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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 12
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authorKarl Friedrich Becker
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Zwölfter Abend.

Wiederfinden.

Als Telemachos das Gehöft des Oberhirten erreichte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Die Hirten hatten sich mit ihren Herden schon in Feld und Wald zerstreut, und der biedere Eumäos lagerte mit dem Odysseus um die lodernde Flamme, an welcher sie sich eben ein Stück Fleisch zum Imbiß gebraten hatten, das sie nun in behaglicher Ruhe verzehrten. Da hörten sie Tritte vor der Thür. »Horch«, sagte Odysseus, »ich höre Tritte, und doch bellen die Hunde nicht. Gewiß besucht dich einer der andern Hirten oder sonst ein Bekannter.«

Kaum war das Wort gesprochen, so stand der schlanke Telemachos an der Schwelle, und alle Hunde sprangen schmeichelnd an ihm in die Höhe und umschnoberten ihn freudig. Dem überraschten Sauhirten fiel vor Freuden das Geschirr aus der Hand, in welchem er eben den Wein mischen wollte, und hastig eilte er hinaus dem kommenden Herrn entgegen. Er schlang seine Arme um ihn, wie ein Vater um den lange entbehrten Sohn, küßte ihm Wangen und Augen, Mund und Hände, benetzte ihn mit Thränen, küßte ihn wieder und sah ihn frohverwundert an, als sähe er einen vom Tode Erstandenen. Spät erst kam er zu Worte, und mit dem Tone des zärtlichsten Vaters rief er aus:

»Kommst du, Telemachos? Bist du da, du Trautester? Ach! ich fürchtete schon dich nimmer wieder zu sehen, da ich hörte, du wärest nach Pylos geschifft. Aber tritt doch herein, geliebter Sohn, daß mein Herz sich deines Anblicks in Ruhe erfreue. Du bist mir ohnehin ein seltener Gast, denn du kümmerst dich gar nicht um uns arme Hirten; in der Stadt gefällt es dir besser. Das Leben unter den Freiern in Saus und Braus macht dir wohl mehr Freude?«

»Wie du nur so reden kannst, Alter!« versetzte der verständige Jüngling. »Aber laß das jetzt; ich komme vor allen Dingen dich zu fragen, ob noch zu Hause alles beim Alten ist, oder ob meine Mutter unterdessen einem der Freier Gehör gegeben hat und mein armes Haus verlassen dasteht.«

»Nicht doch!« entgegnete der Sauhirt. »Noch sitzt sie und verweint ihre Tage und Nächte in deinem Palaste. Du wirst sie wieder finden, wie du sie verlassen hast.«

Jetzt erst traten die beiden in die Hütte. Der Sauhirt nahm dem Königssohne die Lanze ab und stellte sie in einen Winkel. Der unbekannte Bettler, dem das Herz beim Anblick des schönen Sohnes mit freudigen Schlägen klopfte, unterdrückte seine tiefe Bewegung. Mit der Ehrerbietung eines Armen stand er von dem Lager auf, um seinen Platz dem Fremden einzuräumen, aber der bescheidene Telemachos hielt ihn zurück und sprach:

»Bleib sitzen, Fremdling, ich finde wohl sonst noch ein Plätzchen. Eumäos wird mich schon unterbringen.«

Odysseus setzte sich wieder, und der Sauhirt machte sogleich einen neuen Sitz von Reisig und Schaffellen zurecht, welchen Telemachos einnahm. Dann holte er die Überreste der vorigen Mahlzeit herbei und reichte dem letztern zu essen, mischte auch Wein für seine Gäste und bot freigebig dar, was er hatte. Nachdem das Mahl beendigt war, fragte der Jüngling den Sauhirten, was er da für einen Gast bekommen habe, und wie derselbe hier angelangt sei.

