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Eros' Begräbnis

Hjalmar Bergman: Eros' Begräbnis - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/bergman/erosbegr/erosbegr.xml
typefiction
authorHjalmar Bergman
titleEros' Begräbnis
publisherR. Piper u. Co.
year1934
translatorMarie Franzos
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Hans Hinz und die Frauen.

Hans Hinz Faber hieß er, der die Mühle bediente; der Besitzer hieß Gruber. Die Mühle lag eine halbe Stunde Wegs oberhalb des Dorfes, und das Wasser, das das Mühlrad trieb, wurde im Dorfe in einem gemauerten Becken gestaut, in dem die Frauen ihre Wäsche spülten. Wenn sie damit beschäftigt waren, dann kam die Rede oft auf Hans Hinz, und die Frauen überboten einander, seine Kenntnisse und Fähigkeiten zu preisen. Wenn ein Fremdling diesen Lobgesang gehört hätte, so hätte er sicherlich geglaubt, der Müller sei ein reifer Mann und im Besitz der reichsten Erfahrung. So verhielt es sich jedoch keineswegs. Hans Hinz zählte erst einige zwanzig Jahre. Hingegen war es richtig, daß er außerordentliche Körperkräfte besaß, was die Frauen auch nicht verabsäumten, gleichfalls zu preisen. Er verrichtete ganz allein die Arbeit in der Mühle und hielt den alten Klapperkasten in Gang, der fast täglich geflickt und gestützt werden mußte. Außerdem fand er noch Zeit und Kräfte, den Dorffrauen bei ihren zahllosen Mühen und Kümmernissen beizustehen.

Diejenige unter ihnen, die Hans Hinz zuerst entdeckte, war eine gewisse Frau Maturin, eine Witwe, die später den reichen Bauer Joachim Brut heiratete. An einem Augustabend kam sie, und viele mit ihr, von einem Erntefest in einem entlegenen Gebirgsdorf. Die übrige Gesellschaft ging an der Mühle vorbei, ohne Hans Hinz zu bemerken, der regungslos auf der Bank an der Mühlenwand saß. Die Wand war graugrün von Moos, der Knecht graugelb vom Mehl; in der Dämmerung sahen sie ihn nicht. Aber Frau Maturin blieb stehen und entdeckte seine Augenbrauen, die schwarz, breit und zusammengewachsen wie ein Sargdeckel über den Augen lagen. Frau Maturin war müde vom Tanz und vom Weg, sie setzte sich neben ihn, indem sie fragte:

»Bist du nicht Hansi, der Hirtenbub? Seit wann bist du Müller geworden?«

Er antwortete nicht, sondern sah in der Dämmerung vor sich hin, ruhig in seinen Gedanken. Es war seine freie Zeit, und da kümmerte er sich um keinen Menschen. Als Frau Maturin sich ausgerastet hatte, stand sie auf und sagte Lebewohl. Auch jetzt antwortete er nichts, und sie ging, ohne sein unhöfliches Schweigen weiter zu beachten. Aber nachts, als sie wach lag, sah sie seine dunklen, starken Augenbrauen vor sich, und sie begann über sein Schweigen, seine Einsamkeit und seine Jugend nachzusinnen. Bei der ersten Gelegenheit begab sie sich wieder in die Mühle. Und sie wiederholte ihre Besuche. Die Dorfleute, die stets über Frau Maturin wachten, begannen sie zu necken. Das nahm sie aber krumm und antwortete heftig, wenn es viele so sittsame junge Männer gäbe wie Hans Hinz Faber, so würde sie eine bessere Meinung von den Männern haben. Hierüber lachten die Männer, aber die Frauen wurden neugierig.

Noch im selben Herbst begannen sie den Pfad zur Mühle hinaufzuwandern und huschten in der Dämmerung über die Lichtung, lautlos wie Nachtvögel. Er sah sie zwischen den Tannen heranschleichen und bei der letzten vor der Mühle stehenbleiben, als erwarteten sie, daß er sie zu sich rufen würde. Er rief nicht. Schließlich kamen sie heran, grüßten und ließen sich nieder. Er machte ihnen nicht Platz und inkommodierte sich ihretwegen in keiner Weise.

Aber wenn nun eine Frau, um ihrem Besuch einen einleuchtenden Grund zu geben, ihn fragte, warum ihre Kuh keine Milch gäbe, da wurde er anders, denn das war eine ernste Frage, und er hatte als Hirtenbub so mancherlei Erfahrungen gesammelt. Er bemühte sich also, die richtige Antwort zu finden. Da ging mit seinem Gesicht eine merkwürdige Verwandlung vor. Die verdrossene Miene verschwand, der schläfrige Blick bekam Leben, die Pupillen blitzten wie schwarze Diamanten. Den stärksten Eindruck machten seine Augenbrauen, die sich ganz sachte hoben, aber schließlich so hoch, daß der Zuschauer dasselbe unruhige Gefühl empfand, als sähe er einen geschickten Bogenschützen seinen Bogen bis aufs äußerste spannen.

Die Ratschläge, die in diesen und ähnlichen Fällen das Resultat des ernsten Nachdenkens des Knechtes waren, bestanden in nichts anderem als alten Hauskuren, die die Frauen gewöhnlich schon kannten. Nichtsdestoweniger begann der Glaube an seine wunderbaren Gaben und Erkenntnisse sich zu verbreiten, und die Frauen gelangten bald zu der Schlußfolgerung, daß, wer die Krankheiten der Tiere kurieren könne, auch die der Menschen heilen müsse. Mütter brachten ihm ihre kranken Kleinen. Er lehnte es ab, sich mit ihnen zu befassen, er brummte, er fluchte, er stieß sie weg. Aber diese Widerspenstigkeit reizte die Mütter nur. Je unzugänglicher der Wundertäter ist, desto tiefer sind seine Einsichten.

Eines Abends kam Försters Gretel. Sie war jung und ledig und hatte sich um keine Kinder zu bekümmern. Als Hans Hinz sie kommen sah, ging er rasch in die Mühlkammer hinauf, im Vorbeigehen eine Kelle Wasser aus der Rinne schöpfend. Darin wusch er sich Gesicht und Hände. Unterdessen kam Gretel zaghaft heran. Sie kannte den Knecht aus ihrer Kinderzeit, aber sie hatte schon so viel von seinen wunderbaren Kuren, seinem einsamen Leben und seinem harten unwirschen Betragen gegen die Frauen gehört, daß sie ein Zittern und Zagen vor dem Müllersknecht fühlte, als wäre er der Herr Pfarrer in höchsteigener Person. Außerdem war ihr Anliegen geringfügig, ja lächerlich. Sie hatte große häßliche Warzen an den Händen, die weder Kreide noch Lapis zu vertreiben vermochten. War das nun ein Gebrechen, mit dem man einem Wundertäter kommen durfte?

Sie stand an der Türe, und ihr Herz klopfte stärker als ihre Hand. Auf der anderen Seite der Türe stand Hansi und lauschte, und Gott weiß, wie lange sie so gestanden haben mochten. Endlich nahm er seinen Mut zusammen und trat hinaus, und auch Gretel faßte Mut, brachte ihr Anliegen vor und zeigte ihm ihre armen Hände. Hansi berührte die Warzen ganz leicht mit den Fingerspitzen und schüttelte den Kopf. Er konnte sich um alles in der Welt auf kein einziges Mittel gegen Warzen besinnen. Nachdem er die Bank hastig mit dem Rockärmel abgewischt hatte, bat er Gretel, Platz zu nehmen. Sie setzte sich, und sie schwiegen, bis Gretel ein bißchen ungeduldig fragte, ob er ihr denn nicht helfen wolle.

»Was redest du da zusammen?« antwortete Hansi. »Bin ich vielleicht ein Doktor oder eine weise Frau? Warum kommt ihr zu mir? Und du auch! Scher dich zum Kuckuck!«

Aber als sie ganz erschrocken aufstand, drückte er sie wieder auf die Bank nieder. Da saß sie, und da stand er, beide stumm. Bis eine Schwarzdrossel zu Hansi hinhüpfte und an seinem Stiefel zu picken anfing. Er ließ den Vogel auf seine Hand hüpfen und begann seine Locktöne nachzuahmen, wobei die Drossel sich auf das drolligste brüstete, die Schwanzfedern ausspannte und gluckste, so daß das kleine Brüstlein zu einem großen weichen Ball anschwoll. Da brachen sie in Lachen aus, und der Vogel flog davon.

Und nun begann Hansi Proben der Künste zu zeigen, die er in seinen Hirtenbubenjahren gelernt hatte und die hauptsächlich in einer geschickten Nachahmung von allerhand Tierstimmen bestanden. Nachdem er so und anderweitig seine Verdienste und Fähigkeiten ins beste Licht gerückt hatte, lief er fort, zu einem uralten Kirschenbaum, dessen einziger noch lebender Ast einige überreife, aber saftige Beeren trug. Es zeigte sich, daß es dreizehn an der Zahl waren; sechs gab er Gretel, sechs aß er selbst, aber die dreizehnte teilten sie so, daß Gretel die eine Hälfte zwischen ihren Lippen hielt, während Hansi die andere abbiß. Da war es schon so dämmrig im Walde, daß Gretel ins Dorf zurückkehren mußte.

Als der Winter kam, wurde der Mühlweg schwer gangbar, und jetzt war Frau Maturin die einzige, die hie und da die Mühle besuchte, einen Korb vollgepfropft mit Eßwaren mitbringend. Gleichwohl hörte Hans Hinz nicht auf, die Phantasie der Frauen zu beschäftigen. Einige von ihnen hatten Geschichten von frommen Wundertätern gelesen, die alle ebenso einsam und dürftig lebten wie der Müller. Sein Bild wuchs in ihrer Vorstellung. Und in den langen dunklen Monaten, wo sie nur die Spuren seiner Skier im Schnee sahen und nur seine kräftigen Axthiebe gegen die gefrorenen Stämme hörten, war Hansi Hinz unablässig der Gegenstand ihres Sinnens.

Die Männer im Dorf konnten nicht umhin, sich über all dies Getue mit dem Müllerknecht zu ärgern. Sie glaubten, seine schwache Seite herausgefunden zu haben und beeilten sich, sie anzugreifen: er ging nie in die Kirche. Folglich mußte er ein gottloser Kerl sein. Hierauf entgegneten die Frauen flink, er spreche seine Gebete ebenso getreulich wie irgendein anderer; und obgleich sie ihn nie auch nur ein einziges Vaterunser beten gehört hatten, waren sie bereit, seine Gottesfurcht heilig und teuer zu beeiden. Zugleich begannen sie, über den armen Pfarrer loszuziehen und behaupteten, daß, wer seinen Glauben in Ehren halten wolle, der solle der Dorfkirche lieber aus dem Wege gehen. Die Männer mußten schließlich allein zum Hochamt wandern, und hatten sie die Frauen mit, so sah man diesen oft die Spuren von Tränen und Ohrfeigen an.

Während die Frauen so Hans Hinz verteidigten, war sein eigener größter Kummer gerade der, daß er nie zur Messe kommen konnte. Der Grund war einfach, aber triftig: er besaß kein Sonntagsgewand. In dem geflickten Arbeitskittel, durchsetzt von Mehl und förmlich gefirnißt von Pech, konnte er nicht hingehen, ohne sich vor unserem Herrgott sowie vor Försters Gretel schämen zu müssen. Er dachte lange unter hochgespannten Augenbrauen darüber nach, wie er zu einem anständigen Feiertagsgewand kommen könnte. Geld hatte er keins. Sein Lohn wurde in Natura geleistet und war so karg, daß er nur zum täglichen Essen reichte, einer Art Mehlpapp, den er sich in Salzwasser kochte. Hans Hinz grübelte sechs Monate nach und beschloß endlich, den Mühlenbesitzer, Herrn Gruber, aufzusuchen, der eine Dachkammer im Schulhause bewohnte. Der Besuch sollte an einem Sonntag vor sich gehen, aber schon am Samstag abend machte er sich auf den Weg. Die Nacht gedachte er in der Nähe von Gretels Haus zu verbringen.

Dort im Dorfe herrschte die Sitte, daß die männliche Jugend die Sonntagsnacht dazu verwendete, ihre Liebchen aufzusuchen. Hansi stieß infolgedessen mit vielen jungen Männern zusammen, die allein und stumm oder auch in singenden Scharen zum Dorf hinunterzogen. Sie grüßten ihn mit einer allerdings mürrischen, aber doch unverkennbaren Achtung. Der einzige Sohn des reichen Bauern Brut aus erster Ehe, ein junger, etwas einfältiger Mann, namens Henrik, trennte sich sogar von seiner singenden Schar, um sich Hans Hinz anzuschließen. Und binnen kurzem hatte der herzensgute Tropf dem Hansi sein Samstaggeheimnis anvertraut: er gedachte bei Försters Gretel zu fensterln!

Hans Hinz hätte gern gefragt, ob Henrik sich mit Gretel verabredet habe, und ob sie vielleicht schon Brautleute seien. Aber er brachte es nicht über die Lippen. Stillschweigend, und dem Anschein nach unberührt, ging er neben dem plappernden Jüngling einher, wußte es aber doch so einzurichten, daß sie beide zurückblicken und sich bald in einer ansehnlichen Entfernung von der Schar befanden. Dann blieb er plötzlich stehen, und indem er sich von Henriks Arm frei machte, sagte er:

»Du gedenkst zu Försters Gretel zu gehen? Aber paß jetzt gut auf: ich werde statt deiner gehen!«

Der verblüffte Freier suchte die Sache mit Scherzen abzutun. Hansi überzeugte ihn jedoch bald von seinem Ernst und warf ihn schließlich auf den Rücken in einen wassergefüllten Graben. Ganz beruhigt, daß das Muttersöhnchen erst nach Hause gehen würde, um trockene Kleider anzuziehen, begab er selbst sich geradeswegs in das Försterhaus. Er schlich sich die Außenstiege hinauf, die zum Dachboden und Gretels Kammer führte. Er probierte die Türe und fand sie verschlossen. Nun begann er die Drossel nachzuahmen, und davon wachte niemand im Hause auf, mit Ausnahme von Gretel. Nach einer Weile kam sie zu ihm hinaus, und sie saßen Seite an Seite auf der Treppe. Hansi erzählte, daß er zu Herrn Gruber gehen und Geld für ein Feiertagsgewand verlangen wolle. Gretel dachte ein Weilchen nach, dann sagte sie:

»Du solltest dir einen besseren Posten suchen. Aber nicht hier im Dorf.«

Nun war Hansi an der Reihe, nachzudenken, und nach einem Weilchen sagte er:

»Darf ich wieder zu dir kommen, wenn alles mit dem Meister abgemacht ist?«

Sie antwortete: »Wie du halt meinst.«

Gretel ging wieder hinein, aber Hansi blieb auf der Treppe sitzen. Und während er in seinem Kopfe allerhand Pläne für die Zukunft wälzte und beschloß, aus dem Orte mit seinen dummen Frauen wegzugehen, begannen endlich die Hähne zu krähen. Und Hansi machte sich zu Herrn Gruber auf.

Der Alte empfing ihn, im Bette liegend. Er war Schullehrer gewesen und erst auf seine alten Tage infolge einer Erbschaft Mühlenbesitzer geworden. Er selbst konnte die Mühle nicht führen, und der alte Klapperkasten hätte ihm überhaupt keinen Ertrag gebracht, wenn er gezwungen gewesen wäre, den Knecht anständig zu entlohnen. Nun war es ihm jedoch gelungen, den Hirtenbuben mit allerhand dunklen Verheißungen zukünftiger Vorteile an sich zu locken. Als nun Hansi mit der Mütze in der Hand, mürrisch, aber höflich, Geld für ein Feiertagsgewand verlangte, geriet der Alte aus Rand und Band und überhäufte ihn mit Beschimpfungen. Hatte er ihm nicht künftige Vorteile versprochen?

Hansi erwiderte: »Der Meister verspricht, aber was weiß ich, ob er es zu halten gedenkt? Übrigens kann ich nicht darauf warten. Ich möchte heiraten.«

Herr Gruber, der eben den Wasserkrug an den Mund geführt hatte, um seinen Hals nach all dem Schimpfen zu letzen, bekam den Wasserschluck in die unrechte Kehle. Erst nachdem Hansi ihn tüchtig auf den Rücken geklopft hatte, kam er wieder zu Atem, aber lag lange Zeit ganz ermattet da. Endlich erhob er sich mit Hansis Hilfe und wankte auf bloßen Füßen zu einer Truhe hin, in der er seine Papiere verwahrte. Zuoberst lag ein gestempeltes Dokument, das der Alte mit bebenden Händen entfaltete; und mehr aus dem Gedächtnis als aus dem Blatt las er den Inhalt, wobei die heisere Greisenstimme warme, fast zärtliche Töne anschlug. Das Dokument war ein Testament, wodurch Gruber seinem getreuen Knecht, Hans Hinz Faber, all seine Hinterlassenschaft vermachte. Als der Alte die Vorlesung beendet hatte, fügte er mit demselben zärtlichen Tonfall hinzu:

»Ich habe an dich gedacht, wie ein Vater an seinen Sohn denkt. Aber du willst mich armen, alten Mann im Stich lassen. So geh denn, Undankbarer!«

Ob nun der Alte wirklich an Hansi wie ein Vater an seinen Sohn gedacht, oder ob er das Testament nur errichtet hatte, um die Früchte der Arbeit des flinken Knechtes zu genießen, ohne ihn bei Lebzeiten irgendwie entlohnen zu müssen, so fühlte sich Hans Hinz doch ganz überwältigt von dieser plötzlich offenbarten Güte. Er beugte sich herab und küßte den Ärmel seines Schlafrockes, und der Alte nahm diese Zärtlichkeitsbezeigung mit einer Würde entgegen, aus der bereits die Entrüstung des gekränkten Wohltäters sprach. Er begann den Knecht einem Kreuzverhör über seine Heiratspläne zu unterziehen, und als er erfuhr, daß sie Gretel galten, sagte er nach kurzem Nachdenken:

»Daß du Försters Gretel gewählt hast, dagegen habe ich nichts. Aber laß mich zuerst mit dem Förster sprechen und ihm sagen, wie es zwischen mir und dir steht. Sonst bekommst du ein glattes Nein, mein armer Junge. Ich hingegen habe in dieser Truhe so allerlei, was den Förster geneigt stimmen kann, an die Sache zu denken. Laß mich nur machen, und geh du gleich in die Mühle zurück.«

All dies äußerte er mit väterlichem Wohlwollen, und so kam es, daß Hans Hinz das Dorf verließ, ohne zuerst Gretel aufzusuchen, aber fest überzeugt, daß er seine Sache in die besten Hände gelegt habe.

