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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 26
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authorKarl Friedrich Becker
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Siebenter Abend.

Agamemnons Friedensbotschaft an Achilleus.

Im Lager bei den Schiffen herrschte Unmut und Furcht. Agamemnon selbst verzweifelte an der Möglichkeit eines glücklichen Ausgangs und berief in der Stille die Fürsten zu einer Beratung. »Freunde«, sprach er, »jetzt sehe ich's, Zeus will nicht erfüllen, was er uns durch so viele günstige Zeichen bei der Herfahrt verheißen; er will nicht, daß ich Troja erobern und euch mit Beute beladen zurückführen soll. Schon hat er unserer viele dahingerafft, und täglich wird das Elend größer. Fürwahr, er hat uns verderblichen Trug ersonnen und will unser nur spotten; darum ist mein Rat, wir ziehen die Schiffe ins Meer und kehren nach Hause zurück, damit wenigstens die noch Lebenden gerettet werden. Denn Troja erobern wir nimmermehr!«

Die Fürsten schwiegen betroffen eine Weile; da sprang Diomedes auf und sprach: »König, zürne mir nicht, wenn ich deine Rede bestreite. Zwar schaltst du noch neulich meinen unkriegerischen, Sinn; doch jetzt wird es offenbar, daß du der Verzagteste von, allen bist, denn so sehr verzweifelt wohl noch keiner im Heere. Freilich, alles geben die Götter nicht einem, und dir hat Zeus nur eins verliehen, mit dem Scepter der Macht geehrt zu sein vor den andern; Tapferkeit aber, die wahre Stärke des Mannes gab er dir nicht! Wohlan, wenn dich das Herz so gewaltig treibt nach Hause zurückzukehren, so ziehe davon; der Weg ist frei und die Schiffe liegen bereit. Wir andern hingegen, wir, denke ich, harren aus und ziehen nicht eher nach der Heimat zurück, als bis die festummauerte Stadt zerstört liegt. Und entflöhen sie auch alle – ich samt meinem Sthenelos werden nicht weichen, denn die Götter haben uns hergeleitet.« Diese kühne Erklärung des Helden begeisterte alle Achäer wieder und zwang ihnen lauten Beifall ab. Das Vertrauen auf die Götter kehrte zurück; und als Nestor darauf mit langem Lobe dem Diomedes beistimmte, ward der Heimkehr gar nicht weiter gedacht. Jetzt riet der Greis die Mauer wohl zu bewachen, gleich den Troern ringsum Wachtfeuer zu erhalten und auf jeden Angriff gefaßt zu sein. Dem Agamemnon aber winkte er, die Freunde in sein Zelt zu laden und gastlich zu bewirten, um da jedes Einzelnen Meinung zu hören und der besten zu folgen.

So zogen denn die Jünglinge, welche das Los traf, hinaus und lagerten sich, siebenhundert an der Zahl, zwischen dem Graben und der Mauer, zündeten die Wachtfeuer an und bereiteten daran ihr Fleisch zur Nachtkost. Die übrigen Achäer legten sich innerhalb der Ringmauern in den Zelten nieder und überließen sich dem Schlafe; nur die Fürsten ratschlagten noch in Agamemnons Zelte, nachdem sie des trefflichen Weines, den Agamemnon durch Schiffer aus Thrakien erhielt, und der fetten Rückenstücke wie auch des Brotes genug genossen hatten.

Es versteht sich, daß der alte Nestor zuerst wieder unter den beratenden Führern das Wort nahm, und was er diesmal vorbrachte, war allen so aus der Seele geredet, daß keiner nach ihm noch etwas Besseres anzugeben wußte. »Ruhmreicher Atreide«, sprach er, »wenn du bedenken willst, seit wann uns die Götter so schreckliches Verderben gesendet haben, so wirst du dir selbst gestehen müssen, daß unser Unglück von dem Tage anhub, an welchem du den tapfersten Mann, den selbst die Unsterblichen ehrten, unverdient beschimpftest und kränktest, uns allen zu nicht geringer Betrübnis. Denn keiner von uns konnte es billigen, und ich, wie du weißt, habe dich mit allem Ernste abgemahnt. Nun aber dächte ich, da wir die Folgen nur allzu schwer empfinden, wir sähen zu, wie wir den Zürnenden durch freundliche Worte und durch Geschenke versöhnten.«

