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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 40
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authorKarl Friedrich Becker
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Erster Abend.

Die Zerstörung Trojas.

Seit Achilleus durch einen Pfeil des Paris oder, wie die Griechen meinten, des Apollon selbst getötet worden war, verschwand den letzteren fast alle Hoffnung, Troja jemals zu erobern. Zwar war auch Hektor, der Hort der Troer, nicht mehr, aber dennoch fehlte es der Stadt nicht an tapfern Bürgern und kriegerischen Bundesgenossen; auch war die Mauer, die sie rings umgab, noch unerschüttert. Und womit hätte man sie denn zertrümmern wollen, da es den Belagerern selbst an der allereinfachsten Art der Sturmmaschinen fehlte und solche überhaupt erst von der Kriegskunst späterer Zeiten erfunden wurden! Man würde also doch vielleicht endlich ruhmlos abgezogen sein, wenn nicht so viele und bestimmte Götterverheißungen die Hoffnung des endlichen Sieges noch immer rege erhalten hätten.

Alle Tage durchforschte der Seher Kalchas die Eingeweide frischgeopferter Tiere, um irgend ein Zeichen eines bestimmten göttlichen Ratschlusses zu finden. Endlich erhielt er die gewünschte Offenbarung. Nur mit Herakles' (Herkules) Geschossen, verkündigte er, könne Troja überwunden werden. Herakles war längst gestorben, sein Bogen und Köcher war in die Hände des Philoktetes gelangt, der ihm den letzten Liebesdienst erwiesen hatte; aber dieser Philoktet war nicht im Lager der Griechen, sondern lag krank auf der Insel Lemnos ! Dort hatte man ihn ausgesetzt, als man vor zehn Jahren nach Troja gezogen war, denn seine Krankheit – ein von einem Schlangenbiß ekelhaft eiternder Fuß mit widriger Ausdünstung – hatte ihn den Schiffsgenossen unerträglich gemacht. Jetzt wurde Odysseus (Ulysses) oder nach einer andern Überlieferung Diomedes an ihn abgesandt, ob er vielleicht noch am Leben sei. Wirklich lebte er noch, aber kummervoll und dem Wahnsinn nahe. Noch immer peinigte ihn der heftigste Schmerz; kein Mensch besuchte seinen öden Aufenthalt. Bei Tage schleppte er sich mühsam umher, um mit seinem Bogen irgend einen Vogel zu erlegen, und die Nächte brachte er, wimmernd und die treulosen Griechen verfluchend, auf dürrem Laube in einer feuchten Höhle zu. Es kostete viel Mühe, ihn zu der Fahrt nach Troja zu bewegen; doch endlich siegte die Furcht vielleicht gar seinen teuern Bogen zu verlieren, und so kam er zur großen Freude aller Griechen im Lager bei den Schiffen an, wo Machaon seine Wunde heilte.

Der bedeutendste Vorteil, den seine Ankunft verschaffte, war der, daß Paris durch einen jener nie fehlenden vergifteten Pfeile das Leben verlor; etwas weiteres schien aber durchaus nicht erfolgen zu wollen. Da verkündete den Griechen ein anderes Orakel, das Schicksal der Stadt hange an dem Palladion (Palladium) Frühzeitig hat sich die Kunst der Holzschnitzer an Bildern der Götter versucht, deren Gestalten in ganz roher Weise, die Füße noch ungetrennt, die Augen bloß durch einen Strich bezeichnet, dargestellt waren. Aber solche Bilder galten noch in späteren Zeiten als die heiligsten, und eine Menge von Wundersagen knüpfte sich an dieselben. Das troische Palladium stellte die Göttin dar, in der Rechten die Lanze schwingend, in der Linken Rocken und Spindel haltend. das heißt an dem Bildnisse der Pallas (Athene), welches in dem Tempel dieser Göttin aufbewahrt wurde. So lange die Trojaner dieses heilige Götterbild behüteten, könne ihrer Stadt von keinem Feinde ein Leid widerfahren.

Wie aber hätte man dieses Bildes habhaft werden können, wenn man nicht zuvor in die Stadt gedrungen war? Und war man erst in der Stadt, was bedurfte es dann des Bildes? So fragte wohl mancher an einem glücklichen Ausgange zweifelnd. Indessen konnte es in einer Versammlung, in welcher ein Odysseus saß, an Ratschlägen nicht fehlen. Ein schlauer Plan wurde denn auch jetzt entworfen, und Odysseus selber bot sich zur Ausführung an. Er und sein Freund Diomedes wollten beide als Bettler verkleidet in die Stadt schleichen, in der Nacht sich des Bildes bemächtigen und damit entfliehen. Die List gelang, und die beiden Verwegnen kamen glücklich mit dem Palladion noch vor Tagesanbruch in das Lager zurück.

