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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 4
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Vierter Abend.

Nausikaa.

Scheria ward von dem friedlichen, uralten Volke der Phäaken bewohnt. Es trieb mehr Handel und Schiffahrt als Ackerbau und Jagd, und hatte eine Stadt unfern des Hafens erbaut. Daneben sah man Schiffswerfte mit Arbeitern und Fahrzeugen aller Art. Ordnung, Sitte und Wohlstand blühte unter ihnen, und über sie herrschte ein milder König, Alkinoos genannt, der einen prächtigen Palast in der Stadt hatte, in welchem sich die Vornehmsten der Phäaken täglich zu versammeln pflegten, um mit ihrem Könige zu opfern und zu schmausen. Unter dem doppelten Segen des Friedens und einer fruchtbaren Natur hatte sich das Volk zu seltener Bildung und Betriebsamkeit erhoben.

Des Odysseus göttliche Freundin, Athene, ersann nun, während der Ermüdete schlief, ein Mittel, um ihn, wenn er erwacht sein würde, mit guter Art zu der Bekanntschaft der Vornehmsten der Insel zu führen und ihm eine gastliche Aufnahme bei denselben zu bereiten. Der König hatte eine schöne junge Tochter, Nausikaa. Diese lag noch im erquickenden Morgenschlummer; da erschien ihr Athene im Traume, unter der Gestalt einer lieben Jugendgespielin, und redete sie scheltend an:

»Du Träge, denkst du denn gar nicht daran die schönen Gewänder zu waschen, die jetzt schmutzig im Hause liegen? Bald wirst du Braut sein, und wie wird sich's dann schicken, wenn bei dem festlichen Brautzuge die Kleider nicht sauber und schön sind! Ein tadelloser Anzug ist eine Zierde des Menschen. Geh, mache dich hurtig auf, sobald der Morgen graut; laß dir vom Vater einen Wagen und Maultiere geben, und fahre alles Zeug hinaus auf den Waschplatz; ich selber will mitgehen, und Mägde nehmen wir auch mit. Da wollen wir waschen und trocknen, daß Vater und Mutter sich freuen sollen.«

Nausikaa wunderte sich über den Traum, und nach dem uralten Volksglauben, der Träume heilig hält, beschloß sie ihm zu gehorchen. Sie bat ihren Vater um den Wagen, gedachte aber dabei nicht ihrer Hochzeit, sondern nur der Bedürfnisse der Brüder, um auch Männerkleider zur Reinigung mitnehmen zu können. Der König ließ anspannen, und nun holte sie die wollenen Mäntel, Gewänder und Decken (damals die einzige Wäsche, die man hatte) herbei und packte sie in den Wagen. Die Mutter legte Speisen und Salben in ein Kästchen und fügte einen ziegenledernen Schlauch mit Wein hinzu. So gut versorgt, setzte sich die schöne Wäscherin auf den Wagen, ergriff Peitsche und Zügel und fuhr zur Stadt hinaus. Ihr folgten zu Fuße die andern Jungfrauen.

Sie kamen auf dem Waschplatze an. Er lag an einem klaren Strome, aus welchem das Wasser durch Rinnen in steinerne Behälter floß, die in die Erde gegraben waren. Denn die Einfalt jener Zeiten wußte noch nichts von Waschfaß und Seife; man warf das Zeug in eine solche Grube voll kalten Wassers, die Mädchen entkleideten sich und sprangen selbst hinein und walkten das Zeug mit den Füßen. Ebensowenig bedurften sie zum Trocknen der Leinen und Klammern. Man breitete die Gewänder auf einer reinen kiesigen Fläche am Ufer des Flusses aus, und waren sie getrocknet, so wurden sie sofort wieder getragen.

