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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 25
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Sechster Abend.

Hektors Siegesmut.

Den ermatteten Troern erschienen die beiden Helden, Hektor und Paris, wie nach langer Windstille der sehnlichst erflehte Fahrwind dem Schiffer. Bald empfand man ihre Nähe. Von Paris' Pfeile durchbohrt sank der treffliche Menesthios, und Hektor schleuderte dem tapfern Eïoneus seine Lanze in den Hals, daß er tot zu Boden stürzte. Mancher andere noch, der den Hektor fern geglaubt hatte, traf zu seinem Unglücke auf ihn und fand durch seinen Wurfspieß den Tod.

Da nahte ihm sein Bruder Helenos, der kundige Seher, wieder und forderte ihn auf, einen einzelnen Krieger aus dem Heere der Achäer herauszurufen, um mit diesem allein den entscheidenden Zweikampf zu kämpfen. Denn ihm hätten, sagte er, die Götter es eingegeben, daß heute dem Hektor das Todeslos noch nicht beschieden sei. Sogleich rannte der Held laut rufend hervor, gebot Stillstand und trat in die Mitte. Da hielten sie alle inne, begierig seine Rede zu hören. Er sprach darauf mit starker Stimme zu beiden Völkern:

»Hort meine Worte, ihr Troer und ihr Achäer! Unsern heutigen Bund hat Zeus vereitelt, und unser Zwist ist nicht geschlichtet worden, wie wir es hofften. Laßt uns denn einen zweiten entscheidenden Kampf bestimmen, der dem weiteren Blutvergießen für heute ein Ende mache. Unter euch sind ja der streitbaren Helden so viele; wohlan, ich überlasse es euch selbst, sendet den Tapfersten heraus, um mit mir zu kämpfen. Erlegt er mich, so mag er mir die kostbare Rüstung rauben, aber den Leichnam entsende er nach Ilios, damit die troischen Männer und Frauen meine Gebeine verbrennen, wie es gefallenen Helden geziemt. Gewähren mir aber die Götter Ruhm, daß ich jenen treffe, so hänge ich seine Rüstung als stolze Beute zum Andenken in dem Tempel des Phöbus Apollon auf; ihr aber mögt dem Toten dort bei den Schiffen ein würdiges Denkmal errichten, daß der Enkel noch einst, wenn er, zum Hellesponte segelnd, bei dem hohen Gestade vorüberschifft, sage: Das ist das ragende Grabmal des Tapfern, den Hektar im letzten entscheidenden Kampfe erschlug.«

Also sprach er, und im Lager der Griechen ward's still. Jeder bedachte sich und wartete auf des andern Erbieten; denn mit Hektor zu kämpfen war ein gefahrvolles Wagstück. Da sprang, nicht im Gefühl seiner Stärke, sondern vom rasch aufwallenden Ehrgefühl überwältigt, Menelaos auf und sagte zu den übrigen Fürsten, mit ernstem Tadel sie scheltend:

»Ha, ihr Prahler daheim und Weiber im Schlachtfeld, wie steht es nun um euren Mut? Wahrlich, das wäre uns doch unauslöschliche Schande, wenn keiner von allen Achäern es wagte sich mit Hektor zu messen! Aber mögt ihr auch alle feig und furchtsam sitzen und ruhmlos zu Grunde gehen! ich – nein, ich ertrage den Schimpf nicht, ich selbst werde mich rüsten. Wer weiß es? Ruhet doch jeglicher Ausgang in der Hand der unsterblichen Götter.«

Er griff nach der Lanze und wollte fort, aber die andern Könige der Achäer und selbst sein Bruder Agamemnon hielten ihn mit Gewalt zurück. Das war sein Glück. Sie stellten ihm Hektars überwiegende Stärke vor, und indem sie eine andere Auskunft in Vorschlag brachten, bestimmten sie ihn endlich ruhig zu bleiben. Der alte Nestor nahm darauf das Wort und sagte:

»Weh mir, wie großes Verderben trifft heute die Achäer! Weinen würden die Alten, weinen würde der graue Peleus und alle die andern tapferen Krieger meiner Jugendzeit, wenn sie hörten, wie das ganze Volk schimpflich vor Hektors Stimme verstummt und keiner unter so vielen ihm zu antworten wagt! Ha! großer Vater Zeus, wenn ich noch so wäre, wie damals, da ich den Helden Ereuthalion niederwarf – er erzählte hier wieder umständlich die hundertmal vorgebrachte Geschichte – da wahrlich sollte Hektor bald seinen Mann gefunden haben! Aber euch sind ja der Mut und das Mark aus den Gebeinen verschwunden.«

