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Erzählungen

Ludwig Anzengruber: Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
titleErzählungen
authorLudwig Anzengruber
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typenarrative
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Teufelsträume

1873

Ein dichter Nebel lag über der großen Stadt London, seit frühem Morgen lag er darüber und war nicht müde geworden, wie sonst einer, der lange auf einer und derselben Stelle liegt, denn er hatte sich weder gerührt noch gedreht. Die Leute, welche ihren Geschäften nachgingen, mußten sich durch seine Schleier hindurch ihre Wege suchen, und da dies die alten, gewohnten waren, so war das eine allerdings noch zu leistende, wenn auch keine angenehme Arbeit, und es mag an solchen Tagen in der großen Stadt London wohl auch mehr geflucht als gebetet werden.

Es war, als hätte die Nixe der Themse ihr feuchtes Gewand zum Trocknen über die gewaltige Häusermasse gebreitet, und wenn dieser nasse Zauberschleier den beschäftigten Leuten schon ein wahrer Greuel war, um wieviel trostloser mußten sich jene in seinen weiten, grauen Falten befinden, die nichts zu tun hatten als – zu leben?! Eine Aufgabe, die allerdings mit einfachem Atemholen abgetan ist, aber doch sehr herabstimmend wirken kann, wenn alle durch diese Luftzufuhr funktionierenden Organe unaufhörlich dem Gehirne rapportieren: "Alles grau –nichts Neues!" Damit wird dem Menschen auch alles Alte so zuwider, daß er in jene Stimmung gerät, die man Langeweile nennt, und die nur der zu schätzen weiß, den sie schon einmal einen ganzen langen Tag über geplagt hat.

In einem der reichsten Stadtteile, inmitten einer schmalen, geraden Gasse, stand ein hübsches, einstöckiges Palais, die Gasflammen davor leuchteten matt wie Glühwürmchen, zwei mürrisch aussehende, steinerne Gesellen trugen den Torbogen, sie hatten sich zu dieser Arbeit aller Kleidungsstücke bis auf eine Art kurzen Schurzes entledigt und obwohl sie also nicht einmal "in Hemdärmeln" arbeiteten, gab ihnen doch der Niederschlag der feuchten Atmosphäre das Ansehen, als ob sie vor Anstrengung schwitzten; ebenso mürrisch und steinern, als wäre er der dritte im Bunde, stand in dem Hausflur der Portier, und man glaubte jeden Augenblick gewärtigen zu müssen, daß er seinen Pelzrock abwerfen und einen der Torbogenträgen ablösen würde. Von dem Flur lief ein breiter Teppich die Treppe hinan und über die Gänge des ersten Stockwerks hinweg, dort lag eine große, graue Katze der Länge nach und streckte behaglich alle viere seitwärts von sich, sie schien offenbar diesen Komfort sehr zu würdigen, wenn sie auch sonst keine Augen hatte für alle die Herrlichkeiten und Bequemlichkeiten in dem Hause des sehr ehrenwerten Lords Edward Knuddl.

Lord Edward Knuddl, aus einer sehr alten Familie, war noch ein junger Mann, wenn man ihm das auch nicht ansah. Er war, sozusagen, das Phlegma, das von allen vorangegangenen Knuddls zurückblieb, denn dieselben hatten immer nur in die Verwandtschaft geheiratet, und wenn sich die gleichen Eigenschaften, Tugenden und Leidenschaften durch Generationen immerfort in einem schon typisch geworden en Organismus aussprechen und auswirken müssen, wenn dasselbe Blut Menschenalter und Menschenalter immer auf andere Adern abgezogen wird, dann verrauchen die seelischen Affekte, und das Blut steht ab. Alle Lebensmüdigkeit, die latent in den Adern der sämtlichen vorangegangenen Knuddls schlummerte, entband sich im Blute unseres Lords Edward.

