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Erzählungen

Christoph von Schmid: Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
titleErzählungen
authorChristoph von Schmid
typenarrative
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Gottfried, der junge Einsiedler

 

Erstes Kapitel.

Die grüne Insel.

Gottfried wurde in einem Alter von zwölf Jahren in eine schauerliche Wüste versetzt und lebte da als Einsiedler. Das scheint allerdings wunderlich und seltsam. Allein es ist der Mühe wert, die merkwürdige Geschichte, die sich schon vor mehreren hundert Jahren zugetragen hat, ausführlich zu hören.

Die Eltern Gottfrieds waren sehr gottselige und tugendhafte Leute und wohnten in einem kleinen Dorf am Meer. Sie hatten sieben Kinder, unter denen Gottfried das älteste war. Beide Eltern vereinigten ihre Kräfte, die vielen Kinder ordentlich zu ernähren und zu kleiden. Der Vater namens Philipp bestellte sein kleines Ackerfeld, seine Wiese und den Baumgarten am Haus mit so grossem Fleiss, dass die Haushaltung stets reichlich mit Brot, Milch und Obst versehen war. Auch die Bienenzucht betrieb er mit Einsicht und vielem Glück. Er war ein sehr geschickter, fleissiger Korbmacher, und seine Knaben mussten ihm mit Abschälen der Weiden und dergleichen kleinen Geschäften in die Hand arbeiten. Nebenbei half er den Fischern im Dorf beim Fischen und bekam immer seinen redlichen Anteil am Fang. Die Mutter namens Margareta besorgte die Hauswirtschaft auf das beste und strickte fleissig Fischnetze, wozu die Mädchen den Hanf spinnen mussten. So fehlte es den Kindern nie an dem nötigen Lebensunterhalt. Zur wichtigsten Angelegenheit aber machten es sich die Eltern, ihre Kinder fromm und gut zu erziehen. »Eine gute Erziehung«, sagten sie öfters, »ist das beste Erbteil, das Eltern ihren Kindern hinterlassen können.«

Gottfried, der älteste Knabe, war der Liebling seiner Eltern. Er hatte einen aufgeweckten Verstand, war in allem, was er anfing, flink und geschickt, bei der Arbeit ganz ungemein fleissig und gegen alle Menschen überaus dienstfertig und gefällig. Dabei war er schlank gewachsen und schön und blühend von Angesicht. Vorzüglich gaben seine hellen Augen, die zarten Augenbrauen und seine lichtbraunen lockigen Haare ihm ein sehr feines Aussehen. Auch seine hechtgraue Schifferkleidung, eine kurze Jacke mit langen Beinkleidern bis an die Knöchel, die ihm sein Taufpate, der reiche Fischer Thomas, hatte machen lassen, stand ihm sehr gut.

Allein ein so hoffnungsvoller Knabe Gottfried war, so hatte er doch seine grossen Fehler. Er war sehr eigensinnig, wollte immer recht haben, niemals zugeben, dass man ihm widersprach, und seine Eltern mussten oft Ernst anwenden, ihn zum Gehorsam zu bringen. Er wollte seine Geschwister beherrschen, ward auffahrend und zornig, wenn sie ihm nicht gehorchten, stritt mit ihnen und gab ihnen rauhe, unfreundliche Worte. Da er zuzeiten bei seinem reichen Taufpaten essen durfte, so wollte er mit der einfachen Kost an dem väterlichen Tisch nicht mehr zufrieden sein, murrte manchmal bei dem Essen und hielt es dann in seinem Unwillen kaum der Mühe wert, Gott und seinen Eltern dafür zu danken. Die Eltern ermahnten ihn, so oft sie einen Fehler an ihm bemerkten. Er weinte und versprach Besserung; allein bald fiel er wieder in die alten Fehler. Seine Eltern wurden darüber oft recht betrübt und fürchteten, er werde die schönen Hoffnungen, die sie von ihm sich machten, wohl gar noch vereiteln. Sein Taufpate, der alte Fischer, sagte aber öfter zu ihm: »Gottfried, Gottfried, gibt acht! Der liebe Gott muss dich noch in eine eigene Schule führen und dich besonders in Zucht nehmen, wenn etwas aus dir werden soll!«

Von der Anhöhe, auf der Gottfrieds väterliches Haus stand, hatte man eine unermessliche Aussicht auf das Meer. Eine kleine Insel, die man von den Fenstern der Stube aus sehen konnte, gewährte einen besonders schönen Anblick. Sie war ganz mit laubreichen Bäumen und Gebüschen von mancherlei Grün überwachsen und wurde deshalb die grüne Insel genannt. Die Insel war nicht bewohnt; der Vater fuhr jedoch von Zeit zu Zeit hinüber, um Weidenzweige zum Korbflechten zu schneiden, deren es dort eine Menge gab. Gottfried, der nunmehr stark genug war, dem Vater beim Rudern zu helfen, und ihm auch bei dem Abschneiden der Weiden gute Dienste leistete, durfte jetzt gewöhnlich mitfahren, was dem lebhaften Knaben allemal grosse Freude machte. Eines Abends sagte nun der Vater: »Wenn Himmel und Meer so still und ruhig bleiben wie heute abend, so fahren wir morgen früh miteinander auf die Insel.« Gottfried sprang vor Freude hoch auf und konnte vor Vergnügen über die morgige Seereise kaum schlafen.

Mit Anbruch des folgenden Tages, da der Morgenhimmel anfing sich zu röten und der helle Morgenstern bereits erbleichte, war Gottfried schon auf. Er half der Mutter sehr geschäftig, alles Nötige in das Schifflein zu bringen. Denn die Anstalten zu der kleinen Seereise waren nicht klein. Es war schon einmal geschehen, dass sich das Wetter schnell änderte und der Vater mit Gottfried drei Tage auf der Insel zubringen musste. Die Mutter versah sie daher mit einem hinreichenden Vorrat von Brot, Milch und Butter. Sie gab ihnen überdies einen Kochtopf und eine irdene Schüssel mit, damit sie im Notfall sich doch eine warme Suppe kochen könnten. Auch brachte sie noch des Vaters dichten, wollenen Mantel, damit der Vater und Gottfried, wenn sie auf der Insel über Nacht bleiben müssten, sich damit zudecken könnten.

Da alles zur Abreise in Ordnung war, holte Gottfried den neuen Strohhut, den ihm sein Taufpate Thomas am letzten Markt gekauft hatte; Martha, Gottfrieds freundliche Schwester, hatte ihm ein hübsches, grünes Band geschenkt und es mit einigen Stecknadeln auf dem Hut befestigt. Der Vater aber sprach: »Gottfried, nimm auch ein paar Körbe mit; wir werden sie nötig haben.« – »Je, wozu denn?« fragte Gottfried. »Das wirst du schon sehen«, sprach der Vater lächelnd. »Du machst es mit mir geradeso wie viele Menschen mit dem lieben Gott, die es schon vorhinein wissen möchten, warum er dieses oder jenes anordne oder geschehen lasse. Tu du, was ich dir sage, und am Ende wird es dann schon recht herauskommen.« Gottfried eilte fort und holte die Körbe.

Der Vater machte sich nun mit Gottfried auf den Weg. Mutter und Kinder begleiteten sie hinab an das Meer bis zum Schifflein und riefen ihnen noch lange nach: »Glückliche Reise und eine fröhliche Heimkehr!« Gottfried wetteiferte im Rudern mit seinem Vater so sehr, dass ihm warm wurde und er seine Jacke ausziehen musste. Sie kamen glücklich bei der Insel an und fuhren eine Strecke um sie herum, bis an einen Platz, wo es die schönsten Weiden gab und gut zu landen war. Hier stiegen sie an das Land, und der Vater knüpfte das Schifflein mit einem Strick an einen nahen Weidenbaum fest. Beide machten sich sogleich an die Arbeit. Der Vater hieb mit seinem Handbeil Weidenzweige ab und band sie mit dünnen Weidensprossen in Büschel. Gottfried machte es mit seinem kleinen Handbeil ebenso, nur band er die abgehauenen Zweige in kleinere Büschel zusammen. Hierauf trugen sie die Büschel, der Vater die grösseren und Gottfried die kleineren, in das Schifflein. Der Vater freute sich, an seinem Gottfried einen so fleissigen Gehilfen zu haben. »So ist's recht!« sagte er; »Kinder müssen nach Kräften ihren Eltern helfen. Wie der Vater die schwerere Last gerne auf sich nimmt, so soll der Sohn willig die leichtere Bürde tragen.«

Nachdem sie die Weiden in das Schifflein gebracht hatten, sagte der Vater: »Nun lass uns ausruhen und unser Mittagsmahl halten! Nach der Arbeit ist die Ruhe süss, und das Essen schmeckt, wenn man sich hungrig gearbeitet hat, noch einmal so gut.« Gottfried freute sich, seinen Vater zu bedienen. Er brachte einen Krug Milch unter einen schattigen Pappelbaum am Ufer des Meeres, brockte Brot in die irdene Schüssel und goss die Milch daran. Nachdem beide, wie sie es zu Hause vor Tisch gewohnt waren, gebetet hatten, setzten sie sich auf den schönen grünen Rasen und griffen nach den blechernen Löffeln. Die süsse, frische Milch schmeckte ihnen herrlich. Nachdem die Schüssel leer war, assen sie noch Butterbrot, das ihnen ebensogut schmeckte.

Unter dem Essen erzählte der Vater, wie sein Grossvater einst auf dieser Insel gewohnt habe, aber späterhin auf das feste Land hinübergezogen sei. »Er war ein sehr gottesfürchtiger, rechtschaffener Mann«, sagte der Vater. »Das Haus, das er drüben in unserem Dorf erbaute, haben wir, seine Enkel und Urenkel, noch jetzt inne.« – »Nun«, sagte Gottfried, »da hat mein seliger Urgrossvater sehr wohl daran getan, dass er sich näher zu den Menschen heranmachte. Es ist zwar sehr schön auf dieser Insel. Allein um alles in der Welt möchte ich nicht so entfernt von den Menschen hier wohnen.«

Als beide satt waren und Gott für seine Gaben gedankt hatten, sprach der Vater: »Jetzt will ich dir noch eine besondere Freude machen! Hole die Körbe aus dem Schifflein und komm mit mir!« Der Vater führte Gottfried tief in das Dickicht. Sie kamen auf einen freien grünen Platz, auf dem ein herrlicher Walnussbaum stand. Der Baum breitete sein schönes Laub weit in die blauen Lüfte aus und hing voller reifer Nüsse. Gottfried hatte über den unerwarteten Anblick eine ganz ungemeine Freude, denn da die Nüsse schon seit mehreren Jahren nicht geraten waren, so war nie die Rede von dem Baum, und Gottfried wusste nichts von ihm.

»Sieh«, sagte der Vater, »diesen Nussbaum hat dein Urgrossvater gepflanzt. Von andern Bäumen, die er pflanzte, sind wenige mehr übrig. Dort aber am Felsen stand vor uralter Zeit das Haus des braven Mannes!« Gottfried lobte seinen Urgrossvater, dass er den schönen Baum gepflanzt hatte, fing aber sogleich an, von den abgefallenen Nüssen, die im Grase umherlagen, einige aufzulesen. Er schälte die grüne Schale mit den Zähnen ab und versuchte, die braune Schale aufzubeissen, um den Kern herauszubringen. Es kostete ihn nicht wenig Mühe, und er sagte: »Vater, warum hat doch Gott den süssen Kern in zwei Schalen, eine gallbittere und eine steinharte, eingeschlossen?«

»Lieber Gottfried«, sagte der Vater, »Gott hatte dabei die weisesten Absichten. Er wollte den köstlichen Kern, aus dem ein so herrlicher Baum werden soll, in der harten Schale wohl verwahren; die bittere Schale aber hält die Mäuse und andere Nagetiere ab, die harte Schale anzunagen und den Kern zu verzehren. Noch eine andere Absicht ist zuverlässig diese: Gott wollte uns in einem Sinnbild belehren, wie wir das Bittere und Harte, das in dieser Welt über uns kommt, ansehen sollen. Wie wir diese Nüsse, trotz der bitteren und der harten Schale, nicht verachten oder wegwerfen, sondern sie wegen des süssen, nützlichen Kerns für Wohltaten Gottes erkennen; so sollen wir es auch mit den Leiden und Widerwärtigkeiten machen. Das Äusserliche daran, das wir zuerst zu verkosten haben, ist nun freilich bitter und hart; wir müssen aber fest glauben, das Innere, der süsse Kern, werde am Ende zum Vorschein kommen und uns Nutzen und Segen bringen.«

Der Vater stieg nun auf den Baum und fing an, einen Ast nach dem andern zu schütteln. Gottfried sammelte voll Freude die Nüsse, die auf ihn herab regneten, in seinen Korb. Er achtete nicht darauf, dass sie ihm manchen Puff versetzten. Er lachte nur. Indes wurde ihm der Nussregen, wie er sich ausdrückte, doch zu stark, und er fand für gut, ihm ein wenig auszuweichen, ohne jedoch das Auflesen der Nüsse ganz zu unterlassen. So oft er einen Korb gefüllt hatte, eilte er damit dem Schifflein zu, schüttelte die Nüsse in dem Schifflein aus und sprang mit dem leeren Korb wieder zurück zu dem Baum, unter dem immer auf's neue eine Menge Nüsse umherlag. »Wie wird die Mutter sich freuen«, rief er zu dem Vater hinauf, »wenn wir so viele Nüsse nach Hause bringen! Und was für ein Jubel wird unter meinen Geschwistern entstehen, wenn ich ihnen so reichlich davon austeilen kann! Ich freue mich schon darauf! Es gibt doch keine grössere Freude als andern Freude zu machen.«

Zweites Kapitel.

Der Sturm.

Während Gottfried und der Vater in dem Wäldchen so beschäftigt waren, zogen, ohne dass sie es zur Zeit noch bemerkten, schwarze Gewitterwolken auf. Gottfried war eben wieder mit einem Korb voll Nüsse in das Schifflein gestiegen, hatte den Korb ausgeleert und freute sich über den zunehmenden Haufen der Nüsse – da erhob sich plötzlich ein furchtbarer Sturmwind, beugte die Bäume am Ufer und empörte die Meereswellen. Ein gewaltiger Windstoss riss das Schifflein los und nahm es mit sich fort in das Meer.

Gottfried schrie vor Entsetzen, so laut er konnte. Der erschrockene Vater eilte an das Ufer. Da erblickte er den jammernden Knaben bereits in weiter Ferne. Das ungestüme Meer brauste hoch auf. Das kleine Schifflein schwebte bald hoch auf einer Meereswelle, bald sank es wieder zwischen die Wellen herab, dass der Vater nichts mehr davon sah; bald hob es sich wieder und schwankte so immer weiter und weiter fort. Der Vater sah den armen Knaben die Hände bald zum Himmel, bald gegen das Ufer ausstrecken; sein Jammergeschrei konnte er aber vor dem Sausen des Sturmes in den Bäumen und vor dem Getöse des Meeres nicht mehr hören. Der ganze Himmel überzog sich in wenigen Augenblicken mit finstern Wolken, und dunkle Nacht bedeckte das Meer. Gezackte Blitze, die unter entsetzlichem Krachen hoch vom Himmel in das Meer schlugen, erhellten von Zeit zu Zeit das finstere Gewölk und die dunklen Fluten. Nur beim Leuchten der Blitze sah der bestürzte Vater auf Augenblicke noch das schwankende Schifflein und die emporgestreckten Arme des unglücklichen Gottfrieds. Die weissen Hemdärmel machten sich noch in weiter Ferne sichtbar. Ein heftiger Platzregen stürzte jetzt hernieder und verschloss, gleich einem niederrauschenden Vorhang, die Aussicht auf das Meer. Der Vater sah nichts mehr von seinem lieben Gottfried und von dem Schifflein, sank trostlos unter einen Weidenbaum hin und brachte den Abend und die Nacht in tiefer Betrübnis zu.

Die Mutter und die Kinder waren indessen zu Hause in grossen Ängsten. Als das Gewitter so plötzlich ausgebrochen und die grüne Insel in Regenschauer und Gewitternacht verschwunden war, rief die Mutter totenbleich ihren zitternden Kindern zu: »Oh Kinder, betet! Gott gebe, dass dieses fürchterliche Wetter euren Vater und Bruder nicht auf dem offenen Meere überfiel. Wenn das wäre, so wäre es schrecklich! Oh dann wolle Gott sich ihrer erbarmen.« Sie kniete in Mitte ihrer Kinder nieder und betete. Als das Wetter anfing, sich zu verziehen, und die grüne Insel wieder zum Vorschein kam, schauten Mutter und Kinder beständig aus dem Fenster, ob sie kein Schifflein erblickten. Sie sahen keines. Die Mutter brachte die Nacht sehr bekümmert zu und schloss fast kein Auge.

Als endlich der Morgen ganz ungemein schön und heiter anbrach, die Sonne bereits hoch am Himmel stand und das Schifflein noch immer nicht kommen wollte, ward ihr sehr bange. Es wurde Mittag und noch immer wartete sie vergebens. Ihre Angst stieg auf's höchste. Sie lief jammernd zum Fischer Thomas und klagte ihm ihre Not. Der Fischer erschrak, schüttelte den Kopf und sagte: »Das ist sehr bedenklich, dass sie noch nicht da sind! Ich will einmal hinüberfahren auf die grüne Insel und sehen, was sie treiben, dass sie so lange nicht kommen.« Er stieg mit einem Schifferknecht eilends in ein Schifflein und ruderte hinüber.

Mutter und Kinder waren indes voll banger Erwartung. Endlich sahen sie das Schifflein in der Ferne kommen. »Oh gottlob«, rief die Mutter, »Thomas kommt nicht allein mit seinem Knecht! Es sind mehr als ihrer zwei im Schiff. Nun ist alles gut!« Sie eilte mit ihren Kindern voll Freude ans Ufer. Als aber das Schifflein dem Lande näher kam, rief sie erschrocken: »Wo ist Gottfried?« Der Vater war totenbleich, blickte sie schmerzlich an und schwieg. Sein tiefer Kummer machte ihn stumm.