»Würdiger Greis«, sprach Agamemnon, »ich weiß es, ich habe gefehlt; blindlings gehorchte ich meinem Zorn. Ach, es ist wohl wahr, solch ein einziger Mann, den Zeus sich im Herzen erkor, gleicht vielen Völkern an Stärke, und es reut mich schon seit jenem Tage, daß ich mich hinreißen ließ ihn zu beleidigen. Gern würde ich es vergelten mit reichlichen Gaben, wenn Achilleus wieder der unsere sein wollte. Zehn Pfund Goldes wollte ich ihm geben, sieben dreifüßige Kessel, die noch nie am Feuer gestanden haben, dazu zwanzig schimmernde Becken, zwölf meiner mutigsten Pferde und sieben von den Weibern, die mir von der Beute in Lesbos zufielen, tüchtige und zierlicher Arbeit kundige Jungfrauen. Ja! auch das Mädchen soll er wieder erhalten, um welches der leidige Zwist entstand; gern hätte ich sie schon damals zurückgesendet, als mir der Zorn verraucht war. Giebt mir aber Zeus endlich Glück, daß ich Priamos' mächtige Feste zerstöre, so soll er sein Schiff mit Gold und Silber im Überfluß beladen dürfen, und zwanzig troische Weiber mag er sich selbst erlesen, die nach Helena die schönsten sind. Und kommen mir endlich nach Argos, dem Segenslande, zurück und er will mein Eidam werden, so will ich ihm keine meiner Töchter versagen und sieben meiner volkreichsten Städte zum Brautschatze geben. Seht, so hoch will ich ihn ehren, wenn er jetzt den Zorn unterdrücken und sich mit mir versöhnen will! Zürnen doch Götter nicht ewig, den unerbittlichen Pluto ausgenommen, den aber auch alle scheuen. Geht und sagt ihm das! Er sollte mir doch wohl etwas nachsehen, da ich weit älter an Jahren bin und unendlich höher stehe an Macht. Meinet ihr nicht?«

Nestor antwortete darauf: »Sohn des Atreus, du bietest herrliche Gaben; solch ein Versöhnungsgeschenk möchte auch wohl den Stolzesten besänftigen. Auf denn! laß uns sogleich erlesene Männer mit dieser Botschaft zu ihm senden; mein Rath ist, wir wählen dazu den Odysseus und Aias; der alte Phönix, den ihm sein Vater Peleus zum Begleiter hierher mitgab und den er als seinen Erzieher und väterlichen Freund ehrt, mag sie einführen. Als Herolde können sie Hodios und Eurybates begleiten. Jetzt nun besprengt die Hände mit Wasser, damit wir den erhabenen Zeus um Erhörung anflehen.«

Alle wuschen darauf ihre Hände und spendeten aus den frischgefüllten Bechern ein Trankopfer, beteten dann schweigend und sandten die erwählten Boten ab, denen Nestor noch vor der Thür des Zeltes einschärfte, ihr Möglichstes zu versuchen und mit allem Eifer den Peleiden zu überreden.

Die fünf Männer gingen jetzt am Gestade des lautrauschenden Meeres hin zu den Zelten der Myrmidonen, welche auf dem äußersten Ende rechtshin lagerten, von den übrigen abgesondert. Sie fanden den Achill in seinem Zelte, eine Zither (Phorminx) schlagend und dazu die Siegesthaten der Helden singend. Ihm gegenüber saß sein trauter Freund und Waffenbruder Patroklos und horchte dem mächtigen Liede. Da traten zuerst Aias und Odysseus, die eigentlichen Gesandten, herein und sogleich legte Achill das Saitenspiel aus der Hand, erhob sich von seinem Sitze und ging den Männern entgegen. Auch Patroklos stand auf, sobald er die Männer erblickte, und bewillkommnete die alten Bekannten.

