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Erzählungen

Christoph von Schmid: Erzählungen - Kapitel 9
Quellenangabe
titleErzählungen
authorChristoph von Schmid
typenarrative
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Das Täubchen

 

1.

Mutter Ottilia und ihre Tochter Agnes.

Auf dem alten Bergschloss Falkenburg lebte vor mehreren Jahrhunderten der tapfere Ritter Theobald mit seiner frommen Gemahlin Ottilia. Der Ritter war ebenso edelmütig als tapfer. Alle Bedrängte weit umher im Land nahm er in seinen mächtigen Schutz und verlangte dafür nicht einmal einen Dank. Das Vergnügen, Menschen zu beglücken, war ihm schon Lohnes genug. Frau Ottilia spendete reichliche Gaben unter die Notleidenden aus. Sie besuchte die Kranken in den Hütten der benachbarten Täler, und ihr Schloss war der sichere Zufluchtsort aller Armen, die nur immer einer Hilfe wert waren. Auch Agnes, das einzige Kind dieser trefflichen Eltern, ein Fräulein von etwa acht Jahren, war die lautere Güte und Freundlichkeit gegen die Menschen. Sie kannte keine grössere Freude als andern Freude zu machen. Eltern und Tochter wurden allgemein verehrt und geliebt, und wer nur den hohen Turm der Falkenburg von fern erblickte, segnete in seinem Herzen die edlen Menschen, die hier wohnten und Gutes taten. Wirklich ruhte auch der Segen Gottes recht sichtbar über Theobald, Ottilia und Agnes. Soviel sie hergaben und austeilten, so hatten sie doch nie Mangel. Sie gehörten unter die wohlhabendsten adeligen Familien im Land.

Einmal, an einem schönen, heitern Sommertag, gingen Frau Ottilia und Fräulein Agnes nach Tisch in den Garten, der sich unten am Abhang des Berges befand. Ein kleines Pförtchen in der Mauer des Schlosshofes und viele steinerne Staffeln führten dazu hinab. Der Garten gewährte einen überaus lieblichen Anblick. Sie bemerkten mit Freude, wie hier der bläulich-grüne Kohl so schön stand und dort die zarten Rosenknospen sich öffneten; wie da die Bohnen hoch emporrankten und dort die Kirschen bereits hellrot zwischen den dunkelgrünen Blättern hervorglänzten. Sie standen eine Weile bei dem Springbrunnen in Mitte des Gartens still und ergötzten sich an dem Spiel des Wassers, das im Glanz der Sonne hell wie Kristall emporsprang und in tausend funkelnden Tropfen von allen Farben des Regenbogens wieder herabfiel. Hierauf setzten sie sich in eine schattige Reblaube von zierlichem Gitterwerk und arbeiteten mit vereintem Fleiss an einem Kleid für eine arme Waise. Alles im Garten war still und ruhig; nur eine Grasmücke sang auf den Zweigen eines nahen Baumes von Zeit zu Zeit ungemein lieblich, und von dem Springbrunnen her tönte unausgesetzt das angenehme Plätschern des Wassers.

Da flog etwas so plötzlich, dass sie gar nicht sehen konnten, was es sei, in die Laube herein. Beide blickten erschrocken auf. Augenblicks kam in stürmender Eile ein grosser Raubvogel nachgeflogen und schwebte mit weit ausgebreiteten Flügeln am Eingang der Laube. Da er aber Leute sah, machte er sich ebenso schnell wieder davon. Agnes sass so schüchtern da, dass sie sich nicht umzusehen getraute, was das wohl sein möge, das so geschwind in die Laube hereingeflogen war. Allein die Mutter sagte lächelnd: »Fürchte dich nicht! Es ist wohl nichts als irgendein Vögelein, das sich vor dem Stossvogel hierher geflüchtet hat.« Sie sah nach und rief: »Ei sieh doch, ein schneeweisses Täublein! Es hat sich in seiner Angst da gerade hinter dir versteckt.« Sie nahm es, blickte Agnes forschend an und sagte: »Auf den Abend will ich dir das Täublein braten.«

»Braten?« rief Agnes erstaunt und griff mit beiden Händen nach dem Täubchen, als wollte sie es dem angedrohten Tod entreissen. »Nein, liebe Mutter«, sagte sie, »das war nicht dein Ernst! Das arme Tierchen hatte seine Zuflucht zu mir genommen – wie könnte ich es töten? Oh sieh doch, wie schön es ist! In der Tat, es ist so weiss wie Schnee, und seine Füsschen, sieh nur, sind so schön rot wie Korallen. Ach sieh, wie ihm noch das Herz schlägt! Es blickt mich mit seinen unschuldigen Äuglein so flehentlich an, als wollte es sagen: Tue mir nichts! – Nein, liebes Tierchen, ich tue dir nichts zuleid. Du sollst dich nicht umsonst zu mir geflüchtet haben. Du sollst es gut bei mir haben.«

»Recht, liebes Kind«, sagte die Mutter freundlich. »Du hast meinen Sinn getroffen. Ich wollte dich nur prüfen. Bring das Täublein auf dein Zimmer und versorge es mit Futter. Die Unglücklichen, die ihre Zuflucht zu uns nehmen, dürfen wir nicht verstossen. Wir müssen gegen alle Notleidenden mitleidig und auch gegen die Tiere barmherzig sein.«

Die Mutter liess ein kleines, artiges Taubenhaus mit rotem Dach und grünen Gitterstäben machen. Agnes stellte es in eine Ecke ihres Zimmers und wies es dem Täubchen zur Wohnung an. Sie gab ihm täglich reichliches Futter nebst frischem Wasser und versah es von Zeit zu Zeit mit reinem Sand. Das Täubchen gewöhnte sich bald an Agnes und wurde ungemein zutraulich und heimisch. Sobald Agnes die Türe des niedlichen Käfigs öffnete, flog das Täubchen heraus und pickte ihr die Körnlein, die sie ihm vorhielt, aus der Hand. Sie brauchte auch das Häuschen nicht mehr zu verschliessen. Das Täubchen hielt sich schon selbst gern darin auf.

Wenn der Morgen anbrach und Agnes noch schlief, da kam das Täubchen auf ihr Kopfkissen geflogen, weckte sie und liess ihr keine Ruhe mehr, bis sie aufstand und es fütterte. Agnes beklagte sich bei ihrer Mutter darüber und sagte: »Ich weiss aber schon, was ich tue, damit die ungestüme Taube mich nicht mehr im Schlaf störe. Ich werde künftig das Türchen des Käfigs alle Abende fleissig verriegeln, damit sie morgens nicht heraus kann.« – »Nicht doch!« sagte die Mutter. »Lerne vielmehr von dem Täublein früh aufstehen. Früh aufstehen ist gesund und macht einen fröhlichen Sinn. Oder müsstest du dich denn nicht schämen, wenn du träger wärest als eine Taube?« So gewöhnte sich Agnes an das frühe Aufstehen.

Einmal sass Agnes an dem offenen Fenster und nähte. Das Täubchen pickte zu ihren Füssen einige Brosamen auf. Allein plötzlich flog es auf – und zum Fenster hinaus und setzte sich auf das nächste Dach. Agnes erschrak und tat einen lauten Schrei; die Mutter kam und fragte, was es gebe. »Ach, mein Täublein!« sagte Agnes und zeigte weinend auf das Dach, wo das Täubchen sass und sich sonnte. »Locke ihm einmal!« sagte die Mutter. Agnes tat es – und augenblicklich flog das Täubchen wieder herab und setzte sich ihr auf die ausgestreckte Hand. Agnes war über diese Folgsamkeit entzückt. Die Mutter aber sagte: »Sei du gegen mich auch immer so folgsam wie das Täublein gegen dich; dann werde ich noch eine grössere Freude haben, als du jetzt empfindest. Nicht wahr, diese Freude machst du mir?« Agnes versprach es – und hielt Wort. Sie wurde das folgsamste Mädchen.