Für Herrn Gruber war es jedoch von größtem Gewicht, einen dicken Strich durch Hansis Zukunftspläne zu ziehen. Und der böse Feind selbst führte ihm Frau Maturin in den Weg. Er vertraute ihr unumwunden seine Befürchtungen an und gab ihr zu verstehen, daß, wenn Hansi Gretel heiratete, er sicherlich die Gegend verlassen würde, um sich anderswo ein beßres Auskommen zu suchen. Frau Maturin erwies sich als eine ebenso ausgesprochene Gegnerin dieser Heirat wie Herr Gruber selbst. Und sie war ein Weib und obendrein eine geübte Ehevermittlerin: sie wußte Rat. Sie suchte den Bauer Brut auf, machte ihn aufmerksam, welche vorteilhafte Heirat sich hier für seinen Sohn Henrik biete, und legte ihm nahe, unverzüglich mit dem Förster zu sprechen. So geschah es. Gretels Vater hatte nichts gegen den Freier einzuwenden, aber er legte die Entscheidung ganz und gar in die Hand des Mädchens. Gretel erklärte, daß sie Henrik nicht heiraten könne, da sie einen anderen lieb habe. Befragt, ob dieser andere Hans Hinz sei, antwortete sie nichts, sondern verließ das Zimmer. Aber die kluge Frau Maturin folgte ihr, holte sie im Hof ein, schlang vertraulich den Arm um ihre Mitte und führte sie auf die Wiese hinter dem Haus. Hier teilte sie ihr gewisse Dinge über ihr Verhältnis zu Faber mit, und ob sie nun die Wahrheit oder die Unwahrheit sprach, brachte sie das Mädchen dazu, einzusehen, daß sie von Hansi nichts Gutes zu erwarten habe. Das Ende vom Liede war, daß Gretel Henrik ihr Jawort gab.

Zu Mitsommer wurde die Hochzeit gefeiert, und noch am Abend des Hochzeitstages bekam Hans Hinz den Besuch der Frau Maturin. Als Ehestifterin war sie hoch und vornehm in der Kirche wie im Hochzeitshause gesessen. Aber als der Tanz beginnen sollte, war sie aus dem Hochzeitshause verschwunden und saß nun schon auf der Bank neben Hans Hinz. Ihr Herz pochte heftig; doch sie verbarg ihre Unruhe unter einem unablässig summenden Geplauder. Sie schilderte die Hochzeit und den ganzen Hochzeitszug und kam schließlich zur Braut. Sie sagte, Gretel sei das glücklichste Mädchen gewesen, das man nur je unter dem Brautschleier gesehen habe.

Während all dieses Geplauders bewahrte Hansi seine Ruhe und sein Schweigen. Sie wagte es, seine Hand zu fassen, und rückte dicht an ihn heran. Er ließ sie gewähren. Nach einer Weile stand er auf und ging in die Mühle hinein. Zuerst zuckte sie zusammen, als hätte sie einen Schlag ins Gesicht bekommen. Einige Augenblicke saß sie stumm da und starrte vor sich hin. Ihr Körper bebte. Aber als sie sich erhob, um zu gehen, merkte sie, daß Hansi die Mühlentüre offen gelassen hatte. Nun lächelte sie und seufzte, und ihre Augen wurden zu heiß für Tränen. Sachte trat sie in die Mühle und riegelte die Türe hinter sich zu. –

Seither versah Faber die Arbeit in der Mühle ebenso fleißig wie früher, ohne Herrn Gruber je mit einer Lohnforderung lästig zu fallen. Die Dorffrauen versorgten ihn mit so vielem wohlzubereiteten Essen, daß sein starker Körper sicherlich überfüttert worden wäre, wenn er ihn nicht mit immer härterer Arbeit kasteit hätte. Ohne Zweifel hätten sie ihn auch mit Kleidern und Bargeld versehen, wenn er solche Dinge nur hätte annehmen wollen. Aber derlei wies er kurz und unwirsch zurück. Übrigens kümmerte er sich nicht viel um die Frauen, sondern ließ sie gewähren. Kamen sie aber nicht mit ernsthaften Fragen oder mit Bitten, ihnen in irgendeiner schwierigen Lage zu helfen, so konnten sie eines schlechten Empfanges gewärtig sein. Aber da das Leben des Weibes stets von vielen, wenn auch nicht immer großen Sorgen erfüllt ist, fehlte es ihnen nie an einem Vorwand, an seiner Seite Platz zu nehmen. Auch ihre Sündenangst und ihre Glaubenszweifel und Grübeleien begannen sie ihm anzuvertrauen. Und während Hans Hinz hinter langsam emporgezogenen Augenbrauen den heiklen Fall erwog, fand sich Gelegenheit, seine Hände zu ergreifen und zu streicheln und sein Blut zu erwärmen. Nachdem er die Frage in Worten und Wendungen beantwortet hatte, die mit der Zeit immer tiefsinniger und schwerer verständlich wurden, nicht nur für die Frauen, sondern auch für ihn selbst, stand er gewöhnlich auf und ging in die Mühle. Schloß er die Türe hinter sich zu, dann blieb für die Frau nichts anderes übrig, als sich enttäuscht von dannen zu schleichen. Ließ er hingegen die Türe angelehnt, so konnte sie ihm folgen.

Derlei mußte natürlich großes Ärgernis im Dorfe erregen, sowohl unter den Männern wie in noch höherem Grade unter den ehrbaren Frauen, die nicht von dem sonderbaren »Mühlenfieber« ergriffen waren. Der Pfarrer wurde gedrängt, gegen den Unfug einzuschreiten, aber das Alter hatte den vortrefflichen Mann bequem gemacht. Er entschuldigte sich damit, daß Faber sich trotz all seines Hokuspokus keiner wirklichen Ketzerei schuldig gemacht habe. Und die krankhafte Schwärmerei für seine Person würde um so rascher erlöschen, je weniger man sie anfachte. Doch als schließlich Fabers Ruf solche Verbreitung fand, daß Leute aus entfernten Kirchspielen ihn aufsuchten, wurde der gute Alte ganz ängstlich, kroch in sein Bett und schützte Krankheit vor. Da ereignete sich folgendes:

Eine Frau kam zu Faber und bat ihn, ihr Hühnerhaus zu pölzen, dessen Giebel von der Last des Schnees eingedrückt war. Hansi antwortete: »Bitte deinen Mann!« Worauf die Frau erwiderte:

»Wie du daherredest! Wäre mein Mann nicht ein Tropf, so käme ich nicht zu dir! Außerdem ist er mit einem Kalb in die Stadt gefahren und kommt nicht zurück, bevor er das Geld versoffen hat. Ich bin allein im Haus.«

Hansi versprach ihr zu helfen, und gegen Abend fand er sich auch richtig mit einem Stecken über der Schulter ein. Er schritt sofort ans Werk. Aber nun wollte es das Unglück, daß der Bauer früher heimkehrte, als die Frau vermutet hatte. Als er den ortsbekannten Müller auf seinem Hof erblickte, taumelte er aus dem Schlitten und wankte auf unsicheren Beinen auf Faber zu. Dieser nickte einen stummen Gruß und setzte seine Arbeit fort. Der Bauer stand eine Zeitlang da und betrachtete ihn mit berauschten blinzelnden Augen, dann fand er es, trotz seines Rausches, am ratsamsten, die Sache mit der Frau ins reine zu bringen. Er torkelte also ins Haus, und bald hörte Faber dort drinnen eine furchtbare Katzbalgerei. Völlig unberührt davon, führte er seine Arbeit zu Ende und kehrte ganz ruhig in die Mühle zurück. Kaum hatte jedoch die Frau den Mann notdürftig beruhigt, als sie sich hinausschlich, um Hansi zu treffen. Sie suchte ihn vergeblich, und nun war die Reihe an ihr, in Raserei auszubrechen. Sie stürzte auf den Mann zu, der schon auf der Holzbank lag und schnarchte, zerrte ihn an den Haaren und überschüttete ihn mit Schimpfworten, indem sie mit schamloser Offenheit eingestand, daß sie Hansi hergelockt habe, um bei Nacht allein mit ihm zu sein. Sie riß den halb schlafenden Trunkenbold von der Bank, schleppte ihn zur Türe hinaus und schleuderte ihn in einen Schneehaufen. Eine halbe Stunde des Schlafs in Schnee und Kälte ernüchterte den Mann. Er stand auf, um ins Haus zu gehen, aber fand Türen und Fensterläden geschlossen. Sofort nahm er an, daß die Frau sich mit Hansi eingesperrt habe. Nachdem er vergeblich an das Tor getrommelt hatte, mußte er, um ein Dach über dem Kopf zu haben, zu den Nachbarsleuten gehen, wo er weinend und fluchend sein Unglück erzählte. Am folgenden Tage wurde der Vorfall dem Pfarrer berichtet, und diesmal konnte er sich nicht weigern, einzuschreiten. Von einigen der Dorfältesten begleitet, trat er mit schwerem Herzen die Wanderung zu der Mühle an. Aber Hansis Freundinnen, die von der Frau benachrichtigt worden waren, beschlossen, ihn nicht im Stich zu lassen. Sie brachen in gesammeltem Trupp auf und folgten in einiger Entfernung den Männern.

Faber, mit der Mütze in der Hand, lauschte geduldig und unterwürfig dem Herrn Pfarrer, der ihm das Eindringen in das Heim eines geachteten Mannes und wohl gar in sein Ehebett vorwarf. Als der Pfarrer verstummt war, berichtete er ruhig den wirklichen Verlauf des Ereignisses. Er war der Frau behilflich gewesen, ihr Hühnerhaus zu pölzen, und nach beendeter Arbeit war er nach Hause zurückgekehrt. Er konnte sogar ein paar Personen namhaft machen, denen er auf der Heimwanderung begegnet war. Der Pfarrer und die Ältesten standen ganz verlegen da, doch nicht so die Frauen. Nun griffen sie ein und nahmen sich kein Blatt vor den Mund, weder als sie Fabers Tüchtigkeit und Hilfsbereitschaft priesen, noch als sie die Jämmerlichkeit und Eifersüchtelei der Bauern schilderten. Bald begannen sie ihr Geschnatter mit Anspielungen zu würzen, die allerdings für den braven Pfarrer unverständlich waren, aber ihn vollends in Verwirrung brachten. Seine Begleiter kamen nicht dazu, den Mund aufzutun, und um das Unglück voll zu machen, konnten einige unter ihnen den saftigen Scherzen der Frauen nicht widerstehen, sondern fingen zu grinsen an. Auch Faber lächelte, und trotz seiner noch immer ehrfurchtsvollen Miene konnte man sehen, daß er sich an der Verlegenheit seiner Widersacher weidete.

Aber plötzlich zuckte der Müller zusammen und zog sich hastig hinter die Türe zurück. Gleich darauf trat er wieder heraus und stand da, anscheinend ruhig, aber so schwer, fast keuchend, Atem holend, daß es sogar die Aufmerksamkeit des Pfarrers erregte. Dieser räusperte sich und begann, ein wenig stammelnd, einige allgemeine Betrachtungen anzustellen. Aber er hatte das bestimmte Gefühl, daß niemand, und am allerwenigsten Faber, zuhörte. Er sah, wie alle nach derselben Richtung blickten, und nun entdeckte er in der Lichtung eine Frau, die den Pfad hinaufwanderte. Und er erkannte in ihr die Frau des Bauernsohnes Henrik, Gretel.

Und Gretel, die einen Weg in das Dorf oberhalb der Mühle hatte, ging still und stumm an dem Pfarrer und seinen Zuhörern vorbei, ahnungslos, was da vorging befangen und traurig, als sie Hansis Blick begegnete, der ihr unverwandt folgte.

Dem Geistlichen gelang es jedoch, seine Rede so zu wenden, daß sie Faber weder freisprach noch ihn verurteilte, und zufrieden mit seiner priesterlichen Diplomatie verließ er die Mühle, von den Männern gefolgt. Als Hansi Gretel verschwinden sah, ging er hinein und riegelte die Türe hinter sich zu. Da begaben sich auch die Frauen in das Dorf hinunter. Sie gingen still und stumm wie Gretel.

 

Die Begegnung zwischen dem Pfarrer und dem Knecht, als Gretel gerade vorbeiging, gab mit den Anstoß zu den nun folgenden Unglücksfällen, dem Morde an Herrn Gruber, dem großen Prozeß und Fabers Verurteilung. Schon einige Tage nach dieser Begegnung hieß es im Dorf, daß der Pfarrer ausgezogen sei, um Faber zu bekehren, aber anstatt dessen selbst bekehrt worden wäre. Noch einige Tage später wußte man zu erzählen, daß der alte Pfarrer dem Knecht zu Füßen gefallen sei, ihm die Hände geküßt und weinend um seinen Segen gefleht habe. Fragte man die Verbreiter dieser Gerüchte, zu welcher neuen oder alten Lehre Faber den Pfarrer bekehrt habe, so konnten sie freilich keinen klaren Bescheid geben, aber sie ließen sich auch nicht verblüffen, sondern erwiderten: »Würde denn der Pfarrer auf die Knie gefallen sein, wenn er nicht bekehrt worden wäre?« Stellte man die Fragen hingegen in einer anderen Reihenfolge und fragte, ob es wirklich glaublich sei, daß der ehrwürdige Pfarrer vor dem Knechte niedergekniet sei, da wurde mit noch größerer Glaubensgewißheit geantwortet: »Nicht vor Faber ist er niedergekniet, sondern vor der göttlichen Wahrheit.«

Die Ältesten, die der Begegnung beigewohnt hatten, gaben kaum klarere Auskunft. Niemand hatte den Kniefall gesehen, aber der Pfarrer war erregt und verwirrt gewesen und hatte Faber eher gelobt als getadelt. Dazu kam, daß die kleine Episode mit Gretel, das plötzliche, erwartungsvolle Schweigen, Fabers Betragen und Aussehen in ihrer Erinnerung bald merkwürdiger wurde als in Wirklichkeit. Sie glaubten zu begreifen, daß sich gerade in diesem Augenblick etwas Seltsames ereignet habe, aber über dessen Art und Wesen konnten sie nichts aussagen. Der Pfarrer selbst war wohl der einzige, der klaren Bescheid hätte geben können, aber der alte Herr hatte mehr als genug von der ganzen Sache. Er legte sich wieder zu Bett, fest entschlossen, sich erst wieder zu zeigen, wenn die ganze Geschichte in Vergessenheit geraten wäre.

Die Aussage der Frauen blieb darum so ziemlich unwidersprochen, und dies benützte Frau Maturin, um in Faber zu dringen, als ein Verkünder des Worts und Mann Gottes aufzutreten. Es ist möglich, daß sie wirklich einen dunklen Glauben und noch dunklere Vorstellungen von seiner Mission hatte, aber außerdem hatte sie einen ganz besonderen Grund, ihn mit einem mystischen Glorienschein zu umgeben. Sie war seit einiger Zeit mit dem Bauer Brut, Henriks Vater, verlobt, und man wußte, daß es mit der Hochzeit eile. Man wußte auch oder glaubte zu wissen, daß die Ursache dieser Eile nicht der künftige Ehemann war, sondern eben Hans Hinz. Und diese Schlußfolgerung zog man aus Frau Maturins häufigen Besuchen in der Mühle. Für sie mußte es also erwünscht sein, diesen Besuchen eine Erklärung zu geben: sie hatte zu den Füßen des neuen Apostels gesessen, sie war seine erste Jüngerin.

Dieser gut ausgedachte Betrug oder Selbstbetrug stieß jedoch auf ein unüberwindliches Hindernis. Der »Apostel« weigerte sich auf das Bestimmteste, sich zu irgendwelchen Gaben dieser außerordentlichen Art zu bekennen. Er wollte von solchen Dummheiten nichts hören; er war ein ungelehrter Knecht und wußte wenig von den heiligen Dingen. Die listige Frau Maturin wich vor diesem Hindernis zurück und schlug einen anderen Weg ein. Sie wollte ihn auch gegen seinen Willen zum »Apostel« machen. Seine Bewunderer und Anhänger, zu denen jetzt auch nicht wenige Männer zählten, waren nun zahlreich genug, um eine kleine Gemeinde zu bilden. Frau Maturin wollte sie an einem geeigneten Tag in die Mühle führen, und wenn Faber plötzlich so vielen Gläubigen Angesicht gen Angesicht gegenüberstand, würde er sich wohl bewegen lassen, einige erbauliche Worte an sie zu richten. Und damit wäre ein guter Anfang gemacht.

Hans Hinz wußte also nichts von Frau Maturins Anstalten. Aber wie geheim sie sie auch betrieb, kam doch das Gerücht davon Herrn Gruber zu Ohren. Der Alte erschrak furchtbar. Sollte sein Knecht Prediger werden? Mit anderen Worten ihn und die Mühle im Stich lassen? Das alte Menschenwrack hatte allzu lange von den Kräften des jungen Mannes gelebt, um eine solche Veränderung nicht als eine grobe Rechtsverletzung zu empfinden. Er humpelte und hopste in einer Art von hinkendem Trab zur Mühle hinauf und begann nach echter Schulfuchsmanier den Knecht mit Vorwürfen zu überschütten, ihm seinen schwarzen Undank vorzuhalten. Schließlich verbot er ihm kurz und bündig, als Prediger aufzutreten. Faber begriff nichts von alledem, aber der Alte schrie:

»Du Heuchler! Du weißt sehr gut, was ich meine. Aber ich werde dem schon ein Ende machen, gerade so wie ich der dummen Geschichte mit der Försterstochter ein Ende gemacht habe.«

Faber hatte wie stets, wenn der Meister ihn tadelte, stumm und ehrerbietig mit der Mütze in der Hand dagestanden. Und weder seine Haltung noch sein Gesichtsausdruck veränderte sich, als er sagte:

»Das war also der Meister, der zwischen mir und Försters Gretel ein Ende gemacht hat?«

Herr Gruber hatte sein Geheimnis verraten. Er bekam eine unsinnige Angst. Anstatt zu antworten, schrie er:

»Nimm dich in acht! Ich kann das Testament jederzeit zerreißen, wann es mir beliebt!«

Faber stand ein Weilchen da und grübelte nach; dann machte er einen Schritt auf den Alten zu, blieb stehen und sagte:

»Wie könnte der Meister das? Ich habe ohne Lohn gedient. Das wäre Unrecht. Das würde der Meister bereuen.«

»Drohst du mir?« schrie Herr Gruber, und plötzlich stürzte er sich auf den Knecht und begann mit seinen ausgemergelten, kraftlosen Fäusten auf ihn los zu dreschen. Faber wollte sich nicht zur Wehr setzen, aber der Alte, der die schwellenden, harten Muskeln des Jungen unter dem dünnen Rock spürte, lief in heller Angst zur Türe hinaus, fluchend und beteuernd, der Knecht habe ihn ermorden wollen. Unterwegs begegnete er Gretels Mann, Henrik, und schilderte ihm den Vorfall auf seine Art, ohne jedoch Glauben oder Mitleid zu finden.

