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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 23
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authorKarl Friedrich Becker
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Vierter Abend.

Diomedes.

Die Sonne stand hoch im Mittage. Der Kampf, der sich über alle Teile des Heeres verbreitet hatte, währte mit der größten Erbitterung fort. Von beiden Seiten fielen treffliche Männer, und Hektor und Äneias, Agamemnon, Odysseus und die andern berühmten Helden wüteten wie Löwen auf dem weiten Gefilde umher. Vor allem aber gab Athene an diesem Tage dem Diomedes herrlichen Ruhm, daß er viele Edle in den Staub streckte. Unter den Troern war ein frommer Priester des Hephästos, mit Namen Dares, reich und sehr geehrt, der hatte zwei Söhne in den Krieg geschickt. Beide – Phegeus und Idäos waren ihre Namen – sprengten, sich von den Ihrigen trennend, gegen Diomedes hervor. Der eine warf seinen Wurfspieß auf den Helden; aber das Geschoß sauste an dem Haupte desselben vorüber und diente nur den Starken zu reizen. Grimmig schleuderte dieser den eigenen Wurfspieß auf den Jüngling und durchbohrte ihm das Herz, daß er rücklings vom Wagen stürzte. Als das sein Bruder sah, wagte er den gefährlichen Kampf nicht länger, sondern sprang hastig davon und suchte sein Heil in der Flucht. Da bemächtigte sich Diomedes hurtig des schönen Gespannes und befahl einem Diener es zu den Schiffen nach seinem Zelte zu führen.

Nicht minder glücklich waren Idomeneus, Agamemnon, Menelaos und die andern tapferen Helden. Sie erschlugen viele Fürstensöhne und nahmen manchen das Gespann, noch mehreren aber die schönen Rüstungen ab, die sie von ihren Dienern sogleich nach den Zelten tragen ließen. Am ungestümsten aber durchtobte die Ebene Diomedes, unaufhaltsam wie ein geschwollener Bergstrom im Frühling, der nicht Brücken noch Dämme achtet, Bäume umstürzt und mit sich fortschleift und die fröhlich aufsprossenden Saaten hinwegreißt. Man wußte nicht mehr, ob er den Griechen oder den Troern zugehöre, so tief wagte er sich ins Treffen hinein; und wohin er sich wandte, da stoben die Feinde auseinander. Da ersah ihn Pandaros, derselbe, der vorher schon gegen den Eidschwur auf Menelaos geschossen hatte; durch den glücklichen Erfolg jenes Schusses aufgemuntert, nahete er hinterrücks dem Diomedes und schoß ihm einen spitzigen Pfeil in die rechte Schulter, daß das Blut den Panzer befleckte, »Auf! ihr Troer«, rief er laut jauchzend aus, »heran, heran! ich habe ihn getroffen, den besten der Achäer! Seht, schon flieht er! fürwahr! er wird's nicht lange mehr machen.«

Aber der Schuß war nicht tief eingedrungen. Diomedes suchte schnell seinen Wagenlenker Sthenelos auf und rief ihm zu: »Freund, spring eilends herunter und zieh mir den Pfeil aus der Schulter, denn mich hat ein Troer getroffen.« Flugs kam der Gefährte und zog das Eisen heraus, und ein Strahl von Blut spritzte aus der Wunde. Da flehte der Held zur Athene: »Höre mich, Göttin, unbezwungene Tochter des Zeus! und wenn du mich je gestärkt hast zum Kampfe, o so beschütze mich jetzt und laß mich den Mann treffen, der mich verwundet hat und prahlend schon verkündet, ich würde nicht lange mehr das Licht der Sonne schauen!«

Und die Göttin erhörte ihn und stillte das Blut in der Wunde. »Kehre getrost zurück in die Schlacht«, sprach sie zu ihm, »denn ich habe dich mit der Kraft und dem Mute deines Vaters ausgerüstet, und will dich heute vor allen Achäern verherrlichen. Wirf auf wen du willst, selbst auf Aphrodite, die ihrem geliebten Sohne Äneias beständig zur Seite steht; aber wenn ein anderer unsterblicher Gott dir begegnet, den hüte dich zu treffen.«

