Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Friedrich Becker >

Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 43
Quellenangabe
pfad/becker/altewelt/altewelt.xml
typelegend
authorKarl Friedrich Becker
titleErzählungen aus der alten Welt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070812
projectid4a1d5738
Schließen

Navigation:

Vierter Abend.

Der Argonautenzug.

Ohne sich lange bitten zu lassen, begann der Lehrer am folgenden Abend also:

Die Fahrt der Argonauten fällt in die früheste, noch sehr dunkle Zeit der griechischen Geschichte. Sie trug sich wenigstens sechzig Jahre vor dem trojanischen Kriege zu, und es ist sehr nötig, daß ihr euch vorher, ehe ihr sie vernehmet, ein wenig auf dem Schauplatze der Erzählung zurecht findet. Erschienen uns schon die homerischen Helden als einfache, aber ziemlich rohe Natursöhne, so stehen die Großväter derselben, die jenen Zug auf dem Schiffe Argo mitmachten, auf einer noch viel niedrigeren Stufe der Bildung; denn sechzig Jahre machen in der Jugendperiode eines sich bildenden Volks schon einen bedeutenden Unterschied. Griechenland war noch wild und unbebaut, von mächtigen Gebirgen durchschnitten, von dichten feuchten Wäldern bedeckt, in denen reißende Tiere hausten. Sogar Löwen fanden sich zuweilen dort vor, während man oft viele Tagereisen weit keine Spur von menschlichen Bewohnern antraf. Mit einem Worte, so rauh, so öde, als nur irgend ein Reisebeschreiber eine von Wilden bewohnte Insel schildert, müßt ihr euch das damalige Griechenland denken. Deshalb sind wir aber nicht berechtigt, uns auch die ältesten Bewohner, die offenbar von Asien her eingewandert waren, als rohe Wilde vorzustellen, so daß sie alles, was zur menschlichen Gesittung gehört, erst spät und langsam sich erworben oder von auswärts her überkommen hätten. Freilich giebt es viele Überlieferungen aus dieser ältesten Vergangenheit, denen zufolge dieselbe allerdings ein Zeitalter der fürchterlichsten Grausamkeiten gewesen ist. Unzählige Geschichten von wütenden Überfällen, Bruderkriegen, Kindermorden und andern blutigen Greuelthaten sind der Inhalt jener Erzählungen.

Am frühesten wurde der gebirgige Teil Griechenlands, Akarnanien, Ätolien und besonders Thessalien, bevölkert. Die Bewohner desselben waren insofern schon in Verbindungen zusammengetreten, als mehrere Familien, die allmählich zu Stämmen anwuchsen, sich den Stärksten zu ihrem Oberhaupte gewählt hatten, dessen Ansehen sich gewöhnlich vom Vater auf den Sohn fortpflanzte, so daß nach und nach in solchen Familien die Königswürde erblich wurde. Die Ehre, die mit solchem Amte verbunden war, übte schon auf diese rohen Gemüter einen verführerischen Reiz, daher oft ein jüngerer Bruder dem älteren nach dem Leben trachtete, um sich an seiner Statt in den Besitz der Königswürde zu setzen. Ja mancher, um nicht zeitlebens die eifersüchtigen Nachstellungen der Seinigen zu fürchten, ließ die ganze Blutsverwandtschaft auf einmal ermorden! Genau dieselben Auftritte wiederholen sich in der frühesten Geschichte der germanischen und nordischen Völker, besonders der Franken.

Von Städten finden wir in dieser Periode nur erst ganz kleine Anfänge. Was so genannt wird, ist wohl nichts weiter gewesen, als ein bebauter und etwas befestigter Hof für das Haupt oder den sogenannten König des Hauses, umgeben mit mehreren Hütten seiner Dienstmannen. Auf dieser Stufe der Bildung liebt der Mensch das freischweifende Leben viel zu sehr, als daß er sich mit seinesgleichen hinter festen Mauern zusammendrängte; ja die Wohnsitze der Stämme waren damals noch nicht einmal derartig, daß man darauf hätte denken sollen, ihnen Regelmäßigkeit, Ordnung und Dauerhaftigkeit zu verleihen. Noch immer erfolgten Wanderungen aus einem Teile Griechenlands in den andern, es ward auch wohl einmal ein Volk von dem andern verdrängt und mit Gewalt genötigt, sich andere Wohnstätten zu suchen.

