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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 44
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authorKarl Friedrich Becker
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Fünfter Abend.

Der Argonautenzug.

Jetzt ging die Fahrt in den Bosporos hinein, bekanntlich die Meerenge, an welcher Konstantinopel liegt. Von solchen schmalen Meerstraßen fabelten die ältesten Reisenden oft wunderbare Dinge. Wie man bei der sizilischen Meerenge das Märchen von der Skylla und der Charybdis hatte, und von jenen beiden Felsen, auf denen heutzutage Gibraltar und Ceuta liegen, erzählte, Herakles habe sie als Denkfaulen dahin gestellt, um dadurch die westliche Grenze seiner Irrfahrten zu bezeichnen, so sagte man vom Bosporus, es stünden an dem Ende desselben einander zwei steile Felsen, die sogenannten Symplegaden, gegenüber; dieses Felsenpaar rücke vom Sturm getrieben bald zusammen, bald wieder auseinander, so daß ein Schiff wenigstens so schnell, als eine Taube fliegt, hindurch rudern müsse, um nicht mit Mann und Maus zerquetscht zu werden. Eine Taube voran fliegen zu lassen war auch den Argonauten geraten. Nur die Schwungfedern waren ihr durch das zuschlagende Felsenthor abgeschnitten. Es versteht sich, daß unsere Argonauten, die ohnehin unter dem schützenden Geleit der Here und des Poseidon reisten, das Abenteuer glücklich bestanden, zumal da die Felsen, wie verzaubert durch des Orpheus Spiel und Lied, unbeweglich standen und, wie die Sage hinzufügt, seitdem festwurzelten und die Einfahrt in den Pontos für immer offen ließen.

Die nächste Rast hielten die Helden diesmal an dem linken Ufer unmittelbar hinter dem Ausgange des Bosporos, in einem zu Thrakien gehörigen Landstriche. Hier hörten sie seltsame Geschichten. Der König des Landes, der alte Phineus, hatte in jüngeren Jahren die Kleopatra, eine Tochter des Boreas, zu seiner Gemahlin erwählt und, nachdem ihm dieselbe bereits zwei jetzt erwachsene Söhne geboren, eine zweite jüngere, die Idäa, des Dardanos Tochter, zur Gemahlin genommen. Diese, welche sich in ihren herrschsüchtigen Plänen durch die beständige Gegenwart der Stiefsöhne sehr beschränkt sah, warf einen bittern Groll auf dieselben und wußte sie bei dem Vater so tückisch zu verleumden, daß dieser nichts als eine gerechte Strafe zu vollziehen glaubte, als er ihnen nach der barbarischen Sitte der Thrakier und Skythen die Augen ausstach und sie lebendig in ein Grab einsperrte. Zu spät erfuhr der unglückliche Vater, daß das Verbrechen, dessen die eigennützige Stiefmutter jene beschuldigt hatte, erdichtet gewesen sei. Die Rache der Götter kam noch seiner Reue zuvor. Er selbst erblindete, und Zeus fügte diesem Unglück noch eine andere Plage hinzu. Sobald er sich nämlich zu Tische setzen wollte, um etwas zu genießen, kamen zwei häßliche Geier, die Harpyien, herbei geflogen, fraßen ihm die Speisen vor dem Munde weg oder ließen nur einen eklen Rest zurück, von dem der Hungernde sich mit Abscheu hinwegwenden mußte.