Nachbar Thomas sprach zur Mutter: »Gott tröste Euch in Eurem Leid! Gottfried ist in dem Meer ertrunken. Ergebt Euch in den Willen Gottes! Was Gott tut, ist immer gut! Gottfried war, obwohl er seine Fehler hatte, ein gutherziger, frommer Knabe und hat es, wie wir hoffen, jetzt im Himmel besser als wir hier auf Erden!«

Die Mutter wollte sich aber nicht trösten lassen. Ihr Jammer war unaussprechlich. Die Kinder weinten und schrien laut. Sie dachten nicht mehr an Gottfrieds Fehler, sondern nur an seine lobenswerten Eigenschaften. Der Vater, selbst innig betrübt, vermochte nicht, sie zu trösten. Eltern und Kinder fanden endlich ihre einzige Beruhigung über Gottfrieds Verlust in dem tröstlichen Gedanken: »Es war nun einmal Gottes Willen so! Gott hat ihn zu sich genommen, ihm sei er zurückgegeben. Im Himmel werden wir unsern lieben, guten Gottfried wiedersehen!«

Drittes Kapitel.

Die Felseninsel.

Gottfried, der von Eltern und Geschwistern als tot beweint wurde, lebte noch. Er hatte zwar auf dem tobenden Meer eine wahre Todesangst ausgestanden. Jeden Augenblick meinte er, das Schifflein, über dem die Meereswellen zusammenschlugen, werde untersinken. In seiner grossen Angst hatte er ohne Aufhören die Hände zum Himmel ausgestreckt und Gott um Gnade und Erbarmung angefleht. Endlich warf der Sturm das Schifflein auf eine felsige Insel. Gottfried sprang, sobald er merkte, das Schifflein sei auf festen Grund gestossen, eilends heraus, watete durch das schäumende Wasser vollends ans Land und erklomm, tröpfelnd von Platzregen und Meerwasser, den nächsten Felsen. Als er sich von Angst und Schrecken etwas erholt hatte und in das stürmische Meer hinausblickte, sich aber in Sicherheit sah, da fiel er auf die Knie und dankte Gott mit aufgehobenen Händen. »Du, oh Herr«, rief er, »du, dem Wind und Meer gehorchen; du, zu dem ich in meiner Todesangst um Hilfe flehte, hast mein Flehen erhört! Dir sei unendlicher Dank!«

Er blickte jetzt hinab auf sein Schifflein. Die gewaltige Meereswoge hatte es gerade zwischen zwei hohe Felsen geschleudert, die hier eine Lücke liessen. »Guter Gott!« sagte Gottfried gerührt; »der trefflichste Schiffer hätte die Öffnung zwischen den Felsen nicht genauer treffen können! Wer lenkte das Schifflein, ohne ein Ruder zu gebrauchen, so sicher hierher? Wer gab den Winden und Meereswellen sozusagen den Verstand, dass sie mich gerade hierher trieben? Wäre das Schifflein nur um einige Spannen mehr rechts oder links an das Land geworfen worden, so wäre es an den Felsen in Stücke zerschellt, und ich wäre in den gewaltigen Fluten untergegangen! Deine allmächtige Güte, deine allwaltende Vorsicht, barmherziger Gott, hat mich diesen Weg zu meiner Rettung geführt! Mein ganzes Leben will ich dir dafür danken!«

Das Gewitter fing an, sich zu verziehen. Die untergehende Sonne blickte aus zerstreuten goldenen Wolken hervor. Gottfried schaute von dem hohen Felsen hinaus in das weite Meer. Die grüne Insel mit den grossen, schattigen Bäumen kam ihm so klein vor wie ein Büschchen grünes Moos, das er leicht hätte mit seinem Strohhut bedecken können. Das noch weiter entfernte Land erblickte er nur mehr an der äussersten Grenze des Himmels, wo Himmel und Meer zusammenzufliessen schienen. Die höchsten Berge glichen einem niedrigen dunkelblauen Gewölbe, das der Glanz der Abendsonne da und dort beleuchtet. Von Gottfrieds väterlicher Hütte, von dem Hügel, auf dem sie stand, von den Bäumen, die sie umgaben, war nichts mehr zu sehen. »Ach du lieber Gott«, sagte Gottfried weinend, »wie unermesslich weit bin ich von meiner lieben Heimat entfernt! Diese Felsen, auf denen ich mich befinde, kann man von dem Land aus nicht einmal sehen! Ich wenigstens habe sie nie gesehen, nie etwas davon gehört! Ich hörte nur immer sagen, gegen diese Seite des Meeres hin befinde sich auf fünfzig Meilen weit kein Land. Mein Vater glaubt sicher, ich sei ertrunken. Ihn holen die Fischer, wie ich nicht zweifle, von der grünen Insel sogleich wieder ab; allein mich hier abzuholen kann ihnen gar nicht einfallen. Ich werde es schon wagen müssen, in dem kleinen Schifflein zu meinen lieben Eltern bis auf das feste Land hinüber zu fahren.«

Die stürmischen Wellen legten sich nach und nach; das Meer wurde ruhig und glich wieder einem grünen Spiegel. Die Meeresflut hatte sich zurückgezogen, und das Schifflein lag auf dem Trockenen. Gottfried kletterte von dem Felsen herab, stieg in das Schifflein – und hatte keinen geringen Schrecken. Der Boden des Schiffleins war zerborsten. Mehrere Nüsse waren hinausgerollt und lagen auf dem felsigen Grund umher. Die Seitenwände des Schiffleins hielten nur mehr so schlecht zusammen, dass sie beinahe von selbst auseinanderfielen. So mächtig hatte der Sturm das Schifflein auf den Felsengrund geworfen. »Ach Gott«, rief der bekümmerte Knabe, »das Schifflein ist nicht mehr zu gebrauchen! Auch die beiden Ruder sind verloren. Ich bin auf dieser wüsten Insel wie gefangen und eingesperrt. Ich werde mein Leben lang hier bleiben müssen und Vater und Mutter und Geschwister auf dieser Welt nicht mehr sehen!« Er stand mit gerungenen Händen in dem Schifflein; sein Angesicht war bleich von Schrecken, und reichliche Tränen flossen über seine erblassten Wangen.

Allein jetzt erschien in den schwarzen Gewitterwolken, die nur mehr die eine Seite des Himmels bedeckten, ein lieblicher Regenbogen, er spiegelte sich in dem Meer und bildete mit seinem Widerschein einen grossen, herrlichen, siebenfarbigen Ring. Gottfried war von dem wunderschönen Anblick entzückt und sagte: »Oh Gott, da du in deinen Werken so freundlich bist, wie können Menschen noch traurig und verzagt sein! Der schöne Regenbogen soll mir ein liebliches Zeichen deiner Huld und Gnade sein, wie einstens dem Noah! Wie du nach Regen wieder Sonnenschein schicktest und nach Blitz und Donner den schönen Regenbogen erscheinen lässest, so schickst du nach dem Leiden wieder Freude und nach Trübsal wieder fröhliche Tage. Was du auch noch für Not und Jammer über mich senden wirst, so wirst du doch meine Traurigkeit wieder in Freude verwandeln. Du hast mich ja eben vom Tod errettet – wie solltest du nicht weiter für mich sorgen! Auf dich will ich vertrauen und wieder guten Mut fassen!«

Gottfried dachte nun vor allem darauf, seinen kleinen Vorrat von Lebensmitteln in Sicherheit zu bringen. Die Nüsse fasste er in den Korb, trug sie auf dem Kopf an eine ebene Stelle zwischen den Felsen und schüttete sie da aus. Er konnte den Korb mehrmals füllen. Die Milchkrüge waren während des Sturmes umgeworfen und zerschmettert worden. Nur ein irdener Krug, die Schüssel und der Kochtopf waren ganz geblieben. Er trug sie sorgfältig an die Stelle zwischen den Felsen. Hierauf brachte er auch die wenigen Gerätschaften dahin, die sich in dem Schifflein befanden. Er war froh, dass er nach vollbrachter Arbeit das grössere und kleinere Handbeil und nach dem kleinen Mittagsmahl die Geschirre, Messer und Löffel sogleich wieder ordentlich in das Schifflein getragen hatte. Auch die Bretter des Schiffleins machte er vollends los und zog sie weiter hinein auf das Land. »Wer weiss, ob ich sie nicht brauchen kann?« dachte er; »es wäre schade, wenn das Meer, sobald es wieder höher steigt, sie hinwegschwemmte.« Er brachte auch noch die Weidenbüschel an eine sichere Stelle und arbeitete bis spät in die Nacht; der Vollmond, der Meer und Felsen erhellte, leuchtete ihm dazu.

Die Arbeit des Tages und die ausgestandenen Schrecken und Ängste hatten ihn sehr ermüdet. Es machte ihm bange, so einsam unter freiem Himmel übernachten zu müssen; er wurde auf's neue bekümmert, wie es ihm auf dieser Insel noch weiter gehen werde. Allein, er dachte: »Gott hat bisher gesorgt; er wird weiter sorgen. Und sein lieber Sohn sagte ja: Sorget nicht auf morgen!« Gottfried betete, wie er es gewohnt war, sein Abendgebet und legte sich neben seinen wenigen Habseligkeiten nieder. Es hatte auf der Insel nur wenig geregnet, und der felsige Grund war schon wieder vollkommen trocken. Er deckte sich mit dem Mantel seines Vaters zu und schlief, indem er sich noch einmal dem Schutz Gottes empfahl, getrost ein.

Viertes Kapitel.

Eine Wanderung.

Gottfried schlief, da er sehr müde war, die Nacht hindurch auf dem harten Felsenlager so sanft wie auf Flaumfedern. Anfangs hatte er zwar unruhige Träume. Er meinte noch immer, das Krachen des Donners und das Brausen des Meeres zu hören und in dem Schifflein hin und her zu schwanken. Bald war es ihm, er sinke samt dem Schifflein in den tobenden Meeresfluten unter; bald kam es ihm vor, das Schifflein werde an den Felsen zerschmettert, er falle ins Wasser und bemühe sich vergebens, an den steilen Felsen emporzuklimmen. Allein gegen Morgen hatte er einen sehr lieblichen Traum. Es träumte ihm, er komme nach Hause. Seine Eltern und Geschwister waren eben im Garten; alle Bäume prangten mit frischem, grünem Laub und mit purpurroten Äpfeln und goldgelben Birnen, die so schön waren, wie er sie in seinem Leben noch nie gesehen hatte. Der Vater sass auf dem Ast eines grossen Apfelbaumes, den er eben schüttelte. Die herabgefallenen Äpfel glänzten hell wie Flut in dem Gras. Mutter und Kinder sammelten sie geschäftig in zierliche Körbe und grüssten Gottfried, sobald sie ihn erblickten, mit unbeschreiblicher Freude. Der Vater stieg eilends vom Baum herab und reichte ihm liebreich die Hand. Die Mutter schenkte ihm die allerschönsten Äpfel, die in einem grossen Korb hoch aufgehäuft waren.

Allein als Gottfried in seinem erfreulichen Traum eben die Hand nach einem Apfel ausstrecken wollte – erwachte er. Das Geschrei der Seevögel, die mit anbrechendem Morgen an den hohen Felsen umherflogen, hatte ihn aufgeweckt. Als er nun die Augen aufschlug und die furchtbaren Felsen erblickte, die drohend über ihn herhingen, und als er hinausschaute in das weite Meer und nichts sah als Himmel und Wasser, da schauderte ihn. Er wurde recht von Herzen betrübt und fing an, schmerzlich zu weinen.

Eine Schar von Seevögeln flog mit freudigem, lautem Geschrei dem festen Land zu. »Ach ihr lieben Vögel«, dachte Gottfried, »könnte ich euch doch Grüsse an meine lieben Eltern aufgeben; könntet ihr ihnen doch die Nachricht bringen, dass ich noch lebe, aber hier von dem Meer eingeschlossen sei. Mein guter Vater und mein lieber Taufpate wagten es gewiss, so gefährlich es auch wäre, mich nach Hause zu holen.«

Indes ermannte er sich wieder, stand auf, betete mit grössere Andacht als je in seinem Leben, sein Morgengebet. Er verzehrte hierauf einige Nüsse und ein Stückchen Brot zum Frühstück und beschloss dann, die Insel näher in Augenschein zu nehmen. »Vielleicht«, dachte er, »finde ich doch einige fruchtbare Bäume oder Gesträuche, von denen ich mich nähren und mein Leben fristen kann, bis mich Gott von dieser Insel erlöst. Auch scheint es mir doch möglich, dass einige Menschen hier wohnen. Sie verstehen sich gewiss auf die Schifffahrt und sind dann schon so mitleidig und führen mich zurück in meine Heimat.«

Er packte ein paar Stück Butterbrot, die er sorgfältig so zusammenlegte, dass die mit Butter bestrichene Seite nach innen kam, in sein Taschentüchlein, und tat so viele Nüsse dazu, als hineingingen. Er war so klug, um recht viele hineinzubringen und nicht so schwer zu tragen, die grünen Schalen vorher abzuschälen. Hierauf suchte er aus den gesammelten Weidenstämmen einen der stärksten aus, hieb mit dem Beil ein Stück davon ab und trat nun mit diesem seinem Reisestab und seinem Bündelein die Wanderung an.

Es war eine mühevolle, gefährliche Reise. Er musste hohe Felsen erklimmen und sich in tiefe Schluchten hinabwagen, um weiterzukommen. Die ganze Insel bestand aus ungeheuer grossen, schwarzbraunen Felsenmassen, die hoch aus dem Meer emporragten und gegen die Mitte der Insel hin sich immer höher und höher erhoben. Das Herz bebte ihm bei dem schauerlichen Anblick. Mehrmals kam er in eine Felsenschlucht, aus der er keinen Ausweg fand, und musste auf dem nämlichen Wege zurückkehren. Mehrmals versuchte er, bald diesen, bald jenen Felsen zu erklimmen, fand ihn aber so steil, dass er nicht mehr höher hinauf kommen konnte und dann mit noch grösserer Gefahr wieder herabklettern musste. Nirgends fand er eine menschliche Spur, auch nicht einmal die Fussstapfen eines Tieres. Vergebens spähte er nach fruchtbaren Bäumen oder Gesträuchen umher. Er sah nichts Grünes als das Moos, mit dem einige Felsen bewachsen waren. Nur hier und da entdeckte er ein kleines Gebüsch von niedrigen Tannen, die in dem felsigen Grund kümmerliche Nahrung fanden. »Ach du mein Gott«, seufzte er und blickte schmerzlich zum Himmel, »wenn ich längere Zeit in dieser schauerlichen Wildnis bleiben muss, so werde ich sicher Hungers sterben müssen!«

Indes setzte er, in der Hoffnung, dass es noch besser kommen werde, seine mühsame Wanderung fort. Die Sonne schien zwischen diesen Felsen sehr heiss. Der Schweiss floss ihm von Stirn und Schläfen, und es fing an, ihn heftig zu dürsten. Die Felsen aber waren hier wie von dem Feuer ausgebrannt, dürr und trocken. »Ach Gott«, seufzte er, »bevor mich der Hunger tötet, werde ich wohl vor Durst umkommen! Hilf mir doch, lieber Vater im Himmel!« Nachdem er noch eine Strecke gegangen war, hörte er das Murmeln einer Quelle. Er eilte hin. Die Quelle war zwar nur klein, aber das Wasser frisch und hell, wie Kristall. Er setzte sich an der Quelle nieder, um sich erst abzukühlen; dann trank er nach Herzenslust. Er ass etwas Butterbrot und einige Nüsse und trank dann wieder. Er hatte es noch nie so eingesehen, was für eine grosse Wohltat Gottes das Wasser sei, das man so wenig achtet, weil es in so grosser Menge vorhanden ist. »Oh du lieber Gott«, sprach er, »wie gut bist du, wie danke ich dir für diesen erquickenden Trunk! Solange ich hier bin, wird es mir nicht daran fehlen; allein wie lange werde ich an Brot und Nüssen haben? Doch du, der du mich nicht verdursten liessest, wirst mich auch vor dem Hungertod zu retten wissen. Jede Hilfe von dir ist, wie meine Mutter sagt, gleichsam ein Pfand, dass du ferner helfen werdest.«

Er ging an dem Quellchen weiter hinauf und kam in ein junges, freundliches Tannenwäldchen, in dem das helle, klare Wasser aus einem Felsen hervorquoll. Der Fels erhob sich von hier aus allmählich zu einer ansehnlichen Höhe, und Gottfried musste, um den Gipfel zu erreichen, sehr lange aufwärts gehen. Endlich stand er auf der höchsten Spitze der Insel. Es wurde ihm recht schauerlich zumute, als er die ganze Insel mit allen ihren Felsenzacken und Tannengipfeln zu seinen Füssen sah und rings umher das unermessliche Meer erblickte. Was er bisher nur gefürchtet hatte, war ihm nun traurige Gewissheit. Er sah es nun mit Augen, dass er sich weit, weit vom festen Land auf einer abgelegenen wüsten Insel befinde. Da war nirgends eine menschliche Wohnung oder ein angebautes Ackerfeld. In der Tat könnte man ihn, wenn er nicht vor dem allbekannten Robinson gelebt hätte, den zweiten Robinson nennen. Ja, er war noch beklagenswerter!

Allein so einsam und verlassen er sich sah, so verlor er den Mut doch nicht. »So bin ich denn«, sprach er, »ganz allein hier, durch diese unübersehbare Menge Wasser von allen Menschen getrennt und gleichsam hierher auf diese unfruchtbare Insel verbannt. Doch ich will nicht verzagen! Gott, der mich aus dem stürmischen Meer hierher rettete, wird mich auch hier zu erhalten wissen. Da drunten unter jenen grünen Tannen bei der Quelle will ich meine Nachtherberge aufschlagen und meinen kleinen Vorrat von Lebensmitteln und meine wenigen Gerätschaften dorthin bringen. Hier aber auf diesem Felsengipfel will ich alle Tage sitzen und achthaben, ob nicht vielleicht irgendein Schiff hierherkomme und mich wieder hinüber bringe auf das feste Land.«

Die Sonne ging jetzt unter und beleuchtete das ferne Land mit ihren feurigen Strahlen. Seine heimatlichen Berge glänzten wie Gold und Purpur. Gottfried sah mit Tränen in den Augen hinüber und sagte: »Lieber Vater im Himmel, der du mich aus meiner Heimat hierher versetzt und mein kleines Schifflein trotz Sturm und Ungewitter sicher hierher geleitet hast – dir ist es ein leichtes, den Lauf des grössten Meerschiffes so zu lenken, dass die Leute darauf, ohne vorher von mir zu wissen, mir zu Hilfe kommen und dass sie mich dann wieder zurückführen in mein geliebtes Vaterland. Bei dir ist ja kein Ding unmöglich. Du führest hinein in die Grube, aber auch wieder heraus. Auf dich setze ich mein ganzes Vertrauen.«

Er stieg getrost wieder von dem Felsen herab, ging in das Wäldchen, legte sich unter den dichten Ästen junger Tannen auf weiches Moos, und ein sanfter Schlaf schloss ihm die Augen.