Beschämt von des Greises verdientem Vorwurf, standen jetzt neun Männer miteinander auf und erboten sich den Kampf mit Hektor zu bestehen. Agamemnon selbst war unter ihnen, die beiden Aias auch; die übrigen waren Diomedes, Odysseus, Idomeneus und sein Wagenlenker Meriones, Eurypylos und Thoas. »Wohlan, ihr Freunde!« sagte Nestor jetzt, »da ihr alle den Kampf bestehen wollt, so tretet heran und loset alle der Reihe nach; Zeus selbst mag entscheiden, wem er den Ruhm des Sieges am meisten gönnt.«

Damit war jeder zufrieden. Jeder wählte sich ein Los (etwa eine mit Zeichen versehene Scherbe oder sonst dem Ähnliches) und warf es in Nestors Helm. Der Alte schüttelte die Lose, bis eines herausflog, welches der ältere Aias sogleich für das seine erkannte. Alle Achäer freuten sich, auch Aias selbst war stolz, daß ihm gleichsam das Schicksal geboten hatte den rühmlichen Kampf mit Hektor zu bestehen. »Wohlan, das Los hat mich getroffen, so wird mir Zeus auch den Sieg verleihen!« rief er aus; »denn nicht unkundig des Krieges bin ich in Salamis aufgewachsen, und wahrlich ich fürchte mich nicht vor jenem! Fleht ihr indessen für mich zum Zeus, daß ich Ehre gewinne.«

Sie thaten es alle im stillen, und Aias stürmte nun mächtig vor, dem harrenden Hektor entgegen. Und gewiß, er war des Gegners nicht unwert; denn ein kraftvoller Wuchs, sehnige Arme und mächtige Schultern und Schenkel kündigten schon beim ersten Anblicke den furchtbaren Krieger an. Seine Rüstung war undurchdringlich, und ihr allein verdankte er auch diesmal seine Rettung vom sichern Verderben. Sieben über einander gelegte Stierhäute und zum achten noch ein eiserner Überzug – das war sein Schild; Helm und Panzer mögen dem angemessen gewesen sein. Nach der Sitte jener Zeit begann der Zweikampf nicht schweigend und sogleich auf der Stelle, sondern die Kämpfer rühmten sich erst gegeneinander, höhnten sich auch wohl und schimpften im ärgsten Falle. So unedel ging es nun in diesem Gefechte zwar nicht zu, allein ganz ohne Vorspiel blieb es doch auch nicht.

»Siehe da, Hektor«, rief Aias ihm zu; »nun erkennst du doch wohl, daß sich im Achäervolke noch immer Männer erheben, die deinen Kampfruf nicht scheuen, auch wenn Achilleus ruht? Ja, wir andern fühlen uns stark genug, dir mutig zu begegnen, und ich bin nur einer von vielen! Wohlan, beginne den Zweikampf.«

»Denkst du mich durch Trotz zu versuchen, Sohn Telamons?« erwiderte Hektor. »Irre dich nicht; ich habe die Schlachten der Männer gelernt, weiß den Speer zu schwingen, daß er trifft, und den Schild zu wenden, daß mich kein Wurf verletzt. Zu Fuß und auf flüchtigem Wagen erreiche ich den Feind, und meine Thaten zeugen für meine Worte. Aber jetzt gieb acht, tapferer Held, ich will nicht mit lauernder List und heimtückisch dich überfallen, sondern offen versuchen, ob ich dich treffe.«

