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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 5
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Fünfter Abend.

Der Gestrandete in der Königsburg.

Die Sonne war schon untergegangen und alles dunkel umher, als der Held sich aufmachte, um in die Stadt der Phäaken zu gehen. Mit Absicht hatte er den Abend erwartet, damit er kein Aufsehen errege oder irgend ein übermütiger Einwohner ihn mit Fragen belästige oder gar mit Schmähungen kränke. Und siehe, kaum näherte er sich den ersten Häusern, da trat schon seine Freundin Athene ihm entgegen; aber er kannte sie nicht. Sie hatte die Gestalt eines Mädchens angenommen, das mit dem Wasserkruge vom Brunnen kam.

»Liebe Tochter«, redete Odysseus sie an, »zeigtest du mir wohl den Weg zu Alkinoos' Wohnung, der hier bei euch König ist? Ich komme weither aus einem entlegenen Lande und kenne niemand in dieser Stadt.«

»Recht gern, Väterchen«, antwortete die freundliche Dirne, »will ich dir das Haus, nach dem du verlangst, zeigen. Der König wohnt ganz nahe bei meinem Vater. Komm nur immer mit mir, ich will dich so führen, daß du keinen Menschen weiter zu fragen noch zu sehen brauchst. Denn hier sind die Leute nicht allzu freundlich gegen Fremde. Das macht ihr kühnes Handwerk. Denn es sind Schiffer, aber ihre Schiffe sind auch schnell wie die Vögel und wie die Gedanken.«

Odysseus dankte dem lieben Mädchen und folgte ihr, von niemand gesehen. Er sah staunend den geräumigen Markt und den Hafen, dessen Schiffe und Mauern hoch und trotzig aus der Dämmerung aufragten. Als sie eine Weile gegangen waren, stand das Mädchen still und sagte:

»Siehst du, Väterchen, hier ist des Königs Haus. Jetzt wirst du die Fürsten gerade bei der Mahlzeit finden. Da geh nur dreist hinein und fürchte dich nicht. Dem Kühnen gelingt ja alles am besten. Aber eines will ich dir noch sagen. Wenn du in den Saal kommst, so suche nur erst die Königin auf, sie heißt Arete und ist eigentlich des Königs Nichte, denn der vorige König – Nausithoos geheißen – hinterließ zwei Söhne, diesen Alkinoos und noch einen, Rhexenor mit Namen. Der lebte aber nicht lange und hinterließ bloß eine einzige Tochter. Die hat nachher Alkinoos geheiratet, und sie ist jetzt unsere Königin. Sie ist sehr klug und wird weit und breit geehrt vor allen übrigen Weibern, und der König selber hält sie gar hoch. Sie regiert alles und entscheidet sogar die Streitigkeiten der Männer mit Weisheit. Und wenn sie ausgeht, so grüßt sie alt und jung wie eine Göttin. Wenn diese dir wohl will, so kannst du gewiß hoffen in dein Vaterland zu kommen und alle deine Wünsche zu erreichen.«

Mit diesen Worten verließ Athene ihren Freund. Er aber ging in den Vorhof des Palastes und blieb verwundert an der Schwelle des Hauses stehen. Denn überaus schön fand er alles, was er hier sah, die Mauern wie von Erz, die Pfosten wie von Silber, und golden war der Ring an der Pforte. Und in der Tiefe des offenen Saales waren rings an den Wänden Sessel gestellt, mit schönen Decken belegt; darauf saßen die Edeln der Phäaken und schmauseten. Neben ihnen standen schön gekleidete Jünglinge mit Fackeln in den Händen, die leuchteten jenen zum Mahle. Fünfzig Mädchen dienten in dem Palaste, von denen einige das Geschäft hatten, Korn auf der Handmühle zu mahlen, während andere Zeuge wirkten oder spannen. Denn so wie die phäakischen Männer erfahrene Schiffer waren, ebenso sehr waren die Weiber dieses Volks wegen ihrer kunstreichen Webereien berühmt.

Doch Odysseus ging noch immer nicht hinein. Erst besah er sich noch den schönen Garten hinter dem Hause, der mit einer hohen Mauer umgeben war und voll stattlicher Obstbäume prangte. Hier hingen saftige Birnen, Feigen und Granaten herab, dort schimmerten rotgesprenkelte Äpfel und grüne Oliven, und halb versteckt hinter breiten Blättern blickten purpurne Trauben hervor. Wahrlich alle Jahreszeiten sah man hier vereinigt; hier erhob sich ein Baum im Frühlingsschmuck zahlloser Blüten, dort stand ein andrer, an dem die grünen Früchte hingen, dort wieder ein andrer, der trug schon reife in Fülle. Eben so auch die Trauben: einige lagen bereits abgeschnitten zum Dörren auf dem Boden, andere wurden gekeltert, andere schnitt der Winzer soeben, und wieder andere fingen erst an sich zu färben. Nützliche Gartengewächse standen in zierlich geordneten Beeten, deren Ränder mit duftenden Blumen eingeschlossen waren. Auch zwei Quellen schlängelten sich durch den Garten hin, wovon die eine den Palast mit Wasser versorgte, indes aus der andern, welche nach außen geleitet war, die Nachbarn schöpften.

