht um zu ruhen, sondern um sich zu neuen Thaten zu rüsten. Zuvörderst warb er unter seinen Freunden einen Haufen junger Mannschaft für einen Kriegszug ins Ausland. Denn er hatte weder den Laomedon noch des Augeias groben Betrug vergessen. Beiden hatte er nun einen Besuch zugedacht und zwar dem Laomedon zuerst. Auf achtzehn fünfzigrudrigen Schiffen segelte er nach der trojanischen Küste hinüber und begann die Belagerung Trojas. Vergebens versuchte Laomedon mehrere Ausfälle, vergebens auch erschlug er dem Herakles manchen wackern Genossen; denn der rüstige Telamon von Salamis, der Vater des Aias, durchbrach die Mauer der Stadt, drang in diese ein und machte viele Einwohner nieder. Ihm folgte sofort Herakles, gestachelt von Eifersucht auf seinen tapfern Gefährten, und wandte sich ruhm- und rachedürstend zu den Wohnungen der Königsfamilie, wo er den Laomedon und seine Söhne erschlug, indem er den einzigen Priamos verschonte, für dessen Leben die Schwester Hesione bat. Daß auch ein sehr großer Teil der Stadt in Flammen aufging, brauche ich kaum zu sagen. Mit Beute und Sklavinnen beladen – Hesione ward dem Telamon zu teil – segelten dann die Helden wieder zurück, denen hier in kurzer Zeit eine Eroberung gelungen war, die zwei Menschenalter später ein viel furchtbareres Heer zehn Jahr lang beschäftigen sollte.

Auf der Rückfahrt kam die Flotte, durch einen Sturm verschlagen, bei der Insel Kos vorüber, deren zahlreiche Einwohner sehr streitbar waren und starken Seehandel trieben, wie denn überhaupt die Kultur auf den Inseln weit früher Fortschritte gemacht hatte als auf dem griechischen Festlande. Die Insulaner sahen die Fremdlinge für Seeräuber an und verwehrten ihnen durch Steinwürfe die Landung. Es kam zu einem Gefechte, in welchem Herakles verwundet ward und nur mit vieler Mühe sich der übermächtigen Feinde erwehrte.

Im Peloponnes wieder angekommen, behielt er seine Gefährten noch eine Zeitlang beisammen, um mit ihnen noch einen Zug gegen seinen zweiten Feind, den Augeias, zu unternehmen. Wie dieser Zug endete, habe ich schon oben erzählt. Nach demselben ließ Herakles sich in Pheneos in Arkadien nieder und machte auch von hier aus verschiedene kriegerische Streifzüge, wiewohl mehr im Dienste seiner Freunde, als daß er für sich selber Ehre und Gewinn gesucht hätte. Allein der ungestüme, abenteuernde Drang ließ den Helden nun einmal nicht lange an einem Orte hausen. Nach etwa fünf Jahren verließ er auch diesen Wohnsitz wieder und zog nach Kalydon in Ätolien. Eine große Schar von Arkadiern, die ihr Glück an das seinige geknüpft hatten, folgte ihm und ließ sich mit ihm daselbst nieder. Hier hatte vormals Meleagros geherrscht, aber nach dessen frühem Tode hatte sein Vater Öneus die Herrschaft wieder ergriffen und sich noch einmal vermählt: eine Ehe, aus welcher Tydeus, der Vater des berühmten Diomedes, entsprossen ist. Dieser Öneus hatte auch noch eine Tochter von hoher Schönheit. Sie hieß Dejaneira und ward auf das härteste durch die ihr widerwärtigen Werbungen des Flußgottes Acheloos bedrängt. Jetzt aber wandte auch Herakles seine Neigung der Jungfrau zu, doch wagte der Vater aus Furcht vor der Rache des Acheloos nicht, seinen Wünschen zu willfahren. Da forderte der Held den Flußgott selber heraus und besiegte ihn nach langem hartnäckigen Kampfe. Es war vergebens, daß der ergrimmte Gott bald als Stier, bald als Schlange erschien: keine der Gestalten, die derselbe annahm, vermochte ihn vor Herakles' überlegener Stärke zu schützen, und es blieb ihm nichts, als demselben die holde Braut zu überlassen. Dejaneira ward nun die Gattin des Herakles; ihre Zärtlichkeit fesselte ihn einige Monate lang, und seine Gefährten glaubten schon, es werde nun Schwert und Keule ruhen. Der Held schien den Frieden edler Häuslichkeit lieb gewonnen zu haben, und er traf Anstalten, als ob er sein Leben in Kalydon zu beschließen gedächte.