In diesem Augenblick schleuderte er die gewaltige Lanze mit aller Kraft auf ihn, und sie durchdrang das Erz des Schildes und sechs der ledernen Schichten. Dann erst ermattete sie. Rasch warf nun Aias die seine auf Hektors Brust, aber Hektors Schild war nicht stark genug der Spitze zu widerstehen. Doch durch eine geschickte Wendung des Leibes verhinderte er, daß sie in das Fleisch drang. Beide zogen nun die Lanzen mit Macht aus ihren Schildern und rannten damit widereinander, jeder voll Verlangen, den Gegner zu durchbohren. Wiederum traf Hektors richtig gezielter Stoß jenen auf den starken ehernen Buckel des vorgehaltenen Schildes, daß die Spitze sich krumm bog; aber sie drang noch nicht ein. Auch Aias' Stoß glitt ab von der Fläche des Schildes und fuhr dem Gegner seitwärts streifend in den Hals, daß das Blut ihm den Panzer befleckte. Da wandte sich Hektor und ergriff einen mächtigen Feldstein. Den schleuderte er aus vollen Kräften auf den Gegner, und er würde diesen zerschmettert haben, wenn Aias sich nicht schnell hinter dem schützenden Schilde geborgen hätte. Jetzt erhob derselbe einen noch weit größeren Feldstein und warf ihn gegen Hektor, zerbrach ihm den Schild und verletzte ihn am Knie. Aber Priamos' kühner Sohn wäre gewiß noch einmal mit aller Wut über ihn hergefallen, hätten nicht die Griechen jetzt selbst dem Streite ein Ende gemacht. Denn sie sandten einen Herold, der trennte die beiden Kämpfer und sprach zu ihnen:

»Nun nicht mehr, ihr Helden! genug ist's des feindlichen Kampfes. Ihr seid beide tapfere Streiter und beide von Zeus geliebt, das haben wir alle gesehen. Aber die Nacht bricht herein, und es ist gut auch der Nacht zu gehorchen.«

Aias starrte noch immer auf Hektors Bewegungen hin und rief dem Herolde zur Antwort: »Gut, mein Freund, ermahne nur jenen zum Stillstand, er hat das Gefecht begonnen; will er ruhen, so lasse auch ich mir's gefallen.«

Da sprach Hektor mit würdigem Ernste: »Aias, du hast dich männlich bewiesen im Streite, und ein Gott hat dir Stärke und Besonnenheit verliehen. Laß uns jetzt ausruhen vom Kampfe und künftig einmal ihn erneuern, bis uns das Geschick durch den Tod voneinander scheidet. Siehe, die Nacht ist vor der Thür. Gehe du zu den Schiffen und freue dich des Mahls mit den Deinen; ich kehre zu Priamos' Stadt zurück, wo die geängsteten Frauen an heiliger Statte die Götter für mein Leben anflehen. Doch zuvor laß uns einander noch mit preiswürdigen Gaben beschenken, damit man künftig noch unter Achäern und Troern sage: Seht, sie kämpften erst lange den Kampf der Zwietracht und schieden dann versöhnt in Freundschaft.«

Er reichte ihm sein künstlich gearbeitetes Schwert mit der Scheide und dem zierlichen Gehenke, und Aias schenkte ihm dagegen seinen purpurnen Leibgurt. So gingen sie auseinander; und jedes Heer empfing seinen Helden mit Freudengeschrei und führte ihn triumphierend zurück. Wie trefflich behagte jetzt das Mahl nach einem so heißen Tage! Agamemnon bewirtete die Fürsten wie gewöhnlich in seinem Zelte und reichte heute dem Aias vorzugsweise das größte Stück, welches man aus dem Rücken eines fünfjährigen fetten Stieres schnitt. Auch Hektor erfreute sich daheim des Mahles und unterhielt den alten Vater mit Erzählungen von den Drangsalen des eben verflossenen Tages.

Als die Fürsten genug des Fleisches und des lieblichen Weines genossen hatten, fing Nestor wieder an: »Hört, ihr Häupter Achajas, jetzt ist mein Rat, wir lassen morgen den Krieg ruhen, und bestatten unsere Toten, wie es recht ist. Laßt uns die Leichname verbrennen, damit ein jeder die Asche der Freunde sammeln und einst den Seinen nach Hause mitbringen könne, darauf aber wollen wir allen ein gemeinsames hohes Denkmal errichten, das in späten Jahren noch den Nachkommen ein Zeichen bleibe, wo jene Helden gefallen sind. Dann aber möchte ich auch wohl noch ein anderes Werk vorschlagen, das wahrlich nicht minder vonnöten wäre. Wie, wenn unsere Völker um unser Lager einen tiefen Graben und ein Bollwerk zögen mit einem breiten Thore, das man verriegeln könnte? Dann säßen wir doch sicher in unsern Zelten wie in einer Stadt, wenn der tückische Kriegsgott es ja einmal verhängte, daß uns die siegende Macht der Troer vom Gefilde zurücktriebe.« Dieser zwiefache Rat des Greises fand allgemeinen Beifall, und Agamemnon beschloß sogleich ans Werk zu gehen.

