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Gutenberg > Achim von Arnim >

Erzählungen

Achim von Arnim: Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorAchim von Arnim
titleErzählungen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
volumeErster Band
editorReinhold Steig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid5065c073
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Rembrandts Versteigerung

Frau Rembrandt, barfuß aufgeschürzt,
So manchen Eimer Wasser stürzt
Auf bunte Fliesen in dem Flur
Und reibt sie ab, wo Menschenspur;
Sie wäscht das Haus, weil heut Sonnabend,
Treppauf treppab beim Scheuern trabend
Mit trüber Lampe breitem Schimmer,
Denn Wasserdampf füllt Flur und Zimmer
Von heißer Lauge, die verwendet,
Wo Fett den Boden hat geschändet,
Und immer plagt sie der Gedanke,
Daß er noch an den Flecken kranke,
Die, in der Nässe nicht gesehen,
Beim Trocknen wieder auferstehen! –
Solch Werk erfordert Kunst und Kraft,
Die Magd ihr nie zu Danke schafft,
Und nur der Straße Reinigung
Gibt sie der Magd hin, die noch jung
Sich gern vom Nachbarsohn läßt necken
Und dann bespritzt den jungen Gecken
Mit ihrer Feuerspritze Strahl,
Das gibt dann Scherze ohne Zahl! –
Jetzt höret sie der Frauen Stimme,
Gleich greift sie zu mit rechtem Grimme,
Weist ab des Nachbars Scherzgeliebel
Und treibt den Wasserstrahl zum Giebel,
Der glatt mit Ölfarb' angestrichen. –
Der Woche Staub ist gleich gewichen,
Und auch die Fenster glänzen hell
Im Mondenschein, wie Meereswell',
Durch grüner Linden runde Bogen,
Die um die Fenster sind gezogen;
Ja, sie poliert der Türe Knöpfe
Und hält sie auch für Gotts Geschöpfe,
Weil sie, wie Löwenköpf' gegossen,
Den Klopfring tragen unverdrossen,
Der so lebendig ihr erklingt,
Wenn sie ihr Morgenliedchen singt
Und all die Malerschüler kommen, –
Da wird ihr Herz so schön beklommen! –
Herr Rembrandt in der Werkstatt sitzt,
Wo er sich gegens Wasser schützt,
Weil sonst die teuren Bilder leiden.
Die Sorge macht die Frau bescheiden,
Und nur aus diesem einz'gen Grund
Sie läßt ihm Ruh zu aller Stund
Und auch den Staub in allen Ecken,
Der sonst die Bilder könnt' bedecken,
Indessen jeder Klinkerstein
Im Straßenpflaster blinket rein.
Weil ihm die Lampe ist versagt,
Die jetzt der großen Wäsche tagt,
So freut er sich am Mondenschein
Und sitzt vor seinen Staffelein,
Sieht dort die Edelstein' erblitzen,
Die er gemalt an Priestermützen,
Und listig winkt ihm Bathseba,
Weil sie ihm steht so freundlich nah. –
Das gute Weib im Bild begrüßt er,
Und gleich bedanken sich die Priester,
Die in dem Tempel halten Rat,
Als ob er sie zum Essen bat,
Indessen die radierten Platten
Mit leisem Brausen Dank erstatten,
Daß jetzt des Scheidewassers Kraft
Sie wohl ein tausendmal erschafft.

Dann kann er auch bei Mondlicht sehen
Brot, Butter, Käse, wie sie stehen
Auf wohlgedecktem Tisch bereit.
Zum Kochen fehlte heut die Zeit,
Die kalte Küch' ist sein Vergnügen
Und dünnes Bier mit vollen Zügen.
Indessen kommt ein fremder Mann
Zum Haus herein, trotz allem Bann,
Den dieser Rein'gungsabend spricht;
Besuche gibt und nimmt man nicht
An solchem heil'gen Abend an.
Der fremde Mann gedenkt nicht dran,
Geht trotzig bei der Magd vorbei,
Als ob er heut bestellet sei,
Ins Haus hinein, fragt mit Gewicht,
Als ob er mit der Magd jetzt spricht,
Des Hauses Frau: Ob heut der Herr
Für wicht'ge Ding' zu Hause wär'? –
Weil er so stolz und wichtig fragt,
So zeigt sie ihm die Tür verzagt,
Indessen sie ihr Angesicht
Versteckt vor ihrem eignen Licht,
Weil sie nicht gern in bloßen Füßen
Ihn wollte hier als Frau begrüßen:
Sie schämt sich noch vor sich allein,
Als er zur Werkstatt längst hinein,
Und schilt die Magd, die ihre Tür
Nicht hat bewachet nach Gebühr.

Zur Werkstatt geht der Fremde ein,
Und Rembrandt meint, die Frau müßt's sein,
Und ruft ihr zu: »Komm, liebe Grete,
Sieh her, wie leuchtet mein Prophete,
Ich mein, er sagt mir Neuigkeit
Von einer mächt'gen Ewigkeit!« –
Da sieht er erst den Irrtum ein,
Der Herr erscheint im Mondenschein
Mit seinem Kleid von rotem Samt,
Das nach der Farb' aus Genua stammt,
Mit Spitzenkragen überhangen,
Mit goldnen Ketten, roten Wangen,
Streckt aus die Hand mit goldnen Ringen,
Und Balsamdüfte von ihm dringen.
Er preiset glücklich diese Stunden,
Weil er den Meister Rembrandt funden,
Er wolle großes Glück ihm bringen
Und hohe Preise ihm erringen.

