Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Achim von Arnim >

Erzählungen

Achim von Arnim: Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/arnim/erzaehlg/erzaehlg.xml
typenarrative
authorAchim von Arnim
titleErzählungen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
volumeErster Band
editorReinhold Steig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid5065c073
Schließen

Navigation:

Warnung gegen weibliche Jägerei

Die Gräfin L.. war kurzsichtig, aber sie liebte noch immer die Jagd, ungeachtet sie niemals gut geschossen hatte. Ihre Jäger kannten ihre Art und nahmen sich vor ihr in acht; sie schoß dreist auf jeden Fleck, wo sich etwas regte, es war ihr einerlei, was es sein mochte. Abbé D.., einer der gelehrtesten Literatoren, mußte sie mit ihrem vierzehnjährigen Sohne, dem Grafen Johann, auf einer dieser Treibjagden begleiten, die Jäger suchten ihnen einen sichern Platz zum Anstand, hinter zwei starken Bäumen, aus; der Abbé nahm aus Langeweile ein Buch aus seiner Tasche, das er vom Jagdschloß mitgenommen; es war von Idstädts Jagdrecht. Der junge Graf lauerte aufmerksam auf einen Rehbock, der herangetrieben wurde. In dem Augenblicke, als er losdrücken wollte, fiel ein Schuß der Gräfin, den sie ungeschickt und übereilt auf denselben Rehbock tun wollte, so geschickt durch den schmalen Luftraum, zwischen den beiden Bäumen, die den Abbé und den Grafen sicherten, daß sich beide zu gleicher Zeit verwundet fühlten und aufschrien. Die Gräfin wurde bei diesem Geschrei ohnmächtig, die Jäger und die übrige Gesellschaft, in der sich auch ein Wundarzt befand, eilten von allen Seiten herbei und teilten ihre Sorge zwischen der Gräfin und dem jungen Erbgrafen. Die Güte und Geduld des Abbés ist jedem, der ihn gesehen, aus seinem Gesichte bekannt, seine Bescheidenheit jedem, der mit ihm gesprochen; hier erschien aber alles Dreies auf einer merkwürdigen Probe. Kein Mensch fragte ihn, was ihm fehle, vielmehr drängte man ihn beiseite, und als er einem sagte, er glaube zu sterben, der eine Rehposten wäre ihm in der Gegend der Leber durch die Rippen eingeschlagen, so antwortete ihm jener verstört, der junge Graf sei durch beide Schulterblätter verletzt. Der Wundarzt sah nur auf den jungen Grafen, und der arme Abbé mußte sich selbst helfen, so gut er konnte, und suchte sich die Wunde mit seinem Schnupftuche, das er mit dem Rock festknöpfte, so gut als möglich zu verschließen. Mit Mühe wurde eine Kutsche durch den steinigen, hüglichten Wald bis nahe an den Unglücksort gebracht. Die Gräfin hatte sich erholt und empfahl mit vielen Tränen dem Wundarzte ihren Sohn; der Abbé wollte ihr mit Klagen über seinen Schmerz keinen Kummer machen und stieg sachte mit der letzten Anstrengung dem jungen Grafen in den Wagen nach. Der Wundarzt hielt den Grafen im Vorsitz, rückwärts saß der Abbé. Der Wagen fuhr sehr langsam, aber der Weg war uneben und stieß unvermeidlich; der Graf litt dabei und seufzte leise, aber der Abbé konnte, bei dem entsetzlichen Druck der Kugel, sich heftiger Seufzer und einzelner Ausrufungen nicht enthalten. Der Wundarzt hatte schon ein paarmal gesagt, es hätte nichts auf sich mit der Wunde des Grafen, er könnte sich beruhigen; endlich sprach er ganz ernstlich: »Ich ehre Ihr Mitleid, Herr Abbé, aber ich traue Ihrem Verstande zu, daß Sie sich der Ausbrüche desselben erwehren können, wenn es dem Gegenstande desselben gefährlich werden könnte; Ihre Beileidsbezeugungen machen aber den Kranken selbst besorgter, als das Übel verdient.« In dem Augenblicke krachte der Wagen über eine Wurzel, daß der arme Abbé kein Wort sagen konnte, sondern, um sich verständlich zu machen, den Rock aufknöpfte; das Tuch fiel herunter, und das Blut floß in großer Menge herab. »Mein Gott,« rief der Wundarzt, »sind Sie auch verwundet? wahrhaftig! ja, da muß man sich hier nichts draus machen, ich habe heute auch ein paar Schroten von der Frau Gräfin in das dicke Fleisch bekommen, es macht ihr so viel Vergnügen, und ich singe lustig dabei: Verse Goethes

Es ist ein Schuß gefallen,
Mein, sagt, wer schoß da draus?
Es war ein junger Jäger,
Der schoß im Hinterhaus.

Die Spatzen in dem Garten,
Die machen viel Verdruß,
Zwei Spatzen und ein Schneider,
Die fielen von dem Schuß.

Die Spatzen von den Schroten,
Der Schneider von dem Schreck;
Die Spatzen in die Schoten,
Der Abbé in den Dreck.

Der gute Abbé, der eine gewisse Kränkung empfunden hatte, wie er erst so verbindlich in dem Hause aufgenommen und im Unglücke so ganz vergessen sei, mußte jetzt selbst lächeln, als er bei dieser Anzeige bemerkte, wie er sich beim Falle auf den feuchten Boden beschmutzt hatte, dabei übernahm ihn eine Ohnmacht, von der er erst im Schlosse erwachte. Ich sah ihn mehrere Jahre nach diesem Vorfalle, den er glücklich überstanden hatte; ich fühlte die Kugel, sie hatte sich wohl zwei Hände breit hinter den Rippen niedergesenkt und war jetzt unter denselben fühlbar. Zuweilen litt er noch an Schmerzen und versicherte, daß alle Gefahren, die von den Dichtern einem gewissen Bogengeschoß aus weiblichen Augen nachgesagt würden, nicht mit den Gefahren weiblicher Jägerei zu vergleichen wären, denn die Geschicklichkeit Dianens möchte wohl so selten geworden sein wie ihre anderen Eigenschaften.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.