Auf diese Art verfuhr nun auch die schöne Nausikaa mit ihren Gespielinnen. Aber während das Zeug zum Trocknen ausgebreitet lag, badeten sich die Mädchen, salbten sich und öffneten Kasten und Schlauch, um ein Frühstück im Freien einzunehmen. Fröhlich scherzend sprangen sie dann auf, stellten sich in einen Kreis, und nun stimmte Nausikaa einen reizenden Gesang an, während die Mädchen dazu tanzten und sich mit Ballspiel ergötzten. Nachdem sie des muntern Spieles genug getrieben hatten, rafften sie die Gewänder vom Boden auf, legten sie sorgsam zusammen und trugen sie wieder in den Wagen, spannten dann die Maulesel vor, welche unterdessen abgeschirrt auf der Weide gegraset hatten, und machten sich reisefertig. Aber ehe Nausikaa aufstieg, machte sich das schalkhafte Mädchen noch den Spaß, nach einer der anderen mit dem Balle zu werfen. Der Ball traf nicht und fiel weit weg in den Strom hinein. Wie kreischten die mutwilligen Mädchen auf! Von den Ufern schallte der Jubel wieder, denn die Mädchen konnten nicht aufhören frohlockend in die Hände zu klatschen. Und siehe, wunderbar hatte es Athene so veranstaltet! Denn gerade das laute Gelächter weckte den schlafenden Odysseus, der bis dahin in seinem Gebüsche weder etwas von den nahen Wäscherinnen gehört hatte, noch von ihnen bemerkt war. Er richtete sich horchend auf, rieb sich die Augen und zupfte sich die Blätter aus Haar und Bart.

»Halt«, dachte er, »das sind Menschen. Aber wehe mir, was für Menschen werden es sein? Vielleicht gar wilde Räuber und rohe Barbaren, die meine Sprache nicht verstehen und von Göttern und Gastfreundschaft nichts wissen?! Doch es klang ja wie Mädchengekreisch, und sie lachten so herzlich; gefährlich kann das nicht sein. Ich muß nur hervorkriechen und die Menschenkinder besehen.«

Er wand sich aus dem Dickicht heraus, schüttelte das Laub von sich, und weil er ganz unbekleidet war und sich billig schämte solchergestalt vor ihnen zu erscheinen, so brach er sich mit starker Faust einen buschichten Zweig ab, um sich damit zu decken. So kam er schier wie ein wildes Waldungeheuer hervor. Die Mädchen, die ihn auf sich zuschreiten sahen, erschraken, schrieen laut auf und liefen davon. Nausikaa nur war beherzter, denn Athene hauchte ihr unsichtbar Mut in die Brust. Sie blieb ruhig stehen und erwartete den vom Schlamme des Meeres ganz bedeckten, struppigen Mann. Er kam näher, wagte es jedoch nicht nach Sitte der Flehenden ihre Kniee zu umfassen, sondern richtete aus ehrerbietiger Entfernung seine Bitte an sie. Er achtete, wie von jeher edle und gute Menschen thaten, ihr Geschlecht. Denn nur der Verworfene naht sich der Unschuld frevelnd; dem Tugendhaften ist sie heilig.

»Flehend nahe ich dir«, sprach er, »Göttin oder Jungfrau; denn ich weiß nicht, wer du bist. Bist du eine Göttin, so mußt du Artemis sein, das sagt mir deine schlanke Gestalt und deine herrliche Bildung. Bist du aber eine sterbliche Jungfrau, o so preise ich deine Eltern und deine Brüder glücklich; ihr Herz muß höher schlagen, wenn sie sehen, wie schön du im Tanze einherschwebst. Aber glücklicher als alle achte ich den Mann, von dem dein Vater die Freiergeschenke annimmt und der dich dann als seine Braut nach Hause führt. Ha, wahrlich, nie habe ich solche Schönheit gesehen! Nur in Delos einmal, da sah ich an Apollons Opferaltare einen eben so schlanken – Palmbaum emporgeschossen, und staunte über den Anblick, wie ich jetzt vor dir staune. Denn dort bin ich gewesen, und ach! viel weiter noch umher. Ich habe vielen Jammer erfahren, und auch jetzt noch bin ich in Ängsten; denn gestern hat mich das stürmische Meer an das Ufer dieses Landes geworfen, das ich nicht kenne, und worin niemand mich kennt. Ich wage es nicht, holdes Mädchen, deine Kniee zu umfassen. Aber erbarme dich meiner; denn nach unendlicher Trübsal bist du die Erste, die mir begegnet. Zeige mir die Stadt, wo die Männer dieses Landes wohnen, und gieb mir etwas Schlechtes zur Bedeckung, etwa ein Wickeltuch, worin du die Wäsche geschlagen hast. Möchten dir's die Götter tausendfältig belohnen; möchten sie dir schenken, soviel dein Herz nur begehrt, einen Mann und ein Haus und selige Eintracht darinnen. Denn nichts ist wahrlich so wünschenswert, als wenn Mann und Weib friedlich, in treuer Liebe vereinigt, ihr Haus verwalten, daß alle Bösen und Neider sich ärgern, die Freunde aber sich herzlich der Eintracht freuen. Aber die größte Freude genießen sie davon doch selbst!«