Verwundert sieht der Alt' ihn an
Und weiß nicht, was das für ein Mann,
Der so pathetisch reden kann.
Und doch mit seinem krummen Rücken
Ganz deutlich zeigt, er könn' sich bücken.
Sein Antlitz wie ein stumpfer Besen,
Als ob er weit herum gewesen;
Auch läßt an seinem Schmuck sich raten,
Daß er was gilt bei Potentaten.
»Wie heißt Ihr, Herr?« spricht unser Alter,
»Ihr schimmert wie ein Schatzverwalter.« –
»Ich nenne mich Don Raphael!«
Bedeutsam sagt es der Gesell,
Als ob ihn jeder müßte kennen,
Wenn er tät seinen Namen nennen.
Und Rembrandt meint, es sei der Meister,
Der längst im Reiche aller Geister;
Geschichte war nicht seine Stärke,
Doch sah er manches seiner Werke.

»Den Namen hab ich oft vernommen,«
Spricht Rembrandt, »und Ihr seid willkommen,
Nicht weil die Menge Euch verehrt,
Nein, weil Ihr jeder Ehre wert.
Ihr maltet viel, mit Eurem Namen
Viel schöne Bilder zu uns kamen.« –
»In alle Land' hab ich gehandelt«,
Spricht jener, »manches Bild verwandelt,
Doch meinen Namen setz ich nie,
Wo ich gewirket mit Genie;
Ja, ein Geheimnis ist es allen,
Warum die Bilder so gefallen,
Die ich beschattet und beleuchtet,
Mit meinem Firnis hab befeuchtet.« –
»Doch was gestochen Mark Anton,«
Sagt Rembrandt, »spricht der Lüge Hohn,
Das muß von Euch gezeichnet sein,
Das ist gewiß kein leerer Schein.« –
»Mein Name scheint Euch zu verwirren,«
Spricht jener, »und Ihr müßt Euch irren,
Ihr denkt wohl, daß ich Euch will prell'n
Und mich vergleich mit Raphaeln,
Den jüngst noch alle Welt verehrt,
Bis die Antike uns belehrt;
Nein, Herr, ich mag mit dem nicht tauschen,
Er kann sich nicht mit Wein berauschen,
Er kann nicht malen mehr noch küssen,
Denn er ist tot, Ihr müßt es wissen.« –

»Ich wollt', ich könnt' euch beid' austauschen,«
Sagt Rembrandt, »jenem möcht' ich lauschen,
Das war ein Meister; – doch verzeiht,
Ich will mit Euch jetzt keinen Streit,
Inzwischen nehmt mit mir vorlieb,
Wer mehr gibt, als er hat, ist Dieb.
Ein blöder Hund wird niemals fett,
Greift zu, es ist ein Käs, ich wett,
Wie Ihr in Rom noch keinen funden,
Zur Hochzeit ward er angebunden,
Fast dreißig Jahre sind es her,
Nun ist er reif, bei meiner Ehr'.«

Den Fremden kränkt der Käseduft
Und auch die Scheidewasserluft,
Die von den Platten sich erhebt,
Von einer Seit' zur andern bebt,
Das Essen alles von sich weist
Und spricht nur, wie er weit gereist,
Und was er in Paris gegessen,
Wieviel Antiken er besessen,
Und überall nach ihrem Rat
Das Beste an den Werken tat.

»Ihr rühmt mir immer die Antike,«
Spricht Rembrandt, »als die Eselsbrücke
Auf der man zur Unsterblichkeit
Gelangen kann in kurzer Zeit;
Das las ich schon – je wartet doch,
Es liegt ein Brief in jenem Loch,
Ich konnt' die Unterschrift nicht lesen,
Nun merk ich wohl, Ihr seid's gewesen,
Der sich bei mir hat angemeldt
Mit großen Worten, wie ein Held.
Ihr lobtet mich mit Himmelsgeigen
Und tadeltet, was mir hier eigen,
Und sagtet mir, wie ich geehrt,
Und wie mein Streben ganz verkehrt;
Ihr rühmtet meiner Werke Leben,
Noch sollt' ich, der Antik' ergeben,
Nur lauter kleine Nasen malen,
Die Menschen drehn zum Idealen,
So war nun, wenn ich recht verstand,
Der gute Rat von Eurer Hand.« –

Der fremde Herr besann sich jetzt,
Es schien ihm, daß sein Rat verletzt,
Es wollte hier kein Wort mehr passen,
Der Alte hatt so eignes Spaßen,
So einen eignen, tiefen Blick,
Die Flachheit wird zum Mißgeschick. –
Zu seinem Glück die Magd tritt ein
Mit eines Lichtes hellem Schein;
Er sieht die Wang', die rot wie's Mieder,
Und schlägt das Aug' geblendet nieder.
»Nun Herr,« spricht Rembrandt, »ist antik
Dies dicke Kind, Ihr scheut den Blick?« –
Der Fremde lächelt, nimmt die Hand
Der Magd, als wär' sie ihm bekannt,
Die, von der Ehre ganz beschämt,
Sich seinem Handkuß gern bequemt,
Denn herrlich glänzt der Wams des Fremden,
Und von Batist sind seine Hemden,
Indes der Alt' in seinem Kittel,
Wie'n Armenvater aus dem Spittel,
Mit Farben hat das Kleid beschmiert,
Als er ob selber sich grundiert,
Und nebenher ein Schiff geteert
Und einen Misthof ausgeleert! –
»Halt,« ruft der Alte, »nur nicht weiter
Auf der modernen Künstlerleiter,
Befleißigt Euch nur der Antike,
Sonst liefert Ihr nicht Meisterstücke.«

