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Erzählungen

Bertha Pappenheim: Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorBertha Pappenheim
booktitleLiterarische und publizistische Texte
titleErzählungen
publisherTuria + Kant Wien
editorLena Kugler und Albrecht Koschork
year2002
isbn3851323203
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kindergeschichten

Sommerschnee

(um 1888)

Wer von euch Kindern war während der vergangenen Sommerferien im Hochgebirge? Diejenigen unter euch, die von ihren Eltern nach den Tyroler Bergen mit genommen waren, die hatten es erleben können, daß sie eines Julimorgens erwachten und ringsum alles mit dickem Schnee bedeckt fanden, ganz wie zur Weihnachtszeit.

Nicht viele Menschen wissen, woher dieses merkwürdige Naturereignis kam. Mir hat es eine geschwätzige Elster aus dem Ahrenthal gesagt, und ich will es euch wieder erzählen, so gut ich kann.

In Bill, einem Dorfe bei Innsbruck, lebte ein Bauer mit seiner Frau und einem Söhnchen. Als sie einmal zusammen in die Kirche gingen, da fanden sie auf ihrem Wege ein Bündelchen und in dem Bündel ein Kind, ein kleines Mädchen. Der Bauer wollte es liegen lassen und sich nicht weiter darum bekümmern. Die Bäuerin konnte es aber nicht über's Herz bringen, das Kindchen voraussichtlich dem Tode preisgegeben zu sehen, und nahm es gegen den Willen ihres Mannes mit nach Hause.

Sie pflegte und hegte nun den kleinen Findling mit unermüdlicher Liebe und Rosel, so ward das Kind genannt worden, dankte ihr die Sorge und Mühe, indem sie zu einem braven und wacker fleißigen Mädchen heranwuchs.

Doch der Bauer mochte sie nicht leiden, und auch dann noch nicht, als Rosel nach dem Tode der Bäuerin die ganze große Wirtschaft besorgte, überall nach dem Rechten sah und dabei mit den Mägden für zwei arbeitete.

Desto mehr Gefallen fand aber Hans, der Bauerssohn, an Rosel, und als er sicher war, daß auch Rosel ihn gern mochte, da ging er zu seinem Vater und fragte, ob er nicht die Rosel zu seiner Frau haben dürfe.

Da kam er aber schön an.

»Was, die Rosel willst Du zur Frau,« schrie er, »das gefundene Ding? Nie und nimmermehr!«

Wütend und scheltend kehrte er dem erschrockenen Hans den Rücken. Rosel, die das Geschrei bis in die Küche gehört hatte, weinte bittere Thränen.

Hans tröstete sie und meinte, zu gelegenerer Zeit dem Bauer seinen Herzenswunsch besser vorbringen zu können.

Es war an einem schönen Sommerabende, als die Sonne eben hinter den Bergen verschwunden war, als der Bauer auf der Bank vor seinem Hause saß. Er schnitzte an einem Schlittenkopf für sein Winterfuhrwerk und pfiff dazu.

Da faßte Hans abermals Mut, trat vor den Vater hin und wiederholte seine Werbung.

Kirschrot vor Zorn fuhr der Alte auf: »Nein, nein und tausendmal nein! Das Mädel is nichts und hat nichts und wird drum Deine Frau nicht werden. Aber wart' Bub', ich werd' Euch schon helfen, daß Euch die dummen Gedanken vergehen. Rosel, Du packst gleich Deine Siebensachen und gehst heute noch auf die Alm hinauf. Keine Widerrede. Basta!«

Hans schaute wortlos und betrübt auf den Schlittenkopf, den der Bauer in den vor Wut zitternden Händen hielt.

»Ja,« sprach der Alte höhnisch weiter, »wenn Du Dir morgen an Peter und Paul das Mädel mit dem Schlitten vom Berg herunter holst, dann magst Du sie meinetwegen heiraten. Früher nicht!«

Der Bauer hatte gut reden. Zu Peter und Paul mit dem Schlitten fahren! An dem Tage, wo die Ernte begann und die glühende Sonne dem Schnitter meist das Wasser im Kruge trocknete.

Hans war sehr traurig, aber er sowohl wie Rosel sahen ein, daß sie sich dem Willen des Vaters nicht widersetzen durften, zudem er auch gedroht hatte, für den Fall verweigerten Gehorsams, seinem Sohne das Erbe zu entziehen.