Jetzt erst, nachdem der Held alles betrachtet und bewundert hatte, ging er in den Saal des Königs hinein. Es war schon spät; die Fürsten, welche bei dem Alkinoos schmausten, dachten bereits an den Aufbruch und hielten eben den Becher in den Händen, dem Hermes zum Schlusse ein Trankopfer darzubringen. Da sahen sie mit Verwunderung noch einen Fremdling rasch den Saal durchschreiten und vor der Königin niederfallen. Sie richteten sich alle auf und horchten aufmerksam, was er sagen würde. Er aber umfaßte nach dem Brauche der Flehenden Aretes Kniee und sprach:

»O Arete, Tochter des göttlichen Helden Rhexenor, siehe ich umfasse dir und deinem Gemahle die Kniee und allen Gästen umher: ich bin ein unglückbeladener, hartbedrängter Mann. Mögen euch die Götter Heil und langes Leben schenken und reiches Erbe euren Kindern im Hause und Ehre unter dem Volke. Mir aber seid zur Rückkehr in meine Heimat behilflich, denn schon lange bin ich von den Meinigen entfernt und irre im Elende umher.«

Mit diesen Worten stand er auf und setzte sich, wie es Hilfebittenden ziemte, in die Asche neben dem Feuerherde. Weil er die Gesellschaft so plötzlich überrascht hatte, so verstummten die Anwesenden alle; erst nach einiger Zeit unterbrach ein bejahrter Gast das Schweigen.

»Alkinoos«, sprach er, »es ist nicht anständig einen Fremdling am Herde in der Asche sitzen zu lassen. Die übrigen Männer schweigen, nur weil sie deiner Befehle harren. Wohlan, führe ihn doch zu einem silberbeschlagenen Sessel, und laß durch die Herolde noch Wein mischen zu einem Opfer für Zeus, dem Fremden aber frische Speise reichen durch die Schaffnerin.«

Sogleich stand der König auf, faßte den Odysseus bei der Hand, hieß seinen liebsten Sohn Laodamas, der ihm zunächst saß, aufstehen und führte den Gast zu dem erledigten Sessel. Alsbald war nach der Gewohnheit eine Dienerin mit Wasserkanne und Waschbecken bereit und besprengte dem Fremdling die Hände. Dann ward ein reinliches Tischchen vor ihn hingestellt, das sich alsbald mit Brot und Speisen aller Art füllte. Das war ein anderer Abend, als der gestrige, wo der arme Mann, seiner Kleider beraubt, triefend und von Angst und Anstrengung abgemattet, ans Land gestiegen war, um sich ein Lager von Blättern zusammenzuscharren. Wie behaglich schmauste er jetzt im herrlichen Saale bei Fackelschein! So schnell wechselt oft mit banger Nacht ein froher Tag!

»Wohlan«, rief der König dem Herolde zu, »mische noch einmal Wein in dem Kruge und fülle rings den Gästen die Becher, daß wir dem Zeus noch ein Opfer ausgießen, dem Beschützer der Hilfeflehenden.«

Der Herold that, wie ihm gesagt war, und sie sprengten alle die ersten Tropfen dem Zeus zu Ehren auf die Erde, tranken das Übrige mit Wohlbehagen und erhoben sich dann von ihren Sitzen. Der König beschied sie auf den folgenden Tag wieder in sein Haus, um sich mit ihnen über die Fortschaffung des Fremden zu beraten, wenn dieser nicht etwa – so fiel ihm plötzlich ein – ein verkleideter Gott wäre, der ein Vergnügen darin suchte sich unter sterbliche Menschen zu mischen.

Odysseus lehnte die allzu ehrenvolle Vermutung bescheiden ab. »Nein«, sagte er, »wenn ihr einen Menschen kennt, den ihr vor allen für den unglücklichsten und elendesten erachtet, dem bin ich zu vergleichen. Laßt mich nur jetzt noch ein wenig essen, denn obschon tiefer Gram meine Seele belastet, so geht der Hunger mir doch noch über den Kummer, und der leidige Magen erinnert selbst den Betrübtesten mit Gewalt an sein Bedürfnis. Morgen aber, ihr Fürsten, thut mir so, wie der König gesagt hat; entsendet mich in mein Vaterland, denn seit Jahren verzehrt mich die Sehnsucht nach meinem Weibe und meiner Habe.«

Die Fürsten hörten dem Fremden mit Achtung zu, weil seine Reden und sein Wesen einen gewandten, verständigen Mann verrieten. Darauf gingen sie fort und ließen ihn mit dem Könige und der Königin allein zurück in dem weiten Saale. Die Mägde räumten die Tische und die Überreste des Mahles weg, und jetzt erst redete die kluge Königin, die in Gegenwart der Männer geschwiegen hatte, ihren Gast an. Bisher hatte sie ihn halb mit Verwunderung, halb mit Mißtrauen angesehen, denn sie erkannte die Kleider sehr wohl, welche er trug; sie hatte dieselben mit ihren eignen Händen gewebt.