»Glück auf, ihr Lieben!« begann Achilleus; »ihr seid mir herzlich willkommen, denn euch Braven zürne ich nicht. Setzt euch hier auf die Teppiche, und du, Patroklos, stelle einen größern Mischkrug her, mische auch stärkeren Wein, und fülle jedem den Becher bis zum Rande; denn fürwahr! werte Gäste sind unter mein Zelt gekommen.«

Der Freund besorgte alles, zerschnitt auch die Schulter eines fetten Mastschweins und drehte die Stücke an Spießen über der Glut des Feuers, zog sie dann herab und legte jedem davon vor. Auch Salz reichte er ihnen und Brot aus dem Korbe, und sie aßen und sprengten in frommer Sitte den Göttern. Hierauf ergriff Odysseus den Becher und trank dem Achilleus mit Handschlag zu, wie schon damals üblich war.

»Sohn des Peleus«, fing er an, »es mangelt uns drüben in den Zelten auch nicht an der Fülle des gemeinsamen Mahles, und Trinkens halber sind wir nicht hergekommen. Aber uns drängt eine andere Not, und wir dürfen sie dir wohl nicht erst klagen. Ja, wir sind nun dahin gekommen, daß unsere Schiffe verloren sind, wofern du dich unser nicht annimmst. Denn Zeus hat den Troern rechtshin leuchtende Zeichen gesandt, und Hektor wütet unbezwinglich. Schon hat er laut gedroht uns die Schiffe vor unsern Augen zu verbrennen, und er weicht selbst der Nacht nicht mehr, sondern hat sich nahe bei uns auf offenem Felde gelagert, und rings flammt furchtbar die weite Ebene von den Wachtfeuern der Trojaner. Sicher harrt er mit Ungeduld schon auf den Anbruch des Tages, um uns alle zu vernichten; denn er scheut keinen mehr, weder Menschen noch Götter. Dich allein hat er immer gefürchtet, und du nur könntest uns von ihm befreien. Siehe, unser Geschick liegt in deiner Hand; laß dich bewegen, da es noch Zeit ist! Lägen wir alle getötet, dir würde es sicher leid werden, so unerbittlich hart gewesen zu sein. Aber geschehenes Unheil würdest du dann nicht mehr ändern können. Jetzt ist noch Hilfe möglich, jetzt komm und verlaß uns nicht in unserer Not! Laß den Groll! Denke, wie dein alter Vater dich an jenem Tage ermahnte, als er dich aus Phthia dem Agamemnon zusandte.« »Lieber Sohn«, sprach er, »Siegesstärke werden dir die Götter geben, denn sie sind dir verwandt; aber bändige nur dein rasch aufbrausendes Blut und das stolze Herz im Busen; denn freundlicher Sinn ist besser. Meide Hader und Streit, damit alt und jung dich höher noch ehre.« »Sieh, so ermahnte der Greis, aber du hast sein Wort vergessen! Doch auch jetzt noch laß dich bewegen; höre nur, welche Gaben dir Agamemnon bietet. Wahrlich, es sind so köstliche, daß sie allein hinreichen würden einen Mann reich und geehrt zu machen. Erstlich will er dir sogleich jetzt zehn Pfund Goldes, sieben neue dreifüßige Kessel und zwanzig glänzende Becken schenken, dazu zwölf prächtige Rosse, siegreiche Renner, und sieben Sklavinnen aus Lesbos, kundig der Arbeit, vor allen aber deine geliebte Briseïs, um die du so zürnest; und dann endlich verspricht er dir von Trojas Beute – wofern es uns gelingt die Stadt zu erobern – Goldes und Silbers die Fülle; dein Schiff will er mit Schätzen beladen und zwanzig der schönsten Jungfrauen dir schenken, die du dir selbst aus den Gefangenen erlesen sollst. Was aber das Herrlichste ist, er will dich, wenn dir's gefällt, bei der Heimkehr mit nach Argos nehmen und dich zu seinem Eidam machen, und die sieben schönsten Städte in seinem Reiche sollen dein Brautschatz sein. – Sage, kann wohl ein Feind versöhnlicher sein? Aber wenn er auch nichts dir böte, und wenn du ihn haßtest trotz aller Geschenke, so solltest du doch unserer Not dich erbarmen und des verzagenden Heeres, welches dich wie einen Gott verehren würde, wenn du den Hektor erlegtest, der nun sich rühmt, ihm gleiche keiner im Danaervolk. Wahrlich, unsterblicher Ruhm würde dir zu Teil werden!«