Verlegen greift der Herr zum Brot,
Das Rembrandt ihm vorher anbot,
Verlegen fängt er an zu kauen
Und rühmt, wie Künste ihn erbauen,
Wie er die Kunst möcht' weiterbringen,
Doch woll' es ihm nicht stets gelingen.
Er scheint gekränkt, er will aufstehen,
Doch Rembrandt spricht: »Ihr dürft nicht gehen,
Zwar bin ich alt, doch kann ich lernen
Und noch gewinnen die Quaternen,
Wenn ich vereint vier Elemente,
Die Gott durch Zeit und Raum sonst trennte,
Und einen Fünftelsaft mir kochte
Aus allem, was die Kunst vermochte.
Doch gebt mir an, wie Ihr es macht,
Daß Ihr ein Bild zustand gebracht,
Wenn Euch so viele Grillen plagen,
Ich würde schier dabei verzagen,
Sollt' ich an Römern und an Griechen,
Wie Ihr an Balsambüchschen, riechen:
O, sagt mir, Herr, wie fangt Ihr's an,
Daß Ihr dabei noch bleibt ein Mann?« –

Das war nun Wasser auf der Mühle
Des fremden Herrn, er war beim Ziele
Und sprach, wie er aus Zeichenbüchern
Der Schönheit Messung tät versichern,
Wie er die Schönheit modelliere,
Und zwar erst nackt, und dann drapiere,
Wie er ein Dutzend Gliedermänner
Zu seinem Dienste brauch' als Kenner,
Und viele hundert Händ' und Füße
Sich in Italien formen ließe
Und alles prüfe nach Ellipsen,
Nach alten Steinen, Bronzen, Gipsen,
Wie er bei einem Schneider übte,
Das Maß zu nehmen, sich verliebte,
Um nur der Schönheit Maß zu nehmen,
Zu Stellungen sie zu bequemen;
Wie er sich nun die Werkstatt baue,
Daß er drin Riesenbilder schaue
Wohl achtzig Schuhe in die Höhe,
Damit ein ganzer Markt sie sehe,
Und wie sein Werk würd' viel' vernichten,
Nur Jupiter könn' drüber richten.

»Versäumt Euch nicht, Ihr seid nicht jung,«
Spricht Rembrandt, »später fehlt der Schwung,
Der über Schwierigkeiten setzt
Im Sprung, weil noch kein Fuß verletzt;
Doch weil dies große Werk nur Plan,
Fühl ich Euch lieber auf den Zahn,
Was Ihr bisher mit Lob gemalt,
Wie hoch die Leute es bezahlt?«

»Ach,« ruft der Herr, »die reichen Leute,
Die werden Sudlern jetzt zur Beute,
Es wollte niemand mir bezahlen,
Was ich vollbracht in solchen Qualen;
Doch lag es nur am edlen Stil,
Daß es den Leuten nicht gefiel.
Ich reiste, – den Gewinn zu stärken,
Trieb ich den Handel mit den Werken
Der Meister, die auf schlechtem Leisten
Geschlagen, wohlgefalln den meisten;
Ich kauft' manch Bild der Niederlande,
Der Handel bracht' der Kunst wohl Schande,
Doch vieler hohen Herren Gunst,
Die ich entbehrt in eigner Kunst.
Ich reise und ich lasse malen,
Was reiche Herren gut bezahlen.
Ihr, Rembrandt, seid mir ein Problem,
Den Menschen fremd, doch angenehm
Verdunkelt Ihr die besten Werke
Mit Eures Lichtes stumpfer Stärke.
Es kann kein andrer das erringen,
In jedem Strich ist ein Gelingen,
Und wo Ihr Fehler habt gemacht,
Da wird's zum Meisterwerk gebracht,
Wenn Ihr es bessert; zur Entdeckung
Wird jedes Fehlers Kunstbedeckung,
Zum neuen Schritt auf Farbenbahn,
Und alle Regel wird zum Wahn.
Nur eins, das finden sie zu tadeln,
Ihr solltet Euch durch Zeichnung adeln.
Ich zahle Euch das Doppelte,
Wenn Zeichnung sich verkoppelte
Der wunderbaren Farbe Haltung,
Wenn eine mächtige Gestaltung
Aus Götterhelden kühn entglühte,
Statt jener alten Judenmythe!«

