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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 33
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authorKarl Friedrich Becker
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Vierzehnter Abend.

Der Kampf um Patroklos' Leiche und Achilleus' Rachegelübde.

Ihr erinnert euch der herrlichen Rosse des Achilleus, mit denen Patroklos in die Schlacht gestürmt war. Wahrlich! es war eine lockende Beute, und um sie zu erjagen, schweifte jetzt Hektor im weiten Felde umher, als sei ohne sie sein Sieg nicht vollständig. Aber er konnte die schnellen Tiere nicht mehr erreichen, denn zu weit schon hatte sich Automedon, der Wagenlenker des Patloklos, mit ihnen im Gedränge verloren. Der Platz um Patroklos' Leiche war unterdessen leer geworden; Menelaos allein stand bei derselben und hielt niedergebeugt seinen Schild vor, bis einige der Gefährten kommen würden, um sie zu den Schiffen zurückzutragen. Ihn sah Euphorbos, Panthoos' jüngster Sohn, der Bruder jenes Hyperenor, der am vorigen Tage durch Menelaos' Hand gefallen war. Der nahte ihm bis auf einen Lanzenwurf und rief ihm trotzig zu:

»Sohn des Atreus, weiche zurück von dem Toten; ich will es wehren, daß ihr diesem Verwüster, der unser so viele gemordet, ein rühmliches Grabmal errichtet. Zurück! sage ich, ehe ich dich treffe und dir das süße Leben raube!«

»Vater Zeus!« rief Menelaos unmutsvoll aus, »hat man je so trotzige Reden gehört? Kühner trotzt ja kein Löwe des Waldes oder kein Eber, als diese hochmütigen Söhne des Panthoos! Gerade so verächtlich lästerte mich gestern dein Bruder Hyperenor; aber ich meine, er hat es gebüßt, denn er kehrte wohl nicht mit eigenen Füßen zur lieben Gattin oder zum würdigen Vater zurück. Und so geht's auch dir, wenn du näher gegen mich herkommst. Fliehe also, das ist mein Rat, ehe dich dein Unglück ereilt! Denke an deinen Bruder!«

»Ja, seiner gedenke ich«, rief Euphorbos; »gut, daß du mich daran mahnst. Wie soll sich mein Vater freuen, wenn ich ihm zum Zeichen der glücklich genommenen Rache deine blutige Rüstung und deinen Kopf bringe! Doch was rede ich noch lange? Versucht sei der entscheidende Kampf!«

Also sprach er und rannte aus aller Kraft mit der Lanze gegen ihn an; doch als Menelaos den Schild vorhielt, bog sich die Spitze wie Blei um, ohne ihn nur zu ritzen. Da stieß ihm Menelaos den Stachel seines Speeres in die Kehle, daß er aus dem Nacken wieder hervordrang, und der schlanke Jüngling fiel, wie der üppige Schößling des Ölbaums auf wasserreicher Aue, wenn der Sturmwind ihn entwurzelt. Das wallende, lockige Haar schwamm im Blute, und ganz unkenntlich lag er da, der soeben noch rasch wie ein Reh die Reihen der Kämpfer durchflogen hatte.

Menelaos wollte ihm die Rüstung ausziehen, als er Hektor von ferne erblickte, dem es gemeldet worden war, daß auch Euphorbos gefallen sei. Jenem zu stehen, wagte er nicht, daher ließ er nun auch von Patroklos' Leichnam ab und lief zum ältern Aias, auf daß sie vereint den Gefallenen den räuberischen Händen der Troer entrissen. Da sprach Glaukos unwillig zum Hektor: »Hektor, du prahlst wohl viel, aber nimmer erblicke ich dich da, wo Tapferkeit not thut! Mag von den Deinen fallen, wer will, du verteidigst ihn nicht! Den heldenmütigen Sarpedon, der für euch so viel gethan hat, hast du den Feinden preisgegeben, und kein Mensch hat gesehen, wo er ein Ende genommen hat. Haben die Lykier das um euch verdient? Wenn denn bei euch kein Dank ist und dem gefallenen Helden keine Ehre, nun, so kämpfe deinen Kampf allein aus; ich führe meine Lykier in die Heimat zurück. Ha! wenn ihr Troer jetzt Männer wäret, entschlossen und mutig, so rafftet ihr den Leichnam des Patroklos weg und brächtet ihn nach der Stadt in Sicherheit. Ganz gewiß würden die Achäer mit Freuden Sarpedons Waffenschmuck und Leichnam zum Lösegeld bieten und wohl noch mehr dazu. Aber du meidest ja feig den Kampf und fürchtest den Aias, der freilich ein anderer Mann ist als du!«