Achilleus hörte die lange Rede unbeweglich an und gab dem Odysseus folgende Antwort:

»Edler Sohn des Laërtes, ich möchte dir und euch allen gern vergebliches Reden ersparen; darum will ich frei heraussagen, was bei mir beschlossen ist! Weder Agamemnon noch ein anderer Achär soll mich wieder bewegen je für dieses Volk zu fechten, von dem kein Ruhm und kein Dank zu erwarten ist. Gleiche Ehre genießt ja bei euch der Feige und der Tapfere, gleiche Ehre wer im sichern Hause sich birgt und wer in den Regen sausender Lanzen sich stürzt. Was frommt es mir denn für andere mein Leben im Kampfe zu wagen? Wie eine Schwalbe den nackten Jungen die mühsam gefundenen Bissen zuträgt und sich selbst die Nahrung abdarbt, so habe ich für die Achäer unzählige Tage Schweiß und Blut vergossen und manche unruhvolle Nacht durchwacht, habe in der Feldschlacht gestritten und der Feinde Häuser angezündet, nur um jenen ein Weib zu erobern! Zwölf bevölkerte Städte habe ich zu Schiffe und elf andere auf dem Festlande im Gebiete von Troja verwüstet, und immer habe ich dem Agamemnon ehrlich die Beute zu gleicher Verteilung gebracht. Und was hat er indessen gethan? Ruhig hat er bei den Schiffen gelegen, lachend meine Beute in Empfang genommen, einiges verteilt, das meiste aber für sich behalten! Dennoch freut sich jeder der Fürsten eines Ehrengeschenks, das er sicher bewahrt; mir nur, mir entreißt er das meine, das reizende Weib, das mir so lieb war als eine Gattin. Und warum sind wir ihm denn hierher gefolgt? War's nicht der schöngelockten Helena wegen, die sein Bruder nicht verschmerzen konnte? Ei, beim Zeus! lieben denn allein die Atreiden ihre Frauen? Ist nicht jedem die seinige wert, daß er sie ehrt und pflegt zu Hause? Wahrlich, ich bekenne es frei, ich liebte die Briseïs so herzlich, und der Unverschämte – – Nun, er mag's büßen! Er kann ja mit dir, Odysseys, und mit den andern Fürsten, auf die er so trotzte, den Hektor erlegen und eure Schiffe vor dem feindlichen Feuer schützen. Was er ohne mich angefangen hat, mag er auch ohne mich vollenden. Ich habe gesehen, ihr habt da eine gewaltige Mauer und Gräben ringsum gebaut, und wie ich höre, hat das euch auch schon gute Dienste geleistet. Ha, so lange ich noch mitstritt, wagten sich die Trojaner kaum aus ihrem skäischen Thore heraus, höchstens einmal bis an die hohe Buche; denn da war es ja, wo Hektor mir einmal Stand hielt und dann vor