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Erotische Novellen

Elisabeth Dauthendey: Erotische Novellen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Dauthendey
titleErotische Novellen
publisherSchuster & Loeffler
printrunSechste Auflage
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160103
projectid1756b633
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Zwischen zwei Fenstern

Glührot leuchtete das Fenster. Leuchtete so stark und aufdringlich, daß die Blicke der vorübergehenden wie ein Magnet davon angezogen wurden.

Und da dem Fenster gegenüber ein sehr besuchter Wirtshausgarten lag, gab es der Augen genug, die immer wieder zu dem rotleuchtenden Fenster sich verloren, dessen glutroter Rahmen brennender Geranien den feinen Kopf eines Mädchens umlohte, das hier auf erhöhtem Sitz Tag um Tag das zarte Profil, umwuchert von einer lose flatternden Fülle tiefschwarzen Haares, den Vorübergehenden zukehrte.

Während ihre weißen und gut gepflegten Hände rastlos an der Arbeit waren, flog ab und zu immer wieder ein Blick ihrer dunklen Augen, die einen seltsam feuchtschimmernden Glanz ausstrahlten, zu dem Fensterspiegel hin, und wenn sie dann, wie es oft geschah, die Blicke der Vorübergehenden mit dem Ausdruck verblüffter Überraschung und Bewunderung auf sich gerichtet sah, huschte ihr eine feine Röte über die Wangen, und ein schnelles Lächeln des Triumphes umspielte den tiefroten Mund.

Bei aller Beweglichkeit ihres raschen Temperamentes achtete Madlon mit peinlicher Angst darauf, beim Aufstehen und Niedersitzen ihre Haltung genau so zu bewahren, daß man sie von draußen nur in einer ganz bestimmten, vor dem Spiegel lange eingeübten Pose sehen konnte, – denn sie wußte, daß es nur einer kleinen unvorsichtigen Wendung bedurfte, um all den Zauber, der von der etwas bizarren Linie ihres feinen Kopfes ausstrahlte, endgültig zu zerstören.

Denn gerade gegen diese eigenartige Schönheit des Kopfes war die Kontrastwirkung des verwachsenen und verschobenen Körpers doppelt stark und erschreckend. Und dieses plötzliche Erschrecken in den Augen, die eben noch feurig und lockend zu ihr hingesehen, dieses jähe Erlahmen und Abfallen des zu ihr hinflutenden Begehrens, diesem furchtbaren Augenblick tödlichster Qual, dem suchte sie immerfort auf raffiniertesten Umwegen zu entgehen. –

Tag um Tag sah man so die schöne Madlon in dem rotleuchtenden Rahmen dieses Fensters sitzen.

Tag um Tag flogen ihre behenden kleinen Hände durch allerlei bunten Plunder und schufen daraus die tausendundein reizenden Dinge, welche den Köpfen schöner Frauen jene letzte Vollendung geben, die eine gewisse Männerart kopf- und sinnlos ihnen zu Füßen zwingt.

Das war Madlons Element. Im Bunten wühlen. Über Farben herrschen, die schreiendsten Extreme zu einer unerhörten Harmonie bändigen. Jedes Werk ihrer fabelhaften Phantasie war ein Wagestück, und nur die tadellosesten Frauengesichter der Stadt konnten sich diese kecke Krönung ihrer Reize erlauben, ohne grotesk und beleidigend zu wirken.