Man hatte ihn zwar nach alter Sitte auf den Kontinent geschickt, aber schon die letzteren Knuddls erwähnen in ihren Reisetagebüchern nur mehr der Nachtlager, und der edle Edward verschlief die ganze Tour. Nach seiner Zurückkunft sollte der junge Lord auf Andringen einiger alten Verwandten den Versuch machen, das Blut der Knuddls zu erneuern und sich mit einer blühenden Krämerstochter verehelichen, denn die Verwandtschaft war ungeheuer nachsichtig geworden, vielleicht hatte sie Darwin gelesen; kurz, die dralle Krämerstochter fand sich von dem interessant bleichen Edward angezogen, sie war es zufrieden, und der edle Lord folgte seiner Pflicht und brachte es auch bis zur Hochzeit, von da ab betrachtete er seine Frau mit dem ganzen Wohlgefallen, das ihre schöne Erscheinung verdiente, und mit allem Feuer, dessen der letzte Knuddl fähig war, aber er verfiel darüber regelmäßig in bewundernde Apathie oder freundlichen Schlummer, je nach der Tageszeit. Lady Knuddl war nun eine sehr geduldige Seele, aber sie hielt etwas auf Pflichterfüllung, insonderheit wo dieselbe sich auch noch mit der Bestimmung des Weibes koalisierte, und da sie nun keine Aussicht hatte, an Lord Edwards Seite derselben gerecht zu werden, so trennte sich das Ehepaar nach kurzer Frist im schönsten Einvernehmen.

Lord Edward war also vereinsamt, aber das fühlte er nicht. Seine Kontinentsreise und seine Heirat waren veranlaßt durch seine Verwandten, und er fügte sich als echter Knuddl den Anforderungen, die man namens des Geschlechtes an ihn, den mannbaren Träger desselben, stellte. Doch hatte weder die Reise, noch die Heirat bei ihm irgendwelche Konsequenzen. Seine Frau war empfindlicher als der Kontinent, oder vielleicht hatte es der letztere nicht notwendig, Lady Knuddl hatte mit der Scheidung ihren Kanal la Manche zwischen sich und ihrem Gemahl gezogen.

So finden wir denn unsern jungen Lord am Abende des obgedachten, nebligen Tages in einem Lehnstuhle, die Beine weit von sich gestreckt und die Hände in den Taschen der Beinkleider vergraben, am Feuer des Kamins sitzen, um sich von der Untätigkeit des Tages auszuruhen.

Ein Buch war ihm offenbar aus den Händen gesunken und lag in bedenklicher Nähe des Feuers; der Lord beachtete das aber nicht, denn er dachte gerade an gar nichts. Er war in der Lektüre nicht wählerisch, er las alles, was eben erschien und in den Zeitungen besprochen wurde, er ließ sich alle Wochen den Büchertisch mit Neuigkeiten belegen, das war sein Lesebüffett, von dem er bald hier ein Blättchen, bald dort ein Kapitel naschte, aber nie etwas durchlas.

Jetzt regte sich der Lord ein wenig, schob mit dem Fuße das Buch etwas zur Seite. Es war eine Abhandlung über die Symbolik der Träume, eine jener auf langjährige Beobachtung gestützten Schriften eines Professors, der, wie andere Philosophen, auch nur um seine Träume wußte.

Der Lord langte nach der Klingelschnur und schellte. Die Tür öffnete sich leise und sorgsam, und ohne Geräusch – als hätte sie das der Katze draußen abgelauscht – erschien eine lange, hagere Gestalt, die schweigend an der Schwelle verharrte, der Kammerdiener Seiner Lordschaft.

"Missis Powder!"

Der Lange an der Portiere knickte zusammen und verschwand lautlos, wie er gekommen.

Seine Lordschaft blieben, ohne sich zu rühren, in dem Lehnstuhle sitzen und weil Derselben jetzt der Stumpf einer Zigarre nahe an den Lippen brannte, was Sie bisher mit wahrhaft stoischem Gleichmute ertrugen, so spuckten Dieselbe mit Grazie und großer Sicherheit den bedrohlichen Stummel in das Feuer des Kamins.