Der Alte sieht so schalkhaft drein,
Weiß nicht, soll's Lob, soll's Tadel sein,
Ob er ihn schenke oder nehme,
Ob er ihn kräft'ge oder lähme,
Doch endlich bricht er also los:
»Nicht müßig blieb die Hand im Schoß,
Seit ich den Brief von Euch empfangen.
Mir ist ein Licht drin aufgegangen,
Ich seh's, die Zeichnung fehlet mir.
Denkt nur, ich glaubte stets von ihr,
Sie sei vom Malen ganz verschieden,
Ich hab sie drum so streng gemieden,
Daß selbst der schwarze Stift nur Zeichen
Von Farben war, die zu erreichen
Ich selbst mit Farben nicht vermocht,
Die ich mit Müh mir selbst gekocht;
Denn sie sind Bilder nur vom Klaren,
Das wir im innern Geist bewahren,
Des Lichtes Bild, das in die Tiefen
So mächtig drang, daß alle riefen
Ihr stammelnd Lied dem ew'gen Geist,
Der seine Schöpfung neu beweist
An jedes Tages Morgenstunde,
Zur Wahrheit jener schönen Kunde,
Die uns zum Morgenland geleitet,
Wo sie im Geiste ward gedeutet! –
Vor diesem Licht die Zeiten schwinden,
Den Herrn der Zeiten zu verkünden,
Der da im niedern Stall geboren,
Als Stern der Weisen auserkoren
Zum Judentempel ward geführt,
Und nicht, wo Jupiter regiert.
Ihr wundert Euch, das scheint Euch nichtig
Und ich im Kopfe gar nicht richtig,
Weil ich nicht mag mit Euren Griechen
Bei schönem Schein in mir versiechen
Zur Schalheit leerer Maskenscherze;
Ich suchte Gold in edlerm Erze!
Doch nicht für mich, ich brauch es nicht,
Nur für den Sohn, den armen Wicht,
Der von der Kunst nichts kann begreifen,
Für ihn möcht' ich die Gelder häufen;
Der gute Jung kann nichts verdienen,
Ich muß eintragen wie die Bienen,
Damit die Brut zu leben hat,
Wenn ich bin matt und arbeitssatt.
Da seht im Bild den art'gen Jungen,
Der jenen Priester hält umschlungen,
Das ist mein Titus, er regiert
Im Schlaf das Haus, wie sich gebührt
Bei solchem hohen Kaisernamen,
Ihn brachten schon zu Bett die Damen,
Damit er sich nur nicht erkälte, –
Ich geb das Geld und doch nichts gelte
In meinem Haus, – nun Gott mag's bessern,
Der Jung ist einer von den Fressern,
Die, nimmer satt und immer träge,
Dem Herrn befehlen ihre Wege.«

»Vertrat er schon die Kinderschuhe?«
Sagt da der Herr, »ein Kind braucht Ruhe,
Und wir vergessen nur zu leicht,
Wie wir als Kinder uns gezeigt.«
»Was, er ein Kind?« ruft Rembrandt aus,
»Ihr spottet mein im eignen Haus,
Großjährig ist er, das weiß jeder,
Ihr brach't das Herz mir um so schnöder,
Je wen'ger ich das Kritisieren
Mir irgend zu Gemüt wollt' führen.« –
Der Kenner fühlt sich ganz bezwungen
Von solchem Wort, das ihm erklungen,
Sein feines Lächeln macht jetzt Platz
Dem würd'gen Ernst bei diesem Satz,
Er bittet um Entschuldigung,
Wenn er den Sohn noch hielt für jung.

»Ihr müßt mir auch nichts übelnehmen,«
Sagt Rembrandt, »und ich muß mich schämen,
Wenn einer von dem Sohne spricht; –
Es ist vorüber, – nehmt das Licht, –
Es wird Euch mehr Vergnügen machen,
Wir reden von antiken Sachen;
Denn heimlich sammle ich Antiken,
Mein kleines Haus damit zu schmücken.
Fällt Euch die Bathseba nicht auf? –
Sie steht hier nicht für Euch zu Kauf,
Doch bald erkennen Eure Blicke,
Sie ward gemalt nach der Antike,
Die ich entdeckt am Meeresstrand,
Dem Marmor reichte ich die Hand.«

»Am Meeresstrand?« der Fremde fragt,
»O Freund, da fordert unverzagt,
Kein schlechtes Bild wird weit verfahren,
Neptun wollt' es im Sturm bewahren,
Fortuna gab's in Künstlers Hand,
Zum Ankauf hat mich Zeus gesandt.
O sagt, ist noch kein Glied verloren
Und auch nichts angesetzt von Toren,
Nichts abgerieben von den Wogen,
Dem Marmor nicht der Glanz entzogen?« –
In seinem Eifer sieht er nicht
Der Frau noch blühend Angesicht,
Die leise in das Zimmer trat
In ihrem besten Sonntagsstaat,
Weil sie für einen Fürsten hält
Den Fremden, den die Pracht aufschwellt.
Und Rembrandt hat sie sanft umfangen
Und spricht: »Dafür habt ja kein Bangen,
Der Marmor ist noch unversehrt,
Vom Meer gereinigt, nicht zerstört;
Die Zeitflut ging an ihm vorüber,
Er ward darum mir noch viel lieber.
Er ward Antike durch die Zeit
So gut wie ich; als Neuigkeit
Bewahr ich sie mit Rosenwangen,
Wie ich an ihrem Hals gehangen,
Als Bathseba – Ihr seht Euch um,
Nehmt mir den Scherz nicht wieder krumm!« –
Nun merkt Don Raphael den Sinn,
Begrüßt die Frau, zum Bild geht hin
Und spricht: »Nun wird mein Auge hell,
Die Frau stand jugendlich Modell
Und zeigt der Schönheit Blumenspur,
Nachdem die Zeit gemäht die Flur:
O wenn die Frau zu kaufen wäre,
Ich gab mich selbst Euch preis auf Ehre.«

Es blickt die Frau zum Boden nieder
Und schüttelt mit dem Kopfe wieder
Und spricht zum Mann: »Bist nicht gescheit,
Was weiß der Herr von unsrer Zeit,
Wie wir zuerst am Strand uns schauten
Und heimlich unsre Lieb' vertrauten?
Doch hört! Die Eltern waren streng,
Sie lauerten auf meine Gäng'
Und litten nicht die Freundlichkeit,
Weil Rembrandt, noch gar arm zur Zeit,
Sich selbst kaum konnt mit Müh ernähren;
Nur ich sagt' gleich: laßt ihn gewähren,
Der ist geschickt, der wird sich heben
Und besser als wir alle leben.«