Eines Tages hatte Agnes im Garten ihre Blumen und auch mancherlei Gemüse begossen. Müde von der Arbeit, setzte sie sich zu ihrer Mutter auf die grüne Bank nächst dem Springbrunnen. Das Täubchen, das jetzt so zahm war, dass Agnes es überall frei herumfliegen liess, kam herbeigeflogen, an dem Brunnen zu trinken. »Sieh nur, Mutter«, sagt Agnes, »wie vorsichtig es von einem bemoosten Stein zum andern tritt! Wie sorgfältig es sich vor dem Schlamm zwischen den Steinen in acht nimmt! Wie reinlich das Tierchen ist! Die weisse Farbe ist am schwersten rein zu bewahren – und doch sieht man nie das geringste Fleckchen an den blendend weissen Federn des achtsamen Tierchens.« – »Und wie unachtsam Agnes bisweilen ist!« sagte die Mutter und zeigte auf das lange weisse Kleid des Fräuleins. Agnes hatte, als sie am Springbrunnen mit der Giesskanne Wasser schöpfte, ihr Kleid nicht genug in acht genommen. Sie errötete, und von nun an glich ihr weisses Kleid immer dem reinen, neugefallenen Schnee.

Agnes hatte einst mit ihrer Mutter eine kleine Reise gemacht, auf der sie sehr viele Freuden genoss. Als sie abends zurückkam, flog das Täubchen ihr sogleich entgegen und zeigte eine sichtbare Freude über ihre Zurückkunft. »Es hat den ganzen Tag um Euch getrauert«, sagte eine Magd, »und Euch überall gesucht. Ich muss mich wundern, dass ein Tierchen, das doch keine Vernunft hat, seine Wohltäterin erkennt und ihr so ergeben ist.« – »Es ist wahr«, sagte Agnes, »für die wenigen Körnlein, die ich ihm täglich streue, könnte es nicht dankbarer sein.« – »Bist du aber«, sprach die Mutter, »auch immer so dankbar? – Sieh, du hast heute so viele Freuden genossen! Hast du Gott auch schon dafür gedankt? Lass dich doch nicht von einem Tierchen beschämen.« Agnes hatte diesmal noch nicht daran gedacht, Gott zu danken. Von nun an ging sie aber nie mehr zur Ruhe, bevor sie Gott für die Freuden und Wohltaten des Tages ihren innigsten Dank dargebracht hatte.

»Du liebes Tierchen!« sagte einst Agnes, frühmorgens an ihrem Arbeitstischchen sitzend, zu ihrer Taube, die an dem Rand des Tischchens sass und mit den klaren, schuldlosen Augen freundlich zu ihr aufblickte. »Ich habe nun von dir schon manches gelernt und bin dir vielen Dank schuldig.« Die Mutter sagte: »Das Schönste, was du von ihr lernen kannst, ist doch noch übrig. Sieh, die reine, weisse Taube ist ein liebliches Bild der Unschuld. Sie ist ohne Falsch, ohne Trug und Verstellung, rein von Arglist, ungekünstelt und ohne alle Ziererei. Unser göttlicher Erlöser drückte dieses alles mit einem einzigen Wort aus, indem er sprach: Seid einfältig wie die Tauben! Oh möchte diese edle Einfalt immer dir eigen sein! Möchten Trug und Verstellung und alles Böse immer fern von dir bleiben! Gott gebe, dass man von dir sagen könne: Agnes ist schuldlos und ohne Falsch, wie eine Taube.« Wirklich konnte man dieses auch mit Wahrheit von ihr sagen.

2.

Rosalinde und ihre Tochter Emma.

Einmal war Ritter Theobald von einem Zug gegen eine zahlreiche Räuberbande zurückgekommen, die das ganze Land in Schrecken gesetzt hatte. Vergnügt und fröhlich über den glücklich vollbrachten Zug sass er abends bei einem Becher Wein, und erzählte, wie er mehrere Räuber eingefangen und den Gerichten überliefert, die übrigen aber zersprengt habe, so dass nun wieder Ruhe und Sicherheit im Lande sei. Die Erzählung währte etwas lange. Ottilia und Agnes hatten daher ihre zierlichen Spinnrädchen herbeigeholt, spannen sehr emsig und hörten ihm aufmerksam zu. Es wurde ziemlich spät, und das angezündete Licht brannte bereits auf dem Tisch. Da trat eine ansehnliche, schöne Frau in schwarzer Kleidung und mit blassen Wangen in das Zimmer und führte ein kleines Fräulein, das auch schwarz gekleidet war, an der Hand. Der Ritter, Ottilia und Agnes standen auf, die fremde Frau, die sie nicht kannten, zu begrüssen.

Die Frau aber sprach unter vielen Tränen: »Gott grüsse Euch, sehr edler Ritter! Obwohl ich Euch noch nie von Angesicht gesehen habe, so nehme ich dennoch meine Zuflucht zu Euch. Ich bin Rosalinde von Hohenburg, und dieses Kind ist meine Tochter Emma. Ihr wisst nun vielleicht, mit welchem grossen Leid mich Gott heimgesucht hat. Mein seliger Mann, der gute Adalrich, Gott tröste ihn, ist an seinen Wunden gestorben, die er in der grossen Schlacht des vergangenen Jahres erhielt. Oh, wie vieles habe ich an ihm verloren! Es war ein sehr edler Mann, ein guter, liebevoller Gatte, der beste Vater! Doch Ihr habt ihn ja selbst gekannt. Er war übrigens so wohltätig gegen alle Dürftige, dass er uns keine Schätze hinterlassen konnte; er hinterlegte uns dafür einen Schatz im Himmel. Jetzt will man uns aber auch noch dasjenige nehmen, was wir zu unserm Lebensunterhalt notwendig haben. Meine Nachbarn, zwei habsüchtige Ritter, bedrängen mich sehr. Der eine will unter allerlei Vorwänden meine schönen, reichen Kornfelder und Wiesen bis unten an die Mauern des Schlosses an sich reissen. Der andere möchte gern die ansehnlichen Waldungen zur anderen Seite des Schlosses sich zueignen. Beide Ritter sind gegen mich ganz verändert. Die Habsucht, die soviel Böses auf Erden anrichtet, hat sie aus Freunden meines Mannes zu meinen Feinden gemacht. Mein seliger Adalrich sah das wohl voraus. Sterbend nannte er mir noch Euren Namen. Vertrau' auf Gott, sagte er, und auf Ritter Theobald, so wird dir kein Feind auch nur ein Haar krümmen. Erfüllt nun dieses Wort des Sterbenden. Ach, was sollte ich anfangen, wenn ich so um alle meine Güter käme und mir nichts übrig bliebe als die Schlossmauern! Von diesen Steinen könnte ich mit meiner Emma hier nicht leben. Solltet Ihr – was Gott verhüten wolle! – auch einmal das Schicksal meines Mannes haben, und sollten Eure Frau und Euer liebes Kind hier in eine ähnliche Not kommen wie ich, so werden sie dann auch einen Arm finden, der sie rettet.«

Die kleine Emma, die mit Agnes ungefähr von gleichem Alter war, näherte sich nun auch dem Ritter und sagte weinend: »Edler Mann! Seid mein Vater und verstosst mich nicht!«

Ritter Theobald stand ernst da, hielt nach seiner Art mit der Hand das Kinn und blickte schweigend zur Erde. Agnes weinte und sagte: »Lieber Vater, erbarme dich ihrer! Sieh, als mein Täublein von dem Raubvogel verfolgt wurde und seine Zuflucht zu mir nahm, sagte die Mutter: 'Die Unglücklichen, die ihre Zuflucht zu uns nehmen, sollen wir nicht verstossen.' Sie freute sich, dass ich mit dem armen Tierchen Mitleid hatte. Und dieses liebe Fräulein und ihre Mutter verdienen ja doch mehr Mitleid und Erbarmen als eine Taube. Errette sie aus den Klauen dieser bösen Ritter, die den Raubvögeln gleichen.«

Der Ritter antwortete gerührt: »Wohl, liebe Agnes, mit Gottes Beistand werde ich ihnen helfen. Mein Stillschweigen war nicht Hartherzigkeit; ich überlegte nur, wie ich die edle Mutter und das gute Kind retten könne.« Der Ritter holte für die edle Frau einen Sessel, und Agnes rückte einen für Emma herbei. Sie setzten sich. Frau Ottilia aber ging, der wegen unerwarteten Gäste eine etwas reichlichere Abendmahlzeit zu bereiten. Denn damals war es Sitte, dass die Rittersfrauen selbst die Küche besorgten.