Ein Trost jedoch war diesem unglücklichen Greise noch geblieben, denn ein Orakel hatte ihm verkündigt, zwei Boreaden (Söhne des Boreas) würden ihn noch vor seinem Ende von den Harpyien erlösen. Diese Weissagung näherte sich jetzt ihrer Erfüllung, denn unter den Argonauten befanden sich wirklich die verheißenen Befreier. Sie gehörten zu den Tapfersten der Heldenschar und waren besonders so unermüdliche Läufer, daß sie sogar den Flug der Vögel an Schnelligkeit übertrafen. Ihre Namen waren Zetes und Kalaïs. Daß sie Söhne des Boreas genannt werden, ist nichts Ungewöhnliches in jenen Zeiten, in denen ein kindlicher Glaube wähnte, die Götter fänden ein Vergnügen daran in menschlicher Gestalt zu den Sterblichen hernieder zu kommen, an allen menschlichen Verhältnissen Anteil zu nehmen und sich mit den Töchtern derselben zu vermählen. So ward ja, wie schon früher oft erwähnt, Herakles für einen Sohn des Zeus, Äneas für einen Sohn der Aphrodite gehalten, ja die meisten der Helden führten ihr Geschlecht auf einen Gott oder eine Göttin zurück.

Die beiden rüstigen Boreaden vernahmen mit Freuden, zu welchem Geschäft das Schicksal sie hier bestimmt habe. Um die seltsame Erzählung des alten Königs auf die Probe zu stellen, rüstete man sich alsbald zum Mahle, und sieh – kaum hatte der blinde Mann seine Speise berührt, so kamen mit rauschendem Flügelschlage die beiden Vögel herbeigestürmt, bemächtigten sich gierig ihres Fraßes und schwangen sich dann, alles umher mit scheußlichem Dunst erfüllend, in die Luft. Zetes und Kalaïs aber standen schon bereit und verfolgten sie so rasch mit gezücktem Schwerte, daß sie dieselben bald ereilten und mit ihren Wurfspießen töteten.

Nun nachdem jede Spur der Unholde getilgt worden, bereitete man einen zweiten Schmaus, und nun labte sich zum erstenmale wieder der alte Phineus an der sättigenden Fülle der Speisen. Seine Dankbarkeit gegen die Fremden konnte sich kaum ein Genüge thun; auch seine treuen Diener waren so voller Freude über die glücklich abgewendete Plage, daß sie den Helden alle ersinnlichen Gefälligkeiten erwiesen. Sie packten ihnen ihr Schiff voller Lebensmittel, zeigten ihnen den Weg nach Kolchis, gaben ihnen guten Rat und erzählten ihnen von Äëtes, was sie nur wußten. Als endlich die Argonauten wieder absegelten, geleiteten sie dieselben bis ans Ufer, riefen ihnen die herzlichsten Glückwünsche nach und winkten so lange, als sie das Schiff nur sehen konnten.

Jetzt befand man sich also im schwarzen Meere. Die Fahrt wandte sich nun östlich, immer der Nordküste von Kleinasien entlang, wo ihr sie auf der Karte deutlich verfolgen könnt. Ein günstiger Wind trieb das Schiff rasch zum Ziele, und es würde noch rascher geschehen sein, wenn sich die unkundige Schiffahrt jener Zeiten weiter vom Ufer hätte entfernen können. Die nächste Rast ward bei den Mariandynen gemacht, deren König, Lykos, sie gleichfalls freundlich aufnahm, als er hörte, daß die mutigen Segler seinen Feind, den König Amykos, umgebracht hätten. Ja derselbe gab ihnen sogar seinen Sohn mit, um ihnen durch dessen Vermittelung bei allen Völkern, die sie unterwegs noch antreffen würden, einen gastfreien Empfang zu bewirken. Auch hier bestätigten sich weiter die Gerüchte von Aëtes' Grausamkeit, und man erfuhr zugleich, ein Orakel habe demselben allerlei Unglück geweissagt, sobald ihm das goldene Vlies entwendet werden würde. Die Argonauten verloren hier zwei von ihren Gefährten, den Idmon, den auf der Jagd ein Eber tötete, und den Steuermann Tiphys, der einer Krankheit erlag und an dessen Stelle mit Zustimmung der übrigen Ankäos trat.

