Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Friedrich Becker >

Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 34
Quellenangabe
pfad/becker/altewelt/altewelt.xml
typelegend
authorKarl Friedrich Becker
titleErzählungen aus der alten Welt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070812
projectid4a1d5738
Schließen

Navigation:

Fünfzehnter Abend.

Achilleus empfängt die unbesiegbaren Waffen und stürmt in den Kampf.

Unterdessen war Thetis im Olymp angekommen, und ohne erst in dem gemeinschaftlichen Saale der Götter zu verweilen, ging sie geradeswegs auf die einzeln stehende Wohnung des Hephästos zu. Obgleich die Nacht schon angebrochen war, so hörte sie ihn doch noch in seiner Werkstatt hämmern; denn er hatte eben ein künstliches Werk in Arbeit, zwanzig Dreifüße von Erz, welche die seltene Fähigkeit besaßen von selbst an ihren Platz in dem Gemache zu gehen und auch nach dem Gebrauche sich selbst wieder in den Winkel zu stellen. Bis auf die Henkel hatte er sie fertig; nur diese noch, dachte er, dann soll es für heute genug sein! Aber ihm war noch ein ziemliches Stück Arbeit zum Feierabend zugedacht, das auch den größten Teil der Nacht in Anspruch nahm.

Aphrodite, die freundliche Gemahlin des hinkenden Gottes, erblickte die Kommende zuerst an der offenen Thür und eilte ihr schnell entgegen, »Traute Freundin, willkommen!« rief sie. »Was treibt dich denn einmal aus deiner Tiefe herauf? Und zu so später Stunde? Sonst bist du uns ja ein so seltener Gast Tritt doch herein, damit ich dich gastlich aufnehme!«

Sie traten ein, und Thetis setzte sich. Da lief Aphrodite geschwind hinter an den Herd und rief: »Komm doch hervor, lieber Mann, wir haben einen ehrenwerten Besuch; siehe Thetis bedarf deiner Hilfe!«

Er kam hervorgehinkt, schmutzig und berußt, wie er war. »Ja wohl ehrenwert!« sprach er. »Willkommen, edle Göttin! Immer gedenke ich deiner mit herzlicher Dankbarkeit, denn du nahmst mich einst mütterlich auf, als meine Mutter mich im Himmel nicht dulden wollte und ich lahm geworden war. Da lebte ich unter den Fluten eine Zeitlang in deinem krystallenen Palaste und fertigte manches niedliche Kunstwerk, Ringe und Spangen, Nadeln und Kettchen, bis mich Here wieder zu Gnaden annahm und ich die feuchte Tiefe verließ. Darum sorge nur, Aphrodite, daß die Herrliche würdig bewirtet werde; ich will geschwind die Bälge und die Gerätschaft hinwegräumen!