Fünftes Kapitel.

Die Hungersnot.

Gottfried nährte sich von dem wenigen Brot und seinen Nüssen und wartete alle Tage auf dem Felsengipfel, ob nicht ein Kaufmannsschiff oder ein Fischerschifflein sich der Insel nähere. Er sah sich fast die Augen aus – allein auf dem ganzen weiten, breiten Meer war kein Schiff zu sehen. Er fürchtete sehr, auf seiner Insel noch Hungers zu sterben. Er sah wohl ein, dass er mit seinem kleinen Vorrat von Lebensmitteln gut haushalten müsse, um damit so lange als möglich auszureichen. Er bezeichnete mit seinem Taschenmesser sein Brot mit Strichen, wieviel er täglich davon abschneiden und verzehren dürfe, um bloss dem heftigsten Hunger zu wehren. Das Stücklein, das er täglich genoss, war sehr klein und steinhart. Er musste es an der Quelle anfeuchten, um es geniessen zu können. Mit grösserer Aufmerksamkeit als ein Geiziger seine Goldstücke zählte er seine Nüsse und setzte eine sehr kleine Anzahl fest, die er täglich zu verzehren wagte. Um vieles Gold wäre ihm keine feil gewesen. Er ass sich nie satt. Allein Brot und Nüsse wurden doch täglich weniger. Endlich kam der Tag, an dem er den letzten Bissen Brot, die letzte Nuss aufzehren musste. Er legte sich abends sehr bekümmert nieder, und morgens darauf quälte ihn der Hunger so sehr, dass er grosse Schmerzen empfand und beinahe ohnmächtig wurde. »Ach du lieber Gott«, sprach er, »ich kann es nicht glauben, du werdest mich verhungern lassen! Du hast ja bisher immer liebreich für mich gesorgt. Du hast mir einen Vorrat von Lebensmitteln auf die Insel mitgegeben, ohne den ich längst verhungert wäre. Da nun Brot und Nüsse zuende sind, so wirst du mich andere Nahrungsmittel auffinden lassen. Auf dich vertraue ich; du wirst mich nicht verlassen!«

Er suchte nun überall auf der Insel umher nach Wurzeln und Kräutern, sich davon zu nähren. Allein da der Boden meistens felsig war, so entdeckte er nur weniges. Nur in der Quelle wuchs ziemlich viel Brunnenkresse. Er ass die grünen Blättchen und die saftigen Stengel begierig; er suchte alle, von dem Ursprung der Quelle an bis an das Meer, sorgfältig auf. Allein sie waren nicht nahrhaft genug, seinen Hunger zu stillen, und gingen auch bald zuende. Matt von Hunger setzte er sich auf einen Felsen am Meer und blickte hinüber zu dem festen Land. »Ach Gott«, sprach er, »wie viele deiner Wohltaten genoss ich dort, ohne ihrer zu achten, ohne dir recht von Herzen dafür zu danken! Oh dort wächst das liebe Brot wunderbar aus der Erde hervor! Dort stehen fruchtbare Bäume und beugen die beladenen Äste voll saftiger Äpfel und süsser Birnen zu uns herab, damit wir sie leichter pflücken können. Dort flossen für mich Quellen von Milch und Honig. Verzeih, dass ich dir nicht herzlicher dafür dankte! Ach, man erkennt deine Wohltaten erst recht, wenn man sie nicht mehr hat!«

Indem er so sprach, bemerkte er in dem klaren, hellen Wasser des Meeres einige Fischlein mit roten Flossen und schwarzen Augen, die lustig umherschwammen. »Ach«, dachte er, »wenn ich sie nur fangen könnte, um meinen quälenden Hunger zu stillen! Allein ich habe kein Netz, und sie mit den Händen zu haschen, ist unmöglich!« Es war dem armen, hungrigen Gottfried sehr schmerzlich, die Fischlein so nahe vor Augen zu sehen, ohne sie erreichen zu können; und eine andere Art zu fischen als mit Netzen war ihm nicht bekannt. »Lieber Gott!« sagte er, »dein lieber Sohn spricht ja, ein Vater, den sein Sohn um einen Fisch bittet, gibt ihm keine Schlange. Gib mir doch ein, wie ich dieser Fischlein habhaft werden kann, damit ich nicht verhungere.«

Jetzt kam ein Vögelein geflogen und setzte sich auf den Ast einer Tanne, die zunächst am Meer stand und sich darin spiegelte. Das Vögelein hatte ein Würmlein im Schnabel. »Lieber Vater im Himmel«, rief Gottfried, »du nährst ja den Vogel in der Luft, wie dein lieber Sohn es uns treulich versichert und wie ich es eben jetzt mit Augen sehe. Ach, lass mich armen Knaben nicht verschmachten!« Das Vöglein schlug jetzt das Würmlein, das sich lebhaft krümmte, gegen den Ast, um es zu töten, allein das Würmlein entfiel ihm in das Wasser. Die Fischlein eilten pfeilschnell und scharenweise herbei; eines derselben erhaschte das Würmchen und verschlang es.

»Ei«, dachte Gottfried, »wenn ein solches Würmlein an einem Faden angeknüpft wäre und ein Fischlein verschlänge es, so könnte ich vielleicht das Fischlein aus dem Wasser ziehen!« Sein Strohhut lag neben ihm. Gottfried zerfaserte das Band, das um den Hut gewunden war, drehte einen langen Faden zusammen, suchte ein Würmlein, knüpfte es daran und liess es in das Wasser hinab. Allein so gar nahe wollten die Fischlein nicht herankommen. Er band nun den Faden an seinen Reisestab und liess das Würmlein in das Wasser hinab. Sogleich schnappte ein Fischlein danach und verschlang es; allein Gottfried zog den Faden wieder leer zurück.

»Das geht nicht«, sagte er, »es sollte ein Häklein an dem Faden sein, an dem das Fischlein hängenbliebe!« Er nahm eine von den Stecknadeln, mit denen das Band an dem Strohhut befestigt war, krümmte die Nadel, die ziemlich stark war, zu einem kleinen Haken, knüpfte den Faden unter dem Stecknadelkopf fest, steckte ein Würmlein an den Haken und liess ihn hinab in das Wasser. Sogleich kamen die Fischlein herbei, und eines derselben verschlang das Würmlein. Gottfried zog den Faden schnell empor und – oh der Freude! – ein silberhelles Fischlein zappelte daran. Er machte das Fischlein los und wiederholte den Versuch öfter. Nicht allemal gelang es. Allein er brachte doch in kurzer Zeit ein halbes Dutzend Fischlein zusammen. Wer war nun glücklicher als er! Unter den Gerätschaften des Schiffleins hatten sich Stahl, Stein und Zunder gefunden. Er sammelte dürre Äste und schürte ein Feuer an, um dann die Fischlein auf der Glut zu braten. Er konnte nun nach langem Hunger sich wieder satt essen und dankte Gott dafür auf den Knien.

Gottfried beschäftigte sich nun täglich mit dem Fischfang. Er sah von dem Felsen herab auch viele grössere Fische in dem Meer schwimmen. »Ach«, rief er, »wenn ich einen solchen Fisch fangen könnte, so hätte ich auf mehrere Tage genug daran!« Er begriff wohl, dass ein solcher Fisch mit dem schwachen Werkzeug einer Stecknadel sich nicht fangen lasse. Er sann hin und her, wie er einen stärkeren Haken bekommen könne. Jetzt fiel ihm ein, dass in den Brettern des zertrümmerten Schiffleins mehrere eiserne Nägel stecken mussten. Er eilte hin, zog einen starken Nagel aus dem Brett, schliff und spitzte ihn an einem Stein zu, krümmte ihn zu einem Haken, drehte aus mehreren Fäden seines leinenen Halstuches eine starke Schnur, band den Haken daran fest, steckte einen grösseren Wurm daran, und es gelang ihm nun, auch grössere Fische zu fangen. Er war darüber hoch erfreut.

Allein Gottfried merkte bald, dass seiner Erfindung noch vieles fehle. Öfter hatte er einen Fisch an der Schnur schon hoch emporgezogen, und der zappelnde Fisch fiel wieder in das Wasser zurück. Gottfried sann lange nach, woher dieses komme. Er war von Kindheit auf sehr wissbegierig und auf alles aufmerksam gewesen. Da fiel ihm nun ein, dass er einst bei einem Jäger einige Pfeile gesehen, womit man damals zu schiessen pflegte, und dass er den Jäger gefragt habe, wozu die zwei Widerhaken daran dienten. Der Jäger hatte ihm gesagt, sie dienten dazu, dass der Pfeil in der Wunde fest hafte und nicht mehr herausfalle.

Gottfried versuchte nun, aus einem der stärksten Nägel einen Widerhaken zu verfertigen; seine zwei Beile und sein Messer mussten ihm dabei zu Hammer, Amboss und Meissel dienen. Mit unsäglicher Mühe und Arbeit brachte er endlich einen Haken zustande, der wenigstens mit einem Widerhaken versehen war. Er angelte damit, und zu seiner grossen Freude geschah es selten mehr, dass ein gefangener Fisch in das Wasser zurückfiel.

Indessen gab es an seiner Erfindung immer noch etwas zu verbessern. Es war dem kleinen Fischer sehr beschwerlich, den Stab immer in gleicher Höhe emporzuhalten und scharf aufzumerken, ob ein Fisch anbeisse, um ihn schnell genug herauszuziehen. Da verwickelte sich einst ein Zweiglein, das im Wasser schwamm, in die Angelschnur. Gottfried bemerkte, dass er nun seinen Stab wohl nicht mehr so in gleicher Höhe zu halten brauche; denn wenn er die Schnur auch nachliess, so hinderte das Zweiglein, dass der Haken auf den Grund sank. Auch nahm er bald wahr, das Zweiglein zeige es, auch bei trübem Wasser, augenblicklich an, wenn ein Fisch den Wurm berühre, um ihn zu verschlingen; und Gottfried konnte den Fisch nun gerade im rechten Augenblick herausziehen. Anstatt des Zweigleins befestigte er ein Stücklein Holz an der Schnur. Nun war dem guten Gottfried sein Fischfang sehr erleichtert, und er hielt seine Erfindung für vollständig. Er meinte, sie sei ganz neu; er wusste nicht, dass sie schon in den ältesten Zeiten bekannt war und dass man diese Art zu fischen Angeln nenne. Indes hatte doch auch er die Erfindung gemacht, und sie freute ihn unbeschreiblich. Er dankte Gott, der dem Menschen Verstand gab, so nützliche Dinge zu erfinden.

Gottfried kam indes noch einmal in grosse Not und musste einige Tage bittern Hunger leiden. Das Meer war so stürmisch, dass er nicht angeln konnte. Die Meereswellen schlugen mit donnerndem Getöse so hoch empor, dass er es gar nicht wagte, dem Ufer näherzukommen. Er sah nach, wie er sich künftig vor Mangel an Nahrung sicher stellen könne, und kam auf den Gedanken, eine Fischgrube anzulegen. Er fand nicht weit von der Quelle eine ziemlich geräumige Vertiefung in dem felsigen Grund. Er leitete die Quelle hinein, und die Grube füllte sich bald mit klarem Wasser. Hier bewahrte er nun seine gefangenen Fische auf und hatte nun immer hinreichenden Vorrat. Jetzt erst war er aller Nahrungssorgen überhoben. »Oh wie froh ich bin«, sagte er, »dass ich das Hungersterben nicht mehr fürchten darf! Wie danke ich dir, lieber Gott! Nun will ich gerne auf meiner Insel aushalten, solange es dein heiliger Wille ist. Zu rechter Zeit wirst du mich schon aus meiner Gefangenschaft erlösen!«

Sechstes Kapitel.

Die Felsenhöhle.

Da nun Gottfried nicht mehr von Hunger und Nahrungssorgen gequält war, so regte sich die Sehnsucht nach Eltern und Geschwistern wieder mächtig in seinem Herzen. Er schaute täglich, ja fast stündlich nach allen Weltgegenden, ob sich noch kein Schiff sehen lasse.

Eines Morgens, da er wieder die Felsenspitze bestieg, erblickte er plötzlich ein grosses Schiff! Es war kaum eine Meile weit entfernt, und die ausgespannten Segel waren von den goldenen Strahlen der Morgensonne rötlich beleuchtet. Ein Freudenschauer überfiel den guten Gottfried. Er zitterte vor Furcht und Hoffnung. Unverwandt blickte er nach dem Schiff, das seinen Lauf geradezu auf die Insel zu richten schien. Es kam immer näher. Gottfried holte eilends eine rote Stange von Tannenholz, die er schon in Bereitschaft hatte, befestigte sein rotgefärbtes Taschentuch oben daran und schwang nun, auf dem Felsengipfel stehend, die rote Fahne hin und her, um dem Schiff ein Zeichen zu geben. Allein, ehe das Schiff so nahe gekommen war, dass es dieses Zeichen bemerken konnte, änderte es auf einmal seinen Lauf und segelte in weiter Entfernung an der Insel vorbei. Gottfried folgte mit seinen Blicken dem Schiff, bis es an der äussersten Grenze des Himmels aus seinen Augen verschwunden war, und sank dann trostlos und tiefbetrübt auf dem Felsen nieder!

Er weinte lange schmerzlich! Doch kamen ihm jetzt die Worte zu Sinn, die sein Vater einmal bei einer vereitelten Hoffnung gesagt hatte: »Oft scheint uns im Unglück die Hilfe Gottes sehr nahe und verschwindet wieder. Allein wir müssen deshalb nicht verzagen. Das ist nur eine Prüfung, durch die uns Gott im Vertrauen auf ihn und in der Geduld bewährt machen will. Er wird dann später und um so herrlicher helfen. Ja, wenn er uns auch in unserem Elend umkommen liesse, so dürfen wir in dem Glauben an seine weise Vaterliebe doch nicht wanken. Denn alles, was Gott über uns schickt, ist zu unserer Seligkeit, wenn nicht in diesem, so doch in jenem Leben.« Mit diesen Worten seines Vaters tröstete sich Gottfried und fasste wieder Mut.

Indes gab er die Hoffnung nicht auf, es werde wohl noch ein anderes Schiff der Insel näherkommen und ihn mit sich nehmen. Allein nunmehr wurde die Jahreszeit immer rauher. Der Spätherbst stellte sich mit heftigen Regengüssen ein; es regnete Tag und Nacht in einem fort. Die dichten Tannenäste, unter denen Gottfried sein Nachtlager aufgeschlagen hatte, gewährten ihm keinen Schutz mehr. Er lag da wie unter der Dachtraufe; der Boden war überall so durchnässt, dass in dem Wäldchen nirgends mehr ein trockenes Plätzchen zu finden war. Der lange andauernde Regen nahm nun wohl ein Ende. Allein der Winter rückte immer näher. Kalte Winde wehten, und das Tannenwäldchen war nicht dicht genug, sie abzuhalten. Den armen Gottfried fror es nachts so stark, dass er vor Frost fast zitterte. »Ach du mein Gott«, sagte er eines Morgens fast erstarrt, »wie wird es mir erst gehen, wenn es ganz Winter ist? Wenn ich dann in dem luftigen Wäldchen auf dem gefrorenen Boden schlafen muss, so werde ich gewiss erfrieren. Du lieber Gott, lass mich doch ein Plätzchen finden, wo ich vor Frost und Nässe sicher bin!«

Er machte sich auf, ein solches Plätzchen zu suchen. Zwischen dem höchsten Felsen der Insel, auf dessen Gipfel Gottfried täglich stieg, und zwischen einem andern Felsen, der fast ebenso hoch war, lag ein kleines, grünes Tälchen. Gottfried hatte es von dem Felsengipfel aus oft mit Vergnügen betrachtet, allein vergebens einen Eingang dazu gesucht. Von einem der steilen Felsen, die es umgaben, hinunterzuklettern, war unmöglich. Er versuchte daher, irgendeinen andern Weg dahin auszuspähen. Endlich bemerkte er, nur einige hundert Schritte von dem Ursprung der Quelle, einen Felsen, der von oben herab gleichsam entzweigespalten war. Er kletterte zu der Spalte hinauf und kam durch die Öffnung glücklich in das schmale Felsental. In einem der Felsen erblickte er eine Höhle, deren enger Eingang von ein paar alten Tannen beschattet war. Er ging in das ziemlich geräumige Gewölbe hinein und rief voll Freude: »Diese Höhle ist ganz wie für mich geschaffen. Hier kann ich mich leicht vor Regen und kalten Winden sichern. Du sorgst doch für alles, lieber Vater im Himmel! Du hast mich, solange ich hier bin, mit Nahrung versehen; du liessest mich eine Quelle finden, meinen Durst zu stillen, und nun verschaffst du mir noch eine schützende Wohnung für den Winter. So hart du mich prüfst, so erkenne ich doch, selbst in dieser Prüfung, deine zärtliche Vaterliebe. Ich kann dir nicht genug dafür danken!«

Gottfried war nun sehr geschäftig, sich reichliches Moos zu sammeln und es an der Sonne zu trocknen. Denn so kalt die Nächte waren, so schien den Tag über die Sonne doch sehr warm. Er trug das getrocknete Moos abends in die Höhle und schlief in dieser seiner neuen Wohnung auf dem weichen Mooslager sogleich die erste Nacht sehr gut.