Von hier ging die Fahrt mit immer günstigem Winde weiter. Das Vorgebirge Karambis ward glücklich umsegelt; von da folgte das Schiff der paphlagonischen Küste, bis man das Gebiet von Pontos (der nordöstlichen Küste Kleinasiens) erreichte, wo noch späterhin ein Vorgebirge den Namen des Jason führte. Weiterhin kamen sie zu den Chalybern, einem wegen seiner Eisenarbeiten berühmten Volke. Phöniker und Griechen holten von ihnen Erz und tauschten es für Getreide oder andere Erzeugnisse ein; denn jene Männer trieben weder Ackerbau noch Viehzucht. Die Argonauten aber gelangten nach kurzem Verweilen an die Insel Dia, wo ihrer wiederum ein Abenteuer wartete. Denn dort horsteten mächtige Vögel, die Stymphaliden geheißen, die ihre Federn als Pfeile auf sie herabschossen und mehrere der Helden verwundeten. Doch ward ihnen auch eine freudige Überraschung. Denn sie trafen hier die vier Söhne des Phrixos, welche von Kolchis aus nach Orchomenos hatten steuern wollen, um ihre väterliche Erbschaft daselbst in Empfang zu nehmen. Zu ihrem eigenen Unglück und zum Glück der Argonauten war ihnen an dieser Insel nach kurzer Fahrt das Schiff gescheitert, und so entschlossen sie sich mit unsern Helden zuvor nach Kolchis zurückzukehren und dann, wenn das Abenteuer glücklich beendigt wäre, mit jenen gemeinschaftlich nach Griechenland zu reisen.

Bessere Kundschafter hätten die Argonauten gar nicht finden können als diese Jünglinge. Zwar waren auch ihre Berichte über Äëtes erschreckend genug; sie mußten namentlich sehr viele Geschichten von Fremden zu erzählen, die in Kolchis hatten landen wollen und daselbst grausam getötet worden waren; aber eben sie konnten auch den Jason am besten darüber beraten, auf welche Weise etwa dem Könige trotz seiner feindseligen Gesinnung beizukommen sei. Hier hörte Jason zuerst von der jüngsten Tochter des Königs, der klugen und mitleidigen Medeia (Medea), die schon oft der Fremden sich erbarmt und sie aus den Banden des Vaters heimlich befreit habe. Ja ihr Vater selber, hieß es, fürchte sie; denn sie sei von ihrer Mutter, einer zauberkundigen Okeanide oder Meergöttin in allerlei Geheimnisse eingeweiht und wisse die seltsamsten Getränke zu kochen, durch die an Menschen und Tieren wundersame Wirkungen hervorgebracht werden könnten. Die Söhne des Phrixos zweifelten nicht, daß Jason seinen Zweck erreichen werde, wenn er sich nur dieser Jungfrau anvertrauen wolle. Auch von ihrer eignen Mutter, der Witwe des Phrixos und des Äëtes älterer Tochter, versprachen sie ihm einigen Beistand. So segelten denn die Helden mit gefaßterem Mute ihrem Ziele entgegen.

Schon hatten sie den Fluß Thermodon hinter sich, und rechtshin sahen sie die grauen, wolkenhohen Gipfel des Gebirges Kaukasos mit ihren kahlen Felsenscheiteln liegen. Da drang ein schauerliches Stöhnen aus der Ferne her zu ihren Ohren; sie lauschten und späheten, und bald darauf sahen sie einen Adler sich dort emporschwingen. Es war der Adler des Zeus, und die Stimme war des Prometheus Stimme, der von dem Vater der Götter zur Strafe an einen Fels geschmiedet war.

»Warum denn?« fragte Julius.

