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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 31
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authorKarl Friedrich Becker
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Zwölfter Abend.

Die Achäer in äußerster Bedrängnis.

Jetzt erwachte Zeus auf dem Ida an der Seite seiner Gemahlin, und sein erster Blick war nach den Schiffen gerichtet. Wie fand er dort alles verändert! Die Troer aus der Verschanzung herausgetrieben, nach der Stadt fliehend, seinen Bruder Poseidon unter den vordersten Kämpfern des griechischen Heeres, und den verwundeten Hektor bewußtlos stöhnend am Ufer des Flusses! »Ha, Here!« fuhr er zornig auf, »arglistiges, tückisches Weib, das war dein Werk! Das also waren deine Liebkosungen, deine Freundlichkeit und dein süßes Geschwätz! Was gilt's, daß ich dich für diesen Frevel strafe? Hast du die letzte Züchtigung schon vergessen, als du mir schweben mußtest zwischen Himmel und Erde, mit den Händen an eine lange Kette gebunden und an jedem Fuß einen Amboß, damals, als du mich auch überlistet und meinem Herakles einen Seesturm geschickt hattest, daß er nach Kos zu feindlichen Menschen verschlagen wurde? Wie, wenn ich jetzt – –?«

»Wahrlich«, sprach die Göttin erschrocken, »Erde und Himmel sollen mir Zeuge sein, ja, ich schwöre es beim Styx, daß ich den Poseidon nicht habe zur Schlacht gehen heißen. Ob ihn die Achäer erfleht haben oder ob sein eigenes Herz ihn angetrieben – ich weiß nichts davon. Ach, ich wollte es ihm ja eher selbst ausreden, da du so zürnest.«

»Ha!« rief Zeus, »ich sehe wohl, wenn ihr im Götterrate die erste Stimme hättet, da würde die Welt ganz anders regiert werden als von mir. Gleich gehe mir in die Versammlung der Götter, und rufe mir eilig Iris und Apollon her!«

Wie froh war Here, daß sie diesmal so schnell loskam! Doch zitterten ihr noch vor Schrecken die Kniee, als sie die Schwelle des olympischen Göttersaales betrat. »Was ist's? was giebt's?« fragten die Göttinnen.

»Ach, unser Reich hat schon ein Ende!« antwortete sie. »Er hat alles gesehen, er zürnt gewaltig und verlangt nach Iris und Apollon. Warum widerstreben wir Thörinnen ihm auch? Mag doch fallen, wer will, was geht es uns an? Eben sah ich auch Askalaphos fallen, des Ares lieben Sohn.«

»Wie?« rief Ares in Schmerz und Bestürzung, »meinen Sohn? Nun so verargt mir's nicht, daß ich auf der Stelle zur Rache hinabeile, mag mich auch der Strahl des Donnerers treffen und zu den übrigen Toten in Blut und Staube hinabschleudern!«

Er stürmte aus dem Saale hinaus und befahl dem Entsetzen, welches in seinem Gefolge diente, ihm die Rosse anzuschirren; er selbst warf sich die erzstrahlende Rüstung um, und ein unermeßliches Unheil wäre entstanden, wenn nicht Athene, um die übrigen Götter besorgt, ihm nachgesprungen wäre und ihm Helm, Schild und Lanze mit Gewalt wieder entrissen hätte. »Rasender«, schrie sie ihn an, »wo hast du die Besinnung? Willst du uns denn alle ins Verderben stürzen? Hast du nicht gehört, was Here gesagt hat? Wehe uns, wenn er dich sieht, der Furchtbare! Sogleich wendet er sich von jenen ab und rächt sich im Grimme an uns, den Unschuldigen wie den Schuldigen ergreifend. Ward doch dein Sohn zum Sterben geboren, und wohl Edlere sind gefallen! Es ist ja unmöglich alle Sterblichen zu beschützen!«