Krieg und Jagd sind bekanntlich die einzigen Beschäftigungen solcher Völker. Zeichnete sich in Griechenland ein Königssohn durch vorzügliche Stärke aus, und hatte er sich durch Erlegung eines besonders gefährlichen Raubtiers den Dank seiner Nachbarn verdient, so ward er oft von Fremden aufgefordert ihnen zu einer ähnlichen Unternehmung seinen Beistand zu leihen, ja auch wohl allein dies oder jenes Abenteuer zu bestehen. So befreite mancher junge Held irgend einen Bezirk von einem wilden Tiere, oder rächte einen gewaltsam unterdrückten Fürsten oder ein gequältes Weib an seinem Tyrannen. Durch solche Verdienste haben sich Theseus, Perseus, Kastor und Pollux (Polydeukes), Da die Zusammenstellung der beiden brüderlichen Helden gerade in der römischen Namensform (Kastor und Pollux) sprichwörtlich geworden ist, wird auch im folgenden der Name Pollux statt des griechischen Polydeukes beibehalten. Herakles und mehrere andere einen Namen erworben, dessen Glanz späterhin Dichtung und Sage durch Ausschmückung aller Art bis ins Wunderbare gesteigert haben. Es geschah auch wohl, daß zwei solcher Jünglinge sich vereinigten, um gemeinschaftlich auf Abenteuer auszugehen; doch kamen sie selten über die Grenzen Griechenlands oder eine der benachbarten Inseln hinaus. Als eine Vereinigung Vieler zu einem Zuge ins Ausland ist zuerst der Zug der Argonauten merkwürdig. Man setzt ihn ins Jahr 1250 vor Christi Geburt.

Der Küstenhandel der Phöniker war damals schon beträchtlich. Ihre Schiffe wagten sich sogar bis ins schwarze Meer hinein, und es ist wohl zu vermuten, daß auch Griechen zuweilen an solchen Fahrten teilnahmen. Die Nachrichten, die solche Seefahrer von den Küsten dieses Meeres mit zurück brachten, so fabelhaft sie auch sein mochten, stimmen doch darin überein, daß deren Bewohner noch viel milder als die damaligen Griechen waren und besonders an allen Fremden, die sich ihren Wohnsitzen näherten, unerhörte Grausamkeiten verübten. Auch hieß es, daß eben dort viel Gold zu finden sei. Die Weiber jener Völker endlich standen in dem Rufe, die größten Zauberinnen und Giftmischerinnen zu sein.

Nun war etwa zwanzig Jahre vorher ein junger thessalischer Fürstensohn, Namens Phrixos, mit seiner Schwester Helle aus Furcht vor den Nachstellungen seiner bösen Stiefmutter Ino zu Schiffe gegangen und zu den Kolchiern am östlichen Ende des schwarzen Meeres gesegelt. Die Stiefmutter nämlich hatte es durch List dahin zu bringen gewußt, daß Athamas der Vater dem Zeus seinen Sohn Phrixos opfern wollte. Die Sage erzählt nun, der letztere sei auf einem von dem Gotte gesendeten Widder, der ein goldenes Fell gehabt, dorthin geritten. Hintenauf habe seine Schwester gesessen, aber da der Ritt durch die Meerenge gegangen, sei sie hinabgefallen und ertrunken, wovon noch jetzt diese Enge Hellespontos (Meer der Helle) heiße. Bei Phrixos' Ankunft habe ihn der König von Kolchis, Äëtes, wegen seines goldnen Widders freundlich aufgenommen, ihm auch sogar seine älteste Tochter zur Gattin gegeben, mit welcher derselbe vier Söhne gezeugt; nach des Phrixos Tode aber habe der König das goldene Fell (oder, wie man gewöhnlich sagt, das goldene Vließ) des unterdessen gestorbenen Widders an einer Eiche in einem dem Ares geheiligten Haine aufgehängt, wo es seitdem von einem feuerspeienden Drachen gehütet worden.

»Aber wie in aller Welt soll man sich einen goldnen Widder denken?« fragte Wilhelm.

»Phrixos mag wohl sein Gold in einen Schlauch oder Sack von Widderfellen eingenähet gehabt haben!« sagte Anton.