Er hinkte zu seiner Esse hin, legte die Blasebälge vom Feuer, räumte die Hämmer und Zangen und den gewaltigen Amboß beiseite, wusch sich dann mit dem Schwamme Gesicht, Hals, Brust und Hände, ordnete das Haar, nahm ein feines Leibgewand um und kam so in einer edlern Gestalt wieder zum Vorschein, auf eine goldene Krücke gestützt. Thetis hatte sich während dessen an der Götterspeise und dem köstlichen Nektar gelabt, welchen Aphrodite ihr vorgesetzt hatte, und fing nun an mit mütterlicher Umständlichkeit die Leiden ihres Sohnes wie die eignen aufzuzählen. Von Agamemnons Ungerechtigkeit begann sie und endete bei Patroklos' Fall, und so lenkte sie endlich zu der Bitte ein, dem unglücklichen Achilleus statt der verlorenen Waffen andere zu schmieden, mit denen er morgen schon den Hektor angreifen könne. Der trojanisch gesinnten Aphrodite war das allerdings ein unwillkommenes Anliegen, und gern hätte sie ihrem Gemahl einen verstohlenen Wink gegeben, allein er war zu durchdrungen von Dankbarkeit gegen Thetis, als daß er nicht gleich alles hätte zusagen sollen; und da sie selbst abwarten wollte, bis die Waffen fertig sein würden, so kehrt der dienstfertige Gott unverzüglich zur Werkstätte zurück, schürt das Feuer an, wirft die verschiedenen Metalle in die Kohlen, ergreift Hammer und Zange und beginnt die Arbeit. Götter, könnt ihr denken, arbeiten schnell. Kaum waren zwei Drittel der Nacht vergangen, so war die künstlichste Rüstung fertig, die je ein Held getragen hat. Der Schild besonders war ein Wunder seiner Art. In mehreren immer weiter ausgespannten Kreisen waren allerlei artige Gruppen und Scenen dargestellt. In der Mitte des Schildes bildete Hephästos das Weltall, zuerst in einem Umrisse die Erde mit dem Meere, darüber den Himmel mit den bekannten Sternbildern und zu beiden Seiten die Sonne und den Mond. Dann bildete er zwei Städte, die eine umgeben von dem Glücke und der Stille des Friedens, die andere im wilden Aufruhr des Krieges. In jener war eine Hochzeitfeier mit Tanz und Musik. Auf dem Markte wurde Gericht gehalten; ringsumher saßen die Richter, und vor ihnen lagen zwei Pfund Goldes; zu beiden Seiten stand in Gruppen das Volk. Die andere Stadt war belagert; deutlich sah man die Belagerer und die ihre Stadt verteidigenden Bürger miteinander im Gefecht begriffen. Auf einem anderen Bilde befand sich ein Brachfeld, das eben gepflügt wurde. Wenn die Pflüger mit ihren Stieren an das Ende des Ackers kamen, reichte ihnen jedesmal ein Mann einen Becher mit Wein. Das fünfte Feld stellte einen Acker vor mit reifer Frucht, welche die Schnitter mähten. Drei Garbenbinder standen da, und hinter ihnen sammelten Knaben die Ähren. Der König schaute schweigend zu und freute sich seiner Arbeiter. Seine Diener schlachteten unter einer Eiche einen Stier, um das Mahl zu bereiten, und auch die Weiber waren thätig, indem sie Mehl auf das Fleisch streuten. Auf dem sechsten Felde bildete der Gott einen Weinberg; ein schwarzer Graben umgab ihn und ein glänzendes Geländer; nur ein Fußweg führte durch denselben. Mädchen und Knaben pflückten die Trauben in Körbe; mitten unter ihnen schlug ein Knabe die Phorminx; die andern tanzten. Dann folgte eine Herde Stiere, einige von Gold, andere von Zinn; bei ihnen waren vier Hirten aus Gold, denen neun Hunde folgten. Das achte Feld war ein Weideplatz mit Schafen, Ställen, Zelten und Hürden. Das neunte stellte einen Tanzplatz vor, wo Jünglinge und Mädchen sich in künstlich verschlungenen Reigen bewegten; die Jünglinge hatten Schwerter an silbernen Gehenken, die Mädchen Kränze. Vieles Volk stand fröhlich zuschauend umher.

Es ist ein hoher Grad der Kunst, welche der Dichter den Gott auf diesen Schild verwenden läßt. Aber das darf nicht auffallen, da in jener Heldenperiode des griechischen Volks unter allen Geräten die Waffen am höchsten geschätzt waren und unter diesen wiederum der Schild zu künstlichen Verzierungen am passendsten ist.

Übrigens beruht die Beschreibung der einzelnen Gemälde, welche der Dichter hier vorführt, gewiß auf der Anschauung ähnlicher Kunstwerke in so alter Zeit. Ein englischer Künstler, John Flaxmann, hat im Jahre 1818, Zeichnungen und ein Modell von diesem Schilde des Achilleus vollendet, und davon wieder haben ein paar Londoner Goldarbeiter vier Abgüsse in vergoldetem Silber machen lassen, von denen jeder auf 2000 Pfund Sterling (fast 14000 Rthlr.) geschätzt wurde und neun Fuß im Umfange hatte.

Mit freudigem Erstaunen empfing Thetis das Werk des Gottes, eilte dankend wieder zu den Fluren des Skamandros hinab und trat, bevor noch der Tag angebrochen, mit den unbesiegbaren Waffen in das Zelt ihres Sohnes. Noch fand sie ihn hingestreckt neben Patroklos' Leichnam und um ihn her die Klageweiber. Denn es war schon eine uralte orientalische Sitte, durch gedungene Weiber ein Totenhaus von lauter Klage ertönen zu lassen, gleichsam als ob die eigene Stimme nicht mächtig genug sei den tiefen Schmerz kund zu geben! Hier, wie wir sehen, wurden die Sklavinnen zu diesem Dienst gezwungen.