Rosel nahm denn ihre wenigen Habseligkeiten, um trotz des vorgerückten Abends noch nach der Sennhütte, die auf halber Berghöhe lag, zu gehen. Hans wollte sie wenigstens bis zum nächsten Morgen zurückhalten, aber Rosel, die mit Recht den Zorn des alten Bauern fürchtete, meinte, es würde ihr trotz der Dunkelheit nichts Böses widerfahren.

»Wenn ich oben bin, dann zünde ich ein helles Feuer an, daran magst Du erkennen, daß ich wohlbehalten angekommen bin.«

Da nahm Hans ein Sträußchen Edelweiß, das er selbst gepflückt und neben dem Spielhahn auf seinem Hut getragen hatte, und reichte es der Rosel. Diese steckte das Sträußchen an's Mieder, schüttelte Hans die Hand und machte sich auf den Weg.

Das Herz war ihr schwer, viel schwerer, als sie ihren Jugendfreund merken lassen wollte, und der Pfad lag unsicher vor ihren Augen, die sich immer wieder mit Thränen füllten. Aber sie schritt doch mutig aus und war nach einigen Stunden an ihrem Ziele.

Bevor sie die Hütte betrat, in der sie von nun an wohnen und arbeiten sollte, las sie noch ein großes Bündel Reiser zusammen und zündete es an, daß Hans im Thal die lodernde Glut wie ein winziges, freundliches Lichtchen als Gruß bemerken konnte.

Da es kalt war, so setzte Rosel sich an's Feuer. Sie dachte: daß wir Mann und Frau werden, kann der Bauer hindern, aber daß wir uns gern haben, das kann der Bauer nimmer hindern. Dabei blickte sie in die knisternden Flammen bis ihre Augenlider müde und schwer wurden. Plötzlich meinte sie ringsum ein sonderbares Flüstern und Wispern zu vernehmen und von allen Seiten kamen kleine, zierliche, durchsichtige Geschöpfe herangehuscht. Sie sangen:

Dem Kind, das uns gepflegt, geschont,
In dem nur Lieb' und Treue wohnt,
Dem seh'n wir Thau im Auge blinken
Und Sorge auf das Herze sinken!
Das darf nicht sein. Wir wollen helfen
Mit Witz und Kraft der Blumenelfen.

Da trat die kleine Orakelelfe aus dem Kreis.

»Ich allein kenne den Schmerz des guten Kindes genau; sie hat ihn mir selbst manchmal unwissentlich verraten. Keines von uns kann helfen, als das Edelweiß, das auf kalter Höhe wächst und mit dem schneidenden Nordwind vertraut ist. Nur Edelweißchen's Fürsprach' bei dem strengen Herrn kann nützen.«

Da trat Edelweißchen hervor. Wie eine stolze Krone schmiegten sich weißsammtene Blätter um sein Köpfchen, in der Hand trug es ein graugrünes Blätterzweiglein. Die Elfe warf einen zärtlichen Blick auf Rosel und sprach: »Gerne, Schwester Margarit, will ich meine Fürsprach' einsetzen, um unsern Liebling glücklich zu machen. Ich hörte Worte eines harten Mannes, sie sollen zu unseres Schützlings Segen in Erfüllung gehen. Doch vorher rettet euch, sonst ist's euer Verderben.«

Wie eine Königin ihr Scepter, so schwang Edelweißchen das graugrüne Zweiglein und husch, husch – fort waren sie all' die Elfen.

Und noch ein zweites Mal schwang Edelweißchen sein Zweiglein, und ein fürchterlicher eisiger Nordwind erhob sich und blies Rosel den Rauch des verlöschenden Feuers in's Gesicht. Halb traumbefangen flüchtete sie in die Hütte.

Doch des Sturmes Toben hörte so bald nicht auf.

Von den Stubbeier Firnen her führte er schwere, schwarze Wolkenmassen herbei, die sich über dem Thale sammelten. In den Wäldern krachte es, Blitze zuckten, Donnerrollen ertönte, und im Dorfe Bill saß der alte Bauer in seinem hochgetürmten Federbett, die Zipfelhaube über die Ohren gezogen, und bebte vor Schreck und Entsetzen über das fürchterliche Unwetter. In seiner Angst versuchte er seinen Sohn, der in der Kammer nebenan lag, durch Rufen zu wecken, doch dieser hörte nicht und schlief ruhig weiter.