»Das wäre eine nüchterne Deutung der Sage!« bemerkte der Lehrer. Nicht viel besser ist die Vermutung, daß das Schiff, auf dem er gefahren, den Namen oder auch das Zeichen des Widders geführt habe. Damit ist das von einem gräßlichen Drachen bewachte goldne Vließ gar nicht erklärt. Ich gestehe auch, daß unter allen Deutungen, die mir davon bekannt geworden sind, noch keine mich befriedigt hat. Im allgemeinen wird man festhalten müssen, daß der König von Kolchis den Griechen als Besitzer irgend eines Schatzes bekannt geworden sei, der ihre Begierde lockte; und hatte jener Fürst wirklich einem namhaften Fremdlinge aus Griechenland Gewalt angethan, so konnte sich eine Schar junger kühner Abenteurer um so leichter bewogen fühlen, Kolchis zum Ziele ihrer Fahrt zu nehmen, einmal um als Rächer eines Landsmanns gepriesen zu werden, und dann, um gute Beute zu machen. Vielleicht suchten auch die Griechen durch das schwarze Meer, das sie Pontos Euxeinos D. i. das gastlichbefreundete Meer. In jenen früheren Zeiten, als noch wilde seeräuberische Stämme die Küsten desselben umwohnten, nannten es die Griechen Pontos Axeinos d. h. das feindliche, das ungastliche Meer. Nicht selten aber wird es von den Alten auch einfach als »Pontos« bezeichnet. nannten, einen Handelsweg, um von dort Wolle und Felle zu holen, oder auch, wie man neuerdings gemeint hat, um eine Verbindung mit den stammverwandten Kolchiern anzuknüpfen und zu unterhalten. In vielen Sagen indessen erscheint der Widder als ein Sinnbild der befruchtenden Wolke; der goldene Widder ist die Wolke des segnenden Frühlingsgottes, daher ein Symbol des aus der Wolke quellenden Regens und ein Unterpfand des Glückes und des Reichtums, welches dem Drachen zu entreißen und zum bleibenden Besitze der Heimat zu machen die eigentliche Aufgabe der Argonauten ist.

Das Unternehmen der Argofahrer oder Argonauten ging glücklich von statten, denn das goldene Vließ – sei es nun gewesen was es wolle – ward richtig zurückgebracht. Der Anführer des Zuges war der Thessalier Jason. Insgesamt waren ihrer Fünfzig, und unter diesen befanden sich die tapfersten Jünglinge aus allen Gegenden Griechenlands. Und jetzt, fuhr der Lehrer lächelnd fort, jetzt wäre meine Erzählung eigentlich zu Ende, denn die einzelnen Umstände dieser Begebenheit sind eine Reihe sonderbarer Märchen, die noch dazu von jedem alten Schriftsteller verschieden, ja oft widersprechend erzählt werden, so daß man kaum einen geordneten Zusammenhang herzustellen vermag.«

»Aber«, sagte Julius, »Sie werden doch nicht wirklich schon aufhören?«

»Nein, das ist Ihr Ernst nicht!« sagte Anton. »Haben Sie ja doch auch eigentlich nichts weiter versprochen, als uns griechische Volksmärchen zu erzählen.«

»Nun wohlan«, sagte der Lehrer, »so müßt ihr mir aber auch gestatten, aus diesem bunten Gewirr der Fabeln nach Belieben auszuwählen und diejenigen, welche nicht zu meinem Zwecke passen, ganz zu übergehen.«

An der Südküste des nördlichen Teiles von Griechenland, welcher später Thessalien hieß, und zwar gerade der Insel Euböa, dem heutigen Negroponte gegenüber, werdet ihr auf der Karte eine tief ins Land gehende Bucht und dabei den Namen einer Stadt Jolkos finden. Die letztere war zu jenen Zeiten eine noch junge Niederlassung, von Jasons Großvater angelegt und jetzt von seinem Oheim Pelias beherrscht. Dieser aber hatte die Herrschaft unrechtmäßigerweise an sich gebracht, da sie vielmehr seinem älteren Bruder Äson, Jasons Vater, gebührt hätte. Es scheint, als ob Äson nicht stark oder nicht kriegerisch genug gewesen sei, um sein rechtmäßiges Eigentum wieder zu erwerben; denn er lebte ganz ruhig in Iolkos neben seinem ungerechten Bruder, und dieser fürchtete auch nichts von ihm. Als aber Äson sich verheiratete und ihm ein Sohn – eben jener Jason – geboren wurde, da ward Pelias für seine eigene Zukunft besorgt. Äsons Gemahlin, Polymede, ahnte die Gefahr, welche ihr geliebtes Knäblein bedrohete, und um dasselbe vor des Oheims Nachstellung zu schützen, sandte sie es dem weisen Kentauren Chiron, den wir schon aus Achilleus' Geschichte kennen, zur Erziehung, während sie zugleich den Pelias mit falscher Kunde täuschte. Das Kind, hieß es, sei gestorben. Der so gerettete Jason wuchs indessen unter Chirons Leitung zu einem kräftigen, schönen und mutigen Jünglinge heran.