Unterdessen beratschlagten auch die Trojanerfürsten in der Stadt, wie sie die drohende Gefahr abwenden und die Achäer zum Abzüge bewegen könnten. Der weise Antenor drang auf Helenas Zurückgabe; aber so sehr das auch alle wünschen mochten, so wagte doch – seltsam genug – keiner, selbst Hektor und Priamos nicht, den Paris dazu zu zwingen, der seinerseits fest darauf beharrte, nun und nimmer von dem geliebten Weibe zu lassen. »Gut«, sprach er, »was wir dem Menelaos mitgenommen haben, das will ich ihm gern erstatten, und von dem Meinen will ich mehr noch und reichlich hinzulegen. Wenn das die Achäer besänftigen kann, so mögt ihr's ihnen bieten. Die Helena erhalten sie nicht!«

»Nun, das sagt ihnen, Kinder«, setzte der alte Priamos hinzu. »Und dann noch eins! Unsern Toten sollte doch billig erst die gebührende Ehre erwiesen werden, ehe der Kampf erneuert wird. Deshalb frage der Herold zugleich, ob die Feinde vielleicht gewillt sind einen Tag zu rasten.«

Idäos, der wackere Herold, eilte am frühen Morgen hinaus zu den Achäern und kam allen unerwartet bei den Schiffen an. Er trat in Agamemnons Zelt, wo die Fürsten des Rates und des Mahles pflegten, und überbrachte die Botschaft. Das Gesuch um Waffenruhe zur Bestattung der Toten war den Griechen selber willkommen, aber das Erbieten des Paris ward mit Verachtung verworfen, »Nichts! nichts!« schrie Diomedes. »Nicht mehr um Helenas Gut fechten wir jetzt, auch nicht um Helena selbst. Und sendet er sie auch zurück, Troja soll dennoch fallen! wahrhaftig, jetzt liegt's vor Augen, daß euer Verderben nicht mehr fern ist.« Agamemnon und alle übrigen bestätigten dem Herolde diesen Bescheid, und so kehrte er zur Stadt zurück.

Da bespannten Griechen und Troer ihre Wagen mit Stieren und Maultieren und zogen hinaus in die Ebene, um die Toten zu holen. Aber Blut und Staub bedeckte die Gefallenen, so daß man sie kaum zu erkennen vermochte. Darum trug man sie an das Ufer des Skamandros, um sie zu waschen, und dann erst brachte man sie zurück und legte sie auf einen Haufen zusammen. Andere fällten indessen Holz in den Waldungen und fuhren es herbei, bauten Scheiterhaufen, verbrannten die Leichen und sammelten die Asche. Zuletzt ward auf der Brandstätte ein hoher, runder Hügel aufgetürmt.

Aber der größte Teil der Achäer war währenddessen damit beschäftigt einen Graben und eine Mauer um das Lager zu ziehen, wie Nestor geraten hatte, und den Ausgang mit einem festen Thore zu schließen. Man darf wohl annehmen, daß sie in dieser Absicht den Troern noch einige Tage länger Ruhe gelassen haben werden. Die Folge bewies, daß ihre Vorsicht nicht überflüssig war.

