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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 39
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authorKarl Friedrich Becker
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Kleinere Erzählungen

Die drei Knaben, welche nun seit sechs Wochen mit den Sagen des griechischen Altertums unterhalten worden waren, meinten, als der Lehrer mit Hektors Tode geschlossen, es könne dem freundlichen Erzähler unmöglich an Stoff für die anderen Abende fehlen. Und seitdem sie zumal gehört, es gebe einen lateinischen Dichter, Namens Vergilius, der ein ebenso bekanntes Heldengedicht als die Iliade und Odyssee gedichtet habe, da war Vergil! Vergil! die Losung der ungestümen kleinen Dränger.

Erfreut über den empfänglichen Sinn seiner Hörer, versetzte endlich der Lehrer: »Vergil oder, wie man gewöhnlich sagt, Virgil ist freilich dem Homer nicht gleich zu stellen. Es hat eben mit den Heldengedichten eine eigene Bewandtnis. In jener uralten Zeit, in welcher Homer gelebt haben soll, schrieb man weder Gedichte noch andere Bücher. Wer nicht die glückliche Gabe besaß, daß er eine ganze Erzählung im Gedächtnis bewahren oder sie frei erfinden und aus dem Stegreif zum Klange eines Saiteninstruments melodisch vortragen konnte, der durfte nicht auf den ehrenvollen Namen eines Sängers Anspruch machen.«

»Einem solchen, gewiß sehr seltenen Talente verdankte Homer seinen Ruhm. In wandernden Sängern erschien die Dichtkunst zuerst unter allen Völkern der Welt. Das Volk hielt dieselben hoch; die Könige wetteiferten, sie zu belohnen. Wie die in den homerischen Gedichten geschilderten Sänger, Phemios im Hause des Odysseus, Demodokos in dem Palaste des Phäakenkönigs, überall freundliche Aufnahme, Speise und Trank finden und als Günstlinge und Boten der Götter hoch geehrt werden, so soll nach einigen Sagen auch Homer wandernd von Stadt zu Stadt gezogen sein. Da nun aber die Sänger bei den festlichen Schmäusen und in den Versammlungen des Volks eben nur so lange sich vernehmen ließen, als für die Dauer des Mahles oder des Festes genügte, da ferner an eine regelmäßige Fortsetzung der Gesänge kaum gedacht werden kann, so ist es schwer zu glauben, daß ein alter Sänger ein Heldengedicht von so bedeutendem Umfange zusammengesetzt habe, wie ihn die Ilias und die Odyssee in ihrer jetzigen Gestalt zeigen. Der Gesang durfte die Kräfte des Sängers, aber er durfte auch die der Zuhörer nicht überschreiten, da diese das Lied dem Inhalte nach so fassen müssen, daß sie allenfalls in den Stand gesetzt werden, es selber zu singen.«

»Es haben also«, fiel Anton ein, »diese alten Sänger wohl nur immer einzelne Abenteuer aus der Geschichte der trojanischen Helden gesungen, wie man sie eben verlangen mochte; einmal etwa die Geschichte von dem großen Kyklopen, ein andermal die von der Kirke, dann einmal wieder Hektors Tod und so fort.«

»Ganz recht«, erwiderte der Lehrer.

»Aber wie ist es nur möglich«, nahm jetzt Wilhelm das Wort, »ein so langes Gedicht in so kurzer Zeit auswendig lernen und behalten zu können? Wenn ich nur zwanzig lateinische Vokabeln lernen soll, muß ich sie wohl fünfzigmal überlesen, und in acht Tagen habe ich doch die meisten wieder vergessen.«