Die Göttin verschwand aus der Nähe des Diomedes. Dieser aber stürzte ins Treffen zurück, mordsüchtiger als vorher, wie ein Löwe, der verwundet vom streifenden Wurfspieß des Hirten nun erst recht ergrimmt seine Krallen gegen ihn kehrt, dann über die Hürden springt und fürchterlich unter der Herde wütet. Dem Diomedes folgten die Seinen, bereit den Erschlagenen die Rüstungen auszuziehen oder die erbeuteten Wagen und Rosse in das Lager bei den Schiffen zu führen. Acht der trefflichsten Jünglinge hatte sein Wurfspieß und sein Schwert schon wieder in den Staub gestreckt, da eilte Äneias zum Pandaros und sprach zu ihm:

»Pandaros, wo hast du heute deinen Bogen und deine nie fehlenden Pfeile? Siehe, es gilt deinen Ruhm zu bewähren; denn dort hauset ein Mann gewaltig, der schon viele getötet hat, und keiner der Unsern vermag ihn zu zwingen!«

»Ha, das ist Tydeus' Sohn, Diomedes!« versetzte Pandaros. »Mit dem muß ein unsterblicher Gott sein, denn schon einmal traf ihn mein Pfeil, daß helles Blut aus der Wunde spritzte, und dennoch ist er schon wieder auf dem Kampfplatze und schwingt die Lanze, als wäre ihm nichts geschehen. Nein, ich wage es nicht weiter auf ihn zu zielen; mit Göttern kämpfen bringt Unheil, und mir muß ein Gott zürnen, der alle meine Anstrengungen vereitelt. Ich bin auch so allein hier und habe keinen Wagen; ach! mein Vater Lykaon mahnte mich wohl, als ich fortzog. Da draußen stehen elf Wagen, sprach er zu mir, und zu jedem ein treffliches Roßgespann, nimm dir ihrer eins, du wirst es brauchen. Aber ich that's nicht, denn mich dauerten die schönen Pferde, die zu Hause an reichliches Futter gewöhnt sind, und in Troja, dacht' ich, wird's vielleicht manchmal selbst den Männern an Speise gebrechen, wenn die Stadt eine Belagerung aushalten muß. Wahrlich, ich möchte auch nur lieber sogleich umkehren, denn was hilft mir mein Bogen und meine gepriesene Schützenkunst? Ich treffe immer und töte doch keinen, sondern reize die Feinde nur zu wilderem Zorne. Ins Feuer will ich die elende Waffe werfen, sobald ich nach Hause komme!«

»Rede nicht so!« entgegnete ihm Äneias. »Erst versuche sie noch einmal gegen den entsetzlichen Würger, vielleicht trifft ein zweiter Pfeil ihn tiefer in Leib oder Glieder. Komm zu mir her auf meinen Wagen, du sollst dich freuen über meine schnellen Pferde! Und willst du selber nicht schießen, so gieb mir den Bogen und halte die Zügel. Hier nimm die Peitsche, ich springe herunter und suche den Helden auf.«

»Ach nein, Äneias«, sprach Pandaros, »lenke du lieber selbst deine Rosse. Es weiß doch ein jeder selbst mit seinen Tieren am besten umzugehen; und wenn uns Diomedes verfolgte und die Pferde gehorchten mir nicht, so brächte ich uns beide ins Verderben.«

»Nun, so sei's, wie du willst«, erwiderte Äneias und nahm ihn in seinen Wagen. Dann trieb er die Pferde an und jagte geradesweges dem Diomedes entgegen, der immer noch in den vordersten Reihen umherstürmte, um sich einen Gegner zu suchen. »Ha, siehe da!« rief Sthenelos, der mit dem Wagen sich in seiner Nähe befand, »da jagen zwei Männer wild auf uns los; besteige rasch den Wagen, ich werde ihn umlenken, denn es scheinen mir starke und kühne Helden zu sein, du aber bist ermattet von der langen Arbeit und der schmerzenden Wunde.«