Mit diesen Worten drückte sie den entrüsteten Bruder auf den Stuhl nieder, und ihrer Warnung gehorchend hielt er sich zurück. Apollon hingegen und Iris flogen schnell hinab auf die grünen Höhen des Ida und traten ehrfurchtsvoll an den Vater heran, der, gehüllt in eine Wolke, dort allein saß. »Gehe«, sprach er zu Iris, »und sage dem Poseidon, daß er nun ruhe vom Kampfe und gehorsam zum Sitz der Unsterblichen steige, oder hinab in das Meer; dort mag er gebieten. Und daß er's nicht wage meinem Gebote zu trotzen, wenn er nicht fühlen will, wie viel stärker an Macht ich bin! Verwegener, der sich nicht scheut sich mir gleich zu dünken, mir, vor dem doch alle zittern! – Du aber, mein geliebter Sohn Apollon, gehe hin zum Hektor und stärke seine Brust mit deinem göttlichen Anhauch, dann führe ihn in die Schlacht zurück und hilf ihm selbst die Achäer in ihre Schiffe treiben. Hier hast du meine Ägis (Ägide), schüttele sie kräftig, daß die Achäer erbeben; aber wenn sie genug geängstigt sind, dann lasse auch sie ruhen.«

Iris verkündete dem Gotte des Meeres aufs Wort den Befehl des Göttervaters und erregte ihm damit die Galle nicht wenig. »Wahrlich«, rief er aus, »das heiße ich übermütig geredet, wie mächtig er auch sein mag! Mir den Willen zu brechen, mir, der ich an Würde ihm gleich bin! Denn sind wir nicht Brüder, er und Pluto und ich, und wurde nicht die Ober- und Unterwelt zwischen uns Dreien gleich geteilt? Wir loseten, da fiel ihm die Luft und mir das Wasser zu, aber Erde und Himmel sind uns allen gemein und nimmer soll er hier mich hemmen! Mag er seiner Gemahlin und seinen Söhnen und Töchtern nach Gefallen gebieten; ich kehre mich an seine Befehle und Drohungen nicht.«

Da sprach Iris zögernd: »Wie, schwarzlockiger Erdumstürmer, ganz so, wie du da sagst, soll ich dem Zeus deine Antwort überbringen? Bedenkst du dich nicht noch anders? Gern wenden sich die Herzen der Edeln zum Frieden, und immer gebührt dem Älteren Achtung.«

»Iris, treffliche Göttin«, entgegnete der aufbrausende Gott, »du sprichst verständig und gut. Wie schön, wenn ein Bote weiß, was sich schickt! Aber mich überwältigte nur der Zorn, und mit Recht, denn kein Bruder sollte dem andern befehlen. Freilich, bedenke ich mir's genau, so thue ich wohl am besten ihm nachzugeben, und so mag er thun, was er will. Aber das sage ihm nur: will er nicht, daß unheilbarer Zorn uns entflammen soll, so darf mir Ilios nicht stehen bleiben!«

So sprach er, verließ die Schlacht und tauchte in die Fluten des Meeres. Iris ging zum Ida zurück. Apollon war unterdessen beim Hektor angekommen, der sich schon wieder etwas erholt hatte und nicht mehr stöhnend dalag, sondern aufgerichtet saß, von seinen Freunden umgeben. Mit freundlichem Lächeln nahte ihm der Gott und redete ihn an:

»Sei getrost, Sohn des Priamos! siehe, mich sendet Zeus dir zum Retter; ich bin Phöbos Apollon, der schon oft dich und die Deinen beschützt hat. Auf! ermahne die reisigen Scharen und folge mit ihnen mir nach. Denn ich selber schaffe dir Bahn und jage die Achäer zur Flucht.«