»Er sagt, er stamme aus Kreta«, erwiderte der Hirt, »und habe große Reisen gemacht und auf denselben viel Ungemach erduldet. Thesprotische Männer haben ihn zu Schiff hierher gebracht, und nun harret er auf weitere Entsendung. Ich gebe ihn dir anheim, zumal ich ihn längst auf deine Freundlichkeit vertröstet habe.«

»Wehe mir«, entgegnete seufzend Telemachos, »woran erinnerst du mich! Weißt du doch selbst, wie mir's geht. Wie kann ich jetzt einen Fremden in meinem Hause beherbergen? Siehe, ich selber bin noch jung, und mein Arm ist noch nicht stark genug, um den Gast vor den Frevlern zu schützen. Auch der Mutter Herz schwankt in bangen Zweifeln, ob sie im Hause bleiben, oder ob sie einem mächtigen Freier ihre Hand bieten soll. Gern thäte ich wahrlich an dem guten Manne, was das Herz gebietet, aber ich weiß nur ein Mittel. Behalte du ihn in deiner Hütte, da er nun einmal zu dir gekommen ist und dir wohl auch sonst nicht mißfällt; ich will unterdessen Speise und Trank für ihn täglich heraus senden damit er dir nicht zur Last werde. Auch einen Mantel und Rock und ein Schwert will ich ihm schenken und dann ihn entsenden, wohin er begehrt. Pflege du ihn indessen, wie du nur kannst; er selber, denk' ich, wird mir's nicht verargen, daß ich ihn nicht in den frechen Schwarm der Freier einführe, denn ihn und mich würde es kränken, wenn er dort verhöhnt und beschimpft würde.«

Jetzt nahm Odysseus das Wort und sagte so demütig, wie es seiner Bettlertracht geziemte:

»Lieber, wenn's mir vergönnt ist auch ein Wort mitzureden – glaube mir, was ich da höre von der verruchten Wirtschaft in deinem Hause, verwundet mein innerstes Herz, und ich kann gar nicht begreifen, wie solch ein Frevel möglich ist. Sage mir doch leidest du das willig, oder ist dir das Volk etwa nicht gewogen, oder hast du habgierige Brüder, die dich verderben wollen? Wahrlich, wäre ich des Odysseus Sohn – eher sollte mir ein Fremder das Haupt vom Rumpfe schlagen, als ich solchen Gewaltthätigkeiten ruhig zusähe. Ja fiele ich auch in dem ungleichen Kampfe: besser tot, als lebend solche Schmach erdulden. Immerfort mit anzuschauen, wie man Fremdlinge kränkt und verstößt, die Mägde des Hauses nichtswürdig mißbraucht und allen Reichtum des Hauses verpraßt – das ist abscheulich! abscheulich!«

»Lieber«, antwortete Telemachos, »du sprichst wie ein – Fremder. Nein, weder verabscheut noch verfolgt mich das Volk, ich habe auch keine bösen Brüder, denn immer hat sich unser Stamm nur in einzelnen Söhnen fortgepflanzt. Arkeisios, mein Urgroßvater, zeugte den einzigen Laërtes, Laërtes den einzigen Odysseus, und auch ich bin meines Vaters einziger Sohn. Aber in meinem Hause prassen ja alle Fürsten, so viele ihrer hier in Ithaka sind und so viele die benachbarten Inseln, Dulichion, Same und Zakynthos, bewohnen, über hundert an der Zahl. Was vermag ich einzelner gegen eine solche Schar? – Aber höre, Vater Eumäos, jetzt mußt du mir einen Gefallen thun. Mache dich auf nach der Stadt und sage meiner Mutter heimlich, daß ich gesund aus Pylos zurückgekommen bin. Doch hüte dich, daß keiner der Freier es hört! Ich bleibe indessen hier, bis du wieder zurückkehrst.«

»Wohl!« sprach der Sauhirt und stand auf. »Wie wär's, wenn ich auch dem alten Laërtes die Botschaft brächte? Der arme Mann soll nichts genossen haben vor Gram, seitdem er weiß, daß du weg bist. Er würde sich gewiß sehr freuen.«