»Sprich mir nichts von Flucht!« sprach in kühnem Trotze Diomedes, »meine Sitte ist's nicht, im Kampfe zurückzubeben, und noch fühle ich meine Kraft ungeschwächt. Auch so, wie ich hier bin, will ich ihnen entgegen gehen. Du fahre mir nach, und treffe ich sie beide, so springe hurtig hinab, binde die Leine an den Wagen und packe dann das feindliche Gespann. Das sind Rosse aus dem Geschlechte jener herrlichen Thiere, welche Zeus einst dem Könige Tros für seinen entführten Sohn Ganymedes geschenkt hat. Ich kenne sie. Sieh nur den stolzen Bau ihrer Glieder! Nur schnell, schon sind sie da!«

Schon flog ihm Pandaros' Lanze gegen den Schild, daß er zurückwich. »Ha, das traf doch endlich einmal in die Weiche!« rief jener frohlockend. »Ich denke, du hast das Schwerste überstanden!« – Aber Diomedes schüttelte seinen Schild mit der darin hangenden Lanze vor Pandaros' Augen und rief ihm triumphierend entgegen:

»Frohlocke nicht zu früh! Du hast nicht getroffen! siehe lieber zu, wie du dem Tode entrinnst!« Erschrocken lenkte Äneias den Wagen, aber er konnte den Freund nicht mehr retten. Denn indem sie den Rücken wandten, flog des Diomedes gewaltiger Wurfspieß dem Pandaros in das Gesicht, daß die Spitze zwischen Nase und Augen eindrang, die Zungenwurzel durchbohrte und am Hinterkopfe wieder herausfuhr. Pandaros stürzte vorwärts hinab aus dem Wagen, daß die Pferde scheuend sich wandten, und Besinnung und Atem entflohen ihm. Äneias, entschlossen den Leichnam seines Freundes vor Plünderung und Mißhandlung zu sichern, hielt die Pferde an, sprang vom Wagen herab und eilte zurück, um ihn fortzuschleppen. Da hob Diomedes einen gewaltigen Feldstein von der Erde und schleuderte ihn mit aller Kraft auf Äneias, daß auch dieser mit zerschmettertem Hüftgelenk stöhnend aufs Knie sank und nur mit der kräftigen linken Hand auf die Erde sich stützte. Sthenelos führte indes das schöne Gespann, der Abrede gemäß, fort und gab es einem treuen Gefährten, der es zu Diomedes' Zelten brachte.

In diesem Augenblick aber nahte Aphrodite dem sinkenden Sohne, und ihre rettenden Arme trugen ihn aus dem Schlachtgetümmel. Diomedes stand betroffen vor der Erscheinung. Ha! eine Göttin! dachte er bei sich. Aber wer kann es anders sein als Aphrodite, da sie so zart ist und keine Waffen trägt? Und hat mir nicht Athene erlaubt mein Geschoß selbst gegen diese zu kehren? Wohlauf! ich ereile sie und erringe mir unsterblichen Ruhm! – Er sprach's und verfolgte mit raschem Laufe die Göttin, schwang seinen Speer und traf sie am Handgelenk, daß das kristallene Blut – denn diese Farbe hat es bei den Göttern – in hellen Perlen auf die Erde tröpfelte. Vor Schmerz ließ sie den teuern Sohn aus den Armen fallen, aber Apollon, welcher nahe war, nahm ihn auf und hüllte ihn in eine undurchdringliche Wolke.