Er berührte ihn, und Hektor erstand wie neugeboren, und gleich dem Füllen, das die Halfter zerrissen hat und mutig den andern Pferden nachspringt auf die Weide, eilte er wieder dem Schlachtgetümmel zu. Mit Staunen und Entsetzen sahen ihn die Achäer wiederkehren; und wie schnelle Windhunde, die einen Hirsch verfolgen und plötzlich zurückfahren, wenn ihnen unerwartet aus dem Dickicht ein Löwe entgegentritt, so wandten sich jene erschrocken bei Hektors Anblick. Und als Apollon unsichtbar den Schild des Zeus, die mächtige Ägis, schüttelte, da kam Furcht und Entsetzen über die Achäer, daß sie von der Verfolgung abließen und sich schnell wieder zu ihren Schiffen flüchteten. Die Trojaner aber standen in kurzem wieder innerhalb der Mauer und konnten den Angriff auf die Schiffe mit größerer Gewalt als zuvor erneuern. Die Anführer feuerten mittlerweile auf beiden Seiten mit lautem Rufe zur Tapferkeit an und durchliefen ordnend die Reihen. Lanzen und Pfeile flogen herüber und hinüber; viele trafen, viele fuhren kraftlos in den Sand. In dem großen Räume zwischen den Heeren aber tummelten sich einzelne Helden nach Kriegsbrauch herum und wählten sich ihre Gegner. So warf Hektor den Führer der Böotier, Arkesilaos, nieder und den Athener Stichios, Menestheus' tapfern Freund; Äneas traf den Bruder des jüngern Aias und noch einen andern edlen Achäer, Jasos, den Führer der Athener. Polydamas streckte den Mekistheus in den Staub, Echios den Polites, Agenor den Klonios. Paris schoß dem fliehenden Deiochos einen Pfeil in die Schulter, daß ihm die Spitze aus der Brust wieder hervordrang. So wütete der grausame Kampf noch ferner fort, und viele tapfere Männer fanden bei den Schiffen ihren Tod.

Da rief Hektor laut: »Nun, wohlauf, ihr tapfern Troer, jetzt gerade auf die Schiffe gesprengt! Haltet alle zusammen! Keiner bleibe zurück, um etwa einem Toten die Rüstung zu nehmen; wen ich säumend erblicke und in scheuer Ferne von den Schiffen, der stirbt von meiner Hand, und seine Leiche mag unter Trojas Mauern liegen unbestattet, ein Fraß der Hunde!«

So sprach er, die Reihen der Krieger ermahnend, und trieb seine Rosse über den Graben. Unter Jubelgeschrei folgten die andern ihm nach, und immer schrecklicher ward das Getöse. Erst bei den Schiffen standen sie still und beteten laut zu den Göttern um Sieg in dem schweren Streite. Ein weithinrollender Donner verkündete ihnen Glück, und mit doppelter Wut stürmten sie vorwärts.

Hektor bemühte sich ein Schiff zu erklimmen, aber noch vergeblich. Die Achäer stießen von oben mit ihren langen Ruderstangen jeden, der sich heranwagte, zurück, und in der Gegend, wo Hektor tobte, scharte sich immer der Kern der herzhaftesten Männer zusammen. Fürchterlich hallte der Kampfruf, und ebenso grausend war es anzuschauen, wie Tausende von starken Männern mit Stoß und Hieb andrängten, um die Schiffe zu erobern, und tausend andere gleichwütend aus Leibeskräften arbeiteten, um die Stürmenden abzuhalten. Ungeheure Kräfte zerschellten fruchtlos aneinander, und alle der vergossene Schweiß, alle das strömende Blut brachte keinem Einzigen Gewinn.