Als das Unwetter so an die drei Stunden gewährt haben mochte, wurde es auf einmal still.

Fahler Tagesschimmer drang in die Schlafstube des Alten, der jetzt zitternd noch an allen Gliedern aufstand, um nachzusehen, welches Unheil der Sturm wohl auf seinem Hofe angerichtet haben mochte.

Er warf vom Fenster aus einen ängstlichen Blick auf den großen Apfelbaum vor dem Hause, den er sicher geknickt glaubte, doch was sah er da!

»Hans, Hans, um Gotteswillen wach auf,« schrie er, stürzte an das Lager seines Sohnes, schüttelte ihn wach und zerrte ihn an's Fenster.

Und wahrlich, merkwürdig genug war der Anblick, der sich den Männern dort bot.

Dichte Schneemassen auf den Feldern, die gestern noch wogende Halme getragen, Schnee auf den Bäumen, deren Äste die Last nicht ertragen konnten und mit den halbreifen Früchten gebrochen zu Boden hingen, und fußhoher Schnee auf der Dorfstraße, eine einladende Bahn bildend, wie zur Weihnachtszeit.

Was Wunder, daß Vater und Sohn sich über Stirn und Augen strichen, als glaubten sie zu träumen.

Da plötzlich schrie Hans:

»Juchei! 's ist Peter und Paul heut', ich hol' mir meine Rosel!«

Eins – zwei – drei war er in seinen Kleidern und ebenso schnell in den Schuppen und Stall gerannt.

Ehe sich's der alte Bauer recht versah, stand ein eingespannter Schlitten vor der Thüre. Glückstrahlend schwang Hans die Peitsche über dem Schimmel, der über die Schlittenfahrt kaum weniger erstaunt sein Haupt schüttelte, als die Menschen, und fort gings in sausendem Galopp.

Die ganze Höhe des Berges konnte Hans freilich mit dem Schlitten nicht bewältigen, aber als es nicht weiter ging, band er das Pferd an einen Baum und rannte weiter. In der Höhe der Sennhütte schickte er einen Jodler nach dem andern voraus, und als er oben war, öffnete Rosel schon ihr Fenster. Auch sie war starr über die Veränderung, die sich nachts ereignet hatte.

»Rosel, ich komm' Dich zu holen, 's ist Peter und Paul, und der Schlitten steht ein paar hundert Schritt weiter unten!«

Der froh erregte Bursch ließ dem Mädel nicht viel Zeit zum Staunen und Verwundern, denn die kräftige Sonne begann schon den Schnee zu streicheln und ihn verlaufen zu machen.

»Wir müssen im Dorfe einfahren, damit dem Vater sein Wille ganz geschieht.«

Und so geschah es auch. Mit Schellengeläute und Peitschenknall fuhr der Schlitten im Dorfe ein, und alle Nachbarn sahen, wie Hans die Rosel heraushob und sie herzhaft küßte.

Der alte Bauer durfte kein Wort dagegen sagen und sich auch nur im Stillen darüber grämen, daß der Sommerschnee seine ganze Ernte vernichtet hatte, denn er war selbst schuld daran.

Im Storchenland

(um 1888)

In einer kleinen Stadt lebte ein Mädchen Namens Kamilla, die war mit einem jungen Manne verlobt. Das heißt, sie war seine Braut und er war ihr Bräutigam und nach einer bestimmten Zeit sollten sie Mann und Frau werden.

Eines Tages, als sie beisammen saßen und Kamilla eifrig an ihrer Aussteuer nähte, sprachen sie von der Zukunft, da stellte es sich heraus, daß der junge Mann noch lange nicht das Vermögen besaß, das dazu gehört, um einen Hausstand zu gründen. Er machte deshalb seiner Braut den Vorschlag, daß er in die Fremde gehen wollte, um dort möglichst rasch ein reicher Mann zu werden. Kamilla, die einsah, daß er Recht habe, erklärte sich mit dem Plan einverstanden und der junge Mann reiste ab. Wochen und Monate vergingen, ohne daß Kamilla etwas von ihrem Bräutigam hörte. Die Aussteuer war längst fertig genäht, und er kam immer noch nicht wieder.