»Ich muß dich doch fragen«, sprach sie, »wer und woher du bist. Wer gab dir diese Kleidung? Du sagtest ja, du wärest über das Meer gekommen und vom Sturme an unsere Insel verschlagen.«

»Ach, edle Königin«, antwortete Odysseus, »unmöglich kann ich dir jetzt alles vom Anfange an erzählen. Sieh, es liegt fern im Meere eine Insel, Ogygia, da wohnt einsam eine schöne und mächtige Göttin, Kalypso mit Namen. Dorthin kommt sonst gewöhnlich kein Mensch, auch nicht leicht einer der Götter; mich aber hatte ein schrecklicher Sturm, der mein Schiff zerschmetterte und meine Gefährten in den Abgrund riß, dorthin geworfen. Sieben Jahre hat mich die schöne, reizende Nymphe festgehalten. Sie nahm mich freundlich auf, pflegte meiner und verhieß mir Unsterblichkeit und ewige Jugend, wenn ich bei ihr bleiben und ihr Gemahl werden wollte. Aber sie konnte mich nicht bewegen. Immer sehnte sich mein Herz nach der lieben Heimat hin, und ich benetzte meine Kleider mit Thränen. Endlich wandte sich ihr Sinn. Kaum sind es zwanzig Tage, da entließ sie mich freiwillig und gab mir reiche Geschenke und dazu eine glückliche Fahrt, bis ich die blauen Berge eurer Insel vor mir liegen sah. Aber jetzt packte mich die Wut Poseidons; ein ungeheurer Orkan zerschellte mein Schiff, und nackt nur rettete ich mich aus tausend Ängsten durch Schwimmen an dieses Gestade. Das war gestern abend. Die Nacht habe ich kläglich im dichtesten Gebüsche zugebracht. Aber ich empfand nichts von meinem Elende, weil ein süßer Schlaf mich fast zwanzig Stunden hindurch gefesselt hielt. Erst diesen Nachmittag erwachte ich. Ich hörte Geräusch und sah deine Tochter mit andern Jungfrauen nicht ferne von mir. Ich nahte ihr in meiner bedrängten Lage, und siehe, ich war auf ein verständiges, edelgesinntes Mädchen getroffen. Sie erquickte mich mit Speise und Wein, badete und salbte mich und gab mir diese Gewänder. So bin ich denn hierher gekommen.«

»Nun, das ist gut«, sagte Alkinoos; »aber verabsäumt hat das unartige Mädchen doch eine Pflicht. Sie hätte dich sogleich mit zu uns herbringen sollen. Sie war schon lange hier, ehe du kamest.«

»O König«, erwiderte der Held, »hüte dich darum die treffliche Tochter zu tadeln. Wohl bot sie mir's selbst an, aber ich hielt es für unschicklich und wollte nicht, daß du Unrechtes von mir dachtest, darum blieb ich bescheiden zurück. Denn wir sind argwöhnisch, wir Menschen auf Erden!« So eignete sich der schlaue Mann das von der Nausikaa geäußerte Bedenken selbst zu; es sollte scheinen, als habe sie ganz in dem Sinne ihres Vaters und nach der gegen Fremde zu beobachtenden Sitte gehandelt.

»Nun, ich bin so übereilt nicht im Urteilen«, versetzte Alkinoos, »indessen ist Ordnung in allen Dingen gut. Du bist ein trefflicher Mann, ich merke dir's an. O wenn doch so einer, wie du, meine Tochter begehrte, ich nähme ihn mit Freuden zum Eidam an; und wolltest du hier bleiben, sieh, Häuser und Grundstücke schenkte ich dir. Aber das wolle Zeus nicht, daß ich dich zwänge bei uns zu bleiben! Nein, wenn du es willst, so entsende ich dich morgen schon. Unsere Ruderer sollen dich unversehrt nach deiner Heimat bringen, und wäre sie auch noch so weit von hier. Du sollst liegen und schlafen können im Schiff, wie im Bette, so sanft und sicher werden sie dich fahren. Ich sage dir, du wirst dich verwundern über unsere Leute.«

»O Vater Zeus«, rief Odysseus bei diesen Worten aus, »laß doch alles gelingen, wie es dieser edle Mann gesagt hat! Dann gelange ich sicher in die Heimat.«

Und nun machte die Königin dem Gespräche ein Ende, indem sie den Mägden befahl dem Fremden unter der Halle ein Bett zu bereiten, prächtige Polster darauf zu legen, noch eine feine Decke als Laken und andere wollene Gewänder zum Deckbett darüber zu werfen. Sie gingen mit Fackeln hinaus, besorgten alles aufs beste, und riefen dann den Fremdling, der der willkommenen Ruhe freudig entgegeneilte. Unter der Halle schlummerte nun Odysseus, Alkinoos aber und die Königin in dem innern Gemach des Palastes.

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