»Die Fabel sagt, Zeus, der die Menschen gehaßt und wie ein kurzsichtiger Despot ihren Ungehorsam gefürchtet habe, wenn sie etwa allmählich zur Erkenntnis ihrer Kraft gelangen sollten – Zeus habe sie in ewiger Beschränktheit zu erhalten beschlossen und eben deshalb habe er vor allem auch geflissentlich vermieden, sie mit dem Gebrauche des Feuers bekannt zu machen. So hätten die Menschen im Anfange roh und wild, gleich den Tieren des Feldes, gelebt und auf keine der Lebensbequemlichkeiten und keine der mannigfaltigen Fertigkeiten und Künste verfallen können, welche unserem Geschlechte mit Hilfe jenes Elementes möglich werden. Das habe den Prometheus, einen Halbgott aus dem uralten Stamme der Titanen, den Sohn des Japetos und der Klymene, gejammert, und so habe sich dieser aus reiner Liebe zu den hilfsbedürftigen Sterblichen erkühnt, einen Raub an den Göttern zu begehen. Er stahl einen Funken von dem himmlischen Feuer der Sonne und verbarg ihn klug im Rohr einer markigen Pflanze, deren man sich zu ähnlichen Zwecken in südlichen Gegenden noch jetzt zu bedienen pflegt. So kamen die Menschen in den Besitz der köstlichen Himmelsgabe, die sie nun sorgfältig verwahrten und immer forterhielten, so daß sie ihnen seitdem nie wieder verloren ging. Und durch jenen himmlischen Funken ward es auch Licht in der Seele: die Kräfte des Geistes wurden geweckt, der Zustand tierischer Roheit, in welchem bis dahin die Menschheit gestanden hatte, überwunden und die Kultur begründet. Zeus aber im höchsten Zorne sandte seinen hinkenden Sohn Hephästos und dessen beide Helfershelfer Gewalt und Kraft, damit sie den Prometheus ergriffen und ihn mit starken Eisenbanden um Arme, Beine und Leib und mit einem scharfen, durch die Brust getriebenen Keile an den schroffen Abhang jenes Felsens fesselten. Da hing der Unglückselige lange Zeit, ohne zu sterben, überströmt von Regen und Thau und durchglüht von den Sonnenstrahlen, und zum Übermaß seiner Pein kam Tag um Tag der Adler des Zeus dahergeflogen und hackte ihm aus der aufgerissenen Seite die Leber heraus, die alsbald in der Nacht wieder wuchs, um an andern Morgen dem gierigen Vogel neuen Fraß zu gewähren. Die Leber nämlich ist den Alten der Sitz böser Gedanken und Leidenschaften.«

»Das ist ja eine absonderliche Erdichtung!« sagte Julius.

»Ich halte sie für eine der merkwürdigsten Sagen der ganzen griechischen Mythologie. Sie rührt gewiß aus dem frühesten Altertume und von einem Dichter her, der auf den wunderbaren Gang der Bildung des menschlichen Geschlechts sehr aufmerksam geachtet hat. Denkt euch in den Wäldern der Urwelt eine Schar herumschwarmender Wilden. Denkt euch diese Wilden auf der untersten Stufe der Tiermenschen, noch unvermögend Feuer anzuzünden. Es ist noch keine Nation der Erde entdeckt morden, welche den Gebrauch des Feuers nicht gekannt hätte. Kein Tier aber gebraucht es, viele scheuen es sogar, und nur einzelne Haustiere mögen sich seiner Wärme freuen, wie z. B. Hunde und Katzen.