Aber diese Sinnesänderung war nicht von Dauer. In Kalydon ging es ihm gar zu friedsam her; einen einzigen unbedeutenden Krieg gegen die benachbarten Thesproten ausgenommen, deren Stadt Ephyra er zerstörte, gab es in langer Zeit nichts zu thun. Er wünschte aber besonders gern noch einmal den Eurytos in Euböa seine Faust fühlen zu lassen, einmal weil er den vermeinten Schimpf noch nicht vergessen, und dann auch weil er es ihm ausdrücklich gedroht hatte. Sobald sich also eine schickliche Veranlassung fand vom Öneus loszukommen, brach er mit seinen Gefährten auf; doch nahm er auch seine Gemahlin Dejaneira und seinen Sohn Hyllos mit. Er zog nordwestlich hinaus der Meeresküste zu und war noch nicht weit von Kalydon entfernt, als ihm am Flusse Evenos ein Abenteuer aufstieß. Hier wohnte nämlich der Kentaur Nessos, der das Recht erhalten hatte, die Reisenden um ein Fahrgeld über den Fluß zu tragen. Herakles und seine abgehärteten Arkadier bedurften solches Dienstes nicht, wohl aber Dejaneira, und so lud Nessos dieselbe auf seine Schultern, während die übrigen zum Teil noch an dem Ufer verweilten. Der wilde Kentaur, von Dejaneiras Schönheit entzückt und ohne Scheu vor der Heiligkeit der Ehe, bestürmte die Wehrlose auf eine unverschämte Art mit seinen Liebesanträgen. Erzürnt rief dieselbe ihren Gatten um Hilfe, der nicht sobald ihr Geschrei vernahm, als er einen jener Pfeile, die mit dem Gifte der lernäischen Hyder getränkt waren, auf seinen Bogen legte und dem Kentauren durch den Leib schoß. Dieser fühlte zwar augenblicklich die Tödlichkeit der Wunde, aber noch blieb ihm Sinnes genug, um einen tückischen Racheplan zu entwerfen. »Ha!« sagte er versteckt zu Dejaneira, »vergieb mir, edles Weib! Du siehst, ich büße mit dem Leben. Aber auch sterbend will ich dir einen Beweis meiner Liebe geben, du magst meine Worte ehren oder nicht. Die Götter haben eine wunderbare Kraft in mein Blut gelegt. Ein Kleid, nur mit wenigen Tropfen desselben getränkt, durchdringt den Mann, der es anlegt, mit solcher Liebe zu seinem Weibe, daß er hinfort niemals von ihr zu lassen vermag. Fülltest du dir einen Schlauch mit meinem ausströmenden Blute, so würdest du meines Andenkens gewiß immerdar froh werden.« Mit diesen Worten starb der Kentaur.

Dejaneira traute allzu leichtgläubig dem Unhold und füllte einen ganzen Schlauch mit dem vergifteten Blute desselben. Ihrem Gemahl aber verschwieg sie den Besitz des Zaubers. Dieser erreichte bald nachher mit seinen Genossen ebenfalls das jenseitige Gestade, und nun setzten alle den Zug gemeinschaftlich wieder fort. Sie hatten eine gefährliche Reise über den Berg Pindos und durch die Landschaften der Dorer und Dryoper, mit denen es scharfe Kämpfe gab. Oft zwang sie sogar der Hunger der angreifende Teil zu werden. So hatten sie einstmals lange gefastet, als ihnen im Lande der Dryoper ein Ackersmann begegnete, der einen mit Ochsen bespannten Wagen führte. Herakles schlug sogleich einen der Ochsen vor den Kopf, riß die Stränge los und schlachtete und verzehrte das Tier mit seinen Freunden, ohne sich an des Eigentümers Klagen im mindesten zu kehren. Dieser war schnell in die Stadt geeilt, hatte seine Mitbürger zu den Waffen gerufen, und es begann ein Streit, in welchem selbst Dejaneira eine Wunde erhielt, der aber dennoch zu Gunsten des Herakles endigte.

Das Ziel der Reise war Trachis, eine Stadt im südlichsten Teile Thessaliens, nahe bei dem Passe von Thermopylä, der durch den Heldentod der Spartaner so berühmt geworden ist. Keyx, der Herrscher von Trachis, empfing den Herakles sehr gastfrei. Dieser aber unternahm aus Erkenntlichkeit einige Streifzüge gegen dessen Feinde, die Lapithen und Dryoper. Nachdem er deren viele erschlagen und mehrere gefangen mit fortgeschleppt, gedachte er an seinen alten Plan den Eurytos in Öchalia mit Krieg zu überziehen und sammelte zu diesem Zuge einen Haufen auserlesener Bundesgenossen. Deshalb übergab er seine Frau der Obhut des Keyx, schiffte sich mit seiner Mannschaft ein und landete in wenigen Stunden an der Küste von Euböa.