»Was ich an Kunst gewonnen habe,«
Spricht Rembrandt, »nächst dem Malerstabe,
Woran ich angelehnt die Hand,
Ward durch die Frau mir zugewandt.
Die Bilder haben sie erfreut,
Als sie noch tadelten die Leut'
Im Dorf, weil sie zu dunkel wären;
Sie bracht' durch Klugheit mich zu Ehren! –
Ich malt' ein Bild vom bösen Sohn,
Wie der spricht seinem Vater Hohn;
Sie freut' sich dran und sagt' voraus,
Es würd' uns bringen eignes Haus,
Ich sollte nach der Stadt nur laufen,
Sie würden's mit Bewundrung kaufen.
Ich tat, wie sie mir riet. Am Tor
Kam einer mir entgegen, mich beschwor,
Daß ich's ihm ließ für hundert Gulden.
Kaum konnte ich mich da gedulden,
Heim ging ich reich an Seligkeit,
Das Leben schien in Einigkeit.
So trat ich zu des Vaters Tür,
Zog meinen Geldsack da herfür,
Still, ohne Reden, holt' er Anne
Und machte mich zu ihrem Manne.
Die Frau ward eine der Antiken,
Die mir geschenkt von den Geschicken;
Die andern hier im Winkel liegen,
Die meiner Kunst sich willig fügen,
Von denen ich so viel kann lernen,
Als die Propheten aus den Sternen.«

Der fremde Herr tritt mit dem Licht
Zum Haufen hin, verwundert spricht:
»Ihr meinet diesen Judenpelz?
Vertrat der Stelle des Modells?
Den Turban hier mit böhmschen Steinen
Mögt Ihr wohl als Antike meinen?«
»Ja, Herr,« ruft Rembrandt, »diese Plundern,
Sie mögen Euch wohl recht verwundern,
Zwar nur von Juden eingetauscht,
Doch eine Stimme drinnen rauscht,
Die sich mir lange hat bewährt,
Weil sie den innern Sinn erklärt.
Seht den Talar von dem Rabinen:
Er mußte hier zum Bilde dienen,
Und dieser Edelstein so klar
Nach böhmschem Stein gemalet war;
In dieser Werkstatt Kellerdunkel
Erscheinen sie mir wie Karfunkel,
Ich fühl mich reich wie Salomo
Und weise auch und dazu froh! –
Ja, wenn mein Jude kommt gelaufen,
Will alte Kleider mir verkaufen,
So ist mir der Erfindung Quell
Gleich aufgedeckt und blitzet hell.
Mag der Kamin vom Torfe rauchen,
Wenn Morgenstrahlen niedertauchen
Auf dieses Kleid des Orients,
Im Aug' wie Balsamfeuer brennt's;
Und wie die Quelle treibt zur Mühle,
So treibt der Geist zu seinem Ziele,
Zum Sturze, zum Gebraus, zur Tiefe,
Als ob's vom Felsenhaus ihn riefe:
Du treibst und wirst getrieben, Geist,
Bis Strom und Scheitel ist beeist! –
Wein her! In Künsten ist kein Hadern,
Schon stockt das Blut in meinen Adern,
Mein Weib soll Euch vom besten bringen,
Den wir von unserm Six empfingen.«

 

Und als die Frau hinausgegangen,
Da hat der Alte angefangen:
»Ich mag's ihr nicht ins Auge sagen,
Die Frau gehört zu heil'gen Sagen,
Sie lebte schon in jenen Zeiten,
Denn sie weiß alle auszudeuten.
Ich les' in ihrem Angesichte,
Wie jede Frau in der Geschichte
Geschaffen war und sich gehabt,
Denn sie ist wunderbar begabt,
Und bei so alter Abkunft Gaben
Kann sie nicht lesen den Buchstaben,
Sie kann nur waschen, scheuern, bürsten
Und liebt mich, läßt mich dennoch dürsten.«

 

Jetzt kam die Frau mit dem Pokal
Und einer Flasche in den Saal
Und fragt den Herrn, ob er geweint,
Ein Tropfen ihm im Aug' erscheint.

 

Er spricht: »Wer würde nicht gerührt?
Mein höchstes Lob Euch, Frau, gebührt,
Wenn ich gedenk, wie Euer Rat
Den braven Mann erhoben hat.«

 

»Wohl, Herr,« spricht Rembrandt, »tragt ihr vor,
Was Ihr mir rietet als ein Tor,
Daß ich noch sollte Zeichnung lernen,
Eh ich mich könnt' von hier entfernen,
Und wenn die Frau den Plan gebilligt,
So sei von mir auch eingewilligt,
Doch trinkt voraus dem Genius,
Der überall regieren muß!«

 