Eine Zeitlang war Pelias auch völlig beruhigt, allein ein Orakel erfüllte ihn bald wieder mit Sorgen und Furcht. Der dunkle Schicksalsspruch lautete, »er solle sich vor dem hüten, der nur an einem Fuße beschuht sei.« Da indessen viele Jahre verstrichen, ohne daß ihm ein Unglück widerfuhr, so vergaß er die göttliche Warnung und fühlte sich wieder sicher.

Einst aber, als er dem Poseidon am Gestade des Meeres ein großes Opfer bereitete und das ganze Volk von Iolkos zu dem Feste versammelt war, kehrte Jason, der eben seinen Erzieher verlassen hatte, in die Heimat zurück und begab sich, da er zu Iolkos von dem Opfer hörte, geradeswegs an das Meeresufer. Alle bewunderten schon von ferne die edle, schöne Gestalt des herannahenden Jünglings. In einem reichen asiatischen Gewände schritt er einher, und über den Schultern hing ihm ein Pantherfell; in der Hand aber trug er zwei Lanzen. Die ganze Bekleidung und die Waffen zeigten den Fürstensohn. Nur eins entstellte ihn: als er durch den Fluß Anauros gewatet war, hatte er im Schlamme einen Schuh verloren. Ihr könnt wohl denken, daß dieser Umstand keinem mehr als dem Pelias auffiel, der jetzt erschreckt jenes alten Orakels gedachte.

Er ließ sich vor der Hand nichts merken und nahm seinen Neffen freundlich auf, und dieser, voll edler Begier nach großen Thaten, schien nur auf Züge zu sinnen, durch die er seinen Namen denen des Herakles und Theseus an Ruhm gleich stellen könnte. Zugleich jedoch forderte er, ehrlichen und biedern Gemütes, wie er war, von seinem Oheime die Herrschaft zurück, die dieser so unrechtmäßig an seines Vaters Stelle besaß.

»Wiewohl du mich betrogen hast«, sagte Jason, »soll doch Friede unter uns sein, denn wir sind nahe verwandt. Die Herden und die Ländereien, die du meinem Vater abgenommen hast, magst du ruhig behalten; aber der Thron gebührt mir, und den wirst du freiwillig abtreten, wenn du weiteres Unheil verhüten willst.«

»Höre mich an!« sprach der schlaue Pelias. »Ich habe fest beschlossen, den Thron keinem Unwürdigen abzutreten. Du sprichst zwar viel von Heldenthaten, allein du hast noch keine verrichtet. Wirst du nun diejenige glücklich vollführen, die ich dir auferlegen werde, so sollst du mir so wert wie ein Sohn sein und alsdann sogleich die Herrschaft über Iolkos aus meiner Hand empfangen.«

Jason brannte vor Begierde, den Auftrag zu vernehmen, und der listige Oheim fuhr fort:

»Ich werde dir ein Schiff ausrüsten und bemannen, auch für einen erfahrenen Steuermann sorgen, der die Wege kennt. Darauf sollst du nach Kolchis segeln und in meinem Namen dort von dem Könige des Landes das goldene Vließ zurückfordern, das eigentlich uns gehört, weil es durch Phrixos erst dorthin gekommen ist. Dadurch wirst du unsere Ehre rächen, unser Haus von dem schweren Zorne der Götter befreien und deinen eigenen Namen hochberühmt bei allen Griechen machen. Schwer, ich gestehe es, ist das Unternehmen, aber dem wahren Männermute ist nichts unmöglich.«

Der Jüngling erkannte wohl, daß es bei diesem Auftrage auf etwas ganz anderes als auf seinen Ruhm und auf die Ehre der Griechen abgesehen war, doch glaubte er denselben nicht füglich ablehnen zu können. Er ging lange mit sich zu Rate; endlich beschloß er, erst Griechenland zu durchwandern und die tapfersten Fürstensöhne zur Teilname an dem abenteuerlichen Zuge einzuladen.