Und nun denkt euch weiter, es werde ein Baum vom Blitz in Flammen gesetzt, und ehe er ganz ausgebrannt, eile einer von der Horde mutig herbei, um etwas von dem Feuer in einem Rohre aufzufassen, es weiter zu verbreiten, es von Tage zu Tage durch zugelegtes Holz oder als glimmenden Brand in der Asche lebendig zu erhalten. Denkt euch ferner, wie ein anderer ein Stück Fleisch an dem hellen Feuer zu rösten versucht, und es am Ende jetzt weit schmackhafter findet, als zuvor. Denkt, wie von diesem Tage an das Braten des Fleisches und das Rösten der Getreidekörner allgemeiner wird, wie die Menschen sich freuen, um einen Wohlgeschmack, um eine Lebensabwechselung reicher geworden zu sein, und es wird euch ganz natürlich scheinen, daß man den, der zuerst das Feuer des Himmels auf der Erde festzuhalten, unschädlich fortzupflanzen und für seinesgleichen wohlthätig zu machen versucht hatte, als einen ganz vorzüglich hochbegabten Mann verehrte. Prometheus (d.h. der Vorausbedenkende) ist gleichsam die verkörperte Vorsicht und Erfindungskraft; entweder also beehrten ihn seine Zeitgenossen für seine That wirklich mit diesem Namen, oder wenn das Ganze eine dichterische Erfindung ist, so glaubte der Erzähler diesem Manne keinen schicklicheren Namen geben zu können. Das Feuer ist im griechischen Mythus göttlichen Ursprungs; und weil es nach eben diesem Mythus durch die Anwendung auf menschliche Bedürfnisse verunreinigt wird, muß der, welcher den Menschen das Feuer gebracht, schwere Buße auf sich nehmen. Daß übrigens der frühere Grieche die große Wohlthat des Feuers mit weit lebhafterem Danke gegen den Spender derselben erkannte, als wir dies thun, die wir gar nicht einmal daran denken, das war sehr natürlich; denn selbst zu Homers Zeiten scheint der einfache Gebrauch des Stahls und Steins noch nicht bekannt gewesen zu sein, und Feuer wurde nur durch Reiben verschiedener Hölzer hervorgebracht. In der Stelle, wo Homer uns den Odysseus schildern will, wie er nackt ans Ufer von Scheria geworfen worden und sich darauf bis an das Kinn in einen Haufen dürrer Blätter vergräbt, bringt er das merkwürdige Gleichnis an: So steckt ein glühender Brand in einem Aschenhaufen, worin ihn der Landmann, der einsam ohne Nachbar auf dem Felde wohnt, verborgen hat, damit er am folgenden Tage wieder ein Feuer anzünden könne. Mit solcher Sorgfalt mußte man daher auf die Forterhaltung des Feuers von einem Tage zum andern bedacht sein. Bekannt ist die Sitte einiger Völker, namentlich der Römer und der Peruaner, gewissen Gottheiten zu Ehren ein heiliges Feuer zu unterhalten, das nie erlöschen durfte, und auch diese Sitte weist sicherlich auf jene Urzeiten zurück, in denen man die Entdeckung des Feuerstahls noch nicht gemacht hatte. In ähnlicher Weise verehrten ja auch die alten Parsen die Sonne und das erleuchtende, erwärmende Feuer.– Aber, liebe Kinder, wohin sind wir geraten!«

»Wir waren am Kaukasus!« rief Anton, »wir sahen den Adler vom Prometheus hergeflogen kommen!«

»Nun, so sind wir auch bald in Kolchis!« versetzte der Lehrer, »Schon am folgenden Tage erreichte die Argo den Fluß Phasis, der bei dem Gehöfte des Äëtes vorbei floß. Nicht ohne Bedenken steuerten unsere Helden in die Mündung desselben hinein, und als sie eine Strecke weiter gerudert waren, sahen sie hinter Gebüsch versteckt die Hütten der Kolchier vor sich liegen.

Nachdem sie vorsichtig gelandet sind, gehen zunächst nur die vier Söhne des Phrixos zu der Königswohnung, um ihre Mutter Chalkiope zuerst für Jason zu gewinnen. Mit Verwunderung sieht Äëtes sie kommen und fragt nach der Ursache ihrer schnellen Wiederkehr, Argos, der gewandteste von ihnen, nimmt das Wort, erzählt ihr Unglück und ihr erwünschtes Zusammentreffen mit den Fremden, die er bestens rühmt; doch wagt er es noch nicht von dem Zwecke ihrer Reise etwas zu erwähnen. Der König wird begierig die gepriesenen Gaste zu sehen, und sogleich erbietet sich Argos den Anführer des Zugs herbeizuholen. Er eilt fort und kommt mit Jason zurück. In einiger Entfernung folgen noch die Tapfersten des Zuges Augeias, Telamon u, a,, wohl bewaffnet. Jason tritt mit den Phrixiden in die durchräucherte Hütte des Königs, »Wer seid ihr, Fremdlinge?« ruft dieser ihnen entgegen; »und was wollt ihr?«

»Griechen sind wir, mächtiger König«, erwiderte der Held, »und ich, ihr Anführer, bin Jason Äsons Sohn, aus thessalischem Geschlechte. Mich sendet der König Pelias, mein Gebieter, zu dir, um das goldene Vließ des Widders zurückzufordern, das einst des Griechen Phrixos Eigentum war.