Aber diese waren auch mit allen Fasern ihrer blühenden Eitelkeit an Madlons Künste gekettet, umschmeichelten und umgaukelten sie mit süßen Worten und Gaben und füllten ihr den schon recht bizarr ausgestatteten Raum ihrer Innenwelt mit einer Menge gefährlichen Überflüssigkeiten, für die sie ihre seelischen Spannungen weit über ihre Kräfte ausdehnen mußte. So, getragen von einer schwer gesättigten Dunstwolke überhitzter Schmeichelei und umschwebt von den lauen, erschlaffenden Dunstwellen der weit über ihren Horizont reichenden Welt der eleganten Dame, lebte Madlon recht eigentlich ein fremdes Leben. Das Leben all dieser müßigen, leeren, von lauter Nichtigkeiten aufgeblähten Frauenseelen ließ seine tanzenden Schatten in ihrem Zimmer zurück, und all die kleinen Vertraulichkeiten, mit denen sie Madlon ansprühten und damit zugleich sich selbst angenehm entlasteten, nahmen dann in ihren einsamen Stunden Form und Farben an und durchwirkten und erfüllten Madlons arme, kleine, sehnsüchtige Seele bis zum Rande mit tausend schmerzlichen, unerfüllbaren Träumen, die ihr wie allzu schwerer Wein Herz und Nerven zu wirrem Rausch verknäulten.

Ein Potpourri von vielen Melodien schwirrte in ihrem Kopfe. Lauter Ansätze und Anfänge, die sich nie zu einer vollen Harmonie zusammenschlossen, Leitmotive, die, unausgebaut und unerlöst, frei in der Luft schwebten und zu unzähligen Wegen wiesen, die aber nirgendhin zu einem Ufer oder Ziele führten, so daß Madlon oft unter dem Andrang und der Überfülle der Gedanken und Bilder, die ihr aus all dem fremden Erleben zuströmten, ihr eigenes Leben seltsam überlastet und sich selbst merkwürdig unwirklich empfand.

Die sechs Tage der Woche hindurch kam ihr das nicht so voll zum Bewußtsein. Da war ihre Arbeit, an der sie eine glühende Freude hatte, da war der köstliche Augenblick der Vollendung einer der feinen Kostbarkeiten weiblichen Zierates, jener Augenblick, in dem sie, trunken von Lust an sich selbst die schöpferische Beglückung des Künstlers genoß, dem es gelingt, das Gebilde seiner Ideen in ein plastisch Greifbares umzusetzen. Und zuletzt noch jener Moment, da sie in den Augen der andern die Raketen der Freude aussprühen sah, die besser als Worte ihr die heiße Entzückung über das Geschaffene verkündeten, die als letzter und süßester Tropfen in den Becher ihrer Lust fiel.

In diesem Dreitakt der seelischen Bewegung ging die Woche zu Ende. Die inneren Erregungen und fiebernden Kreuzungen ihres so vielfach an- und aufgeregten Gefühlslebens blieben gleichsam wie unter der Sordine zu dumpfem Halblaut gedämpft, im Hintergrunde ihres Empfindens, aus dem aber hin und wieder ein aufstürzender Ton hervorbrach, der wie fernes Wetterleuchten die Schwüle ihres Zustandes verriet. –

Aber der Sonntag. Und sonderlich zur Sommerzeit.

Da war alles losgelassen in ihr.

Da fuhr sie sechsspännig über die unermeßliche Ebene ihrer wilden Wünsche und wirren Sehnsüchte. Alle Ekstasen einer sentimentalen Frömmigkeit und bacchantischen Lust zu allen Reizungen des Blutes überfielen sie an diesem Tage der Freiheit mit den Schauern dämonisch aufgewühlter Lust und schwermütiger Sehnsucht nach den von Weihrauch durchdufteten Gefilden überirdischer Beseligungen.

Zur Kirche ging sie dennoch nicht.

Zu stark empfand sie die Last, die aus den Empfindungswellen einer Menschenmenge sich fast zur Greifbarkeit zusammenballt, und ihre krankhaft sensible Reizbarkeit fühlte sich unerträglich beschwert durch die sich so jäh kreuzenden Urteile, die der auffallende Zwiespalt ihrer Erscheinung immerfort zur Auslösung brachte.

Aber ihre Frömmigkeit feierte glühende Feste im stillen Raume ihres Schlafkämmerleins, dessen Fenster nach der entgegengesetzten Seite des andern, rotumrankten, lag.

Dieses Fenster schaute in eine ganz andere Welt.

Die stille, breite Vorortstraße führte hier zu einer kleinen Wallfahrtskapelle, die hoch oben über sanften Rebenhügeln mit ihren Kuppeln und Kreuzen aufragte.