Gottfried richtete nun seine einsiedlerische Hauswirtschaft so gut als möglich ein. Er brachte seinen Wasserkrug, seinen Kochtopf und seine Schüssel und was er sonst noch hatte, hierher. Vor allem war er auf den nahen Winter bedacht. Er schichtete alles Holz, das er bereits gefällt hatte, zunächst einer Felsenwand auf und fällte noch mehreres dazu. Er versuchte, in der Höhle Feuer aufzuschüren; allein er musste vor Rauch beinahe ersticken. Er sann nun darauf, den Eingang der Höhle wenigstens gegen das Eindringen kalter Winde zu verwahren. Er flocht aus Stäben und Zweigen von den noch vorhandenen Weiden eine Art Tür. Zwei Tannenstämme, die er dicht an dem Eingang der Höhle in dem Boden befestigte, dienten zum Türgerüst. Anstatt der eisernen Türbänder drehte er Bänder aus zähen Tannenzweigen, und die leichte Tür liess sich nun ohne Mühe öffnen und zumachen. Alle Zwischenräume der aus Weiden geflochtenen Tür verstopfte er mit Moos. Nur eine ganz kleine Öffnung hatte er in der Tür angebracht, um die Tageshelle zu sehen. Nunmehr war es ihm die Nacht hindurch in der Höhle warm genug. Zum Feuerherd wählte er einen trockenen Platz unter einem überhängenden Felsen in einer Ecke des Tälchens. Hier bewahrte er immer Glut unter der Asche, um mit Hilfe dürrer Reiser, so oft er es nötig hatte, ein lustiges Feuer aufzuschüren, bei dem er nicht nur seine Fische braten oder sie in dem Topf sieden, sondern auch sich wärmen konnte. Denn nur im Notfall wollte er mit Stahl und Eisen neues Feuer schlagen.

Der Winter stellte sich nunmehr ein, er war jedoch nie so kalt wie in unserm Land. Als Gottfried eines Morgens aus seiner Höhle trat, hatte es die Nacht hindurch geschneit. Ein andermal waren Felsen und Bäume mit weissem Duft bereift. Es kam dem armen Gottfried sehr gut, sich an dem wohltätigen Feuer wärmen zu können, und er dankte Gott recht von Herzen für diese Wohltat.

Wenn nun Gottfried in den langen Winterabenden so einsam bei den lodernden Flammen sass, der Rauch zu dem gestirnten Himmel emporwallte und die bereiften Felsen und Tannen im Glanz des Feuers schimmerten – aber kalt und gefühllos dastanden, so sehnte er sich wohl recht herzlich an den väterlichen Feuerherd zurück. Er dachte mit Tränen in den Augen daran, wie er ehemals dort bei seinen lieben Eltern und Geschwistern so vergnügt gewesen, wie der Vater beim Korbmachen kleine Geschichten erzählte, die Geschwister umher sassen und Hanf spannen und die liebreiche Mutter Netze strickte und gar oft Nüsse oder gebratene Äpfel austeilte. »Einen Finger aus meiner Hand gäbe ich darum«, sagte er öfter, »wenn ich nur eine Stunde dort sein könnte!«

Gottfried nahm den Winter hindurch noch eine Menge Arbeiten vor. Mit vieler Mühe verfertigte er aus den Brettern des gescheiterten Schiffleins einen Tisch und eine Bank, befestigte sie an einer Felsenwand und errichtete ein Bretterdach darüber, damit er auch an Regentagen draussen vor der dunklen Höhle im Trockenen sitzen, Angelschnüre drehen, Angelhaken zuschleifen, Fische abschuppen und andere derartige Geschäfte vornehmen oder auch seine Mahlzeit verzehren könne. Den grünen Platz vor der Höhle ebnete er schön ab und klaubte oder wälzte die herumliegenden Steine hinweg. Den Weg zur Quelle machte er gangbarer und brachte an ein paar steilen, gefährlichen Stellen kleine Staffeln an.

Endlich ward es wieder Frühling. Die Möwen und ähnliche Seevögel nisteten in dem Schilf am Gestade des Meeres und an den nahen Felsen, und es gelang ihm, sich hier und da einige Eier aus ihren Nestern zu holen. Diese Eier waren dann für ihn eine seltene festliche Mahlzeit, weil sie nicht nur gut schmeckten, sondern auch grünlich, gelblich oder bläulich gefärbt waren und ihn an das Osterfest erinnerten, das in diese Zeit fiel. Die Brunnenkresse und die zarten Blättchen der Kettenblume dienten ihm zum Salat; die Wurzeln dieser Blume auch zur Speise. Das Meersalz, das er an den felsigen Ufern sammelte, kam ihm sehr gut zustatten, seine gebratenen Fische und hartgesottenen Eier schmackhafter zu machen. Seine einfache Kost schlug ihm auch sehr gut an; er ward dabei immer stärker und grösser. »Oh wie wenig braucht der Mensch«, sagte er oft, »um sein Leben zu erhalten und frisch und gesund zu bleiben.«

Die Stunden, in denen er nicht fischte, kochte, Holz fällte und ähnliche Arbeiten verrichtete, brachte er damit zu, aus den Muscheln, die das Meer zuzeiten auswarf, Perlen auszulesen. Da sonst kein Mensch hierher kam, sie aufzusuchen, so fand er viele, und darunter manche von seltener Schönheit. Auch sammelte er an den Felsen des Meeres Korallen. Er flocht aus Binsen niedliche Körbchen mit scharf anschliessendem Deckel, in denen er die Perlen und Korallen aufbewahrte. »Ich hoffe«, sagte er, »Gott werde mich das Angesicht meiner lieben Eltern noch einmal sehen lassen. Dann bringe ich ihnen doch einen kleinen Schatz mit nach Hause. Sie können dann für ihr herannahendes Alter sich manche Erquickung verschaffen und meine Geschwister einmal gut versorgen. Ach, die guten Eltern haben so viel an mir getan, und ich kann es ihnen nicht vergelten! Wie gern hälfe ich ihnen, da ich bereits ziemlich gross und stark bin, bei ihrer vielen Arbeit, wenn ich nicht so weit von ihnen entfernt wäre! Allein indem ich hier Perlen und Korallen für sie sammle, bin ich ihnen vielleicht doch nützlich und arbeite für sie. Und für ein Kind, das nicht ganz ohne alles kindliche Gefühl ist, gibt es keine angenehmere Beschäftigung, als für die geliebten Eltern zu arbeiten.«

Siebentes Kapitel.

Der Freund in der Einsamkeit.

Gottfried lebte auf seiner Felseninsel so zufrieden und vergnügt als ein munterer, lebhafter Knabe es in der tiefsten Einsamkeit nur immer sein kann. Unter beständiger Beschäftigung wurde ihm die Zeit nie lang. Nur wenn trübe Regentage ihn nötigten, unter seinem Bretterdach zu sitzen, oder wenn heftige Stürme, Frost und Kälte ihn gar zwangen, sich in seiner Höhle einzuschliessen, da seufzte er öfter: »Ach, gar niemand zu haben, mit dem man reden könnte, ist doch recht hart! Oh wie glücklich war ich, da ich noch zu Hause bei meinen lieben Eltern war.« Er dachte den Tag über an sie und träumte nachts von ihnen. Einmal kam ihm sein Vater wieder besonders lebhaft im Traum vor, er blickte ihn, mit freundlichem Lächeln in dem ehrwürdigen Angesicht, an, nannte ihn seinen lieben Gottfried, rief ihn unbeschreiblich liebreich zu sich und streckte ihm die offenen Arme entgegen. Gottfried erwachte und fing, als er sich in seiner Höhle allein sah, so herzlich zu weinen an, dass ihm die hellen Tränen reichlich über die Wangen flossen. »Oh, der gute Vater«, sprach er, »wie lieb hatte er mich, da ich noch bei ihm war! Wie freundlich redete er mit mir, und wieviel Gutes erwies er mir! Und wie traurig ist es, dass er nun so weit von mir entfernt ist und dass ich sein Angesicht nicht mehr sehe, und auch er mich mit keinem Auge mehr sieht! Ach, er weiss nicht einmal, dass ich noch lebe!«

»Doch«, sprach Gottfried jetzt mit einem frommen Blick zum Himmel, »ich habe ja noch einen andern Vater, dich, du lieber Vater im Himmel! Ich kann dich zwar jetzt noch so wenig sehen, als ich jetzt das Angesicht meines Vaters auf Erden sehen kann. Aber ich weiss doch, dass du da droben bist in dem Himmel, ja, dass du mir auch hier auf Erden nahe bist! Du liebst mich unendlich mehr als mein Vater auf Erden mich lieben kann. Du siehst mich und weisst alle meine Gedanken. Mein Vater auf Erden hört mich nicht, und ich kann jetzt nicht mit ihm reden; aber du hörst alle meine Worte; mit dir kann ich jeden Augenblick reden. Du redest zwar nicht mit mir, wie Menschen mit Menschen reden; allein du gibst mir gute Gedanken ein; du sendest mir Trost und Freude in das Herz. Du gibst mir deine Liebe durch deine Gaben, durch deine väterlichen Schickungen zu erkennen. Oh wie liebreich hast du schon auf dieser Insel für mich gesorgt! Und gewiss hast du mich nur aus den weisesten, liebevollsten Absichten hierher geführt! Wie glücklich bin ich, dass ich dich erkenne! Wie unglücklich, wie strafbar wäre ich, wenn ich deiner je vergessen könnte! Wie ich hier auf dieser fremden Insel stets an meinen Vater auf Erden denke, so will ich auch deiner stets gedenken, liebster Vater im Himmel. Oh wie selig ist der Mensch, der dich erkennt, dich liebt, sein Vertrauen auf dich setzt! Er ist nirgends allein; überall ist ein Freund mit ihm, an den er sich in allen Nöten wenden kann. Ja bei dir, liebster Vater im Himmel, finde ich immer die sicherste Zuflucht, den einzigen Trost, die beste Hilfe. Und wie ich meinen Vater auf Erden noch einmal von Angesicht zu sehen hoffe, so wird auch der selige Augenblick kommen, wo ich dein Angesicht sehen werde.«

Gottfried betete täglich sein Morgen- und Abendgebet mit grosser Andacht; ebenso betete er vor und nach seiner einsamen Mahlzeit. Er dankte Gott für jede seiner Gaben. Da er in seiner tiefen Einsamkeit durch nichts zerstreut wurde und nur wenige Gegenstände um sich sah, so betrachtete er diese mit desto grösserer Aufmerksamkeit und lernte Gott in seinen Werken immer mehr erkennen.

Oft ging er auf die höchste Felsenspitze, um die Sonne aufgehen zu sehen. Wenn nun Himmel und Meer immer röter und heller glühten, die Wolken zu brennen schienen und endlich die Sonne als eine grosse feurige Kugel heraufkam, so erfüllten Andacht und Anbetung sein ganzes Herz. Er sank dann auf die Knie nieder und betete denjenigen an, der dieses Wunderwerk hervorgebracht hat. Wenn man den frommen Knaben so hätte abmalen können, wie er auf dem Felsen kniete und die rötlichen Strahlen der aufgehenden Sonne sein Angesicht und seine Hände beleuchteten, es hätte ein schönes Gemälde gegeben! Ebenso betete er sein Abendgebet am liebsten, wenn er die untergehende Sonne betrachtete. »Du, oh Vater im Himmel, bist es ja«, sprach er, »der sie aufgehen und untergehen lässt, damit sie den Menschen, deinen Kindern, leuchte, und allem, was lebt, grünt und blüht, Wärme, Wachstum und Gedeihen gebe.«

Auch den sanften, freundlichen Mond betrachtete er oft mit frommer Freude und ergötzte sich sehr an seinem regelmässigen Abnehmen und Zunehmen, das er früherhin nicht so genau bemerkt hatte. »Oh, wie liebreich und mild muss derjenige sein«, sprach er, »der ihn den Menschen nach vollbrachtem heissem Tagewerk so mild und sanft leuchten lässt!«

In hellen mondlosen Nächten freute er sich der unzähligen funkelnden Sterne. Er stieg oft auf seine Felsenspitze, um den Sternenhimmel ganz zu überschauen. Erst jetzt, da er mehr darauf achtete, nahm er wahr, dass einige Sterne auf und unter gingen, und einen so weiten Weg um den Himmel machten wie die Sonne; dass andere aber kleinere Kreise durchliefen, ohne je unterzugehen; ja, dass sich das ganze Sternengewölbe um einen Stern, der nie von der Stelle kam, zu drehen schien. Er bemerkte, dass die Sterne täglich etwas früher aufgingen, dass von Monat zu Monat immer neue Gestirne, die er noch nie hatte aufgehen sehen, zum Vorschein kamen, bis endlich nach Verlauf eines Jahres wieder die nämlichen aufgingen. Auch bemerkte er, wiewohl er noch nie von Fixsternen und Planeten gehört hatte, dass fast alle Sterne immer sich gleich weit voneinander hielten; dass jedoch einige wenige von ihnen ihren eigenen Weg durch den Himmel machten und bei anderen Sternen vorbeiwanderten; dass der hellste und schönste aller Sterne sich nur am Morgen- und Abendhimmel sehen lasse und zuzeiten so lebhaft glänze, dass Felsen und Bäume einen sichtbaren Schatten werfen. Alles dieses machte ihm grosse Freude. Ja, wenn so eine recht schöne, sternhelle Nacht war, besonders im Winter, da gerade die schönsten Gestirne am Himmel stehen, so konnte er den überall funkelnden gestirnten Himmel nie ohne einen heiligen Schauer der Ehrfurcht ansehen. »Es ist doch wahr«, rief er, »die Himmel erzählen von der Herrlichkeit Gottes, und das Firmament verkündet die Werke seiner Hand.«

Aber auch die Werke Gottes auf Erden, soviel davon auf der unfruchtbaren Felseninsel zu sehen war, erregten fromme Empfindungen in ihm und erweckten ihn zur Andacht. »Wie dort oben der blaue Himmel mit Sternen geschmückt ist«, sprach er eines Tages im Frühling, »so ist der grüne Rasen hier vor meiner Höhle mit schönen, goldgelben Blumen geziert, deren zarte Blättchen sich wie Strahlen ausbreiten.« Gottfried hatte in seiner Kindheit mit seinen Gespielen aus den Stielen solcher Blumen öfter Ketten gemacht; auch die wollenen Kugeln, die nach dem Abblühen der Blumen entstehen, mit kindlicher Lust auseinandergeblasen und sich der umherfliegenden Flocken gefreut. Jetzt aber sah er sie ganz anders an! »Auch in diesen wenig geachteten Blumen«, sagte er, »zeigt sich die Weisheit und Güte Gottes. Jede dieser Federflocken trägt unten ein kleines Samenkörnlein; jedes Samenkörnlein ist gleichsam ein Schifflein mit Segeln, deren viele von dem festen Land durch die Luft hierher segelten. Da der Wind diese Samenkörnlein gar so leicht fortführt, so geschieht es, dass auch dort oben an den Felsenwänden solche Blumen wachsen. So wurden, lange bevor ich hierher kam, fast überall Blumen angesät, deren Kräuter und Wurzeln mir Nahrung gewähren.«

Die Tannen, die einzigen Bäume, die es auf seiner Insel gab, waren ihm sehr liebe Bäume. »Wenn diese Bäume mir nicht Holz lieferten«, sagte er, »so stünde es um meine Küche sehr schlecht, und ich würde den kalten Winter kaum überleben.« Er betrachtete die glänzend braunen, zierlich geschuppten Tannenfrüchte, mit denen er ehemals als ein kleiner Knabe gespielt hatte, sehr aufmerksam; er löste die Schuppen mit seinem Messer ab und entdeckte nun, dass unter jeder Schuppe sich zwei geflügelte Samenkörnlein befanden. »Auch diese Samenkörnlein«, sprach er, »sind vom festen Land herübergeflogen; diese Tannen auf den Felsen umher sind auf ähnliche Art wie jene gelben Blumen gepflanzt worden. Wie könnte sonst der Samen so hoch hinauf gekommen sein auf die Spitzen dieser Felsen! Die Wurzeln der Tannen sind auch recht dazu geschaffen, sich an den harten Felsen festzuklammern. Sie kriechen manchmal weit umher und suchen, als hätten sie Verstand, überall an den glatten Felsenwänden, bis sie eine Ritze oder Spalte finden, worin sie sich einbohren können. Die Stämme der Tannen wachsen schlank und gerade wie Kerzen empor und sind so biegsam, dass sie im Sturm nur hin und her schwanken, aber nicht leicht brechen. Geradeso wie es sein müsste, damit sie in solcher Höhe aushalten können. Ihre Äste und Zweige bleiben auch im Winter grün und gewähren, wenn alle anderen Bäume kahl sind, manchem armen Vögelein Schutz. Auch sind die Tannen, sie mögen noch mit jungem, frischem Grün geschmückt emporwachsen, oder sich schon hoch zum Himmel erheben, recht schön anzusehen. Wenn ich zwischen den dunkelgrünen Zweigen der Tannen vor meiner Höhle zum Himmel hinauf blicke, so dünkt er mir noch einmal so schön blau, und der Mond scheint mir noch einmal so helle.« Gottfried schonte deshalb auch die zwei Tannen vor seine Höhle und holt sich sein Holz lieber weiter her.