Lautrufend setzte Diomedes noch immer der Göttin nach und schrie: »Weiche zurück, du Tochter des Zeus, und überlaß Männern den Zweikampf! Schlimm genug, daß du Weiber verführst, so viel Jammer und Not über die Völker zu bringen! Wehe dir, wo du noch einmal in der Schlacht mir zu nahe kommst! Schon der Name des Krieges wird dich mit Grausen erfüllen.« Die Göttin erschrak und enteilte so schnell sie konnte. Iris kam ihr entgegen und trug sie rasch aus dem Gewühl bis an das äußerste Ende des Schlachtfeldes, wo Ares, der Gott des Krieges, saß und seiner Werke sich freute. Neben ihm standen sein goldener Wagen und seine Rosse, vor sich hatte er die Lanze in die Erde gesteckt; eine Wolke umgab ihn, so daß ihn die Sterblichen nicht sahen.

»Lieber Bruder«, sprach Aphrodite zu ihm, »schaffe mich weg, gieb mir deine Rosse, daß ich schnell zum Olymp enteile. Sieh, mich hat ein Sterblicher verwundet, Tydeus' Sohn, der rasende Diomedes!« Er überließ ihr den Wagen, und sie stieg mit Iris ein, welche die Zügel ergriff und schnell durch die Lüfte fuhr. Dort auf dem Olympos klagte die weinende Göttin der zärtlichen Mutter Dione ihr Leid, aber Athene und Here spotteten ihrer, und selbst der Vater Zeus riet ihr lächelnd, sich's zur Warnung dienen zu lassen und sich künftig nicht wieder in den Kampf der Männer zu mischen.

Noch immer wütete unterdessen Diomedes unter den Troern. Er sah den verwundeten Äneias wegführen, aber den unsichtbaren Apollo, der ihn führte, sah er nicht. Erst als er vergebens drei-, viermal auf ihn eingehauen hatte, ohne den Schild zu sehen, mit welchem der schützende Gott die Streiche auffing, und besonders als er Apollons drohende Stimme hörte: »Hüte dich, Tydeus' Sohn, und weiche von mir! Zittere, den Streit mit Göttern zu wagen!« da erst wich er zaudernd zurück und gedachte der Warnung Athenes. Apollon aber trug den Sohn der Aphrodite in seinen heiligen Tempel, der ihm von den Troern auf der Höhe Pergamos erbaut war. Hier heilte er ihn und stärkte ihn mit Kraft, und der Held trat wieder fröhlich unter die Seinen, die ob des Wunders staunten, aber nicht fragen wollten; denn sie ahneten wohl, daß eine Gottheit mit ihm gewesen war.

Er stürmte alsbald aufs neue in die Schlacht und tötete den Achäern viel tapfere Jünglinge, auch die Zwillingsbrüder Krethon und Orsilochos, Söhne des edeln Diokles, der in Pherä wohnte und viele Güter besaß. Das war der gastfreundliche Mann, bei welchem Telemachos mit Nestors Sohne auf seiner Reise von Pylos nach Sparta übernachtete. Er hatte die beiden hoffnungsvollen Söhne ungern nach Troja entlassen; aber sie hielten sich brav und fochten immer zusammen, wie zwei Löwen, die, genährt von einer Mutter, gemeinschaftlich auf waldigem Gebirge aufwachsen, bis sie endlich beide, von eines Jägers Wurfspieße getroffen, ihr junges Leben aushauchen. Ihr Fall schmerzte den Menelaos tief, der ein alter Freund ihres Vaters war. Er machte sich auf, sie am Äneias zu rächen; aber schwerlich wäre er mit heiler Haut aus diesem Zweikampfe gekommen, hätte sich nicht Antilochos zu ihm gesellt, ein rüstiger Jüngling. Als Äneias diese beiden auf sich loskommen sah, hielt er nicht stand, sondern achtete es für besser der überlegenen Macht zu entfliehen. Da suchten sie sich andere Gegner auf, und von ihren Lanzen fiel Pylämenes, der Fürst der Paphlagonier, von Menelaos am Schlüsselbein durchbohrt; auch sein Wagenlenker Mydon fiel, zuerst am Armgelenk von einem gewaltigen Feldstein getroffen, dann, als ihm der Arm gelähmt herabsank, von Antilochos mit dem Schwerte an den Schläfen verwundet. Alsbald stürzte er häuptlings über den Sessel des Wagens hinab in den Sand und stand so einige Augenblicke, an den Wagen gelehnt und die Beine zum Himmel gestreckt, bis Antilochos die Rosse forttrieb und als eine schöne Beute ins Lager führte.