Aber auch dies Orakel schien die ungeduldigen Belagerer zu täuschen. Die Stadt blieb ihnen nach wie vor verschlossen, und die Feinde hatten dem Anscheine nach von ihrem Mute nichts verloren. Da hatte der schlaue Odysseus einen andern Einfall. Wohlan! meinte er, das Palladion soll uns doch zu etwas nützlich sein. Er teilte hierauf insgeheim den übrigen Fürsten seinen Plan mit und fand vollkommene Zustimmung bei allen. Jetzt mußte ein tüchtiger Zimmermann, Epeios mit Namen, nach seiner Anweisung ein ungeheures hölzernes Gebäude zusammensetzen, dem man äußerlich, so gut sich's thun lassen wollte, die Gestalt und Farbe eines Pferdes gab, und das mit einer verborgenen Thür versehen war, durch welche man bequem in den hohlen Bauch des Ungetüms gelangen konnte. In dieser Höhlung müssen, der Beschreibung nach, wenigstens ein Dutzend Menschen Platz gehabt haben. Odysseus soll noch einmal verkleidet in die Stadt geschlichen und dort mit der Helena in Verbindung getreten sein, um alle Gelegenheiten genau auszukundschaften und dadurch den letzten Schlag klug vorzubereiten.

Kaum war das Pferd fertig, so schifften sich sämtliche Griechen nach der Verbrennung ihres Zeltlagers schleunig ein, als wollten sie nach der Heimat zurücksegeln. Nur die wenigen Auserlesenen, unter denen auch Odysseus und Diomedes waren, blieben heimlich im Bauche des hölzernen Pferdes zurück, und außer diesen ward noch ein verschlagener Gesell, Namens Sinon, mit Ketten belastet und wie zum Opfer aufgeputzt, ins Schilf am Ufer versteckt, um die vorbereitete List einzuleiten. Es versteht sich, daß die Flotte nicht wirklich nach Griechenland segelte, sondern daß es nur darauf abgesehen war, die Trojaner irre zu leiten. Schon bei Tenedos, einer Insel wenige Meilen vom trojanischen Gestade, machte sie Halt, um in der nächsten Nacht wieder zurückzukehren.

Welche Freude für die Trojaner, sich nach zehnjähriger Bedrängnis endlich einmal wieder frei zu fühlen, die Felder leer zu sehen, auf denen bisher Tag für Tag der Kampf getobt, die Stellen ohne Furcht besuchen zu können, wo der tapfere Hektor und der heldenmütige Achilleus erschlagen waren, wo die Myrmidonen-Zelte gestanden hatten, und wo noch jetzt die Spuren der ins Meer gezogenen Schiffe zu sehen waren! Männern und Weibern ward das Herz nun wieder leicht; alles strömte zum Thore hinaus, um die Örter zu besuchen, die durch den Krieg eine so traurige Berühmtheit erlangt hatten. Hier der Brunnen, wo Achill mit Hektor stritt, dort die Furt des Skamandros, wo Lykaon um sein Leben flehte, hier endlich die durchbrochene Mauer, hier der Lagerplatz, hier des Achilleus und Patroklos Totenhügel! Welche Erinnerungen knüpften sich an diese Stätten, welche Gefühle erwachten bei dem Anblick dieser Denkmäler! Aber eine Empfindung überwog doch jetzt alle andern: die des innigen Dankes gegen die Götter, die nun endlich der jahrelangen Not ein ebenso unerwartetes als erwünschtes Ziel gesetzt hatten.

Ein Umstand beunruhigte indessen die Gemüter noch: was sollte das seltsame Gebilde von Holz, das so einsam auf dem freien Platze da stand und gar kein Merkmal an sich trug, aus dem man seine Bestimmung hätte erraten können? Da man an den Füßen Räder erblickte, so glaubten die meisten, es solle eine Maschine sein, um mittelst derselben sich wohlgeborgen der Mauer zu nähern und diese zu überschauen, vielleicht sie gar zu überspringen. Andere vermuteten indes eine abergläubische Beziehung dahinter, die vielleicht mit irgend welchem wunderlichen Götterspruche zusammenhängen möchte. Noch andere endlich, wiewohl die wenigsten, ahnten den wahren Zweck des Ungetüms und bestanden auf Untersuchung des Innern. »Haut es nur auf«, rief Kapys, ein verständiger Mann, »da werdet ihr den Betrug sehen! Umsonst haben die Griechen einen so gewaltigen Koloß nicht gezimmert; aber wenn ihr mir folgen wollt, so schleppt ihn unbesehen ans Ufer und stürzt ihn ins Meer oder legt Feuer darunter, daß er von der Erde vertilgt werde.«