meinem Angriffe erschrocken zurückfloh. Nun, er soll mich nicht wieder sehen; morgen oder übermorgen ziehe ich mein Schiff in das Meer, bringe dem Zeus und den übrigen Göttern ein Opfer, und wenn du achtgeben willst, mein Freund, und solche Dinge dich kümmern, so kannst du meine Schiffe im Morgenrot auf dem Hellespontos dahinschwimmen sehen. Giebt mir Poseidon eine glückliche Fahrt, so kann ich am dritten Tage schon in Phthia, meiner Heimat, sein, wo mir der Güter so viel aufgehäuft liegen, daß ich der Gaben des Übermütigen nicht bedarf. Ich verlange nichts von ihm und achte ihn selbst nicht so viel! Nein, und böte er mir noch zwanzigmal größere Güter, böte er mir eine Stadt wie das ägyptische Theben, von dem die Leute sagen, es habe hundert Thore und aus jedem zögen zweihundert Mann mit Rossen und Wagen zum Streite aus – dennoch sollte er mich nicht bewegen, bis er mir die Schmähung abgebüßt hätte! Auch keine Tochter begehre ich von ihm, und wäre sie schön wie Aphrodite und klug wie Athene in weiblicher Arbeit. Er mag sich einen andern Eidam wählen, einen der vornehmer und mächtiger ist als ich. Denn erhalten mich nur die Götter und erreiche ich glücklich die Heimat, so wird mir mein Vater Peleus schon eine edle Gemahlin erwählen. Es giebt ja der schönen Achärinnen viele, Töchter reicher Fürsten, denen es nicht an Brautschatz mangeln wird. Und dorthin nach Phthia steht mein Sinn, dort freue ich mich jetzt schon im Überfluß reicher Güter das treffliche Volk meines Vaters einst zu beherrschen, ruhig und in Eintracht des Lebens mit einer holden Gattin genießend. Denn über alle Schätze Agamemnons geht doch das Leben, und einmal verloren, kehrt es nie wieder zurück. Wißt ihr nicht, was meine göttliche Mutter vom Rate des Schicksals mir offenbart hat? Entweder soll mein Name auf Erden unvergänglich werden, und dann sterbe ich früh in der Schlacht; oder ein hohes, aber ruhmloses Alter wartet meiner. – Nun so sei es denn, wie ich gesagt; und wollt ihr noch ein ratendes Wort von mir hören, so sei es dies: Macht euch fort mit den Schiffen, ehe sie Hektor euch verbrennt; denn Priamos' Stadt schirmt mit mächtiger Hand Zeus Kronion, und ihr werdet sie nimmer erobern! Jetzt geht, ihr Freunde; bringt diese Botschaft den Achäern. Den Phönix aber laßt mir hier; der alte Mann ist mit mir hergekommen, so will ich ihn auch wieder mit mir nehmen, wenn er mir freiwillig folgen will.«