Hektor sprach mit finsterem Blick: »Ei, mein Freund, ich habe dich stets für verständig gehalten, aber fürwahr! jetzt hast du unbedachtsame Worte geredet. Ich wagte nicht dem Aias zu stehen? Wann hat mich je ein Feind oder das Stampfen der Rosse geschreckt? Nein, nicht Aias ist's, noch Diomedes, noch sonst ein Held der Achäer, den ich fürchte; aber wohl schreckt mich der Ratschluß des Zeus, der jetzt sichtbar den Sieg in die Hände der Feinde gegeben hat. Was hilft menschliche Tapferkeit gegen den Gott der Götter? Aber willst du wissen, wohin mein Sinn steht, so gieb acht und dann sage, ob ich verzagt bin. Jetzt gehe ich, um die Rüstung mit jenen schönen Waffen zu Vertauschen, die sonst dem Achilleus gehörten.«

Er that's und versammelte seine Mannschaft mit lautem Schlachtruf zu dichten Haufen. Auch die Fürsten der Nachbarschaft rief er zusammen und redete sie an: »Freunde und Bundesgenossen! nicht, weil ich bloß viele Menschen um mich sehen wollte, habe ich euch hier in Troja zusammenberufen, sondern damit ihr mir beistündet in der Not und Trojas Weiber und Kinder vor dem Verderben schütztet. Darum erschöpft sich fast unser armes Volk an Kriegssteuern und Opfergaben und ernährt euch mit seinen Herden und dem Schweiße seiner Hände, ich aber thue was ich kann, mit Schwert und Wort euer Herz zu gewinnen und aufzustacheln zum Kampfe. So ziehet denn jetzt kühn in den Kampf, sei's zum Tode oder zum Siege, denn so bringt's der Krieg ja mit sich. Und wer mir Patroklos' Leichnam nach Troja trägt, dem sei die Hälfte der Beute zum Lohne verheißen!«

Alle stürmten ihm mit hellem Geschrei nach, hin zu der Stelle, wo Menelaos und Aias die Leiche des Patroklos schützten. Beiden schlug laut das Herz, als sie die dichte Schar auf sich andringen sahen, und Menelaos lief, was er konnte, um noch andere Freunde herbeizuholen. »Freunde«, rief er, »kommt doch und helft! Dort liegt Patroklos, und die Troer wollen ihn rauben, damit er den troischen Hunden ein Fraß werde. Ha! fühlt ihr nicht selbst die Schmach in der Seele?«

Ihn hörte zuerst der jüngere Aias und eilte schnell zur Hilfe herbei. Bald kamen auch Idomeneus und Meriones, die beiden kretischen Helden, und jeder brachte einen Troß von Gefährten mit. Sie trafen fast zu gleicher Zeit mit Hektor und dessen Gefolge bei Patroklos' Leichnam zusammen; und wie die Meeresflut gegen die Mündung eines Stroms anbrauset, der sich in sie ergießt, so rauschten mit furchtbarem Getöse die Schilde und Lanzen der Achäer und Troer wider einander. Aber der erste am Leichnam war Hippothoos, ein kühner Trojaner; der nahm einen Riemen und schlang ihn um die Beine des Toten und band sie an den Knöcheln zusammen, um so seine Beute mit leichter Hand fortziehen zu können. Aber indem er sie ergriff und schon im Geiste des hohen Ruhms sich freute, den solche That ihm bringen würde, rannte Aias von Salamis auf ihn zu und warf ihm die sausende Lanze durchs Ohr, daß das Gehirn herausspritzte und er tot auf Patroklos' Leichnam niederstürzte. Hektor, Rache schnaubend, schleuderte darauf die mächtige Lanze gegen Aias; aber jener wich aus, und das Geschoß traf seinen Hintermann, Schedios, einen tapfern Mann aus dem Phokäervolke, in die Brust, so daß er röchelnd zur Erde fiel. Wieder erlegte Aias darauf den trefflichen Phorkys, und die Achäer zogen den Leichnam schnell an sich, um ihm die Rüstung desto sicherer entreißen zu können. Dasselbe hatten sie bei dem Hippothoos schon gethan. Aber auch Äneas und Hektor erlegten manchen tapfern Streiter, und der Platz um Patroklos füllte sich dergestalt mit Toten, daß man ihn selbst kaum noch unterscheiden konnte. Dennoch ließen die Scharen nicht ab vom blutigen Wettkampfe, ja, sie packten ihn schon, jene beim Kopfe und diese bei den Beinen, und zerrten ihn, wie die Gerber ein Fell durch Hin- und Herziehen dehnen; aber bald mußten die Achäer, bald die Troer weichen, von den Lanzen der stürmenden Feinde getötet oder zurückgescheucht.