Während dieser verhängnisvollen Stunden hatte Patroklos noch immer im Zelte des Eurypylos gesessen und den verwundeten Freund gepflegt, der ihn in seiner Angst durchaus nicht von sich lassen wollte. Aber länger konnte er unmöglich bleiben, wenn er nicht den Zorn des Achilleus aufs höchste reizen wollte. Auch erfüllte ihn der immer lauter tobende und immer näher sich wälzende Aufruhr von draußen mit Besorgnis. Er mußte zusehen, wie der Kampf sich wende, und heftiger drängte ihn sein Herz, den Achill zu bewegen, doch endlich den Achäern wieder beizustehen. Er stand also auf und sprach zu Eurypylos:

»Jetzt, Lieber, kann ich nicht länger bei dir zurückbleiben, so sehr du auch meines Dienstes bedarfst; ich will dir einen getreuen Waffengenossen schicken. Denn ich selbst muß hinaus zum Achilleus; vielleicht, daß ihn mein dringendes Wort zum Kampfe bewegt, und dann, dann Freund! sind wir alle gerettet.«

Er ging hinaus und überschaute mit Schrecken die Wahlstatt. Immer wütender tobte die Mordlust, wild durcheinander sah er Troer und Achäer flüchten, sich verfolgen, kämpfen, fallen. Hektor vor allen hervorragend, stürmte mit einem flammenden Kienbrand heran, ihn in eines der Schiffe zu schleudern; aber die Achäer wehrten dem verderblichen Wurf. Aias von Salamis stand auf dem Verdeck und stieß mit der Lanze jeden, der Feuer herbeitrug, zu Boden. Ihm sandte daher auch Hektor den Wurfspieß entgegen, aber er traf den Lykophron, der neben ihm stand, einen tapferen Jüngling von der Insel Kythere, die er um einer Mordthat willen hatte verlassen müssen. Nach Salamis flüchtend hatte er bei dem alten Telamon liebreiche Aufnahme gefunden, und wurde fortan von dem Greise, weil er sehr brav war, seinen Söhnen gleichgehalten. Darum schmerzte sein Fall den Aias tief, und er sprach rasch zu seinem Bruder Teukros:

»Sieh hier, Bruder, unser Freund ist gefallen von Hektors Hand. Wo hast du deine rächenden Pfeile?«

Eilend stieg Teukros auf das Schiff und schoß unter die dichtesten Haufen der Troer. Da stürzte Polydamas' Freund Kleitos vom Wagen herunter, daß sich die Rosse bäumten, und rasch sprang Polydamas hinzu, um das Gefährt in Sicherheit zu bringen. Teukros, erfreut über den glücklichen Schuß, legte schnell einen zweiten, schärferen Pfeil für Hektor auf den Bogen, und er hätte ihn, da er ganz nahe stand, gewiß durchbohrt, wäre ihm nicht im Augenblicke, da er sie spannen wollte, die Senne zerrissen und der Pfeil kraftlos zur Seite geflogen.

»Wehe mir!« rief er bestürzt aus. »Fürwahr, ein Gott muß wider uns sein! Habe ich doch diesen Morgen erst eine neugeflochtene Schnur um den Bogen gewunden.«

»Nun, so wirf den Bogen weg und greif zu Speer und Schild!« sprach Aias schnell. »Siehe, sie liegen im Zelt, und wenn du hinunterkommst, so ermuntere kräftig die andern alle! Lauf! lauf! und säume nicht!«

Teukros eilte hinab ins Zelt, nahm einen Schild von vierfacher Ochsenhaut, setzte sich einen schirmenden Helm mit wildflatterndem Roßschweifbusch auf und ergriff ein Paar eschene Lanzen mit eherner Spitze. So gerüstet kehrte er schleunigst zum Bruder zurück. Hektor hatte den Unfall des Teukros gesehen und aus dem zerbrochenen Bogen ein gutes Zeichen gedeutet, »Ha, wohlauf, ihr Troer!« rief er, »soeben hat Zeus schon wieder einem tüchtigen Bogenschützen die Freude vereitelt. Ja, der Olympier will uns den Sieg gewähren; darum kämpfe jeder, wie er kann; und fällt auch einer von euch, getrost! er stirbt den ruhmvollen Tod für Trojas Weiber und Kinder, und gewiß! die Troer werden es den Seinen dankend vergelten, wenn erst die Achäer von Ilions Boden verjagt sind.«