Der Lehrer lächelte: »Ich weiß wohl, wie viel Mühe dir die Vokabeln machen. Aber mit einem Liedchen, das du lernen mußt, geht es doch schon weit leichter, als mit abgerissenen, unzusammenhängenden Vokabeln, und überdies kannst du noch gar keinen Begriff davon haben, wie sich plötzlich alle Geisteskräfte in einem Menschen zu einer ganz außerordentlichen Höhe spannen, wenn lebendige Begeisterung für den Gegenstand, den er gewählt hat, ihn ergreift. Dazu kommt die lebhaftere und regere Einbildungskraft der Griechen und ihr vielgeübtes, leichtfassendes Gedächtnis. Denn während wir uns nur zu sehr gewöhnt haben in allen Dingen die Schrift zu Hilfe zu nehmen und uns auf das geschriebene Wort zu stützen, haben die Alten, auch noch in späteren Zeiten, vor allem die Kraft des Gedächtnisses ausgebildet und eine förmliche Kunst des Merkens, eine sogenannte Mnemonik, dafür ersonnen.«

»Wie wurde es aber nach Homers Tode mit den unaufgeschriebenen Gesängen?« fragte Julius.

»Es finden sich Spuren«, antwortete der Lehrer, »daß berühmte Sänger eine Zahl von Lehrjüngern um sich sammelten, die ihnen ihre Gesänge ablernten und sich zu förmlichen Sängerinnungen vereinigten. Auf solche Weise scheinen auch die homerischen Gesänge durch hunderte von Jahren im Volke fortgepflanzt worden zu sein, was bei der regen Teilnahme besonders des jonischen Stammes in Kleinasien nicht auffallen kann. Es lag in der Natur dieser einzelnen Gesänge, daß sie sich auf bestimmte Sagenkreise beschränkten. Andererseits aber regte sich das Verlangen, den in jenen Liedern vorliegenden Stoff zu erweitern, und sowohl die Sagen des trojanischen Krieges bis zur Zerstörung der Stadt als auch die Schicksale des Odysseus in besonderen Liedern zu umfassen, als deren Mittelpunkt Ilias und Odyssee gelten müssen. Diesen Kreis bildete eine Reihe von Dichtern, die man eben daher kyklische Dichter genannt hat; denn das griechische Wort Kyklos bedeutet so viel als Kreis. Die Sage erzählt weiter, daß der berühmte spartanische Gesetzgeber Lykurgos auf seinen Reisen die homerischen Gedichte in Ionien, dem Lande ihrer Entstehung, zuerst kennen gelernt und sie mit sich nach Sparta gebracht habe. Drei Jahrhunderte nach jenem hat dann der athenische Gesetzgeber Solon verordnet, daß dieselben zum Unterrichte der attischen Jugend benutzt und, um jede willkürliche Änderung zu verhüten, in einer festeren Form niedergeschrieben werden sollten. Die Peisistratiden sind die ersten gewesen, welche die einzelnen Lieder in zwei zusammenhängende Gedichte vereinigen und in derjenigen Ordnung aufzeichnen ließen, in welcher sie noch jetzt verbreitet sind. Seitdem aber die beiden großen Gesänge, Ilias und Odyssee, auf diese Weise zu einem Buche geworden waren, vervielfältigten sich allmählich die Abschriften derselben, und es ward noch lange nachher von späteren Händen (namentlich den Gelehrten in Alexandrien) daran gebessert und gefeilt, um die einzelnen Teile in ein besseres Verhältnis untereinander zu bringen und das Ganze mehr abzurunden.«

»Lange Zeit las man nun in Griechenland den Homer und lernte ihn auswendig, ohne daran zu denken ihn nachzuahmen, Dazu ehrte man ihn teils zu hoch, teils glaubte man, die Zeit, in welcher solche epische Dichtungen gleichsam naturwüchsig aus dem Schoße des Volks hervorgehen könnten, sei ein für allemal vorüber. Das war auch sehr richtig gedacht. Man blieb aber nicht bei diesen Gedanken. Lange nachher als auch schon die anderen großen Meister griechischer Dichtkunst und Beredsamkeit aufgestanden waren, begann man allmählich diese Schätze der Litteratur mit gelehrtem Eifer zu studieren und aus ihnen die Gesetze und Regeln oder die sogenannte »Theorie« der Kunst zu ziehen. Man teilte die Gedichte in Klassen, untersuchte, was die zu einer Klasse gehörigen Gedichte miteinander gemein hatten und stellte nun die Erfordernisse zu einem guten Trauerspiel, Lustspiel u. s. w. fest, und ebenso verfuhr man mit den beiden uralten ehrwürdigen Nationalgedichten, der Ilias und Odyssee. Man nannte sie Epen oder Heldengesänge, zergliederte sie gleichfalls und zog die Regeln heraus, nach welchen Homer etwa verfahren sein könnte.«