Ritter Theobald erkundigte sich nun genau nach den Ursachen, aus denen die zwei Ritter so grosse Forderungen machten, und sagte am Ende: »Nun gut! Soviel ich sehe, habt Ihr vollkommen recht. Morgen mit Anbruch des Tages will ich mich, von einigen Reitern begleitet, aufmachen, um erst den Weg der Güte zu versuchen. Bleibt mit Eurer Tochter hier, bis ich zurückkomme; so könnt Ihr die guten Nachrichten, die ich Euch zu bringen hoffe, gleich selbst mit nach Hause nehmen.« Indessen wurde das Essen fertig. Sie assen zusammen fröhlich zu Nacht, und am folgenden Morgen setzte sich Ritter Theobald zu Pferd und ritt mit seinen Leuten fort.

Agnes hatte eine grosse Freude, dass Fräulein Emma einige Tage dablieb. Sie führte das Fräulein auf ihr Zimmer und in den Garten und zeigte ihr ihren Kleiderkasten, ihre Blumen und ihre Taube. Beide Mädchen wurden bald herzliche Freundinnen; denn auch Emma war ein sehr gutgeartetes, wohlgezogenes Kind.

Nach einigen Tagen kam Ritter Theobald zurück. »Fröhliche Botschaft!« rief er, als er in das Zimmer trat. »Eure Feinde, edle Frau, sind von ihren ungerechten Forderungen abgestanden, und aller Streit hat nun ein Ende. Zwar auf meine Reden hätten sie wenig geachtet, so klar ich ihnen auch ihr Unrecht vor Augen legte. Als ich aber jedem, der Euch das kleinste Leid zufügen würde, Krieg ankündete, da gaben sie sich zur Ruhe. Seid nun getrost und guten Mutes, edle Frau! Kein Fremder wird nun von Euren schönen Feldern ernten oder in Euren Waldungen jagen und Holz fällen.«

Die trauernde Frau war hierüber sehr erfreut. Tränen des Dankes glänzten in ihren Augen. »Gott«, sprach sie, »der treue Beschützer der Witwen und Waisen, der nichts Gutes unbelohnt lässt, wolle es Euch vergelten, was Ihr an mir und meinem Kind getan habt! Er wolle Euch vor Unglück bewahren und Euch aus jeder Not erretten.«

Sie machte nun Anstalt, nach Hohenburg zurückzukehren. Die beiden Fräulein nahmen Abschied und zerflossen in Tränen. Agnes wollte ihrer jungen Freundin ein Andenken geben. Emma hatte öfter den Wunsch geäussert, auch so ein zahmes Täubchen zu haben. Agnes brachte das Täubchen, drückte es an ihre nassen Wangen und gab es, so lieb sie es auch hatte, ihrer Freundin. Emma wollte es nicht annehmen. Es entstand ein freundschaftlicher Streit. Endlich musste Emma nachgeben. Agnes schenkte ihr nun überdies noch den zierlichen Käfig und empfahl ihr das Täubchen so angelegentlich, wie etwa eine Mutter ihr Kind empfiehlt, das sie fremden Händen anvertraut.

Als Emma fort war, wollte es Agnes fast gereuen, ihr liebes Täubchen verschenkt zu haben. »Ich hätte dem Fräulein lieber meine goldenen Ohrringe zum Andenken geben sollen!« sagte sie zu ihrer Mutter. Allein die Mutter sagte: »Das magst du ein andermal tun, wenn Emma uns wieder besucht. Für jetzt konntest du deiner kleinen Freundin nichts Schicklicheres geben. Ein reicheres Geschenk wäre ihr nicht so angenehm gewesen und hätte sie vielleicht nur gedemütigt. Ein Geschenk mit dem, was dir das Liebste war, obwohl es an sich wenig Wert hat, ehrte sie und war ihr ein Beweis deiner Liebe. Lass es dich also nicht reuen. Sieh, dein guter Vater war bereit, sein Leben daranzusetzen, der bedrängten Witwe zu helfen. Und so ist es ja schön, dass auch du deine liebste Freude dahingabst, die betrübte Waise zu erheitern. Wer nicht früh lernt, jedes zeitliche Gut, so lieb es ihm auch sei, für die Menschen zu opfern, wird sie nie wahrhaft lieben. Solche Opfer gehören aber unter die schönsten, die wir Gott darbringen können. Gott wird dir dieses dein Opfer dereinst herrlich belohnen.«

3.

Zwei Pilger.

Frau Rosalinde lebte mit ihrer Tochter Emma wieder ungestört, getrost und zufrieden in den Mauern ihres alten Schlosses, das tief in einem waldigen Gebirge lag. Da kamen eines Abends spät zwei Pilger an das Schlosstor und baten um Nachtherberge. Sie trugen dunkelbraune Pilgerkleider, führten lange Pilgerstäbe in der Hand und hatten nach Pilgerart Muschelschalen an ihren Hüten befestigt. Der Torwärter meldete sie bei Rosalinde an. Die Frau befahl, die zwei Männer in die untere Stube zu führen und ihnen ein Nachtessen und jedem einen Becher Wein zu reichen. Nach Tisch ging sie mit Emma zu ihnen hinab.

Die Pilger erzählten von dem gelobten Land. Alle Leute im Schloss hörten ihnen sehr aufmerksam zu. Fräulein Emma aber hatte über die wunderbaren Erzählungen eine gar ungemeine Freude. Tränen flossen über ihre Wangen, und in ihrem kindlichen Herzen regte sich der fromme Wunsch, das heilige Land auch einmal zu sehen, in dem einst unser Erlöser gewandelt. Sie bedauerte nur, dass dieser Wunsch wohl niemals in Erfüllung gehen werde.

»Liebe Emma«, sprach die Mutter, »wir können uns zu jeder Stunde in das gelobte Land begeben, den Ölberg und das heilige Grab besuchen; wir dürfen nur fleissig in der Geschichte Jesu lesen. Da begleiten wir den göttlichen Erlöser gleichsam auf jedem seiner wohltätigen Tritte, wir hören die Worte seines Mundes, wir sehen ihn leiden, sterben und auferstehen. Wenn wir seine Lehre, sein Beispiel, sein Leiden, seinen Tod und seine Verherrlichung uns recht zu Nutzen machen, so haben wir das gelobte Land in unserem Herzen. Ja, wenn alle Menschen seine Geschichte zu Herzen nähmen und seine Lehre getreulich befolgten, so könnte die ganze Erde ein heiliges Land werden.«

Die Pilger erkundigten sich hierauf nach der umliegenden Gegend, besonders aber nach dem Schloss Falkenburg. Sie lobten den Ritter Theobald über alle Massen. »Wenn seine Burg nicht gar zu weit ausser unserem Weg läge«, sagte der ältere der zwei Pilger, »und wenn ich hoffen könnte, ihn zu Hause zu finden, so liesse ich mich den Umweg nicht verdriessen.« Rosalinde versicherte ihm, dass ihr Weg nahe an Falkenburg vorbeigehe und dass Ritter Theobald, der erst vor ein paar Tagen von einem Ritt heimgekommen sei, ohne Zweifel noch zu Hause sein werde. »Nun, das ist mir sehr lieb«, sagte der Pilger. »Es soll mir eine Herzenslust sein, ihn in seinem Schloss zu treffen. Ich habe gar manches mit ihm abzumachen. Morgen in aller Frühe geht es also nach Falkenburg.«

Mutter und Tochter gaben den Pilgern tausend freundliche Begrüssungen an Ritter Theobald, seine Frau und Tochter auf. Emma drückte jedem ein kleines Silberstück in die Hand, das die Mutter ihr zuvor gegeben hatte, und bat beide noch sehr angelegentlich, der Fräulein Agnes zu sagen, das Täublein befinde sich recht wohl. Da die wohltätige Rittersfrau aus den Gesprächen der Pilger vernommen hatte, dass sie des Weges unkundig seien, so befahl sie noch einem Dienstknaben, der in der Stube war, ihnen morgen früh den Weg durch das Gebirg zu zeigen, und wünschte ihnen hierauf gute Nacht.