»Recht gut«, versetzte Telemachos, »aber du darfst mir nicht zu lange ausbleiben. Der Großvater wohnt doch weit ab von der Stadt. Die Mutter mag eine alte Dienerin mit der Botschaft zu ihm hinaussenden. Hörst du? sag' ihr das.«

»Gut, gut!« sprach der Hirt, und band sich die Sohlen unter die Füße, nahm dann den Stab in die Hand und ging. Noch sah ihm Odysseus nach, als ihm durch die halbgeöffnete Pforte die Gestalt eines schönen, schlanken Mädchens erschien, die ihm herauszukommen winkte. Die Hunde krochen schweigend in die Winkel; denn sie sehen Geister und erkennen den nahenden Gott, auch wenn er dem menschlichen Auge verborgen bleibt. Telemachos gewahrte die Erscheinung gar nicht. Odysseus aber ahnte sogleich die Nähe seiner göttlichen Freundin und ging unter einem Vorwande zur Thür hinaus. Hastig ergriff ihn Athene und sprach:

»Edler Odysseus, jetzt ist es Zeit, jetzt entdecke dich deinem Sohne und beratschlage mit ihm, wie ihr den Freiern in der Stadt ihr Ende bereiten wollet. Ich selber werde mich euch nicht lange entziehen, denn auch mich drängt die Begierde nach dem Rachekampfe.«

Indem sie dies sprach, berührte sie ihn mit ihrem goldenen Stabe, und augenblicklich verwandelte sich der Bettlerkittel in einen schönen purpurwolligen Mantel, das verschrumpfte Gesicht in ein männlich blühendes Antlitz, und der haarlose Scheitel bedeckte sich mit glänzenden dunkelbraunen Locken. Mit königlicher Würde trat er in die Hütte, der kurz zuvor in Lumpen hinausgegangen war. Telemachos staunte und sah ihn zweifelhaft, ja bange an; er glaubte, ihn versuche ein Gott.

»Fremdling«, redete er ihn mit ungewisser Stimme an, »wie erscheinst du mir jetzt so anders in Kleidung und Gestalt! – Ha, ich ahne es, mir naht ein Gott! O schone unser, heiliges Wesen, und sei uns gnädig! Gern wollen wir dir Geschenke und Opfer bringen!«

»Sohn!« rief Odysseus mit funkelnden Augen und schloß ihn freudig in die Arme; »nein, ich bin kein Gott; wie wäre ich Unsterblichen ähnlich? Dein Vater bin ich, um den du so lange trauerst, um den du so viele Schmach von den trotzigen Männern ertragen hast! Ich bin Odysseus!«

Jetzt rannen die lange verhaltenen Thränen und mischten sich mit unaufhörlichen Küssen. Ja in diesem Augenblicke dünkte sich Odysseus ein Gott, denn des Wiedersehens himmlische Freude, des Wiedersehens Freude in dem lange ersehnten Vaterlands durchschauerte alle seine Glieder. Vergessen war in diesem Augenblicke der Umarmung aller Kummer der vergangenen Jahre, alle Not der Irrsale und Schiffbrüche, aller Schmerz der oft getäuschten Hoffnung; verschwunden war auch die Besorgnis vor den noch zu bestehenden Wagnissen. Er hielt den lieben Sohn in den Armen, den er einst als einen Säugling in den Windeln verlassen hatte, und der jetzt in stummem Erstaunen vor ihm stand und immer noch nicht glauben konnte, daß der verwandelte Bettler etwas anderes als ein Gott, daß er gar sein Vater sei.