Etwas geräuschvoller als vorhin, denn es galt eine Dame einzulassen, öffnete sich abermals die Tür und Mrs. Powder, die Haushälterin, erschien vor seiner Lordschaft; auch sie blieb erwartend an der Schwelle stehen.

Lord Edward wendete der Tür und somit auch der obgenannten Dame den Rücken zu, er gähnte. Nachdem er eine kleine Weile darauf hinter sich ein unterdrücktes Gähnen wie ein Echo hörte, sagte er, ohne Wendung des Kopfes, vor sich hin:

"Mrs. Powder?"

"Lord Knuddl?"

Seine Lordschaft wies nach einem in respektvoller Entfernung stehenden Stuhle, und Mrs. Powder gehorchte, sich setzend, dieser stummen Aufforderung.

"Langweilig", fragte der Lord nach einer kleinen Pause, während welcher er annehmen konnte, daß die alte Dame Platz genommen habe, von welcher Tatsache ihn auch das Rauschen des über dem Schoße glatt gestrichenen Kleides unterrichten mochte.

"Langweilig."

Mrs. Powder nickte mit dem Kopfe.

Edward sah das zwar nicht, da er nicht aufblickte, aber er schien das schweigend vorauszusetzen, so sehr war er der Übereinstimmung der Gefühle seiner Dienerschaft mit denen seines Inneren gewiß. Der Dienerschaft im allgemeinen mag es auch heute so ums Herz gewesen sein, ob aber auch der geplagtesten darunter, der alten Powder, das wollen wir dahingestellt sein lassen. Wahrscheinlich bezog sich jedoch die Zustimmung der alten Dame nur auf ihr Verständnis der Gemütsverfassung ihres Gebieters, von dem sie wohl voraussetzen konnte, es sei ihm zu Mute, wie er aussagte, denn seit unvordenklichen Zeiten hatte kein Knuddl gelogen, ohne Grund schon gar keiner. Das Lügen erfordert immer einen gewissen Aufwand geistiger Kraft, wenn es recht gelogen sein soll, und es liegt in der Natur begründet, daß sich keine Kraft ohne Wirkung ansetzt, das Resultat einer schlechten Lüge ist aber immer ein klägliches, und somit können wir wohl behaupten, die Knuddls hätten aus dem einen oder dem anderen Grunde nie gelogen.

Die alte Haushälterin also stimmte unbedingt bei, was Seine Lordschaft ebenso unbedingt voraussah, so daß er nach einer kurzen Unterbrechung – die wir oben zur Erhärtung der Wahrhaftigkeit der Knuddls nutzbringend anwandten – fortfuhr, indem er auf das Buch zu seinem Füßen deutete:

"Träume!"

"Schäume!" sagte Mrs. Powder, denn sie hielt den Ausspruch ihres Gebieters für ein wegwerfendes kritisches Urteil über das auf dem Boden liegende Machwerk, das wohl ein recht ausschweifendes Erzeugnis menschlicher Phantasie sein mochte, weil Seine Lordschaft "Träume" sagte, was sie durch obiges Reimwort zu bekräftigen bemüßigt schien.

Der Lord, also mißverstanden, wiegte unwillig sein Haupt, machte eine abwehrende Handbewegung gegen Mrs. Powder, als wollte er damit ihre "Schäume" aus der Reihe der gesprochenen Worte hinwegtilgen und zeigte dann wiederholt gegen das Buch mit einer Bewegung des ausgestreckten Zeigefingers, als wollte er dessen Titel bis hinunter zum Verlagsorte unterstreichen; deutet dann gegen einen reich geschnitzten Wandschrank.

"Archiv!"

Frau Powder erhob sich eifrig, öffnete die Flügeltüren des Schranks und sah erwartend nach dem Lord.

"Korrespondenz und Aufzeichnungen des Lords Eginhard Knuddl, General in der britisch-indischen Armee, Stück Nr. 70."

Nach dieser sprachlichen Anstrengung lehnte sich der Lord erschöpft zurück.