Am folgenden Morgen reisten die Pilger ab. Der Knabe ging fröhlich mit und trug ihnen aus Gefälligkeit noch überdies die beiden Pilgertaschen nach. Die Pilger gaben auf den Knaben wenig acht und wanderten schweigend ihren Weg, der bald bergab, bald bergauf führte. Als sie wieder einen steilen Berg erstiegen hatten und der Fusssteig ebener wurde, fingen sie an, miteinander italienisch zu reden. Der Knabe, der sie begleitete, war aus Italien. Man nannte ihn in dem Schloss nur den kleinen Lienhard, obwohl er den Namen Leonardo, wie man ihn in seinem Vaterland hiess, lieber gehört hätte. Ritter Adalrich hatte ihn als einen armen Waisenknaben aus Barmherzigkeit mit nach Deutschland genommen. Obwohl der Knabe vollkommen Deutsch gelernt hatte, so verstand er seine Landessprache doch noch recht gut. Er horchte hoch auf und wollte den Pilgern eben seine Freude bezeigen, seine Muttersprache reden zu hören – als ihr Gespräch ihn mit Schrecken und Entsetzen erfüllte.

Er vernahm aus ihren Reden, dass sie keine wahren Pilger seien, sondern sich nur so verkleidet hatten, dass ihnen diese Gegend gar nicht so fremd sei, als sie vorgegeben; dass sie unter die Räuberbande gehörten, die Ritter Theobald so glücklich bekämpft hatte, und dass sie gegen ihn von Rache glühten; dass sie im Sinne hatten, sich unter dem Schein der Frömmigkeit in seine Burg einzuschleichen und ihn um eine Nachtherberge zu bitten; dass sie dann aber in der Nacht aufstehen, ihn mit Weib und Kind und allen den Seinigen ermorden und das Schloss plündern und in Brand stecken wollten.

Als sie Falkenburg zwischen zwei waldigen Bergen in bläulicher Ferne liegen sahen, sprach der ältere Räuber namens Lupo zu seinem Spiessgesellen Orso: »Das ist also das abscheuliche Drachennest, wo der fürchterliche Mann wohnt, der so viele von unsern Leuten auf das Blutgerüst gebracht hat. Unter den schrecklichsten Martern soll er es mit dem Tod büssen. Wir wollen ihn binden und in den Flammen seiner Burg lebendig verbrennen.«

»Das Unternehmen ist aber doch etwas halsbrechend«, sagte Orso, der jüngere Räuber. »Wenn es fehl schlüge, so ginge es uns sehr übel. Indes sind die Schätze, die der Ritter aufhäufte, des Wagstückes wohl wert.«

»Ihn zu morden«, sprach Lupo voll grimmiger Rachgier, »ist mir eine grössere Lust, als alle seine Reichtümer zu erbeuten, wiewohl ich diese auch nicht verachte. Gelingt uns dieser Streich noch, so sind wir reich genug. Wir geben dann unser Handwerk auf und wählen eine ruhigere Lebensart. Und da kommt mir eben jetzt ein herrlicher Einfall! Wir suchen uns aus den Kleidern des Ritters die prächtigsten aus und ziehen sie an. Du trägst seine goldene Halskette und ich sein Ritterkreuz mit edlen Steinen. Dann entfliehen wir in ein fernes Land, wo man uns nicht kennt, gelten dort für grosse Herren und lassen uns von den gesammelten Schätzen wohl sein.«

»Das wäre alles gut«, sagte Orso; »allein, ich weiss nicht, mir ist bei dem Handel doch bange.«

»Was bange!« sagte Lupo. »Ist nicht alles gut ausgekundschaftet und verabredet? Haben wir in der Gegend nicht Helfershelfer genug? Sobald wir, unserer Abrede gemäss, an dem Fenster der Pilgerstube die drei Lichter anzünden, so kommen uns sieben tapfere, rüstige Kerle zu Hilfe, die schon lange jede Nacht auf dieses Zeichen passen. Diese lassen wir dann durch das kleine Gartenpförtchen, das von innen leicht zu öffnen ist, in den Schlosshof. Einer darunter, der ehemals dort als Reitersknecht gedient hat, aber fortgejagt worden, kennt alle Gänge, Zimmer und Gewölbe des Schlosses so gut, als sein eigenes Haus. Und unserer neun werden dann wohl mit etlichen schlafenden Menschen fertig werden. Nur guten Muts! Es gelingt gewiss.«

Dem guten Leonardo schauderte es über diese gräulichen Anschläge. Er liess sich indessen nichts merken, dass er ihre Sprache verstehe. Er ging hinter ihnen her, pflückte Blumen und Kräuter ab und pfiff auf einem Blatt ein Liedchen. In seinem Herzen flehte er aber inbrünstig zu Gott, er wolle die Anschläge der Bösewichter zunichte machen. Auch nahm er sich vor, sie bis Falkenburg zu begleiten und dem Ritter Theobald alles zu entdecken.

Indem die Räuber noch allerlei verabredeten, ihren Anschlag ins Werk zu setzen, trat der ältere auf dem schmalen Fusssteig fehl und wäre beinahe in eine Felsenkluft hinabgestürzt. Er blieb jedoch im Fallen an einem Dornbusch hängen. Die Dornen rissen ihm das Pilgergewand auf, und Leonardo sah, dass er unter dem langen schwarzbraunen Kleid ein scharlachrotes Wams und einen blanken eisernen Brustharnisch trug. Auch entfiel ihm ein scharfgeschliffener Dolch. Allein der Knabe tat, als hätte er nichts davon gesehen. Der alte Bösewicht steckte den Dolch eilends wieder zu sich, knöpfte das Gewand wieder zu und blickte den bangen Knaben öfters seitwärts an – mit Augen so scharf wie Adlersaugen.

Jetzt kamen sie an einen fürchterlichen Abgrund, in dessen Tiefe ein Gebirgsstrom brauste, der von langem Regen mächtig angeschwollen war. Zwei buschige Felsen hingen zu beiden Seiten über den Strom herein, und ein langer, schmaler Tannenbaum, der nur auf der obern Seite etwas behauen war, lag darüber hin und diente zum Steg. Der alte Räuber sagte auf Italienisch zu seinem Gefährten: »Es könnte doch sein, dass der Bube gemerkt hätte, ich sei bewaffnet, und da könnte er leicht Verdacht geschöpft haben. Ich will ihm, wenn er über den Steg geht, einen Stoss geben, dass er in den Abgrund hinunter stürze. Dann sind wir ganz sicher.«

Dem armen Leonardo lief es eiskalt über den Rücken. Er blieb mehrere Schritte von dem gefährlichen Steg stehen und sagte: »Da getraue ich mich nicht hinüber; mich kommt jetzt schon ein Schwindel an.«

Der alte Räuber sagte aber: »Fürchte dich nicht, Knabe! Komm nur einmal her; ich trage dich hinüber.« Der alte Bösewicht ging mit ausgestreckten Armen auf Leonardo zu, ihn zu ergreifen. Allein Leonardo wich schreiend und jammernd zurück und war schon gefasst, sobald der Räuber ihm zu nahe käme, in das Gebüsch zu entspringen. »Ach«, rief der zitternde Knabe, »lasst mich doch gehen! Wir könnten ja beide hinunterstürzen. Und wenn ich auch glücklich hinüberkäme, wie komme ich dann wieder herüber? Lasst mich nach Hause. Ihr braucht jetzt keinen Wegweiser mehr. Da ihr den Steg erreicht habt und es nicht mehr gar weit nach Falkenburg ist, so könnt ihr nicht mehr fehlen.«

Der jüngere Räuber schrieb die Angst des Knaben einzig dem schauerlichen Steg zu, vor dem ihm selbst graute, und sagte Italienisch: »Ich will mich hinunterstürzen lassen, wenn der einfältige Bube etwas gemerkt hat; und hätte er auch deinen Harnisch und Dolch gesehen – was ist's denn? Unsere Sprache versteht er doch nicht und weiss also nicht, was wir vorhaben. Auch würde man auf sein kindisches Geschwätz wenig achten oder doch wenig daraus machen. Lass den armen Tropf laufen!«

»Nun, meinethalben!« sagte der ältere. »Zu grösserer Sicherheit wollen wir aber den Steg abwerfen. Dann dürfte der Bube alles wissen; er könnte unser Unternehmen doch nicht mehr hindern. Dort liegt Falkenburg. Viele Stunden den Strom hinauf und hinab ist keine Brücke. Es ist unmöglich, eine Nachricht herüberzubringen, bevor wir unser Werk ausgeführt haben.«

Die beiden Räuber nahmen ihre Pilgertaschen um, liessen den Knaben stehen und gingen, ohne ihm für die Begleitung zu danken, über den Steg. Als sie hinüber waren, schrie Lupo deutlich herüber: »Knabe, du hast recht; das ist ein böser Steg! Er ist von Alter morsch und halb verfault. Da könnte man leicht sein Leben einbüssen. Damit kein Unglück geschehe, wollen wir ihn wegschaffen. Die Leute werden dann schon einen bessern herbeischaffen.«

Die Räuber machten den schmalen Balken los; er stürzte mit grossem Gepolter in den Abgrund, und der schäumende Fluss riss ihn wütend mit fort. Sobald die verkappten Pilger hinter einem Felsen, um den sich der Weg krümmte, verschwunden waren, fing Leonardo an zu laufen, was er vermochte, um die schreckliche Nachricht seiner gnädigen Frau zu überbringen. Denn er wusste sonst weit und breit keinen Menschen, der vielleicht die drohende Gefahr abwenden könnte.

