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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 15
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Fünfzehnter Abend.

Penelope und der Bettler.

Odysseus blieb noch zurück im Saale, und als alle Freier gegangen waren, winkte er schnell dem Telemachos, um mit ihm die Waffen in die obere Kammer zu tragen. Die alte treue Eurykleia mußte auf Telemachos' Geheiß die Mägde so lange zurückhalten, bis das Geschäft verrichtet war; sie selbst suchte man zu überreden, es geschehe um des Rauches willen. Und siehe, als die beiden mit den Schildern und Schwertern die Treppe hinauf stiegen, erhellte sich der dunkle Gang mit geheimnisvollem Lichte, daß der Jüngling erstaunte und still stand, um dem Vater das Wunder zu zeigen.

»Still, mein Sohn«, sagte leise der erfahrene Mann, »das ist Götterglanz. Athene ist mit uns. Gehe schweigend in Ehrfurcht mitten hindurch und forsche nicht nach. So pflegen sich Unsterbliche zu offenbaren.«

Nachdem alle Waffen beiseite geschafft waren, hieß der Vater den Sohn zu Bette gehen. Er selbst begab sich aufs neue in den Saal, um die Penelope zu erwarten, die ihn zu einem Nachtgespräch beschieden hatte. Sie kam aus ihrer Kammer, und ihre Begleiterinnen setzten ihr am Feuer einen schönen Sessel zurecht, mit Silber und Elfenbein ausgelegt, und drüber legten sie einen weichen Schafpelz. Auch Mägde kamen jetzt in großer Anzahl, um die Überbleibsel des Schmauses aufzuräumen, die Tische zu waschen und jegliches Gerät an seinen Ort zu stellen. Sie stürzten die Feuerbecken um auf den Herd und legten noch frische Scheite nach, die leuchtende Flamme zu unterhalten. Als sie den bettelnden Greis noch immerfort dastehen sahen, erhoben sie noch einmal ihr schimpfendes Geschrei, und die unverschämteste von allen drohte ihm sogar mit einem Feuerbrande, wenn er sich nicht sogleich zum Hause hinaus begebe.

Aber die Königin hörte die Drohung und schalt das Mädchen, wie sie es verdiente. Zugleich befahl sie einer andern, einen Stuhl für den Gast ans Feuer ihr gegenüber zu setzen, und als er Platz genommen, hub sie sogleich zu fragen an.

Er suchte den Fragen: wer? und woher? lange auszuweichen, und schützte den tiefen Schmerz vor, den die Erzählung in ihm erneuern würde. Gern hätte er seinem lieben Weibe die Täuschung erspart; aber sie drang zu sehr in ihn, ihr seinen Namen und Ursprung zu nennen, und so war er denn genötigt das alte Lügengewebe aufs neue auszuspinnen, mit dem er schon einmal den Sauhirten getäuscht hatte. Noch fügte er hinzu, wie er vor zwanzig Jahren den Odysseus in Kreta gesehen, als dieser daselbst ihn und den Idomeneus zur Fahrt nach Troja abgeholt habe. Hier wollte rasch die kluge Penelope die Wahrheit seiner Erzählung prüfen und fiel ihm daher ins Wort:

»Liebster Gast, wenn du damals meinen Gemahl gesehen, ja selbst im väterlichen Hause bewirtet hast, wie du erzählst, so sage mir doch, wie war er damals gekleidet? und wen hatte er bei sich?«

»Es ist zwar schwer nach einer so langen Reihe von Jahren genau alles anzugeben, trotzdem weiß ich es noch«, antwortete der Bettler. »Einen prächtigen Mantel hatte er an, von dunkler zottiger Wolle, und mit goldener Spange vorn auf der Brust befestigt. Herrlich prangte oberhalb goldene Stickerei: ein Rehkalb stellte sie vor, das vom Hunde gepackt wird, und ganz natürlich sah man den gierig fassenden Hund und das zappelnde Reh, das mit den Füßen sich loszumachen strebte. Unter dem purpurnen Mantel aber schimmerte, wenn er sich bewegte, ein feiner Leibrock von glänzend weißer Wolle hervor. Wahrlich ein stattlicher Held! und die Weiber zumal sahen ihn mit Wohlgefallen an.«