Denn sogleich am ersten Tage, an dem der Kampf wieder eröffnet ward, wog Zeus, wie der Dichter sich ausdrückt, auf seiner Schicksalswage das Geschick der Troer und der Achäer ab, und die Schale der letzteren sank. Hatte er doch der Thetis längst das Versprechen gegeben, ihren Sohn Achilleus durch die Niederlage der Achäer zu rächen. Er verbot daher unter Androhung harter Strafen allen übrigen Göttern einer der beiden Parteien beizustehen, und fuhr dann selbst, die himmlischen Rosse lenkend, vom Olymp auf den Berg Ida hernieder, von dessen Gipfel er dem Schlachtgetümmel zusehen wollte. Schon vom frühen Morgen an hatte das Morden gewährt, und viele der Troer waren schon gefallen, doch bei weitem mehr noch von den Achäern; denn nun trat auf die Seite der Troer die wildeste Kämpferin, die Verzweiflung. Sie fochten ja jetzt für Herd und Altar, für Weib und Kind! Bald als der Mittag vorüber war, zog vom Ida her finster drohend ein Wetter herauf, und die Völker wurden die Nähe des Göttervaters inne; denn er allein hatte ja Macht über den zerschmetternden Blitzstrahl. Wem er zürne, das zeigte sich bald; denn ein entsetzlicher Schlag fuhr plötzlich mit blendendem Blitze in die vorderen Reihen der Achäer nieder, daß sie alle erschraken und keiner es wagte länger gegen den Willen des Zeus auf dem Schlachtfelde zu verweilen. Nicht Agamemnon blieb, auch die beiden Aias nicht, nicht Idomeneus, Meriones, Odysseus – sie alle flohen zu den Schiffen zurück, bleich vor Entsetzen. Eben wollte auch der alte Nestor umkehren; aber indem sein Wagenführer die Rosse seitwärts lenkte, flog ein Pfeil von dem Bogen des Paris dem Handpferde in den Kopf, daß es hoch aufsprang und dann zuckend sich auf der Erde wälzte. So ward es unmöglich geschwind zu entkommen; und indem der Wagenlenker die Riemen löste und das andere wildwiehernde Pferd zu beruhigen suchte, zeigte sich schon von weitem Hektor hoch zu Wagen in dem Getümmel der Verfolgenden, mit erhobener Lanze daherfahrend. Sicher hätte der Greis in wenigen Minuten von seiner Hand den Tod gefunden, hätte nicht Diomedes, der auch im Fliehen begriffen war, seine Not bemerkt und sich des hart Bedrängten erbarmt. Er fuhr zu ihm heran und rief auch den Odysseus herbei, um dem Alten beizuspringen, aber auch jener floh, von Angst überwältigt, eiligst mit den andern vorüber und hörte ihn nicht. Hektor verfolgte die Flüchtlinge, wie der Hund die zusammengescheuchte Herde, und die Donnerschläge, die der mächtige Zeus vor sich her sandte, erfüllten alle Troer mit neuem Mute.

»Da kommt er! da ist er!« rief Diomedes dem Nestor hastig zu. »Steige hurtig auf meinen Wagen, mein Diener mag laufen!« Der Alte stieg hinauf und nahm die Zügel. Aber fliehen war jetzt gefährlicher als stehen, denn Hektor war schon nahe hinter ihnen. Darum wählte Diomedes das Rühmlichste und Sicherste zugleich, er warf mit aller Kraft seinen Wurfspieß auf den andringenden Feind. Zwar verfehlte er ihn; aber er traf den Wagenlenker Eniopeus, daß dieser seitwärts herabfiel und die Rosse zurückscheuten. Das verwirrte auch den Hektor; er mußte die Pferde in Ordnung bringen und die Zügel so lange selbst halten, bis er einen andern Troer herbeigerufen hatte, der den Platz des Getöteten einnahm. Diesen Augenblick hätte Diomedes gar wohl zur Flucht benutzen können; aber jetzt gerade trieb ihn sein verwegener Geist noch eine Lanze auf Hektor hinzuschleudern, und wahrscheinlich wäre auch jetzt schon Trojas letzter Hort gefallen, wenn nicht plötzlich aus der nahen Wetterwolke ein Blitzstrahl dicht vor Diomedes' Gespann niedergefahren wäre, daß hoch vom Boden die schweflichte Flamme emporloderte und die Pferde bäumend zusammenfuhren. Jetzt entsanken selbst Nestors Händen die Zügel, und entsetzt rief er dem Sohne des Tydeus zu:

»Auf! Auf! laß uns eilig fliehen! Erkennst du nicht, wie Zeus selbst uns warnt und jenem heute Ruhm verleihen will? Es ist hohe Zeit; denn dem Ratschluß des Olympiers dürfte selbst der Mächtigste nicht zu widerstehen wagen.«

»Wohl, wohl!« sprach Diomedes. »Aber soll denn Hektor von mir sagen, ich sei bange wie ein Weib vor ihm geflohen? Müßte ich das hören, so möchte mich lieber die Erde verschlingen!«

»Das wird er nicht; und gesetzt auch, er thäte es, so würden alle Troerinnen ihm widersprechen, deren Männer und Söhne du in der Schlacht niedergestreckt hast.«