Eine hohe, graue Mauer ging ein Stück der Straße mit. Terrassenförmig stieg über ihr der Waldgarten des Klosters empor. Dunkles Efeugehänge wucherte in schweren Wellen über die Mauer herab. Die Luft war beladen mit den honigsüßen Düften der blühenden Bäume und Sträucher, deren Blattwerk vom Wellenspiel der Vogelstimmen leise durchbebt wurde.

An der einen Seite fiel die Mauer mit einigen Stufen zur Straße herab und ließ ein Steinrund frei, über dem eine Tuffsteingruppe den heiligen Ölberg darstellte, vor dem die Figur Christi in tiefem Gebet versunken aus den Knien lag. Das Gestein bildete zur Steinplatte hin eine dunkle Grotte, in der hinter rotglühendem Glase ein ewiges Licht brannte.

Hohe Akazien schatteten über diesen stillen Winkel und umhüteten die Andacht der Betenden, die hier zu allen Stunden vor dem Bilde des göttlichen Schmerzes ihr tiefes Erdenleid in das ewige Erbarmen zu bergen kamen. –

In diesen blühenden Winkel voll übersinnlicher Geheimnisse schaute Madlon aus dem andern Fenster ihres kleinen Heims, hier saß sie jeden Sonntag der Sommerzeit. Das ewige Licht schimmerte träumerisch. Die Glocken der frommen Stadt umläuteten ihre Seele. Der Gesang der betenden Wallfahrer nahm sie wie auf schweren Flügeln zu höheren Sphären, und der herbe Weihrauchduft löste alles Erdgebundene in ihr zu einer sanften, träumerischen Wehmut, in der alles Unreine ihrer vielfältig gemischten Natur von ihr abfiel und sie die köstlichen Augenblicke völliger Erlösung von sich selbst mit heißen Schauern der Andacht genoß. –

Mit der ganzen Kraft ihres überspannten Zustandes feierte sie an diesem Fenster alle Feste seligster Verschmelzungen mit dem Überirdischen und die Entzückungen der Hingabe an das Unbegreifbare des Übersinnlichen, die ihr Seele und Sinne bis zum Rande mit einer seltsam bittersüßen Wonne füllten.

Am liebsten wäre sie selbst mit wehenden Fahnen ihrer blühenden Frömmigkeit all den langsam zur Kapellenhöhe hinschleichenden Wallfahrern vorangeeilt, mit ihrer glockenreinen Stimme deren flügellahme Seelen emporreißend zu den glühenden Berauschungen ihres gotttrunkenen Glaubens. Aber die andere Seite ihres Wesens, die aus der subtilsten Empfindung eines tiefwurzelnden Schönheitsbedürfnisses heraus ihren Grundton hatte, aus dem ihr ihre Stärken und ihre Schwächen wuchsen, erlaubte ihr auch hier nicht, ihre Mißgestalt den Augen der Menge preiszugeben, und so durchlebte sie die Ekstasen ihrer frommen Seele ebenso einsam wie die ihres sehnsuchtsschweren Blutes.

So kniete sie den sonntäglichen Vormittag in schier wollüstiger Demut an den Altären des Glaubens, von denen sie tiefgesättigt aufstand mit dem Gefühle, ohne jede Beschwerung über allen Abgründen der Erde hinzuschweben. –

Am Nachmittag aber schloß Madlon dieses Fenster. Sie ließ den Vorhang herunter, nahm leise und etwas verschämt den Schlüssel von der Gottestüre ihres Herzens, räumte Weihrauchduft und Gebetwonne, Andacht und Demut zart und behutsam in den Hintergrund ihrer Seele und ging mit festem Schritt zu dem zweiten Fenster, das auf der anderen Seite in eine andere Welt führte.

Hier webte und wogte ein gänzlich neues Bild. Hatte sie dort die Engelssüße des Meisters von Fiesole überschattet, brauste hier der tolle Rhythmus derben Überschwangs niederländischer Meister. Andere Register brachen lautere und härtere Töne in ihr auf, und das Wellenspiel ihres begehrlichen Blutes tanzte ungeduldig und sprühend über die straffgespannten Saiten ihrer Nerven.