Die Vorbereitungen für die Versammlung, die den Müllersknecht und Frauenbetörer in einen Wundertäter und Apostel verwandeln sollte, wurden gegen Sommer zu immer offener betrieben. Männer und Frauen aus fremden Kirchspielen kamen ins Dorf und fanden bei Fabers Anhängern Unterkunft. Frau Maturins Plan wurde allgemein bekannt, und auch Herr Gruber erfuhr, daß man beabsichtigte, Faber zu überrumpeln und ihn dazu zu bringen, vor der Gemeinde aufzutreten. Da wußte sich Herr Gruber keinen anderen Rat, als trotz seiner Furcht Hansi in der Mühle aufzusuchen.

 

Er fand den Knecht an seinem gewöhnlichen Abendplatz, und, wie gewöhnlich, stand er auf und begrüßte den Meister, indem er die Mütze abnahm. Gruber rückte sofort mit seinem Verbot heraus. Hansi antwortete ganz fügsam, daß er sich nicht zu der Versammlung locken lassen würde.

Eine Weile standen sie stumm nebeneinander, der Alte keuchte noch von der Mühe der Wanderung, und auch der junge Mensch atmete schwer. Der Alte ging nun in die Mühle hinein und rief dem Knecht zu, ihm zu folgen. Ganz wie gewöhnlich, fand er viele Dinge auszusetzen und schrie sich heiser, um den Lärm zu übertönen. Hans schrie zurück, daß er nichts hören könne, und da er ernste Dinge mit dem Meister zu sprechen habe, schlug er vor, daß sie in die Mühlkammer hinaufsteigen sollten. Der Alte willigte ein, und sie kletterten die Leiter hinauf.

In der Kammer, deren Fenster nur eine fußhohe Öffnung war, war es schon stockfinster. Der Alte ging zu dem Fenster hin, Hans blieb bei der Luke stehen.

»Meister –«, begann er, aber die Stimme stockte.

Der Alte rief: »Komm her! Ich hör' dich nicht!«

Langsam und mit gesenktem Kopf trat Hans zu ihm hin, und ohne den Blick von den Bodendielen zu heben, fragte er, ob Herr Gruber wirklich daran festhalte, daß er das Testament jederzeit zerreißen könne. Gruber bejahte.

»Dann«, sagte Hans, »ist es am besten, wenn ich die Mühle schon morgen verlasse, da ich dem Meister nicht mehr auf sein Wort glauben kann. Ich habe lange genug ohne Lohn gedient.«

Gruber antwortete: »Schön! Schön! Ich werde den Fetzen noch heutigentags zerreißen.«

Nach einer Weile sagte Hans mit unklarer Stimme, die Gruber zu seinem Staunen und seiner Erleichterung für dumpf von Tränen hielt:

»Ich würde ja doch nicht gehen, wenn ich nicht im Zweifel wäre, ob das Papier überhaupt noch vorhanden ist. Der Meister hat es wohl schon verbrannt.«

Gruber erwiderte: »Schafskopf! Komm mit mir nach Hause, dann werde ich dir zeigen, daß es in meiner Truhe liegt. Aber jetzt verlasse ich mich nicht mehr auf dich, du undankbarer Kerl. Schau, daß du weiterkommst! Ich werde mir schon einen anderen finden. Und sowie ich nach Hause komme, werde ich den Wisch zerreißen und bis auf das letzte Fetzchen verbrennen.«

Sie standen eine Zeitlang stumm da; Gruber wendete sich von dem Fensterchen ab. Plötzlich schrie er auf:

»Was stehst du da und glotzest zu Boden? Sieh mich an!«

Hans packte ihn am Arm, nicht besonders hart, aber mit einem Griff, der dem Alten unlöslich schien. Er sagte:

»Der Meister kommt nicht mehr nach Haus.«

Wieder standen sie eine Weile stumm da. Gruber machte keinen Versuch, loszukommen. Seine Gedanken wurden rasch klar und besonnen. Er sah ein, daß er mit Gewalt oder Drohungen nichts ausrichten konnte. Er begann, im Tonfall eines gebildeten Mannes zu sprechen, eine Art, die er längst abgelegt hatte.

»Mein lieber Junge«, sagte er, »du hast mich offenbar gründlich mißverstanden. Du müßtest doch mein Temperament kennen und wissen, daß ich nur so daher rede, wenn mir die Galle überläuft. Ich habe keinen Augenblick daran gedacht, an meinem Wort zu rütteln. Was habe ich denn getan, daß du mir mißtraust? Denkst du vielleicht an diese Geschichte mit Gretel? Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist –«

Er verstummte jäh; der Griff um seinen Arm hatte sich plötzlich verhärtet und gab ihm zu verstehen, daß er einen gefährlichen Weg eingeschlagen hatte. Nach einem Augenblick fuhr er fort, erklärend, ruhig, klar, kalt:

»Na, also gut, du mißtraust mir. Das kann ich verstehen. Du mißtraust mir, ich mißtraue dir, du mißtraust mir, so pflegt es zu sein. Und das schadet nichts, es ist hier im Leben notwendig, mit einer gewissen Portion Mißtrauen in der Westentasche herumzugehen. Aber es gibt ja noch Gesetz und Recht. Ich kann das Testament registrieren lassen. Oder noch besser! Ich kann morgigentags einen Schenkungsbrief aufsetzen. Ich werde das Konzept schreiben, sowie ich nach Hause gekommen bin –«

Hans wiederholte eintönig: »Der Meister kommt nicht nach Haus.«

Sie schwiegen.

Plötzlich sank der Alte zusammen, und Hans mußte den Arm um seinen Leib schlingen. Während sein Kopf schlaff an der Brust des Knechtes ruhte, flüsterte Herr Gruber:

»Mein lieber Junge, ich versichere dir! Ich spreche in deinem eigenen Interesse. Du wirst doch auf jeden Fall keine Freude davon haben. Bedenke! Sobald man erfährt – du kommst ins Gefängnis –«

Hans erwiderte: »Ich habe es mir so ausgedacht, daß niemand etwas erfahren wird.«

Er trug den halb bewußtlosen Alten zur Luke hin. Noch einmal begann Herr Gruber zu flüstern:

»Mein lieber Junge, ich verstehe nicht – warum glaubst du mir nicht auf mein Wort? Wir müssen einander glauben. Das ist notwendig. Sobald ich nach Hause gekommen bin, werde ich dir zeigen – wie unrecht du hast –«

Hans wiederholte: »Der Meister kommt nicht nach Haus.«

 

Am selben Abend wurde Hans Hinz in einem Bauernhof südlich vom Dorf gesehen. Er hatte dort ein unbedeutendes Anliegen und entfernte sich nach einigen Minuten. Gegen elf Uhr klopfte er bei der Frau an, deren Hühnerhaus er gepölzt hatte, und fragte, ob er die Nacht über dableiben könne. Er erzählte, wo er herkomme, und sagte, er müsse schon in aller Frühe weiter zur Mühle. Der Mann sowohl wie die Frau zählten jetzt zu seinen Anhängern. Sie konnten sich nicht genug über die Ehre freuen, die er ihrem Hause erwies, und die Frau wollte ihm in der Wohnstube aufbetten, aber der Gast zog es vor, bei den anderen in der Küche zu liegen. Bei Tagesanbruch entfernte er sich.

Als Frau Maturin und ihre Freunde, alles in allem etwa siebzig Leute, durch den Wald hinaufzogen, trafen sie ihn auf dem Weg zum Dorf hinunter. Er erzählte, daß er bei seiner Heimkehr, frühmorgens, den alten Gruber tot am Fuße der Mühlkammerleiter gefunden habe. Vermutlich habe der Alte ihn in der Mühle aufgesucht und war, da er ihn nicht gefunden, die Leiter hinaufgeklettert; beim Rückweg hatte er in der Dunkelheit wohl einen Fehltritt gemacht, war durch die Luke hinuntergestürzt und hatte sich das Genick gebrochen. Der bestürzte Menschenhaufen ging mit ihm zur Mühle hinauf, wo sie Herrn Gruber in der Lage und Stellung fanden, die der Knecht beschrieben hatte.

Aber noch am selben Abend wurde der Müllersknecht Hans Hinz Faber, als in dem dringenden Verdacht stehend, den Tod seines Herrn verursacht zu haben, verhaftet. Allerdings konnte er eine Art Alibi beibringen, aber da Gruber das Dorf nachweislich schon gegen sechs Uhr verlassen hatte und Faber in dem erwähnten Bauernhof erst nach zehn Uhr eingetroffen war, stand dies Alibi auf schwachen Füßen. Wer die Aufmerksamkeit der Behörden auf den verdächtigen Fall gelenkt hatte, blieb ein Geheimnis, aber das Gerücht nannte Henrik, Gretels Mann. Gretel selbst sollte ihn mit einem Auftrag in die Mühle geschickt haben, wo er gegen acht Uhr angekommen war. Er hatte die Türe verriegelt gefunden, aber das Mühlwerk war in Gang gewesen. Und als er, um auszuruhen und nachzudenken, sich auf der Bank niederlassen wollte, da hatte er sich auf etwas Weiches gesetzt, das sich als Hans Hinz' Mütze erwies. Da der Knecht keine andere Mütze hatte als diese und sicherlich nicht bloßköpfig die halbe Meile zu dem Bauernhof hinunter gewandert war, hatte er sich vermutlich damals in der Mühle befunden und also jedenfalls seinen Herrn noch vor dessen Tod getroffen, eine Tatsache, die er jedoch hartnäckig in Abrede stellte. – Fabers Rechtsbeistand hieß Schüler, ein kundiger und geschickter Jurist, aber stets von einem sonderbaren Pech verfolgt. Ein Witzbold hatte ihn »den Advokat der verlierenden Partei« getauft, und dank diesem betrüblichen Renommee mußte er gewöhnlich mit mehr oder weniger zweideutigen Fällen vorlieb nehmen. In der Sache Faber schien er die Möglichkeit eines »großen« Prozesses gewittert zu haben. Die Sache sah freilich einfach genug aus. Die für den Angeklagten gravierenden Umstände waren überwältigend, und dagegen konnte er nur ein sehr schwaches Alibi aufstellen. Aber Herr Schüler hatte gelegentlich eines Besuchs im Dorf eine Bekanntschaft gemacht, die in ihm gewisse Hoffnungen erweckt hatte, einen großen Schlag führen zu können – er hatte Frau Maturin kennengelernt.

Herrn Schülers Taktik ging darauf aus, Faber als einen Volksführer und ein Opfer kirchlicher Intrigen hinzustellen. Leider stimmte das Auftreten des Angeklagten vor Gericht schlecht dazu. Faber setzte feste Zuversicht auf sein Alibi. Die Indizien häuften sich, aber er glaubte sie mit den leichtfertigsten Lügen entkräften zu können. Er schien die Verhöre als ein spannendes Spiel zu betrachten und war sichtlich stolz, mit dem entscheidenden Trumpf in der Hand dazusitzen: der Wahrheit. Er begegnete dem Staatsanwalt und den Zeugen mitleidig, ironisch, überlegen. Und er, der früher selten oder nie gelacht, ja auch nur gelächelt hatte, konnte jetzt bei einer Frage, die ihm besonders dumm und sinnlos vorkam, in ein schallendes Gelächter ausbrechen.

»Ihr glaubt mir ja doch nicht!« schrie er. »Aber es ist notwendig, daß wir Menschen einander glauben. Das ist das einzige, was not tut. Ihr redet viel zu viel! Man fängt die Wahrheit nicht so, wie man ein Eichhörnchen fängt, indem man sich unter den Baum stellt und mit der Zunge schnalzt.«

Trotz der Zurechtweisungen des Richters wiederholte er immer wieder solche Redensarten mit unverhohlener Ironie. Die Zuhörer waren darum anfangs ganz einig in ihrem Urteil über den Angeklagten: er war eine typische Verbrechernatur. Die Wahrheit zu sagen, machte er einen nichts weniger als günstigen Eindruck. Der schöne Dorfbursch hatte sich im Gefängnis rasch verändert und keineswegs zu seinem Vorteil. Die reichliche Gefängniskost im Verein mit dem ungewohnten Stillsitzen hatten Körper und Gesicht zu bläßlicher fetter Aufgedunsenheit anschwellen lassen. Die früher wettergebräunten Wangen waren jetzt mehlweiß, und von dieser krankhaften Blässe stach der breite schwarze Streif der Augenbrauen in einer Weise ab, die einen brutalen Eindruck machte. Dazu kam, daß sein Auftreten mit jedem neuen Verhandlungstag immer selbstbewußter wurde. Namentlich machte es ihm Spaß, der Gegenstand der Aufmerksamkeit so vieler reichgeputzter Damen zu sein. Die Frauen sind doch überall gleich, dachte er. Wäre ich Müller in der Stadt gewesen, so wären alle diese feinen Damen auf meinen Mehlsäcken gesessen.

Am ersten Verhandlungstag ereignete sich nichts Bemerkenswertes, außer, daß Herr Schüler den Hauptzeugen des Staatsanwaltes, den Bauer Henrik, Gretels Mann, abzulehnen versuchte. Der Zeuge habe seit langem dem Angeklagten offenkundige Feindseligkeit, durch Eifersucht verursacht, entgegengebracht. Da er jedoch seine Behauptung nicht zu beweisen vermochte – der Angeklagte selbst rief in ärgerlichem und entschiedenem Tone: »Das ist Lüge! Henrik hat nie Grund zur Eifersucht gehabt!« –, lehnte das Gericht seinen Antrag ab. Der Sieg des Staatsanwalts entpuppte sich jedoch am folgenden Tage als eine Niederlage. Der Zeuge Henrik redete ganz bedenklich herum. Da rief Herr Schüler:

»Junger Mann, vor Gericht können Sie ruhig sprechen. Bis hierher erstreckt sich der Einfluß der Schwarzröcke nicht.«

Höchlich geärgert, bemerkte der Staatsanwalt, er gedenke nicht zu dulden, daß der Verteidiger alle unbequemen Zeugen als von der Geistlichkeit beeinflußt und eingeschüchtert hinstelle. Um dieser tadelnswerten Taktik entgegenzutreten, würde er den Pfarrer des Dorfes als Zeugen vorladen. Herr Schüler erwiderte pathetisch:

»Ich wäre meinem geehrten Kollegen hierin zuvorgekommen, wenn ich nicht kürzlich die Nachricht erhalten hätte, daß der Herr Pfarrer vor einer Woche seine irdische Wanderung beschlossen hat. Er steht jetzt vor einem Richter, der in dieser Sache klarer sieht als wir.«

Diese unvermutete Nachricht aus dem Dorf und der pathetische Tonfall des Anwalts rührten Hansi; seine Augen füllten sich mit Tränen, und einige spärliche Tropfen flossen die Wangen hinab. Der aufmerksame Herr Schüler wendete sich an seinen Klienten und bemerkte laut:

»Ich habe das vor Ihnen geheimgehalten, mein lieber Freund. Er war Ihr Feind, aber ich wußte, es würde Sie betrüben.«

Die kleine Episode und die mitleidigen Worte des Advokaten wirkten auf die Zuhörer zugunsten des Angeklagten. Und das darauf folgende Kreuzverhör mit dem Zeugen Henrik brachte ihnen eine ganz neue Auffassung der Sache bei. Henrik leugnete, daß die Mühle an jenem verhängnisvollen Abend in Betrieb gewesen sei, und was die Mütze auf der Bank betreffe, so könne sie ebensogut Herrn Gruber wie Faber gehört haben. Ferner sagte er, er wisse von keiner Unstimmigkeit zwischen Herrn und Knecht; im Gegenteil, habe er Herrn Gruber Faber loben hören.

Verwirrt durch das Verhalten seines Kronzeugen, wendete sich der Staatsanwalt an das Gericht mit dem Ersuchen, der Zeuge möge an seinen Seelsorger gewiesen werden, behufs einer offenbar sehr notwendigen Unterweisung über die Bedeutung des Zeugeneides. Herr Schüler warf ein:

»Der Herr Staatsanwalt will vielleicht seinen eigenen Zeugen ablehnen? Meinetwegen, bitte sehr, wenn er nur zugibt, daß er gerade auf die Aussage dieses Zeugen seine Anklage aufgebaut hat. Persönlich habe ich nunmehr eine weit bessere Meinung von dem Charakter und der Zuverlässigkeit des Zeugen. Er steht vor mir als ein Mann, bei dem die Wahrheitsliebe über kleinliche Rücksichten gesiegt hat –«

Diese schöne Apostrophe wurde von einem schallenden Gelächter unterbrochen. Alle Versammelten zuckten zusammen und wendeten sich dem Angeklagten zu. Er war es wirklich, der lachte, und zwar aus vollem Halse lachte. Die Bestürzung war groß, das Ärgernis noch größer. Herr Schüler trat beidem durch rasches Eingreifen entgegen. Er sagte:

»Ich wollte schon früher auf einen Umstand aufmerksam machen, der mir große Sorge macht. Die physische und vor allem die psychische Gesundheit meines Klienten hat in letzter Zeit bedenklich gelitten. Die deprimierende Einwirkung der Gefängnisluft hat auch diese robusten Nerven zugrunde gerichtet –«

Die Verhandlung wurde unterbrochen, der Angeklagte in seine Zelle zurückgeführt, der Gefängnisarzt gerufen. Er fand kein wie immer geartetes Symptom einer Nervenkrankheit. Befragt, warum er in Lachen ausgebrochen sei, antwortete Faber:

»Kann man anders? Ich weiß nicht, wer ärger lügt, mein Advokat oder der andere!«

Die Erinnerung an den Wortstreit der Juristen ließ ihn wieder in Lachen ausbrechen, aber diesmal endete das Lachen in einem heftigen Hustenanfall. Er fuhr sich mit der Hand über den Mund und zeigte dem Arzt einen blutuntermischten Auswurf. Eine Untersuchung mit dem Stethoskop ergab, daß die eine Lunge ziemlich stark angegriffen war. Das Mikroskop zeigte das Vorhandensein von Tuberkeln im Auswurf. Faber wurde in die Krankenabteilung des Gefängnisses überführt. Sein Zustand war jedoch nicht derart, daß man einen Aufschub in den Verhandlungen eintreten lassen mußte.