»Ja, Frau,« spricht jener, »höret an,
Was Eurem Mann noch frommen kann,
Helft mir, daß ich ihn dahin wende,
Wo Ruhm erschallet ohne Ende,
Zur reinen Kunst, zum Ideal,
Sonst schlüpft er durch, gleichwie ein Aal,
Und wird von keinem recht gefaßt,
Weil er nicht für das Kunstnetz paßt,
Das neue Zeit hat ausgespannt,
Worin ein jeder wird erkannt.
Gedenkt an Künstlerewigkeit,
Der Preis ist auch nicht Kleinigkeit,
Und doppelt würde ich bezahlen,
Wollt' er nach meinem Willen malen.
Glaubt mir, es kommt jetzt eine Zeit,
Die, ganz mit ihm in Widerstreit,
Nur den Verein von allem Schönen,
Nicht einzelnes Verdienst wird krönen,
Wo seines Pinsels Farbenwunder
Dem Tadel dienen als ein Zunder,
Um seiner Zeichnung Hohn zu sprechen:
Ha, sollte das den Trotz nicht brechen? –
Nichts ist auf Erden ganz vollkommen,
Der Tadel wird nicht gleich vernommen,
Ja, fragt Euch selbst: wozu die Bibel,
Wenn uns schon gnügte an der Fibel?
Wenn Wasser gnügt, wozu die Lauge?
Wie Besen hier, dort Schrubber tauge?
Das Bild dient recht zur Deutlichkeit,
Und Trotz führt zur Unleidlichkeit.
Der Künstler muß sich allem fügen
Und mit dem Teufel selber lügen
Und allen Engeln Wahrheit sagen,
Mit Gott und Welt sich wohl vertragen.«

Die Frau sieht ihn bedenklich an
Und spricht: »Die Kunst versteht mein Mann,
Ihr sollt nicht mein Vertrauen schwächen;
In seine Kunst darf ich nicht sprechen,
Ich weiß es, daß er tief studiert,
Und daß ihm großes Lob gebührt.
Es mag noch andre Maler geben,
Doch jeder Wein hat seine Reben:
Daß dieser Wein vom guten echten,
Das wird er in Euch selbst verfechten
Mit seinem Geist, mit seiner Kraft;
So auch mein Mann, wenn er was schafft,
Und sieht's noch so unscheinbar aus,
Behält er's doch nicht lang im Haus.«

Mit diesem Wort sie bietet an
Den Weinpokal dem fremden Mann,
Der auch mit einem derben Zug
Ihn leert, als wär' es nur ein Schluck.
Indessen Rembrandt seine Bibel
Aufschlägt und spricht: »Bei allem Übel
Ist Trost und Rat in diesem Buch,
Ihr habt daran gedacht mit Fug.
Und weil Ihr von der Bibel spracht,
Hab ich an diesen Spruch gedacht:
Niemand kann zweien Herren dienen!
Durch diesen Spruch die Künste grünen:
Ich bin mein Meister, diene mir,
Komm keinem andern ins Revier;
Was Euch in meinen Werken quält,
Mit meinem Besten ist's vermählt.
Ihr wißt die Bibel wohl auswendig,
Ich eine Stelle nur inwendig,
Daß ich in Treu sie ewig übe,
Gestärkt von Glauben, Hoffnung, Liebe:
Mehr will in meinen Kopf nicht ein,
Er sollte nun nicht anders sein.
Ihr meint, mein Werk sei bald vergessen,
Doch ich, ich spreche ganz vermessen:
Nach meinem Tod wird man erst wissen,
Was man besaß, und mich vermissen.
Ich sprech nicht gern zu meinem Lobe,
Doch stellt die Welt auf eine Probe,
Sagt ihr, ich sei gestorben heut,
Ihr werdet hören, wie sie schreit;
Ich stell mich tot, Ihr sollet sehen,
Wie alle Preise sich erhöhen
Von meinen Bildern, Kupferstichen,
Sie werden fühlen, wer erblichen,
Und mein Gewinn wird Euch bewähren,
Daß sich mein Ruhm nicht kann verjähren;
Ja, wetten wir, macht ein Gebot,
Denn ganz umsonst ist nicht der Tod.«

 

Der Herr besinnt sich, schlägt dann ein:
»Die Probe soll verwettet sein!
Die Bathseba von Eurer Seite
Mit meinem Diamantring streite.
Fragt jeden Kenner, was er wert,
Zweitausend Goldstück' sind beschert,
Wenn sie Euch lieber als der Ring,
Doch ich behalt das schöne Ding,
Wie es an meinem Finger blinkt,
Wenn er nach Eurem Bilde winkt,
Bedenkt Euch wohl, noch ist es Zeit,
Wir wetten keine Kleinigkeit!

»Ich trete nimmermehr zurück,«
Spricht Rembrandt, »nicht um kleines Glück
Beginn ich dieses Probesterben;
Zu prüfen meine Geisteserben,
Ob sie erkennen meine Müh,
Was mich getrieben spät und früh,
Danach erfüllt mich Neugierschauer,
Und wie dem Jäger auf der Lauer
Soll sich mir nahen das Gewild,
Das lustig über das Gefild
Hinspielet, weil es tot ihn meint,
Ihr wahrer Sinn mir dann erscheint:
Was sie nach meinem Tode denken,
Das soll mich ehren, soll mich kränken.« –

»Die Wette sei also betrieben,«
Spricht jener, »ich hab aufgeschrieben
Die Preis' nach Größe Eurer Bilder,
Und bieten sie darauf noch wilder,
Als was ich Euch jetzt bieten kann,
So seid Ihr ein gemachter Mann,
Seht durch den Zettel, ob Ihr's billigt,
Ob's Preise sind, die Ihr verwilligt.«