Apollon war unterdessen zum Ares gekommen und hatte ihm die Niederlage der Troer und des Diomedes rasenden Übermut geklagt, der sogar die Götter nicht scheue. Der Kriegsgott, unbeständigen Sinnes, bald dieser, bald jener Partei gewogen, ließ sich dadurch bewegen selbst Anteil an dem Streite zu nehmen und diesmal den Trojanern beizustehen. Er wandelte, gehüllt in eine Wolke, bald vor Hektor, bald vor einem andern der Troer einher; und wem er zur Seite ging, dem fehlte kein Wurf. So ward er ein Schrecken der Feinde. Diomedes aber war von seiner Freundin Athene mit der Fähigkeit begabt worden, die Götter, wenn sie unter den Menschen wandelten, auch durch ihre Verhüllung zu erkennen; wie erschrak er nun, als er, plötzlich auf Hektor, losrennend, den Gott mit furchtbarem Blicke vor diesem einherschreiten sah! So weicht ein Wanderer zurück, der in unbekannter Gegend einen Weg im Walde verfolgt und sich endlich unerwartet am Rande eines breiten Stromes sieht. Diomedes eilte zu den übrigen griechischen Helden zurück und rief ihnen zu: »Streitet doch ja nicht weiter, der Kampf ist zu ungleich! Was hilft uns alle Tapferkeit, wenn jene den Ares auf ihrer Seite haben! Und ich habe den Furchtbaren gesehen; er wütet entsetzlich unter den Unsrigen, besonders ist er nicht fern von der Gegend, wo Hektor streitet.«

Da ließ Diomedes ab vom Kampfe, aus Scheu vor dem Ares; aber dafür währte das Gefecht in andern Gegenden des Schlachtfeldes desto wütender fort. Ein wildes Bild! Hier verfolgen sich einzelne Männer, dort dringen Scharen auf Scharen ein. Hier sieht man einen verwundeten Fürsten auf raschem Wagen aus dem Getümmel entfliehen, dort bücken sich andere, um ihre erschlagenen Freunde vor der rohen Faust der Feinde in Sicherheit zu bringen und vom Schlachtfelde wegzutragen.

Hektor warf zwei der trefflichsten Griechen vom Wagen und ließ ihre Rosse wegführen; dann wandte er sich nach andern Kämpfern. Ihm sah Aias von Salamis grimmig zu, aber dennoch wagte er's nicht ihn zum Streit aufzufordern. Lieber verfolgte er einen schwächern Mann, den Amphios, der zu Päsos herrschte, einen begüterten, glücklichen Kämpfer; aber nach Troja war er zu seinem Unglück gekommen. Ihn traf gerade am Gurte die Lanze des Aias und drang ihm tief in den Bauch, daß er mit dumpfem Fall zusammenbrach. Jetzt sprang Aias auf ihn zu, um ihn die Rüstung vom Leibe zu reißen; aber die Troer richteten unzählige Geschosse auf ihn, und er behielt kaum Zeit dem in Todesschmerzen Röchelnden den Speer mit entgegengestemmtem Fuße aus dem Leibe zu ziehen. Dann floh er, denn die Troer waren ihm schon sehr nahe gekommen und trugen nun trauernd den Sterbenden vom Schlachtfelde hinweg.