Im Wirtshausgarten saß es dicht und voll von sonntagslustigen Menschen. Mädchen und Burschen nahe beieinander. Die Kellnerinnen drängten sich schwerbeladen zwischen Tische und Bänke durch. Der aufdringliche Geruch warmer Speisen und starker Getränke lag wie ein schwerer Brodem über dem Garten, strömte auf die Straße hinaus und mischte sich seltsam mit dem duftenden Sommerwind. Derbe Späße flogen hin und wider, Gläser klangen ineinander, und hier und da stiegen böse Worte und Gezänke wie Raketen in die linde, süße, blauende Luft.

Madlon saß am Fenster und las.

Ihre Damen versorgten sie mit Büchern, wahllos steckten sie ihr alles zu, was ihnen lästig geworden. Und Madlons rastlose Phantasie stürzte sich mit Heißhunger auf die gefährliche Beute.

Während, des Lesens aber flogen ihre Augen immer wieder zur Straße und zum Garten hin. Das fortwährende Kommen und Gehen hatte etwas seltsam Aufregendes, und ihr Ohr lauschte gespannt auf das laute Tongewirr, das schmerzlich und erregend in ihre Gedanken hineinstieß. Sie fühlte es sofort, wenn ein besonders starker Blick zu ihr heraufzielte. Ein Augenaufschlag voll Triumph und Beglückung ging dann von ihr zu den fremden Augen hin, sie genoß eine Sekunde, die wie Frage und Antwort war, dann war wieder alles vorüber – aber es blieb ein köstlicher Augenblick voll Rausch und Wärme und wohliger Erregung.

So zwischen der dreifach aufreizenden Wirkung von lockenden Tönen, begehrlichen Blicken und den schattenhaft über sie hinhuschenden Gedanken des Buches, verlebte sie ihre Sonntagnachmittage in jener vibrierenden Atmosphäre spannender Unruhe, die sie bis zum Rande mit einer dauernden Erwartung anfüllte, für welche sie unklar und fieberhaft immerfort auf eine Erfüllung und Auslösung wartete, niemals wissend, ob sie ihr dort aus dem lauten Getöse des immer lauter werdenden Gartens, aus den lachenden Blicken der Vorübergehenden oder aus den aufpeitschenden Glutworten des Buches kommen würde.

Aber kommen mußte etwas.

Das glaubte sie mit einer krankhaften Qual. Sie fühlte sich vergehen an dieser Qual. Die Kammern ihrer Seele waren zum Bersten voll von heftiger Lebenssehnsucht, von lockenden Gebilden ihrer übersteigerten Phantasie und dem wilden Begehren ihres rassigen Blutes, das durch das Kreuzfeuer des marternden Widerspruches zwischen ihrer auffallenden Schönheit und der furchtbaren Hemmung ihrer Auswirkung durch den so schmählich betrogenen Körper von einer besonderen Schärfe und fast perversen Bedrängnis durchsetzt war. –

Eines Sonntags war es. Ein sonnenschwüler Sommersonntagabend. Madlon saß wieder mit einem Buche am Fenster, das zum Wirtshausgarten schaute.

Es war spät geworden. Das Buch – es waren die Novellen Maupassants, die sich aus dem Boudoir einer ihrer vornehmen Damen zu ihr verirrt hatte – bebte leise in ihrer zitternden Hand. Der Wahnsinn der Leidenschaft, den dieser Dichter zu so ausschweifender Plastik zu gestalten weiß, umhüllte sie wie mit einer spröden Trockenheit, in der Nerven und Blut zu sprengender Spannung aufgebäumt waren.

Der schwüle Atem des Sommerabends drang zu ihr herein. Die derbe Lust im Garten füllte die Luft mit einer seltsam zügellos taumelnden Trunkenheit. Im Buche beugte sich eben ein fremder Mann zu einer fremden Frau, und beide gaben sich die kreisenden Träume ihres Blutes, ohne zu fragen, wer und woher. –

Da fühlte Madlon plötzlich den Strom eines Blickes aus sich gerichtet. Sie sah auf.