»Zweifle nicht länger, lieber Sohn«, fuhr Odysseus fort. »Nicht ich selber bewirkte das Wunder, sondern Athene, die mit mir ist. Götter vermögen ja alles; sie wissen nach ihrem Gefallen einen sterblichen Mann zu verherrlichen und zu entstellen. Ja, ja, ich bin's, bin der zwanzig Jahre entfernte, weit umhergetriebene Odysseus, und du bist mein teurer, mein geliebter Sohn, und das ist meine Freude – ja, Kind, das ist meine höchste Freude, daß ich dich hier in meinen Armen halte!«

Er konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen. Und sie weinten lange und herzlich, Brust an Brust und Arm in Arm verschlungen – Vater und Sohn. Zuweilen sahen sie sich schweigend an und weinten dann wieder und redeten nichts, aber in ihren stummen Thränen floß gleichsam ihre ganze Liebe hin.

Endlich begannen die zärtlichen Fragen, deren manche der Vater auf müßigere Tage verweisen mußte. Vor allem war die Hauptsache zu besprechen. »Die Freier müssen ermordet werden. Wir beide und Athene und Zeus, denk' ich, werden hinreichend sein«, sagte Odysseus. »Du gehe nur morgen früh nach der Stadt und geselle dich sorglos unter die Freier. Bald werde ich mit dem Sauhirten nachkommen und als Bettler in ihre Versammlung treten. Mögen sie dann mich verhöhnen mit Worten oder mit Thaten – laß du es immerhin geschehen und vergiß einen Augenblick den Vater vor den Übermütigen. Ich werde alles standhaft ertragen, damit die Rache sie zur rechten Zeit desto sicherer treffe. Eines noch bereite mir vor: die Waffen, welche ringsum an den Wänden des Saales hängen, nimm alle weg und verbirg sie in einer oberen Kammer; nur zwei Schwerter, zwei Wurfspieße und zwei stierlederne Schilde halte für uns beide bereit, doch so, daß kein anderer sie sieht. Fragen sie nun am folgenden Tage, wo die Waffen geblieben sind, so sage nur: »Ich habe sie weggetragen, weil es mir längst zuwider gewesen ist, sie hier in dem beständigen Rauche Die Alten hatten noch keine Rauchfänge, mithin mußte sich der Rauch des Herdes seinen Weg durch die offenen Thüren und Fenster suchen, und erfüllte also auf eine unangenehme Art den ganzen Saal. Außer dem gemauerten Herde hatte man noch tragbare Feuerfässer, auf welchen man zur Erleuchtung Kienhölzer brannte. erblinden zu sehen. Schon haben sie allen Glanz verloren und sollen doch so schön gewesen sein, als mein Vater sie aufgehängt hat. Aber auch um euretwillen habe ich sie weggenommen, da ihr so unbändigen Mutes seid und beim Weine oft hart aneinander geratet. Sind euch nun Waffen so nahe – das Sprichwort sagt: Eisen ziehet den Mann an – welch Unheil könnte in meinem Hause unter Freunden geschehen, und das mögen die ewigen Götter verhüten!«

»So sprich, mein Sohn, wenn sie fragen. Und nun gieb mir dein Manneswort, daß du treu das Geheimnis bewahren willst. Niemand darf es erfahren, daß ich hier bin, selbst Laërtes und Penelope nicht, auch nicht der Sauhirt. Unter der fremden Hülle will ich das ganze Haus erst durchspähen, um zu wissen, wer mir treu blieb, und wer mir untreu ward und dir deine Ehre entzieht.«

Telemachos gelobte tiefes Stillschweigen und prägte sich des Vaters Worte fest ins Herz. Unterdessen war das Schiff, das ihn geführt hatte, um die Insel herumgesegelt und lief in den Hafen nahe bei der Stadt ein. Die Jünglinge zogen es ans Land, der treueste derselben nahm Telemachos' Ehrengeschenke an sich, und ein andrer lief als Bote in den Palast, um der Königin die Ankunft des Sohnes zu verkündigen; aber unvorsichtig rief er ihr die Nachricht laut vor allen Freiern zu, die nun des Jünglings Rettung und seinen jetzigen Aufenthalt erfuhren und aufs neue seinen Untergang beschlossen.

Bald nachher traf auch der ehrliche Eumäos ein, der besorgten Mutter die heimliche Botschaft zu verkündigen; aber er kam zu spät, und alsbald nahm er schnell wieder den Weg nach seinen Ställen zurück.