4.

Schrecken und Angst, Furcht und Hoffnung.

Frau Rosalinde dachte in ihrem Schloss Hohenburg an nichts weniger als an das grosse Unglück, das ihrem Beschützer, dem edlen Theobald, drohte. Fräulein Emma redete nur immer von den schönen Erzählungen der Pilger und tat an ihre Mutter eine Menge Fragen über das gelobte Land. Beide besorgten den Tag hindurch ruhig ihre Geschäfte. Gegen Abend, da die Sonne nicht mehr so heiss schien und eine liebliche, kühle Luft wehte, gingen sie von dem Schlossberg hinab in das Tal, um ihre Äcker zu besehen. Alle Feldfrüchte standen herrlich. Einige Äcker prangten bereits mit gelben Ähren und versprachen eine reichliche Ernte; andere, mit Spätflachs bebaut, waren von der leiblichen Flachsblüte unvergleichlich schön blau. Mutter und Tochter hatten, da ihnen die Güter gleichsam wieder neu geschenkt waren, eine doppelte Freude daran, und dankten Gott noch einmal so herzlich für seinen reichen Segen.

Da kam Leonardo, der Knabe, der die Pilger begleitet hatte, mit Schweiss bedeckt und fast ausser Atem dahergesprungen. »Oh gnädige Frau«, rief er und schlug die Hände zusammen, »was ist doch das Schreckliches! Die zwei Männer sind keine Pilger, sondern Räuber und Mörder. Sie wollen den Ritter Theobald mit allen den Seinigen ermorden und sein Schloss plündern und verbrennen.« Der Knabe war so entkräftet, dass er nicht weiterreden konnte. Er sank unter einen Birnbaum hin, der am Weg stand, holte sehr heftig Atem, wurde fast ohnmächtig und brauchte lange, bis er wieder reden konnte.

Rosalinde und Emma waren über diese Nachricht fast ausser sich. »Oh Gott im Himmel«, rief die Mutter, »was für ein entsetzlicher Anschlag ist dieses! Ach, der gute edle Mann und die vortreffliche Frau!«

»Und die gute Agnes!« rief die zitternde, totenbleiche Emma. »Ach, wenn sie und ihre Eltern ermordet werden, so sterbe ich vor Jammer!«

»Oh Emma«, sprach die Mutter, »ach, eile doch voraus auf das Schloss! Ich werde mit dem ermatteten Knaben hier so schnell nachkommen, als es möglich ist. Lauf aus allen Kräften, und ruf unsere Leute zusammen! Sie sollen aufsitzen und nach Falkenburg eilen, um die guten Menschen zu warnen. Sie sollen reiten, so schnell sie können, und sollten auch die Pferde darüber zugrunde gehen.«

Emma eilte, so leicht und flüchtig wie eine Gemse, den steilen Berg hinauf und erreichte das Burgtor. Auf ihren Schreckensruf liefen alle Leute im Schloss erschrocken im Schlosshof zusammen. Emma erzählte kurz, dass Falkenburg in Gefahr stehe, durch Feuer und Schwert verzehrt zu werden. Die Umstehenden entsetzten sich, schmähten über die Pilger und jammerten, als stände ihr eigenes Schloss in Flammen.

Über eine Weile kam Rosalinde nach, und trat mit Leonardo, den sie unterwegs über die näheren Umstände befragt hatte, in den Schlosshof. »Was steht ihr müssig und jammert?« rief sie. »Sitzt doch auf – eilt – rettet!«

»Das ist unmöglich, gnädige Frau!« sagte der alte, eisgraue Stallmeister des seligen Ritters. »Die zwei Schurken haben einen zu grosen Vorsprung. Sie können bereits das Schloss Falkenburg erreicht haben. Bedenkt doch, wir haben auf dem Fuhrweg bei fünfzehn Stunden dahin, und es ist bereits Abend. Wie könnte man den weiten, von langem Regen verdorbenen Weg bei dunkler Nacht so schnell zurücklegen? Auf dem besten Pferd getraute ich mir kaum, vor Anbruch des Tages nach Falkenburg zu kommen. Unsere alten Ackergäule aber taugen gar nicht zum Reiten, und unsere Kriegsrosse sind ja seit dem Tod des seligen Ritters verkauft. In der ganzen Gegend weit und breit ist kein Ross aufzutreiben, das den Ritt nur zur Hälfte aushielte.«

Die edle Frau stand da und rang die Hände. Sie blickte schmerzlich zum Himmel, und Tränen flossen über ihre Wangen. »So ist denn keine Hilfe – als bei dir, oh Gott!« rief sie mit aufgehobenen Händen. »Erbarme denn du dich der edlen Menschen, die sich meiner so liebreich erbarmt haben! – Oh Emma – bete – bete doch, dass Gott das Vorhaben dieser Bösewichte vereitle.«

Emma faltete die Hände und betete mit Augen voll Tränen: »Lieber Gott! Hilf ihnen doch, wie sie uns auch geholfen haben.« Alle Leute im Schlosshof falteten die Hände und stimmten in ihr Gebet mit ein.

»Oh ihr lieben Leute«, fing die Mutter wieder an, »so schwer, ja beinahe unmöglich es sein mag, vor Mitternacht Falkenburg zu erreichen, so versucht es dennoch! Einige Worte können aller Leben retten. An einigen Augenblicken ist alles gehangen! Ach, wenn nur Leonardo nicht so ermüdet und von schnellem Laufen fast krank wäre! Er würde so schnell hineilen, als gälte es den Preis bei einem Wettrennen. – Aber du, Martin«, sagte sie zu einem jungen Knecht, »du hast auch schnelle Füsse. Mach du dich auf den Weg. Der Fussweg ist ja wohl um ein Drittteil näher. Ich schenke dir hundert Goldgulden, wenn du noch zu rechter Zeit zu Falkenburg anlangst.«

»Es ist nicht möglich«, sagte der Knecht. »Wer wollte in der finstern Nacht die schmalen Fusssteige durch das Gebirge finden, ohne zehnmal in Abgründe zu stürzen?«

»Zudem«, sprach Leonardo, »ist der einzige Steg über den Strom abgeworfen. Man müsste Flügel haben, um hinüberzukommen.«

»Flügel!« rief Emma, und ihre Augen glänzten vor Freude. »Jetzt fällt mir ein, wie wir eine Botschaft nach Falkenburg schicken können. Ritter Theobald sagte mir, ich müsse mein Täublein anfangs wohl einschliessen, sonst würde es sogleich zurückfliegen. So weit es auch sei, sagte er, es finde den Weg sicher. Wir wollen daher der Taube ein kleines Briefchen anhängen, so bringt sie es gewiss nach Falkenburg.«

»Oh Gott, dir sei Dank!« rief die Mutter. »Ich denke, du hast unser Flehen erhört. Emma, diesen Gedanken gab dir dein guter Engel ein.«

Emma sprang sogleich, ihr Täubchen zu holen. Die Mutter eilte auf ihr Zimmer und schrieb die Nachricht auf ein kleines Blättchen. Sie rollte das Blättchen fest zusammen und befestigte es an dem roten Halsbändchen, mit dem Emma die Taube geziert hatte. Emma, von ihrer Mutter, dem alten Stallmeister und allen Knechten und Mägden begleitet, trug hierauf die Taube ins Freie hinaus vor das Schloss und liess sie fliegen. Die Taube flog hoch empor in die blaue Luft – schwebte eine Zeit hin und her – und nahm dann plötzlich mit eilenden Flügeln ihren Flug Falkenburg zu. Alle Einwohner des Schlosses Hohenburg waren hocherfreut und priesen den glücklichen Einfall des Fräuleins. Alle sendeten der Taube tausend gute Wünsche und herzliche Gebete nach. Kein Schiff mit Gold beladen war je unter so heissen Segenswünschen abgesegelt.