Gegenüber, an den Zaun des Gartens gelehnt, stand ein junger Mann. Gut gekleidet, schlank und feurig, und blickte zu ihr hin mit Augen, die mehr zu sagen hatten, als tausend Worte auszusprechen vermochten.

War das der Fremde, den sie eben in ihrem Buche erlebte, war sie die fremde Frau –

Wie unter einem Banne, fast willenlos und von einer seltsamen Kraft beherrscht, die von den Augen des Mannes zu ihr herströmte, erhob sich Madlon.

Sie ging wie schlafwandelnd zum Fenster, legte die Arme auf die Brüstung, neigte sich weit hinaus, den rufenden Augen entgegen. Einige Minuten blieben so die Blicke ineinander verkrampft. Ein wildes Hin und Her war zwischen ihnen. Ohne ein einziges Wort nahmen sich ihre Körper jäh und gewaltsam in Besitz.

Sekunden waren es nur, aber was bedeutet Zeit in der rasenden Rotation der Leidenschaft, in deren Schwingungen Ewigkeiten kreisen.

Es schien alles wie ein Traum.

Der Fremde riß sich mit einer zuckenden Bewegung aus seiner Versunkenheit, mit drei Schritten überquerte er die Straße.

Ein schneller Rhythmus erklang auf der Treppe. Die Türe öffnete sich, und wie der glutende Föhn Sturzbäche von den Bergen jagt, so stürzten die jagenden Wellen ihres Blutes zueinander.

Madlon fühlte die Aufgelöstheit aller schmerzhaft ertragenen Hemmungen in nebelhafter, wie in weiter Ferne von sich selbst erlebter Berauschung und Entzückung. Zugleich aber stand irgendwo klar und grausam das qualvolle Wissen, daß dieser eine, von langer Sehnsucht und wilden Träumen herbeigeborene Augenblick nie wieder zu ihr kommen würde. –

Als der Fremde gegangen war, blieb Madlon in trunkener Versunkenheit auf ihrem Lager. Stunde um Stunde verrann. Die Töne der Mitternachtsglocken glitten auf den Wellen der durchsichtigen, mondhellen Sommernacht zu ihr hin. Wie von einem purpurschweren Mantel leidvoller Süße umhüllt, bohrten sich ihre Gedanken stark wie ein loderndes Feuer in den einen kurzen, ewiglangen Augenblick, der alle schweigenden Brunnen des Lebens in ihr zu tanzender Seligkeit aufgestürmt hatte.

Ein Augenblick, der ihren Weg fortan begleiten würde als etwas Unverlierbares, etwas, das sie greifen und fassen und halten konnte als ihr Allereigenstes, der eingebrannt blieb in den Erinnerungen ihres Blutes, die sie wie zärtliche Kostbarkeiten im dunkelsten Schrein ihrer Seele hüten würde.

Gegen Morgen schlich sich Madlon leise vor das Haus. Am Ölberg, vor dem glühroten Licht der ewigen Lampe, sank sie schwer von glücksatter Ergriffenheit auf die Knie.

Ein trunkenes Beten und Stammeln und Danken war in ihr. Eine feine keusche Scham, die aber mit sanftem Lächeln sich selbst auslöschte. Und eine tiefe, stolze Dankbarkeit, daß jener köstliche Augenblick rein geblieben war von jeder demütigenden Erinnerung an die unheilbare Schwermut, mit der die Mißgestalt ihres Körpers sie immerfort erfüllte.

Diesen einen Augenblick eines vollen Triumphes ausgekostet zu haben, ließ sie wie von einer fernen Höhe mit zärtlicher Nachsicht auf ihren armen Körper herabblicken, den ihre sieghafte Schönheit im Feuerspiel der Leidenschaft überwunden, gleichsam eine göttliche Ewigkeit entlang gänzlich vernichtet hatte.

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