»Welche Gefährten aber deinem Gemahl alle folgten, kann ich dir jetzt nach so langer Zeit unmöglich noch sagen; nur des Herolds erinnere ich mich, weil er bucklig war und braun von Gesicht und lockigen Haares, und wo mir recht ist, nannten sie ihn Eurybates. Es schien, als wenn der edle Odysseus große Stücke auf ihn hielt, denn er mußte immer um ihn sein.«

»Ja, er liebte ihn sehr«, sagte Penelope schluchzend. Denn schon während der ganzen Erzählung hatte sie still geweint. »Ja, Fremdling«, fuhr sie fort, »du hast mir alles der Wahrheit getreu beschrieben. Jene Kleider webte ich selbst, und die Spange hatte ich zur Zierat daran befestigt. Wie schön war mein trefflicher Gemahl in dem Gewande! Ach jetzt modert vielleicht schon Mantel und Gemahl, oder die Vögel des Himmels haben sein Fleisch am Gestade des Meeres gefressen! Ach, wie ich gehofft habe und immer gehofft, er würde wiederkehren! wie meine Thränen um ihn geflossen sind, und was ich armes Weib noch täglich von den Freiern leiden muß, ach das könntest du nicht empfinden und nicht fassen!«

Odysseus bezwang sich mit fast mehr als menschlicher Gewalt. »Weine nicht mehr, du würdigste der Frauen, laß mich vielmehr meine Erzählung vollenden; ich habe noch viel Trost für dich. Er kommt gewiß, um den du weinst; er kann nicht mehr fern sein. Vor wenigen Tagen habe ich selbst das Schiff gesehen, worin thesprotische Männer ihn herbringen werden, und die köstlichen Geschenke, die er bei sich führt; ja er wäre schon hier, wenn ihn nicht von dort aus verlangt hätte das Orakel bei der heiligen Eiche zu Dodona um Rat zu fragen, wie er die Freier am sichersten überwinden könne. Traue mir, Königin, und zweifle nicht ferner! Sieh, ich schwöre dir bei Zeus, dem höchsten der seligen Götter, und bei diesem gastlichen Herde, dem ich genaht bin, daß ich die Wahrheit verkünde und daß es geschehen wird, wie ich dir jetzt gesagt habe.«

»O wenn das geschehen sollte, guter Fremdling«, versetzte Penelope, »so sollte es dir nicht fehlen an reichem Dank für deine Kunde, und wer dir begegnete, sollte dich glücklich preisen. Aber auch jetzt schon will ich dich mit Mantel und Leibrock wohl versehen, sobald du weiter ziehen willst; denn du hast mir die Seele gerührt durch deine herzigen Worte. Wohlan, ihr Mägde, ehrt mir den Mann hier im Hause, und schafft ein Bettgestell und Teppiche für ihn, daß er bequem und sanft ruhe; vorher aber wascht ihm die Füße, wie sich's gebührt. Morgen früh sollt ihr ihn baden und salben, daß er mit Anstand unter den Männern sitze und an Telemachos' Seite das Frühmahl genieße. Und wehe der, die ihn kränkt oder seiner spottet!«

»Ehrwürdige Frau«, erwiderte Odysseus, »seit ich von Kreta entfernt bin, habe ich mich zierlicher Betten und weicher Decken entwöhnt; laßt also auch hier mich ruhen, wie ich so lange geruht habe, auf der bloßen Erde am Feuer, mit einem Mantel bedeckt. Auch das Fußwaschen verbitt' ich, besonders von den übermütigen Mägden da, wofern nicht ein altes treues und sorgsames Mütterchen unter den dienenden Weibern ist, die auch Unglück im Leben erfahren hat und mit Unglücklichen schonend umzugehen weiß. Eine andere soll nimmermehr den Fuß mir berühren!«