Frau Rosalinde und Fräulein Emma waren indes doch voll ängstlicher Sorge. »Wird die Taube wohl auch an Ort und Stelle kommen?« sagte die Mutter. »Wenn sie einem Raubvogel in die Klauen fiele – wenn sie den weiten Flug nicht aushielte und sich verspätete – wenn sie zu Falkenburg nicht bemerkt und nicht eingelassen würde – ach, welch ein entsetzliches Unglück entstände daraus!« Mutter und Tochter setzten sich an das Fenster, das gegen Falkenburg sah. Sie schauten mit sehnlichen Blicken, unter stetem Herzensgebet, in die Gegend. Die Abenddämmerung brach ein. Es war ihnen unbeschreiblich bange. Sie getrauten es sich kaum zu denken – ein Feuerzeichen am Himmel müsse es ihnen verkünden, wenn die Taube mit dem Briefchen nicht richtig eingetroffen wäre. Sie wichen nicht von dem Fenster, und kein Schlaf kam in ihre Augen.

Mitternacht war schon vorbei; ein fürchterlicher Sturmwind brauste durch den Wald; die Gegend von Falkenburg lag in tiefem Dunkel. Jetzt wurde es aber zu ihrem Entsetzen dorthin helle. Sie zitterten beide und beteten. »Ach Gott«, rief Emma, »jetzt schlägt die Flamme empor – immer höher und höher! Ach sieh, wie der Sturmwind sie seitwärts beugt!« Mutter und Tochter fielen beinahe in Ohnmacht. Allein zu ihrer grossen Freude wurden sie bald ihres Irrtums gewahr. Die vermeinte Flamme war die gebogene Spitze des Mondes im letzten Viertel, der in der dunstigen Luft mit feuerfarbenem Glanz aufging und bald, einer Sichel ähnlich, über den fernen Bergen schwebte. Sie blieben am Fenster; sie bemerkten aber durchaus nichts von jener furchtbaren Röte, die bei einer fernen Feuersbrunst am nächtlichen Himmel erscheint. Endlich brach der Tag an – und mit Freuden und herzlichem Dank gegen Gott begrüssten sie nach überstandener Schreckensnacht das freundliche Morgenrot.

5.

Die Errettung.

Rosalinde und Emma wussten nun wohl, dass es den Bösewichtern nicht gelungen sei, Falkenburg in Asche zu legen. Allein sie waren noch immer höchst bekümmert, ob dem edlen Ritter und seinen lieben Angehörigen nichts am Leben geschehen sei. »Ach, was gäbe ich um eine gute Nachricht von Falkenburg!« sagte Rosalinde öfter. »All mein Schmuck wäre mir nicht zuviel.« – »Und ich«, sagte Emma, »wollte all mein Schatzgeld mit Freuden dazulegen.« Indes war das, was in der verflossenen Nacht zu Falkenburg vorgegangen war, für sie jetzt noch ein Geheimnis, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als geduldig auf weitere Nachrichten zu warten. Die Sache war aber so gegangen:

Ritter Theobald, Frau Ottilia und Fräulein Agnes hatten sich am vorigen Abend vergnügt und ohne Sorge zu Tisch gesetzt. Die Sonne neigte sich bereits zum Untergang. Ihre feurigen Strahlen schienen durch die runden Fensterscheiben und erleuchteten den altertümlichen Speisesaal. Da meldete ein Kriegsknecht die zwei Pilger. Der Ritter befahl, sie gut zu bewirten. »Nach Tisch«, sagte er, »will ich sie sprechen. Da sollen sie heraufkommen und uns von ihrer Pilgerfahrt erzählen. Gebt ihnen indessen zu essen und einen Krug Wein, damit sie gesprächig werden.« Der Knecht ging, und Agnes freute sich schon zum voraus auf die schönen Erzählungen. Ach, keines ahnte, welch ein schreckliches Unglück ihnen drohe!

Wie sie nun so fröhlich und traulich beisammen sassen und redeten, rief Agnes auf einmal verwundert: »Je, mein Täublein!« Wirklich war es mit ausgespannten Flügeln vor dem Fenster und pickte an die Scheiben, als bäte es, dass man es hereinlassen möchte. Agnes öffnete das Fenster, und sogleich flog das Täubchen ihr auf die Schulter und liebkoste sie. »Sieh doch, was für ein nettes rotes Halsbändchen es hat«, sagte die Mutter; »und da hängt ja gar ein zusammengerolltes Papier daran! Ich glaube gar, ein Briefchen. Was die Kinder doch für seltsame Einfälle haben!«

Der Ritter besah das Papier näher und las die Worte darauf: »Augenblicklich zu lesen.« – »Nun«, sagte er lächelnd, »das wird grosse Eile haben!« Er rollte das Blatt auf, sah hinein – und entfärbte sich. »Gott im Himmel«, rief er, »was ist das?« – »Was ist's denn?« riefen Mutter und Tochter erschrocken. Der Ritter las laut: »Sehr edler Herr! Die zwei Pilger, die heute abend zu Euch kommen, sind zwei Räuber von der grossen Bande, die Ihr besiegt habt. Der ältere heisst Lupo, der andere Orso. Sie tragen Harnische und scharfe Dolche unter ihren Pilgerkleidern. Diese Nacht wollen sie Euch, Eure Frau und Fräulein Agnes und alle Eure Leute ermorden, Euer Schloss plündern und in Brand stecken. Mit Eurer Ritterkleidung, der goldenen Kette und dem Kreuze von Edelsteinen geschmückt, wollen sie dann noch mehrere Menschen betrügen. Noch sieben Bösewichter in der Gegend warten nur auf das verabredete Zeichen – drei Lichter unter dem Fenster der Pilgerstube –, um heimlich in das Schloss zu kommen und ihnen zu helfen. Die zwei Räuber wollen ihnen das kleine Gartenpförtchen heimlich öffnen und sie hereinlassen. Gott gebe, dass die Taube glücklich ankomme und dass Ihr alle gerettet werdet! Euch auf einem anderen Weg eine Nachricht zu senden, war unmöglich. Lasst doch augenblicklich durch einen reitenden Boten Eure Rettung melden – Eurer dankbaren Rosalinde.«

»Oh Gott«, rief die Mutter gerührt, »wie wunderbar bist du! Die Taube ist ein Bote des Himmels, wie einst die Taube des Noah, die den Ölzweig in die Arche brachte. Oh Agnes, lass uns Gott auf den Knien danken, wie jene frommen Menschen in der Arche! Er rettet uns ebenso wunderbar!«

Auch der Ritter liess sich auf ein Knie nieder und rief, mit gefalteten Händen zum Himmel blickend: »Oh Gott, dir sei Dank!« Er hiess dann seine Gemahlin und seine Tochter in ein anderes Zimmer gehen, warf sich in seinen Harnisch, gürtete sein Ritterschwert an und befahl einigen seiner stärksten Reitersknechte, bei der Hand zu sein.