»Aber man wußte ja doch«, fiel Anton ein, »daß diese Dichtungen nur allmählich entstanden waren!«

»Das wußte man nicht mehr«, versetzte der Lehrer. »Diese Kunde hatte sich schnell verloren, und erst die scharfsinnigen Forschungen unserer Zeit haben wieder darauf hingeführt, wiewohl man auch früher schon gezweifelt hatte, ob Ilias und Odyssee das Werk eines Sängers seien, und ob sie ursprünglich schon ein Ganzes gebildet.«

»Der alte Homer ward eben wie jeder spätere Dichter betrachtet, und da man bei ihm Götter und Halbgötter zur Erde herabsteigen und handelnd an den Ereignissen und Schicksalen der Menschenwelt teilnehmen sah, so meinte man alsbald, Göttererscheinungen seien in jedem Heldengedichte unentbehrlich; man verlangte eine Fülle von Wundern, Abenteuern und Gefahren, in denen sich der Held zu bewähren habe, und das Gedicht selbst endlich müsse in Hexametern geschrieben sein.«

»Nach diesen Vorschriften etwa verfertigten nun mehrere griechische Dichter zur Zeit des Verfalls der griechischen Bildung Heldengedichte, in denen man zwar Kunst und Sorgfalt des Versbaus nicht verkennen konnte, die aber in Ansehung der Erfindung schwach genug waren. Eines davon, die Argonautika geheißen, ist uns in vier Büchern noch übrig. Es rührt von Apollonios, einem Alexandriner her, der etwa 200 Jahre vor Christi Geburt Bibliothekar zu Alexandrien war, und der wegen seines langen Aufenthalts auf der Insel Rhodos den Beinamen des Rhodiers bekommen hat. Der Held dieses Gedichts ist Jason. Auch ihn treibt der Dichter durch alle Meere umher; aber so arm ist sein Sinn, daß er ihn schlechterdings zu keinen andern Völkern und Inseln hinzuführen weiß, als wo Odysseus gewesen ist. Die Kirke, die Skylla und Charybdis, die Sirenen, der König Alkinoos und seine kluge Gemahlin Arete – alle diese Personen kommen hier wieder vor. Auch an Stürmen, Prophezeiungen der Meergötter, Orakeln, Gesprächen zwischen Here und Zeus, Göttererscheinungen, Vorbedeutungen u. s. w. fehlt es natürlich nicht. Es versteht sich, daß dergleichen damals wenigstens von dem aufgeklärten Teile der Griechen längst nicht mehr geglaubt wurde; allein Homer hatte diese Wunderdinge, und da Homer das beste Heldengedicht gemacht hatte, glaubte ihm Apollonios auch hierin nachahmen zu müssen. Aber Homer ließ sich eben nicht nachahmen; während bei diesem überall reine Natur ist, sieht man hier nur den mühsam arbeitenden Gelehrten, der mit aller seiner Kunst und Künstelei kalt läßt und ermüdet.«