Als Jahre vergangen waren, war Kamilla recht betrübt geworden, denn nicht nur mußte sie annehmen, daß ihrem Bräutigam, den sie von Herzen lieb gehabt, ein Leids geschehen war, sondern sie mußte auch auf die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches, Kinder zu haben, verzichten. So oft sie die Störche übers Haus fliegen sah, mußte sie seufzen, denn diese klugen Vögel bringen die Kinder nur gerne in ein Haus, wo eine Mutter und ein Vater gleich bereit sind, die Sorge für die Kleinen zu übernehmen.

In der Nachbarschaft Kamilla's wohnten ein paar ungezogene Buben, die für die traurigen Erfahrungen in deren Leben kein Verständnis hatten, und so oft sich Kamilla am Fenster und auf der Straße zeigte, stimmten sie Spottlieder auf die »alte Jungfer« an. Das kränkte Kamilla, doch verbitterte sie nicht, weil sie ein gutes Herz besaß, wohl aber faßte sie den Entschluß, ihre jetzige Wohnung und deren unartige Nachbarschaft zu verlassen und in ein anderes Stadtviertel zu übersiedeln. Als sie in die Häuser ging, wo ein am Thore hängender Zettel ihr verriet, daß in demselben ein paar Zimmer zu vermieten seien, da machte sie es ganz anders, als die meisten Leute pflegen. Sie fragte den Hausherrn nicht mürrisch, ob in dem Hause nur sicher keine Kinder wohnten, sondern sie suchte im Gegenteil eine Wohnung, in deren Nähe eine kinderreiche Familie lebte. Eine solche Wohnung hatte sie bald gefunden und da sie auch sonst ihren Anforderungen genügte, dauerte es nicht lang, bis sie sich recht behaglich eingerichtet hatte und sehr wohl fühlte.

Dazu trug nicht zum wenigsten bei, daß sie mit der kleinen Gesellschaft, die immer im Hofe und auf dem Korridor ihr Wesen trieb, bald die engste Freundschaft geschlossen hatte. Tante Kamilla, so ward sie von dem lustigen Völkchen genannt, wurde bald eine Hauptperson im Hause. Sie konnte den Großen bei den Schularbeiten helfen, wußte mit den Mittlern zu spielen und die ganz Kleinen so gut zu wickeln, zu baden und zu futtern, daß es der armen Schneidersfrau, der die ganze Herde Sprößlinge gehörte, erschien als habe ein guter Engel sein Quartier bei ihr aufgeschlagen.

Aber nicht nur die Menschen bemerkten Kamilla's liebreichen und wohltuenden Einfluß auf die Kinder, auch der Storch, der alljährlich wiederkam und der Frau Schneidermeisterin ein Kleines brachte, hatte bald beobachtet, wie gut und treu »Tante Kamilla« es mit den hilflosen Geschöpfchen meinte. Als die Störche eines Tages scharenweise, jeder seiner schreienden Last entledigt, über die Kirchtürme der Stadt wegflogen, da erzählte der eine mit großer Genugtuung, wie gut die kleinen Kinder, die er brachte, in dem Hause, das er von hoch oben mit der Spitze seines Schnabels bezeichnete, gepflegt würden. Mit beredten Worten schilderte er die Liebe und Geschicklichkeit von Tante Kamilla und konnte des Rühmens kein Ende finden. Andächtig hörten ihm die Storchenbrüder zu und nachdenklich zogen sie ein Bein in die Höhe, denn nicht alle konnten sich rühmen, ihre Kleinen in so verläßlichen Händen zu wissen. Als sie noch so in großen Rudeln, teils auf dem Rathausturm, teils auf den Kirchtürmen beisammen waren, da kam plötzlich von Süden her ein großer schwarzer Storch geflogen. An der feierlichen Art, wie er seine Flügel bewegte, konnten die weißen Störche gleich erkennen, daß er eine wichtige Botschaft bringe. Wie auf ein verabredetes Zeichen erhoben sich alle in die Luft, flogen dem schwarzen Bruder entgegen und umkreisten ihn mit wahrhaft betäubendem Geklapper. Doch der schwarze Storch war so ermüdet von dem weiten, weiten Flug, den er zurückgelegt, daß er matt auf die Spitze des Doms hinsank und lange auf die Fragen, die in wildem Durcheinander an ihn gerichtet wurden, keine Antwort geben konnte. Der Ärmste, er kam so weit her, aus dem Storchenland.

Endlich konnte er sprechen:

»Brüder, ich habe euch eine sehr traurige Nachricht zu bringen.«

»Welche? Was? Sprich! Erzähl'!« Klapperte es von allen benachbarten Dächern.