Auch die zarten, grünen Moose, die Gottfried sonst wenig geachtet hatte, betrachtete er jetzt mit grosser Aufmerksamkeit. »Wie gut hat Gott doch alles eingerichtet!« sprach er. »Auch das kleinste Moospflänzchen ist ein Wunder seiner Weisheit und Güte. Es gleicht einem winzig kleinen Tannenbäumchen; und wie zart gewoben erscheinen, gegen das Licht gehalten, die kleinen Blättchen! Alle Gewebe von Menschenhand sind dagegen rauh und grob!« Er bemerkte die kleinen Kapseln, die den Samen enthalten. »Wie nett sind diese kleinen Büchschen!« sagte er; »sie sind wie winzig kleine Kelche gestaltet und mit Deckeln versehen. Die Samenkörnlein sind so klein wie feiner Staub. Wenn die Samen reif sind, fallen die Deckel ab, und der Wind streut den Samenstaub weit umher. So wurden diese Moose überall so reichlich ausgesät. Dem härtesten Felsen gewinnen sie Nahrung ab und bekleiden ihn mit lieblichem Grün. Das zarte, weiche Moos dient dem Vögelein, das dort singt, zu seinem Nestchen, und mir zu einem Bett. Wie unzählige solcher Moosfäserchen brauchte ich dazu, mir ein weiches Lager zu bereiten? Wenn sie nicht so reichlich vorhanden wären, so wäre ich auf dem harten Felsen hart gebettet gewesen! Auch hätte ich meine Höhle nicht so gut gegen die Kälte verwahren können. Ja, du lieber Gott, alles, von der hohen Tanne bis zu dem niedrigen Moos, verkündet deine Macht. Die ganze Erde ist voll deines Ruhmes. Himmel und Erde sind gleichsam ein Tempel deiner Herrlichkeit. Mein Herz aber soll dir ein geheiligter Altar sein.«

Wiewohl nun Gottfried Himmel und Erde als einen Tempel Gottes betrachtete, so fiel es ihm doch äusserst schwer, dass er keine Kirche mehr besuchen konnte. »Irgendein christliches Zeichen zur frommen Erinnerung sollte ich doch hier haben«, sagte er; »solche Zeichen können uns Menschen leicht zur Andacht bewegen.« Er fand ein schönes Tannenstämmchen, dessen braune Rinde mit zartem, gelbem und weissem Moos bewachsen war; er zerteilte es mit seinem Handbeil in zwei Stücke, ein längeres und ein kürzeres, fügte daraus ein Kreuz zusammen und errichtete es auf einem schönen, grünbemoosten Felsen nicht weit von seiner Höhle.

»Das Zeichen des Kreuzes«, sprach er, »dieses heilige Zeichen unserer Erlösung ist so einfach, dass man es überall leicht zustande bringen kann; und doch erinnert es uns so schön an unseren Erlöser, der für uns am Kreuz starb! Sonst ziert man die Kreuze wohl mit Gold und Edelsteinen. Allein auch der einfache Schmuck von Moos nimmt sich nicht übel aus und ist dem Aufenthalt eines armen Einsiedlers wohl angemessen.« Vor diesem Felsen mit dem Kreuz, den er seinen Hausaltar nannte, betete er nun öfter sein Morgen- und Abendgebet; ein Stein, den er herbeigewälzt hatte, diente ihm zum Betschemel.

Seine Eltern hatten ihn einige schöne, kurze Gebete auswendig beten gelehrt. Er freute sich sehr, dass er sie gut im Gedächtnis behalten hatte, und betete sie alle Tage. Er sah wohl ein, dass sie gute Gedanken in ihm erregten und ihm gleichsam Flügel waren, sein Herz zum Himmel zu erheben. »Freilich«, sagte er, »wenn Gott einem eben eine grosse Wohltat erwiesen hat oder wenn man sich eben in einer grossen Not befindet, ist es nicht nötig, Gebete auswendig zu wissen. Die Not und ein gerührtes Herz lehren uns dann schon beten. Allein es gibt doch viele Stunden, wo uns keine besondere Not drückt und wir auch keine besondere Freude haben. Da kommen uns solche kleinen Gebete sehr zugut. Diese kurzen Gebete, die ich auswendig weiss, sind ein Gebetbüchlein, das meine lieben Eltern mir mit auf meinen Lebensweg gegeben haben; auch habe ich dieses Büchlein immer bei mir und – kann es nicht verlieren.«

Seine Eltern hatten ihn auch mehrere Sprüche aus der heiligen Schrift auswendig lernen lassen. Auch diese Sprüche, besonders die Aussprüche Jesu, wiederholte er alle Tage, damit er, da er jetzt kein Buch mehr hatte, in dem er sie nachlesen konnte, sie nicht vergessen möge. Er überdachte diese Sprüche und fand Erbauung und Trost darin. »Diese schönen Sprüche«, sagte er, »sind wie ein Schatzkästlein voll Edelsteine, die man mir nicht stehlen kann, die mir grosse Freude machen und für mich einen unermesslichen Wert haben!«

Gottfried erinnerte sich in seiner Einsamkeit öfter an Johannes in der Wüste. »Es war doch der Wille Gottes«, dachte er, »dass Johannes, der ein heiliger Mann werden und viel Gutes unter den Menschen bewirken sollte, seine Jünglingsjahre in einer Wüste zubringen musste. Die Einsamkeit muss also doch ihr Gutes haben. So hat Gott auch mich wohl nicht ohne Ursache hierher geführt!« In der Tat ward das einsame Leben dem guten Knaben sehr heilsam. Er wuchs in seiner stillen Einsamkeit zu einem sehr frommen, guten Jüngling heran.

Achtes Kapitel.

Neue Leiden und Mühen.

Bisher war Gottfried auf seiner Insel immer vollkommen gesund gewesen. Allein eines Tages trat er sich ein Stück von einer scharfen Meermuschel tief in die Ferse. Denn seine Schuhe hatte er auf den steinigen Wegen längst durchgetreten und konnte sie nicht mehr gebrauchen. Die Wunde entzündete sich und verursachte ihm grosse Schmerzen. Er bekam ein Wundfieber und konnte kaum mehr von seinem Lager aufstehen. Er hatte unsägliche Mühe, auf seinen Stab gestützt, an die Quelle zu gehen und sich einen Krug Wasser zu holen, um seinen brennenden Durst zu löschen. Er war froh, dass er keine Lust zu essen hatte; denn aus dem Behälter einen Fisch zu holen und ihn zuzubereiten wäre ihm fast unmöglich gewesen. Es fehlte ihm an Leinwand, seine Wunde zu verbinden. Der arme Gottfried war in der Tat sehr bedauernswert.

Wie er nun, unter grossen Schmerzen und glühend von Hitze, hilflos auf seinem Moosbett in der dunklen Höhle so dalag, da gedachte er mit mehr Wehmut als je an sein väterliches Haus. »Ach«, sagte er, »wenn mir zu Hause etwas fehlte, wie haben meine Eltern da so liebreich für mich gesorgt! Mein Vater ging selbst, einen Arzt zu rufen. Die Mutter reichte mir unter freundlichem Zureden die Arznei, brachte mir warme Suppen an mein Bett und legte mir meine Betten zurecht. Meine Geschwister hatten das grösste Mitleid mit mir und waren nur darauf bedacht, mich zu trösten und mir alle erdenklichen Gefälligkeiten zu erweisen. Alle beteten für mich! Hier aber bin ich so ganz allein und von aller menschlichen Hilfe verlassen! Ach, es wäre schrecklich, wenn ich so einsam und verlassen hier sterben müsste!«

Er vergoss heisse Tränen, erhob seine Hände und betete: »Oh du guter Gott, liebster Vater im Himmel, du meine einzige Zuflucht! Wenn ich gleich von aller Welt verlassen bin, so verlässest doch du mich nicht! Ja, erbarme du dich meiner! Du hast mir noch immer geholfen; hilf mir auch jetzt. Ach, lass mich wieder gesund werden! Gib nicht zu, dass ich auf dieser einsamen Insel sterbe; führe mich wieder zurück zu meinen geliebten Eltern!«

Er sah es jetzt mehr als je ein, dass er gegen seine guten Eltern nicht so dankbar, so gehorsam war, als er es hätte sein sollen. »Ach, lieber Gott«, sagte er, »vielleicht hast du mich auch deshalb hierher auf diese Insel verwiesen, damit ich diese meine Fehler erkenne und mich bessere. Ach, verzeih mir, liebster Vater! Ich verspreche es dir, wenn du mich je wieder zu meinen Eltern zurückkommen lässt, so will ich gewiss die lautere Liebe und Dankbarkeit gegen sie sein und ihnen mit dem bereitwilligsten Herzen gehorsamen.«

Er dachte mit betrübtem Herzen daran, dass er seinen lieben Geschwistern oft unfreundlich begegnet, mit ihnen gezankt und sie mit rauhen Worten betrübt hatte. »Ach, wie mich das jetzt reut!« seufzte er. »Verzeih mir doch, liebster Vater im Himmel, und führe mich wieder zu ihnen zurück! Oh gewiss, gewiss werde ich mich dann befleissigen, mit ihnen in der vollkommensten Eintracht zu leben und ihnen der liebevollste Bruder zu sein!«

»Ach«, sprach er öfter, »ich wusste das Glück, so liebe Eltern, so gute Geschwister zu haben, als ich noch bei ihnen zu Hause war, nicht genug zu schätzen! Ich habe dieses Glück durch Eigensinn und Unbesonnenheit oft gestört! Ach, lass mich, liebster Vater im Himmel, Eltern und Geschwister noch einmal sehen, dass ich sie um Verzeihung bitte, ihnen durch ein besseres Betragen Freude mache und ihnen das viele Gute, das sie mir erwiesen haben, doch in etwas vergelte!«

So und auf ähnliche Weise betete Gottfried in seiner Krankheit öfter. Gott liess ihn wieder gesund werden. Gottfrieds Wunde fing an zu heilen, das Fieber nahm immer mehr ab und verliess ihn endlich ganz. Als er das erstemal wieder frei und ohne Stab aus seiner Höhle hervorgehen konnte, dankte er Gott auf den Knien, dass er ihm seine Gesundheit wieder geschenkt hatte. Neues Vertrauen auf Gott durchdrang sein Herz. »Lieber, himmlischer Vater!« sagte er voll frohen Mutes; »meinen einen Wunsch hast du erfüllt und mich wieder gesund werden lassen; ich bin voll der freudigen Hoffnung, du werdest auch meinen zweiten Wunsch erfüllen und mich dereinst zu meinen lieben Eltern zurückführen.«

Gottfried war, da er sich wiederhergestellt sah, nun vor allem darauf bedacht, sich eine Art Schuhe zu verfertigen, damit er seinen kaum geheilten Fuss nicht wieder verletze. Er machte mit Hilfe seines Beiles und Messers aus einem Brettchen des zertrümmerten Schiffleins starke Sohlen; aus dem Leder seiner alten Schuhe schnitt er Riemen und nagelte sie mit den Nägeln aus den alten Schuhen an den Sohlen fest. Die neuen Schuhe, dergleichen man sonst Sandalen nannte, gelangen ihm so gut, als es mit seinen unvollkommenen Werkzeugen nur immer sein konnte.

Allein Gottfried hatte auch neue Kleider nötig. Die alten waren ihm zu klein geworden und so abgetragen und zerrissen, dass sie ihn wenig mehr gegen Frost schützten. Bei rauher Witterung fror es ihn manchmal so heftig, dass er mit den Zähnen klapperte und auf's neue krank zu werden fürchtete. Er zog zwar an kalten Tagen den Mantel seines Vaters an. Allein der Mantel war ihm zu lang, und er schleifte ihm nach; auch die Ärmel reichten ihm weit über die Hände hinaus und waren ihm, obwohl er sie aufstülpte, bei der Arbeit sehr unbequem. Der Mantel war aus dauerhaftem braunem Tuch und beinahe noch wie neu. Er beschloss daher, sich daraus ein langes Kleid zu verfertigen, das bis auf die Erde reichte und für eine vollkommene Kleidung gelten konnte, wie er sie einmal an einem Klausner gesehen hatte. »Aber«, sagte er, »woher nehme ich Nadel und Faden und eine Schere?« Zur Nadel schliff er ein Stück eines abgebrochenen Nagels zu; die grösste Mühe machte es ihm, mit einem andern zugespitzten Nagel das Nadelöhr durchzubohren. Zu seinem Glück hatte er einst in der Werkstätte des Schmieds bemerkt, wie das Eisen nicht nur, solange es glühe, sehr weich sei, sondern auch nachher noch ziemlich weich bliebe; wie es aber, wenn man es glühend in kaltes Wasser tauche, sehr hart werde. Er dankte Gott, der zum Nutzen der Menschen dem Eisen diese zwei wunderbaren Eigenschaften gegeben hat, und brachte eine ziemlich ordentliche Nadel zustande, die aber doch eher einer Packnadel als einer Nähnadel glich. Um Faden zum Nähen zu bekommen, zog er die Überreste eines leinenen Strumpfes auf, den er längst abgelegt hatte. Anstatt der Schere bediente er sich des Messers, das er an einem Stein wohl schärfte. Er machte sich nun an die Arbeit, schnitt den Mantel auf einem Brett zu einem langen Rock zu und nähte ihn, so gut er konnte, zusammen. Zum Gürtel bestimmte er den Strick, mit dem einst das Schifflein angebunden war, und den Sonne und Regen indes hübsch weiss gebleicht hatten. Da auch sein Strohhut morsch und unbrauchbar geworden, so versuchte er, aus Binsengras einen neuen Hut zu flechten, was ihm, als einen jungen Korbmacher, sehr gut gelang. Er zog hierauf seine neue Kleidung an und stand nun in der braunen Kutte und mit dem weissen Strick um den Leib, den dunkelgrünen Binsenhut, den er an beiden Seiten etwas aufgeschlagen hatte, auf dem Kopf, und mit seinem langen Stab von Weidenholz in der Hand ganz als Einsiedler gekleidet da. Er ging an das Meer, besah sich in dem spiegelklaren Wasser und musste selbst ein wenig über seine Gestalt lächeln. »Nun«, sagte er, »seh' ich gerade so aus wie der Bruder Klausner, der uns, als ich noch zu Hause war, zuzeiten besucht hat. Meine Kleidung ist freilich etwas rauh und schlecht gemacht. Allein sie hält doch so warm, als wäre sie aus dem feinsten Tuch auf's Kunstreichste zugeschnitten und auf das schönste ausgenäht. Ich erkenne diese Kleidung für eine grosse Wohltat Gottes und will ihm täglich dafür danken.«

Während Gottfried an seiner Kleidung arbeitete, stellte er allerlei nützliche Betrachtungen an. »Bevor ich hierherkam«, sagte er, »habe ich nie daran gedacht, wie gut es sei, unter mehreren Menschen zu wohnen. Wie viele tausend Menschen müssen zusammen helfen, bis ein Mensch gekleidet wird! Wie viele Menschenhände mussten in Bewegung sein, bis nur der Flachs, woraus der Faden, den ich eben jetzt einfädle, gesponnen ist, oder bis das Stroh, woraus mein alter Strohhut hier neben mir geflochten worden, auf dem Acker wachsen konnte! Bevor der Bauersmann den Acker pflügen kann, muss er einen Pflug haben. Das Eisen dazu musste von den Bergleuten aus den Bergen herausgegraben werden; man musste es dann schmelzen und auf dem Eisenhammer schmieden. Wie viele Menschen mussten zusammenarbeiten, bis alle Werkzeuge für Eisenbergwerk, Eisenschmelze und Eisenhammer zustandekamen? Der Wagner verfertigte die Räder und das Gestell des Pflugs. Auch da musste erst das Holz dazu im Wald gefällt werden, wozu wieder eine Axt nötig war. Und wie vielerlei Eisen zum Bohren und Zuschneiden braucht ein Wagner? Alles dieses musste wieder von Menschenhänden verfertigt werden. Der Schmied muss den Pflug und die Räder beschlagen; auch er brauchte Esse, Kohlen, Blasebalg, Hammer, Zange und Amboss. Auch diese konnten nur durch den vereinigten Fleiss mehrerer Menschen zustandekommen. Bevor man die Rosse an den Pflug spannen konnte, brauchte man Geschirr und Stränge. Da gab es dann nicht nur für Sattler und Seiler vieles zu tun; es mussten noch vorher von vielen Menschen die Werkzeuge dazu verfertigt werden. Alles dieses und vieles andere musste geschehen, bevor der Bauer Flachs oder Korn auf seinem Acker anbauen konnte. Und nachdem die Saat zur Ernte reif ist, sind noch eine Menge von Arbeiten notwendig. Man muss den Flachs ausraufen, riffeln, dörren oder beizen, schwingen und hecheln, bis man endlich einen Faden spinnen kann. Das Korn musste der Schnitter schneiden, der Drescher dreschen, bis endlich der Strohflechter das Stroh bekam und einen Strohhut daraus flechten konnte.«

Ebenso sann Gottfried nach, welch eine Menge von Händen geschäftig sein musste, um die Wolle zu gefärbtem Wollentuch zu verarbeiten; wie viele Werkzeuge und Gerätschaften, Webestühle, Walkmühlen, Färberkessel und unzählige andere Dinge dazu schon vorher fertig sein mussten; wie viele Arbeiter, denen wieder andere Handwerker vorarbeiten mussten, nötig waren, um alles dieses herzustellen, bis man endlich Schere und Nadel ergreifen und eine vollständige Kleidung verfertigen konnte.

»Was nur eine einzige Nadel für Arbeit kostet«, sprach Gottfried, »davon kann ich sagen. Und nun kauft man mehrere um einen Kreuzer, weil immer ein Mensch dem andern in die Hände arbeitet. Es ist eine schöne Einrichtung, dass immer viele Tausende für einen arbeiten; so soll auch jeder einzelne zum Wohl anderer durch seine Arbeit beitragen, damit das Ganze bestehe. Der Vornehmste soll daher den Geringsten nicht gering achten, der Geringste den Vornehmen nicht beneiden. Einer muss durch den andern und für den andern leben. Wer nicht arbeitet, soll nicht essen. Das richtete Gott so ein, damit die Menschen, die sich gegenseitig so nötig haben, einander lieben, und sich miteinander vertragen mögen. Oh, es ist gut, in der menschlichen Gesellschaft zu leben! Wer von aller menschlichen Gesellschaft abgeschieden ist, der muss sich viel plagen und viele Bequemlichkeit entbehren. Wenn ich wieder unter die Menschen zurückkomme, so werde ich es mich gewiss nicht verdriessen lassen, fleissig zu arbeiten. Ich will durch unermüdeten Fleiss auch meinen Teil zur Erhaltung des Ganzen beitragen.

Doch alles, was ich aus der menschlichen Gesellschaft mit hierher brachte, Kleidung, Leinwand, Faden, Eisen, so unentbehrlich es mir auch ist, wie ist es so wenig, so gar nichts gegen den Unterricht, den ich zu Hause, in der Schule und Kirche, erhielt! – Oh du lieber Gott«, rief er, »was wäre ich ohne Kenntnis von dir, von deinem lieben Sohn, von seinen Lehren und Verheissungen! Ich wäre der elendeste Mensch auf Erden! Oh dass doch alle Menschen einsehen möchten, welcher Segen, welches Heil es ist, dich, oh Vater, und den du gesandt hast, Jesus Christus, zu erkennen!«

Neuntes Kapitel.