Die Freier knirschten vor Unmut, als sie ihren mörderischen Plan mißlungen sahen. Einer winkte dem andern, und so gingen sie sämtlich zum Saale hinaus und setzten sich auf die Bänke vor dem Thorwege, einen neuen Rat zu ersinnen, den die Diener im Hause nicht hören sollten. »Zuerst«, sprachen sie, »laßt uns nur ein Boot aussenden zu unsern Freunden dort im Sunde, daß sie nicht länger vergeblich harren, sondern zurückkehren.«

Während sie noch so sprachen, ruderte schon das Späherschiff mit niedergelassenem Maste langsam heran. Da lachte Amphinomos, der es zuerst erblickte, laut auf und rief: »Spart euch die Mühe, da kommen sie schon an; sie müssen's wohl selber gemerkt haben, daß ihnen der Vogel entwischt ist.«

Darauf gingen sie alle dem Schiffe entgegen und zogen es auf den Strand. Es starrte von Lanzen und andern Waffen, die sie mitgenommen hatten, um den einzigen Jüngling zu töten. Diese wurden nun ausgepackt, und ein jeder nahm die seinigen zu sich. Sodann gingen sie auf den Versammlungsplatz und trieben jeden, der ihnen etwa aus Neugier folgte, mit Gewalt aus ihrer Nähe fort. Als sie auf den umhergestellten Steinen Platz genommen hatten, nahm der rohe Antinoos, der das Schiff angeführt hatte, das Wort.

»Freunde«, sprach er, »wunderbar haben die Götter diesen Telemachos beschützt, denn wir haben es wahrlich an Wachsamkeit nicht fehlen lassen. Am Tage stellten wir Kundschafter aus rings auf den Spitzen der Berge, von denen man die weiteste Aussicht ins Meer hat, und bei Nacht kreuzten wir mit dem Schiffe immer an der Küste herum; dennoch haben wir ihn verfehlt. Aber ihn hat sicher einer der Götter nach Hause geführt. Nun wohlan, wir wissen ja, wo er jetzt ist; laßt uns hier auf dem Lande, wenn er allein nach Hause zurückkehrt, ihm den Tod bereiten. Denn sterben muß er, ehe das Volk unsern ersten verunglückten Anschlag auf ihn erfährt. Wahrlich, er ist jetzt ein kühner, trotziger Bube geworden, und was gilt's? er ruft, sobald er hier ist, das gesamte Volk auf dem Marktplatz zusammen und erzählt öffentlich, was wir gegen ihn unternommen haben! Und dann wehe uns, wenn uns der Haß des Volkes ereilt! dem sind wir doch wahrlich nicht gewachsen! Tod und Verderben würden sie uns bereiten, denn sie lieben Telemachos und sehen unser Treiben hier im fremden Hause längst mit stillem Zorne an. Also fort mit ihm, ehe er die Schwelle betritt! Dann teilen wir gleichmäßig seine Besitzungen unter uns, und bloß die Wohnung lassen wir seiner Mutter oder dem, den sie zur Ehe nimmt. Mißfällt aber mein Rat der Versammlung und wünschet ihr, daß dem Telemachos Leben und Gut erhalten werde, so rate ich, daß wir nicht länger in solcher Masse seine Schätze verprassen, sondern jeder für sich mit den üblichen Brautgeschenken um die Hand der Penelope werbe.«

Da trat, während die andern noch stumm blieben, Amphinomos auf, ein edler Fürstensohn aus Dulichion, der beste und verständigste unter den Freiern, der auch der Penelope am meisten gefiel, weil er in Wort und Tat bescheiden und liebenswürdig war und von edler Gesinnung, wie keiner der übrigen. »Hört, Freunde«, sprach er, »mir graut vor dem Gedanken, den ihr da jetzt im Herzen hegt. Es ist doch eine ungeheure und gräßliche That ein Königsgeschlecht zu vernichten. Daher dächt' ich, wir unternähmen das nicht ohne der Götter Rat. Laßt uns den Willen des Olympiers Zeus erforschen. Billigt dieser die That, so mag sie geschehen, und ich wage sie selber; verwehrt er sie, so laßt den frevelhaften Anschlag ruhen.«