Die alte Dame hatte mittlerweile ein paar Blätter Papier zum Vorschein gebracht, aus denen jetzt ein kleine Metallplatte klirrend zu Boden fiel. Das Geräusch fuhr der Haushälterin durch alle Glieder, zitternd faßte sie das kleine ovale Blechschild, das mit sonderbaren Charakteren bedeckt war, und legte es mit einer Gebärde, mit der man sich unheimlicher Gegenstände entledigt, rasch auf ein nahes Tischchen, während sie zugleich einen flehenden Blick auf ihren Gebieter richtete, der übrigens durch keine Bewegung eine Überraschung über die sonderbare Beilage des Schriftstückes kundgab. Die Scheu der alten Dienerin, wie die Gleichgültigkeit Lord Edwards sind Umstände, die uns darauf schließen lassen, daß den beiden Personen der Inhalt dieser Archivnummer nicht fremd war, was wir auch sogleich bestätigt finden werden.

Mrs. Powder reichte sehr dringlich die Briefschaften dem Lord zum eigenem Gebrauche hin. Derselbe wies sie aber mit entsprechender Gebärde, weiche die Dienerin zugleich ihren früheren Sitz einnehmen hieß, zurück.

"Nach abgeschlagenem Angriffe" – – bezeichnete mit erhöhter Stimme der Lord die Stelle, von der er die Vorlesung des Schriftstückes begonnen wünschte.

Die alte Dame schien wohl die Absicht zu haben, dem Wunsche ihres Gebieters Folge zu leisten, aber sie drohte vorerst einem immer heftiger werdenden Hustenanfalle zu unterliegen.

Edward sah ungeduldig auf.

Die Haushälterin seufzte und las, wie folgt:

"Nach abgeschlagenem Angriffe auf unser wohlbefestigtes Lager holten unsere Soldaten aus einem Gebüsche, wohin er sich verkrochen hatte, einen braunen..."

"Völlig nackten Hindukerl hervor," ergänzte unerbittlich Seine Lordschaft.

Mrs. Powder schwieg, befühlte aber mit der freien linken Hand leise ihre Wangen, denn sie befürchtete zu brennen; nachdem sie sich von einer noch erträglichen Hitze dieser Hautfläche überzeugt hatte, fuhr sie fort:

"Sie hielten ihn der Spionage verdächtig, jedoch wohin hätte der Mensch Briefschaften verstecken, etwa einnähen sollen, da er ..."

"Am ganzen Leibe keinen Faden hatte?" schaltete der Lord sehr phlegmatisch ein.

Die alte Dame duckte hier nur etwas mit dem Kopfe unter, als hätte sie die Absicht, bei wiederholten Angriffen auf ihre Schamhaftigkeit denselben unwiederbringlich in ihre Hände zu vergraben; sie fuhr jedoch für diesmal fort, ein Zeichen, daß wohl von seiten des Schriftstückes derlei nicht mehr zu befahren sei.

"Vor mich geführt, gab er sich für einen sogenannten Traummacher aus. Das dumme Volk hier glaubt nämlich, es ließe sich durch geheimnisvolle Künste möglich machen, im Schlafe nach Verlangen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oder sonst von einem beliebigen Gegenstande zu träumen, auch andere durch angezauberte Träume in Schreck oder Irrtum zu versetzen.

"Ich habe natürlich diesen Kerl für das genommen, was er ist, für einen Betrüger, und seine felsenfeste Versicherung, im Besitze der traummachenden Mittel zu sein, für eine Prahlerei, die unumgänglich nötig ist für sein Metier, mit dem es denn doch nicht weit her sein mag, sonst hätte er sich wohl ein paar Sandalen kaufen können. Obwohl ich nun nicht den geringsten Respekt vor seiner eingebildeten Macht besaß, so hatte ich doch einen so großen Widerwillen gegen diesen Menschen, der seiner eigenen Angabe nach offenbar entweder ein Betrüger oder ein Narr sein mußte, daß ich ihn sogleich nach kurzem Verhöre ungehudelt ziehen ließ.