Ein grosses Unglück.

Gottfried lebte, da er wieder gesund war und ganze Kleider anzuziehen hatte, nun wieder ruhig und zufrieden auf seiner Insel. Allein die Sehnsucht nach seinen geliebten Eltern erfüllte immer sein Herz und nahm mit jedem Tag noch zu. Er ging noch immer, mehr als einmal des Tages, auf den Felsengipfel und schaute nach allen vier Weltgegenden, ob er nicht irgendwo ein Schiff erblicke. Wirklich sah er auch manches Schiff, das gerade auf die Insel zufuhr – und ihm klopfte das Herz allemal vor Freude. Allein jedesmal wendete sich das Schiff, bevor es der Insel näher kam, und fuhr in weiter Ferne rechts oder links an der Insel vorbei. Gottfried zweifelte nun nicht mehr, dass alle Schiffe die Insel mit Vorsatz vermieden. Allein warum sie die Insel so flohen, konnte er lange nicht begreifen. Indes kam er nach und nach auf die rechte Ursache. Weit umher um die Insel ragten viele Felsen aus dem Meer hervor, und noch mehrere waren unter dem Wasser verborgen, was man an dem Aufbrausen der Wellen, die sich an ihnen mit Gewalt brachen, leicht abnehmen konnte. Um nun an diesen Klippen nicht zu scheitern, wollten die Schiffer ihnen nicht näher kommen. Als eines Tages wieder ein Schiff mit vollen Segeln auf die Insel zusegelte, plötzlich alle Segel einzog, hingegen alle Ruder in Bewegung setzte und sich seitwärts wendete, ward Gottfried sehr traurig. Allein er fasste sich wieder und ergab sich in den Willen Gottes. – »Gott will es nun einmal so haben«, sprach er, »dass ich noch länger auf dieser Insel bleibe; und so geschehe sein Wille. Kommt einmal die Stunde, die er bestimmt hat, mich aus meiner Gefangenschaft zu befreien, so wird er leicht Mittel und Wege finden. Ihm sei alles anheimgestellt! Er wird alles recht machen.«

Gottfried dachte, er werde wohl noch mehr als einen Winter hier zubringen müssen, und versah sich wieder mit Holz. Er fällte manche Tanne, spaltete das Holz und schichtete die Scheiter an der Felsenwand nächst seiner Höhle auf. Er sammelte und trug auch eine Menge dürrer Äste und Zweige dazu, um sie gelegentlich in kleine Büschel zu binden, mit denen er leichter und schneller ein Feuer aufschüren könne.

Eines Tages hatte er an einem hohen Felsen, ziemlich weit von seinem Tälchen, eine Tanne gefällt, die mit grossem Gekrach in eine tiefe Felsenschlucht hinabgestürzt war. Er arbeitete nun vom frühen Morgen an unausgesetzt, Scheiter daraus zu machen. Da er keine Säge hatte und das Holz mit seinem Handbeil abhauen musste, so kostete ihn dieses viele Mühe, und er vergoss manchen Schweisstropfen. Als endlich Mittag vorüber war und es anfing, ihn zu hungern, machte er sich, indem er eine schwere Last Holz auf seine Schultern nahm, auf den Weg zu seiner Wohnung. Allein als er aus der Schlucht heraufkam – wie erschrak er! Er sah zwischen den Felsen, gerade dort, wo seine Höhle sich befand, dicke, schwarze Rauchwolken aufsteigen; und zwei schauerlich rote Flammen, hoch und gross wie zwei Turmspitzen, loderten zum Himmel empor.

Gottfried hatte schon von Bergen gehört, die zuzeiten Feuer auswerfen. Er fürchtete, ein unterirdisches Feuer sei ausgebrochen und könnte leicht die ganze Insel verheeren. Er warf seine Holzbürde ab, näherte sich mit bebendem Herzen seinem kleinen Tal und blieb höchst bestürzt unter dem Eingang stehen. Er sah nichts als Rauch und Flammen; das Prasseln und Knallen des Feuers betäubte ihn fast. Es war ihm indes einiger Trost, dass die Flamme nicht aus der Erde ausgebrochen war; er konnte sich auch leicht denken, wie das Feuer ausgekommen sei. Einige von den dürren Reisern, die er auf dem grünen Platz vor der Höhle aufgehäuft hatte, waren dem Feuerherd in der Felsenecke zu nahe gelegen. Der Wind hatte die Glut unter der Asche angefacht und einige Reiser dahin geweht, diese loderten sogleich in hellen Flammen auf und entzündeten die übrigen. So gerieten der Holzstoss, die Tür vor der Höhle, Tisch und Bank und das Bretterdach, das eben jetzt mit Krachen herabstürzte, in Brand. Ja auch die zwei grossen, alten Tannen flammten gleich zwei ungeheuer grossen brennenden Fackeln hoch empor. Sie waren eben die Flammen, die er schon von weitem erblickt hatte.

In den ersten Augenblicken überschaute Gottfried noch nicht, welchen unersetzlichen Schaden ihm die Feuersbrunst verursacht hatte. Er macht sich indes bittere Vorwürfe, dass er mit dem Feuer nicht vorsichtiger gewesen. Er jammerte um sein Küchengeschirr, um seinen Vorrat von Holz und sein hölzernes Gerät. »Lieber Gott«, sagte er, »das herabgefallene Dach hat meinen Kochtopf zerschlagen; nun kann ich keine Fische mehr sieden. Auch mein Wasserkrug ist zu Scherben zerbrochen! Sooft ich trinken will, muss ich von der Höhle bis zur Quelle gehen. Ich habe weder Tisch noch Bank mehr, ja weil auch das Bretterdach verbrannt ist, habe ich ausser der Höhle kein trockenes Plätzchen mehr, wenn es regnet; sogar die Tür zu meiner Höhle ist in Asche verwandelt und kann mich ferner nicht mehr vor Kälte schützen!«

Doch jetzt erst fiel ihm ein, was für ihn das Schlimmste war; er schlug laut jammernd die Hände zusammen und rief: »Oh du mein Gott, welch ein grosses Unglück ist das für mich armen Knaben! Alle meine Schnüre, die mir zum Fischen so unentbehrlich waren und die ich sorgfältig unter dem Bretterdach aufgehängt hatte, um sie zu trocknen, sind im Feuer aufgegangen! Was soll ich nun anfangen? Alle Leinwand, die ich hatte, habe ich bereits zu Faden ausgefasert und Schnüre zum Fischfang daraus gedreht – womit soll ich nun fischen? Die Fäden von dem wollenen Tuch, womit ich bekleidet, und von dem wergenen Strick, womit ich umgürtet bin, sind nicht haltbar genug und taugen nicht dazu. Ich weiss mir nicht mehr zu raten und zu helfen! Ich bin auf's neue in Gefahr, Hungers zu sterben. Während meiner Krankheit schauderte mir am meisten vor dem Gedanken, einsam auf dieser Insel sterben zu müssen. Ach du mein Gott, wenn du mir nicht eine besondere Hilfe sendest, so wird es doch noch dazu kommen, dass ich zwischen diesen schauerlichen, unfruchtbaren Felsen verschmachte!«

Gottfried war einige Schritte in sein Felsental hineingegangen. Allein er vermochte hier nicht lange zu verweilen. Der Boden glühte, die Luft zitterte von qualmender Hitze, geschmolzenes Harz regnete in hellen Feuerfunken von den brennenden Tannen herab, und der Rauch war fast erstickend. »Ach«, sprach er, »man sagt freilich, aus Unglück komme oft Glück! Allein, wenn ich diese schreckliche Verwüstung betrachte, so kann ich mir nicht vorstellen, wie aus dem Unglück, das mich betroffen hat, ein Glück entstehen sollte. Ich sehe meines Jammers kein Ende!«

Betrübt verliess er sein trauliches, ihm so lieb gewordenes Tal, setzte sich in einiger Entfernung auf ein Felsenstück und stützte die Wange trostlos auf die Hand. »Wenn ich unter Menschen lebte«, seufzte er, »so wäre der Schaden, den das Feuer anrichtete, bald wieder ersetzt! Für wenige Kreuzer könnte ich wieder Schnüre zum Fischen und einen Kochtopf und Wasserkrug kaufen. Und wenn ich auch nicht einen einzigen Kreuzer hätte, so würde ich leicht wohltätige Menschen finden, die mir gern einige Trümchen Schnüre und ein paar irdene Geschirre schenken oder mir das Geld dazu geben würden. Aber hier, so fern von Menschen, ist mein Verlust nicht zu ersetzen! Oh wie gut ist es doch, unter Menschen zu leben! Wie leicht kann einer das Unglück des andern mildern; mit wie wenigem kann einer oft den andern aus grosser Not erretten und ihn glücklich machen! Allein der arme Verlassene in seiner Einsamkeit muss in seiner Not umkommen! Oh wenn mir je wieder das Glück aufblühen sollte, unter Menschen zu leben, wie liebreich wollte ich mich aller Unglücklichen annehmen! Die Leiden, die Gott über uns schickt, haben auch das Gute, dass sie unser Mitleid mit anderen Leidenden zarter und stärker machen. Ach, wo dieses schöne, edle Gefühl fehlte, da wäre der Unglückliche mitten unter Menschen so verlassen, wie ich armer Knabe auf meiner einsamen Insel!«

Der arme betrübte Gottfried blieb, in traurige Gedanken vertieft, bis an den späten Abend sitzen. Er wollte nun in seine Höhle zurückkehren. Er kam in das Tälchen. Die Flammen waren zwar erloschen, allein Glut und Rauch waren noch zu heftig. Er musste anderswo eine Nachtherberge suchen. Das Wäldchen an der Quelle hatte er nach und nach umgehauen, um sich mit Holz zu versehen. Er musste daher unter freiem Himmel übernachten, und ein harter Felsen war sein Bett. Indes war Gottfried zu traurig und bekümmert, als dass der Schlaf ihm die Augen hätte schliessen können. »Ach«, seufzte er, »ich bin wie ein armes Vögelein, das aus seinem Nestlein verscheucht worden!« Eine mächtigere Sehnsucht nach seinem väterlichen Hause, ein schmerzlicheres Heimweh als je erwachte in seinem Herzen. »Oh wie vieles«, sprach er, »habe ich auf dieser Insel schon ausgestanden, und wie vieler Jammer wartet hier noch auf mich! Aber dort in meinem väterlichen Hause, oh wie gut hatte ich es da! Wenn ich nur wieder dort wäre, dann würde ich wieder neu aufleben!«

Er blickte mit weinenden Augen zum Himmel auf. Es war eine schöne Nacht; an dem ganzen Himmel war kein Wölklein zu sehen; die Sterne funkelten mit unbeschreiblicher Klarheit. »Oh Gott«, sprach er, »wie schön muss es im Himmel sein! Wie gut werden wir es einst haben bei dir! Nur da droben ist unsere Heimat, unser rechtes väterliches Haus! Wie ich von dieser rauhen, unfruchtbaren Insel, auf der ich als Fremdling lebe, mich hinübersehne nach dem festen Land, wo schöne Gärten mit lieblichen Blüten und köstlichen Früchten prangen, wo mein Vater mich mit offenen Armen aufnehmen würde; so und noch mehr sehne ich mich hinauf zu dir, lieber Vater im Himmel! Die ganze Erde gleicht dieser Felseninsel. Die Menschen auf Erden haben, wie ich hier auf dieser Insel, vieles zu leiden – Kummer, Frost, Hunger, Krankheit und zuletzt den Tod. Allein droben bei dir im Himmel, dort ist keine Plage und kein Leiden mehr, dort ist wahre, vollkommene Freude. Oh, wenn ich nur einmal dahin komme, wo ich einst meine lieben Eltern gewiss wieder zu sehen hoffe – so ist es einerlei, wieviel ich hier noch zu leiden habe! Ach, wenn heute doch ein Schiff vom festen Land herüberkäme, mich hinüberzubringen zu meinem Vater, wie würde ich mich freuen! So will ich mich freuen, wenn der Tod kommt, mich abruft von dieser Welt und mich hinüberbringt in die bessere Welt, in den Himmel!«

Zehntes Kapitel.

Die fernen Freunde.

Es waren jetzt drei Jahre verflossen, seit Gottfried vom Sturm auf die Insel geworfen worden. Seine Eltern dachten nichts weniger, als dass er noch lebe. Sie hofften ihn nur in dem Himmel wiederzusehen. Indes machten ihnen ihre übrigen Kinder viele Freude. Martha, nun bald vierzehn Jahre alt, war ein sehr fleissiges Mädchen. Auch Andreas, der damals, als Gottfried den Eltern entrissen wurde, erst neun Jahre alt war, leistete dem Vater bei seiner Arbeit bereits gute Dienste. Beide waren sehr gutartige, wohlgesittete Kinder.

Eines Tages nun, eben zu der Zeit, da die Nüsse wieder reif waren, sagte der Vater zu Andreas und Martha: »Kinder, wir wollen heute, da der Morgen gar so schön und das Meer so ruhig ist, miteinander hinüberfahren auf die grüne Insel. Ich brauche wieder Weidenzweige. Nebenbei könntet ihr dann einige Körbe voll Nüsse mitnehmen. Sie sind heuer so gut geraten wie vor drei Jahren, als unser lieber Gottfried noch lebte.« Vater und Kinder fuhren hinüber. Als sie genug Weiden geschnitten hatten, setzten sie sich unter einen Baum und assen Milch und Brot. »Liebe Kinder«, sagte der Vater, »dies ist eben der Pappelbaum, unter dem ich mit eurem Bruder Gottfried das letztemal zu Mittag gegessen habe!« Er erzählte die Geschichte hier an dem Ort, wo sie sich zugetragen hatte, noch einmal und schilderte jenen furchtbaren Sturm und Gottfrieds Jammer sehr rührend und lebhaft. »Seht«, sagte er am Ende und zeigte mit dem Arm hinaus in das Meer, »gerade dorthin sah ich ihn in den tobenden Fluten verschwinden!« Dem Vater standen die Tränen in den Augen; Andreas blickte seitwärts, eine Träne zu verbergen; Martha aber weinte recht von Herzen. Sie gingen hinauf zu dem Nussbaum und füllten ihre Körbe mit Nüssen. »Die Mutter wird sich freuen«, sagte Andreas, »wenn sie diese Menge von Nüssen sieht!« – »Ach«, sagte Martha, »die Mutter ist zur Zeit, da die Nüsse reif werden, allemal traurig. Sie denkt dann an unseren lieben Gottfried. Wenn sie diese Nüsse da erblickt, wird sie gewiss recht schmerzlich weinen!«

Der Vater wollte jetzt wieder nach Hause fahren. Allein Andreas sagte: »Lieber Vater! Ich bitte dich, geh mit uns doch noch zuvor hinauf auf den Berg da; dort oben muss man recht weit um sich sehen können.« – »Oh ja«, flehte Martha, »tu das, lieber Vater! Die Aussicht gegen das Land hin soll gar überaus schön sein.« Der Vater ging mit ihnen hinauf. Es war ein unvergleichlich schöner heiterer Herbsttag. Der Himmel war so rein und blau und die Luft so hell und durchsichtig, dass man in die weiteste Ferne sah. Die Kinder waren über den Anblick des fernen Landes entzückt. Andreas rief verwundert: »Oh wie klar und deutlich, wie schön und herrlich sind Berg und Tal, Felsen und Wälder und die vielen Ortschaften, Schlösser und Türme von hier aus zu sehen! Man könnte sie nicht schöner malen.« – »Und unser Dörflein«, rief Martha, »wie es in der weiten Ferne uns so klein vorkommt! Wie nett und freundlich es ist! Und unser Wohnhäuschen – siehst du es dort, Andreas? Wie schön weiss und reinlich es zwischen den grünen Bäumen dasteht! Oh wie scheint es gar so winzig klein! Die Fenster gleichen nur schwarzen Tüpfelein! Es deucht mich nicht grösser als ein Würfel, mit dem man spielt. Und wie der Herbst die Wälder schon zum Teil so schön bunt gefärbt hat! Und sieh nur, weiter hinein in dem Land, die blauen Berge, die sich hoch zum Himmel erheben, die wir aber von unserem Dorf aus wegen der näheren waldigen Berge nicht sehen können. Oh wie hat Gott doch alles so schön gemacht! Wie gut ist er! Es ist doch recht schön auf Erden. Wie schön muss es erst im Himmel sein!«

Andreas wandte sich jetzt gegen das weite Meer und rief erstaunt: »Vater, sieh, was ist das? Dort steigt aus dem Meer ein Rauch auf!« Der Vater sah die Rauchsäule, die hoch empor wallte, aber vom Wind etwas seitwärts gebogen wurde. Dieser Rauch kam von der Feuersbrunst auf Gottfrieds Insel. Der Tag, an dem der Vater sich mit den zwei Kindern auf der grünen Insel befand, war eben der Tag, an dem das Feuer den guten Gottfried in einen so grossen Jammer versetzt hatte. Allein der Vater sprach: »Ich weiss nicht, was das sein soll; ich fürchte, ein Meerschiff sei in Brand geraten!« – »Ach Gott!« rief Martha, »das wäre ja entsetzlich! Gott wolle sich dann der armen Leute erbarmen! Sie können dem Feuer nicht entrinnen, ohne in dem Wasser umzukommen!« Der Vater sah unverwandt hin. Die Sonne stand seitwärts; das Meer glänzte wie geschmolzenes Silber. »Mir ist's«, sprach der Vater, indem er die Hände über die Augen hielt, »ich sehe dort in dem Meer einen dunklen Fleck, aus dem der Rauch aufsteigt. Seht ihr ihn nicht auch?« – »Oh ja!« sagte Martha, die sehr gute Augen hatte; »ich sehe ihn deutlich; er hat oben zwei Spitzen.« – »Ich sehe die beiden Spitzen auch«, rief Andreas; »die eine ist etwas höher als die andere.« – »Das ist kein Schiff«, sagte der Vater; »ein Schiff ist anders gestaltet und käme in einer solchen weiten Entfernung auch nicht so gross heraus. Das muss eine Insel sein, von der ich aber bisher nichts wusste. Dort müssen Menschen leben; wie könnte sonst dort Rauch aufsteigen?« – »Mein Gott«, sprach Martha, »wäre es nicht möglich, dass dort unser lieber Gottfried noch lebte?« – »Ei«, rief Andreas, »das könnte gar wohl sein! Denn gerade gegen diese Gegend hin trieb ihn ja der Sturm!« – »Oh wenn er noch lebte, das wäre eine grosse Freude!« rief Martha und wurde vor freudigem Erschrecken ganz bleich. »Gott, dem Allmächtigen, ist kein Ding unmöglich«, sprach der Vater, »sein kann es gar wohl, dass Gott ihn erhalten hat!« – »Nun«, sagte Andreas, »so wollen wir geschwind hinüberfahren und ihn herüberholen!« – »Das geht nicht so schnell, lieber Andreas!« sagte der Vater, »indes werde ich es wagen. Ich muss mich aber erst um ein grösseres Schiff und um kundige Schiffer umsehen. Kommt und lasst uns eilends nach Hause fahren!«

Der Vater ruderte mit seinen zwei Kindern eilig nach Hause. Alle drei erzählten der Mutter ihre freudigen Vermutungen. Die Mutter war über diesen Funken von Hoffnung schon entzückt; ja die Hoffnung war ihr beinahe schon Gewissheit. Die übrigen Kinder jubelten laut.