Siehe, da sprengte Automedon mit Achilleus' Rossen heran, die sich nicht halten, auch nicht in die Ställe zurückführen lassen wollten, gleichsam als müßten sie erst den Tod ihres vormaligen Lenkers rächen. Automedon hatte einen wackern Freund, Alkimedon, zu sich in den Wagen genommen; ihm übergab er die Zügel, entschlossen selbst um Patroklos' Leichnam den Kampf zu wagen. Diese beiden sah Hektor daherfahren und frohlockend rief er dem Äneas zu: »Siehe, Freund, dort kommen die trefflichen Rosse Achills! Was gilt's, wir erbeuten sie beide, wenn du mir helfen willst!«

Sie rannten auf das Gespann zu, aber Automedon sprang mit der Lanze herab und rief die beiden Aias und den Menelaos zu seinem Beistande herbei. Da gesellten sich auch zu Hektor und Äneas noch ein paar tüchtige Gefährten, Chromios und Aretos, und es begann ein neues Gefecht um die Rosse, doch nicht entscheidender als jenes um den Toten. Hektor zielte zwar richtig und warf mit entsetzlicher Kraft, aber Automedon sprang geschickt zur Seite, und die Spitze der Lanze fuhr weit hinter ihm in die Erde, daß vom mächtigen Wurfe der Schaft noch lange schwankte. So vergeblich zielte Automedon nicht. Zwar wich Hektor gleichfalls dem Wurfe aus, aber dafür traf jener nun den Aretos, der hinter ihm stand, mit desto größerer Kraft in den Leibgurt, daß alle Eingeweide ihm durchschnitten wurden. Darauf sprangen alle Achäer vor und ließen die Troer nicht an den Leichnam kommen; diese aber wagten nicht sie zurückzutreiben, sondern mußten es sehen, wie Automedon dem Gefallenen die Rüstung auszog und sie in seinen Wagen trug, wobei er freudig ausrief: »Ha, so habe ich doch einigen Trost für meinen Schmerz um den Freund, war's gleich ein Schlechterer, den ich erlegte!«

Indessen dämmerte schon der Abend heran. Nur noch das eine wünschte Aias, den Leichnam vor Einbruch der Nacht den Troern zu entreißen. Aber noch immer dauerte das Gefecht mit gleicher Heftigkeit fort, und auf keine Seite neigte sich der Sieg. Die Achäer konnten nichts als die Troer abwehren; doch ihn selbst wegzutragen wagten sie nicht. Da sprach Aias zu Menelaos: »Lieber, wenn doch ein wackerer Jüngling zu den Schiffen eilte, um dem Achill die Nachricht zu bringen von dem Tode des Freundes; vielleicht, daß er selbst käme, den Leichnam den feindlichen Händen zu entreißen. Siehst du Antilochos nicht, den raschen Sohn des Nestor? der käme wohl am schnellsten ins Lager.«

Menelaos eilte den Jüngling zu suchen; halb zögernd freilich, denn er fürchtete, die Achäer möchten doch den Feinden den Raub überlassen. Er fand jenen am äußersten Ende des Schlachtfeldes kämpfend und sagte ihm den Auftrag des Aias, Schrecken lähmte den Jüngling, als er den Tod des tapfern Helden vernahm und seine Augen füllten sich mit Thränen; gleichwohl versäumte er nicht, was ihm Menelaos geboten hatte, und enteilte, dem Achilleus die traurige Kunde zu bringen. Der alte Menelaos aber kehrte sofort zu Aias zurück und sprach:

»Fortgeschickt habe ich ihn zwar, aber ich zweifle, daß Achill ohne Rüstung kommen wird. Darum dächte ich, wir versuchten selbst noch das Letzte, ob wir den Toten nicht wegbringen können.« »Wohlgesprochen«, erwiderte Aias. »Laßt uns noch einen gemeinsamen Angriff versuchen; und weichen sie nur ein wenig zurück, dann bücke dich mit Meriones, und während ihr beide die Leiche wegzieht, wehren wir andern im Kampfe die Troer und den mächtigen Hektor ab.«

Und wie ein angeschwollener Bergstrom im Frühling die Dämme durchbricht und Äcker und Wiesen weithin überschwemmt, so stürmten die vier gewaltigen Helden samt ihrem Gefolge in die Reihen der Troer ein und drängten sie glücklich zurück. Da bückten sich Menelaos und Meriones schnell und hoben den Toten auf ihre Arme. Das sahen die Feinde und wollten mit lautem Geschrei ihnen nach; aber scheuend vor den furchtbaren Lanzen des ältern und jüngern Aias fuhren sie wieder zurück, wie der rauschende Strom sich zurückwirft von dem Fuße des Hügels und links und rechts einen andern Ausweg sucht. Unaufhörlich schwangen die beiden Löwen ihre gewaltigen Speere und streckten mit jedem Stoß einen allzu kühn sich Heranwagenden nieder. Selbst Hektor vermochte nicht sie zu bändigen, auch Äneas versuchte heute vergebens Schwert und Lanze. Menelaos und Meriones brachten den Leichnam glücklich eine Strecke fort.

Achilleus wartete inzwischen voll Ungeduld der Rückkehr seines Freundes und der Myrmidonen; fast ahnte er es, daß Patroklos den Auftrag überschritten haben würde, und zürnte schon im Herzen, daß ihm, dem Mächtigen, so schlecht gehorcht werde. Da stieg er auf seine gewöhnliche Warte, das hohe Verdeck des Schiffes, und sah durch die Dämmerung und den ungeheuern Staub dichte Haufen sich heranwälzen, welche Flüchtlingen zu gleichen schienen; und es war ihm, als höre er Hektors triumphierende Stimme, der die Achäer verfolge. Ein inneres Bangen ergriff ihn, und schon wollte er einen Boten aussenden, als der junge Antilochos zu ihm trat und mit Thränen sprach:

»Wehe mir, Sohn des Peleus, ich verkündige dir ein entsetzliches Jammergeschick; ach, möchte es doch nimmer geschehen sein! Patroklos ist gefallen; hitzig kämpfen sie um den nackten Leichnam, denn die Waffen hat ihm Hektor entrissen!«

Totenblässe umzog Achilleus' Gesicht bei dieser Nachricht. Denkt euch den feurigen, starken, leidenschaftlich empfindenden Mann in dem Augenblicke des ersten Schreckens, da er seines treuesten Herzensfreundes Tod vernimmt! Er raufte sich wütend das Haar aus, warf sich sinnlos zur Erde und bedeckte Kleid und Haupt mit Staub; das Herz pochte mit lauten Schlägen, und aus dem halb geöffneten Munde drang ein schauerliches Stöhnen und Seufzen hervor. Die Sklaven und dienenden Mägde versammelten sich um ihn und erschraken bei dem Anblick; dann aber weinten sie alle zumal, als ihnen die Ursache seines Schmerzes gesagt ward. Auch Antilochos weinte und faßte ihn niederknieend bei beiden Händen; denn er besorgte, der wildaufbrausende Mann möchte in der ersten Heftigkeit des Schmerzes sich selber töten. Einige Minuten dauerte dieser Zustand der starren Sinnlosigkeit, dann erst lösten sich lindernde Thränen, und das schwergetroffene Herz machte sich durch Klagen Luft.

Ihn hörte Thetis, seine göttliche Mutter, tief im Grunde des Meeres. Mütterlich besorgt, stieg sie aus den Fluten herauf und setzte sich neben den jammernden Sohn. Sie drückte sein Haupt an ihren Busen, weinte selbst von Herzen mit und fragte in zärtlichem Tone:

»Lieber Sohn, was betrübt dir schon wieder die Seele? Sprich, verhehle mir nichts! Hat dir doch Zeus deine Wünsche erfüllt und den Troern Siegesruhm verliehen! Sage mir, was weinst du?