Das that er, und seine Reise belohnte sich über seine Erwartung. Eine Menge kühner Jünglinge, ja selbst Männer von hohem Rufe erklärten sich zur Teilnahme bereit. Der Herrlichste der ganzen Heldenschar aber, die sich alsbald in Pagasä zusammenfand, war Herakles. Nächst ihm waren Kastor und Pollux, die beiden Dioskuren oder Zeussöhne, die berühmtesten Teilnehmer. Auch Telamon, nachmals Vater des ältern Aias, den wir bei Troja kennen gelernt haben, schloß sich ihnen an. Ein anderer berühmter Name ist Orpheus, ein thessalischer Fürst, dem die Sage eine Muse zur Mutter gab, weil er die Kunst des Saitenspiels und des Gesanges verstand und damit wunderbare Wirkungen hervorbrachte. Auch Patroklos' Vater, Menötios, damals noch ein Jüngling, hatte sich angeschlossen; nach einigen selbst Theseus.

Am Fuße des Berges Pelion ward das Schiff gezimmert, welches die abenteuernden Genossen aufnehmen sollte. Argos, der Baumeister des Schiffes, verewigte seinen Namen mit demselben, indem er es Argo nannte. Es war von unverweslichem Holze und von einer Größe, wie man bis dahin noch keines gesehen hatte. Als es fertig da lag, versammelten sich alle Teilnehmer am Strande, um dem Poseidon und allen Meeresgottheiten das große Festopfer von hundert Stieren, die sogenannte Hekatombe darzubringen, und forschten, dem Glauben der Zeit gemäß, nach Vorzeichen der Zukunft in den Eingeweiden der Opfertiere. Aus diesen ergab sich nichts als Glück; man rechnete mit Zuversicht auf den Beistand der Götter und ging nun frisch daran, die Argo auf untergelegten Walzen ins Meer zu schieben. Dann ward um die Plätze im Schiff gelost; doch ehrte man die beiden größten Helden, Herakles und Ankäos, dadurch, daß man ihnen die beiden mittelsten Sitze ohne Los einräumte. Der bescheidene Jason that noch mehr; er drang auf die Wahl eines Anführers. Alle riefen einmütig, Herakles soll es sein; allein dieser lehnte mit gleicher Bescheidenheit die Ehre ab, indem er erklärte, er halte es für schicklich und recht, daß derjenige die Schar anführe, der sie versammelt habe, und so folgten denn alle seinem Vorschlage und erkannten Jasons Oberbefehl an, der freudig diese Würde übernahm.

Jetzt ward eingestiegen. Herakles, der in dem Vorderteile des Schiffes saß, stellte seine gewaltige Keule vor sich, und die fünfzig Ruderer begannen ihren regelmäßigen Taktschlag, während Orpheus mit Gesang und Saitenspiel die Herzen erfreute. Alle Najaden (Wassernymphen), erzählt die Sage, hoben sich aus den Fluten des Meeres empor, um den reizenden Tönen zu horchen und zugleich den Wunderbau des Schiffes zu bestaunen. Ein günstiger Wind trieb dasselbe bei dem Vorgebirge Sepias und den Inseln Skiathos, Skopelos, Halonesos und Peparethos vorbei, so daß es schon am zweiten Tage auf die Höhe der Insel Lemnos gelangte. Auf derselben war nicht lange vorher ein seltsamer Aufstand ausgebrochen. Aphrodite, die Göttin des Liebreizes, hatte sich an den Weibern von Lemnos dafür, daß diese ihr übermütig die göttliche Verehrung versagt, rächen wollen und hatte sie zu dem Ende mit einem Übel gestraft, durch welches sie ihren Männern zuwider geworden waren. Diese hatten sich hierauf von ihnen getrennt, sich Sklavinnen aus Thrakien zu Weibern genommen und dadurch jene tötlich beleidigt. Aber die Verschmäheten sannen auf fürchterliche Vergeltung. In geheimer Zusammenkunft beschlossen sie, in einer bestimmten Nacht alle Männer zu überfallen und mit ihren neuen Weibern zu erdolchen. Es geschah und gelang. Am nächsten Morgen war das ganze männliche Geschlecht auf der Insel vertilgt, nur der alte König Thoas war am Leben geblieben; ihn hatte seine Tochter Hypsipyle in einem Kahne ins Meer geschoben, und so hatten ihn die Wellen ans Gestade der Insel Önoë bei Euböa getrieben.