Die Eltern riefen die Nachbarn zusammen. Die Meinungen dieser Männer waren aber sehr verschieden. »Ei was«, rief der Vorlauteste, »woher soll denn da eine Insel kommen? In meinem Leben habe ich nichts davon gehört. Sicher ist es ein brennendes Schiff gewesen.« – »Nein«, rief ein anderer, der alles besser wissen und verstehen wollte; »es war kein Schiff, sondern ein feuerspeiender Berg. Ich habe gehört, dass schon oft in dem Meer über Nacht solche Berge entstanden sind. Da könnten wir nun schön ankommen, wenn wir hinüberschifften. Die ausgeworfenen Flammen und glühenden Steine würden uns bald den Garaus machen.« – »Es sei nun ein Schiff oder ein Berg«, sprach ein dritter, »um tausend Gulden möchte ich in einem so kleinen Schifflein, dergleichen wir haben, mich nicht so weit in das Meer hinaus wagen.« – »Wenn du mir hundert Gulden gibst, Philipp«, sagte ein vierter, »so wag ich meine Haut daran; um weniger tu ich es aber nicht.«

Der alte, ehrliche Thomas gebot jetzt Stille und sprach: »Gevatter Philipp, ich fahre mit dir! Da hast du meine Hand darauf. Gottfried war immer ein lieber Knabe und ich bin sein Taufpate. Es ist zwar nicht gewiss, ja kaum wahrscheinlich, dass er noch lebt, aber doch möglich. Deshalb ist es der Mühe wert, dass wir die gefährliche Fahrt unternehmen. Derjenige, der uns Mut dazu gibt, wird uns auch durchhelfen!« Peter, ein kräftiger junger Mann, sagte: »Da du mitfährst, Thomas, so fahre ich auch mit. Da, schlag ein! Habe ich schon öfter mein Leben daran gewagt, einige armselige Fischlein zu fangen, so kann ich es auch einmal daran wagen, ein gutes Werk zu vollbringen. Allein für Geld ist mir mein Leben nicht feil. Ich verlange nichts. Denn solange ich lebe, würde es mich freuen, wenn wir den wackern Jungen zurückbringen könnten, und diese Freude wäre mir Lohns genug.«

»Gott gebe uns diese Freude!« sagte Thomas. »Wenn Wind und Wetter so günstig bleiben, wie heute, so fahren wir morgen früh mit anbrechendem Tag ab.« Die übrigen Männer gingen, den Kopf schüttelnd und Unglück weissagend, auseinander. Die zwei tapfern Männer, Thomas und Peter, blieben aber noch bei Gottfrieds Vater und unterredeten sich noch weiter mit ihm über die morgige Fahrt. Margareta, die Mutter, machte indessen Anstalten, sie mit hinreichenden Lebensmitteln zu versehen. Allein Thomas sprach: »Lass das! Ich nehme ohnehin zu dieser Fahrt mein grosses Schiff mit Segeln, und da behalte ich mir vor, es auch gehörig auszurüsten!«

Der folgende Morgen war schön, und es wehte ein günstiger Wind. Mutter und Kinder begleiteten den Vater und die zwei Männer bis an das Schiff. Als sie einstiegen, sagte die Mutter mit einem andächtigen Blick zum Himmel: »Ich und meine Kinder wollen indes unausgesetzt beten, bis ihr wieder glücklich zurückgekommen seid. Und Gott gebe, dass ihr meinen lieben Gottfried mitbringt!« Sie zogen das Segel auf, stiessen vom Land und fuhren an der grünen Insel vorbei, genau der Gegend zu, wo Gottfrieds Vater den dunklen Punkt im Meer bemerkt hatte, den sie aber jetzt noch nicht sehen konnten. Wie sie eine Meile weit über die grüne Insel hinaus waren, erschien er endlich, und sie sahen ihn, sowie sie weiter fuhren, immer deutlicher und grösser. »Brüder«, rief Peter, »es ist wahrhaftig eine Insel; nur brav darauf los gerudert! Ruder und Segel müssen zusammen helfen, damit wir bald dahin kommen.« Die Fahrt ging sehr schnell. Plötzlich rief aber Thomas: »Haltet und zieht das Segel ein. Hier sind viele Klippen im Meer; wir müssen sehr vorsichtig sein, um nicht zu scheitern. Grössere Schiffe als das meinige, dergleichen die Kaufleute haben, würden hier sicher steckenbleiben oder gar in Trümmer gehen.« Mit Hilfe der Ruder und vieler Mühe kamen die Männer endlich hindurch. Peter sprang zuerst an's Land und rief: »Da hätten wir einmal die Insel, und will's Gott, werden wir auch unsern Gottfried finden. Was man mit Gott und aus Liebe zu den Menschen anfängt, bringt man auch glücklich zuende.«

Die andern zwei Männer stiegen auch aus und banden das Schiff mit einem Seil, das sie um einen Felsklotz schlangen, fest. Thomas betrachtete die schauerlichen, unfruchtbaren Felsen umher und schüttelte den Kopf. »Da ist nicht gut wohnen«, sagte er; »wenn der arme Gottfried sich auf diese Klippe sollte gerettet haben, so sehe ich doch nicht ein, wie er da drei Jahre lang hätte leben können.« Sie fingen an, die Insel zu durchsuchen, und kletterten über Felsen und stiegen in tiefe Klüfte hinab. Endlich kamen sie auf einen betretenen Weg und bemerkten einige Fussstapfen, die in einen Felsen eingehauen waren. Sie stiegen hinauf. Der Weg führte gerade zu Gottfrieds Höhle. Der jugendliche Peter eilte voraus. Thomas, der für sein Alter noch sehr rüstig war, folgte ihm fast ebenso schnell. Gottfrieds Vater ging etwas langsamer. Der Anblick der schauerlichen Wildnis erschreckte ihn; Furcht und Hoffnung stritten in seinem Herzen. »Guter Gott«, dachte er, »wenn der arme Knabe noch leben sollte, so ist das ein Wunder deiner Güte und Allmacht! Nur deine väterliche Fürsorge für alles, was da lebt, konnte ihn hier erhalten.«

Elftes Kapitel.

Der unerwartete Besuch.

Gottfried hatte die Nacht traurig und schlaflos zugebracht. Als die rötliche Morgendämmerung anbrach und nach und nach den Himmel erhellte, wurde es auch in Gottfrieds trüber Seele heller. »Lieber Gott«, sagte er, »aus der finstern Nacht lässt du die freundliche Morgenröte hervorbrechen; so wirst du auch aus dieser meiner tiefen Betrübnis mir noch Freude zu schaffen wissen. Ach, damals, als ich meine letzte Nuss verzehrt hatte, war ich sehr verzagt, fürchtete zu verhungern und weinte bittere Tränen! Allein du verliessest mich nicht! Du halfest mir dazu, mich mit Fischen zu ernähren. Jetzt, da mir mein Fischerhandwerk gelegt ist und ich wieder nicht weiss, wovon ich leben soll, wirst du auf eine andere Weise für mich sorgen. Du verlässt diejenigen nicht, die dir vertrauen!«

Als die Sonne aufgegangen war und schön und herrlich am Himmel stand, ging Gottfried in sein kleines Felsental, und aus der Glut, die unter der Asche glimmte, stieg hier und da noch Rauch auf. Die Felsen umher waren von Rauch und Russ geschwärzt, alles Holzwerk vom Feuer verzehrt, und er sah von den grossen schönen zwei Tannen wenig mehr. Nur das Kreuz auf dem Felsen war von dem Feuer nicht erreicht worden und stand noch unversehrt da. »Das ist schön«, sagte Gottfried, »das ist mir ein liebliches Sinnbild! Wenn alles Staub und Asche wird, ja wenn einst die ganze Welt vom Feuer verzehrt sein wird, so bleibt doch das Heil noch, das uns der Erlöser erworben hat, der am Kreuz für uns den Tod der Liebe duldete.«

Gottfried kniete vor dem Kreuz nieder und betete: »Lieber himmlischer Vater! Verzeih mir, dass ich so verzagt und kleinmütig war und mich nicht sogleich an das Beispiel deines lieben Sohnes erinnerte. In seiner unbeschreiblichen Betrübnis ergab er sich ganz deinem Willen. Ich bin jetzt auch sehr bekümmert, und eine grosse Angst ergreift mich, wenn ich daran denke, dass ich nichts mehr zu leben habe. Allein, wie er betete, will auch ich beten: 'Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht mein Wille geschehe, sondern der deine!' Willst du diesen Kelch nicht vorübergehen lassen – nun, so gewähre mir nur ein Tröpflein Trost; denn einen Trostengel zu verlangen wäre doch zuviel!«

Indem Gottfried so betete, kamen die drei Männer in sein Felsental und sahen ihn in seiner Einsiedlertracht mit aufgehobenen Händen vor dem Kreuz knien. Er aber war so vertieft in seine Andacht, dass er sie nicht bemerkte. Der mutige Peter erblickte ihn zuerst und sagte leise zu den andern: »Seht, dort kniet ein frommer Einsiedler und betet. Der kann uns vielleicht Auskunft geben, ihn wollen wir fragen.« – »He, frommer Bruder«, rief er jetzt laut, »könnt Ihr uns nicht sagen, ob auf dieser Insel nicht ein gewisser Gottfried lebt?« Gottfried erschrak, so plötzlich eine Menschenstimme zu hören, die seinen Namen nannte. Er schaute um, erkannte seinen Vater, sprang auf ihn zu, fiel ihm um den Hals und rief mit lauter Stimme: »Oh mein Vater!« Vater und Sohn konnten vor Freude und Schrecken lange nicht reden und brachen in Tränen aus. »Oh liebster Vater«, sagte endlich Gottfried, »als ich dich erblickte, war es mir, als sähe ich einen Engel, den mir Gott gerade in der grössten Not zu Hilfe schickt!« Beide dankten mit einem Mund Gott, der sie einander wieder hatte finden lassen.

»Nun, nun«, sagte endlich Thomas, »schau uns andere zwei nur auch ein wenig an, lieber Gottfried! Kennst du deinen Taufpaten nicht mehr?« Gottfried grüsste seinen Taufpaten auf das herzlichste. Hierauf sprach auch Peter: »Grüss dich Gott, lieber Gottfried! Wie, lass dich einmal recht ansehen! Nun, du siehst gut aus und bist brav gewachsen. Allein, wie in aller Welt kommst du denn zu dieser Klausnertracht, und wie konntest du auf dieser Insel, die eine wahre Drachenwohnung ist, dein Leben durchbringen?« Gottfried fragte, ohne hierauf zu antworten, seinen Vater: »Was macht meine liebe Mutter? Wie leben meine Geschwister? Und wie kommt ihr so ganz unerwartet und gegen alle meine Hoffnung hierher?« Der Vater sagte: »Sie sind alle wohl und werden sich unbeschreiblich freuen, dich wiederzusehen! Allein lass jetzt das Fragen! Damit kämen wir an kein Ende. Erzähle du uns zuerst deine Geschichte von Anfang an und der Ordnung nach. Dann wollen auch wir dir erzählen, was sich indessen alles zu Hause begeben hat. Sieh, dort am Felsen mit dem Kreuz ist der Rasen schön grün und rein von Asche. Dort wollen wir uns zusammen hinsetzen und zuerst deine Geschichte vernehmen.« Sie gingen hin und setzten sich. »Nun«, sprach Thomas, »fange an, Gottfried!«

Gottfried erzählte seine Geschichte von dem Augenblick, da er seinen Vater das letztemal gesehen, bis zu dem Augenblick, da er ihn wiedersah. Er war sehr ausführlich und erzählte alles, was ihm begegnete, was er gedacht und getan, besonders, wie er in seinen grossen Nöten zu Gott gebetet und Gott ihn allemal aus der Not errettet habe. Gottfried vergoss unter dem Erzählen manche Träne. Auch sein Vater trocknete sich öfter die Augen und sagte am Ende: »Nun, gottlob, dass ich dich wiederhabe, liebster Gottfried, und dass du, wie ich aus deiner Erzählung sehe, auf deiner Insel frömmer und besser geworden bist, als du es zuvor gewesen.«

Der fröhliche Peter sagte: »Lieber Gottfried! Wenn ich dich so in deiner Kutte mit dem Strick um den Leib betrachte, so kann ich mich nicht enthalten, zu lächeln. Ja, wenn mir jemand, ohne mir zu sagen, wie du hierherkamst, erzählen würde, dass du in deinem jugendlichen Alter, gleich einem Einsiedler gekleidet, die dunkle Höhle einer Wüste bewohnt und dich bloss von den Fischen, Wurzeln und Kräutern ernährt habest, so würde ich dich einen törichten Knaben schelten. Allein ich würde dir grosses Unrecht tun, wie es denn fast immer geht, wenn man über Begebenheiten urteilt, die man nur zum Teil weiss. Du hast es sehr klug und verständig angegangen, dich in diese Wildnis zu ernähren und zu kleiden. Die Not hat deinen Verstand geweckt und geübt. Du wurdest aber nicht nur verständiger, sondern auch viel frömmer und besser.« Thomas, der mit grosser Aufmerksamkeit zugehört und öfter mit dem Kopf wohlgefällig genickt hatte, sprach: »Ja wahrhaftig, lieber Gottfried, frommer und besser bist du auf der Insel geworden. Weisst du noch, wie ich dir einmal gesagt habe, Gott werde dich noch in eine besondere Schule schicken? Das ist jetzt geschehen! Ja, die Leidensschule ist die beste Schule. In dieser Schule lerntest du Gott erst recht erkennen, zu ihm flehen, ihn lieben und ihm für seine Wohltaten danken. Unter anderem freut es mich, dass du, nachdem einmal die Liebe zu Gott in deinem Herzen reger geworden, sogar auf dieser Insel Spuren der Güte und Freundlichkeit Gottes gefunden hast, obwohl hier nur Tannenbäume und Moos und nur solche Blumen wachsen, die sich wohl schwerlich jemand zu einem Blumenstrauss wählen würde. Wieviel mehr Gelegenheit hätten wir, in unsern Gärten und Feldern Gottes Weisheit und Güte bald in einem blühenden Rosenstrauch, bald in einem Apfelbaum voll Blüten und Früchte, bald auf einer grünen, bunten Wiese, bald auf einem goldenen Ährenfeld zu bewundern! – Auch das freut mich, dass du die Wohltaten, die Gott den Menschen erweiset, mehr schätzen lerntest. Wenn du nicht aus der menschlichen Gesellschaft einige kleine Hausgeräte mitgebracht, ja, wenn du nicht wenigstens einen Nagel oder eine Stecknadel gehabt hättest, so wärest du auf deiner Insel umgekommen. Ebenso übel, ja noch übler wäre es für dich gewesen, wenn du, bevor du hierher gekommen bist, nicht den lieben Gott durch fleissigen, sorgsamen Unterricht hättest kennenlernen. Ohne diese Erkenntnis Gottes hättest du verzweifeln müssen. – Noch ganz besonders aber gefallen mir in deiner Geschichte das Würmlein im Schnabel jenes Vögeleins und der Rauch, der von deiner Insel aufstieg. Was könnte geringer sein als ein Würmlein, was nichtiger als ein Rauch! Allein jenes Würmlein brachte dich auf den Gedanken, Fische zu fangen, und rettete dich vom Hungertod. Jener Rauch aber war uns wie ein Zeichen vom Himmel, dass hier eine Insel sein und auf dieser Insel jemand leben müsse, und dass dieser Jemand wohl gar unser lieber Gottfried sein könne. Dieser Rauch machte aller deiner Not ein Ende. Das ist Gottes Finger! Durch so kleine Mittel weiss Gott grosse Dinge auszuführen. Seine heilige Vorsicht sei gepriesen.«

Alle schwiegen und beteten in ihrem Herzen Gott an, der seine göttliche Weisheit in den menschlichen Begebenheiten so herrlich offenbart. Über eine Weile sagte Gottfried: »Der Rauch von dem Brand hier war also die Ursache, dass ihr zu mir von dem festen Land herübergekommen seid! Mein Gott, ich hielt diese Feuersbrunst für mein grösstes Unglück! Ich sann recht ernstlich nach, was für ein Glück daraus entstehen könnte. Allein mir fiel nichts ein. Nun aber sehe ich klar, dass sie mein grösstes Glück war. Da trifft es wohl recht zu: Glück aus Unglück! Ja wahrhaftig, Gott weiss alle Dinge zum Besten zu lenken!« – »Wohl wahr«, sagte Thomas; »deshalb wollen wir bei jedem Unglück denken, dass über kurz oder lang etwas Gutes daraus entstehen werde, und wollen uns bei allen traurigen Begebenheiten getrost in den göttlichen Willen ergeben.«