Es war indessen nicht allein der ungestillte Durst nach Rache, welcher den Herakles an die Küste von Euböa trieb. Der Held hatte der schönen Iole, des Eurytos Tochter, nicht vergessen, und da er der Dejaneira schon ziemlich überdrüssig war, unternahm er diesen Zug weit mehr um des Mädchens als um des Vaters willen. Wohl wußte er, daß Eurytos ihm, dem schon vermählten Manne, seine Tochter nicht gutwillig geben werde; aber die alte Beleidigung gab ihm hinreichenden Vorwand, um den Öchalierfürsten zu überfallen und die Tochter als Sklavin hinwegführen zu können.

In der That raubte Herakles nicht bloß das Mädchen, sondern er erschlug auch ihre Brüder und ihren alten Vater und verwandelte die königliche Burg und Stadt in einen Aschenhaufen.

Trunken von wilder Siegesfreude, vergaß er doch der Götter nicht und beschloß seinem Vater Zeus auf der verwüsteten Stätte ein großartiges Opfer zu bringen. Die Jole aber und einige andere gefangene Weiber sandte er durch seinen Herold Lichas voraus nach Trachis, um, wie er sagte, seiner Gemahlin eine Freude mit diesen Sklavinnen zu machen.

Allein die Augen einer Eifersüchtigen sehen scharf. Die Gefangenen waren nicht sobald in Trachis angekommen, als Dejaneira in Joles niedergesenkten Blicken etwas zu lesen glaubte, das sie sehr unruhig machte. Sie ahnte, was vorgefallen sein könnte, und in der Pein und Sorge ihres Herzens gedachte sie alsbald jenes Mittels, durch welches, der Versicherung des sterbenden Kentauren zufolge, die Treue ihres Mannes wieder befestigt werden konnte. Sie nahm ein neues Festgewand und tauchte es in ein Gefäß voll Wassers, das mit des Kentauren Blute vergiftet war. Sobald es wieder trocken geworden, gab sie es dem Lichas mit den Worten: »Bringe dies meinem Gemahl; es ist billig, daß er bei seinem feierlichen Opfer auch mit einem reinen, glänzenden Gewände geschmückt sei.«

Der Herold eilte nun nach Euböa zurück und überreichte seinem Herrn das Geschenk Dejaneiras. »Dank dir, treues Weib!« rief Herakles aus, »du weißt, was Göttern und Helden gebührt!« Er badete sich hierauf, legte das neue Kleid an und verrichtete das Opfer. Aber nicht lange, so begannen die Wirkungen des Giftes. Es schmiegte sich unablösbar wie eine zweite Haut an seine Glieder und verzehrte ihn wie mit brennendem Feuer. In seiner entsetzlichen Qual rannte er wie ein Rasender hin und her, ergriff den unschuldigen Lichas bei einem Beine und schleuderte ihn gegen ein Felsenriff, daß er gräßlich zerschellte. Dann warf er sich auf die Erde und wälzte sich zuckend von einer Seite zur andern, während Berg und Thal von seinem Schmerzgeheul erschollen. Bald fluchte er der Dejaneira, bald ihrem Vater Öneus, bald den Göttern, die solche Bosheit zugelassen hätten. Dann sprang er wieder auf und versuchte das mörderische Hemd herabzureißen, aber umsonst! er konnte nur sich selbst zerfleischen. In diesem jammervollen Zustande, aus hundert Wunden blutend, legten seine Freunde den hinsterbenden Helden in einen Nachen, deckten ihn zu und fuhren ihn nach Trachis über. Sein Sohn Hyllos aber war voraus geeilt, um der Mutter den schrecklichen Erfolg ihres Liebeszaubers zu berichten. Solch eine That eines Weibes, an dem eigenen Gatten verübt, schien den Jüngling jeder Kindespflicht gegen die Mutter zu entbinden, und so entlud er denn sein vom Schmerz überwältigtes Herz in einem Strome von Verwünschungen und Flüchen über das unglückliche Weib; kaum daß er sich enthielt Hand an sie zu legen.

Dejaneirens Schrecken darf ich euch wohl nicht erst schildern. Sie liebte ja ihren Gatten so treu, und eben die treuste Liebe hatte ihr die unselige That eingegeben. Und nun war sie seine Mörderin geworden, ja mehr als Mörderin, seine fürchterlichste Peinigerin; konnte wohl ein Schicksal entsetzlicher sein? Verflucht von Gatten und Sohn, verabscheut von allen, zu denen die Kunde drang, von ihrem eigenen Gewissen gequält, daß sie dem tückischen Nessos zu leicht getraut hatte, ergab sie sich der Verzweiflung. Sie ging sinnlos in ihr Schlafgemach, benetzte das Bett ihres Gemahls mit Thränen, küßte die Geräte, die er berührt, die Gewänder, die er getragen hatte, und von Menschen und Göttern sich verstoßen wähnend, erdrosselte sie sich zuletzt in der verschlossenen Kammer.