So stand die Sache, als Herr Schüler die Dorffrauen ins Treffen führte. Trotzdem sie ihre Aussagen in so gleichlautende Wendungen kleideten, daß der Staatsanwalt geringschätzig von »Herrn Schülers Formular« sprechen konnte, waren diese Verhöre doch nicht einförmig zu nennen. Eine Frau hatte gehofft, daß Faber das Saufen im Dorfe ausrotten werde; eine andere, daß er sich der Sache der mißhandelten Frauen annehmen werde; eine dritte hatte erwartet, von einem jahrelangen Leiden geheilt zu werden, eine vierte hatte ihn wegen seines tiefen Einblicks in die verschiedenen Reiche der Natur aufgesucht und verehrt. Die meisten behaupteten jedoch, von Faber ein klareres Gotteswort gehört zu haben, als die Kirche geben konnte. So hatte eine jede ihm ihre besonderen Wünsche umgehängt und ihn mit Eigenschaften nach ihren eigenen Bedürfnissen ausgeschmückt. Hans Hinz lauschte dem Lobgesang mit sichtlichem Behagen.

Und noch einmal brach er in Lachen aus, aber diesmal ging sein Lachen in dem der ganzen Versammlung unter. Ein Mädchen, dessen Verstand offenbar nicht zu den schärfsten gehörte, hatte in schwärmerischen Ausdrücken Hansi als den gepriesen, der jeden glücklich machen könne, und ganz besonders die Frauen. Um ihrem zweideutigen Geplapper ein Ende zu machen, fragte Herr Schüler kurz und trocken, ob sie Faber zutraue, einen Menschen totzuschlagen, worauf das Mädchen in gekränktem Ton erwiderte:

»Na, und ob! Auch ein Dutzend, wenn's drauf ankommt!«

Ihr Stolz auf die Körperkräfte des Helden und ihre Verständnislosigkeit für die moralische Bedeutung der Frage rief stürmische Heiterkeit hervor. Der Richter drohte, den Saal räumen zu lassen, und als die Ruhe wiederhergestellt war, rief Herr Schüler seine Hauptzeugin vor: Frau Maturin.

Sie stand an der Zeugenschranke und hielt sich krampfhaft an dem Gitterwerk fest. Schon ihre Stimme und ihr Tonfall, als sie den Eid ablegte, ließ die Versammelten ahnen, daß es sich hier um eine wichtige Zeugenaussage handele.

Der Richter stellte einige einleitende Fragen, auf die kaum hörbare Antworten erfolgten. An ihn gewendet, sagte nun Herr Schüler:

»Ich wünsche zu wissen, wo sich die Zeugin an dem verhängnisvollen Tage zwischen fünf und halb zehn Uhr abends befunden hat.«

Der Richter wiederholte die Frage, Frau Maturin antwortete leise, aber ganz deutlich: »Bei mir daheim.«

»Waren Sie allein?« fragte Herr Schüler.

Frau Maturin duckte sich zusammen und zog das Umhangtuch enger um sich. Der Richter wiederholte die Frage; sie antwortete:

»Mein Mann war in die Stadt gefahren.«

Herr Schüler zeigte deutlich, daß er mit der Antwort nicht zufrieden sei, und ebenso deutlich, daß er sich selbst befangen fühlte. Er fuhr sich zu wiederholten Malen mit der Hand über das Gesicht. Plötzlich ging er auf den Zehenspitzen zum Richter hin und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dieser fuhr zusammen und blickte erstaunt zu Herrn Schüler auf. Dann nickte er und sagte, indem er sich an die Zeugin wandte:

»Sie dürfen die Frage nicht umgehen! Waren Sie allein daheim?«

Frau Maturin antwortete hastig und ein wenig stammelnd:

»Hans Hinz war bei mir.«

Der Angeklagte lächelte halb verblüfft, halb mitleidig. Es kam ihm vor, als wären die Worte durch die Stille geflattert wie unstet taumelnde kleine schwarze Schmetterlinge.

Herr Schüler fuhr fort: »Können Sie sich erinnern, zu welcher Zeit Ihr Mann das Haus verlassen hat?«

Frau Maturin hatte inzwischen ihre Ruhe wiedergefunden und antwortete, immer dem Richter zugewendet, laut und deutlich:

»Er ist mit dem Fünfuhrzug weggefahren.«

»Und wann fand sich der Angeklagte ein?«

»Gleich darauf. Vielleicht eine Viertelstunde später.«

»Wußte er schon vorher, daß Ihr Mann das Haus verlassen würde?«

»Ja.«

Herr Schüler ließ der Antwort Zeit, zu wirken; dann wendete er sich an den Richter und bemerkte:

»Erst vor drei Tagen fand sich die Zeugin in meiner Wohnung ein und legte dieses Geständnis ab. Als ich ihr zum Vorwurf machte, daß sie einen Umstand von so entscheidender Bedeutung so lange verschwiegen habe, erwiderte sie, sie hätte so lange als möglich ihren Mann schonen wollen. Ich wünsche nun bestätigt zu hören, daß dieses Feingefühl oder diese Furcht der Anlaß ihrer Verschwiegenheit war.«

Der Richter brauchte einige Minuten, um diese heikle Frage zu formulieren. Noch bevor sie gestellt wurde, erhielt sie jedoch eine Art Antwort: einen vernehmlichen, stöhnenden Seufzer. Der Richter wendete sich ärgerlich gegen die Zuhörer, aber der beabsichtigte Vorwurf blieb ihm in der Kehle stecken. Der Friedensstörer, der in der vordersten Zuhörerbank saß, war ein großer, krummrückiger, alter Bauer mit glattrasiertem, rötlichem Gesicht, Frau Maturins Mann. Er hielt die geballten Fäuste hart gegen den Mund gepreßt, als wollte er weitere Seufzer unterdrücken. Der Richter wendete sich wieder der Zeugin zu:

»Hatten Sie irgendeinen triftigen Grund, zu vermuten, daß der Besuch des Angeklagten in Ihrem Hause Ihrem Manne Zorn oder Kummer verursachen würde?«

Frau Maturin antwortete mit naiver Aufrichtigkeit:

»Das ist klar; das kann man sich doch denken.«

Ein Schelm unter den Zuhörern rief: »Gefreut wird es ihn haben!« Er wurde sofort aus dem Saal geführt, aber sein dummer Scherz erregte weder Gelächter noch überhaupt Aufmerksamkeit. Die Spannung war zu stark. Der Richter fuhr fort:

»Wie lange hielt sich der Angeklagte in Ihrem Hause auf?«

»Er ging ein Viertel über neun.«

»Wieso können Sie sich so genau an den Glockenschlag erinnern?«

»Ich hatte mehrmals auf die Uhr gesehen. Hansi hatte in einem Bauernhof südlich vom Dorfe etwas zu tun, und er konnte nicht später als um zehn Uhr hinkommen.«

»Wissen Sie, ob der Angeklagte sich direkt in diesen Bauernhof begab, nachdem er Ihr Haus verlassen hatte?«

»Ich habe ihn ein Stück Wegs begleitet.«

»Sind Sie auf dem Wege jemandem begegnet?«

Frau Maturin schien ihr Gedächtnis zu durchforschen; schließlich bejahte sie die Frage und nannte zwei Frauen.

»Konnte sich der Angeklagte solange in Ihrem Hause aufhalten, ohne daß jemand von Ihrem Hausgesinde ihn bemerkte?«

Frau Maturin antwortete rasch:

»Eine der Mägde hat ihn gesehen, als er kam; aber ich habe sie gebeten, zu schweigen.«

Während diese Zeugenaussage abgegeben wurde, hatte der Staatsanwalt seine Aufmerksamkeit hauptsächlich dem Angeklagten zugewendet. Fabers verblüfftes, mitleidiges Lächeln war ihm nicht entgangen; je weiter die Zeugenaussage fortschritt, desto überlegener und geringschätziger wurde der Gesichtsausdruck und die Haltung des Angeklagten. Im Hinblick auf seine Krankheit gestattete man ihm, zu sitzen, und diese Erlaubnis nützte er jetzt in einer fast unverschämten Weise aus. Gemächlich gegen die Schranke zurückgelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt, ein Bein über das andere geschlagen, schien er der Verhandlung halb gelangweilt, halb amüsiert zu folgen. Offenbar betrachtete er die Sache als bereits zu seinen Gunsten entschieden. Der Staatsanwalt griff ein.

»Es kann ja möglich sein«, sagte er, »daß die Zeugin aus Rücksicht auf ihren Mann und ihren Ruf einen so wichtigen Umstand geheimgehalten hat. Hingegen erscheint es mir ganz unglaublich, daß der Angeklagte, der aus seinem äußerst schwachen Alibi eine so große Nummer gemacht hat, seinen Besuch bei der Zeugin nicht mit einem Wort berührt haben sollte. Wir wollen doch ein wenig Achtung, wenn schon nicht vor der Wahrheit, so doch wenigstens vor der Wahrscheinlichkeit zeigen.«

Herr Schüler stand eben im Begriff, den scharfen Ausfall zu parieren, als sein Klient plötzlich von der Bank aufsprang und rief:

»Die Wahrheit ist, daß ich den Weibern nie nachgelaufen bin, wohl aber sind sie mir nachgelaufen. Das ist die Wahrheit. Und man soll mir nicht kommen und in diesem Lügennest von Wahrheit reden! Die Frauen haben mich hierhergelogen, und jetzt sollen sie nur zusehen, wie sie mich wieder von hier fortkriegen.«

Der Richter erteilte ihm eine strenge Rüge, wobei der Angeklagte sich verbeugte und mit der Hand nach dem Kopf griff; wie um die Mütze abzunehmen. Er murmelte, halb für sich selbst:

»Die Leute halten gar soviel auf die Wahrheit, wenn sie ihnen selber nützt oder anderen schadet. Sonst sind sie nicht so heikel. Aber man kann auch alle die Lügen satt kriegen.« –

Am letzten Verhandlungstag in aller Frühe trat Herr Schüler in die Zelle seines Klienten. Er war gedankenvoll und bekümmert; der Sieg schien ihm durchaus nicht sicher. Der Staatsanwalt hatte noch drei Zeugen im Hintertreffen. Zwei davon waren Männer: der Dorfschulmeister und der Förster. Ihre Aussage würde, so nahm Herr Schüler an, darauf ausgehen, Fabers Verhältnis zu den Frauen in ein solches Licht zu stellen, daß der Wert ihrer Zeugenaussagen verringert wurde. Der dritte Zeuge war eine Frau, die Tochter des Försters, Gretel. Von ihr wußte Herr Schüler nichts anderes, als daß sie Henriks Frau war, und diese seine Unwissenheit beunruhigte den vorsichtigen Advokaten.

Hans Hinz saß vor einem recht reichlichen und schmackhaften Frühstück und befand sich in der vortrefflichsten Laune. »Guten Morgen, Meister!« rief er Herrn Schüler zu und schmunzelte selbst über seinen scherzhaften Gruß. Zwischen ihm und Herrn Schüler herrschte große Vertraulichkeit, und wenn sie unter vier Augen waren, pflegte der Advokat seinen Klienten zu duzen. In seine Grübeleien versunken, beantwortete Schüler Hansis Gruß nicht, sondern setzte sich auf die Bank und begann eifrig in den Papieren seiner Aktentasche zu blättern.

Endlich sah Herr Schüler von seinen Akten auf und bemerkte in nachdenklichem Ton:

»Ja, mein lieber Freund, ich habe mein Bestes getan, und ich hoffe, wir werden Erfolg haben. Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt, wie man zu sagen pflegt. Der Herr Staatsanwalt hat noch drei Zeugen im Hintertreffen. Zwei davon machen mir keine Sorgen. Aber der dritte ist die Frau dieses Bauern Henrik, Gretel. Wenn die nur kein Malheur anrichtet!«

»Gretel!« rief Hans Hinz und zog die Augenbrauen bis zum Haaransatz hinauf. Nach einer kleinen Weile sagte er ruhig und treuherzig:

»Die ist nicht gefährlich. Die weiß von nichts.«

»Nein, was sollte sie auch wissen?« murmelte Herr Schüler ein bißchen verlegen. Und er fuhr fort:

»Aber Frauen sind in gewissen Fällen sehr schlechte und unzuverlässige Zeuginnen. Sie wissen, was sie wissen wollen. Sie wissen sozusagen mit dem Herzen. Die Frage ist nun, ob ihr Herz zu deinen Gunsten gestimmt ist oder umgekehrt. Davon kann viel abhängen.«

Faber drehte ihm unwillig den Rücken, und als Herr Schüler seine bekümmerten Grübeleien fortsetzte, unterbrach er ihn barsch:

»Reden Sie keinen Unsinn! Gretel! Das ist etwas ganz anderes. Übrigens weiß sie nichts. Lassen Sie das doch!«

In den Gerichtssaal geführt, verbeugte er sich zuerst wie gewöhnlich vor dem Richter, aber wendete sich dann den gedrängt vollen Zuhörerbänken zu und grüßte ganz zierlich mit wiederholten Verbeugungen. Da begannen einige Damen mit ihren Taschentüchern zu winken, andere warfen Kußhände, und wieder andere klatschten. Der ergrimmte Richter drohte den Saal räumen zu lassen, wobei Faber vorwurfsvoll ausrief:

»Herr Richter! Es ist ja das letztemal!«

Als Strafe für sein unschickliches Betragen wurde ihm das Recht entzogen, während der Verhandlung sitzenzubleiben. Faber verbeugte sich und sagte ernst:

»Ganz richtig. Heute soll ich stehen.«

Die Verhandlung begann. Die Aussagen des Försters und des Schulmeisters gingen, wie Herr Schüler vermutet hatte, darauf aus, zu zeigen, welchen Einfluß der Angeklagte auf die Frauen gehabt habe. Aber zum Ärger des Staatsanwalts redeten sie ganz so unsicher herum wie Henrik, und der Förster erklärte schließlich ganz bestimmt, sein Gewissen verbiete ihm, all den dummen Dorfklatsch vor Gericht zu wiederholen.

Nun kam Gretel an die Reihe. Sie hatte den vorgesprochenen Eid mit deutlicher, starker Stimme nachgesagt, aber beantwortete jetzt die Fragen leise und ängstlich. Herr Schüler saß in starker Spannung da. Der Staatsanwalt stellte jedoch nur ein paar ziemlich belanglose Fragen an die Zeugin. Sie war am Morgen des verhängnisvollen Tages der Stiefmutter ihres Mannes begegnet und hatte von ihr erfahren, daß der Schwiegervater in die Stadt fahren sollte. Ferner hatte Frau Maturin gesagt, daß sie die Zeit während der Abwesenheit ihres Mannes gut anzuwenden gedächte. Befragt, was die Schwiegermutter ihrer Ansicht nach mit dieser Äußerung gemeint habe, antwortete sie, sie habe geglaubt, die Schwiegermutter wolle Vorbereitungen für die geplante Versammlung im Walde treffen. Nachdem er dieses recht magere Resultat erreicht hatte, erklärte der Staatsanwalt, daß er keine weiteren Fragen zu stellen habe. Da erhob sich Herr Schüler und stellte dieselbe Frage, die er regelmäßig an alle früheren Zeugen gerichtet hatte: hielt sie den Angeklagten für fähig, eine solche Untat zu begehen wie die, die ihm zur Last gelegt wurde? Mit einer trotzigen Stärke und Schärfe in der Stimme, die man ihr kaum zugetraut hätte, antwortete Gretel:

»Nein. Nie im Leben! Ich kenne ihn, seit wir Kinder waren. Ich weiß, daß er es nicht getan hat.«

Herr Schüler zuckte zusammen und strahlte. Der Zufall hatte ihm da offenbar noch einen Trumpf in die Hand gespielt. Es war wahrlich nicht übel, die lange Reihe der Zeugenaussagen mit einer vom Staatsanwalt eingeführten Zeugin abzuschließen, die ihren felsenfesten Glauben an die Unschuld des Angeklagten zum Ausdruck brachte. Er beschloß, den Trumpf auszunützen, er forderte Gretel auf, ausführlich zu erzählen, was ihr über den Angeklagten bekannt sei.

Unglücklicherweise faßte Gretel diese Aufforderung allzu buchstäblich auf. Das eidliche Versprechen, nichts zu verschweigen, veranlaßte sie zu unnötiger Weitschweifigkeit.

Sie schilderte recht umständlich die Knabenjahre des elternlosen Buben, die zum größten Teil im Hause des Försters verflossen waren. Richter wie Staatsanwalt und schließlich auch Herr Schüler suchten hie und da ihren Erzählereifer zu dämpfen, aber beständig fielen ihr neue Einzelheiten ein, die sie sehr bedeutungsvoll fand. Und sie erzählte so treuherzig und mit so kindlicher Überzeugung von der Wichtigkeit der Geschichte, daß sie es kaum übers Herz brachten, sie zu unterbrechen. So erhielten die Zuhörer ein frisches Bild des Hirtenbuben. Sie bekamen einige ziemlich unschuldige Lausbubenstreiche zu hören, die um so belustigender wirkten, als die Erzählerin sie offenbar mit ernster Mißbilligung vortrug. Aber der Gesamteindruck war: ein prächtiger, gutherziger Bursch, stark, fleißig, gewissenhaft, hilfsbereit!