Aber auch im achäischen Heere fehlte es nicht an kräftiger Ermahnung. »Hört nur«, rief Aias den Seinen zu, »hört, wie Hektor seine Troer ermuntert! Und er sollte uns bezwingen? Ha, wahrlich! welch ein Schicksal würde unser dann erwarten? Oder denkt ihr zu Fuße nach Hause zurückzukehren, wenn euch die Schiffe verbrannt sind? Seht nur, wie er schon nach Feuerbränden winkt, und wie er hierhin eilt und dorthin! Wahrlich, nicht zum Tanze ruft er Jungfrauen und Weiber, sondern Männer zum blutigen Kampfe! Aber seid auch ihr Männer, haltet stand, und zeigt euch nicht schlechter als jene; nichts bleibt uns übrig als kühn mit bewaffneter Hand uns in die starrenden Speere zu stürzen!«

Er schleuderte sogleich zuerst wieder eine Lanze hinab und warf einen Sohn Antenors, den blühenden Laodamas, nieder. Dafür aber traf Hektor den Führer der Phokäer, Schedios, und Polydamas den Fürsten der Epeer, Otos aus Kyllene. Das sah Idomeneus, und rächend eilte er herbei und warf die Lanze auf jenen. Zwar verfehlte er ihn, aber er traf einen andern wackern Troer, den Krösmos, gerade in die Brust und beraubte ihn eilig der schönen Rüstung. Das wollte ihm Dolops, ein Vetter Hektors, verwehren und kam mit gewaltigem Anlaufe gegen ihn losgestürmt. Idomeneus traute seinem mächtigen Schilde, und indem er damit den wuchtigen Speer auffing, versetzte er jenem mit seiner Lanze einen Stoß an den Kopf, der aber nur die Stirnhaut ritzte und den Helm herabstieß. Noch rangen sie zweifelhaft, da sprang Menelaos seitwärts herbei und durchbohrte meuchlings den Troer, daß er niedertaumelte. Sogleich wollten ihn beide der ehernen Wehr berauben. Aber das sah Hektor, und zornentbrannt rief er die Freunde herbei und jagte mit ihrer Hilfe die beiden kecken Achäer davon.

Aias sah ihn heranstürmen und rief noch einmal die Seinen zur Tapferkeit auf. »Schämt euch«, rief er, »ihr Freunde, feig in der Schlacht zu sein! Ehret euch selbst, denn wo ein Volk sich selber ehrt, da stehen der Männer mehr als da fallen; aber den Fliehenden bleibt nichts, weder Ruhm noch Errettung.«

Und alsbald deckten die Achäer ihre Schiffe mit ihren Leibern wie mit undurchdringlicher Mauer, und kein Troer wagte ihnen zu nahen. Nur Antilochos, Nestors Sohn, stand ferne, auf seine Lanze gestützt und sah ruhigen Herzens dem Getümmel zu. Ihn erblickte Menelaos und sprach zu ihm in verweisendem Tone: »Ei, Antilochos, du bist der jüngste von allen, und keiner ist rascher zu Fuße als du; du solltest doch lieber einmal hervorspringen und versuchen, ob du nicht auch einen der Troer erlegen könntest.«