Hierauf liess er den zwei Pilgern wissen, sie möchten heraufkommen. Mit gar demütigen Mienen und vielen Verbeugungen traten sie in das Zimmer, und Lupo, der das Wort führte, fing mit süsser, lächelnder Miene und ganz ausnehmender Höflichkeit an: »Edelgestrenger Herr und Ritter! Wir kommen eben geraden Weges von Hohenburg und sind die Überbringer von tausend und abermals tausend freundlichen Begrüssungen. Oh wie glücklich schätzen wir uns, den Mann von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen, dessen Heldenruhm die Welt erfüllt, den alle Bedrängten, alle Witwen und Waisen anbeten und den die fromme Rosalinde, als ihren glorreichen Beschützer, nicht genug loben und preisen konnte! Ach, was das für eine gottselige Frau ist! Sie überhäufte uns Mindeste mit unverdienten Ehren. Und was ihr zartes Töchterlein Emma für ein holdseliges Fräulein ist! Der kleine Engel zerfloss ganz in Tränen, als wir von unserer andächtigen Pilgerfahrt erzählten. Doch – wir haben Euch und den hoch- und liebwertesten Eurigen noch stundenlang von Hohenburg zu erzählen. Für jetzt entledigen wir uns nur noch des Auftrags, Euch zu melden, dass Mutter und Tochter und besonders das artige, allerliebste Täublein sich dermalen noch alle drei im höchsten Wohlsein befinden.«

Ritter Theobald war durch diese übertriebenen Schmeicheleien, die ihm in der Seele zuwider waren, noch mehr aufgebracht. Indes hielt er sich noch zurück und fragte sehr ernst, aber ganz ruhig: »Wer seid ihr?« – »Arme Pilgersleute!« antworteten sie. »Wir kommen aus dem gelobten Land und ziehen unserer Heimat zu, nach Thüringen, wo wir geboren sind.« – »Wie heisst ihr?« fragte der Ritter weiter. »Ich heisse Hermann«, sagte Lupo, »und mein junger Vetter da heisst Burkhard.« – »Was wollt ihr auf diesem Schloss?« fuhr der Ritter fort. »Nichts als eine Nachtherberge«, sagten sie, sich verneigend; »morgen mit dem Hahnruf ziehen wir weiter. Oh wie werden sich die Unsrigen freuen, uns wiederzusehen.«

»Ihr lügt!« rief jetzt der Ritter mit donnernder Stimme und riss sein Schwert aus der Scheide. »Ihr heisst nicht Hermann und Burkhard, sondern du, alter Schurke, heisst Lupo, und du, junger Bösewicht, Orso. Ihr kommt nicht aus dem gelobten Land und seid keine Pilger, sondern Räuber, Meuchelmörder und Mordbrenner. Thüringen ist nicht eure Heimat; ihr seid keine Deutschen. Nicht eine Nachtherberge zu suchen, sondern zu morden und zu rauben, zu sengen und zu brennen seid ihr hierhergekommen. Der Lohn, den eure Taten verdienen, soll euch werden. Durch Schwert und Feuer sollt ihr hingerichtet werden. – Was? Ihr solltet Ritterkleidung, Kreuz und Kette von mir tragen? Auf, ihr Knechte, reisst ihnen ihre betrügerische Kleidung ab, damit sie in ihrer wahren Tracht dastehen. Entwaffnet sie, legt sie in Ketten, und werft sie zuunterst in den Turm.«

Die Knechte packten sie und rissen ihnen die Pilgerkleidung ab. Da standen sie nun geharnischt. »Oh der abscheulichen Heuchelei«, sprach der Ritter, »unter dem Schein der Frömmigkeit fromme Gemüter so zu betrügen! Dieser Frevel allein verdiente schon den Tod.« Sie wurden beide kreuzweis gefesselt und in den Turm geworfen.

Wie sie beide unten im Turm lagen, da sagte der Jüngere: »Mich wundert nur, wie der Ritter alles so haarklein wissen kann. Er weiss ja sogar das, was wir erst unterwegs miteinander verabredeten, dass wir seine Kleidung tragen und uns künftig für Ritter ausgeben wollten. Sollte der Knabe, der uns begleitete, unsere Sprache dennoch verstanden und uns verraten haben?«

»Da müsste er oben bei den Fenstern des Schlosses hereingeflogen sein«, sagte der Alte. »Ich gab genau acht und liess die Schlosspforte nicht aus dem Auge. Kein Mensch kam über die Zugbrücke, seit wir hereingekommen. Das geht einmal nicht mit rechten Dingen her! Der Ritter hat einen Bund mit der Hölle.«

Der alte Bösewicht geriet so in Wut, dass er die schrecklichsten Flüche über den Ritter ausstiess. »Dieser grausame Theobald«, sagte er unter anderm mit schäumendem Mund, »hat allein die Schuld an unserem ganzen Unglück.« Der verstockte Lupo wollte es nicht einsehen, er selbst habe sich durch seine Übeltaten unglücklich gemacht.

Orso, der jüngere Räuber, fing aber an zu weinen und zu jammern und dem alten Vorwürfe zu machen. »Oh dass ich deinen falschen Vorstellungen nicht geglaubt hätte!« sagte er. »Du versprachst mir ein lustiges Leben in Ehre und Überfluss, und jetzt wartet meiner nichts als der schmählichste Tod. Du wolltest es mir immer ausreden, dass unsere Taten böse seien, dass Gott das Böse in jener und oft auch schon in dieser Welt fürchterlich strafe. Allein die Stimme des Gewissens in meinem Innersten sprach immer ganz anders und kündete mir die bevorstehende Strafe an. Oh dass ich dieser Stimme geglaubt hätte! Was helfen mir jetzt alle bereits geraubten Schätze? Hätte ich mich von der härtesten Arbeit, von Holzspalten, Lasttragen oder Karrenschieben, redlich und ehrlich genährt und dabei ein gutes Gewissen bewahrt, wie glücklich wäre ich im Vergleich mit meinem jetzigen Zustand! Aber nun hat die Hand des höchsten Richters, der die geheimsten Missetaten sieht und straft, mich ergriffen und in dies schauerliche Gefängnis heruntergestürzt. In dieser Welt ist's mit mir vorbei. Oh dass mich Gott doch in jener Welt noch Gnade finden lasse! Dass ich doch wenigstens andern jungen Leuten zum warnenden Beispiel dienen möge – damit sie nicht auch von der Begierde nach Reichtum und Wohlleben sich zu Sünde und Laster verführen lassen und sich nicht auch in einen solchen Abgrund von Elend stürzen wie ich!«

Die Kriegsknechte im Schloss hatten indes auf Befehl des Ritters noch ein anderes Geschäft zu besorgen. Sie stellten, sobald es dunkel geworden und die Sterne am nächtlichen Himmel glänzten, drei brennende Kerzen unter das Fenster der Stube, die gewöhnlich den Pilgern und andern ehrbaren Wanderern zum Übernachten angewiesen wurde. Hierauf begab der Torwärter, auf dessen Klugheit der Ritter rechnen konnte, sich mit sieben Kriegsknechten in den Schlosshof und lauerte an dem kleinen Pförtchen der Mauer auf die Räuber. Er wartete lange vergebens. Die Mitternachtsstunde war vorüber. Der Mond ging auf und erhellte bereits die Zinne des alten Schlossturms. Die Knechte waren darüber voll Verdruss. »Jetzt ist all unsere Mühe umsonst«, sagten sie; »die Schurken werden, sobald sie anstatt der verkappten Pilger einen von uns erblicken, eilig im Dunkel der Nacht entfliehen.«

»Mir fällt ein Mittel ein«, sprach der Torwärter, »sie sicher hereinzulocken.« Er ging eilig, kam aber sogleich wieder zurück. Er hatte eines der Pilgerkleider angezogen und einen Muschelhut aufgesetzt. »So«, sprach er, »werden sie mich nicht erkennen; ihr aber stellt euch dort hinter den Pfeiler der Mauer, damit sie euch nicht sogleich sehen.« Sie warteten auf's Neue mit Ungeduld.

Endlich klopfte man leise aussen an dem Türlein. Der Torwärter machte leise auf. Ein Räuber stand unter dem Pförtchen, sah ihn in der Verkleidung für seinen Spiessgesellen an und sprach mit heimlicher Stimme: »Kommen wir recht?« – »Gerade recht!« sagte der Torwärter ebenso heimlich. »Seid nur still, und kommt alle herein!«

Alle sieben schlichen, einer nach dem andern, auf den Zehen herein. Sie trugen Schwefel- und Pechkränze bei sich, und jeder hatte ein Schwert umgegürtet. Als der Letzte herein war, schloss der Torwärter das Türchen, steckte den Schlüssel zu sich und schrie laut: »Jetzt gilt's!«

Plötzlich sprangen die Knechte herbei, fielen über die Räuber her, und jeder packte seinen Mann. Im nämlichen Augenblick öffnete sich die Schlosspforte, und der Ritter kam, in voller Rüstung und von mehreren Knechten mit brennenden Fackeln und blitzenden Schwertern begleitet, in den Schlosshof. Die dämmernde Mondnacht glich auf einmal dem hellen Tag. Die Räuber waren vor Schrecken fast des Todes. Sie hatten nicht einmal Zeit gefunden, das Schwert zu ziehen. Mit leichter Mühe wurden sie überwältigt, in Ketten gelegt und in das Gefängnis geworfen, um den Lohn ihrer Missetaten zu empfangen.