»Ach, Mutter!« begann schwer seufzend Achill, »was hilft mir Zeus' Gewährung, da mein Patroklos tot ist, den ich wert hielt wie mein eignes Leben! Hektor hat ihn erschlagen und ihm die Rüstung genommen, die er von mir geliehen, das herrliche Geschenk meines tapfern Vaters Peleus. Ach, Mutter, zu welchem Jammer hast du mich geboren! Siehe, jetzt muß ich die Feindschaft mit Agamemnon aufheben, denn nun werde ich nicht ruhen, bis mir Hektor diesen Mord mit seinem eignen Blute gebüßt hat.«

»O Sohn«, sprach weinend die Mutter, »tötest du diesen, so ist auch dir das Ende nahe! Du kennst ja des Schicksals Bestimmung.«

»O, daß ich sogleich sterben könnte«, antwortete Achilleus, »da mir's nicht vergönnt war meinen erschlagenen Freund zu verteidigen! Was habe ich nun gethan vor Troja? Nicht meinem Freunde noch den andern habe ich mit meiner Tapferkeit genützt, sondern unthätig habe ich während der größten Not dieser gefahrvollen Tage in meinem Zelte gesessen. Nun, so räche ich ihn wenigstens noch, und ehren will ich ihn, wie noch kein Sterblicher geehrt worden ist! Mag dann Zeus über mich verhängen, was ihm beliebt. Ist doch der Tod ein unvermeidliches Los. Auch der große Herakles ist gestorben, der doch dem Zeus der geliebteste von allen Söhnen war. So mag auch mich der Tod hinstrecken! Aber ehe es geschieht, soll noch manche Troerin über mich wehklagen und zürnen, daß ich ihr den Sohn oder den jungen Gemahl erschlug. Fühlen sollen sie's alle, daß ich der langen Rast ein Ende gemacht! Du weinst? Du möchtest mich abhalten? Nein, Mutter, wehre mir nicht; ich kann dir nicht gehorchen!«

Thetis sprach: »Ich wehre dir nicht, denn gerecht ist dein Kummer und löblich der Entschluß den Toten zu ehren und den Freunden wieder zu helfen. Aber was wolltest du waffenlos, wie du jetzt bist? Ist doch kein anderer im Lager der Achäer, dessen Waffen dir paßten, als etwa der Telamonier Aias, und der, weißt du, braucht sie selbst. Warte also bis morgen und gehe nicht eher in den Kampf. Bald komme ich zurück mit einer neuen Rüstung, vom Hephästos selbst geschmiedet. In dieser sollst du den männermordenden Hektor bekämpfen.«

Sie sprach's und stieg eilends hinauf zum Olympos, den Hephästos um die Waffen zu bitten. Achilleus vernahm unterdessen immer lauter das Getöse fernher tobender Männer, denn das wandelbare Glück der Schlachten jagte jetzt die Achäer abermals in die Flucht und verlieh den Troern Sieg. Wild und lautschreiend verfolgten diese die beiden Aias, welche den Leichnam des Patroklos unter dem Schutze der hereinbrechenden Nacht zu bergen suchten; und wie sehr auch die Griechenhelden eilten den Toten in Sicherheit zu bringen, so waren sie doch mehr als einmal nahe daran ihn preiszugeben, denn Hektor verfolgte sie mit den Seinen unablässig und hatte schon mehrmals den Fuß des Patroklos ergriffen, um mit einem Ruck die Beute an sich zu reißen. In dieser Gefahr dachten die beiden Aias gar nicht daran den Hektor zu töten; wiederum aus Furcht für ihr eigenes Leben, denn die riesige Gestalt des Gewaltigen schreckte sie gar zu sehr. Sie faßten dafür nur den Leichnam beim Kopfe und bei den Schultern, um ihn dem Verfolger aus den Händen zu winden. Dreimal gelang es ihnen, doch dreimal griff jener aufs neue an, und er hätte ihnen denselben endlich doch vielleicht entrissen, nahe schon am Graben des achäischen Lagers, wenn nicht ein eilender Bote es rasch dem Achilleus angesagt hätte:

»Zu Hilfe! zu Hilfe! Achilleus! Sie reißen sich um Patroklos, und bald wird ihn Hektor errungen haben, denn er drohet ihm den Kopf abzuhauen und auf einen Pfahl zu spießen, den Rumpf aber den troischen Hunden zum Fraß zu geben. Dein ist die Schmach, wenn des Freundes Leiche geraubt und geschändet wird!«