»Unsere gute alte Storchenmutter ist gestorben.«

»Entsetzlich! Wann? Wieso? O Schmerz!«, so und ähnlich waren die Ausrufe, die den erschreckten Vögeln entfuhren, und es entstand dadurch ein solcher Spektakel, daß der neue Ankömmling eine Weile warten mußte, ehe er weiter erzählen konnte.

»Was eigentlich den Tod der guten Alten herbeigeführt hat, weiß ich nicht, aber sie ist tot und das ärgste dabei ist, daß nun im Storchenland eine grauenhafte Unordnung hereingebrochen ist. Die Kinder schreien Tag und Nacht und es ist niemand da, der das Oberkommando und die Pflege verstünde. Die Storchenbrüder, die doch nichts anderes können, als die Kleinen in den Schnabel nehmen und fort tragen, haben schon die ärgsten Mißgriffe und Irrtümer begangen, so z. B. hat einer einem weißen Elternpaar ein Mohrenkind gebracht, während ein anderer ein weißes Bübchen in die Hütte einer schwarzen Frau in Afrika getragen hatte. Das geht doch nicht weiter an. Deshalb machte ich mich auf und flog hierher, wo ich eine stattliche Anzahl von Brüdern versammelt wußte. Wir müssen Rat halten, was nun zu thun sei.« Tiefe Stille folgte dieser Rede. Alle Störche standen betrübt auf einem Bein, doch keiner wußte einen vernünftigen Vorschlag zu machen, um der Unordnung im Storchenlande zu steuern.

Endlich flog einer der Brüder auf, warf den Kopf zurück und klapperte kurz und nachdrücklich zum Zeichen, daß er zu sprechen wünsche. Alle Störche blickten voll Spannung auf ihn, und er sprach:

»Liebe Brüder, ich erinnere Euch in dieser Stunde der großen Not, die über unser teueres Vaterland hereingebrochen ist und die unsern seit Jahrtausenden bewahrten guten Ruf vernichten kann, an das Menschenkind, von dem ich Euch soeben gesprochen habe. Tante Kamilla hat alle Kinder lieb, sie versteht für sie zu sorgen, sie zu pflegen, zu strafen und zu belohnen, versteht ihre Nahrung und Kleidung, sie wäre meines Erachtens die richtige Persönlichkeit, unsere selige Storchenmutter gut zu ersetzen.«

»Ja, ach ja! Tante Kamilla, sie ist die Rechte! sie kann uns helfen!« riefen einige der Störche.

»Wird sie aber auch wollen«, frug ein Vorsichtiger aus der Ratsversammlung.

»Wir müssen sie fragen«, klapperte es im Kreise.

Kamilla's Freund, der sie als Präsidentin des Storchenlands in Vorschlag gebracht hatte, versprach noch selbigen Abends mit ihr zu sprechen, doch sollten sich sämtliche Störche bereit halten, damit man gleich abreisen könne, sobald die erhoffte Zusage erfolgt war.

Es war ein wunderschöner Herbstabend. Kamilla hatte wie jeden Tag der Schneidersfrau geholfen, die Kleinen zu Bett zu bringen, und war dann in ihr Zimmer ans offene Fenster getreten. Da ihr Stübchen sehr hoch gelegen war, so hatte sie eine sehr schöne Aussicht über die Dächer der Stadt weg, weit in's Land hinein. Sie beobachtete eben, wie der Mond langsam höher und höher stieg, und dachte lächelnd daran, wie die kleine Mimi vorhin verlangend die dicken Händchen nach dem schönen roten Ball ausgestreckt hatte, während Karl, Hannchen und Anna schon so klug waren, zu wissen, daß dies ein unerreichbarer Gegenstand sei, und Mimi tüchtig auslachten.