»Mit dem Verfall der Griechen stieg die Macht und der Ruhm der Römer und erreichte den höchsten Gipfel um die Zeit, da Christus geboren wurde. Damals war dieser ungeheure Freistaat nach langen Bürgerkriegen dem Scepter eines Alleinherrschers, des Augustus, unterworfen worden und genoß einer gewissen Ruhe, die den Künsten und den wissenschaftlichen Bestrebungen günstig war. Bis dahin hatten die Römer kein großes Bedürfnis nach Dichterwerken gefühlt; jetzt legte man sich auf das Studium der Griechen, übersetzte sie und ahmte sie nach. Horaz, ein berühmter Römer aus dieser Periode, schlägt sein Verdienst, kleine lyrische Gedichte in den griechischen Silbenmaßen zuerst auf eine geschickte Weise im Lateinischen nachgebildet zu haben, so hoch an, daß er sich überzeugt hält, die Unsterblichkeit könne ihm dafür nicht entgehen. Und doch sind seine übrigen Werke, in denen er selbständig auftritt, weit geeigneter, seines Namens Ruhm zu sichern und die Teilnahme zu erklären, die die gebildetsten Männer aller Zeiten seinen Werken geschenkt haben. Sein Freund Vergil wagte sich an größere Werke, und aufgemuntert durch hohe Gönner, vielleicht gar durch Augustus selbst, beschloß er eine freie Nachbildung der homerischen Gedichte in lateinischer Sprache zu versuchen. Zum Helden wählte er sich den Äneas; denn so lautete bei den Römern der Name des tapfern Trojanerfürsten, den Homer Äneias nannte. Die Wahl war in vieler Hinsicht schicklich; Äneas war einer Göttin (der Aphrodite oder Venus) Sohn: welche bequeme Gelegenheit, Göttererscheinungen anzubringen, da doch nun einmal in einem Heldengedichte Götter vorkommen sollten und mußten! Ferner behaupteten die Römer von einer Trojanerkolonie abzustammen. Äneas habe dieselbe nach Latium geführt und sich danach mit Lavinia, der Tochter des Königs der Latiner, der Urbewohner dieses Landes, vermählt. Ja, höfische Schmeichler trugen kein Bedenken, die Familie der Julier, zu welcher Augustus gehörte, von Julus, dem Sohne des Äneas, herzuleiten. Durch solche Verkettungen ward die Fabel vom Äneas nicht nur dem Volke wert, sondern sie bot auch den Hofdichtern tausend Anlässe dar, dem Fürsten und dessen Hause die wohlgefälligsten Huldigungen darzubringen.«

»Vergil ging ans Werk. Im ersten Buche stellt er uns den Helden dar, wie er, auf der Flucht von Troja begriffen, bald hier, bald da mit seinen Gefährten sich niederzulassen versucht, überall aber deutliche Winke erhält, daß das Schicksal ihm eine andere Ruhestätte zugedacht habe. So verläßt er denn mehrmals schon halb vollendete Mauern und schifft sich wieder ein. Ein von den Göttern erregter Sturm, dessen lebendiges Gemälde aus dem Homer entlehnt ist, bringt die geängstigten Seefahrer zuletzt an die afrikanische Küste, und so schließt das erste Buch.«

»Weil nun Odysseus bei Homer dem Alkinoos seine Schicksale erzählt, so muß Äneas dasselbe thun. Er erzählte seine Abenteuer einer jungen Königin an der afrikanischen Küste, der Dido , als dieselbe eben damit beschäftigt ist, die nachher so berühmte Stadt Karthago anzulegen. Das giebt giebt wieder zwei Bücher, wovon das eine die Schilderung von Trojas Untergang, das andere des Äneas nachherige Schicksale enthält. Im vierten Buche spielen die Götter wieder eine Rolle. Venus nämlich, die Göttin der Liebe, die ihrem Sohne gern eine gute Aufnahme bei dem rohen Volke sichern will, weiß es so zu fügen, daß Dido von dem heftigsten Verlangen für den Äneas entbrennt. Diesen aber ruft sein Schicksal weiter. Er reißt sich los, segelt ab, und die verzweifelnde Dido ersticht sich.«