"Den nächsten Tag brachen wir unsere Zelte ab und zogen weiter. Als wir Halt machten, wurde derselbe Mensch von gestern vor mich gebracht; er hatte sich bei den äußersten Vorposten gemeldet und verlangte mich zu sprechen.

"Als er nun mit mir allein war, bedankte er sich in überschwenglichen Ausdrücken für die ihm gestern erwiesene milde Behandlung, zeigte sich aber zugleich höchst beleidigt durch meinen Unglauben an seine Traummacherei. Er vertraute mir, daß das Hauptwerk dieser Kunst darin bestünde, sogenannte ‚Teufelsträume‘ zu machen, das heißt, dem Satane die Macht zu geben, eine Person träumen zu lassen, das wären also Träume, die nicht von Gott, sondern vom Gegenteile kommen und von so furchtbarer Art, daß sie plötzlichen Tod, Wahnsinn, zum mindesten Lebensüberdruß zur Folge haben; dazu genügt, dem betreffenden Schläfer unter das Kopfende eine kleine metallene bezauberte Platte zu legen.

"Während dieser seiner Auseinandersetzung war der Narr über den Gedanken, ich könnte mich über diese furchtbare Macht, die er sich beilegte, noch nicht gehörig entsetzen, so in Ekstase geraten, daß er mir ein Blech, von angeblich solcher oben beschriebener Eigenschaft, vor die Füße warf, mit der Aufforderung, es selbst zu versuchen, wenn ich den Mut hätte! Für diese Frechheit ließ ich ihn mit fünfzig Hieben entlohnen, von denen er wohl nicht geträumt hatte, den sie überraschten ihn vollständig, indes nahm er sie mit vielem Anstande entgegen, verließ auch unser Lager, solange er uns in Sicht blieb, in gemessener Haltung; nur etwas später fanden ihn unsere Vorposten in einem Straßengraben zusammengekauert liegen, welche Stellung wohl nicht der Ausdruck besonderen Behagens gewesen sein mag.

"Ich selbst habe das Teufelsblech zwar nie unter mein Kopfpolster geschoben, aber ich habe nacheinander meine sämtliche Dienerschaft, vom alten, dicken John bis zum elendesten Hindukerl, der mir das Fußbad zurichtet, darauf schlafen lassen, ohne den Tag darauf eine besondere Veränderung an den Leuten wahrgenommen zu haben. Der alte John behauptete zwar, er hätte eine sehr unruhige Nacht gehabt, da ihm träumte, sein verstorbenes Weib sei wieder lebendig geworden, aber das helle Tageslicht und die mit ihm einleuchtende Gewißheit, daß die gute Mary bei Devonshire begraben liegt, verhalfen ihm sogleich zu seinem alten Frohmute. Die anderen verspürten gar nichts, denn was sie nach dem Aufstehen von besonderer Mattigkeit faselten, so kennt man schon die Kniffe dieser faulen Hunde, besonders der braunen Hinduschelme.

"Das sonderbare Blechschild aber schließe ich hiermit als Kuriosität bei."

Hier tippte der Lord mit dem Schüreisen, dessen er sich zur Verlängerung seines Armes bediente, auf das Blatt in den Händen der Vorleserin, welche darauf sofort schwieg.

"Gut," sagte der Lord.

Mrs. Powder beeilte sich aufzustehen und gegen den Wandschrank zu schreiten, um das Schriftstück wieder einzureihen.

Der Lord mochte bei dem Geräusche hinter seinem Rücken diese Absicht merken und sagte mit großer Bestimmtheit im Tone: "Selbst!" So daß nicht mißzuverstehen war, daß Seine Lordschaft in höchsteigener Person sich dieser Mühewaltung zu unterziehen gedächten.

Mrs. Powder neigte verwundert ihr Haupt und legte die Papiere neben die kleine Metallplatte, welche auf dem Tischchen liegen geblieben war.