Achilleus aber erfaßte in wilder, rachlustiger Kampfesfreude das herrliche Werk des Hephästos, und als er an den künstlichen Zieraten sein Auge lange genug geweidet hatte, sprach er zu seiner Mutter:

»Mutter, diese Waffen sind keines Sterblichen Werk, man sieht's, ein Gott hat sie geschmiedet! Wohlan, sogleich will ich mich rüsten, damit die Troer mich schauen und vor Schrecken ob dem strahlenden Glanze zurückbeben. Aber eins bekümmert mich nur noch: wie schirme ich den Leichnam vor den scheußlichen Fliegen, die bei der Hitze des Tages unzählige Würmer auf ihm absetzen werden, so daß ich ihn vielleicht verzehrt finde, wenn ich wiederkehre?«

»Sorge nicht«, sprach Thetis, »ich will ihn mit Nektar beträufeln, der alle Verwesung hemmt.« Sie that's und verließ dann den lieben Sohn. Er aber schritt zu den Schiffen und Zelten der Achäer hin und schrie sie mit seinem furchtbaren Rufe wach. Da jauchzten alle, den Donner seiner Stimme wieder zu hören, die für sie so lange geschwiegen hatte. Sie sprangen auf und eilten dem bekannten Versammlungsplatze zu. Auch der hinkende Diomedes kam, auf seine Lanze sich stützend; sogar Agamemnon und Odysseus erschienen, gleichfalls noch entkräftet von den schmerzenden Wunden und an Stäben sich fortschleppend. Nachdem sie sich alle nach der Ordnung gesetzt hatten, ergriff Achilleus das Scepter und sprach:

»Sohn des Atreus! laß uns versöhnt sein, denn das war ja längst unser aller Wunsch. Ich wollte, die Götter hätten mir mein rosiges Mädchen lieber getötet, ehe solch ein Zwist um ihretwillen uns getrennt hätte und soviel edle Achäer durch meinen Zorn in den Hades hinabgesendet wären. Aber laß das Vergangene vergessen sein, wie bitter kränkend es auch war. Meinen Zorn habe ich besänftigt, denn Unversöhnlichkeit ziemt dem edlen Manne nicht. Aber jetzt nun laß uns eilen, damit mir die Völker ins Treffen führen; denn ich meine, die Troer sollen heute nicht mehr daran denken unsere Schiffe in der Nähe zu sehen und vor unseren Augen das Nachtlager zu halten!«

Ein hellaufschallendes Jubelgeschrei liess ihn nicht weiter reden. Dies einzige Wort, daß er versöhnt sei, daß er wieder mitfechten wolle, erfüllte alle Herzen mit einer Freude, wie sie ein hoffnungsloser Kranker empfinden müßte, der nach dem Genusse eines Wundertranks auf einmal wieder Lebenskraft und Lebensfeuer durch die versiegenden Adern rinnen fühlt. Im Taumel der ausgelassensten Fröhlichkeit dachten sie gar nicht daran noch mehr zu hören, und der lärmende Haufe mußte erst durch die Stimme der Herolde beruhigt werden, ehe Agamemnon mit seiner Antwort Gehör finden konnte. Er zeigte sich auch in dieser Antwort, wie wir ihn schon kennen, als einen edlen Mann.

»Zeus mag es missen«, sprach er, »wie mich der rasende Zorn zu solcher Ungerechtigkeit verleiten konnte, die mein Herz längst mit bitterem Grame bereut hat. Du hast von Odysseus vernommen, welche Geschenke ich dir zur Versöhnung bieten wollte, und noch jetzt, da du auf eigenen Antrieb kommst, nehme ich nichts davon zurück. Meine Diener sollen dir alles überliefern, du aber ziehe wieder in den Kampf und mehre die große Not von den Achäern ab.«

Achilleus erwiderte freundschaftlich: »Reiche mir die Geschenke, oder behalte sie, ich bestehe nicht darauf. Nur laß uns des Krieges gedenken und ohne Verzug die Scharen gegen den Feind führen, denn heute wird's der Arbeit viel geben, und große Thaten müssen heute vollführt werden!«

Da nahm Odysseus das Wort und sprach: »Nicht also! trefflicher Achilleus, nicht so hastig treibe zum Aufbruch! Erst muß das Volk sich sättigen an einem Frühmahl, denn es zieht ja nicht für wenige Stunden in die Schlacht; und wenn du gleich an Ausdauer der Kraft alle übertriffst, so vermag doch kein anderer Mensch einen ganzen Tag hindurch die heiße Arbeit auszuhalten, ohne sich durch Speise und Trank zu erquicken; dem Hungrigen werden die Glieder schwer, der Durstige lechzt, und die Kniee selbst ermatten. Hat sich aber ein Mann vorher durch Speise und Trank recht gestärkt, so bleibt ihm das Herz in der Brust getrost, und die Glieder erschlaffen nicht, wenn auch das Gefecht bis zum Abend währt. Darum laß jetzt erst die Völker auseinandergehen, daß sie ein Frühmahl einnehmen, und unterdessen mag Agamemnon die verheißenen Geschenke hier in unsern Kreis bringen lassen, damit wir alle sie sehen; dann aber bewirte er dich in seinem Zelte, auf daß dir keine der schuldigen Ehrenbezeugungen entzogen bleibe. Ja, Agamemnon, es ist auch für einen König nicht unanständig den Mann, den er zuerst beleidigt hat, zu versöhnen, und du wirst künftig gewiß nun billiger gegen andere sein.«