Da plötzlich flog über dem Rathaus ein Schwarm von Störchen auf, die sich auf die nächsten Dächer niederließen, ein Storch setze sich ganze nahe bei Kamilla's Fenster auf die Traufe und hub gleich zu sprechen an. In kurzen Worten erzählte er von dem Verlust, der das Storchenland betroffen hatte, von dem Vertrauen, das Kamilla sich durch ihre Liebe zu den Kleinen in Storchenkreisen erworben habe, und ganz zuletzt rückte er mit der Bitte heraus, sie möchte doch mit in's Storchenland ziehen. Zuerst war Kamilla sehr erstaunt ob dieser Zumutung. Doch als sie sich vorstellte, wie all die vielen kleinen Kinder im Storchenland ohne Pflege und Aufsicht seien, wie sie wahrscheinlich hungerten und schrieen, da erfaßte sie solches Mitleid mit ihnen und so heftig der Wunsch, den armen Geschöpfchen zu helfen, daß sie ohne vieles Überlegen sich bereit erklärte, Oberpflegerin im Storchenlande zu werden. Nun bedankte sich der Storch in den höflichsten Worten, und als Kamilla fragte, wann und wie die Reise vor sich gehen sollte, da winkte der Storch seinen Kameraden mit dem Schnabel zu, und Alle kamen rasch herangeflogen. Jeder von ihnen zog unter dem Flügel ein Wickelband hervor, denn jeder ordentliche Storch trägt immer ein solches bei sich, zog das Wickelband durch Kamilla's Gürtel, nahm die beiden Enden in den Schnabel, und ehe sie sich's versah, schwebte sie, von den Störchen getragen, über die Stadt dahin.

Im ersten Augenblick hatte Kamilla große Angst, denn wenn die Störche zu klappern angefangen hätten, wäre sie unwiderruflich in die Tiefe gestürzt und am Ende auf einen der Kirchtürme gespießt worden. Aber die Vögel waren sich ihrer Verantwortung bewußt. Lautlos flogen sie mit mächtigen Flügelschlägen dahin, schnell und immer schneller, so daß Kamilla alsbald die Besinnung verlor. Sie merkte nicht mehr, daß sie über unzählige Städte und Dörfer, Seen und Flüsse, Wiesen und Wälder dahin flog, daß die Luft immer wärmer und würziger wurde, und daß sie schließlich in einer ganz anderen Weltgegend war. Als Kamilla wieder zu vollem Bewußtsein zurückkehrte, fand sie sich auf einer Wiese mit dem Rücken gegen ein Gitter gelehnt, das aus dichten, hohen, schlanken goldenen Stäben bestand. Ihr Freund Storch stand neben ihr und bat sie, durch ein Thürchen im Gitter, das er mit dem Schnabel für sie geöffnet hielt, ihr letztes Reiseziel zu betreten. Kamilla folgte ihrem Führer, und alsbald breitete sich ein Landschaftsbild vor ihr aus, wie sie es in ihrem Leben noch nicht gesehen hatte. Nachdem sie eine samtweiche, von tausenden bunten Blümchen bestreute Wiese überschritten hatte, kam sie an einen Hain von dichten alten Bäumen, der sich zu ihrer Rechten hinzog. Ein sonderbares Geräusch tönte ihr daraus entgegen; und da es aus den Zweigen kam, so meinte sie, daß es Vögel sein müßten, die in den tief herabhängenden Zweigen nisteten. Doch wie wuchs ihr Erstaunen, als sie, sich umsehend, entdeckte, daß es kleine Kinder waren, die hier zwischen den Ästen hingen und ihre Stimmchen in allen Tonarten hören ließen. Einige hatten ihre Hemdchen verstrampelt, andern schien die Sonne ins Gesicht, die meisten rissen hungrig ihr Mäulchen auf und alle schienen sich sehr unbehaglich zu fühlen. Es bedurfte der Worte des Storches nicht, um Kamilla darüber aufzuklären, daß sie nun in dem Land war, wo die kleinen Kinder auf den Bäumen wuchsen, und von wo die Störche sie immer holten.

Doch mit andern Dingen mußte der Storch Kamilla erst bekannt machen, bevor sie ihr Amt mit gutem Erfolge antreten konnte.

Da war zuerst mitten in dem Hain ein großer Teich von süßer Milch, in dessen Grunde all die Schlingpflanzen Wurzel gefaßt hatten, die an jedem Baume emporwuchsen. Diese Schlingpflanzen und deren Wurzeln waren hohl und vertraten im Storchenlande die Stelle der Gummischläuche, welche die Menschen an den Milchfläschchen anbringen, aus denen die Babies ihre Nahrung ziehen. Wenn es Zeit war, daß die Kleinen ihre Mahlzeit bekamen, dann wurde ihnen einfach ein Zweiglein der Schlingpflanze ins Mäulchen gesteckt und der Milchsee versorgte sie mit seiner süßen Gabe. Als Kamilla dies erst wußte, eilte sie von Baum zu Baum und sorgte vor allem dafür, daß der Hunger und Durst gestillt wurde. Dabei glättete sie die Hemdlein, strich über die blonden, braunen und schwarzen Härchen, und man kann es nicht verschweigen, sie putzte auch manches Näschen, das seit dem Tode der alten Storchenmutter vernachlässigt war.