In einer andern Gegend traf des Zeus Sohn Sarpedon, der Beherrscher von Lykien, der den Troern zu Hilfe gekommen war, mit dem Griechen Tlepolemos, dem Herakleiden, zusammen. Beide waren treffliche Männer aus dem Geschlecht des höchsten Gottes. Der Letztere, schmähsüchtig und stolz, höhnte den Sarpedon mit bittern Worten und rief ihm entgegen:

»Ei, Sarpedon, was hat denn dich bewogen hierher zu kommen, wo Männer streiten? Du scheinst ja der Schlacht doch ganz unkundig! Was zwingt dich denn hier in Angst zu vergehen und dich feige dem Kampfe zu entziehen? Ha! des Zeus Sohn kannst du wohl nimmer sein, wie die Leute behaupten; so unmännliche Söhne erzeugt ein Gott nicht. Sieh mich an, mich zeugte Herakles, der schon einmal Weh über Troja gebracht hat, als Laomedon, Priamos' Vater, eine billige Schuld, die versprochenen Rosse, verweigerte. Von dessen Sohne ist dir jetzt zu fallen bestimmt, denn ich denke du sollst mir nicht lebendig entrinnen.«

»Ha!« erwiderte ihm Sarpedon, »du wirst mich kennen lernen! Und hätte dein Vater noch größere Thaten gethan, das würde dich jetzt vor meiner Lanze nicht schützen. Denn dein Tod soll mir Ruhm verleihen, und stracks sende ich deine Seele zum Hades hinab!«

Sie schwangen beide zugleich die gewaltigen Lanzen gegeneinander und beide trafen ihr Ziel. Tlepolemos, dem das Geschoß die Gurgel durchbohrte, so daß hinten im Nacken die Spitze hervordrang, fiel dröhnend, wie ein umgehauener Baumstamm, zur Erde. Dem Sarpedon war der Speer seitwärts in den linken Schenkel und bis an den Knochen gedrungen. Er zuckte und rief laut stöhnend die Freunde herbei. Schüchtern wagten sich zwei Diener heran und zogen ihn, weil die Achäer ringsum Steine und Speere warfen, so hastig fort, daß sie in der Bestürzung sogar die nachschleifende Lanze aus dem Schenkel zu ziehen vergaßen. Da ersah Sarpedon den Hektor, der in der Nähe herumschweifte, wie ein Löwe, welcher auf Beute ausgeht. »O Freund«, rief er ihm zu, »komm her zu mir, Priamos' Sohn, und laß mich nicht wehrlos und verwundet hier liegen und ein Spiel der Achäer werden!« Aber Hektors Mut suchte sich andere Ziele; er konnte den ängstlichen Hilferuf nicht beachten, und nichts erwidernd stürmte er wild vorbei und brachte dem Feinde Verderben. Den armen Verwundeten aber führten seine Gefährten, so weit sie konnten, zurück und legten ihn unter einer alten heiligen Buche nieder, die hochprangend auf der weiten Ebene emporragte. Hier erst zogen sie ihm das Eisen aus der Wunde und verbanden sie. Die lange Verblutung hatte den Helden ohnmächtig gemacht, aber als er so ruhig an den Stamm der Buche gelehnt schlummerte, wehte ein frischer Hauch des Nordwindes dem Ermatteten neue Kraft und neues Leben zu.