Es schüttelt mit dem Kopf die Frau,
Doch Rembrandt spricht: »Nur mir vertrau,
Die Preise hab ich durchgesehen,
Mein Tod soll doppelt sie erhöhen,
Und jener Ring ist echt und gut,
So einer gibt dem Finger Mut,
Er glänzet mir mit Liebesschein,
Ich schenk ihn dir, wenn er ist mein,
Und alles Geld, was ich erwerbe,
Gehört dem Titus, eh ich sterbe,
Ich leg's für ihn zu hohen Renten,
Daß er sich kaufet süße Brenten.«

So wird nun alles überlegt,
Und weil das Haus just rein gefegt,
So hat die Frau auch nichts dagegen:
Er soll sich gleich zu Grabe legen,
Und mit dem nächsten Morgenschein
Da soll die Trauerbotschaft sein.
Den fremden Herren schließt sie ein,
Der Titus muß sein Wächter sein,
Damit er nichts an andre sag',
Sie spielen miteinander Schach,
Denn das war ihres Titus Fach,
Damit verbringt er manchen Tag;
Der treuen Magd wird viel versprochen,
Hält sie ihr Schweigen unverbrochen.

Am Morgen kommen Schüler an,
Da klagt die Frau um ihren Mann,
Die laufen fort in ihrer Not,
Verkünden alle Rembrandts Tod,
Und daß sie nun die einz'gen wären,
Die sein Geheimnis könnten lehren.
Die Neuigkeit geht durch die Stadt,
Die Frau ist bald des Mitleids satt
Und sagt, daß sie auch baldigst sterbe,
Darum sei ihr der Schmerz nicht herbe.
Gleich fragen viele nach den Bildern,
Die Rembrandts Zimmer schön umschildern.
Sie spricht von der Versteigerung;
Gleich drängt zum Haus sich alt und jung,
Um das Verzeichnis zu erhalten,
Das Raphael weiß zu gestalten,
Wie es für Händler sich geziemt,
Daß Läng' und Breite drin gerühmt.
Es gibt ein Schreiben durch die Welt;
Aus allen Landen wird's bestellt;
Der fremde Herr hört wohl dies Drängen
Und will am Strumpfband sich erhängen,
Doch rettet ihn die fromme Magd,
Die seinem Herzen wohl behagt;
Er will's ihr lebenslang gedenken,
Daß sie ihn hinderte am Henken,
Und hat sie sich als Braut erkoren;
So ist die Zeit ihm nicht verloren.

 

Der Rembrandt kann ganz ruhig sitzen,
Er malet nachgelaßne Skizzen,
Die muß sein Weib ganz heimlich weisen,
Vertrödeln zu den höchsten Preisen,
Als hätt' sie die beiseit gebracht,
Noch eh der Katalog gemacht.

 

Die Magd dem Fremden rät gescheit,
Daß er auch nütze diese Zeit
Und ihren Einfluß auf den Herrn,
Der würde sich nicht lange sperrn
Und ihr auch solche Skizzen malen,
Verschwiegenheit ihr zu bezahlen,
Die solle er fernhin verkaufen,
So könn' er vom Verlust verschnaufen.
Sie läßt dem Rembrandt keine Rast,
Er muß ihr zeichnen für den Gast,
Und der gewinnt an solchen Skizzen,
Was er läßt in der Wette sitzen,
So daß er mit Beruhigung
Erwartet die Versteigerung.

 

Nun endlich ist der Tag erschienen,
Die Bilder hängen auf den Bühnen,
Es füllt ein Drang das ganze Haus,
Als ginge es zum Hochzeitschmaus,
Doch sind auch viele Fremde traurig,
Das ganze Haus ist ihnen schaurig:
Was ist ein Bild, wenn's noch so schön,
Wenn, der's gemalt, nicht mehr zu sehn?
Ein Goldstück gegen einen Stollen,
Aus dem viel goldne Adern quollen,
Und der nun eingesunken ist
Durch des gemeinen Wassers List.

Eh Bilder zur Versteig'rung kommen,
Sind Kupferstiche vorgenommen;
Der ganze Hauf ist bald zerstiebet,
Weil keiner seine Lust aufschiebet,
Zu Preisen, über doppelt hoch,
Als er sie lebend je draus zog.
Ja, selbst das alte Malerzeug
Wird hoch bezahlet allzugleich;
Der viel beschmierte Rock, die Stühle
Erregen manchem Kunstgefühle
Und werden wohlbezahlt von Leuten,
Die Seltsamkeiten gern erbeuten.
Die Frau gibt eifrig zu dem Gant,
Was sie sonst auf dem Herd verbrannt,
Die alten Schränke, alten Bänke,
Es ist darum noch ein Gezänke,
Denn jeder will durch Angedenken
Des Künstlers Ruhm zu sich hinlenken.
Selbst reiche Fraun sich überbieten,
Um Wirtschaftsstück' in Streit gerieten,
Wer just das Letztgebot getan,
Sie kaufen alles, was sie sahn,
Verlangen selbst das Schauerfaß;
Doch da verstand die Frau nicht Spaß,
Das ging ihr an das eigne Leben,
Für keinen Preis wollt' sie es geben,
Den Besen, ihren Scepterstiel,
Bewahrt sie, bieten sie auch viel! –

Nun kommt die Reih' an Rembrandts Bilder,
Die Leute bieten noch viel wilder,
Liebhaber werden nimmer satt,
Auch galt's dem Ruhm der großen Stadt;
Ein reicher Lord aus Engeland
Setzt alle Köpfe recht in Brand,
Der, vollgepfropft bis zu den Zehen
Mit lauter goldenen Guineen,
Die Rollen Golds mit Ellen mißt
Und nie das Übermaß vergißt.
Die Preise steigen dreifach höher,
Als sie gesetzt der fremde Seher,
Er selber hilft noch sie zu steigern,
Den Demant kann er nicht verweigern,
So möchte er für seine Herrn
Doch etwas kaufen, die hier fern.