Nach und nach wurde es still und immer stiller im Kinderhain. Lauer Wind schaukelte die Zweige, so daß die Kleinen sanft und fest schliefen. Dann führte der Storch Kamilla links an eine Mauer, wo wie in einem Obstgarten sich ein langes, langes Spalier befand. Daran hingen von der Sonne kräftig beschienen viele, viele braune und schwarze Kindlein und an einer besondern kleinen Abteilung je zwei und drei Kindlein an einem Zweige. Nun wußte Kamilla auch, woher die Mohrenkinder und die Zwillings- und Drillingspärchen kommen, und auch hier entfaltete sie alsbald ihre ausgebreitete, segensreiche Wirksamkeit. Nahebei war ein Feld, auf welchem großblättrige weiße Lilien wuchsen, die im Storchenland zu den Erstlingshemdchen verwendet wurden, und so führte der Storch Kamilla durch ihr ganzes Bereich. Als sie den Rundgang beendet, fragte er sie, ob sie noch immer bereit sei, das immerhin ziemlich mühsame Amt zu verwalten, und als Kamilla bejahte, da sagte er, sie solle nun alles allein besorgen und nach einem Jahre wolle er wieder nachfragen.

Das Jahr verging sehr schnell, denn es gab alle Hände voll zu thun. Aber die Kinder gediehen so gut unter Kamilla's Pflege, wurden so rund und rosig, daß die Menschen sowohl wie die Störche sehr zufrieden waren und letztere sehr froh, als Kamilla nach Ablauf des Jahres erklärte, sie wolle gern für immer im Storchenland bleiben, weil dadurch ihr sehnlichster Wunsch erfüllt war und sie Kinderchen in Hülle und Fülle hatte. Sie war, freilich immer ein bischen traurig, wenn die Störche eine Anzahl ihrer Schützlinge forttrugen, aber da sie immer wieder nachwuchsen, so konnte sie sich trösten.

Ich vermute, daß Tante Kamilla noch immer im Storchenland ist und ewig bleiben wird, denn die Leute sagen, wer mit guten Kinder zu thun hat, wird nicht alt.

Die Weihernixe

(um 1888)

Der sonst belebteste Teil der Promenaden, welche die Stadt, wie mit einem freundlichen Rahmen einfassen, lag einsam und stille da im Dunkel einer trüben Februarnacht.

Leichter Wind strich über den Weiher am Wege und die weißen Schneewolken, die am Himmel jagten, spiegelten sich noch krauser in den bewegten Wellchen. Selten nur unterbrach der im Sande knirschende Schritt eines Vorübergehenden die Stille und deutlich tönten aus einem der gegenüber liegenden Häuser die Klänge einer Tanzweise. Plötzlich bewegte sich die Oberfläche des Wassers heftiger und auf derselben erschien das lauschende Gesicht eines Nixchen, das durch die Töne an die Oberfläche gelockt worden war. Scheu blickte sie um sich. Als sie gewahrte, daß der Kopf, der an einem Brunnen am Rande des Weihers in Stein gehauen war, sie heute noch boshafter angrinste als sonst, wenn sie es wagte, den dunklen Grund ihres Heims zu verlassen, da tauchte sie erschrocken wieder unter. Allein nicht für lange. Man hatte im Tanzsaale ein Fenster geöffnet. Verstänkt drangen die heiteren Weisen zum Weiher herüber, und mit unwiderstehlicher Gewalt zogen sie die kleine Nixe herbei.

Durch ein Büschel Schilf vor den Augen ihres steinernen Beobachters geschützt, richtete das Nixchen neugierig seine Blicke nach dem Hause, dessen beleuchtete Fenster und die an denselben vorbeischwebenden Gestalten keinen Zweifel darüber ließen, daß sich die Menschen dort dem Vergnügen des Tanzes hingaben.

Wie schön müßte es sein, dachte das Nixchen, einmal, wenn auch nur kurze Zeit, das kalte Element zu verlassen und im hell erleuchteten Saal, umrauscht von Musik, von warmer Hand geführt, dahin zu fliegen.

