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Erzählungen

Friedrich Glauser: Erzählungen - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenarrative
authorFriedrich Glauser
titleErzählungen
publisherVerlags AG Die Arche
volumeBand 4 der Gesammelten Werke
editorHugo Leber
year1973
isbn3716014265
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kif

Mammut war mein Freund. Nach seinem Berufe habe ich ihn nie gefragt, denn es ging mich nichts an, womit er sich sein Leben verdiente in dem einzimmrigen Haus an der Grenze zwischen dem Araberviertel von Bel-Abbès und dem sogenannten »Village nègre«, dem Dorf der billigen Lust.

Einmal war ich in eine Schlägerei geraten, unvermutet. Matrachen-Hiebe fielen rund um mich, dicht wie Hagel. Da nahm mich jemand einfach unter den Arm, trug mich aus dem Getümmel und stellte mich in einem weiss gekalkten Zimmer ab, über das eine Karbidlampe grelles Licht spuckte.

Von da an kam ich Mammut jeden Abend besuchen, und stets war er umgeben von einem Kreis schwarzer keifender Strassenverkäufer. Sobald ich unter der Tür erschien, stand er auf, streckte mir die Hand entgegen, und es war eine wahrhaft königliche Gebärde, führte den Zeigefinger an die Lippen: »La bes, Chuja?«

»La bes, la bes.« (Geht's gut, Bruder? – Es geht, es geht.) Mammut war gross. Fast zwei Meter hoch; er trug einen blauen Mantel über einem weisswollenen Hemd, dazu gelbseidene Pumphosen, die knapp unter dem Knie aufhörten. Um die Waden spannten sich nagelneue Sockenhalter, an denen die Socken hingen. Ihr Rot erinnerte an gepunschten Wein.

An einem Abend fiel mir sein Tun auf. Er war damit beschäftigt, getrocknete Tabakblätter zwischen seinen Handballen zu zerreiben. Dann stand er auf, holte aus einem Wandschrank andere Blätter, grüne, zerrieb auch diese und mischte ihren Staub unter das braune Pulver. Hernach stellte er in die Mitte des Kreises eine alte Champagnerflasche mit weitem Hals. Durch ihren Korken war ein Röhrlein getrieben, das bis auf den Grund der Flasche reichte, die bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt war. Oben trug das Röhrlein einen Pfeifenkopf. In die gläserne Seitenwand war ein Loch gebrochen worden und in diesem mit Glaserkitt ein zwei Spannen langes Schilfrohr befestigt, von mindestens zwei Zentimetern Durchmesser. Das Ganze war eine sehr primitive Wasserpfeife. Den Kopf füllte Mammut mit dem Gemisch, das er hergestellt hatte, legte eine glühende Kohle darauf und nahm den ersten Zug. Er sog ihn tief in die Lunge, nahm noch einen und gab dann die Pfeife an mich weiter.

»Was ist das?« frug ich.

»Lakef.«

»Was ist Lakef?«

»Man sagt auch Haschisch.«

Ich war nicht frei, ich hatte Rücksichten zu nehmen. Ich konnte es mir nicht leisten, um zehn Uhr betrunken heim zu kommen. Mammut, der Mulatte, erriet meine Gedanken. Er betrachtete mich lächelnd, und es war ein brüderliches Lächeln.

»O Chuja!« sagte er, »o Bruder! Glaubst du, dass ich will, dass du bestraft wirst? Du sollst gut schlafen heute nacht, aber trink keinen Wein!«

Ich folgte seinem Rat und trank nur Tee. Er liess ihn holen für mich vom nahen Kaffeetatschi.

Dreimal noch wurde die Pfeife gefüllt, geleert, dann ging Mammut wieder an den Wandschrank, kam zurück mit einer Handvoll grüner Blätter, die er zerrieben in einen alten Teetopf schüttete; dann vermischte er sie mit entkernten Datteln, zermahlenen Erdnüssen und Honig.

»In zwei Wochen«, sagte er, »darfst du die Konfitüre kosten, nicht früher.«

An diesem Abend geschah weiter nichts. Ich kehrte heim und schlief, schwer und tief.

Nach vierzehn Tagen gab mir Mammut von der Konfitüre zu kosten. Es war ein Sonntagnachmittag. Ich schluckte einen vollen Kaffeelöffel von dem Zeug, und da ich den Geschmack merkwürdig fand, nahm ich nach dem ersten Löffel einen zweiten, obwohl mir Mammut mit dem Zeigefinger drohte, der lang war und schlank, braun, wie der gestutzte Schössling eines Apfelbaums.

»Haschisch!«

Ich hatte Haschisch gegessen und erwartete nun, ein Paradies Mohammeds zu sehen.

Es war etwa drei Uhr, als ich die Mixtur schluckte. Sie schmeckte körnig, würzig und roch ein wenig, ein ganz klein wenig nach faulem Fleisch. Und dann sang Mammut. Das Instrument, mit dem er sich begleitete, bestand aus einem getrockneten Kürbis, auf den ein Stecken genagelt worden war. Eine einzige Metallsaite spannte sich vom Stiel des Kürbisses bis zum Ende des Steckens. Auf dieser Saite fuhr Mammuts Daumen hin und her, und die Finger seiner Rechten zupften an ihr.