Die kleinen Erzählungen von ländlicher und kindlicher Unschuld bezauberten die Stadtdamen und erweckten in den Dorffrauen sanfte, wehmütige Erinnerungen. Die Stimmung in dem pompösen, düsteren Gerichtssaal veränderte sich so, als hätte man plötzlich alle seine Fenster der Frühlingssonne und dem Frühlingswind aufgetan. Aller Blicke waren unverwandt auf die Erzählerin gerichtet.

Von Herrn Schülers behutsamen Fragen geleitet, wurde sie nun zu späteren Zeiten geführt. Sie wurde weniger mitteilsam. Seit Faber in Herrn Grubers Dienste getreten war, hatten sie sich nur noch selten getroffen. Um den Weiberklatsch von den geheimnisvollen Kräften und Wunderkuren des Knechts hatte sie sich nie viel gekümmert. Von ihrer Neugier gelockt, hatte sie doch einmal seine Hilfe gesucht, aber da er offen eingestanden hatte, daß er nicht einmal Warzen wegzaubern könne, hatte sie ja gesehen, daß es mit seinen Kenntnissen nicht das geringste auf sich habe.

Dieses in einem gewissen geringschätzigem Ton ausgesprochene Urteil rief eine Lachlust hervor, die selbst den Richter ansteckte. Mitten in die Lachsalve hinein rief Hans Hinz eifrig und leicht geärgert:

»Du vergißt, daß ich dir dafür Kirschen gegeben habe!«

Gretel rief zurück: »Das vergess' ich gewiß nicht. Sechs hast du gegessen, und sechs hab' ich gegessen, und die dreizehnte haben wir geteilt.«

Der Richter fand es nun geraten, die Heiterkeit hinter seiner allerstrengsten Amtsmiene zu verbergen.

Sowohl Staatsanwalt wie Verteidiger erklärten sich bereit, die Verhandlung zu schließen. Der Staatsanwalt faßte sich ganz kurz, er wies darauf hin, daß alle Indizien in dieselbe, für den Angeklagten ungünstige Richtung wiesen, er betonte die Schwächen des beigebrachten Alibis und bemerkte schließlich mit Schärfe, daß, wenn einige Zeugen in ungehöriger Weise beeinflußt worden wären, es wahrlich nicht die der Staatsanwaltschaft seien.

Auch Herr Schüler legte sich eine gewisse Mäßigung auf. Er stellte das Ergebnis der Zeugenaussagen in seiner Weise dar und plädierte für den Freispruch des Angeklagten. Immerhin konnte er es sich nicht ganz versagen, den Versuch zu machen, dem Prozeß eine mehr allgemeine Wendung zu geben. Er bemerkte:

»Es handelt sich hier nicht nur um ein Menschenschicksal, sondern zugleich um gewisse Prinzipien, die mir immer heilig waren. Wenn der Angeklagte sich nicht mehr erworben hätte, als die bloße Achtung seiner Mitbürger, stünde er vermutlich nicht da, wo er jetzt steht. Das Durchschnittsmäßige ist ja nicht Gegenstand des Tadels, des Neides und der Intrigen. Faber ist oder war ein Volksführer. Der Herr Staatsanwalt hat bei mehreren Gelegenheiten mit deutlicher Verachtung darauf hingewiesen, daß seine Anhängerschaft hauptsächlich aus Frauen bestand. Ich will meinem Kollegen eine vielleicht etwas unbescheidene Frage stellen. Scheint ihm wirklich die Hingebung und die Bewunderung der Frauen soviel weniger wert als die der Männer? Mag sein, daß sie sich in höherem Grade als wir von ihren Gefühlen leiten lassen. Müssen diese Gefühle sie unbedingt irreleiten? Werden sie wirklich von einer perversen Neigung für alles, was unecht, falsch, lügenhaft ist, gelenkt? Ja, dann muß ich zugeben, daß die Hingebung dieser Frauen meinen Klienten a priori zum Schwerverbrecher stempelt. Aber ich erkühne mich zu vermuten, daß nicht einmal mein geehrter Gegner unsere Mütter, Frauen und Töchter in so düsterem Lichte sieht. Das mag übrigens seine Privatsache bleiben. Für mich und für viele mit mir fällt das weibliche Vertrauen eher schwerer ins Gewicht als das männliche. Ein ehrlicher Wahrheitssucher wird – das ist meine feste Überzeugung – seine ersten Proselyten unter den Frauen gewinnen. Und wenn er nur einen einzigen Anhänger fände, und dieser einzige wäre ein Weib, so würde ich sagen: er hat vielleicht die Wahrheit nicht gefunden, aber ich weiß, daß er sie gesucht hat. Ein solcher Wahrheitssucher ist mein Klient. Frauen haben in ihm ihren Führer gesehen, Männer haben ihm ein Verbrechen angedichtet. Ich überlasse ihn mit Ruhe seinen einsichtsvollen und gewissenhaften Richtern. Aus materiellem Gesichtspunkt gesehen, kann er nicht schuldig sein; aus ideellem Gesichtspunkt gesehen, darf er es nicht sein.«

Herrn Schülers Rede wurde mit stillschweigender, aber deutlicher Zustimmung aufgenommen. Der Richter stellte nun an den Angeklagten die obligate Frage, ob er etwas hinzuzufügen habe, bevor der Gerichtshof sich zur Beratung zurückziehe.

Faber antwortete: »Ich will erzählen, wie es zugegangen ist.«

Seine Stimme war jedoch so belegt, daß der Richter die Antwort nicht verstand. Eine Weile stand Hans Hinz stumm da und starrte vor sich hin. Seine Augenbrauen waren hoch in die Stirn hinaufgezogen, ganz so wie damals, als er, auf der Bank vor der Mühle sitzend, über die Fragen der Frauen nachgrübelte. Endlich begann er zu sprechen, nun mit deutlicher Stimme, aber in abgehackten und bisweilen schwer verständlichen Sätzen. Er sagte:

»So war's. Der Meister hat mir versprochen, mit dem Förster wegen der Gretel zu sprechen. Ich hab' mich auf das Versprechen verlassen, aber er hat mich betrogen. Dann hat er mir das Testament gezeigt, daß die Mühle und der Wald mir gehören sollen. Das hab' ich recht gefunden. Aber mit der Zeit ist er bös auf mich geworden. Er hat gesagt, er kann das Testament zerreißen, so, als ob nichts gewesen wäre. Da könnt' ich mich auch darauf nicht verlassen. Worauf hätt' ich mich verlassen sollen? Alles war Lug und Trug. Und das hab' ich unrecht gefunden.

Und an diesem Tag ist der Meister zu mir gekommen, und ich hatt' lang auf ihn gewartet und über die Sache nachgedacht. Da hab' ich ihn mit hinauf in die Kammer genommen und gefragt, ob er das Papier schon zerrissen hat. ›Nein‹, hat er gesagt, ›aber er wird's noch am selben Abend zerreißen.‹ Da hab' ich mir gedacht: der wird lügen, solang er lebt. Aber wenn er jetzt stirbt, dann lügt er nimmer mehr. Und er hat gemerkt, was ich mir gedacht habe. Er hat solche Angst bekommen, daß ich ihn halten mußt'. Er hat seinen Kopf hierher auf meine Brust gelegt und versprochen, daß er nimmer lügen wird. Aber jetzt war's zu spät. ›Du mußt mir glauben‹, hat er gesagt. ›Es ist notwendig, daß wir Menschen einer dem anderen glauben.‹ Kann schon sein. Aber er hat selbst so gehandelt, daß ich ihm nicht glauben könnt'. Da hab' ich ihn zur Luke hingetragen und in die Mühle hinunterfallen lassen. Ich bin dann gleich hinabgelaufen und hab' ihn angefühlt, und da war er schon tot. Da bin ich erschrocken und bin in den Wald gelaufen, aber wie ich wieder ruhiger war, bin ich zu Bekannten gegangen, damit die Leute glauben, daß ich gar nicht in der Mühle gewesen bin. Das ist die Wahrheit.«

Fabers Geständnis folgte ein tiefes, recht lang andauerndes Schweigen. Nicht einmal der bestürzte Herr Schüler vermochte ein Wort hervorzubringen. Der Richter drehte und wendete heftig seine Papiere, und dieses leichte Rascheln war der einzige Laut, den man vernahm. Endlich sagte der Richter:

»Wie kommt es, Faber, daß Sie, nachdem Sie bisher halsstarrig alle Schuld geleugnet haben, jetzt ganz plötzlich ein Geständnis ablegen?«

Hans Hinz zog nachdenklich die dichten Augenbrauen empor. Dann wendete er sich langsam um und suchte mit dem Blick Gretel, die unter den Zuhörern Platz genommen hatte. Er deutete auf sie. Er sagte:

»Wenn die dort gelogen hätte wie die anderen, dann hätte ich nicht ein Wort gesagt, und die Herren hätten schön herumraten können. Aber es ist wahr: alles, was sie gesagt hat. Von der Zeit an, wo wir klein waren, ist es wahr, alles miteinander. Alles, was die anderen gesagt haben, war Lüge, aber alles, was die Gretel gesagt hat, ist wahr. Warum sollt' ich dann lügen? Man gewinnt nichts mit dem Lügen, nein, gar nichts.«

Der Angeklagte, der die ganze Zeit stehengeblieben war, zeigte nun beunruhigende Zeichen von Schwäche und einer beginnenden Ohnmacht, weshalb die Verhandlung abgebrochen wurde. In der folgenden Verhandlung wurde der Müllersknecht Hans Hinz Faber – trotz Herrn Schülers Anstrengungen, seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen – zu lebenslänglicher Strafarbeit verurteilt. Faber erklärte sich mit dem Urteil einverstanden. Herrn Schülers Niederlage war mithin vollständig, und seine Hoffnung, mit dem Fall Faber als Sprungbrett, eine bessere Stellung zu erreichen, gescheitert. Mehrere Zeugen wurden wegen Meineids zur Verantwortung gezogen, aber nur Frau Maturin konnte überwiesen werden. Da sie sich jedoch in gesegneten Umständen befand, glaubte der Arzt bezeugen zu können, daß sie bei dem fraglichen Anlaß nicht im vollen Besitz ihrer Sinne gewesen sei.

Im Dorf wurde natürlich lange über diesen Prozeß und über Hans Hinz gesprochen. Auch als Zuchthäusler beschäftigte er die Phantasie der Frauen und war der Gegenstand ihres zärtlichsten Mitleids. Gretel zeigten sie eine stumme Abneigung, deren unvernünftige Ursache die war, daß sie in ihr den Ursprung von Hansis Unglück sahen. Sie lebte fast ebenso einsam und still dahin wie der Gefangene selbst.

Was Hans Hinz betrifft, so schien er sich in seiner Krankenzelle nicht schlecht zu befinden. Allerdings saß er meist stumm und regungslos auf der Bank an der Wand und suchte allerhand Vorwände, um sich den vorgeschriebenen Spaziergängen zu entziehen. Aber er sah ganz zufrieden aus, wie er da ruhig mit seinen Gedanken saß, hinter hochgezogenen Augenbrauen über dies und das nachgrübelnd.

Seine Strafe währte kurz; anderthalb Jahre nach der Urteilsverkündigung war er tot.«

Als Casimir Brut schloß, war der Pastor vollgeladen mit Fragen, aber der Verwalter entschuldigte sich eiligst und kehrte zu seinen Rechnungen zurück. Nun zog der Pastor auf den armen Faber los, ließ kein gutes Haar an ihm und meinte, er sei ein Erzspitzbube gewesen und habe sein Schicksal wohl verdient. Die Damen Willman hingegen nahmen ihn recht warm in Schutz, sodaß es aussah, als hätte der Arme noch nach seinem Tode etwas von seinem Glück bei den Frauen bewahrt. Lotte bewunderte seine standhafte Liebe zu einer einzigen Frau, Dr. Karolina pries seine Hilfsbereitschaft und Ritterlichkeit gegen Frauen in Bedrängnis, Betty staunte über seine Gabe, so ganz in der Stille mit so vielen Frauenzimmern fertig zu werden, und Lizzy sagte:

»Ich habe den Eindruck, daß er ein stattlicher und prächtiger Bursch gewesen sein muß und gar nicht so unähnlich Herrn Brut selbst. Es tut mir wirklich leid, daß er mich nicht ausstehen kann.«

»Trübe Erfahrungen haben ihn zum Frauenhasser gemacht«, erklärte Betty.

»Es sieht beinahe so aus«, fiel Dr. Karolina mit bedeutungsvoller Schärfe ein.

Und während dieser Repliken betrachteten die Damen unverwandt Frau Olga, die in ihrem weißen Kleide dasaß und aussah, als müßte sie etwas Bitteres schlucken.

Fräulein Alexander flüsterte dem Generalagenten zu:

»Wenn ich mich nicht irre, sind der kleinen Gnädigen die Tränen nahe. Ich wage zu prophezeien, daß die Sache sich noch trauriger gestaltet, als ich ursprünglich dachte.«

»Prophezeien Sie, was Sie wollen, meine Liebe«, murmelte der Generalagent und wich scheu zur Seite. »Aber lassen Sie mich in Frieden! Ich habe schon Unglück genug gehabt.«

»Meine Damen«, fuhr er, an die übrigen gewendet, fort, »es ist hier viel von Liebe gesprochen worden, und sicherlich versüßt sie das Leben und macht es lebenswert, während sie es zugleich verwirrt und vielerlei Unannehmlichkeiten und unnötige Ausgaben verursacht. Aber es gibt auch Ausgaben, die man nie zu bereuen braucht. Es kommt eine Zeit, meine Damen, wo die Liebe nichts mehr zu sagen hat. Die Freundschaft auch nicht. Die großen, weit umspannenden Interessen fallen von der Seele ab wie die Zweige von einer alten Tanne. Treue wird ein leerer Wahn, Erfolg bedeutungslos, Freude Hohn. Das Leben wird nebelgrau. Die Erinnerungen quälen. Der Körper genießt nichts; die Seele wird langsam in Dunkelheit eingeschlossen. Alle Weisheit verliert ihr Salz. Und die Zeit wird lang. Aber hat man dann, meine Damen – und auch der Herr Pastor kann an die Sache denken, denn es gibt viele verschiedene Preislagen – hat man dann einen kleinen künstlichen singenden Vogel –«

 

Hier wurde der Generalagent von dem Lärm einer Tür, die aufgerissen wurde, unterbrochen, von Getümmel auf der Treppe, einem Stolpern über die Schwelle. Der Sohn des Pastors stand in der Türöffnung, keuchend, aber trotz des Laufens bleich. Gleich hinter ihm kam Ludwig, puffte den anderen beiseite und warf sich auf einen Sessel. Der Tisch mit den Kaffeetassen und den Likörflaschen wäre fast umgefallen, da alle Damen zugleich aufsprangen.

»Beruhigt euch«, keuchte Ludwig. »Ich habe mich nur gerauft.«

Und das konnten sie ihm ruhig aufs Wort glauben, denn das Blut floß ihm reichlich aus Nase und Mund. Brita lief um Wasser und Handtücher. Ludwig blutete und sagte:

»Ich habe mich mit den Kerls gerauft.«

»Mit der ganzen Bande?« fragte Brita.

»Schaf! Aber mit dem Allerärgsten habe ich gerauft, das kann der Herr da bezeugen. Es war der Bolla ihr Bräutigam, und er hat sich für das Mädel gerauft, also da ist nichts zu sagen. Ich habe mit ihm gerauft, weil er behauptet hat, der Casimir hat sie umgebracht. Und dagegen ist auch nichts zu sagen. Ein Mensch kann dahin kommen, einen anderen totzuschlagen, und kann dabei doch ein hochanständiger Kerl sein. Aber er hat behauptet, daß Casimir die Schuld auf einen von den Arbeitern schieben und sich selber drücken wolle. Da habe ich mit ihm gerauft.«

»Und er hat viel Keile bekommen«, fuhr der Sohn des Pastors mit einer gewissen Befriedigung fort. »Und jetzt ist es auf Herrn Brut selber abgesehen. Die ganze Bande kommt hierher.«

»Lauf in den Flügel hinunter«, befahl der Pastor seinem Sohn, »und sag dem Verwalter, daß er gleich herkommen soll.«

»Ludwig«, sagte Dr. Karolina, die in ihrer Eigenschaft als ältestes Willmanmädchen bei ernsten Anlässen gerne die Führung an sich nahm. »Ludwig, du stehst in dem Rufe, ein wahrheitsliebender Knabe zu sein. Sage uns, was du weißt!«

»Ich weiß nichts anderes, als was die Kerls erzählen«, knurrte Ludwig unwillig. »Aber so soll es zugegangen sein. Das Mädchen ist heut früh fortgegangen, um Kuckucksspeichel für Ollo zu holen, die einen kleinen Ausschlag hinter dem Ohr hat. Dabei ist sie ihrem Bräutigam begegnet, der Torfausstecher ist, und ich kenne ihn jetzt sehr gut, nachdem ich mit ihm gerauft habe. Na ja, sie gingen und gingen und entfernten sich immer weiter, ohne Kuckucksspeichel zu finden. Ob sie etwas anderes fanden, weiß ich nicht, aber auf einmal überraschte Casimir sie im Walde. Er hatte sie schon einmal in aller Frühe erwischt und das Mädchen nach Hause geschickt und fand also jetzt, daß das Maß übervoll war. Er schimpfte sie alle beide tüchtig zusammen und sagte, daß die gnädige Frau so etwas strenge verboten habe. Der Torfausstecher sah auch das Unrichtige seiner Handlungsweise ein und hatte sich gerade in Trab gesetzt, als das giftige Mädchen etwas rief, was Casimir aus Rand und Band brachte.«

»Was rief sie?« fragte Dr. Karolina.