Sie vergaß, welch' harte Strafe daraufgesetzt war, wenn eine der Töchter das Nixenreich verließ und von den Menschen erkannt wurde.

Von ihrem Wunsche fast unbewußt bewegt, aber dennoch zögernd, näherte sich die Nixe dem Ufer und mit einem Male alles vergessend, nichts bedenkend, verließ sie ihr Reich und huschte einem Nebelreif gleich über die Straße zur Terrasse des Wintergartens, woher die Klänge kamen. Leise schlüpfte sie hinein, und, versteckt hinter einer Gruppe von Palmen und blühenden Camelien beobachtete sie das bunte Treiben im Saale.

Die Menschen wirbelten an ihr vorbei doppelt schön im Glanze heiterer Farben und der Festesfreude. Sie lächelten und nickten, sprachen, fächelten und winkten; unverständlich schien's und doch verstanden. Das Nixchen hatte lange unbemerkt in seinem Versteck gestanden. Die ungewohnte Atmosphäre, die Wärme, das Licht, der Blumenduft, dies alles hatte sie betäubt, unfähig gemacht, anderes zu denken, als den einen Wunsch, der sie nun ganz erfüllte: Wenn nur Jemand käme und mich zum Tanze führte!

Darüber vergaß sie ihr Fremdsein, ihre Schüchternheit und stand plötzlich in ihrem langen weißen Kleide, mit aufgelöstem Haar, darin noch Wassertropfen funkelten, in den Reihen der tanzlustigen Mädchen. Diese ließen sich in ihrer Lustbarkeit wenig stören. Bald war eine nach der andern mit ihrem Tänzer verschwunden und das Nixchen meinte schon allein bleiben und vor Scham darüber vergehen zu müssen, als sie mehr fühlte, als sah, daß sich ihr jemand näherte, um sie zum Tanze zu holen.

Es war ein großer, schöner Mann; ein langer Bart umrahmte sein Gesicht, und tief dunkelblaue Augen sprachen aus demselben von Liebe und Güte. Sie blickte nicht auf. Er umfaßte sie, und dahin rasten sie nach den Weisen und Tönen, die ihrem Ohr berauschender und berückender klangen denn je. Ob er wohl wußte, mit wem er tanzte?! Ob er wußte, daß sie dem kalten unnahbaren Elemente angehöre, das sie nicht straflos verlassen durfte!?

Sie hatten lange getanzt, wortlos geruht, sich immer neuerdings in den Reigen gestürzt, bis die Zahl der Paare sich verringerte, und die Musik endlich verstummte.

Als das Nixchen wieder in der Nähe des Wintergartens war, da wollte es sich ein Herz fassen und seinem Tänzer danken. Sie blickte auf zu ihm, während sie schüchterne Worte sagen wollte – da sah er, daß sie grüne Augen hatte, Augen so grün, wie das Schilf am Weiher. Da fuhr ein Schaudern durch den Mann, und er wandte sich ab, denn er wußte, mit wem er getanzt hatte, und das Nixchen wußte, nun war es vorbei!

Sie floh, um eilend dahin zu kehren, woher sie gekommen war – – dem Weiher zu.

Doch was mußte sie erfahren: sie hatte sich länger als sie vermutet, bei den Menschen aufgehalten, – stundenlang. Indessen hatte der Nordwind gewütet, der Frost hatte eine starre Decke über das Wasser gelegt und das Nixchen konnte nicht zurück in ihr Heim. Hei, wie da der Kopf am Brunnen höhnisch lachte, als er sie verzweifelt am Ufer irren sah.

Müde war sie; der Sturm wühlte in ihren Haaren und Gewändern und dichter und dichter wurde die Eisdecke, die sie von ihren Schwestern trennte. Der Morgen graute, es fing an zu schneien, und das Nixchen setze sich endlich erschöpft an den Boden, den Kopf gegen einen Stein gelehnt. Leise, leise wirbelten die Schneeflocken nieder, alles bedeckend, wie in mildem Erbarmen auch die kleine Nixe.

Frost und Kälte dauerten lange. Als nach Wochen endlich die Sonne Kraft gewann, und die Schneedecke fortschmolz, da sah der steinerne Kopf am Brunnen ein zartes Pflänzchen, das bei dem Stein am Weiher hervorgrünte: ein Schneeglöckchen. Zeitungsartikel, Essays

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