Indem noch in solchen Reden die geteilten Meinungen der zahlreich versammelten Menge sich aussprachen, sah man den ehrwürdigen Priester des Poseidon (Neptun), den silberhaarigen Laokoon, eilenden Fußes von der Stadt herkommen. Er hatte in den Opfern verdächtige Zeichen wahrgenommen, und ein reiferes Nachdenken über die schnelle Abfahrt der Griechen und ihr seltsames Geschenk hatte sein Herz mit gerechten Besorgnissen erfüllt. »Freunde«, rief er schon von weitem, »was wollt ihr thun? Was denkt ihr von dem Pferde?« Da kreuzten sich in verworrenem Tumult Stimmen und Meinungen; doch bald mußte er erkennen, daß der größere Haufe in dem Pferde ein heiliges Weihgeschenk sah und darauf bestand, es in die Stadt zu führen und neben den Athenetempel zu stellen. »Wie«, rief er, »seid ihr rasend? Ein Geschenk, das die Griechen hinterließen, in die Stadt aufzunehmen? So kennt ihr dieses hinterlistige Volk? So kennt ihr den Odysseus? Thoren, die ihr glaubt, sie seien nach Hause gesegelt und wollten nicht wiederkommen! Wer weiß, in welchem Hinterhalt sie lauern! Und dies seltsame Gebäude sollte ein Geschenk für Götter sein? Ein bübisches Werkzeug ist es, uns alle zu berücken, und sterben will ich, wenn es nicht Schurken in seinem Innern birgt, die auf Verrat und Tücke lauern!« – Bei diesen Worten rannte er mit Heftigkeit seine starke Lanze dem Pferde in die Seite, daß es zitterte, und horch! ein leises Klirren, wie von Waffen ertönte bei dem Stoße. Aber war es Leichtsinn oder bethörte ein Gott dem Volke die Sinne – die deutlich genug gegebene Warnung wurde nicht beachtet!

Und gerade jetzt trat der verschmitzte Sinon auf, um seine wohlersonnene Rolle zu spielen. Jünglinge, welche das Ufer genauer untersucht, hatten ihn im Schilfe entdeckt und schleppten ihn herbei zu dem größeren Haufen, um ihn auszuforschen. Er hatte die Miene eines Unglücklichen, den Angst und Kummer niedergedrückt haben, und nahte zitternd dem alten Priamos, der auch mit seinen Söhnen herausgekommen war, um das wunderbare Roß zu sehen. »Gute Götter!« seufzte er mit schwacher Stimme und einem trostlosen Blick gen Himmel – »was soll nun aus mir werden!« Der Ton und der Blick des schwergefesselten Jünglings rührte alle Umstehenden; man vergaß es, daß er ein Grieche sei, und drängte sich neugierig um ihn her, seine Geschichte zu hören. Aber noch lange hielt die Furcht seinen Mund verschlossen. Erst als der König selbst und mehrere wackere Männer ihn aufforderten, frei zu reden und alles Gute von ihnen zu erwarten, da schien er allmählich sich ein Herz zu fassen und brachte nach mancher Unterbrechung etwa folgende Worte heraus:

»Ja, König, wie könnte ich's verhehlen? ich bin ein Grieche, und Argos ist mein Vaterland. Hast du vielleicht jemals den Namen Palamedes nennen hören? Das war ein rechtschaffener Mann, aber eben deshalb den Bösen ein Dorn im Auge. Er war im Anfang des Krieges mit hierher gezogen, aber weil der Krieg ihm ungerecht und gottlos schien, so riet er unaufhörlich zur Heimkehr. Das war nun freilich vielen ein gehässiges Wort, und weil die besten unter dem gemeinen Volke sich täglich mehr auf seine Seite neigten, so – – ha! ihr werdet den Erzbösewicht, den Odysseus, kennen, der hat ihn über die Seite gebracht, wie so viele andere. Da sollte der schuldlose Mann mit euch verräterische Plane zum Schaden der Griechen geschmiedet haben – und kurz, Odysseus wußte es dahin zu bringen, daß Palamedes den Tod der Verbrecher starb! Damals war ich noch ein Knabe, aber dennoch fühlte ich tief das Unrecht, das man ihm gethan. Auch war sein Tod für mich die erste Quelle des Elends. Denn ihm hatte mich mein alter Vater übergeben, daß er mich zum guten anführen und meine Jugend bilden und beschützen sollte; auch ward ich von ihm wie ein Sohn gehalten. Ich konnte den bittern Haß gegen seinen heimtückischen Mörder nicht im Herzen verschließen; ich rief laut, ich wolle der Rächer meines Oheims werden, wenn uns die Götter eine glückliche Rückkehr ins Vaterland vergönnt hätten. Ach, und nicht damals allein in dem ersten Schmerze gelobte ich das; bis auf den letzten Augenblick habe ich kein Hehl aus meiner innersten Gesinnung gemacht, und noch würde ich's dem Elenden ins Gesicht sagen, wenn er hier wäre! Ihr könnt wohl denken, wie er mir seitdem bei jeder Gelegenheit nachgestellt hat; doch nimmermehr hatte ich gedacht, wie weit seine Bosheit gehen könnte. Mit Hilfe des Kalchas – – doch was halte ich euch mit meiner langen Erzählung auf? Nehmt mich! tötet mich! Als Feind habe ich kein anderes Schicksal zu erwarten, und wenn euch an Odysseus' Dankbarkeit gelegen ist, so kann ich dieselbe euch für meinen Tod mit der größten Zuversicht versprechen.«

Durch solche Worte nur neugieriger gemacht, ermunterten ihn die Hörer zur Fortsetzung seiner Geschichte, und so fuhr er denn nach manchem Seufzer und mancher erheuchelten Thräne fort: »Schon lange war es bei den Griechen beschlossen, das Lager abzubrechen und dies Land zu verlassen; aber es war, als hielten die Götter selbst uns zurück. Ununterbrochen wehte ein uns widriger Wind, und häufige Stürme machten uns scheu und unentschlossen. Um nun die Flotte nicht dem Zorne der Götter preiszugeben, ward beschlossen ein Boot nach Delphi abzusenden, dort wollte man den Rat Apollons einholen. Und welchen furchtbaren Bescheid brachten die Boten zurück! Mit Menschenblut, Mit Iphigeniens nämlich, s. S. 5. (?) hatte der Gott gesagt, habt ihr die Hinfahrt nach Troja erkauft; mit Menschenblut müßt ihr auch die Götter zur Heimkehr versöhnen. Ein kalter Schauder ergriff alle, als sie diesen Ausspruch des Gottes vernahmen, und jeder zitterte, ob nicht er etwa gemeint sei. Da zog der Ithaker eines Morgens mit großem Geschrei den Priester Kalchas in die Volksversammlung und drang in ihn, das Opfer zu nennen, welches Apollon sich erwählt habe. Jetzt war es bei allen, die mich kannten, und bei mir selbst zur Gewißheit geworden, welchen Namen der bestochene Priester aussprechen würde, und mancher mitleidige Blick sagte mir, was jeder ahnte. Zehn Tage schwieg der Seher, als getraue er sich nicht, den Willen des Gottes zu verkünden. Endlich sprach er das verhängnisvolle Wort; halb ohnmächtig hörte ich meinen Namen nennen, und alle jubelten voller Freude, daß das, was bisher jeder für sich gefürchtet hatte, nun endlich auf einen gefallen war. Nun ward ich gefesselt, mit Opferbinden umwunden, mit heiligem Gerstenbrot genährt und zu dem schrecklichsten Schicksal aufbewahrt. Das übrige könnt ihr erraten. Diesen Morgen vor Sonnenaufgang sollte ich den Altar schmücken! Aber ich entfloh in der Nacht und habe wohl zwölf bange Stunden im kalten Sumpfe zwischen dichtem Röhricht in meinen schweren Ketten zugebracht. Ob sie an meiner Stelle einen andern Unglücklichen geschlachtet haben oder ganz ohne Opfer fortgezogen find, weiß ich nicht. Ihnen bin ich nun wohl entflohen, aber mein teures Vaterland, meinen alten guten Vater wiederzusehen – die Hoffnung muß ich verloren geben!«