Dieser Beschluß schien allen der beste. Sie standen daher auf und gingen zum Palaste des Odysseus zurück. Einer ihrer Herolde aber, der im Herzen sie alle haßte und der edlen Penelope treu war, schlich heimlich zu ihr hinauf und verriet ihr die Pläne der Freier. Medon hieß er, der ehrliche Mensch; nur gezwungen diente er den Frevlern. Die Königin zitterte, als sie die schreckliche Nachricht vernahm, und alsbald verhüllte sie ihr Gesicht in den langen Schleier und ging mutig und mit edlem Zorne nach dem Saale, wo die argen Gesellen zechten. Gleich an den Antinoos wandte sie ihre Rede und sprach mit Heftigkeit:

»Trotziger Unheilstifter du! Wenn die Leute von dir sagen, du seist der bravste und klügste unter den Herrschersöhnen in Ithaka, so geschieht dir wahrlich zu viel Ehre. Rasender, stehe mir Rede! warum suchst du des unschuldigen Telemachos Tod und Verderben? Fluch dir, der du die Stimme der Leidenden verachten kannst, die doch Zeus selber hört! Schändlich ist's anderer Verderben zu suchen. O dächtest du doch zurück, wie einst dein eigner Vater um Schutz bettelnd in unser Haus floh! Das Volk ringsumher war erbittert auf ihn; mit Gewalt wollten sie ihn töten und ihm das Herz aus dem Leibe reißen, denn er hatte oft im verräterischen Bunde mit taphischen Seeräubern ihre Habe geplündert. Und da, als er sich nicht zu retten wußte, da nahm ihn Odysseus auf, besänftigte das Volk und sorgte, daß er hier ruhig wohnen konnte. Und dieses eures Retters Haus entehrst du Undankbarer nun, buhlst um seine Gattin, ermordest ihm den einzigen Sohn. Ungeheuer! laß ab und ermahne auch die andern dazu!«

Der Bösewicht war bestürzt und beschämt, und antwortete nichts. Aber ein anderer Freier, Eurymachos, nahm für ihn das Wort und suchte ihr die Furcht auszureden, indem er versicherte, es sei von solchen Plänen nie die Rede gewesen; ja er beteuerte, daß er selbst jeden, der so etwas zu unternehmen wagen sollte, mit seiner Lanze durchbohren würde. Denn der verstorbene Odysseus habe ihn oft als Kind auf den Knieen geschaukelt und ihn mit Braten und Wein erfreut, und seitdem sei seine Achtung für dies Haus unerschütterlich. Der Nichtswürdige! Gerade er sann auf die ärgsten Ränke, den Telemachos aus dem Wege zu räumen. Auch war Penelope durch seine gleißnerischen Reden nicht beruhigt, sondern sie ging traurig hinauf und weinte lange auf ihrem einsamen Lager, bis der Schlaf sie umfing und ein süßes Vergessen über das schmerzgebeugte Haupt goß.

Am Abend langte der Sauhirt auch wieder in der Hütte bei seinen Gästen an. Athene hatte unterdessen zu rechter Zeit des Königs Gestalt wieder mit der vorigen Bettlerhülle bekleidet, und der gute Eumäos ahnte nicht, welche Erkennungsscenen während seiner Abwesenheit in der Hütte vorgefallen waren. Er sorgte geschwind für ein einjähriges Schwein zur Abendmahlzeit, mit gewohnter Dienstfertigkeit bemüht, seine Gäste rasch und gut zu bewirten; aber da er aus der Stadt nicht viel Neues zu erzählen wußte, so stockte das Gespräch bald, und Wirt und Gäste begaben sich zeitig zur Ruhe.

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