"Gute Nacht, Mrs. Powder!" "Gute Nacht, Lord Knuddl!" Die Türe schloß sich hinter der Haushälterin, der Lord war allein. Indem er sich ganz behaglich in seinem Lehnstuhle zurechtrücken wollte, griff er mit der Rechten hinter sich, denn lange war es ihm schon, als stieße da etwas mit scharfen Kanten wider ihn. Er brachte ein Buch in Steifleinen-Einband zum Vorscheine. Es enthielt eine Beschreibung der Nordpolfahrt des unglücklichen Franklin, nebst haarsträubenden Schilderungen des Elendes, dem er samt seinen Gefährten erlegen.

Edward hatte es durchblättert, aber alle diese furchtbare Not und Bedrängnis wäre ihm ganz unverständlich geblieben, hätte ihm nicht die Phantasie den Streich gespielt, sich mit seinem Herzen und mit seiner Eitelkeit zu verbinden und ihn, den sehr ehrenwerten Lord Knuddl, selbst nach dem Nordpole zu entführen, damit er dort helfend einschreite und alles nach seinen besseren Einsichten leite und zu gedeihlichem Ende führe. Kaum aber hatte ihn diese schillernde Versucherin dort, so änderte sie ihr einschmeichelndes Wesen, ging mit dem Verstande eine Ehe auf kurze Zeit ein und zeugte mit ihm lauter unangenehme Bilder und Gedanken.

Der arme Lord fand sich so hilfsbedürftig wie die letzten der Schiffsbemannung, und Komfort und Geld, mit denen er überall auszulangen gedachte, versagten in dieser Zone allen ihren Zauber. Die schwimmenden Eisinseln wollten sich nicht wohnlich einrichten lassen und die Bestien des arktischen Meeres hatten kein Verständnis für die fiktiven Werte, um welche die Krone der Schöpfung alles erstand und erkaufte.

Aller angebotenen Vorzüge und aller ererbten Reichtümer ledig, fühlte sich plötzlich unser "Reisender im Geiste" durch die Destillierkunst des gemeinsamen Elends zu einem schwachen, unvollkommenen Organismus rektifiziert, der auf den poetischen Namen Knuddl hörte und keine weiter Aussicht hatte, als mit den vielen anderen in Compagnie zu hungern und zu frieren. Eine derartig unangenehme Perspektive, daß der Lord ihren Greueln dadurch ein Ende machte, daß er das fatale Buch zur Seite schob.

Nun es ihm zum zweitenmal in die Hände fiel, war er zu sehr auf seiner Hut, um es wieder aufzublättern und sich von seinen grausigen Schilderungen fesseln zu lassen; er warf es hinüber auf den Stuhl, den früher Mrs. Powder eingenommen.

Lord Knuddl hatte kein hartes Herz dem menschlichen Elende gegenüber, aber vor dem übermenschlichen schloß er gerne die Augen, wie alle Leute, die eben ruhig und behaglich dahinleben wollen, und hier hatte ihn sogar seine eigene Phantasie in Mitleidenschaft zu ziehen versucht!

Er wandte seine Augen von dem Stuhle ab, auf welchem der verhängnisvolle Band lag und sah in die verglimmenden Kohlen des Kamins.

Da lag es schwarz und wieder grau unter der Asche und einzelne Spitzen glänzten und gleißten, als wären es Spitzen der Eisberge, die unter der Mitternachtssonne des Nordpols aufleuchteten.

Der Lord seufzte.

Was ist das Leben und was ist das für ein Tummelplatz, auf welchem die Geschöpfe im Sonnenbrande und frostigem Eise vergehen?!

Seine Lordschaft stellte diese tiefsinnige Frage, die schon viele vor ihm getan hatten und nach ihm noch tun werden, wartete jedoch keine Antwort darauf ab, sondern kehrte dem Feuer und dem bewußten Stuhle den Rücken zu, indem er nach der Klingelschnur langte.

Der lange Kammerdiener schlich wieder in das Gemach, entkleidete seinen Herrn, löschte die Lichter aus und schlüpfte mit einem ehrerbietigen "Gute Nacht, mein Lord!" durch die halbgeöffnete Türe hinaus.