Der edle Priamos, der bei diesen Worten an seine vielen getöteten Sohne dachte, konnte sich der Thränen nicht enthalten und war so von des Heuchlers Lügen getäuscht, daß er ihm sogleich die Ketten abnehmen ließ und ihm den vollkommensten Schutz in seinem Hause und unter seinem Volke versprach. Auch die übrigen bemühten sich ihn zu erheitern, und mancher drückte ihm gutmütig die Hand oder klopfte ihn freundlich auf die Schulter. Vor allen Dingen aber sollte er nun der Versammlung das Rätsel des hölzernen Pferdes lösen. Er schien sich zu bedenken, und erst nach vielen Nötigungen war er dazu bereit. Mit dem Ausdruck der Dankbarkeit und der überwundenen Furcht hob er die entfesselten Hände empor und sprach:

»Hört mich, ewige Götter, ihr Zeugen und Prüfer heiliger Schwüre; auch ihr, Altäre, denen ich entfloh; ihr Opferbinden, die ich von mir werfe! Mit diesem Schmuck entkleide ich mich jetzt alles dessen, was griechisch an mir ist, und trete feierlich zu dem biedern Volke, das mich so brüderlich aufnimmt, während mein eignes mich verstößt! Kein Geheimnis sei mir ferner heilig, das ein Odysseus zum Schaden dieses Volks ersann, wie ernst ich's auch gestern noch beschworen habe. Ich habe gegen jene keine Pflichten mehr zu beobachten.«

»Ja, edler König, von ihm rührt diese trügerische Erfindung her! Sie ist gemacht, euch sicherer zu berücken, als es dem Hinterlistigen bisher gelungen ist. Ihr wißt, ein falsches Orakel hatte ihn so tollkühn gemacht mit Diomedes in die Stadt zu schleichen, die Thorwächter zu töten und das Palladion aus Athenes Tempel zu entwenden. Kaum war dies Unglücksbild im Lager, so traf uns Not auf Not, und eine böse Vorbedeutung über die andere lehrte uns deutlich, daß nun erst recht der Zorn der Götter gereizt sei. Die Augen des Götterbildes funkelten, man sah an den Gliedern kalten Schweiß und hörte ein wunderbares Stöhnen um die Zeit der Mitternacht. Da erging der Ausspruch des Kalchas, die Göttin wolle ihr Bildnis oder ein anderes ihr geweihtes Denkmal an dessen Stelle den Trojanern zurückgegeben wissen, und wolle man von dem Kriege noch irgend einen glücklichen Erfolg hoffen, so müsse die ganze Flotte noch einmal von Argos auslaufen, nachdem die Götter auf vaterländischem Boden aufs neue durch fromme Opfer versöhnt seien.«

»Indem man nun auf ein Weihgeschenk zur Entsühnung für das geraubte Pallasbild sann, fiel Odysseus auf diese List. Hört, sprach er, laßt uns ein Pferd bauen, so groß, daß es nicht durch die Thore geht; das weihen wir dann und lassen es auf dem Felde stehen, so haben wir das unsrige gethan. Jene werden die heilige Bestimmung des Tiers nicht vermuten, sie werden es vielleicht in ihrer Thorheit verspotten, und dann ist der Zorn der Götter ihnen gewiß. Oder wenn sie sich auch nicht daran vergreifen, so können sie es doch nicht nach Würde ehren, denn wie wollten sie es zur heiligen Stätte bringen? – Der Einfall ward laut gepriesen, wie alles, was der Schwätzer vorbrachte; und so seht ihr nun das gefährliche Geschenk, das euch großes Heil oder großes Verderben bringen kann, je nachdem ihr es aufnehmet. Wie würde der Arglistige sich freuen, wenn ihr die Heiligkeit des Weihgeschenkes verkenntet und es vielleicht gar zertrümmertet! Doch, jetzt eines Besseren belehrt, wißt ihr, was ihr zu thun habt.«

Alle trauten dem Lügner, und wo noch etwa jemand einen geheimen Zweifel nährte, der war durch einen seltsamen Vorfall plötzlich umgestimmt. In dem Augenblicke nämlich, da Sinon seine trügerische Rede geendigt hatte, biß eine Schlange, die niemand unter dem Grase bemerkt hatte, den alten Laokoon unversehens in das Bein, daß er laut aufschrie und alsbald an der giftigen Wunde starb. Erstaunen erfüllte alle Anwesende, und da der Greis noch kurz vorher das hölzerne Pferd so gelästert, ja mit der Lanze verletzt hatte, so sah der Glaube des Volks in diesem Schlangenbisse die göttliche Strafe für jene Lästerung, ja man hielt durch dies Wunderzeichen die Aussage Sinons für augenscheinlich von der Gottheit selbst bestätigt.

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