Aber Ludwig fuhr fort:

»Er packte sie und sagte, jetzt werde sie sofort mit ihm zum Amtmann kommen und wegen ihrer bösen Zunge in den Arrest gesteckt werden. Aber das Mädel geriet ganz außer sich und schrie, lieber würde sie sich das Leben nehmen, als sich einsperren lassen. Sie riß sich los und lief davon. Und Casimir ihr nach. Seither ist sie nicht mehr gesehen worden; aber im Laufe des Tages erschien Casimir und ließ die Arbeiterbaracken und ganz Spilleboda durchsuchen und rüstete einen Suchgang aus. Und nun glauben sie, daß er das alles nur getan hat, um die Leute irrezuführen und den Verdacht auf die Torfausstecher zu lenken. Überdies sind diese entsetzlichen Pastorskinder überall herumgelaufen und haben beteuert, daß sie den Mord begehen sahen. Und eine ältere Dame aus der Stadt soll bei den Taglöhnern gewesen sein und gesagt haben, daß der Verwalter noch vor dem Abend gestehen wird.«

»Die ältere Dame aus der Stadt«, fiel Fräulein Alexander ein, »ist wohl niemand anders als ich. Und ich glaube auch noch immer, daß das Geständnis nicht lange auf sich warten lassen wird. So etwas habe ich im Gefühl. Übrigens dürfen wir Herrn Brut nicht zu hart verurteilen. Was das Mädchen ihm zurief, war wirklich unanständig. Und ein Mann mit seinem Temperament wird leicht ein Opfer seines Zornes.«

»Herrjegerle!« rief Ludwig und starrte entgeistert das düster lächelnde Fräulein Alexander an. »Wie kann die Dame wissen, was im Walde gesprochen worden ist?«

»Kennt man die Menschen«, erwiderte Fräulein Alexander, »so weiß man fast immer so ungefähr, was sie bei dem einen oder anderen Anlaß gesagt haben oder sagen werden. Man kann sich im Wortlaut irren, nicht aber im Inhalt.«

»Ludwig!« mahnte Dr. Karolina, »es ist von Bedeutung, zu wissen, was das Mädchen gesagt hat, das Herrn Brut in diesem Grade erregen konnte. Ich kann nicht glauben, daß du uns die Wahrheit vorzuenthalten gedenkst.«

»Doch, das gedenke ich«, sagte Ludwig, der mit zurückgebogenem Kopf dasaß, um das Blut zum Stocken zu bringen. Und er fügte hinzu:

»In diesem Falle kann kein Teufel die Wahrheit sagen.

Da ist es besser, sich zu raufen.«

»Ach so«, sagte der Pastor, »dann dürfte sie ihn des Diebstahls oder anderer Unzukömmlichkeiten beschuldigt haben, und das kann zu der unerwarteten Entlassung stimmen.«

»Da hat der Herr Pfarrer aber gründlich daneben geschossen!« schrie Ludwig geärgert. Und plötzlich seiner peinlichen, tyrannischen Wahrheitsliebe nachgebend, fuhr er mürrisch fort:

»Das Mädel hat gesagt, daß die gnädige Frau leicht bei Tag streng sein kann, wenn sie selbst bei der Nacht zum Verwalter geht. Da könnt ihr euch nicht wundern, daß ihm die Galle überlief, namentlich da der Knecht zuhörte –«

 

Es ist möglich, daß ein gewisses Anständigkeitsgefühl, mit Mitleid gepaart, die Damen Willman abgehalten hätte, die sensationelle Enthüllung zu kommentieren, wenn das erste tiefe Schweigen in einer würdigen und ablenkenden Weise gebrochen worden wäre. Unglücklicherweise war es der Herr Generalagent für künstliche Vögel, der zuerst das Wort ergriff. Er war der Situation nicht gewachsen. Oder richtiger gesagt: er war durchaus nicht in Form. Sein Lieblingsvogel war zerbrochen, und trotz der späten Stunde hatte er noch keine einzige Bestellung entgegengenommen. Er war selbst traurig und unruhig, und wie alle Traurigen und Unruhigen glaubte er sich von lauter fröhlichen, glücklichen, zu Scherzen aufgelegten Menschen umgeben. Dazu kam, daß die für ihn ungewohnten Weine und Liköre sein sonst scharfes Urteil getrübt hatten. Er brach in ein spasmodisches Kichern aus und rief:

»Ach, meine kleine Gnädige! Jetzt ist der rechte Augenblick, zwei kleine Vögelchen zu kaufen, eines für Sie selbst und eines für Ihren Freund. Erinnern Sie sich nicht, wie ich und meine geliebte Judith uns miteinander verständigten? Das ist praktisch! Das ist poetisch! Auf die Länge auch billig, infolge der Unverwüstlichkeit des Spielwerks. Und es ist einmal eine Erinnerung! Wenn der Herbst kommt und das Alter und der Winter und die große Stille – man drücke auf den Knopf, und Lenz und Jugend sind wieder da! Wenn die Nachtigall verstummt, Gnädigste, dann singen meine Vögel!«

Ludwig faßte ihn unter den Arm und flüsterte wohlwollend: »Wenn der Herr Generalagent verstummt, verspreche ich, ein halbes Dutzend zu kaufen!« Der Generalagent verstummte und notierte die Bestellung. Aber die Damen Willman schritten zum Angriff.

»Sonderbar!« sagte Dr. Karolina, »sonderbar, daß das dir passieren muß, liebe Olga, die von unserer Mutter immer als ein leuchtendes Beispiel der Selbstbeherrschung hingestellt wurde. Sonderbar, wenn auch nicht ganz unerwartet. Aus alle Fälle katastrophal! Herr Brut ist doch ein Diener. Er gehört nicht zu unserer Sphäre. Das kann eine peinliche Geschichte werden.«

»Peinlich oder nicht«, meinte Betty, »jedenfalls psychologisch interessant. Los von der Erotik rückt in ein ganz neues Licht! Die Bewegung wird mir sympathischer, denn es steckt wirkliches Pathos dahinter und ein großes moralisches Fallissement.«

»Meint ihr wirklich, daß sie in ihn verliebt ist?« wunderte sich Lizzy. »In diesem Fall ist seine Entlassung ein Rätsel.«

»Oder ein Bluff!« fuhr Dr. Karolina fort. »Das beunruhigt mich mehr als alles andere, denn das läßt auf Zukunftspläne schließen. Wie weit hast du dir eigentlich gedacht zu gehen, mein liebes Kind? Ich hoffe doch, du hast in deinem Taumel nicht Jan-Petters Testament vergessen? Eine neue Ehe bedeutet den Verlust von Larsbo. Wie wäre es, wenn du dich etwas näher erklären wolltest? Wir sind hier unter uns, die Situation ist kritisch und eine falsche Gêne unnötig.«

»Jetzt verstehe ich«, siel Betty ein, »warum gerade Ollo den Zusammenhang zwischen Sittlichkeit und Ökonomie entdecken mußte. Aber ich verstehe nicht, wie sie das Problem für ihre eigene Person zu lösen gedenkt.«

»Auf alle Fälle«, sagte Lizzy, »ist es klar, daß sie experimentiert hat.«

»Wie in aller Welt ist sie nur bei Nacht hinausgekommen?« wunderte sich Brita, die sich wie alle sehr jungen Menschen mehr für die rein technische Seite der Angelegenheit interessierte. »Die Bolla liegt doch im Nebenzimmer und hat einen Schlaf wie ein Vogel.«

Lotte sagte:

»Ihr werdet sehen, sie ist durch Jan-Petters Zimmer gegangen!«

»Die Tür ist doch zugenagelt!« wendete Dr. Karolina ein.

»Nägel können ausgezogen werden!«

»Aber die große Vase steht vor der Tür«, wendete Lizzy ein.

»Große Vasen kann man wegrücken!«

Die Damen Willman verstummten grübelnd. Eigentümlicherweise schien das Interesse für Frau Olgas Art, sich unbemerkt aus und ein zu praktizieren, alle anderen Interessen verdrängt zu haben. Sie stellten jedoch keine Fragen, vielleicht in der Überzeugung, ja doch keine Antworten zu bekommen.

Denn der Gegenstand ihrer Mißbilligung und empörten Verwunderung schien ganz fühllos zu sein und nicht zu hören, was da gesprochen wurde. Frau Olga war an das offene Fenster getreten, da stand sie und sah über den Hof und den Park hin. Das Gesicht war wachsgelb, die Augen von großen blauen Ringen umgeben. Die feingeschweifte kleine Gestalt wurde in stoßweise Schwingungen versetzt, als wären elektrische Ströme hindurchgegangen. Es läßt sich nicht leugnen, daß ihr Aussehen in der letzten Viertelstunde bedenklich sur le retour war. Sie sah nicht gerade alt aus; sie sah aus, wie ein krankes Mädchen, eine Rekonvaleszentin. Der Festglanz war verblichen.

Ihre Denkfähigkeit war glücklicherweise betäubt, ihre Gefühle unglücklicherweise nicht. Ganz wie am Morgen hatte sie die dunkle Empfindung, daß etwas zerbrochen war – eine ganze kleine Spielzeugwelt. Sie sah aus wie ein Kind, das sich ein Kärtchen angelegt, musterhaft gearbeitet, nach Mädchenart gebastelt und gestochert, jede Blume gehegt, jedes Hälmchen geordnet und das Ganze wunderbar nett, zierlich und ordentlich hergestellt hat. Mitten im Hag, unter Ranken und Gestrüpp, wilden Rosen und Disteln. Und kluge Leute hatten gesagt: »Aber, aber Kindchen, du arbeitest ja nur für den Ziegenbock!« Das war nicht wahr gewesen; aber jetzt war es doch wahr. Das Unglück und die Schande lag weniger darin, daß der Bock ihr Gärtchen verwüstet hatte; eher darin, daß sie es so fein, so zierlich und niedlich gemacht hatte. Denn der Bock! Wer war der Bock? Casimir Brut? Nein. Jan-Petter und kein anderer. Und sie wußte, ohne es in Worten zu denken, daß ein langer Kampf mit einer Niederlage geendet hatte. Jan-Petter triumphierte! Sie vernahm seine Stimme in der Stimme der Willmanmädchen; sie hörte gar nicht auf die Worte, die Stimme war ihr ganz genug.

Wie sie nun dastand, mit leerem Hirn, aber mit grübelndem Herzen, begann sie halb abwesend einem Geräusch zu lauschen, das in den letzten Minuten unablässig angewachsen war und immer näher kam. Ein vielstimmiges Raunen aus dem Park, das hier und da verstummte, um einer einsamen Stimme freie Bahn zu geben. Es war jetzt gegen neun Uhr, die Sonne hatte sich geneigt, das Licht über dem grauen Kies des Hofes war noch ziemlich stark, aber in dem Dunkel unter dem tiefen Grün der Bäume konnte sie nichts unterscheiden.

Nun kehrte der Sohn des Pastors zurück und verkündigte, daß Brut im Verwalterflügel nicht zu finden sei. Ludwig stürzte zum Fenster und stieß Frau Olga weg. Die Willmanmädchen umdrängten sie, stellten sich auf die Zehen, reckten die Hälse, lauschten. Ludwig, der sich zum Fenster hinausgebeugt hatte, wendete sich wieder dem Saal zu. Das Blut floß ihm von neuem über Mund und Kinn, aber er beachtete es nicht.

»Herrjegerle!« flüsterte er. »Casimir ist zu ihnen hinausgegangen. Was wird das jetzt werden? Der schlägt gleich zu, und es sind mindestens fünfzig Stück.«

Plötzlich hörten sie Bruts Stimme, unterschieden sie deutlich, obwohl das Gemurmel nicht mehr verstummte. Seine Stimme grollte wie der Donner, das Gemurmel wie dessen Echo mit unregelmäßig steigendem und fallendem Rhythmus. Frau Olga drehte sich um und ging auf die Tür zu. Da stand der Pastor. Er umfaßte ihre Handgelenke. Er fragte: »Wohin?« Sie antwortete mit Tränen in der Stimme und mit einem Ausdruck, als wäre sie zwanzig Jahre in der Zeit zurückversetzt worden:

»Ich will hinausgehen und sie bitten, vernünftig zu sein.«

»Jaso, sie bitten, vernünftig zu sein«, wiederholte der Pastor. Und er sagt: »Ta–ta–ta!« und schob sie zu den Damen Willman zurück.

»Ich werde hinausgehen und mit ihnen sprechen«, sagte er. »Es ist nicht nötig, daß jemand mitkommt, denn ich gehe als Priester und nicht als Raufbold.«

Er ging. Aber am Fuß der Treppe stieß er auf ein kleines, graues, altes Männchen mit krummen Knien und langen Armen, die unruhig hin und her schlenkerten. Neben dem Alten stand ein ungewöhnlich großes und dickes altes Weib, und zwischen sie drängte sich ein drittes Wesen, das wie ein schlottriger fünfzehnjähriger Junge aussah, aber mit einem Greisengesicht. Sein Haar war rot, und seine Augen waren rot, glänzend, tränend; er winselte leise, wie ein kranker junger Hund. Alle drei sahen in der Dämmerung aus wie eine Koboldfamilie auf dem Abendspaziergang. Ihre Blicke huschten kreuz und quer über die Schloßfassade, schnuppernd wie Mäuse. Und der Pastor sagte:

»Aha, der Spillebodaer geht spazieren. Konnt' mir schon denken, daß der Teufel nicht ohne Geleit kommt.«

Da tat die Frau ihren Mund zu Anklagen und Flüchen auf. Wem der Zorn galt, verblieb unklar; aber der Anlaß war der Besuch des Verwalters in Spilleboda, wo er nach dem verschwundenen Mädchen suchte. Der Pfarrer ließ sich jedoch nichts gefallen, sondern brüllte:

»Schweig, Teufelsweib! Soll einer sprechen, dann schon der Alte selber!«

»So ist's recht«, sagte der Häusler. »Schweig, Weib!«

Sofort verstummte die Alte, und der Pfarrer fragte nach dem Anlaß des Besuches. Die Arme des Häuslers gerieten in noch lebhaftere Schwingung, er sah gewaltig verlegen aus, aber murmelte schließlich, er sei gekommen, um mit Jan-Petters Witwe zu sprechen.

»Was willst du von ihr?« fragte der Pfarrer.

Der Häusler erwiderte:

»Ich habe doch ein Wort und einen Gruß an sie, von ihm selber.«

»Was für einem Ihm?« fragte der Pastor.

»Jan-Petter!«

»Das wäre des Kuckucks«, rief der Pastor. »Kommst du von so weit her?«

Der Häusler grinste, aber wurde sofort wieder ernst und erwiderte:

»Es ist ein Wort, das Jan-Petter mir gesagt hat, als ich in seinem letzten Stündlein bei ihm saß. Ich sollte es zur gelegenen Zeit und Stunde an die Witwe weitergeben.«

»Was sagst du da!« verwunderte sich der Pfarrer.

»Bist du auch an seinem Totenbett gesessen?«

»Ich saß wohl bei Nacht da, und der Herr Pfarrer bei Tag«, erwiderte der Spillebodaer und fügte hinzu: »Und wenn weder der Herr Pfarrer noch ich dasaß, dann saß der dritte da. Und der saß am längsten.«

»Das meine ich auch«, sagte der Pastor. »Aber jetzt sollst du ein vernünftiger Kerl sein, Spillebodaer, und zeigen, daß du etwas Besseres bist als die armen Sünder! Du sollst dafür sorgen, daß die Hofleute zur Ruhe kommen und das andere Gesindel zurück in die Baracken. Was treiben sie denn mit dem Verwalter?«

Von dem Hof und der Treppe aus konnte man kaum sehen, was im Parke vorging. Die rufenden Stimmen waren verstummt; doch hörte man dumpfe Laute, wie von einer Schlägerei oder eher von einer Volksmasse, die sich hin und her wälzt. Der Häusler sagte: »Sie halten ihn fest, bis der Amtmann kommt. Ich habe nichts mit ihm zu schaffen. Ich komme der Wittib wegen, auf daß sie hier heraustrete.«

»Wozu sollte das gut sein?« fragte der Pfarrer erstaunt.

Der Häusler antwortete:

»Es steht geschrieben: Der Sünderin soll ihre Schmach werden.«

 

Die Sünderin war unterdessen dem Pfarrer nachgeschlichen und schon bis in den Flur gekommen, als die Damen Willman ihre Flucht entdeckten. Sie eilten ihr nach und umringten sie.

»Was gedenkst du jetzt zu tun?« fragten sie. »Gedenkst du irgendeinen neuen Skandal anzustiften?« »Was mich am meisten erregt«, rief Dr. Karolina, »ist dein Mangel an Vertrauen zu uns, deiner Schwester, deiner Familie, deinen Freunden! Ich würde dich verstehen, wenn wir engherzige Wesen wären, aber du weißt doch gerade so gut wie ich, daß du bei uns auf Verständnis rechnen konntest.«

»Eben darum!« murmelte die Sünderin.

Dr. Karolina hörte sie nicht, sondern sprach weiter:

»Du verstehst doch um Gottes willen, Kind, daß wir nicht deine kleine Schwäche tadeln! Jeder hat seine, und auf deine haben wir sozusagen lange und vergeblich gewartet. Aber die Art, Kind! Von der du keine Ahnung zu haben scheinst! Entweder tritt man die konventionelle Moral mit Füßen, kühn und mit hocherhobenem Kopf. Man tut es mit Pathos!«

»Und mit Stil!« fiel Lizzy ein.

»Und wenn irgend möglich mit Reklame«, fügte Betty hinzu.