Agamemnon versetzte darauf: »Gern, edler Odysseus, befolge ich deine verständigen Worte, und gleich magst du selbst, wenn du willst, mit sechs erlesenen Männern nach meinem Schiffe gehen und die früher versprochenen Geschenke herbeiholen.«

»Sohn des Atreus!« fiel Achill wieder ein, »laß doch jetzt die Geschenke! Wir finden ja wohl einmal eine gelegenere Zeit dazu. Denke nur, wie viel Erschlagene dort auf dem Felde uns mahnen sie zu rächen! Und ihr wollt essen und trinken und der Ruhe pflegen? Ginge es nach mir, so führten wir das Volk nüchtern hinaus, und dann nach vollbrachter Arbeit am Abend möchte es sich zwiefach erlaben. Mir wenigstens soll nicht ein Tropfen die Kehle netzen, bevor ich den Freund gerächt habe, der dort in meinem Zelte liegt; denn nicht Essen und Trinken liegt mir am Herzen, sondern Mord und Blut und hinsterbender Männer Geröchel!«

Da widersprach ihm Odysseus noch einmal und sagte: »Erhabener Sohn des Peleus, du bist viel stärker und tapferer als ich, aber an Erfahrung möchte ich dir's wohl zuvorthun, weil ich älter bin und mehr erlebt habe. Folge doch diesmal meinem Rate, das wird gewiß besser sein. Welche Tapferkeit wird doch wohl der beweisen, der unwillig kämpft und dem die Kräfte erschöpft sind? Nur mit freudigen, frisch gestärkten Streitern kannst du siegen, aber der Hungernde und Durstende folgt dir nur unmutsvoll und am Ende besiegt ihn die eigene Schwäche.«

»Nun, so geht!« rief Achilleus, und sogleich eilten die Krieger zum Frühmahl. Odysseus aber wählte sich schnell sechs treffliche Gefährten aus und ging mit ihnen nach Agamemnons Schiffen und Zelten, um die Geschenke zu holen. Er sonderte die Becken, die Kessel, die Pferde und die Weiber aus, wog zehn Pfund Goldes ab, und rief dann die schöne Briseïs herbei. Darauf kehrte der Zug sogleich in die Fürstenversammlung zurück. Agamemnon billigte Odysseus' Auswahl vollkommen und sandte Pferde, Weiber und Sachen sofort nach Achills Zelten hin.

Dieser war gerührt von dem edlen Eifer, mit welchem sein Feind das Unrecht wieder gut zu machen eilte, und sprach mit treuherzigem Tone: »Vater Zeus, wie sonderbar treibst du doch oft mit guten Menschen dein Spiel! Nimmermehr hätte ja wohl dieser redliche Mann aus eignem Antriebe mir bloß um des Mädchens willen so sehr das Herz empört, wenn's nicht dein Wille gewesen wäre durch unsern Zwist viele Seelen der Achäer von der Erde zu tilgen. Doch, nun geht auch ihr zum Frühmahl, damit mir bald den Angriff beginnen können.«

Als die jungfräuliche Briseïs mit den übrigen Weibern im Lager der Myrmidonen ankam und das Jammern der Klageweiber vernahm, trat sie mit Bangen ins Zelt und warf sich bei dem Anblick des toten Patroklos mit Gebärden des ausgelassensten Schmerzens neben demselben zur Erde nieder. »Ach, mein teurer Patroklos«, rief sie aus, »du mein liebreicher Freund in meinem Elend, muß ich dich so wieder finden? und verließ dich so wohlgemut, so freundlich, wie du immer warst! Ach, wie hatte ich mich gefreut dich wiederzusehen! Aber ich unglückliches Weib soll keine ungetrübte Freude mehr haben! Meinen Gatten erschlug mir Achilleus, als er unsere Stadt zerstörte, und drei leibliche Brüder dazu an demselben Tage; da kamst du, lieber toter Mann, und tröstetest mich, und wolltest mich nicht weinen sehen; Achill, versprachst du mir, werde mich zu sich nehmen und mich zur Gattin erwählen, und du selbst wolltest so fröhlich bei unserm Hochzeitmahle sein! Aber nun bist du tot, und Hochzeitmahle kümmern dich nicht mehr.«