So sprach Nestor und wandte schnell die Rosse zur Flucht. Sie rannten in vollem Laufe dem Thore der Verschanzung zu, und Hektor mühte sich vergebens die Fliehenden zu erreichen. Da rief er ihnen höhnend mit lauter Stimme nach:

»Ha, Diomedes! so lange haben dich die Achäer beim Schmause mit dem obersten Sitz und dem besten Stücke Fleisches geehrt und dir den Becher am fleißigsten gefüllt; aber von nun an werden sie dich verachten, denn wie eine Memme entfliehst du. Lauf! lauf! verzagtes Weib! ich komme, ich komme! Ha ha ha! du wirst uns wahrlich die Stadt nicht verwüsten und unsere Frauen wegführen! Eher sende ich dir selber den Tod!«

Das erregte den Zorn des tapfern Diomedes! aber immer noch zweifelte er, ob er umkehren und dem spottenden Hektor Widerstand leisten solle oder nicht. Jedoch die schrecklich rollenden Donner des Zeus waren dem greisen Nestor gebieterische Zeichen; er bändigte das Herz des ungestümen Mannes und fuhr in immer größerer Hast auf das Thor des Lagerwalles zu.

Beinahe hätte sie Hektor noch erreicht, denn er verfolgte sie, indem er mit aller Macht seine Rosse zu stürmendem Lauf antrieb. »Hallo!« rief er, »ihr raschen Renner, jetzt gilt's! jetzt lohnt mir die Pflege, die euch Andromache erwiesen, wenn sie euch früher als mir selbst den Hunger gestillt und den erquickenden Trank gereicht hat! Auf! greift aus, damit ich Nestors berühmten Schild und Diomedes' strahlende Rüstung erbeute und mir unsterblichen Ruhm erwerbe!« Aber der Wagen des Diomedes erreichte glücklich das Thor, und jene waren geborgen. Dafür trieb nun Hektor die übrigen Achäer scharenweise vor sich her und tötete viele; auch die andern verfolgenden Troer richteten eine große Niederlage an. Hektor ermunterte laut die Seinen zum Angriff auf die Mauer und gab schon Befehl Feuerbrände aus der Stadt zu holen und die Schiffe in Brand zu stecken. Aber dahin kam es diesmal noch nicht. Zwar waren die Griechen sämtlich in ihre Verschanzung zurückgedrängt, allein sie da anzugreifen schien doch zu gefährlich; und so schwache Hindernisse auch die Mauer und der Graben für ein wohlgeordnetes Heer geboten haben würden, so unübersteiglich waren sie für so ungeübte Haufen, die noch nichts von einem regelmäßigen gemeinschaftlichen Angriff in geschlossenen Gliedern wußten und noch weniger gewohnt waren ihre Bewegungen nach dem Befehle eines Einzelnen einzurichten.

Die Achäer standen also jetzt hinter ihrer Mauer, dicht nn die Schiffe gedrängt, die – wie ich noch einmal bemerke – auf dem trockenen Ufer über untergelegten Bäumen ruhten, damit sie nicht zu sehr der Fäulnis ausgesetzt seien. Das schreckliche Gewitter war inzwischen vorübergezogen, und die Sonne trat wieder hervor. Da bestieg Agamemnon das mittelste von den Schiffen – es gehörte dem Odysseus – um von allen gesehen und verstanden zu werden, und als die Völker ihn erblickten, schwiegen sie; er aber rief ihnen mit lauter Stimme zu:

»Schande über euch, ihr Söhne von Argos, die ihr in Lemnos noch prahltet, jeder von euch wolle es mit hundert Trojanern aufnehmen! So geht's mit dem thörichten Geschwätz beim fetten Schmause und beim vollen Weinkrug! Jetzt ist ein einziger Mann euch so furchtbar, daß ihr alle vor ihm wie gescheuchte Rehe flieht. Schon droht er die Schiffe zu verbrennen; kein Wunder! eure Feigheit macht ihn ja kühn. O Vater Zeus, hast du wohl je einen mächtigen König mit so schwerem Fluch beladen als mich? Und ich habe dir doch so vieler Stiere Fett und Schenkel geopfert; selbst auf dem Zuge hierher bin ich vor keinem deiner heiligen Tempel vorübergegangen, in welchem ich nicht dir zu Ehren köstliche Hüftenstücke verbrannt hätte, damit du mir Sieg verliehest auf meiner Fahrt und damit von meinen Händen Troja fiele. Aber aller Opfer und Gelübde uneingedenk, hast du wohl gar beschlossen uns hier zu vertilgen!«

Und wirklich sandte Zeus dem Agamemnon ein Zeichen, das ihn trösten sollte. Ein Adler kam vom Ida hergeflogen und hielt ein Hirschkalb im Schnabel, das ihm entfiel, als er eben hoch über die Schiffe der Griechen hinflog. In der Nähe des großen Opferaltars stürzte es zur Erde. Dies Zeichen erfüllte die Griechen wieder mit dem erfolgreichsten Mute.