»Und jetzt – ist die Erfindungskraft des Dichters erschöpft, Äneas ist auf dem Wege nach Italien und erreicht wirklich schon das Land seiner Verheißung. Was ist nun noch übrig? Im fünften Buche stirbt der alte Anchises, des Äneas Vater, und dieser selbst feiert ihm zu Ehren allerlei Kampfspiele, die auf das ausführlichste beschrieben werden. Da geht es nun gerade ebenso zu wie bei den Spielen an Patroklos' Grabe. Auch hier fällt einer in den Rinderkot, und ein anderer schießt die Taube in freier Luft. Erweiterungen und Verschönerungen werden allerdings angebracht, aber die Hauptsache bleibt Nachahmung. Im sechsten Buche ist es nicht anders. Kam Odysseus zur Kirke, so kam Äneas zur Sybille, und diese führt ihn – in die Unterwelt.«

»Im siebenten Buche widersetzen sich die Eingeborenen seiner Ansiedlung nicht aus eigner Besorgnis, sondern von der Juno (Here) aufgehetzt. Ob das nun gleich gar mannigfaltige Scenen giebt, so folgt zuletzt doch noch ein Katalog der verschiedenen Völkerschaften und ihrer Anführer, genau wie beim Homer der Schiffskatalog, und ebenso muß im achten Buche Vulkan (Hephästos) auf Bitten der Venus dem Äneas einen Schild, nach dem Muster des Achilleischen, verfertigen. Die Beschreibung der Wunderbilder, welche darauf zu sehen gewesen, nimmt einige hundert Verse weg.«

»In den letzten vier Büchern wird Krieg geführt. Der Anführer der Eingebornen ist ein gewisser Turnus, der Freier der latinischen Königstochter. Daß alle einzelnen Schlachtengemälde aus dem Homer entlehnt sind, versteht sich von selbst. Turnus ist der andere Achill, wird aber endlich erschlagen, so daß Äneas Meister vom Platze bleibt. – Da habt ihr in aller Kürze den Inhalt der Äneide.«

»Wie konnte aber Vergil, da er doch nur der Nachahmer Homers ist, so berühmt werden?« fragte nach einer Pause Anton.

»Er hat seinen Ruhm«, erwiderte der Lehrer, »vorzüglich denen zu verdanken, die den Homer nicht kannten. Dazu kommt, daß der offen ausgesprochene Zweck, das römische Volk zu verherrlichen und den Glanz des Julischen Geschlechts hervorzuheben, schon hinreichte, um dem Vergil die Bewunderung seiner Landsleute zu gewinnen. Auch am Ende des Mittelalters, da man nach langer Vergessenheit die alten griechischen und römischen Schriftsteller wieder aus dem Staube hervorzog, stieß man viel früher auf den Vergil als auf den Homer, was bei der Verbreitung der lateinischen Sprache in jenen Zeiten nicht auffallen kann, und so hat denn der letztere ungleich weniger Leser gefunden als jener. Übrigens muß der unbefangene Beurteiler zugestehen, daß Vergil nichts in der Kunst des Vortrags unterlassen hat, um seines Vorgängers einigermaßen würdig zu werden. Der harmonische Bau seiner Verse, die Leichtigkeit und die Anmut der Erzählung wird von vielen für unerreichbar gehalten.«

»Wenn er sonach doch wirklich ein Dichter war«, fragte Anton, »wie konnte er mit solcher Arbeit selbst zufrieden sein?« »Er war es auch nicht. Der Sage nach befahl er auf seinem Sterbebette, das ganze Gedicht zu verbrennen, indes seine Freunde wagten nicht dieser Bestimmung nachzukommen.«

»Aber«, rief Wilhelm zweifelnd, »welcher Dichter soll denn nun unsere Abende füllen?«

»Je nun«, sagte der Lehrer, »wenn es euch Vergnügen machte, die Erzählung von Trojas Zerstörung aus Äneas' Munde zu hören, so wär's doch etwas!«

»Ach ja, ja! die Zerstörung Trojas!« riefen die Kinder.

»Diesen Abend noch!« fügte der Lehrer hinzu.

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