Bald darauf landete das Schiff, das den Herakles trug, im malischen Meerbusen, und auf untergelegten Gewändern ward der Leidende nach Trachis ans Land gehoben. Er, aus dessen Munde nie eine Klage gehört worden war, wand sich jetzt unter schaurigem Stöhnen. Aber so grimmig der Schmerz ihn durchwühlte: er wollte nicht sterben, ohne Rache genommen zu haben. Er befahl, Dejaneiren vor ihn zu bringen. Man erzählte ihm ihr trauriges Ende und ihren unseligen Irrtum. Da schwieg er eine Weile, wohl erkennend, daß sie nur aus Liebe das vom Schicksal ihm bestimmte Ende herbeigeführt habe, und nun rief er seinen Sohn Hyllos zu sich und trug ihm sein letztes Gebot auf. Der Jüngling mußte ihm vorher schwören dasselbe treulich auszurichten; er that's mit tausend Thränen.

»Wohlan«, sprach Herakles mit brechender Stimme, »mein Wille ist auf dem Gipfel des Öta zu sterben. Auf diesen Berg sollst du mich tragen, und dann erbaue mir einen Scheiterhaufen und zünde ihn an.«

»Unmöglich, mein Vater!« rief der schluchzende Hyllos. »Welcher Sohn könnte mit eigner Hand den Holzstoß anzünden, auf dem sein Vater noch atmend liegt!«

»Ungehorsamer!« schrie jetzt der Gefolterte noch einmal auf, »sind das deine Schwüre? Wenn du nicht willst, daß ich dir noch im Tode fluchen soll, so säume keinen Augenblick länger!«

Zitternd gehorchte der Sohn. Der Sterbende ward den Berg hinauf getragen; Bäume wurden gefällt und zerschlagen, und als der Scheiterhaufen gerüstet war, legten die Freunde weinend ihren geliebten Führer darauf. Dieser winkte noch einmal seinem Sohne und sagte zu ihm »Lieber, dir hinterlasse ich die Jole. Sie hat viel um mich gelitten.« Der Jüngling beteuerte, sie als sein Gemahl halten zu wollen. – »Und nun hole die Fackel herbei!«

»Unmöglich, mein Vater!« schluchzte Hyllos. »Erbarme dich deines Kindes; fordere alles, nur das nicht!«

»Nun, so trete ein anderer hinzu«, stöhnte Herakles, »der es besser mit mir meint und der meine Qualen tiefer mitfühlt. Ich will ihm meinen Bogen und meine Pfeile zum Danke vermachen; das ist doch wahrlich kein kleines Geschenk!« – Aber noch zögerten alle, Hand anzulegen.

Da gingen der alte Pöas und sein Sohn Philoktetes vorüber, und der letztere ließ sich bereden Feuerbrände zu holen und zündete den Scheiterhaufen an. Herakles winkte ihnen Dank zu; sein Gesicht erheiterte sich, und man hörte fürder keinen Laut von ihm, bis ihm die Seele entflohen war. Indessen hatte der Himmel sich mit schwarzen Wolken verfinstert, und fürchterliche Blitze umzuckten den Felsengipfel, daß alle Zuschauer und Leidtragende hinabflohen und sich in ihre Hütten verbargen. Als man am andern Morgen nachsah, suchte man in der Asche vergebens nach den Gebeinen des Helden, und jedem ahnte es, daß Zeus selber in Blitz und Wetter seinen geliebten Sohn mit sich hinauf in den Olympos genommen habe.

Die Dichter fügen hinzu, daß Here nun versöhnt gewesen sei. Alle Götter seien dem neuen Ankömmling freundlich entgegen gegangen, um ihn als Bruder und als Mitgenossen ihrer Unsterblichkeit zu begrüßen, und Zeus selbst habe ihn mit der ewig blühenden Hebe, der Göttin der Jugend, vermählt, um ihn so des reichsten Lohnes für Arbeit und Leid eines langen Heldenlebens teilhaft zu machen. Seit dieser Zeit wurde Herakles als Gott verehrt.

Die Bedeutung dieser uralten Fabel anlangend, so meint ein geistreicher Forscher Philipp Buttmann über den Mythus des Herakles. Berlin 1810. in dem Herakles das verkörperte Ideal menschlicher Vollkommenheit, d. h. alle der Vorzüge erblicken zu müssen, welche den Wert eines Menschen in jener alten heroischen Zeit bedingten. Alles das Große und Herrliche, was den Herakles auszeichnet, verrät den göttlichen Ursprung; die schon in der Jugend bewiesene Tugend wird durch fortdauernde Kämpfe bewährt; und wie das thatenreichste Leben nur dem Heile der Völker gewidmet erscheint, so schließt es würdig mit der Aufnahme unter die Götter und mit der Verleihung ewiger Jugend.

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