Lord Edward hatte sich auf sein weiches Lager gestreckt, jetzt hob er sich langsam mit dem halben Leibe empor und blieb eine Zeitlang aufrecht im Bette sitzen, er sah in dem dunkeln Zimmer um sich, ein Lichtstreif stahl sich von der Straße durch die Vorhänge des Fensters herein, fiel quer über das Tischchen, was das ovale Blechschild lebhaft leuchten machte. Edward regte sich unruhig, zögernd setzte er den Fuß auf den Teppich, schritt auf den leuchtenden Punkt zu, faßte den Talisman, kehrte bedächtig zurück und schob ihn mit einer raschen Handbewegung unter seine Polster.

Die Papiere, die neben auf dem Tischchen gelegen hatten, fielen raschelnd zu Boden, dann war alles stille im Gemache. Die Uhr ging wie auf weichen Rädern, lautlos. Da erstarb der Lichtstreif. Dunkel und Ruhe ringsum in den weiten Räumen. Der Kammerdiener schlief, Mrs. Powder schlief, der Portier in seiner Stube schlief, nur die große, graue Katze schlich noch durch die Gänge, und die Torbogenträger hielten unermüdet die nervigen, steinernen Arme über ihre struppigen Köpfe empor, damit nicht über Nacht berste und zusammenbreche die ganze Herrlichkeit des Hauses des sehr ehrenwerten Lords Edward Knuddl!

Im Anfange war Nacht – tiefe, arktische Nacht.

Und auf einer Scholle saß – Edward und fror bis in die Seele.

Und da zuckte es auf, es ward Licht! Aber nicht freundliche Sonnenhelle; blutiger Nordlichtschein spannte sich – ein gewaltiger, feuriger Bogen aus blitzenden, zuckenden Strahlenbündein – über das flimmernde, flirtende Eis. Und Edward raffte sich auf und taumelte ein paar Schritte vor und sah bei diesem grausigen Lichte vom Nordpole weit über die Erde hin und tief in den Äther des Weltenraumes hinein.

Und die Erde war ein großes Schiff, die hohen Berge mit ihren dichten Wäldern das waren die Masten und die Segel – Sturm und Wind fegten über das Deck und das waren die Wellen und Wogen des Äthermeeres.

Das Fahrzeug schoß in schwindelnder Hast dahin und die Menschen wußten, es galt eine Reise. Wurden sie doch aneinandergedrängt und mußten sich den Fleck erstreiten, wo einer verbleiben konnte und kaum die Hälfte der Arbeit, die er sich vorgesetzt, zu Ende brachte vor Gewirre und Gedränge, so beengte sie Raum und Zeit. ja, es galt eine Reise, aber sie verstarben darüber und war keiner, der Land gesehen hatte.

Dort an einem riesigen Eisblocke lehnte ein Mann in weitem Mantel, die Faust, die das Fernrohr umspannte, an die Brust gedrückt, sein weißes Haar und sein schneeiger Bart wehten in langen Flechten hinter ihm, und er starrte hinaus in den Raum, der vor der Erde lag und den sie auf ihrer Bahn durchschnitt, und sein heißer, verlangender Blick aus den dunkeln tiefliegenden Augen verlor sich suchend in dem unendlichen Äther.

Das war der Kapitän des Schiffes.

Und dort am Nordpole war ein gewaltiges Steuer angebracht, an dem ein greiser, nerviger Geselle mit kurzem, grauem Haare und breitem eckigem Gesichte stand, der gleichmütig, aber mit riesiger Kraft das Ruder handhabte. Seine dichten Brauen zuckten oft so sonderbar, wenn er das Auge in überlegener Schlauheit zusammenkniff, aber sein Mund blieb breit und unverändert; er wandte nach solchen Augenblicken häufig sein Gesicht nach dem Kapitän zurück, als wollte er sich vergewissern, daß ihn derselbe nicht beobachtet habe, aber der blickte unverwandt hinaus in den Raum; dann hob der Steuermann unmerklich die Achseln und faßte mechanisch wieder nach dem Rade.