Nur kurze Zeit sollten die mörderischen Lemnierinnen sich ihrer gelungenen Rache freuen, und bald quälte sie bittere Reue. Vergebens opferten sie jetzt der Göttin alle Tage; das Unheil war nicht ungeschehen zu machen, und was ihr schmerzlichster Vorwurf war: sie selbst hatten sich mit dieser Schuld beladen. Und woher sollten nun andere Gatten kommen? Unaufhörlich liefen sie ans Gestade und sahen fürchtend und hoffend zugleich über die blaue Meeresfläche hin, ob sich nicht etwa die Wimpel irgend eines Schiffes zeigten. Aber lange war ihr Spähen und ihr Gebet fruchtlos; erst den Argonauten war es vorbehalten, die Büßenden zu trösten.

Die Helden verwunderten sich nicht wenig, schon von ferne das ganze Ufer mit bewaffneten Weibern angefüllt zu sehen. Als sie sich dem Hafen näherten, zogen sich dieselben zwar in ihre Stadt zurück, doch schaute noch manches neugierige Gesicht verstohlen hervor nach den neuen Ankömmlingen. Die letzteren aber, welche von der seltsamen Staatsverfassung in Lemnos noch nichts wußten, beschlossen eine Gesandtschaft an den König der Insel zu schicken und um gastliche Aufnahme zu bitten. Jason, mutig wie er war, stellte sich selbst an die Spitze der Abgesandten und ging wohlgerüstet in die Stadt. An allen Thüren lauschten Weiberköpfe; ein Mädchen zeigte ihm den königlichen Palast. Hier ward er abermals von Mädchen empfangen und vor die Hypsipyle, die nunmehrige Königin der Insel, geführt. Diese nahm ihn freundlich auf, hieß ihn willkommen und erzählte ihm ein künstlich ersonnenes Märchen von einem Kriege der Thrakier mit den Lemniern, in welchem die letztern alle niedergehauen worden seien. Jason bat hierauf um Lebensmittel und Erfrischungen für seine Genossen, und die Königin bewilligte nicht nur dieses, sondern lud auch seine sämtlichen Gefährten ein in die Stadt zu kommen, wo sie aufs beste bewirtet werden sollten. Das ward dankbar angenommen, und Jason beeilte sich zunächst den Seinigen den sonderbaren Bericht abzustatten.

Diese begaben sich hierauf nach der Stadt; nur Herakles blieb freiwillig mit einigen Gefährten zurück, um das Schiff zu bewachen. Die Weiber legten es nun auf nichts Geringeres an, als ihre willkommenen Gäste auf immer an sich zu fesseln und womöglich ihnen die Reise nach Kolchis ganz und gar aus dem Sinne zu bringen. Alle Tage vergingen in Lustbarkeiten und Schwelgereien; es wurde getanzt, gesungen, gespielt, gegessen und getrunken nach Herzenslust, und die Weiber würden wahrscheinlich auch ihre Absicht erreicht haben, wenn nicht endlich Herakles die Männer fast mit Gewalt aus ihrem thatenlosen Leben herausgerissen hätte. Dieser war seines Wächteramtes auf dem Schiffe allmählich müde geworden; er konnte es nicht ertragen so viele Tage hintereinander in träger Rast zu liegen, und an den Schwelgereien jener Lüstlinge teilzunehmen verschmähte seine starke Seele. So berief er denn in gerechtem Unmut sämtliche Gefährten hinaus zu einer Versammlung und hielt ihnen in einer ernsten und kräftigen Anrede ihren Leichtsinn vor. »Den Schwelgern und Schmarotzern«, rief er aus, »steht der Kriegsgott nicht bei, und Weiberhelden werden das goldene Vließ nicht erobern. Habt ihr darum eure eigenen Weiber zu Hause verlassen, daß ihr hier mit fremden lustig leben wolltet? Wahrlich, ich rate euch umzukehren, wenn ihr nicht wollt, daß ich mich hier auf der Argo allein einschiffen und euch auf immer in Lemnos zurücklassen soll.«