»Denn dadurch«, fuhr Dr. Karolina fort, »erhebt man sich über die Moral und wird sozusagen eine Portalfigur zum Tempel der neuen Ethik. Man wird getadelt, aber auch bewundert. Auf jeden Fall kommt ein großer Zug in das Ganze. Oder, wenn man nicht den Mut, die Kraft, die Intelligenz hat, sich an so etwas zu wagen, bewegt man sich innerhalb der üblichen Grenzen und gebräuchlichen Formen. Wer nicht groß sein kann, muß wenigstens elegant und taktvoll sein können. Du hast dich benommen wie eine Landpomeranze!«

»Wie eine altmodische Mamsell!« fiel Lizzy mit steigender Hitze ein. »Wir schämen uns für dich. Du hast dich selbst, deine Familie, dein Geschlecht profaniert, indem du herumschleichst, wie eine schuldbewußte Magd. Du hast dich schuldig gefühlt, das ist dein großer Fehler. Denn nichts kann ungesünder sein!«

»Nein, nichts kann ungesünder sein!« wiederholte Dr. Karolina. »Und nun befindest du dich in einer Situation, die hoffnungslos aussieht. Du hast dich durch dem proletarisches Verhalten lächerlich gemacht. Du kannst ganz einfach nicht in Larsbo bleiben, es sei denn, daß du diesen netten Herrn heiratest. Und wenn du heiratest, darfst du nicht bleiben. Wie willst du dich aus dieser Affäre ziehen? Wenn ich Jan-Petter recht gekannt habe, so hat er so etwas geahnt und dir eine Falle gestellt. Leider hat er jetzt wie immer die Lacher auf seiner Seite! Dein Fall ist hoffnungslos.«

»Ich glaube«, meinte Betty, »daß Ollo auch in diesem posthumen Fall eine Desillusion für den armen Jan-Petter sein wird. Ich glaube, sie ist von der großen Liebe ereilt, und das kann nie und nimmer die Absicht dieses maliziösen, aber herzensguten Affen gewesen sein.«

 

Der Pastor sagte:

»Da stehst du und grinsest innerlich, Spillebodaer, und das wundert mich nicht. Denn wenn ein Weltkind in die Grube fällt, dann frohlockt der Teufel sowie die Frommen. Aber welche Kenntnis hast du von der Sache und wie hast du sie erlangt?«

»Haha!« kreischte plötzlich die alte Hexe. »Wir haben die Augen offengehalten, seit Jan-Petter starb und schon lange vorher. Haha! Das spürt eins schon, wo's brenzlich riecht! Der arme Bub hat Augen wie eine Katze und huscht herum, ohne daß einer ihn sieht. Denn wer achtet des Wurms, der demütig einherkriecht? Haha! Oder der Eule auf dem Ast des Baumes? Wir wissen schon, was für Ärgernis es in der Gemeinde gibt! Haha! Nur sich nicht zu breitmachen, Herr Pfarrer! Oder die Fledermaus in der Dämmerung, wer sieht sie wohl? Aber er sieht auch durch Pfarrhofmauern hindurch! Und was er nicht sieht, das versteht er mit dem Verstande –«

»Schweig, Alte!« sagte der Häusler. Und zum Pastor:

»Der Junge ist herumgegangen und hat sich umgesehen. Ganz wie die Kinder des Herrn Pfarrers übrigens.«

»Ach so!« sagte der Pastor. »Dann wissen wir, daß die Sache allgemein bekannt ist; und eine bekannte Sache ist so gut wie bezeugt. Aber du wirst nicht leugnen, daß du die Leute aufgewiegelt hast mit deinen Lügengeschichten von ermordeten Mädchen und anderen Greueln. Du hast schon öfters Krawall gemacht und vor allem Volk mit der Sünde und dem Teufel gekämpft. Aber wenn du dann eine Kanne Branntwein und ein paar Reichstaler gekriegt hast, bist du schön brav nach Hause gegangen. Und was willst du also jetzt von Jan-Petters Witwe?«

»Sie ist hoffärtig«, sagte der Häusler. »Und eines ist dem Herrn ein Greuel: hoffärtige Augen!«

Der Pfarrer gab zurück:

»Wenn es wahr ist, was man sagt, daß sie sich mit einem armen Verwalter zusammengetan hat, so kannst du sie nicht der Hoffart bezichtigen! Und laß du gefälligst ihre Augen in Frieden. Oder haben ihre Augen es dir angetan, und lässest du dich gelüsten nach ihrer Lieblichkeit?«

Als der Häusler biblische Worte vernahm, wurde er nachdenklich und suchte in seinem eigenen Vorrat; aber die Alte rief:

»Haha! Die nicht hoffärtig! Als mein Alter bei Jan-Petter an seinem Sterbebett saß, da wollte sie nicht neben ihm sitzen und an dem Gebet für die Seelenruhe des Sterbenden teilnehmen. Haha! Die nicht hoffärtig! Und wo mein armer Alter in ihrem Hause ging und stand, war sie mit Riechwasser hinter ihm drein und hat es über ihn gespritzt und gegossen. Und zum Schluß ließ sie ihn von der Dienerschaft hinauswerfen.«

»Aha! Da drückt der Schuh«, sagte der Pastor.

»Haha!« fuhr die Alte fort. »Ihn drückt kein Schuh, sondern den Herrn der Heerscharen drückt es, wenn er sieht, wie eine Sünderin sich hoffärtig vor den Heiligen gebärdet! Aber Jan-Petter in seiner großen Sündhaftigkeit hielt sich nicht für zu gut, meinen Alten bei der Hand zu halten und von ihm Gebet und Segen anzunehmen. Und er schämte sich der Hoffart des Weibes und sagte: ›So wie sie Riechwasser über dich gießt, so hat sie mich angespien um meiner Schwäche und meiner Sünden willen, und sie ist wie die Pharisäer: außen weißgetüncht, aber inwendig voll von den Gebeinen der Toten.‹«

»So, hat er das gesagt, Jan-Petter?« sagte der Pastor. »Zu mir hat er wieder anders geredet, aber er wird wohl bis zuletzt doppelzüngig gewesen sein. Und nun bist du hergekommen, Spillebodaer, und hast alle Gutsleute aufgeboten, um Rache zu nehmen, für das Riechwasser?«

Der Häusler antwortete leise:

»Ich habe Jan-Petter versprochen, daß ich ihre Wege behüten werde. Und wenn ich sie fallen sähe, sollte ich vortreten und sie aufrichten. Denn er vergaß in seiner Seelennot nicht, daß er ein Weib mit sich durch die Sünde geschleift hatte, und er ängstigte sich mehr um ihre Seele als um seine eigene.«

»Er war ein vorsorglicher Mann«, gab der Pastor zu, »und er wußte genau, wie er es anstellen müsse, um es seiner Umgebung behaglich zu machen. Aber rück schon einmal damit heraus, was du haben willst, um dich zu trollen und das andere Gesindel gleichfalls wegzubringen!«

Der Spillebodaer wiederholte störrisch und hartnäckig:

»Jan-Petters Wittib soll hier herauskommen.«

»Warum denn?« fragte der Pastor noch einmal, und noch einmal erwiderte der Häusler:

»Sie soll ihre Schmach hinnehmen.«

»So, so, du richtest die Gefallenen mit Schmach auf, du?« fragte der Pastor.

»Nicht ich«, gab der Häusler zurück, »sondern der Herr!«

Da lief dem Pastor die Galle über, und er schrie:

»Der Herr, dem du und deinesgleichen dienst, ist kein anderer als der Teufel! Das merkt man daran, daß die Sünde euch ein süßer Geruch ist, so daß ihr gerne bei Wind und Wetter Meilen hin und her lauft, wenn ihr nur an einer, und sei es noch so kleinen, Sünde riechen könnt. Treibhunde seid ihr, bei der großen Wildschützenjagd auf Gottes Wildbret. Und wie die Hunde kennt ihr keine größere Lust, als zu hetzen und zu jagen, und darum steht euch der Schaum ums Maul, und die Zunge hängt euch aus dem Rachen. Aber ein Diener des Herrn spricht in Sanftmut, so wie ich.«

»Haha!« quäkte die Alte. »Du sprichst in Sanftmut? Du?«

»Jawohl, das tue ich«, gab der Pastor zurück. »Denn spräche ich im Zorn, so würdest du platzen. Aber fall du mir nicht in mein Amt, Häusler, so will ich dir nicht in deines fallen. Glaubst du nicht, daß ich, der ich des Predigeramts durch vierzig Jahre gewaltet habe, dazu erzogen und geweiht, glaubst du nicht, daß ich mit einem kleinen Frauenzimmerchen, das mal über den Zaun gehüpft ist, ein vernünftiges Wort sprechen kann? Glaubst du nicht, daß ich ihr das Tor und den rechten Weg zeigen kann? Wer bist du, du Tropf, daß du dich über andere zu Gericht setzen willst, und noch dazu über die Schloßfrau? Was lockt dich her, und was suchst du auf ihren Wegen? Daß Jan-Petter dich hergeschickt hat, das halte ich für sehr glaublich. Und wie schlimm es ihm auch jetzt da ergehen mag, wo er sich befindet, so glaube ich doch, daß er jetzt dasitzt und dich auslacht, du Narr. Denn wer sich über die Unzucht zum Richter aufwirft, der macht sich selbst schuldig in seinem Herzen. Oder lebst nicht auch du in Sünde? Was würde aus dir werden, wenn ich mein Amt ausübte und dich beichten ließe? Aber ich habe Nachsicht mit dir wie mit anderen räudigen Schafen meiner Herde, weil ich weiß, daß der Herr uns Schritt für Schritt weiterführt, nach seinem Sinn und nicht nach unserem. Dahin müssen wir, du Narr, zu seinem Thron! Denn die Pforten Jerusalems stehen offen.«

»Ja, die Pforten Jerusalems stehen offen!« wiederholte der Häusler halb verwirrt, und die Alte rief: »Hach ja, hach ja!« Der Pastor sah die gute Wirkung des Wortes, wurde davon befeuert und fuhr fort:

»Bergauf, bergab, ihr Leute, so geht es! Denselben Weg haben wir alle, dieselbe Pein und Qual, Seufzer und Angst, Tränen und Kummer, Sünde und Schmach, Wunden und Schmerzen. Aber verdammt, ewig verdammt ist der, so seinen fehlenden Bruder vom Wege stößt. Darum sollst du nicht hier stehen und Schmach über deine Gutsherrin bringen! Sondern zeuch in Frieden und nimm die alte Hexe und euren Wechselbalg mit. Was bist du für einer, der die Nacht zum Tage macht und hier um zehn Uhr abends herumstrolchst? Man kann dir wahrlich allerhand zutrauen! Mach, daß du weiterkommst!«

Aber der Spillebodaer stand, wo er stand, und murmelte:

»Ihr soll ihre Schmach werden!«

 

Und der Pastor hatte an anderes zu denken, denn es sah so aus, als sollte der Park sein Dunkel über den Hof ergießen. Die Volksmenge wälzte sich heran und blieb bei der Sonnenuhr stehen. Die dunkle bewegliche Masse hakte einen festen Kern: Casimir Brut und die Männer, die ihn hielten. Was zu sagen war, war gesagt, und die Menschen verhielten sich still. Aber der Sand raschelte und knirschte wie Strandkies unter den gleitenden Wellen, wie die Menge so in langsamen Schwingungen hin und her flutete. Casimir Brut kämpfte noch immer, um loszukommen.

Ein Mann ging über den Hof und erstieg zögernd die Stufen; er zog höflich die Mütze und fragte nach Frau Janselius.

»Was wollen Sie von ihr?« fragte der Pastor. Der Mann, der Vorarbeiter beim Torfausstechen war, dachte ein Weilchen nach und antwortete dann verlegen:

»Wir wollen eigentlich nur, daß der Amtmann geholt wird.«

Und er fügte halblaut hinzu:

»Es wäre am besten, wenn er so rasch als möglich käme. Der Teufel ist in die Leute gefahren, und ich habe keine Macht über sie. Sie sagen, der Verwalter hat das Mädel totgeschlagen, weil sie ihn mit der Frau überrascht hat. Ich weiß ja nichts, aber es wird am besten sein, wenn der Amtmann kommt.«

Der Pastor überlegte einen Augenblick.

»Na ja, ich habe nichts dagegen«, sagte er; »ich will sehen, daß er kommt.«

Er wandte sich um, um ins Haus zu gehen, aber im Tor, das sich hinter ihm geöffnet hatte, ging ein hastiges Ringen vor sich, worauf Frau Olga auf die Vortreppe hinaustrat und das Tor sich wieder schloß. Ihr weißes Kleid leuchtete in dem Halbdunkel neben dem schwarzen Langrock des Pfarrers.

Als Casimir Brut sie erblickte, machte er einen neuerlichen Versuch, loszukommen. Die ganze Menschenmenge, die jetzt den rückwärtigen Teil des Hofes erfüllte, wurde dadurch wieder in eine wellenförmige Bewegung versetzt, die so allmählich die Vordersten bis zur Treppe brachte. Frau Olga sagte:

»Hier bin ich, wenn ihr mich sucht.«

Der Spillebodaer glitt mit krummen Knien hastig und stumm wie ein Schatten die Treppe hinauf.

»Bist du Jan-Petters Wittib, du?« quäkte er. »Ich erkenne dich nicht in deinem weißen Kleide.«

Er steckte zwei Finger in den Leibriemen und zog einen Zettel hervor, den er ihr reichte, indem er sagte:

»Hier hast du ein Wort und einen Gruß von ihm selbst. Von Jan-Petter, als er in den letzten Zügen lag.«

Frau Olga nahm den Zettel und starrte ihn entgeistert an. Es war ganz einfach eine vergilbte Visitenkarte: Jan-Petter Janselius. Ohne recht zu wissen, was sie tat, steckte sie die Karte in den Gürtel. Im selben Augenblick trat der Vorarbeiter auf sie zu und bemerkte in knappem, befehlendem Ton:

»Wir wollen, daß ein Wagen um den Amtmann geschickt wird.«

Sie antwortete:

»Nein!«

Und es wurde einen Augenblick vollkommen still. Nur der Pastor murmelte eine Warnung. Er nahm sie sanft beim Arm. Aber sie machte sich los, trat weiter auf die Treppe vor und rief:

»Nein! Der Amtmann wird nicht geholt. Und ihr werdet Herrn Brut augenblicklich loslassen. Er hat nichts Böses getan.«

Nun wurde ihr Antwort in einem Gemurmel, das zu vielstimmig war, um sich deuten zu lassen. Die Volksmenge im Hof war jetzt auf anderthalbhundert angestiegen, Männer und Frauen. Die Arbeiterbaracken auf dem Moor und die Hütten rings um Larsbo standen leer. Das Verhältnis zwischen Frau Janselius und dem Verwalter, das bis zu diesem Tage ihren Anverwandten unbekannt geblieben war, hatte seit ein paar Wochen das allgemeine Interesse auf Larsbo konzentriert. Es war ein Liebesroman, und er entflammte alle Gemüter. Achtzigjährige Greise verfolgten ihn mit derselben Spannung wie siebzehnjährige Jungfrauen. Sozialpolitisch aufgeklärte Torfausstecher fanden in der Geschichte einen Beleg für gewisse Theorien über die geheimen Laster der Oberklasse. Der Spillebodaer und seine Anhänger erläuterten sie nach ihren Methoden, ohne daß die Geschichte dadurch an Saft und Pikanterie einbüßte. Der leere Begriff die Gnädige Frau oder die Gutsherrin war zu einem kleinen Weibchen geworden, das jeder in seine Herzenskammer einlassen und nach Belieben behandeln konnte. Und plötzlich war die Geschichte mit einer kräftigen Dosis Tragik gewürzt worden. Ein armes Mädel hatte das verbrecherische Verhältnis entdeckt, und diese Entdeckung hatte ihr das Leben gekostet. In der einen oder anderen Weise. Entweder hatte Brut sie so eingeschüchtert, daß sie Selbstmord begangen hatte. Das war Fräulein Alexanders Version, die von ihren Bekannten unter den Gutsleuten geteilt wurde. Oder auch hatte er sie geradezu aus dem Wege geräumt. Die Torfausstecher, die Gelegenheit gehabt hatten, die ungewöhnliche Stärke des Verwalters zu bewundern, neigten mehr dieser Ansicht zu. Sie wußten aus eigener Erfahrung, daß er ein aufbrausendes Temperament hatte. Sie hatten ihn unruhig und ganz gegen seine Gewohnheit förmlich verzagt gesehen. Die Rettungsexpedition und die Hausdurchsuchung in Spilleboda und in den Baracken hielten sie für eine Finte. Der Suchgang selbst mit seiner fruchtlosen Spannung hatte sie nur noch mehr erregt. Die Männer, die ihn zwischen ihren Händen hielten, fühlten den starken Körper zittern. Das reizte sie, und nichts reizt Männer so wie die Furcht von Männern. Für die Menge ist Schwäche eine Todsünde. Das Gedränge erregte, die Püffe reizten auf. Die Vordersten der Schar waren jetzt dicht an der Treppe, und Brut und seine Wächter kaum zehn Schritte davon entfernt. Sie konnten es nicht länger ertragen, seinen Körper unversehrt zu spüren. Sie wollten ihn vor seiner Mitschuldigen schlagen. Darin lag Gerechtigkeit und außerdem ein besonderer Genuß. Ein Schlag fiel und noch einer. Bei dem ersten herrschte Schweigen, bei dem zweiten stieß die Menge ein Geheul aus, als wäre jeder einzelne von dem Schlag getroffen worden. Aber nun wurden die Reihen, die den Gefangenen von der Treppe trennten, von den schaufelförmigen Fäusten des Vorarbeiters gesprengt. Im Handumdrehen hatte er den Verwalter losgerissen und ihn mit sich die Treppe hinaufgezogen.

»Was sind das für verdammte Dummheiten!« brüllte er. »Seid ihr Menschen oder Viecher! Wollt ihr den Kerl totschlagen, bevor ihr noch wißt, ob das Mädel tot ist? Die sitzt vielleicht auf dem Rauchfang und lacht uns aus. Wenn ein Weibsbild im Spiel ist, dann ist eines sicher: daß man gefoppt wird!«

Im Vorraum hinter dem Tor standen die Willmanmädchen, lauschend, zitternd und zähneklappernd, außerstande, die verschiedenen Formen, wie eine kleine Liebesaffäre mit Grazie oder Größe abgewickelt werden kann, weiter zu erörtern. Im Saal saß der Generalagent, Tante Sara in den Armen, ihr mit den Händen die Ohren zuhaltend. Fräulein Alexander lauschte an einem Fenster, triumphierend und unheilverkündend, aber selbst glücklicher, als wenn sie einem Begräbnis beigewohnt hätte. An einem anderen Fenster hingen Brita und Ludwig. Und Brita flüsterte zwischen klappernden Zähnen:

»Sie werden sie alle beide totschlagen! Lieber Gott, wenn das gut geht, werde ich nie mehr küssen!«

Plötzlich rief Ludwig:

»Herrjegerle!«

Und zog sich ins Zimmer zurück. Er starrte Brita aus weitaufgerissenen Augen an, er murmelte:

»Hundert gegen eins! Merk dir's! Ich wette hundert gegen eins!«

Damit verschwand er, laufend, aber auf den Zehen. Aber Casimir Brut, der einen Augenblick Frist hatte, atmete auf, zog Luft in die Lungen und rief mit starker Stimme:

»Ich sage Euch, daß ich dem Mädel nichts zuleide getan habe! So gut solltet Ihr mich kennen, daß Ihr wißt, daß ich nicht lüge!«

Da stand der Spillebodaer vor ihm und schrie mit seiner schrillen Stimme, seiner strauchelnden, geschwinden Predigerzunge:

»So lasset uns denn prüfen, ob du vom Geiste der Wahrheit oder vom Geiste der Lüge bist! Ist es Wahrheit oder Lüge, daß du dich gegen das sechste Gebot vergangen hast, mit deiner eigenen Gutsfrau und der Witwe deines Herrn?«

Anstatt zu antworten, ging Brut auf ihn los, aber die Zunächststehenden stürzten die Treppe hinauf, um den Häusler zu schützen. Die hinwiederum, die weiter rückwärts standen, riefen:

»Geht aus dem Weg! Wir wollen sie sehen! Stoßt sie zusammen! Sie sollen sich nur abbusseln!«

Die Burschen zogen sich zurück, und Casimir Brut und Frau Olga standen allein, Seite an Seite vor dem schwarzen Tor. Die Schmach war groß und vollkommen. Und der Spillebodaer wies auf die weiße kleine Frau und rief:

»Seht, da steht sie im Dirnengewande, listig.