Der schönen Nausikaa gefiel die herzgewinnende Rede des Fremdlings, und sein Schicksal jammerte sie. Sie sagte ihm ihren Namen, erzählte von ihrem Vater und von dem Volke der Phäaken und versprach ihm eine freundliche Aufnahme. Zuerst rief sie die entflohenen Mädchen herbei, die in scheuer Ferne standen, schalt sie über ihre Zaghaftigkeit aus und befahl ihnen, den Gast zu baden und mit Trank und Speise zu erquicken.

Aber der Mann sah gar zu fürchterlich aus. Eine ermunterte immer die andere, den Anfang zu machen; endlich faßten sie sich ein Herz und führten den Odysseus an den Strom. Nausikaa schickte ihm ein Paar von den frisch gewaschenen Gewändern und den Rest ihres Öles; die Mädchen legten alles am Ufer nieder und entfernten sich schamhaft, während jener den salzigen Schlamm von seinem Körper abwusch und sich mit Öle salbte.

Das Bad that ihm recht not, denn schon lange entbehrte er dieser Erfrischung. Aber dafür erschien er nun auch wie neugeboren; im Schmuck der Gewänder trat er verjüngt unter die Mädchen, die staunend das schöne, blühende Antlitz betrachteten. Es dünkte sie, als sei er größer und herrlicher geworden. Das struppige Haar ringelte sich nun in glänzenden Locken über Stirn und Nacken herab, und aus seinen Mienen strahlte eine Hoheit und Anmut, daß Nausikaa sich des Wunsches nicht erwehren konnte, es möchte ihm doch gefallen in Scheria zu bleiben und sie zur Gemahlin zu nehmen. Jetzt reichten ihm die Jungfrauen, was sie von Speisen und Wein noch übrig hatten, und wahrlich – der arme Mann hatte lange genug fasten müssen!

Als er gesättigt war, rüstete sich die Gesellschaft zur Rückkehr, Nausikaa bestieg wieder ihren Wagen, die Mädchen folgten zu Fuße nach. Odysseus mußte mit ihnen gehen, so lange der Weg noch durch Felder und Wiesen sich hinzog. Als sie sich aber der Stadt näherten, hieß ihn die Königstochter beiseite gehen und in einem Pappelhaine zurückbleiben, bis sie selbst mit den Jungfrauen zu Hause angelangt sein werde. Dann solle er nachkommen und als ein bittender Gast im Hause ihres Vaters einsprechen.

So wollte sie übeler Nachrede bei den Leuten ausweichen, daß keiner von ihr sagen sollte: »Ei seht doch, welchen stattlichen Fremdling hat sich denn dort Nausikaa auserlesen? Den wünscht sie wohl gar zum Gemahle! Sie kann's gewiß nicht erwarten, bis einer um sie wirbt! Besser war's auch aus der Fremde sich den Gatten zu suchen, denn die Freier aus den edlen Jünglingen unseres Volks sind ihr wahrlich zu schlecht. Nein, Fremdling«, fügte sie errötend hinzu, »das soll man nicht sagen. Ich selber habe ja oft andere Mädchen getadelt, die sich wider den Willen der Eltern zu einem Manne gesellten, ehe öffentlich die Vermählung veranstaltet war.«

Noch eine Weisung gab Nausikaa dem Odysseus. Er solle, wenn er in den Saal des Palastes eingetreten sei, zuerst die Kniee der Königin umfassen und von ihr seine Rettung erbitten. Sei diese ihm gewogen, dann dürfe er getrost hoffen die Heimat wieder zu sehen. Nun erst solle er zu dem Könige herantreten. Odysseus merkte sich alles genau, und blieb ehrfurchtsvoll in dem Haine zurück, bis er die Jungfrauen an Ort und Stelle vermutete. Betend hob er indessen die Hände empor zu seiner Schützerin Athene, daß sie ihn Mitleid und Gunst finden ließe bei den Männern des unbekannten Volkes.

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