Penelope sprach: »Fürwahr, lieber Gast – denn lieb bist du mir und wert, und nie ist mir aus der Ferne ein so willkommener Fremdling ins Haus gekommen, der alles mit Bedacht redet – fürwahr, ich habe solch ein Mütterchen im Hause, die hat noch meinen lieben Gemahl aufgezogen und ist von Kindheit an seine Pflegerin gewesen; die soll dir die Füße waschen. Gute Eurykleia, stehe doch auf und verrichte das lange unterlassene Geschäft. Denke, es wäre dein lieber Herr, dem du ja sonst so gern die Füße wuschest. Ach so vertrocknet mögen jetzt seine Hände und Füße auch wohl sein, als die des alten Mannes; denn im Unglück altert man schnell.«

Die Erinnerung preßte der alten Wärterin bittere Thränen aus. Sie weinte sich erst satt, ehe sie aufstand. »Die Götter«, sprach sie, »sind meine Zeugen, ich habe den edlen Herrn von Kindheit an fast wie einen Sohn geliebt, und immer denke ich noch an ihn und hoffe, er werde sicher zurück kommen. Wie glücklich wären wir alle, wenn er bei uns wäre! Aber ach, er schleppt sich vielleicht auch so, wie der arme Mann hier, von Ort zu Ort und bettelt sich durch, fern von der Heimat! Vielleicht verhöhnen ihn da, wo er hinkommt, die Mägde auch so in den Häusern, wie diese schlechten Geschöpfe hier, vor welchen du guter Mann dich scheust, und die es auch wahrlich nicht wert sind dich zu waschen. Nun warte, ich will deiner redlich pflegen, weil meine Gebieterin es befiehlt, und gewiß auch aus Liebe zu dir selber. Denn ich kann es dir nicht verschweigen, fremder Mann; seit ich dich zuerst sah, fiel mir's aufs Herz, daß ich nie einen Mann gesehen, der dem Odysseus an Stimme und Gestalt so ähnlich war als du.«

Odysseus verbarg die seltsame Empfindung, die ihn bei diesen Worten überraschte. Im gleichgültig scheinenden Tone antwortete er: »Mütterchen, das sagen alle, die uns beide gekannt haben, und wohin ich gekommen bin, haben sie mich immer im Scherz Odysseus genannt.«

Jetzt holte die Alte die hell blinkende Wanne herbei, goß kaltes Wasser hinein und mischte es mit heißem. Indessen wendete sich der Bettler geschwind vom Herde ab, denn ein plötzlicher Einfall erregte ihm große Besorgnis. Er hatte seit seiner Jugend eine starke Narbe über dem rechten Knie, die war ihm von dem scharfen Hauer eines Ebers geblieben, der ihn einmal auf der Jagd verwundet hatte. Die Alte kannte diese Narbe wohl, und daher setzte er sich jetzt in den Schatten, damit sie dieselbe nicht bemerken sollte. Aber sie entdeckte sie dennoch durch das Gefühl, als sie ihm mit flacher Hand beim Waschen das Bein strich, und vor freudigem Schrecken ließ sie plötzlich das Bein in die Wanne fallen, daß diese umschlug und alles Wasser verschüttet wurde. »Wahrlich«, rief sie, »du bist Odysseus! habe ich doch den eigenen Herrn nicht eher erkannt, als bis ich deine Füße betastet habe!« Zum Glück hörte Penelope nichts von dem Freudengeschrei, das die Alte erhob. Da sprang Odysseus hastig auf, hielt ihr mit Gewalt den Mund zu und flüsterte mit schneller Stimme: »Mutter, du bist des Todes, wenn du mich verrätst! Kein Mensch darf erfahren, was du jetzt entdeckt hast. Schweig, wenn dein Leben dir lieb ist!«

Die Alte versprach alles und ging sogleich, um ein neues Bad zu bereiten, denn das erste war ganz verschüttet. Hierauf begann Penelope wieder das Gespräch:

»Ach, es ist, als sollte ich gar nicht zur Ruhe kommen. Selbst die Wohlthat des Schlafes muß ich allzusehr entbehren. Bei Tage gewährt mir die Arbeit und die Beaufsichtigung der Dienerinnen einige Zerstreuung; suche ich dann bei Nacht das Lager, so jagen mich Träume auf, und alle zeigen mir meinen Gemahl und verheißen seine Rückkehr. Und doch kann ich ihn fast nicht länger erwarten; denn viele schelten bereits meine Treue, da meines unschuldigen Sohnes Güter darüber zu Grunde gehen. So lange er noch unerwachsen war, mußte ich wohl das Haus bewahren; jetzt aber, da er groß und verständig ist, denke ich immer, er zürne mir selber, daß ich nicht gehe und mich mit einem andern vermähle. Denn er leidet am meisten von der Raubsucht der Freier, und ich kann ihm das durch sie verpraßte Gut nicht ersetzen. Auch meine Eltern dringen in mich, daß ich mich der zweiten verhaßten Heirat füge. Ach, ich bin meiner selbst nicht mehr mächtig und weiß nicht, was ich thun soll! Da hatte ich nun die vorige Nacht wieder einen seltsamen Traum. Ich habe im Hofe zwanzig Gänse, die ich füttere und die meine Freude sind. Auf diese Gänse – so erschien mir's im Traume – kam ein Adler aus dem Gebirge herabgeflogen, würgte sie alle und schwang sich wieder in die Luft auf. Und als ich darüber wehklagte und jammerte und eine Menge Weiber aus der Stadt herkamen und mich trösteten, siehe, da kehrte er zurück, setzte sich auf das Gesimse, und sprach mit menschlicher Stimme:

»Mutig, du Tochter des Ikarios! das ist kein eitles Traumgebild, sondern eine sichere Verkündigung, die dir zum Heile vollendet werden wird. Die Gänse sind die Freier, und ich selber, der ich zuvor ein Adler war, bin dein Gemahl und komme, um dich und mich zu rächen und den Freiern ein schreckliches Ende zu bereiten.«

»Ich erschrak so heftig, daß ich erwachte. Schnell ging ich zum Fenster, um nach meinen Gänsen zu sehen; aber sie waren noch alle da und fraßen am Trog, wie gewöhnlich.«

»Nun fürwahr, edle Fürstin«, versetzte Odysseus, »der Traum ist doch wahrlich deutlich genug. Und so wird es auch erfüllt werden, glaube mir's. Die Götter selber übernehmen deine Rache,«

»Ach, guter Fremdling«, erwiderte Penelope, »nicht allen Träumen ist zu glauben; viele täuschen, wenige treffen ein. Und zögern die Götter, so kann ich doch nicht länger zögern. Den morgenden Tag habe ich zur Entscheidung bestimmt. Es ist der Neumond. Möchte er mir doch glücklich dahingehn! Ich habe beschlossen den Freiern einen Wettkampf anzubieten, und wer darin den Preis davon trägt, dem will ich als Gemahlin folgen. Oben liegt noch der Lieblingsbogen meines Odysseus, mit dem er oft zur Übung das Kunststück machte einen Pfeil durch die Öhre von zwölf hintereinander aufgestellten Äxten zu schießen. Dasselbe sollen nun morgen die Freier auch versuchen, und wem es am besten gelingt, dem will ich folgen.«

Der Unbekannte gab ihr seinen Beifall zu erkennen und freute sich im Herzen der schönen Gelegenheit, welche es am folgenden Tage geben würde, die Freier alle zu überwinden. Jetzt ging die edle Penelope hinauf in ihre Kammer und legte sich zur Ruhe, denn es war schon spät. Odysseus blieb im Saale und bereitete sich daselbst am Feuer ein Lager von einer Ochsenhaut und einigen Schaffellen, und Eurynome, die treue Schaffnerin, deckte ihn noch mit einem Mantel zu.

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