»O, ihr Götter!« rief Achilleus. »Was kann ich Wehrloser thun? Er selbst, der Entsetzliche, trägt ja meine Waffen! »Ach, wenn du nur am Graben stündest, daß sie deine Stimme hörten! – es ist ja finster, und schon vor deinem Drohen werden sie fliehen! Komm doch nur eilig heraus!«

Er kam, unbedeckt und wehrlos wie er war, und stellte sich an den Graben. Und mit einer Stimme, wie wenn schwer und nahe der Donner durch Felsengebirge rollt, rief er seine fürchterlich drohenden Worte hinüber, daß Troer und Achäer ein Entsetzen ankam und Hektor, starr vor Schrecken, den Leichnam fahren ließ und sich schnell mit den Seinen zur Flucht wandte.

So brachten die beiden Helden den Leichnam glücklich ins Lager und legten ihn auf weiche Decken. Achilleus, der ihnen entgegengekommen war, betrachtete ihn lange sprachlos mit gesenktem Haupte und starr zusammengeschlossenen Händen, und Thränen rannen ihm über die Wangen. Wie entstellt lag der Tote da! Wer hatte den freudigen Helden noch wiedererkannt, der vor wenigen Stunden voll hohen Mutes auszog in die Schlacht und so viele tapfere Feinde erlegte? Hoch auf dröhnendem Wagen und prangend in stattlicher Rüstung hatte er Abschied genommen; der Rüstung beraubt, mit zerrissenem Eingeweide und blutbedeckt – so sah ihn des Freundes Auge wieder.

Die Troer hielten jetzt Rat, ob man die Nacht in der Stadt oder wieder auf dem Felde zubringen wolle. Das erstere riet Polydamas, denn ihm bangte vor Achills Morgengruße; auf dem letztern aber bestand Hektor, denn er hielt selbst den bloßen Schein der Furcht vor dem Feinde für unrühmlich. »Mag es sein«, schloß er seine Rede, »daß Achilleus morgen wieder im Felde erscheint; nun, dann hat er sich selbst das Schlimmere erkoren! Ich wahrlich werde vor ihm nicht fliehen! ich brenne vor Begier ihm entgegenzutrete, und Zeus wird entscheiden, ob mich oder ihn der Siegesruhm verherrlichen soll!« Alle Troer jauchzten ihm zu, und so lagerten sie wiederum, wie in der vorigen Nacht, auf dem Felde. Jünglinge holten Opfertiere samt Brot und Wein, zündeten Feuer an und bereiteten die Nachtkost. Auch die Achäer in ihrem Lager labten sich am Mahl und legten sich dann zur Ruhe. Nur den Achilleus floh der Schlaf. Niederknieend neben seinem toten Freunde, legte er die Hände auf dessen Brust und stöhnte gleich der Löwin, welcher ein kühner Jäger die Jungen geraubt hat. Vom Schmerze übermannt sprach er leise:

»Gute Götter, wie unbesonnen war mein Reden doch, als ich damals dem redlichen Greise Menötios versprach, ihm seinen Sohn wohlbehalten und mit reichen Geschenken geehrt wieder heimzuführen, nachdem wir Troja zerstört! Ach der Mensch baut wohl stolze Pläne, aber Zeus wendet die Dinge nach seinem Willen! Nun ward uns beiden bestimmt, mit unserm Blute die troische Erde zu röten. Auch mich soll der greise Vater nicht wieder empfangen in seinem Palaste, noch die göttliche Mutter; denn weit entfernt von ihnen wird die fremde Scholle mich decken. Aber ehe sie mich deckt, mein Patroklos, sollst du gerächt sein; zu deinem Haupte will ich Hektors Waffen legen und des Mörders blutiges Haupt daneben. Zwölf troische Jünglinge schlachte ich dir zu Ehren, und manche Troerin soll um dich weinen und klagen. Ruhe indessen sanft hier bei den Schiffen, der morgende Tag soll deinen und meinen Ruhm verherrlichen.«

Er stand auf und befahl den Freunden den Leichnam vom Blute und Staube zu reinigen. Das geschah; und als sie ihn gewaschen hatten, salbten sie ihn und gossen ihm balsamisches Öl in die Wunden, um ihn vor Fäulnis zu schützen. Dann hüllten sie ihn wieder in Tücher und ruhten die Nacht hindurch wehklagend bei demselben.

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