Jetzt war der Streit, der am Morgen fast unter den Mauern von Troja begonnen hatte, beinahe bis zu den Schiffen zurückgedrängt, und allmählich erstarb der Mut in aller Griechen Brust. Here und Athene sahen vom Himmel herab ihre Lieblinge trauern und thatlos murren, während Ares in den Vorderreihen der Troer kämpfte und das ganze Heer mit Wut und Mordlust entflammte. »Auf! hinunter!« sprachen sie zu einander, »daß wir dem Wüterich wehren und unsere Freunde beschützen! Haben wir's nicht dem Menelaos versprochen seine gekränkte Ehre an ganz Troja zu rächen, und halten wir so unser Wort?« Sie winkten der Hebe, die Rosse an den prächtigen Wagen zu schirren, und Athene warf das leichte Gewand ab und legte den gediegenen Panzer an, setzte auch den goldenen Helm mit vier Zacken aufs Haupt und ergriff die mächtige Lanze zugleich mit dem Schilde des Zeus. Die Ägide hieß es; rings waren goldene Quasten und in der Mitte das mit Schlangen eingefaßte Haupt der Gorgo, dessen bloßer Anblick schon sterbliche Menschen erstarren machte. So gewaffnet bestieg sie den strahlenden Wagen, und Here ihr zur Seite lenkte die Rosse. Die Thore des Himmels, von den Horen bewacht, sprangen von selbst auf, und nun stürmten die Göttinnen hinaus bis an den äußersten Abhang des Olympos, wo einsam der Vater der Götter saß und ins Getümmel hinabschaute. Bei ihm hielt Here die Rosse an und sagte zu ihm:

»Zürnst du nicht selbst, Vater Zeus, daß der rasende Ares die Achäer so entsetzlich verfolgt? Wohlauf, gewähre uns, daß wir ihn züchtigen und ihn verscheuchen, und er sein Beginnen büße!«

»Sei es denn!« erwiderte Zeus, »es kann ihm nicht schaden. Da schicke nur Athene über ihn, die weiß ihn am besten zu fassen.«

Froh der erhaltenen Erlaubnis peitschte Here mit lautem Knall die Rosse, und blitzschnell waren die Göttinnen unten auf der Ebene vor Troja. Sie hielten still; wo sich der Simoeis mit dem Skamandros vereinigt, stiegen sie aus und breiteten über Wagen und Rosse den Wolkenschleier, der Göttliches vor sterblichen Augen verhüllte. Ebenfalls verschleiert gingen sie nun, die zarten Göttinnen, im Gange schüchternen Tauben gleich, zu den Scharen der Krieger hin. Da nahm Here Stentors Gestalt und riesenmäßige Stimme an und rief mit des Donners Kraft den Mutlosen zu:

»Schämt euch, ihr Völker von Argos, so stattlicher Gestalt und so kleinmütigen Sinnes zu sein! Eine Schande ist es! Da Achill noch mit euch auszog zur Schlacht, wagten die Troer sich kaum zu ihren Thoren heraus, denn sie fürchteten den Grimm des gewaltigen Kriegers. Und jetzt, da der einzige Mann von euch gegangen ist, drängt euch der sonst so verzagte Haufe bis zu den Schiffen zurück!«

So ermunterte die Gemahlin des Zeus die griechischen Völker zur Tapferkeit. Athene suchte indessen ihren Liebling Diomedes auf und fand ihn neben seinem Wagen, die Wunde kühlend, die der Pfeil des Pandaros ihm gerissen hatte. Jetzt erst fühlte er, wie sehr sie brannte, denn der Schweiß war ihm hineingedrungen, und das breite lederne Schildgehenk, das ihm über die Schultern hing, hatte noch stärker die schmerzende Stelle erhitzt. Kaum konnte er noch vor der Geschwulst den Arm bewegen. Er lüftete den breiten Riemen und drückte das geronnene Blut aus. So traf ihn die Göttin.

»Schäme dich, Sohn des Tydeus«, sprach sie verweisend zu ihm; »so träge zur Schlacht war dein trefflicher Vater nicht! Er suchte den Krieg, selbst wenn ich es ihm nicht gestatten wollte, und erschlug vor Theben unzählige Männer aus Kadmos' Geschlecht. Bist du denn ein so ganz entarteter Sohn, ha! und rühmst dich doch gleicher Stärke, und weißt, daß ich dich nie verlasse und mit schirmender Obhut dir zur Seite stehe? Sprich, wie kommt auf einmal solche Furcht dich an und lähmt dir die Seele?«