»Das Widderfell!« rief Aëtes. »Wisset ihr nicht, wer ich bin, daß ihr wagt mit so unverschämter Lüge mir zu begegnen! Ein Fell zu holen will der Freche hergekommen sein! Und mit einem ganzen Schiffe voller Menschen! Wer sind denn die Trabanten da hinten? Ich sehe, sie führen blanke Waffen, Nun, ihr sollt auch die meinen kennen lernen! Wahrlich, nichts anderes als Diebe und Räuber seid ihr! Mein Reich zu erobern seid ihr gekommen; meine Stadt, mein Land gefällt euch. Aber hört, diese lügnerischen Zungen werde ich euch ausreißen, diese räuberischen Hände euch abhacken, und so euch zu eurem Pelias zurückschicken, der sehr wohl daran gethan hat, daß er nicht mitgekommen ist, weil es ihm sonst nicht um ein Haar besser ergangen sein würde!«

»Edler König«, versetzte Jason unerschrocken, »du bist in einem seltsamen Irrtume befangen. Wie könnte doch wohl dein Land, das unserer Heimat so fern liegt, uns reizen, oder warum sollten wir gerade dich, den Furchtbarsten unter allen, ausgesucht haben, wenn wir doch einen König hätten vertreiben wollen? Sieh, ich bin so entfernt dich zu beleidigen, daß ich dir vielmehr mit allen den Meinigen gegen deine Feinde, die Sauromaten, beistehen will, wenn du es wünschest und wenn du mir im Guten meine Bitte gewährst. Es ist wahr, der Auftrag meines Oheims ist ein wenig sonderbar; vielleicht hat er mich nur prüfen wollen; allein wenn er auch noch viel sonderbarer wäre, ich habe es auf mich genommen ihn auszurichten, und ich sage dir, König, daß ich das Vlies erlangen muß!«

»Mußt du es erlangen?« fragte der König mit höhnischem Grinsen. »Nun, so wirst du dir ja auch wohl eine kleine Arbeit dafür gefallen lassen? Sieh, ich habe zwei Stiere, ein Geschenk des Hephästos; die haben eherne Beine und schnauben Feuer. Mit ihnen pflege ich mir vier Morgen harten Brachlandes umzuackern. Wenn du es auch thun willst, so ist's gut. Aber am Ackern wäre es noch nicht genug; es gilt auch rüstig zu säen, und meine Saat sind Drachenzähne, Du wirst vom Kadmos gehört haben, wie er diese Zähne von der Athene zum Geschenk bekommen und sie bei Theben in den Acker gestreut hat. Da wuchs alsbald ein Heer geharnischter Männer aus dem Boden; mit denen hat er seine Stadt erbauet und große Thaten gethan. Nun siehe, den Rest der Zähne hat Athene mir verehrt; die magst du morgen säen, und weil ihr doch so tapfer zu sein vorgebt, so mögt ihr alsbald mit den emporsteigenden Eisenmännern kämpfen. Besiegt ihr sie, so ist nur noch übrig, daß du den Drachen tötest, der im Haine des Ares unter einer heiligen Eiche das goldene Vlies bewacht, und dann, du wohlgemuter Held, kannst du frisch und fröhlich in die Heimat ziehen!«

Auf solche gefährliche Proben war unser Held doch nicht gefaßt gewesen. Er verbarg sein Entsetzen, so gut er konnte, und schied von dem tückisch lachenden Äëtes mit dem Versprechen, am andern Morgen wieder zu kommen.

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