Die Troer waren weit entfernt den Feind enger einzuschließen oder nur den Ausgang aus der Verschanzung zu versperren. Und ehe sie sich dessen versahen, brach Diomedes auf seinem Wagen wieder hervor und warf den ersten, der sich ihm entgegenstellte, mit der Lanze nieder. Da flohen die wenigen andern, und der Platz vor dem Thore ward frei. Nun zögerten auch die übrigen Helden Achajas nicht länger; Menelaos und Agamemnon, Odysseus und Idomeneus und die andern tapfern Fürsten fuhren würgend gleich Wölfen unter den Troß gemeiner Troer.

Teukros aus Salamis hatte keinen Schild; er war nur den Bogen zu führen gewohnt, zu dem er beide Hände brauchte; daher hielt er sich stets hinter seinem Bruder Aias, der ihn mit seinem großen Schilde deckte, so oft er in Gefahr kam. Er traf bewundernswürdig mit seinem Geschoß, der junge Schütze. Kein Pfeil verfehlte sein Ziel. Agamemnon sah ihm mit Lust zu und klopfte dem Jüngling auf die Schulter: »Brav, mein Lieber, so bringt man dem Vater daheim Ruhm und Freude im Alter! Immer nur zu! und wenn mir die Götter den Sieg über Troja verleihen, dann soll dir dein Ehrengeschenk nicht fehlen, sei's nun ein dreifüßiges Becken oder ein Doppelgespann mit dem Wagen oder ein blühendes Mädchen.«

»Ruhmgekrönter Sohn des Atreus,« antwortete rasch der lockige Jüngling, »was treibst du mich an, da ich selber mich treibe? Seitdem wir vor Ilios liegen, habe ich schon Männer genug mit meinen Pfeilen darniedergestreckt, und heute allein sind von mir schon acht gefallen! nur den wütenden Hund dort, den Hektor, vermag ich nicht zu erreichen.«

Kaum war das Wort gesprochen, als Hektor nahete, hoch auf seinem Wagen daherfahrend. Teukros legte augenblicklich einen Pfeil auf seinen Bogen und schnellte ihn auf den Helden ab. Er traf ihn zwar nicht, dafür aber streckte er einen andern Trojaner nieder, den edlen Gorgythion. Hektor verfolgte eben einen Fliehenden und ward des Teukros noch nicht gewahr; da wagte es der Jüngling noch einmal nach ihm zu zielen und siehe! der Pfeil flog dem Wagenlenker mitten durch die Brust, daß er herabstürzte und die Pferde seitwärts prallten. Hektor rief geschwind seinen Bruder Kebriones herbei und gab ihm die Zügel, sprang dann rüstig vom Wagen herab und ergriff einen Feldstein. Teukros, den seine Kühnheit verleitete einen dritten Schuß auf Hektor zu versuchen, zielte eben und spannte kräftig die Senne; da kam der gewaltige Stein aus Hektors Hand auf ihn hergepflogen und traf ihn gegen die Brust, daß ihm der Bogen entfiel und er betäubt in die Kniee sank. Jetzt sprang Aias, sein treuer Bruder, auf ihn zu und bedeckte ihn mit seinem Schilde, bis zwei herbeieilende Männer den Verwundeten in sein Zelt trugen.

Aber nicht dieser allein stöhnte, von Hektors Wurfe getroffen. Allgemein fast war die Niederlage, welche Hektor und die Troer aufs neue vor den Verschanzungen der Achäer anrichteten. Die Tapferkeit der Fürsten war auch diesmal nur von kurzer Dauer gewesen. Denn vor Hektors Wüten wagte niemand sich weit vom Eingange des Lagers zu entfernen, und es währte nicht lange, so waren sie insgesamt zum zweitenmale hinter die Mauer zurückgedrängt.