»So«, sagte der Ritter, »geht es jedem, der Böses tut, und wer immer seinem Nächsten eine Grube gräbt, der stürzt am Ende selbst hinein.«

6.

Der Ölzweig.

Zu Hohenburg warteten Frau Rosalinde und Fräulein Emma noch immer sehnlich und nicht ohne bange Besorgnis auf einen Boten von Falkenburg. Emma lief in einer Stunde wohl zehnmal die steinernen Staffeln der Wendelstiege hinauf, zu dem Turmwächter, um selbst zu sehen, ob der Bote denn noch nicht komme, und sah sich fast die Augen aus. Als Mittag vorüber war und sich noch kein Reitender blicken liess, empfanden Mutter und Tochter auf's neue eine grosse Herzensangst, und jede Stunde kam ihnen so lange vor, dass sie das Ende derselben kaum zu erleben glaubten. Endlich gegen Abend, da Emma wieder droben zum schmalen Fensterlein des Turmes hinausschaute, kam auf dem kleinen Strässchen, das zum Schloss führte, ein Wagen, von mehreren Reitern begleitet, aus dem Wald hervor. Emma flog die Wendeltreppe herab und rief ihrer Mutter voll Entzücken zu: »Sie kommen selbst! Sie sind's gewiss!« Mutter und Tochter eilten sogleich den Schlossberg hinab und gingen ihnen eine Strecke Weges entgegen.

Ritter Theobald, seine Gemahlin und Tochter hatten sich schon lange vor Anbruch des Tages auf die Reise gemacht, die Freudennachricht von ihrer glücklichen Errettung selbst zu überbringen und mündlich zu danken. Ritter Theobald sprang, sobald er Rosalinde und Emma erblickte, vom Pferd, und Frau Ottilia und Agnes stiegen aus dem Wagen, grüssten sie auf das freundlichste und dankten ihnen für die so sinnreich mitgeteilte Nachricht mit einer Herzlichkeit, die nicht auszusprechen ist. Alle waren hocherfreut und gingen unter wechselweisen Erkundigungen und Erzählungen den Schlossberg miteinander zu Fuss hinauf.

Der Abend ihres glücklichen Wiedersehens nach einer so grossen Gefahr wurde mit einer Freudenmahlzeit gefeiert. Alle waren höchst vergnügt und sprachen beständig von dieser Geschichte. Auch Leonardo, der bei Tisch aufwartete, musste jedes Wort erzählen, das die Räuber miteinander gesprochen hatten. Er tat es sehr gern. Besonders ausführlich erzählte er, wie der jüngere Räuber dort an jenem Abgrund für ihn gebeten habe, ihn nicht hinabzuwerfen. »Deshalb«, sagte Leonardo, »möchte ich für den unglücklichen Menschen jetzt auch fürbitten. Da er doch mildere Gesinnungen zeigte, so dürfte er doch auch mit einer milderen Strafe davonkommen.« Alle gaben hierin dem guten Knaben recht.

Am Ende der Mahlzeit ergriff Ritter Theobald den silbernen Becher und rief: »Es lebe Fräulein Emma! Ihrem glücklichen Einfall, das Täublein zum Briefboten zu machen, haben wir Falkenburger es zu danken, dass wir nicht unter dem Schutt der abgebrannten Burg begraben liegen.«

»Oh nein«, sagte die bescheidene Emma errötend, »die Freundlichkeit, mit der Agnes sich des armen Täubleins erbarmte, und die Güte, mit der sie es dann mir schenkte, waren die ersten Ursachen dieser glücklichen Begebenheit. Ihr gebührt die Ehre.«

»Gottlob«, sprach Rosalinde, »dass wir Eltern mit euch beiden Kindern zufrieden sein dürfen. Indes werdet nur nicht stolz darauf, ihr Mädchen! Denn seht, der arme Waisenknabe Leonardo hier, der voll dankbarer Liebe zu unsern Wohltätern sich ausser Atem und fast zu Tode gelaufen, hat ohne Vergleich mehr getan als ihr.«

»Wahrhaftig«, sprach Ritter Theobald, »Ihr habt recht!« Er füllte seinen silbernen Becher mit Wein, trank erst ein wenig, reichte ihn dann dem Knaben und sagte: »Da, trink einmal auf unser Wohl! Du musst mir einst ein Edelknappe werden; denn dein treues Herz adelt dich und gibt dir den gültigsten Anspruch darauf.«

Ottilia sprach: »Auch dem guten, menschenfreundlichen Adalrich, Rosalindens seligem Eheherrn, gebührt noch ein dankbares Andenken! Denn hätte er den armen Knaben nicht voll Erbarmens mit sich auf sein Schloss genommen – wie stände es jetzt mit uns?«

»Es ist wahr«, sagte Rosalinde, Emmas Mutter, »die Wohltat, die mein seliger Adalrich dem armen Waisenknaben erwies, ward uns durch Eure Rettung, die uns so herzlich freut, als wäre sie uns selbst widerfahren, hundertfältig vergolten. Allein – hat Ritter Theobald weniger edel an mir und meiner Emma hier, die auch eine vaterlose Waise ist, gehandelt? Seine Huld, mit der er uns aufnahm und uns gegen unsere Feinde schützte, konnte nicht unbelohnt bleiben. Ihn, der uns gerettet, rettete Gott wieder. Ebenso hat er, der treue Vergelter alles Guten, der gütigen Ottilia und der freundlichen Agnes ihre Liebe gegen uns vergolten. Ihm sei Lob und Dank!«

»Ja«, beschloss der Ritter, »Gott gebührt – wie allemal, so auch hier – der erste Dank! Er hat gnädig auf uns herabgesehen und hat durch ein schuldloses Täublein grosse und mächtige Dinge an uns getan. Ihm sei unendlicher Dank! Indes wollen wir auch gegen edle Menschen nicht undankbar sein! Was mein Schwert nicht vermocht hätte, meine feste Burg gegen List und Trug vor dem Untergang zu schützen – das führte Fräulein Emma mit Hilfe eines Täubleins aus. Auch Frauen, ja Kinder vermögen viel Gutes zu stiften, wenn sie eines guten Willens sind und von ganzem Herzen auf den Herrn vertrauen, wie Rosalinde und Emma. Und da Fräulein Emma einst Besitzerin dieses Schlosses wird und in ihrem kindlichen Alter ohne Schwert dem Reich eine Grenzfeste erhalten hat, so werde ich darauf antragen, dass ihr der Kaiser gestatte, eine weisse Taube mit einem grünen Ölzweig in ihrem Wappen zu führen.«

Ottilia sagte zu Ritter Theobald, ihrem Gemahl: »Das hast du sehr gut ausgedacht und musst es zustande bringen. Indessen möchte auch ich der lieben Emma eine kleine Freude machen.« Sie winkte ihrer Tochter, Agnes ging hinaus – und über eine kleine Weile flog das Täubchen herein. Agnes hatte es in einem Körblein mitgebracht, allein ihrer kleinen Freundin bis jetzt nichts davon gesagt. Das Täubchen flog sogleich auf Emma zu und setzte sich auf ihre ausgestreckte Hand. Zu Emmas freudigem Erstaunen hatte es einen goldenen Ölzweig mit goldenen Blättchen im Schnabel. Ottilia aber sagte: »Der goldene Ölzweig, das schöne Sinnbild der Rettung aus Gefahren, sei Euch, liebe Emma, ein kleines Zeichen unserer Dankbarkeit. Meine selige Mutter hat ihn mir, da es eben Krieg und eine harte, bedrängte Zeit war, zum Brautgeschenk gegeben, und ich trug ihn bisher als eine Haarnadel, wozu er auch bestimmt ist. Die fromme Mutter sagte mir, als sie mir den Ölzweig gab, einen Reim, der auch durch diese Geschichte sehr schön erfüllt ward und so lautet:

Lasst felsenfest uns auf den Herrn vertrauen,
Auf ihn gleich jenen in der Arche bauen,
So sendet zu der Zeit der Not
Uns sichere Hilf' der liebe Gott!'«

 


 

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