"Sir", fragte der Lord, der fröstelnd zu dem Manne mit dem Fernglase herangeschlichen war, "Sir, habt die Güte mir zu sagen, wohin steuern wir?"

Der Kapitän wendete sein Auge nicht ab von der Richtung, welche das Schiff nahm, und sagte: "Nach Gott!"

"Nun", sprach aufatmend der Lord, "dann segelt Ihr diesen Weg nicht zum erstenmal. Wenn nicht alle Ahnungen und Offenbarungen, die dem Menschengeschlechte seit Anbeginn der Welt geworden sind, trügen, so wissen wir den Kurs!"

"Ahnungen und Offenbarungen sind nur Versuche mit dem Senkblei", sagte der Kapitän. "Keines aller jener rüstigen Fahrzeuge", er neigte das Fernrohr leicht gegen den sternbesäten Himmel, "die da mit uns einhersegeln, weiß den Kurs; einige sind früher ausgesegelt als wir, wir fahren schon an die sechstausend Jahre und noch ist nichts in Sicht."

"Und keine Anzeichen – –?"

Der Kapitän unterbrach den Sprecher durch eine ungeduldige Bewegung, indem er das Fernglas vors Auge brachte. "Keine?" Dann setzte er in milderem Tone hinzu: "Aber das nächste Jahrtausend kann sie bringen, es wird sie bringen! Wir tun jeder unsere Pflicht!"

Edward ging von seiner Seite hinweg und wandte sich flüsternd an den Steuermann: "Wir segeln nach Gott aus!"

"Ja, ohne Kurs und schon an die sechstausend Jahre", sagte der am Steuer.

"Und alle die, die über der Reise verstarben, alle die Gestorbenen, die Gewesenen?!"

"Die sind über Bord!"

Dem Lord zog eine tödliche Kälte durch das Herz und mit bebender Lippe begann er: "Und all dieses Weh und dieses tiefe schmerzliche Sehnen und alle Arbeit, auch die sich an das Höchste setzte, verweht ohne Spur und ohne Dank; was uns im engen Schiffsraume begegnet, das allein ist unser Leben?! – Sei es! Aber sagt mir, kommt endlich ein Tag, ein großer, froher, heiliger Tag, wo das überlebende Geschlecht im Angesichte des Zieles selig Anker wirft?!"

"Schöne Worte das", sagte der Steuermann, indem seine Brauen zuckten. "Habt Ihr die von ihm?" Er blickte nach dem Kapitän. "Sechstausend Jahre sieht er nun schon die nämlichen Narren auf den nämlichen Bahnen mit uns lavieren, aber es hat ihn noch nicht klug gemacht, und ihr, Menschenkinder, vergeßt ihr's denn, daß man euch schon in der Schule gesagt hat: Wir segeln im Kreise?!"

Im Kreise – –

Da schien die Sonne ins Gemach, zu Häupten des Bettes erglänzten die aufgehangenen Waffen, Edward öffnete die Augen, dann langte er nach einer Pistole.

"Über Bord," sagte er.

Ein Schuß schreckte die Dienerschaft des Hauses und die Bewohner der schmalen, geraden Gasse auf; wie aus einem aufgestörten Ameisenhaufen wimmelte es nach und aus dem Palais. Das war erst ein ratloses Durcheinanderrennen, dann aber löste sich der Knäuel, und als die Mittagssonne über der großen Stadt London lag, da hastete es durch die schmale, gerade Gasse, wie sonst an einem anderen Tage; nur die schwarz verhangenen Fenster, die vom Schlafgemache des Lords herniedersahen, fielen dem einem oder dem anderen auf, und wenn sich der eine die Zeit nehmen mochte zu fragen, so konnte er von dem anderen, der sich Zeit genommen hatte, dort stehen zu bleiben, erfahren, daß sich der sehr ehrenwerte Lord Edward. Knuddl aus unbekannter Ursache den Tod gegeben!

 


 

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