Traurig sahen die beiden Schutzgöttinnen der Achäer, Here und Athene, auf den unglücklichen Ausgang der Schlacht herab, und in ihrer Erbitterung gegen die Troer erkühnten sie sich den Befehl des Vaters der Götter zu übertreten und zum Beistande der Bedrängten hinab zu eilen. Schon hatten die himmlischen Rosse die Hälfte des luftigen Weges zurückgelegt, da erblickte sie Zeus vom Ida her, und heftig ergrimmt wollte er schon den Blitzstrahl auf sie schleudern, allein er besann sich noch und schickte schnell mit einer gewaltigen Drohung – wo sie nicht umkehrten! – die Iris an die beiden Göttinnen ab. Diese verbargen den bittern Unmut und folgten seinem Befehle, doch nicht ohne Trotz. »Nun so will ich auch nimmermehr wieder mich um einen sterblichen Menschen bekümmern!« rief Here, »mag er mit ihnen machen, was er will.« – Athene aber schwieg, nur im Herzen dem mächtigen Vater grollend.

So kamen die beiden Göttinnen wieder im Olymp an, spannten die Rosse aus und setzten sich dann im großen Göttersaale auf ihre Plätze nieder. Bald darauf langte auch der Vater Zeus oben auf der Höhe des Olympos an, und der Berg erbebte unter seinen Schritten. Er nahm seinen erhabenen goldenen Thron ein und warf einen finstern Blick auf seine Gemahlin und Tochter, welche, mit ihrer Arbeit beschäftigt, gleichfalls schmollend vor sich niedersahen und gar nicht einmal aufblickten, als er ankam.

»Was blickt ihr so finster?« fing er an. »Ihr habt euch doch nicht ermüdet in dem heißen Kampfe gegen die Troer, denen ihr unversöhnlich zürnt! Aber fürwahr, wäret ihr nicht eilig umgekehrt, ich hätte euch getroffen, daß ihr zehn Jahre die Male hättet sehen sollen. Welcher Übermut trieb euch denn? Hattet ihr so ganz meiner Macht vergessen, daß ihr mir zu trotzen wagtet? Kommt doch einmal her und meßt eure Kräfte mit den meinigen! Wenn ich am Himmelsthore stünde und ließe eine Kette auf die Erde hinab und ihr alle, die ihr den ragenden Olympos bewohnet, hängtet euch an die Kette – ihr solltet mich nicht hinabziehen. Ich aber dürfte nur die Hand aufheben, so flöget ihr alle mit der Kette in die Höhe, ja die Erde selbst und das Meer zöge ich mit herauf; und wickelte ich dann das obere Ende der Kette um des Olympos vielzackigen Gipfel, so hinge das ganze Weltall in der Luft.«

Indessen brach die Nacht herein und hemmte die ferneren Feindseligkeiten der Achäer und Troer. Hektor zog sich mit den Seinigen auf die Mitte der Ebene zurück und gab ihnen Verhaltungsbefehle. Weil er fürchtete, die Achäer möchten vielleicht heimlich in der Nacht die Schiffe besteigen und davonziehen, so riet er, das ganze Heer solle die Nacht hier unter freiem Himmel zubringen und überall Wachtfeuer anzünden, damit man alles sehen und sofort bei der Hand sein könne. Die Alten aber und die Knaben in der Stadt sollten Mauern und Thore wohl bewachen, daß nicht etwa der Feind seitwärts heranschleiche und die unbewehrte Stadt überrumple. Alle gehorchten ihm und lagerten sich auf der Ebene. Jünglinge trugen Holz vom Walde herzu und zündeten wohl tausend Wachtfeuer an; andere eilten nach der Stadt, um Rinder und Schafe zum nächtlichen Imbiß zu holen, und so erfreuten sich die einzelnen Haufen, je fünfzig Männer zusammen, der Speise und legten sich dann rings um die lodernden Flammen zur Ruhe, jegliche Schar von einem Hüter bewacht. Ein lieblicher Opferduft stieg vom Mahle der Schmausenden zum Himmel auf; und wie oben des Himmels dunkelblaues Gewölbe von tausend Sternen flimmerte, eben so wunderbar erschien auch die Erde mit unzähligen kleinen Feuern bedeckt. Ein herrlicher Anblick; nur den Achäern war er nicht erfreulich.

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