Die letzte Nummer wird gerufen.
Das Bild steht hinter jenen Stufen,
Die zu dem Seitenzimmer führen,
Es steht da vor den Flügeltüren;
Der Auktionator spricht: »Dies Bild
Des lieben Rembrandt ist verhüllt,
Daß unsre Frau sich nicht erschrickt,
Denn allzugut ist's ihm geglückt,
Sich selbst zu malen in den Tagen,
Eh ihn der Tod hat fortgetragen;
Er sieht hinaus wie aus dem Spiegel,
Es trägt des höchsten Künstlers Siegel.«

»Ich biete tausend Stück Dukaten«,
Ruft Bürgermeister Six, »verraten
Hat keiner mir des Bildes Kunst,
Als was des Auktionators Gunst
Nach seiner Pflicht darüber sprach,
Doch ich begehre sehr danach;
Die Frau ist jeder Schonung wert,
Wer ungesehn des Bilds begehrt,
Der biete mehr, – o zehnfach mehr
Gäb' ich, wenn er noch lebend wär':
Dies letzte Bild des alten Knaben,
Ich muß um jeden Preis es haben!« –

Der Lord verlangt das Bild zu sehen,
In England sei es nie geschehen,
Daß ungesehen wird geboten; –
So rollt der Vorhang auf vom Toten.
Ein solches Bild ist nie gesehen,
Es scheint sich lebend zu erhöhen,
Es scheint zu atmen, scheint zu denken
Und seinen Blick herabzusenken
Auf Rollen Golds, die aufgebaut
Ihr da wie einen Tempel schaut,
Nach der Antike aufgestellt,
Bei dem er seine Andacht hält,
Indem er jenen Diamanten,
Den Ring des römischen Bekannten,
Just auf den Altar niederlegt,
Der eine goldne Flamme trägt.
Er blickt darauf mit Scherz und Rührung
Und sieht in allem höhre Führung,
Und wie ihm einst zumute sei,
Wenn er, von Hauses Sorgen frei,
Von oben reiche Häuser schaut.
Die er für Frau und Kind erbaut.

 

»Nein, das kann keine Kunst uns geben,«
Ruft Six, »er ist's, ich seh ihn leben!«

 

»Ja, Rembrandt lebt und grüßt euch munter,«
So spricht der Alte, springt herunter,
Den Bürgermeister froh umfaßt
Und zeiget ihm den fremden Gast,
Der dieses ernste Spiel verloren,
Den Diamant, als Preis erkoren,
Das Gold, was er hat eingenommen,
Wie volle Taschen sind gekommen,
Und wie sie leer nach Hause gehen,
Was an dem Lord gar wohl zu sehen.
Dann spricht er, wie er unerkannt
Die Liebe, die ihm zugewandt,
In tausendfacher Art vernommen,
Und wie ihm das so wohl bekommen,
Daß er noch hundert Jahr möcht' leben.
Leicht würd' die Welt den Spaß vergeben
Und wer sein Geld zurückbegehr',
Der mög' nur sag'n, wieviel es wär',
Und welche Stücke er erstanden.

Doch keiner ging zurück, sie fanden,
Daß alles wohlgekauft und billig,
Und waren nicht zum Rückkauf willig,
Gar viele schrien auf einmal:
»Wir geben heut ein Freudenmahl,
Daß unser alter Rembrandt lebt,
Den Ruhm von unserm Land erhebt!« –
»Ich halt mein Wort,« spricht Six, »will geben
Zehnfachen Preis für Freundes Leben
Und gebe morgen ihm ein Fest,
Ihr Herrn seid alle meine Gäst'!« –

»Nun hört,« sprach Rembrandt zu dem Gast,
Don Raphael beim Arme faßt,
»Antikische Nachahmerei,
Die brachte niemand solch Geschrei,
Die brachte nimmer soviel Gold,
Darum seid eignem Wirken hold,
Und wo ihr eignen Trieb gewahrt,
Und sei er auch von fremder Art,
Da kauft, es finden sich die Käufer;
Erfindung ist ein schneller Läufer,
Und wer zuerst am Ziele ist,
Der steht allein, den Preis vergißt,
Erst wenn die andern nachgehinkt,
Die Zeit ihm volle Ehre bringt.«

Dann wendet er sich zu der Frau,
Drückt ihre Hand und spricht: »Nun schau,
Wie schön der Demantring dir steht,
Wenn es zum Feste morgen geht.
Wie wird da unser Titus essen,
Mit seinen Augen Flaschen messen;
Darum sei heute nur vergnügt,
Wie sich im Laub der Vogel wiegt.
Du bist die beste Hausfrau mir,
Und ich der beste Maler dir.
Nur heute folge meinen Bitten
Und sieh nicht nach den Menschentritten,
Wie die das blanke Haus beschmutzt,
Denk, das sind Farben, die benutzt,
Womit am Boden ist gemalt,
Was uns so teuer ward bezahlt:
Bewahre jeden Fleck von heut,
Er ist ein Stern der Ewigkeit.
Und was ich bin, das weiß ich nun,
Kann einst an deiner Seite ruhn
Geduldig unter Grabessteinen:
Der Himmel nicht vergißt die Seinen!«

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