Achilleus saß unterdessen noch immer finster und traurig auf seinem Steine und um ihn her die übrigen Fürsten, die ihn baten doch auch teilzunehmen am Mahle; aber vergebens. Er schüttelte das Haupt, und als sie die Bitte dennoch wiederholten, sagte er wehmütig:

»Trauteste Freunde, wenn ihr mich liebt, so bedrängt mich nicht länger. Ich bedarf weder der Speise noch des Trankes und könnte auch vor Betrübnis nicht essen. Vielleicht zum Abend, wenn wir aus der Schlacht kommen, oder auch gar nicht – wer weiß es? Geht nur, und wartet nicht auf mich.«

Sie gingen traurig ein jeder in sein Zelt und nahmen das Frühmahl ein. Nur die Verwundeten blieben bei ihm und suchten ihn zu trösten, aber indem sie den geliebten Namen nannten, regten sie in Achills Seele den herben Schmerz immer von neuem auf. Ganz in starres, dumpfes Hinbrüten verloren, fing er auf einmal mit sanftem, schwermütigem Tone an: »Du mein lieber, guter, unglücklicher Freund, wie oft hast du mir das Frühmahl so freundlich in mein Zelt gebracht! Mit geschäftiger Hast zerschnittest du mir die Stücke und mischtest mir labenden Wein, wenn die andern Achäer auszogen, um gegen die Troer zu kämpfen. Ach darum wird mich auch nichts mehr erquicken, weil du mir's nicht reichst, und vor der Sehnsucht nach dir schweigt jede andere Begierde. Nein, nichts Schmerzlicheres auf Erden hätte mich treffen können; selbst wenn mir mein alter Vater gestorben wäre, mich hätte die Nachricht so nicht durchdrungen; und weiß ich denn, ob er nicht wirklich schon tot ist? Aber du mein Einziger, von dir hoffte ich immer, du würdest – wofern mich das Schicksal vor Troja ereilte – mein kleines Söhnchen daheim aufziehen, ihm sein Erbgut behüten und ihm bis an dein Ende ein ratender, warnender Freund sein! Ach, nun bist du früher als ich dahingegangen!«

So jammerte er in Schwermut, und alle Freunde trauerten mit ihm. Selbst den Zeus rührte sein tiefer Schmerz. Er sandte seine Tochter Athene mitleidig zu ihm hernieder, daß sie ihm unsichtbar das Herz mit himmlischem Nektar stärke, und so erstand der Held in aller seiner Kraft, als die gewaffneten Krieger herbeistürmten. Und die Thräne der Wehmut in den Wimpern erstarb schnell vor dem Feuer der Kriegswut, das auf einmal die furchtbaren Augen durchglühte.

Dichtgedrängt, wie Schneeflocken, eilten die Scharen herbei, wohlgestärkt durch Speise und Trank und freudig entschlossen zum Streite. Herrlich spiegelte sich die Morgensonne in den blanken Helmen, Schilden und Lanzenspitzen, und von dem Geklirr der Waffen wuchs allen das mutige Herz. Auch für Achilleus' Ohr war dies Getöse liebliche Musik; es weckte ihn rasch aus seinen Träumen, und im Nu war er in sein Zelt gestürzt, die neue Rüstung anzulegen. Er schloß um die Beine die glänzenden den Schienen, um Brust und Leib den Panzer, bedeckte das Haupt mit dem strahlenden, buschigen Helme und warf Schwert und Schild über die Schulter. Dann ergriff er seine Lanze, eine junge schlanke Esche, auf dem Gipfel des Gebirges Pelion gehauen, die kein anderer der Achäer zu schwingen vermochte, mit einem gewaltigen ehernen Stachel gespitzt. Jetzt schritt er einher in der schweren, ungewohnten Rüstung, und es war ihm als hätte er Flügel angelegt. Nun mußte Automedon vorfahren, und schnell zu ihm hinauf schwang sich Achilleus, glänzend in dem neuen Waffenschmuck, wie die Sonne am Himmel.

»Nun setzt an, ihr meine hurtigen Tiere!« rief er seinen beiden Rossen zu. »Tragt mich mitten hinein in das wilde Getümmel, aber führt mich glücklicher zurück als euern gestrigen Herrn!«

Sie stürmten mit dem rasselnden Wagen zum Thore hinaus, und die Achäer jubelten laut, als sie den Helden wieder sahen, dessen prächtig gewölbter Schild feuriger als des Vollmonds Scheibe glänzte.

 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.