»O Göttin!« erwiderte der Held, – »denn wohl erkenne ich deine Stimme, – nicht Trägheit noch Furcht hält mich zurück, sondern ich ehre die Warnung, die du diesen Morgen mir gabst. Mit jedem Sterblichen, sagtest du, sollte ich's versuchen; doch wenn ein unsterblicher Gott mir begegnete, den sollte ich meiden. Da stürzte ich mich in das dichteste Gewühl und häufte Leichen auf Leichen, bis ich endlich den furchtbaren Ares erblickte, der noch immer in den vordersten Reihen der Troer wütet. Vor ihm bin ich gewichen und habe auch die andern abgemahnt, denn wer vermöchte den Kampf mit Göttern aufzunehmen?«

Da sprach die Göttin: »Wohlan, Geliebtester meiner Seele, du darfst forthin auch nicht vor Ares selbst, noch sonst vor einem Gotte Furcht hegen und weichen, denn ich will mit dir sein und den Trotz des Unbändigen selbst züchtigen. Der Wortbrüchige! Neulich noch gelobte er mir und der Here euch immer beizustehen, und nun kämpft er doch für die Troer, eurer vergessend!«

Athene zog hierauf den Sthenelos vom Wagen zurück, stieg selbst hinauf und ergriff die Zügel. Sie hatte sich aber allen unsichtbar gemacht, und so sah niemand, wer dem Diomedes, der allein im Wagen zu stehen schien, die Rosse antrieb. Sie lenkte aber die Tiere gerade auf den Ares los, der eben gegen die Ätoler andrang und die Tapfersten derselben schon in den. Staub gestreckt hatte. Als er den Wagen des Diomedes daherrollen sah, ließ er schnell ab, stürzte sich auf diesen, und sich vorüberneigend wollte er dem Helden den Spieß in den Leib stoßen; aber Athene lenkte den Stoß ab, und nun fuhr ihm Diomedes mit seiner Lanze zur Vergeltung in die Weiche, daß ein Mensch unfehlbar an der Wunde gestorben sein würde; dann zog er den Schaft wieder heraus und Ares entfloh, indem er, wie Homer sagt, ein Gebrüll ausstieß gleich zehntausend rüstigen Männern, die aus voller Kehle schreien. Darüber erschraken denn auch Achäer und Troer gewaltig; Diomedes aber staunte ob seiner eigenen That und sah mit Bewunderung, vermöge des Blickes, den ihm Athene verliehen, wie der zürnende Gott verhüllt, einer schwarzen Wetterwolke gleich, zum Himmel emporstieg. Dort setzte er sich neben Zeus nieder und zeigte diesem seine böse Wunde, aus der das göttliche Blut stark auf die Erde hinabströmte. Er jammerte laut und verklagte Athene bei dem Vater, daß sie jetzt den Sterblichen allen Willen thue und sie am Ende noch über die Götter erhoben werde.

Aber seine Klagen fruchteten nichts. Vater Zeus war nicht bei Laune und hörte ohnehin nie gern sein liebes Töchterchen verlästern. »Schweig, du Umläufer! treuloser Parteigänger!« rief er ihm zu, »und jammere nicht. Du bist mir das verhaßteste unter allen meinen Kindern. Immer hast du Streit und Händel geliebt! Das hast du von deiner Mutter, die mir auch keinen Tag Ruhe gönnt; ihr bist du vollkommen gleich an Trotz und unverträglichem Starrsinn. Und du selbst kannst dich diesmal für deinen Schmerz nur bei ihr bedanken. – Aber ich kann's nun doch einmal nicht länger sehen, daß du dich quälst. Bist ja nun einmal mein Sohn, du ...... Ja, siehst du, wärst du das nicht, ich hätte dich längst zum Himmel hinausgeworfen.«

Er gebot hierauf dem Päon, dem Arzte der Götter, ihn zu heilen. Dieser legte lindernden Balsam auf die Wunde, dann badete ihn Hebe und legte ihm weiche Gewänder um, und so kam der Gott diesmal noch mit dem Leben davon.

Jetzt kehrten auch Here und Athene von der Erde in die olympischen Wohnungen zurück.

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