Das fruchtete. Mit schwerem Herzen willigten sie ein, daß am nächsten Morgen schon aufgebrochen werden solle. Aber noch verbargen sie diesen Entschluß vor ihren freundlichen Wirtinnen, die nicht ahnen konnten, was ihnen bevorstand. Um so größer war daher deren Schrecken, als am Morgen jeder Gast seiner Wirtin die Hand drückte und sich für das empfangene Gut bedankte. Himmel, welch ein Klaggeschrei erhob sich da! und welche Thränen flossen! Hypsipyle zumal konnte sich nur schwer von dem geliebten Jason trennen. Sie beschwor ihn bei allem, was ihm heilig sei, auf der Rückreise noch einmal an die Insel heranzukommen und sie dann mit nach Griechenland zu nehmen. Alle ihre Kostbarkeiten drang sie ihm als Geschenk auf, und als er sich nun endlich losriß und in das Schiff sprang, folgten ihm noch ihre innigsten Glückwünsche und ihre zärtlichsten Scheidegrüße nach.

Die Argonauten steuerten nun gerade in den Hellespont hinein. Sie kamen bei der dardanischen Burg Abydos vorbei und landeten an der Küste der Dolionen. Die Bewohner dieser Landschaft, ein gastfreies Volk, nahmen sie mit Freuden auf, bewirteten sie aufs beste und behielten sie eine Nacht und noch einen Teil des folgenden Tages bei sich. Besonders beeiferte sich ihr König Kyzikos den Helden seine Achtung zu bezeigen, und den Jason zumal gewann er so lieb, daß er ihm die kostbarsten Geschenke zum Andenken mit auf den Weg gab. Herzlich erfreut und voll Danks gegen die friedlichen, freundlichen Dolionen brachen die Reisenden nachmittags wieder auf, wurden aber bald durch widrige Winde in ihrer Fahrt gehemmt. Doch ging alles gut, so lange es Tag war. Als aber die Finsternis eintrat, ward der Wind immer ungestümer. Man konnte durchaus nicht vorwärts, und der Steuermann fürchtete, das Schiff möchte an eine der vielen Klippen geschleudert werden, die in Meerengen so häufig sind. Nachdem also das Schiff eine lange Zeit trotz alles Mühens der Ruderer rückwärts getrieben war, riet derselbe wieder ans Land zu gehen, bis der Sturm vorüber sei. Das geschah, die Helden stiegen in der dichtesten Finsternis aus und banden ihr Schiff an, ohne zu ahnen, wo sie sich befanden. Es war nämlich wiederum die kaum verlassene, befreundete Küste der Dolionen, auf der sie wenige Stunden vorher so viel Gutes genossen hatten. Auch die Bewohner, welche die Ankunft eines Schiffes alsbald gewahr wurden, waren weit entfernt an ihre unlängst erst so freundlich entlassenen Gäste zu denken. Ihr erster Gedanke war vielmehr, daß es ein Trupp Pelasger sein möchte, wilde Nachbarn, welche mit ihnen in ewigem Kriege lebten und sie oft durch feindliche Landungen überraschten. Sogleich rief der König seine Leute auf; jeder warf in der Eile die Rüstung um und lief der Küste zu. Unseliges Geschick, daß auch nicht einer von so vielen die Stimme eines Freundes erkannte! In der Bestürzung dachte niemand daran den Feind zu erkennen, sondern nur ihn zu schlagen. Die Argonauten, über den feindlichen Empfang entrüstet, wehrten sich tapfer. Herakles' Keule zerschmetterte manchen Schädel, und Jason, der im Dunkeln auf den König selbst stieß, rannte ihm seine Lanze durch den Leib. Darauf ward alles still, und die Helden legten sich am Ufer zum Schlummer nieder. Ihre schmerzliche Enttäuschung beim Erwachen brauche ich euch nicht zu schildern. Noch sah Jason seine Lanze in der Brust des edeln Kyzikos stecken, der ihm erst gestern so viel Liebe erwiesen hatte. Auch manchen andern wackern Mann erkannten sie unter den Toten. Die übriggebliebenen Dolionen waren nicht minder betrübt, als sie ihr unglückliches Mißverständnis gewahr wurden. Sie stürzten auf die Griechen mit offenen Armen zu, als wollten sie es ihnen abbitten, aber diese meinten mit ihnen und maßen sich die größere Schuld bei. Alle schoren sich das Haar ab, nach der Sitte der Trauernden, zugleich fasteten sie mehrere Tage lang und bereiteten dem erschlagenen Könige ein stattliches Leichenbegängnis, Dann folgten reuige Opfer zur Versöhnung der Götter, deren Zorn man in dem fortdauernden Unwetter zu erkennen glaubte, und endlich, nachdem sich der Himmel aufgeheitert hatte, ward zum Zweitenmal die Abreise angetreten. Noch innerhalb der Propontis D. i. wörtlich das »Vormeer«, weil es den Eingang zum Pontos bildete; heutzutage heißt es das Marmarameer. landeten sie wieder und zwar an der Küste von Mysien. Hier blieben einige der Helden zurück; das war ein bedeutender Verlust, denn auch Herakles war unter ihnen. Er war mit seinem Lieblinge Hylas in den Wald gegangen, um sich ein neues Ruder zu schneiden. Als dieser aber, den die Nymphen der Quelle um seiner Schönheit willen geraubt, am Abend nicht zurückkehrte, ging er aus, um ihn zu suchen. Ohne des Herakles Rückkehr abzuwarten, benutzen die Argonauten den günstigen Wind am Morgen des folgenden Tages und segeln weiter.