Alle verstummten vor Erstaunen über Achilleus' strenge Rede; aber der greise Phönix begann: »Ja, Herr«, sagte er, »wenn es einmal dein Wille ist den Achäern nicht länger beizustehen, sondern nach Hause zu rudern, dann freilich muß ich wohl mit dir ziehen; denn wie konnte ich ohne dich hier allein zurückbleiben? Dein alter Vater hat mir ja dein blühendes Leben auf die Seele gebunden, als die Fahrt unternommen ward; ach! du warst noch so jung und hattest dich an mich gewöhnt von Kindesbeinen an! Habe ich dich doch als unmündiges Knäblein fast täglich auf meinen Armen getragen, und an keinem hingst du so wie an mir, wolltest auch mit keinem andern zum Gastmahl gehen, noch zu Hause essen, ehe ich dich nicht auf den Schoß nahm und auf meinen Knieen schaukelte. Ich mußte dir die Speise zerschneiden und den Becher vorhalten. Da hast du mir oft das Kleid vorn am Busen beschüttet, wenn du mit unbehilflicher Hand zu hastig den Trank verlangtest. Aber ich habe dich doch immer wieder aufgenommen und noch ganz anderes für dich mit Freuden getragen. Denn da mir die Götter eigene Kinder versagt hatten, so warst du in meinem Herzen immer mein Sohn; anders habe ich dich nie betrachtet, habe auch immer gehofft, du würdest mich einst im Alter schützen und hoffe es noch. Jede deiner herrlichen Thaten machte mich stolz und froh, wie ein Vater sich freut über einen wackern Sohn; – – aber jetzt, vergieb mir, göttlicher Achilleus, jetzt betrübst du mich schmerzlich durch dein hartes Verfahren. Bezähme doch deinen heftigen Zorn! Milder Sinn steht dem Helden so schön; selbst die erhabenen Götter grollen nicht immer, Räuchern und Spenden des Weins und Duft der Opfer und büßendes Flehen der Sterblichen kann auch ihren Haß versöhnen; das haben wir oft erfahren. Wahrlich! Wehe dem Manne, der auf die reuigen Bitten nicht hört und gegen den Feind, der sein Unrecht erkennt und es gern sühnen möchte, das Herz verhärtet! Siehe doch, welche Gaben Agamemnon bietet, um dich wieder zu gewinnen! Was ist die Kränkung, die er dir angethan, gegen diese unendlich überwiegende Ehre? Wie könntest du ruhmvoller aus diesem Kampfe hervorgehen? So dachten doch die alten Helden nicht, von denen die Väter uns erzählen. Wohl zürnten sie schrecklich; aber sie ließen sich auch wieder besänftigen. Einer That gedenke ich aus alter Zeit, die laß dir erzählen! Wider die Kureten stritt einst die mutige Schar der Ätoler um das Haupt und die Haut des kalydonischen Ebers, jenes Ungeheuers, welches zu töten die stärksten Jünglinge beider Völker sich vereinigt hatten, und welches Meleagros, der Königssohn aus Kalydon, endlich erlegt hatte. Vergebens berannten die Kureten diese Stadt, so lange Meleagros unter ihren Gegnern kämpfte. Aber einstmals erzürnte seine eigene Mutter ihn so heftig, daß er schwur nicht wieder mit hinauszuziehen, ob auch die Einwohner alle untergingen. Da donnerte wild um die Thore der feindliche Sturm, und Geschosse und Feuerbrände flogen über die Mauern in die Stadt. Vergebens war alle Gegenwehr der Ätoler; sie waren zu schwach und wurden immer wieder zurückgetrieben. Da kamen zum Meleagros die ältesten Männer von Kalydon, auch die Priester der Stadt, und baten ihn, daß er doch wieder auszöge in den Kampf gegen die Kureten; sie boten ihm die reichsten Geschenke, fünfzig Morgen Landes, halb mit Reben bepflanzt und halb mit blühender Kornsaat; alles umsonst. Es kam auch sein Vater, der greise Öneus, selbst die Mutter, die ihn vorher verwünscht hatte, weil er unvorsichtig im Kampfe einen ihrer Brüder getötet; es baten ihn die lieben Schwestern und die Freunde. Aber sie alle konnten sein Herz nicht bewegen. Endlich, als schon die Kureten die Mauern erstiegen, als schon die Pfeile ihm in seinen eigenen Hof flogen und die nahen Häuser von Flammen leuchteten, da raffte er sich auf, um das seine besorgt, und trieb mit fürchterlichem Speere die Würger zurück, daß sie die schon ergriffenen Weiber und Kinder wieder ließen und eilig flohen. Viele erlegte er noch auf der Flucht, und die Stadt war gerettet. Aber die köstlichen Geschenke erhielt er nun nicht; denn er hatte ja nicht die Waffen ergriffen, als die Ätoler ihn baten. So blieb sein Dienst unbelohnt. Sieh, Achilleus, du bist in demselben Falle, aber noch ist die äußerste Gefahr zum Glück nicht da. Noch kannst du mit Ehren deinen Feind versöhnen und unermeßliche Güter erwerben. Wenn du erst für die brennenden Schiffe fechten mußt, wird dir's kein Ruhm sein, wie tapfer du auch strittest.«

