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Erzählungen

Achim von Arnim: Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorAchim von Arnim
titleErzählungen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
volumeErster Band
editorReinhold Steig
correctorreuters@abc.de
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Die Schule der Erfahrung

Ein Sperling hatte vier Jungen in einem Schwalbenneste. Wie sie nun flügge waren, stießen böse Buben das Nest ein, sie kamen aber alle im Windsbraus davon. Nun war dem Alten leid, weil seine Söhne in die Welt kommen, daß er sie nicht zuvor gegen allerlei Gefahr verwarnet und ihnen gute Lehren dafür gesagt habe. – Auf dem Herbste kamen in einem Weizenacker viel Sperlinge zusammen; allda traf der Alte seine vier Jungen, die führete er mit Freuden zu sich heim und sprach: »Ach, meine lieben Söhne, was habt ihr mir den Sommer über für Sorge gemacht, dieweil ihr ohne meine Lehre von mir weg in den Wind gekommen; höret meine Worte und folget eurem Vater und sehet euch wohl vor; kleine Vögel haben große Gefährlichkeiten auszustehen.« – Darauf fragte er den Ältesten, wo er sich den Sommer über aufgehalten, und wie er sich ernährt habe? »Ich habe mich in den Gärten gehalten,« antwortete der Älteste, »Raupen und Würmlein gesucht, bis die Kirschen reif wurden.« »Ach, mein Sohn,« sagte der Vater, »die Schnabelweide ist nicht bös, aber es ist große Gefahr dabei; darum habe forthin deiner wohl acht, und sonderlich wenn Leute in den Gärten umhergehen, die lange, grüne Stangen tragen, so inwendig hohl sind und oben ein Löchlein haben.« – »Ja, mein Vater, besonders wenn dann ein grünes Blatt vors Löchlein mit Wachs geklebt wäre, da sieht man es kaum, und es trifft doch.« – »Wo hast du das gesehen?« – »In eines Kaufmanns Garten,« sagte der Junge. – »O, mein Sohn,« sprach der Vater, »Kaufleute, geschwinde Leute; bist du bei diesen Weltkindern gewesen, so hast du Weltgescheitigkeit genug gelernet; siehe und brauch's nur recht und wohl, und traue dir nicht zu viel.« Darauf befragte er den andern: »Wo hast du dein Wesen gehabt?« »Zu Hofe«, sprach der Sohn. »Sperlinge dienen nicht an Höfen,« sprach der Vater, »wo viel Geld, Sammet, Seiden, Wehr und Harnisch, aber wenig zu essen, viel Sperber, Kauzen und Falken sind, die dich fressen; halt du dich zum Roßstall, da man den Hafer schwingt oder da man drischet, da kann dir's Glück mit gutem Frieden auch dein täglich Körnlein bescheren.« »Ja, Vater,« sprach der Sohn, »wenn aber die Stallbuben ihre Schlingen und Sprengsel im Stroh aufstellen, da bleibt auch mancher hängen.« »Wo hast du das gesehen?« fragte der Alte. »Zu Hof bei den Roßbuben.« – »O, mein Sohn, Hofbuben, böse Buben; bist du zu Hof bei den Dienern gewesen und hast da keine Federn gelassen, so hast du ziemlich gelernet; du wirst dich in der Welt wohl wissen durchzufressen; doch siehe dich um, die Wölfe fressen auch oft die gescheiten Hunde.« Der Vater nahm den dritten auch vor sich: »Wo hast du dein Heil versucht?« »Auf den Fahrwegen und Landstraßen hab ich bisweilen ein Körnlein oder Brotkrümlein angetroffen.« »Dies ist ja,« sagte der Vater, »eine feine Nahrung; aber merk gleichwohl auf, sonderlich wenn sich einer bücket und einen Stein aufheben will, da ist dir nicht lange zu bleiben.« – »Wahr ist's,« sagte der Sohn, »wenn aber einer zuvor einen Handstein im Busen oder Tasche trägt?« – »Wo hast du dies gesehen?« – »Bei den Bergleuten, lieber Vater; wenn sie ausfahren, dann führen sie gemeiniglich Handsteine bei sich.« – »Bergleute, Werkleute,« rief der Vater, »anschlägige Leute; bist du um Bergburschen gewesen, so hast du was gesehen und erfahren, fahr hin und nimm deiner Sache gleichwohl gut acht; Bergbuben haben manchen Sperling mit Kobalt niedergeschmissen.« Endlich kam der Vater an den jüngsten Sohn: »Du, mein lieber Geckennestle, du warst allzeit der albernste und schwächste, bleib du bei mir auf dem wüsten Bauerhofe, den die Feinde abgebrannt haben; die Welt hat viele grobe und böse Vögel, die krumme Schnäbel und lange Krallen haben und nur auf arme Vöglein lauern und sie verschlucken; halt dich zu mir und lies die Spinnen und Raupen hier von Baum und Haus; hier ist kein Blaserohr, keine Schlinge, kein Steinwurf und keine Fuhrmannspeitsche zu fürchten; hier haben wir beide so eben genug für uns, und so bleibst du lange zufrieden.« – »Du, mein lieber Vater,« antwortete der jüngste Sohn, »wer sich nähret ohne anderer Leute Schaden, der kommt lange hin, und kein Sperber, Habicht, Ar oder Weihe wird ihm schaden, wenn er zumal sich und seinen ehrlichen Namen Gott alle Abend und Morgen treulich befiehlt, welcher aller Wald- und Dorfvöglein Schöpfer und Erhalter ist, der auch der jungen Raben Geschrei und Gebet hört; ohne seinen Willen fällt auch kein Sperling auf die Erde.« »Wo hast du das gelernt?« – Darauf antwortete der Sohn: »Als mich der große Windsbraus von dir wegriß, kam ich in eine Kirche; da speist' ich im Sommer die Fliegen und Mücken, die den frommen Leuten um die Ohren summen, und las die Spinnen von den Fenstern, die ihnen das Licht mit ihren staubigen Netzen verhalten, dann hörte ich diese Sprüche predigen; da hat mich der Vater aller Wesen den Sommer über ernähret und vor allen grimmigen Vögeln behütet.« – »Traun, mein lieber Sohn, fliegst du in die Kirchen und hilfst Spinnen und Fliegen aufräumen und singst in deiner Einsamkeit zu Gottes Ehre, so wirst du wohl und unverletzt bleiben, und wenn die ganze Welt voll wilder und tückischer Vögel wäre. Denn wer dem Herrn befiehlt seine Sache, schweigt, leidet, wartet, braucht Glimpf und Klugheit, Mut und Ergebung, Ernst und Güte, bewahrt Glauben und Gewissen rein, dem will Gott Schutz und Helfer sein.«

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