Um vier Uhr empfahl ich mich, denn ein alter, magerer Kerl war gekommen, der mit Mammut wichtige Geschäfte zu besprechen hatte. Und beim Fortgehen machte ich mich über Mammut lustig: »Dein Haschisch«, sagte ich, »wirkt gar nicht, ich spüre nichts!«

»Wart ab, Bruder, wart ab«, sagte Mammut.

Ich bummelte heim, trank unterwegs ein Glas Weisswein mit Zitronensirup und spürte noch immer nichts. Es wurde fünf, es wurde halb sechs – nichts.

Um sechs Uhr wurde bei uns zu Nacht gegessen. Es gab Schafragout und weisse Bohnen, daran erinnere ich mich noch genau, und ich ass viel, denn ich hatte Hunger.

Nachher ging ich hinunter in den Hof – und spürte die erste Wirkung des Hanfes, des Haschisch.

Ein weisses Hündlein lief im Hof herum, beschnupperte Baumstämme, Ecksteine, und schliesslich schnupperte es auch an den blankgewichsten Gamaschen eines Offiziers. Des Hündleins Schwanz war geringelt. Und dieses Schwänzlein, verbunden mit den blankgewichsten Gamaschen, liessen eine riesige Woge aus dem Boden wachsen, sechsmal höher als ich, glasklar und bläulich. Doch sie bestand nicht aus Wasser, diese Woge, sondern aus Gelächter. Sie rollte heran und überflutete mich, das heisst, ich musste lachen, ich bog mich vor Lachen, doch war das nicht lustig – durchaus nicht, denn es tat verteufelt weh. Das Zwerchfell krampfte sich schmerzhaft zusammen, lockerte sich, und wieder begann der Krampf.

Eine tiefe Stimme herrschte mich an. Sie gehörte dem Besitzer der blankgewichsten Gamaschen.

»Ihnen geht's wohl zu gut?«

Aber ich musste weiter lachen. Die Tränen liefen mir über die Backen, ich hielt mir den Magen – und da liess mich der Gamaschenbesitzer in Frieden ziehn; es war eben Sonntag. Einen Augenblick lang hatte ich Ruhe. Das Hündlein war verschwunden. Ich sah den Frühlingsabend, er war sonnig; ich sah das zarte Grün der ersten Blätter, und die Luft war ganz leicht mit Staub gezuckert.

Da kam die zweite Woge ... Sie war nicht mehr bläulich und glasklar, sie bestand nicht mehr aus eisigem Gelächter, nein, unsichtbar war sie und stieg in meinem Innern auf, so zwar, dass mein Blut sich ausdehnte, mein Körper wuchs. Plötzlich war ich grösser als der zweistöckige Kasernenbau vor mir, ein Gigant war ich!

Die Woge hatte mich zu riesenhafter Grösse auseinandergezerrt. Mit einem Schritt hätte ich, davon war ich tief im Innern überzeugt, über den Bau vor mir schreiten können, mühelos. Unendlich lange Zeit schien dieser Zustand zu dauern, und dann zersprang er wie Glas, weil ihn der Stundenschlag einer nahen Glocke anrührte.

Einen Augenblick war ich wieder ganz nüchtern, und in dieser kurzen Spanne fasste ich den Entschluss, schleunigst ins Bett kriechen. Oh, diese Arbeit!

Unser Schlafraum lag im ersten Stock. Die Stiege, die dort hinaufführte, wurde in der Mitte durch einen Absatz unterbrochen, der durch ein Fenster Licht empfing, dann kehrte die Treppe. Ich habe dreiviertel Stunden gebraucht, nur um den Absatz zu erreichen, denn ich war ja so riesig gross, dass ich Angst hatte, mit einem Schritt den Absatz zu verfehlen und mit dem Fuss durch das Gangfenster zu fahren. Also Vorsicht! Vorsicht! – Zum Glück war ich allein im Stiegenhaus und konnte meine akrobatischen Übungen ohne Zuschauer ausführen.

Als ich endlich im Bett lag, verlor der Rausch seinen Reiz. Ich träumte dunkel von Parfümfabriken und von Färbereien.

Nach zwei Tagen war das ärgste Kopfweh vorbei, und ich konnte Mammut besuchen. Er drückte mir sein Missfallen aus.

Warum hatte ich ihn am Samstagabend im Stich gelassen? Warum war ich nicht gekommen?

Ich erzählte ihm, was geschehen war. Da begann Mammut zu lachen, er lachte, wie nur Neger oder Mischlinge mit schwarzem Blut zu lachen verstehen.

»Lach nicht, Chuja!« bat ich; denn die grosse Gelächterwoge, die mich überschwemmt hatte beim Anblick eines Hündleins Schwanz, wollte wieder auf mich stürzen, und Mammut, der ein Gentleman war, hörte auf zu lachen und schlug mir vor – königlich war seine einladende Gebärde –, mit ihm ins Haman, ins Dampfbad zu gehen. Dort hat mir ein Masseur den letzten Rest Gift aus dem Körper geknetet.

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