Gottfried fragte hierauf, ob man den Rauch von der Insel bis auf dem festen Land gesehen habe. »Nein, das wäre wohl nicht möglich!« sagte der Vater und erzählte hierauf, wie er auf die grüne Insel hinüber gefahren sei und weil die Nüsse eben reif waren, nicht nur Andreas, sondern auch Martha mitgenommen und auf ihr Bitten mit ihnen den Berg jener Insel bestiegen habe. Gottfried sprach: »Weisst du noch, lieber Vater, was du mir unter jenem Nussbaum für ein schönes Gleichnis gesagt hast? Du sagtest: Jedes Leiden gleiche einer Nuss, die unter bittern und harten Schalen einen süssen Kern verberge. Du hattest vollkommen recht. Meine Versetzung auf diese Insel war für mich wohl recht hart und bitter; allein nun finde ich endlich den süssen Kern. Mein Aufenthalt dahier war für mich sehr heilsam; meinem Leiden folgte nun Freude.« Peter lachte und sprach: »Solche bittere, harte Nüsse sind mir in dem menschlichen Leben schon viele vorgekommen. Wenn mir wieder eine zum Aufknacken vorgelegt wird, so will ich allemal an dieses Gleichnis denken.«

Gottfried zeigte nun seinem Vater und den zwei Männern seine Höhle, seine Quelle, sein Fischbehältnis, und erbot sich, sie mit Fischen zu bewirten. »Das sind herrliche Fische«, sagte Peter; »die verschmähen wir nicht. Allein du musst heute unser Gast sein. Wir haben uns wohl mit Speisen versehen. Ich will indes dort auf jenem bequemeren Wege, als auf dem wir kamen, zum Schiff gehen und Anstalten zur Mahlzeit machen!« Er eilte zu dem Schiff, dessen Mastbaum er hinter einem fernen Felsen emporragen sah. Die andern gingen ihm langsam unter vertraulichen Gesprächen nach. Als sie dort ankamen, sagte Peter: »Dieser schöne grüne Moosplatz dient zugleich zur Tafel und zu Sesseln und die Speisen sind bereits aufgetragen.« Wirklich waren Brot, Milch, Butter, kalter Braten, gebackene Fische und andere Speisen im Überfluss vorhanden. Als Gottfried das Brot erblickte, war er darüber mehr als über alle anderen Speisen erfreut. ER fing an, vor Freude zu weinen, küsste es und sagte: »Oh was ist das liebe Brot für eine herrliche Gabe Gottes! Drei Jahre schon habe ich mich danach gesehnt. Es ist die kräftigste Nahrung für den Menschen. Wie danke ich Gott, dass ich nun wieder eines sehe! Wir sollten nie ein Stücklein Brot essen, ohne Gott dafür zu danken!«

Sie setzten sich nun zusammen, assen und waren sehr vergnügt. Das Gespräch ging ihnen nicht aus, wiewohl es bereits dunkel geworden und der Mond die Schüsseln und Krüge und die Gäste so hell beleuchtete, dass sich ihre Schatten sehr merklich auf dem grünen Grund abbildeten. Da sprach endlich Thomas: »Für heute ist es genug! Morgen wird sich, soviel ich merke, der Wind drehen, und dann fahren wir unverzüglich nach Hause. Die lieben Unsrigen sind gewiss sehr in Sorgen und warten mit Schmerzen auf uns. Darum wollen wir uns jetzt zur Ruhe begeben, damit wir morgen recht früh aufstehen können.« Thomas und Peter begaben sich in das Schiff und machten aus dem Segel eine Art von Zelt, um darunter zu schlafen. Gottfried und sein Vater aber gingen in die Höhle, um dort zu übernachten. Gottfried freute sich herzlich, seinen lieben Vater, den er hier öfter im Traum geschaut, nun wirklich in seiner Höhle zu sehen. Sie redeten hier noch lange miteinander und schliefen, nachdem sie Gott noch einmal für diesen so glücklichen Tag gedankt hatten, erst lange nach Mitternacht ein.

Am folgenden Tag mit Anbruch der Morgenröte kam Peter zur Höhle und rief hinein: »Eilig steht auf und kommt heraus! Es weht ein so günstiger Wind, wie wir uns nur wünschen können. Wir wollen auf der Stelle das Schiff besteigen und nach Hause fahren.« Beide kamen sogleich aus der Höhle heraus. Gottfried aber sagte: »Wartet noch einige Augenblicke! Bevor ich diese Insel verlasse, muss ich Gott noch danken, nicht nur für alle Wohltaten, die er mir diese drei Jahre hindurch hier erwiesen hat, sondern auch für alle Leiden, die er über mich hat kommen lassen!« ER kniete vor seinem Hausaltar, dem Felsen mit dem Kreuz, nieder, und dankte Gott mit gerührtem Herzen und vielen Tränen. Das gefiel seinem Vater und auch dem wackern Peter so wohl, dass sie auch niederknieten und voll Andacht beteten.

Hierauf gingen alle drei an das Ufer des Meeres. Thomas hatte indes ein grünes Tannenbäumchen abgehauen und war eben beschäftigt, es reichlich mit blauen und weissen, roten und gelben Bändern zu zieren, die er in einer Schachtel mitgebracht hatte. Gottfried fragte verwundert, was er mit dem schön geputzten Bäumchen machen wolle. Thomas sagte: »Ich habe deiner bekümmerten Mutter bei unserer Abfahrt versprochen, wenn wir so glücklich sein würden, dich zu finden, ein Freudenzeichen auf dem Schiff aufzustecken. Oh wie wird die gute Mutter sich freuen, wenn sie dieses erfreuliche Zeichen nun bald von weitem erblicken wird!« Er steckte das grüne, bunt gezierte Bäumchen auf die Spitze des Mastbaumes. Peter hatte indessen das Frühstück aufgetragen. Nachdem sie gefrühstückt hatten, stiegen sie in das Schiff und fuhren ab. Die Heimfahrt ging schnell und glücklich vonstatten. Als sie dem festen Land näher kamen und Gottfried sein väterliches Haus erblickte, klopfte ihm vor Freude das Herz.

Aber auch auf dem Land kam alles in freudige Bewegung. Gottfrieds Mutter und Geschwister standen schon lange am Ufer, streckten, sobald sie ihn erblickten, ihm die Arme entgegen und riefen ihm freundliche Grüsse zu. Alle Einwohner des Dorfes, gross und klein, liefen zusammen. »Wahrhaftig, sie bringen ihn!« riefen sie, und alle eilten dem Ufer zu. Als Gottfried an's Land stieg, erhob die ganze Menge von Menschen ein Freudengeschrei. Die Freude der Mutter aber war unbeschreiblich, ihren lieben Gottfried, den sie drei Jahre lang für tot gehalten, wieder lebend in ihre Arme zu schliessen. Sie benetzte sein Angesicht mit Freudentränen. Auch Martha und Andreas hatten eine grosse Freude. Die kleineren Geschwister aber kannten ihren Bruder Gottfried nicht mehr und seine fremde Tracht macht e sie anfangs etwas scheu und schüchtern gegen ihn. Allein die Eltern ermunterten sie, ihn freundlich zu grüssen, und so wurden sie bald zutraulicher gegen ihn und drängten sich freudig um ihn herum. Männer und Weiber, Jünglinge und Jungfrauen boten ihm von allen Seiten her die Hände, hiessen ihn tausendmal willkommen und wünschten ihm Glück zu seiner Ankunft. Gottfried weinte vor Freude. »Mein Gott«, rief er, »ich kann mir keine grössere Freude denken! Nur jene Freude kann grösser sein, wenn wir einst in den Himmel kommen und dort von den Seligen, vorzüglich von unsern lieben Freunden und Anverwandten, die uns dahin vorausgegangen sind, so liebreich und freundlich aufgenommen werden!«

Gottfrieds Mutter war sehr begierig, seien Geschichte zu vernehmen. Sie wollte deshalb mit ihm jetzt nach Hause gehen. Allein die Leute gaben dieses nicht zu. »Wir wollen die Wunderdinge, die ihm begegneten, auch hören!« riefen sie, und führten ihn unter die grosse Linde in der Mitte des Dorfes, baten ihn, damit ihn alle sehen könnten, sich auf die Bank zu stellen und seine Geschichte zu erzählen. Alle drängten sich um ihm; aller Augen warn auf ihn gerichtet. Sie hatten an dem jugendlichen Einsiedler, der gegen alle so freundlich war, grosse Freude. Sie flüsterten einander in das Ohr und einige sagten wohl auch laut: »Die Einsiedler, die wir bisher gesehen haben, waren bereits alt und hatten ein runzliges Gesicht, einen kahlen Kopf und einen langen Bart; dieser aber sieht mit seinem jugendlich blühenden Angesicht und seinen glatten Wangen gar lieblich aus; seine gescheitelten Haare wallen in geringelten Locken über die Schultern herab, und der lange braune Rock steht ihm recht gut.«

Als nun alle still waren, fing Gottfried an zu erzählen. Er war anfangs etwas ängstlich, als ein Knabe vor so vielen Menschen zu reden; allein sein volles Herz machte es ihm leicht. Er redete mit so vieler Empfindung und so grossem Nachdruck, dass die Leute ihm mit Freuden zuhörten. Er erzählte, wie er in Gefahr gewesen sei, zu ertrinken, zu verdursten, zu verhungern, zu erfrieren; wie er krank geworden und wie das Feuer alle seine kleine Habe verzehrte und er auf's neue den Hungertod zu befürchten hatte; wie aber Gott, auf den er vertraute, ihn aus allen Gefahren errettet habe. Er beteuerte mit weinenden Augen und zum Himmel erhobenen Händen, dass er seinen Aufenthalt auf jener einsamen Insel für die grösste Wohltat Gottes ansehe; dass ihm auf jenen unfruchtbaren Felsen das schönste Glück aufblühte, das Glück, Gott näher kennenzulernen; ja, dass jene aus dem Meer hoch emporragenden Felsen ihm eine hohe Schule waren, auf der er gerade das Wichtigste lernte – wie er sich von seinen Fehlern losmachen und ein guter Mensch werden solle. »Wahrhaftig«, sprach er mit gerührtem Herzen, »ich danke Gott ebenso innig dafür, dass er mich auf jene Insel geführt, als dass er mich von dort wieder zurück geführt hat.«

Er versicherte noch besonders, dass er auch das Glück, unter Menschen zu wohnen, erst dort in seiner tiefen Einsamkeit und Abgeschiedenheit recht habe schätzen lernen; er bezeigte seine Freude, sich wieder in Mitte von Freunden, Nachbarn und Bekannten zu befinden; er grüsste alle noch einmal auf das Herzlichste und schloss mit einem inbrünstigen Dankgebet zu Gott. Alle seine Zuhörer bezeigten ihm während seiner Erzählung durch Kopfnicken, Tränen und zuweilen mit lautem Zuruf die herzlichste Teilnahme an seinem Schicksal, stimmten am Ende in seinen Dank mit ein und gingen Gott lobend und preisend auseinander.

Gottfried aber ging nun mit seinen Eltern und Geschwistern in sein väterliches Haus, dessen Schwelle er, nach so langer Zeit, mit Freudentränen im Auge betrat. Als er und sein Vater in die Stube kamen, fanden sie zu ihrer Verwunderung eine zierlich gedeckte, wohlbestellte und mit Blumen geschmückte Tafel. Der reiche Thomas hatte eine Freudenmahlzeit veranstalten lassen, um die sorgsame Mutter an dem heutigen Tag aller Sorgen und auch aller Kosten zu überheben. Gottfried musste sich zwischen seine hocherfreuten Eltern setzen, neben diesen sassen auf einer Seite Thomas und auf der andern Peter; dann folgten Martha und Andreas und die übrigen Kinder. Es wurden mancherlei Speisen aufgetragen, dergleichen Gottfried seit drei Jahren nicht mehr zu sehen bekommen hatte; und er genoss sie mit herzlichem Dank gegen Gott. Am meisten erfreuten ihn, da er seit drei Jahren keine andern Baumfrüchte als Tannenzapfen gesehen hatte, die Körbchen voll roter Äpfel, gelber Birnen, blauer Pflaumen und brauner Nüsse, und vorzüglich die herrlichen blassgelben und rötlichblauen Trauben. »Auch diese köstlichen Früchte«, sagte er, »findet man nur, wo Menschen wohnen. Ohne den menschlichen Fleiss wäre auch die Gegend, unser Dorf, wohl so unfruchtbar wie die Insel, auf der ich wohnte. Wo ich hinsehe, finde ich neue Ursache, mich zu freuen und Gott zu danken, dass ich mich wieder unter Menschen befinde.«

Als man von der Mahlzeit aufgestanden war, holte Gottfried den Bündel seiner alten abgelegten Kleider herbei, den er in einer Ecke der Stube hingelegt hatte, und sagte: »Da habe ich euch, liebste Eltern und Geschwister, etwas von meiner Insel mitgebracht.« Den Eltern wollte dies nicht gefallen, seine Geschwister lachten, Thomas schüttelte den Kopf, und Peter sagte: »Pfui, Gottfried; was soll das heissen? Diese alten Lumpen hättest du wohl auf deiner Insel dürfen liegen lassen.« Allein Gottfried lächelte, knüpfte den Bündel auf und nahm seine Binsenkörbchen heraus. Sie waren, da er sie zutiefst in seiner Höhle aufbewahrt hatte, der Feuersbrunst glücklich entgangen, und er hatte sie, bevor er die Insel verliess, heimlich in seine alten Kleider eingepackt. Er stellte nun die Körblein auf den Tisch und nahm den Deckel ab. Alle Umstehenden verwunderten sich über die Menge silberheller Perlen und hochroter Korallen, mit denen die Körblein angefüllt waren. »Ei, ei!« sprach Thomas erstaunt, »da hast du ja grosse Schätze mitgebracht, lieber Gottfried! Diese Perlen sind mehrere tausend Gulden wert. Denn es sind viele von ausserordentlicher Grösse und Schönheit darunter. Auch die Korallen haben keinen geringen Wert. Nun ist euch, ihr lieben Gevatter, aus aller Not geholfen! Ihr könnt die Schulden, mit denen ihr euer Gütchen angetreten habt, vollends abtragen, und noch dazu eure Kinder reichlich ausstatten.«

»Nein, nicht so!« sprach Gottfrieds Vater; »ihr zwei braven Männer, Thomas und Peter, habt die Gefahren dieser Reise brüderlich mit mir geteilt; ihr sollt auch diese Schätze mit mir teilen. Ohne eure treue Hilfe hätte ich weder meinen Gottfried mehr gefunden noch von diesen Perlen und Korallen etwas gesehen. Hier mache ich drei Häuflein daraus und lasse zuerst dem Thomas und dann dem Peter die Wahl, welches jeder wolle. Ich aber behalte dann das dritte für mich, mein Weib und meine Kinder.«

Von jenen Männern, die sich geweigert hatten, mit Gottfrieds Vater nach der Insel zu fahren, waren gegen Ende der Mahlzeit zwei ungeladen in die Stube gekommen, um noch einen oder den anderen guten Bissen zu erschnappen. »Zum Henker«, rief der eine, der um hundert Gulden hatte mitfahren wollen, »da hätten sich mehr als hundert Gulden verdienen lassen. Ich möchte mir alle Haare ausreissen, dass ich nicht mitfuhr!« – »Ei«, sprach der andere, der seine Haut für tausend Gulden nicht hätte daran wagen wollen; »nicht nur hundert, mehr als tausend Gulden wären da zu gewinnen gewesen, und dafür hätte ich meine Haut schon gewagt.« – »Geht, geht«, sagte Thomas, »ihr seid mit Haut und Haar nicht viel wert, ihr kleinen, eigennützigen Seelen, die ihr für eure Nebenmenschen keine Hand und keinen Fuss bewegen wollt, wenn man euch nicht dafür bezahlt. Es geschieht euch recht, dass ihr leer ausgeht.«

»Was aber mich betrifft«, sprach Thomas weiter, »so nehme ich diese Perlen nicht an! Gottfried hat sechs Geschwister, und seine Eltern sind arm. Ich hielte es für eine Sünde, ihnen auch nur eine einzige Perle abzunehmen. Ich habe so viel, als ich brauche, und verlange nicht mehr. Der Peter da muss aber das ihm zugedachte Ehrengeschenk annehmen. Er steckt wirklich in grosser Not, und es ist billig, dass ihm geholfen und er für seinen Mut, mit dem er sich einer nicht geringen Gefahr aussetzte, belohnt werde.« Peter nahm die reichliche Belohnung mit gerührtem Herzen an. Die dankbaren Eltern redeten dem Thomas noch einmal zu, die ihn treffenden Perlen und Korallen nicht auszuschlagen. Er aber sagte: »Lasst es gut sein! Ich achte dergleichen Dinge wenig. Die Perlen und Korallen sind das geringste, was Gottfried von seiner Insel mit nach Haus bringt. Er hat sich dort noch köstlichere Schätze erworben – Erkenntnis Gottes, Vertrauen auf Gott, Liebe zu Gott und den Menschen! Das sind die rechten Perlen, von denen auch das Evangelium redet. Nach diesen Perlen wollen wir trachten! – Ich bekenne es frei, ich bin durch Gottfrieds Geschichte in vielem Guten, besonders im Vertrauen auf Gott, mächtig gestärkt worden, und dieses ist mir ein hinreichender Gewinn, gegen den ich alle Perlen des weiten Meeres und alle Korallen der Felsen am Meer für nichts achte. Ja, meine lieben Freunde, Gottes Gnade und Barmherzigkeit ist unermesslicher und unergründlicher als das Meer, aus dem diese Perlen hier kommen; unser Vertrauen auf ihn stehe denn unerschütterlich fest, wie jene Korallenfelsen dort im Meer, die niemals wanken.«

Gottfried trat nun wieder in die menschliche Gesellschaft ein. Was er auf seiner Insel durch einsames Nachdenken gelernt hatte, das übte er nun aus. Er kleidete sich nun wieder gleich den übrigen Jünglingen im Dorf und half seinem Vater Körbe flechten und seinem Taufpaten Thomas fischen. Er ward das Muster eines tugendhaften Jünglings und die Freude und Stütze seiner Eltern. Thomas, der keine Kinder hatte, übergab ihm sein Gut und sein Fischereigewerbe. Gottfried ward ein sehr frommer, edler Mann, voll Liebe zu Gott und den Menschen; er wurde als der rechtschaffenste Hausvater und der grösste Wohltäter der Armen in Dorf allgemein geschätzt, und sein Andenken blieb im Segen.

 


 

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