»Guter Phönix«, entgegnete Achill gleichgültig, »dieser Ehre bedarf ich nicht; ich denke, die Achäer kennen mich doch schon und werden mich nicht verachten. Aber daß ich auch dir es kurz sage: Sprich und klage mir nicht wieder von jenem vor, du möchtest sonst meine Liebe zu dir in Unmut verwandeln. Du solltest vielmehr als mein Freund den hassen, der mich gekränkt hat. Nun, sicher treten wir zusammen die Heimfahrt an; bleib nur sogleich bei mir. Patroklos wird dir ein weiches Lager bereiten. Den Auftrag besorgen die andern schon; wir aber halten morgen Rat, ob wir noch bleiben oder heim segeln.«

Aias stand auf und sah den Odysseus an. »Ja«, sprach er, »so müssen wir wohl wieder gehen; denn schwerlich, scheint es, möchten wir bei diesem hartherzigen Manne unsere Absicht erreichen, und das ganze Lager wartet mit banger Sorge auf uns. Grausamer, der alle seine Freunde für einen büßen läßt! Wie mancher vergißt den Zorn und die Rache für einen ermordeten Sohn oder Bruder, wenn der Mörder sich reuig vor ihm niederwirft und Hand und Gaben zur Sühne bietet! Aber dir schlägt ein eisernes, unversöhnliches Herz im Busen, und das alles um des einzigen Mädchens willen! Sollst du sie doch unbefleckt zurückerhalten und sieben andere dazu und unermeßliche Gaben, so viel ein Mensch nur fordern kann. O ließest du dich doch erbitten! Wir sind hier deinem gastlichen Herde genaht und sind aus der Vater Zeiten schon alte Freunde deines Hauses, wir haben dich immer geehrt und wert geachtet vor allen Achäern; uns solltest du nicht so kurz abweisen. Warst du doch sonst nicht so lieblos gegen uns!«

»Aias, göttlicher Sohn des Telamon«, erwiderte ihm Achilleus, »ich bin es auch jetzt nicht, du hast mir Wort für Wort aus der Seele geredet. Aber ich kann mich mit ihm nicht versöhnen; es ist mir unmöglich! Es ist nicht das Mädchen; es ist sein entehrendes Betragen, die Schmach, die er vor aller Achäer Augen auf mich gehäuft hat! Nein, ich vergebe ihm das nicht! Geht und bringt ihm die Botschaft! Nicht eher greife ich wieder zum Schwerte, als bis die Geschosse und die Feuerbrände der Troer selbst in meine Schiffe fliegen. Aber ich denke, er wird sich hüten vor meiner Nähe, der furchtbare Hektor, und an meinen Zelten sich des Kampfes enthalten.«

Die Abgesandten sahen nun wohl, daß ihre Beredsamkeit bei dem felsenfesten Manne nichts weiter ausrichten würde, daher gingen sie wieder in das Zelt Agamemnons zurück; nur der alte Phönix blieb beim Achill, der ihn mit freundlicher Teilnahme, ja mit Hochachtung pflegte und beherbergte. Die griechischen Fürsten waren schwer betroffen über die Antwort, welche Odysseus und Aias ihnen zurück brachten; nur Diomedes beseelte durch sein unerschütterliches Vertrauen den Mut der übrigen wieder. »Dachte ich's doch gleich«, rief er, »daß keine andere Antwort erfolgen würde! Hättest du, mächtiger Atreide, nur lieber gar nicht hingeschickt und noch dazu so reiche Geschenke geboten! Der Übermütige ist ohnehin schon stolz genug, wie wird er nicht erst jetzt nach deiner Demütigung prahlen! Das hat ihn noch recht in seinem hochfahrenden Sinne bestärkt! Aber ich denke, wir lassen ihn, bis er selbst der trägen Ruhe satt ist; denn daß er thatlos sich ganz und gar dem Kampfe entziehen sollte, kann ich nicht glauben. Wohlan denn, so laßt uns als tapfere Männer mit dem eigenen Schwerte unsere Sache verfechten; führe du, König, morgen mit Tagesanbruch die Völker hinaus, ermuntere sie wacker zum Streite, und kämpfe du selbst unter den Vordersten kühn, wie's dem Feldherrn zukommt! Jetzt aber laßt uns des süßen Schlafes genießen, denn es ist spät, und morgen gilt's unermüdet zu kämpfen.«

Alle stimmten ihm bei, füllten noch einmal die Becher, sprengten den Göttern und gingen dann auseinander, ein jeder in sein Zelt, um zu ruhen.

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