Sie halten sich nun immer am rechten Ufer der Propontis und sprechen am folgenden Tage an der bithynischen Küste bei den Bebrykern ein. Das war ein kriegerisches Volk, dessen König, der wilde Amykos, sogleich herbeigelaufen kam, nachdem die Argonauten ans Land gestiegen waren, um Wasser zu schöpfen. »Heda, ihr Fremdlinge!« rief er, »bei uns ist es nicht Sitte, daß jeder Landstreicher herankommen darf, wie er Lust hat. Wir ehren nur die tapfern Männer, und wollt ihr von uns aufgenommen sein, so zeigt euch erst als solche. Habt ihr einen unter euch, der Herz hat es mit mir im Faustkampf aufzunehmen, so stellt ihn mir gegenüber! Aber wehe euch, wenn ich ihn besiege! Dann möchte wohl schwerlich einer von euch lebendig entrinnen.«

Die fürchterliche Stimme, die vollkommen dem Riesenwuchse des Herausfordernden entsprach, schmeckte dennoch die Griechen nicht so sehr, als er erwartet hatte. Vor allen sprang sogleich der kunstfertige Pollux hervor und rief ihm entgegen: »Du Übermütiger, wenn dich so sehr nach Schlägen gelüstet, so komm her, ich will dich zum friedliebenden Manne machen!«

Er warf den Mantel ab, und der Kampf begann. Nach manchem gräßlichen Schlage des gewaltigen Unholds und mancher geschickten Abwehr des vielgewandten Pollux standen zuletzt beide entkräftet da und mußten ausruhen. Sie trockneten sich den Schweiß ab, von dem sie ganz bedeckt waren, und während dieser Pause fragte Pollux den König, ob er nicht mit dieser Probe zufrieden sein wolle. Aber dieser, von des Gegners Kühnheit nur mehr angefeuert seinen alten Ruhm der Unbezwinglichkeit zu behaupten, gab eine trotzige Antwort. »Eher nicht«, sprach er, »als bis ich dich im Sande liegen sehe!«

So drangen sie denn mit gestärkten Kräften und erneutem Eifer noch einmal aufeinander ein. Jenseit riefen die Wilden ihrem Könige, von dieser Seite die Griechen ihrem Freunde durch laute Aufmunterungen Mut ins Herz. Auch diesmal blieb der Sieg lange zweifelhaft, bis endlich nach einem fürchterlichen Faustschlage des Bebrykers, der vermöge einer raschen Wendung des Pollux an dessen Seite unschädlich abglitt, der König einen Augenblick aus seiner festen Stellung kam und eben jetzt einen Schlag erhielt, der ihm die Besinnung raubte. Betäubt sank er in die Kniee, und dann stürzte er mit blutendem Gesicht vorwärts in den Sand hin. Als die Bebryker dies sahen, griffen sie den Pollux mit Knütteln an; aber nun fielen auf der Stelle die Griechen mit Spießen und Schwertern über sie her und schlugen sie in wenig Augenblicken in die Flucht. Pollux ließ sich seine Quetschungen, deren er nicht wenige bekommen hatte, mit lindernder Salbe bestreichen; die übrigen trieben ein paar Rinder von den furchtsamen Eingebornen auf, bereiteten sich ein Mahl, stärkten sich durch kurze Ruhe und bestiegen mit dem Anbruch des Morgens wieder ihr Schiff. Der schöne und kampflustige Jüngling hatte den plumpen, garstigen Riesen besiegt.

 << Kapitel 42  Kapitel 44 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.