Den Jüngling reizte das, und er warf, vorspringend aus dem Gewühl und rings sich umschauend, die Lanze in die dichtesten Haufen. Die Feinde stoben auseinander, aber einen traf der Wurf doch, den schönen Melanippos, Hektors Vetter, der sonst in Perkote treffliche Rinder geweidet hatte, jetzt aber seit dem Ausbruche des Krieges in Priamos' Hause wohnte. Von Antilochos durch die Brust geschossen, stürzte er rasselnd im ehernen Waffenschmucke zur Erde. Und wie der rasche Jagdhund über den geschossenen Hirsch herfällt, so rannte der Sieger jetzt auf den Gefallenen los, ihm die Rüstung zu entreißen; aber da er schon sich niederbückte, um den Riemen des Schildes abzustreifen, stürmte Hektor gegen ihn an und scheuchte ihn wie ein Reh zurück, ihn und auch die anderen; denn wo er heranbrauste, da drängten sich angstvoll die Scharen aneinander, wie eine Schafherde vor dem Wolfe. Keiner wagte sich zu wehren, sondern wen er erreichte, der beugte erschreckt sein Haupt und empfing zitternd, mit abgewandtem Gesicht den Todesstreich. Fürchterlich rauschte um sein Haupt der Helmbusch, gleich eines Löwen flatternder Mähne, und unter den dunkeln Brauen blitzten ihm die Augen, wie Feuer aus dem Dickicht des Waldes. Er stürzte in die Scharen der Achäer, wie ein Panther in die Rinderherde stürzt, die von einem furchtsamen Hirten geweidet wird; tief jagt er sie in den Sumpf und erpackt das letzte der Rinder mit seinen Pranken, ohne daß es vermag sich zu wehren, und tragt es davon, sicher vor jeder Verfolgung.

Jetzt waren die Achäer schon von den vordern Schiffen zurückzuweichen genötigt, vor den Zelten aber standen sie noch in dichten Reihen; denn es hielt sie Furcht und Scham zusammen. Unablässig ermunterten sie einander, und vor allen beschwor der greise Nestor in tiefem Schmerze das Volk nur einmal noch die letzten Kräfte aufzubieten. »Denkt doch zurück«, rief er, »an eure Weiber und Kinder und an eure Güter daheim! Denkt an eurer Väter Namen! Die wolltet ihr so feige preisgeben? wolltet hier wehr- und ehrlos von den Händen der Troer sterben?«

Aber den rühmlichsten Mut unter den Führern der Achäer bewies Aias, Telamons Sohn. Mit mächtiger Lanze bewaffnet, sprang er von einem Verdecke auf das andere, um die Kämpfer anzutreiben, die kaum noch mit Gewalt zum Stehen zu bringen waren. Siehe, da brachte ein Troer dem Hektor einen gewaltigen Feuerbrand und warf ihn in das vorderste der verlassenen Schiffe! Dieser Anblick brachte die Achäer zur Verzweiflung. Alle, die in der Nähe standen, stürzten alsbald hervor, um das Schiff zu verteidigen, und nun erhob sich ein entsetzlicher Kampf um dasselbe. Streitäxte, Schwerter und Lanzen zischten durcheinander, und Ströme Bluts tränkten das Erdreich. Hektor hatte sich an den Bord des Schiffes geklammert und rief: »Auf! bringt Feuer herbei! Jetzt sendet Zeus den Tag, der alles vergütet, denn heute noch nehmen wir sicher die Schiffe!« Und »Feuer! Feuer!« scholl's durch das ganze Heer, daß alle Achäer erbebten. Aias selbst konnte nicht mehr herandringen, sondern warf nur, auf einem der hintern Schiffe stehend, unablässig Lanzen auf jeden, den er mit lodernden Bränden herankommen sah. Dabei ließ er nie die lautmahnende Stimme ruhen, sondern hörbar selbst durch das entsetzliche Getöse, rief er den Seinen zu:

»Freunde, bewahret den Mut und zeigt euch als Männer! Habt ihr denn noch Helfer außer euch selbst, oder steht hinter euch noch eine andere Mauer? Wißt ihr noch andere Schiffe, euch übers Meer zu retten, wenn diese verbrannt sind? Nur in euren Armen liegt eure Rettung!«

Fruchtloser Eifer! Die klirrenden Lanzen der Feinde trieben mächtiger zur Flucht, als die Stimme des einzelnen Führers zum Angriff. Die Kraft war allen gebrochen; aus solchem Drangsal hoffte das entmutigte Volk durch eigene Kräfte keine Errettung mehr.

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