Wilden Sinns und unbändig, so daß ihre Füße nicht in ihrem Hause bleiben können.

Nun ist sie draußen, nun auf der Straße und späht an allen Ecken. In der Dämmerung, des Abends, als es dunkel ward.

Und ich sah unter den Unwissenden einen Toren, der den Weg zu ihrem Hause einschlug.

Und sie küßte ihn sonder Scham und sprach zu ihm:

›Darum bin ich ausgegangen, dir zu begegnen, dein Antlitz zu suchen, früh und spät, und nun habe ich dich gefunden.

Ich habe mein Bett gar lieblich geschmücket mit Decken aus dem Lande Ägypten, und ich habe meine Schlafkammer mit Myrrha bestäubt, mit Aloe und Zimt. Komm, laß uns buhlen bis zum Morgen und der Liebe pflegen.‹«

 

Soweit war er ungestört gekommen, denn ein Teil der Leute fand Erbauung an seinen Worten, und ein anderer Teil erwartete, daß sie saftiger und leichter verständlich werden würden. Der Pastor und der Vorarbeiter hatten alle Mühe, Casimir Brut zurückzuhalten. Und Frau Olga stand still und ergeben am Schandpfahl. Die kluge Lizzy hatte sie verstanden; sie fühlte sich wirklich schuldig. Dieses schreckliche, ungesunde Gefühl, das sie heute morgen dazu gebracht hatte, ein kleines moralisches Fallissement hinter einer großen Bewegung und einer gründlichen Aufrüttlung der gesamten Menschheit verbergen zu wollen, dieses Gefühl kam nun in einer stumpfen Zerknirschung zum Ausdruck. Sie hörte die Stimme des Spillebodaers, aber erfaßte vorerst die Worte nicht. Es sauste ihr in den Ohren, und sie hatte die wohlbegründete Überzeugung, daß die Posaunen des Jüngsten Gerichts erschallten, und Jan-Petter lachte. Sie lauschte jedoch, so gut sie konnte, der Rede des Spillebodaers, und sie lauschte mit demütigem Sinn, schuldbewußt und zerknirscht.

Aber plötzlich fuhr sie zusammen und züngelte wie ein weißer Strahl aus dem Dunkel des Tores aus; und, den Spillebodaer überschreiend, brach sie los:

»Herrgott! Was reden Sie da, Sie Kerl! Sprechen Sie von mir in dieser gräßlichen Weise?«

»Gewiß, von dir, Jan-Petters Wittib!« schrie der Häusler wütend, aber ziemlich verblüfft durch die Unterbrechung.

»Ich stäube Zimt in mein Schlafzimmer und all das andere?« fuhr Frau Olga fort, ganz weiß im Gesicht und mit übergroßen schwarzen Augen. » Mich nennen Sie so?«

»Bist du nicht eine Metze?« schrie der Spillebodaer.

»Nein, das geht zu weit!« murmelte Frau Olga.

Und plötzlich erwachte der starke Geist der Frau Professor Anna-Lisa in ihr. Geschmeidig und rasch ging sie auf den Spillebodaer zu und rief:

»Was unterstehst du dich, du Lümmel? Ich werde dich lehren, zu sprechen wie ein Mensch!«

Eine Ohrfeige brannte ab. Der Spillebodaer taumelte die Treppe hinunter und fiel seiner dicken Alten in die Arme. Wie es zugegangen war, blieb ungeklärt. Einige hielten dafür, daß der Pastor, der in der Nähe stand, dazwischengefahren und den Schlag ausgeteilt hatte. Und da der Pastor nicht sehr beliebt war, schrien sie zornig auf. Die Mehrzahl meinte hingegen, daß die kleine Frau selbst dem Häusler seinen Lohn gegeben hatte, und ihre Befriedigung und Bewunderung kannte keine Grenzen. Zwischen diesen beiden Ansichten und Parteien entspannen sich nun heftige Zwiste, die vielleicht in Handgreiflichkeiten ausgeartet wären, wenn die Partei des Spillebodaers nicht beinahe ausschließlich aus Weibern bestanden hätte, die Frau Olgas hingegen aus Männern. Überdies traf gleich darauf ein entscheidendes Ereignis ein, das der Wendepunkt in diesem kleinen, sittlich-religiösen Aufstand wurde.

Das quietschende schwarze Tor tat sich auf, und Ludwig von Battwyhl trat heraus, rücklings und gebückt, ein Wesen nachschleifend, das sich mit allen Kräften sträubte. Das Tor wurde hinter dem Paar wieder geschlossen. Ohne seine Beute loszulassen, wendete sich Ludwig an die Versammelten und rief laut und klar, kalt und verächtlich:

»Ja, da habt ihr sie jetzt auf jeden Fall! Dummköpfe!«

»Die Bolla!« kam es von der Versammlung in dumpfem Chor zurück, vermischt mit einigen schrillen Ausrufen und Gelächter. »Die Bolla!«

»Na ja!« rief das Mädchen geärgert. »Schreit vielleicht noch ein bissel mehr! Das hätte euch gerade passen können, ihr gräßlichen Menschen, wenn ich irgendwo tot liegen würde. Aber das tue ich nicht.«

An Frau Olga gewendet, schluchzte sie:

»Wir beide sind doch wirklich zu bedauern, Euer Gnaden! Das haben wir heute früh nicht geahnt, wie die Sonne so schön geschienen hat.«

»Wo hast du gesteckt?« fragte Frau Olga leise, nicht sehr darauf erpicht, das Verhör vor der Öffentlichkeit zu führen. Bolla hingegen hegte keine derartigen Bedenken, sondern rief:

»Wo ich gesteckt hab'? Den halben Tag bin ich in einem Trockenofen draußen auf dem Moor gesessen und habe mir die Seele aus dem Leib geschwitzt. Ich wollte mich ja umbringen, denn ich wußte es nicht anders, als daß der Verwalter den Amtmann geholt hat. Ich dachte mir, es ist besser, wenn ich armes Ding sterbe, als daß Euer Gnaden belästigt werden. Aber als ich ein paar Stunden dorten gesessen war, kam Axel zu mir herein und sagte: ›Hier kannst du nicht länger sitzen, denn jetzt hat dich der Verwalter austrommeln lassen. Aber ich werde sie zu den Sandgruben hinüberführen, dann kannst du unterdessen ins Schloß laufen und die gnädige Frau um Verzeihung bitten, bevor der Amtmann kommt.‹ Ich bin also dort geblieben, bis ich sie auf die Sandgruben zugehen gehört habe. Da bin ich ganz behutsam ins Schloß geschlichen, und wie ich zu dem Stallhügel komme, sehe ich Ludwig und den Pastorsbuben miteinander raufen. Ich hab' mir gedacht, daß Ludwig bei Euer Gnaden ein gutes Wort für mich einlegen könnte, und so hab' ich mich an die Stallecke gestellt und ihm zugeblinzelt und gewunken. Aber merkt denn so ein dummer Bub was, wenn er im Raufen ist! So mußt' ich allein gehen, und ich hatt' solche Angst, daß ich nur so gezittert hab'. Und es kam noch schlimmer, denn in der Allee traf ich Fräulein Alexander, und die fragte, ob ich gehört habe, daß der Verwalter die Kammerjungfer der gnädigen Frau totgeschlagen hat, weil sie ein Geheimnis ausgeplaudert hat. Da hab' ich gesehen, was ich angestellt hab', und bin geradewegs auf den Boden gelaufen, um mich aufzuhängen. Aber nicht das kleinste Stückel Schnur war dort oben. Da könnt' ich nur weinen, Euer Gnaden, und jetzt sitze ich schon sieben Stunden auf einer Kiste und hab' immerzu geweint –«

»Aber woher denn!« fiel Ludwig ein. »Sie ist drinnen in der Bodenkammer gesessen und hat sich Jan-Petters Bildchen angeschaut und sich sehr gut unterhalten. Als ich kam, lag sie auf dem Boden und schnarchte wie ein Korporal. Und ich wäre ja nie darauf gekommen, sie dort zu suchen, wenn der Vorarbeiter nicht gesagt hätte, daß sie vielleicht auf dem Rauchfang sitzt und uns auslacht. Da sagte ich mir: ›Hundert gegen eins, daß sie oben in der Bodenkammer ist.‹ Und ich habe gewonnen! Aber ich mußte sie mit Gewalt packen und sie die Treppen hinunterschleifen. Sie ist das gemeinste Frauenzimmer, das es gibt, und wenn niemand etwas einzuwenden hat, wollen wir sie an einem Baum aufhängen, damit ihr schöner Vorsatz doch in Erfüllung geht.«

»Ludwig! Du gehst hinein!« befahl Frau Olga.

Aber Ludwig erwiderte:

»Nicht früher, als bis sie eingesteht, daß sie gelogen hat.«

»Gelogen!« wiederholte das Mädchen erzürnt. »Was habe ich gelogen?«

»Das wirst du selbst am besten wissen!« erwiderte Ludwig. »Du bist ein lügenhaftes, treuloses Rabenvieh und der Pein der Hölle verfallen, aber wenn du jetzt nicht gestehst, kannst du außerdem deine Siebensachen packen.«

»So, geht es aus diesem Ton!« sagte das Mädchen und putzte sich kräftig die Nase. »Dann will ich nur sagen, daß ich nicht ein Wort gelogen habe. Ich hab' gesagt, daß unsere gnädige Frau heute nacht draußen war, und das ist wahr. Denn ich bin dadurch aufgewacht, daß die Türe gequietscht hat, und da bin ich in das Zimmer der gnädigen Frau gegangen, und das war leer. Ich könnt' mir nicht erklären, wie die gnädige Frau herausgekommen ist, da ich doch im Zimmer vor ihrem liege. Aber dann bin ich in das Schreibkabinett gegangen und hab' gesehen, daß die Gnädige die Türe aufgemacht hat, die sonst zu und verriegelt war. Und da hab' ich gesehen, daß die gnädige Frau da durchgegangen ist, aber ich kann nicht begreifen, warum sie nicht durch mein Zimmer ist und mir gesagt hat, ich soll mitkommen.«

Hier wurde das Mädchen von einem lauten »Haha! Haha!« unterbrochen. Und die Spillebodaer Hexe, auf ihre Rache aus, schrie:

»Ja, das ist freilich schwer zu begreifen, daß sie keine Begleitung haben wollte! Ja, nicht wahr, das ist unbegreiflich! Haha! Wenn man bei Nacht ausgeht! Haha! Bei Nacht!«

Da prusteten die Burschen heraus, und die Weiber kicherten. Das aufgebrachte Mädchen rief:

»Was habt ihr denn, ihr Grinsaffen? Kann unsere Gnädige nicht gezwungen sein, mitten in der Nacht hinauszugehen? Das kann jedem passieren, gerade jetzt in der Obstzeit!«

Wer die Männer und die Frauen, die Greise und die Greisinnen, die Burschen und die Mädchen, die sich aufgeregt, ernst, schweren Herzens versammelt hatten, brachten es sich plötzlich ein und gaben sich widerstandslos einer unbändigen Lachlust hin. Sie wanden, sie krümmten sich, sie schlugen sich auf die Schenkel und pufften einander in die Seiten. Wie ernst die Sache auch für die sein mochte, die sie zunächst anging, sie lachten rückhaltslos und fröhlich, so wie immer über diese an und für sich ernsten Dinge gelacht worden ist. Frau Olga, die demütig und reuevoll vor den Folgen einer törichten Handlungsweise gestanden war, stark und mutig vor schamlosen Beschuldigungen, verlor in dem Lachwirbel alle Besinnung, raffte die Röcke an sich und stürzte blind auf das Tor zu, das glücklicherweise von innen geöffnet wurde. Ihr nach folgten Ludwig und Bolla, der Pastor und Brut.

Dennoch verstummten weder das Lachen noch die scherzhaften Ausrufe und Anspielungen. Freilich nahm der Wirbelsturm auf dem Hofe bald an Stärke ab, aber er zerfiel in kleine Windstöße und Brisen von Lachen und Kichern, die im Sommernachtsdunkel über das lauschige Larsbo hinwehten, die Vögel im Park weckten, die Mäuse auf dem Feld aufscheuchten und mit den Fledermäusen über das einsame Moor flatterten.

 

Im großen Saal von Larsbo neigten sich die Festlichkeiten des Saratages ihrem Ende zu. Versammelt waren die Frau des Hauses, ihre Verwandten und Freunde, Dr. Karolina und Lotte, Betty und Lizzy, Ludwig und Brita, der Generalagent und Fräulein Alexander, Tante Sara und der Pastor, sowie der Verwalter Casimir Brut. Der Sohn des Pastors hatte sich schon in sein und des Vaters Schlafzimmer zurückgezogen. Die Versammelten schwiegen, und die Frage war, wer dieses drückende Schweigen brechen sollte. Dr. Karolina gedachte zu sagen: »Wir sind ja alle vernünftige Menschen; ich glaube, wir sollten unsere klugen Köpfe zusammenstecken und Ollo einen guten Rat geben. Denn die Situation ist unhaltbar geworden.«

Lizzy erwog den Satz: » Tant de bruit pour une omelette

Betty: »Eros fiel siegend!«

Lotte: »Zu Großvaters Zeiten wären diese Menschen höflicher gewesen; aber sie hätten sich darum nicht mehr vergnügt. Und wir auch nicht.«

Der Pastor schließlich: »Kann ein armer geistlicher Herr, der sich den ganzen Tag abgerackert hat, ein Nachthemd geliehen bekommen?«

Die übrigen gedachten nichts zu sagen, denn der Generalagent hatte alle Hoffnung fahren lassen, Fräulein Alexander fühlte eine tiefe Enttäuschung und eine große Verachtung, Tante Sara war nicht gewohnt, etwas zu sagen, und Ludwig und Brita saßen schon in einer Ecke und tuschelten miteinander!

Frau Olga selbst brach das Schweigen. Sie sagte:

»Wenn meine Gäste mich entschuldigen, so gehe ich und lege mich schlafen. Ich bin heute morgen so früh aufgestanden.«

Sie wünschte dem Pastor, dem Generalagenten und Fräulein Alexander artig gute Nacht; sie sagte zu Ludwig und Brita: »Wollt ihr euch nicht niederlegen, Kinder?« Sie nickte freundlich, wenn auch mit einem gewissen Ernst, Lotte Brenner und den Willmanmädchen zu. Sie sagte zu Tante Sara: »Komm mit!«

Schließlich ging sie auf Casimir Brut zu, der etwas abseits stand; sie legte die Hände auf seine Schultern und sagte:

»Gute Nacht, Casimir.«

Und sie beugte sich vor und gab ihm einen leichten Kuß.

Dann grüßte sie mit einer kleinen Verbeugung alle Versammelten und verschwand.

 

In ihr Zimmer hinaufgekommen, verabschiedete sie sofort die noch immer schluchzende Bolla, placierte Tante Sara in einen geeigneten Fauteuil und brach in Tränen aus. Aber sie weinte nicht viel und keineswegs im Verhältnis zu den Ereignissen des Tages. Unterdessen kleidete sie sich splitternackt aus und begann wie gewöhnlich mit Fleiß und Eifer ihren Körper zu hegen und zu pflegen. Und sie sagte zu Tante Sara:

»Im ganzen genommen bin ich zufrieden. Casimir hat sich nie damit abfinden können, daß ich ihn heirate und Larsbo verliere. Und es ist ja ein Verlust, namentlich da ich mich hier wohlfühle. Wer jetzt habe ich einen Mittelweg gefunden. Casimir bleibt als Verwalter, und ich bin eben Verwaltersfrau statt Gutsherrin. Natürlich ist das eine schreckliche Degradation. Aber heutzutage! Mir macht es nichts, und die Willmanmädchen müssen sich eben hineinfinden!«

»Das müssen sie eben«, sagte Tante Sara.

Sie saß in einer beschatteten Ecke, aber das vereinigte Licht der grünen Gardinen, die schon von einem beginnenden Sommermorgen schimmerten, und der roten Kerzenflammen auf dem Toilettetisch spielte auf ihrer großen warzigen Nasenspitze.

Frau Olga hingegen stand mitten in der Lichtflut vor dem Spiegel und führte ihren Schwamm, indem sie anmutsvoll bald einen Arm, bald ein Bein hob, bald sich herumdrehte, um den Rücken zu erreichen.

»Heute früh«, sagte sie und atmete schwer und stoßweise infolge der Anstrengung, »als ich hier saß und die Bolla mich frisierte, entdeckte ich plötzlich im Spiegel, daß ich vergessen hatte, dort drinnen die Türe zu schließen und die Draperie vorzuziehen und die Vase zurückzustellen. Ich bekam einen ganz heißen Kopf. Denn natürlich würde diese neugierige Elster Fragen stellen und Bemerkungen machen. So schickte ich sie weg, um insgeheim alles in Ordnung zu bringen. Aber als ich dann sah, wie dieses Frauenzimmer herumstand und mit ihrem widerwärtigen Bräutigam schäkerte, versank ich in Gedanken und vergaß die ganze Geschichte. Bis ich dann die Vase umstieß. Das war eine nette Bescherung, das kannst du mir glauben!«

»Kann ich dir glauben!« echote Tante Sara.

»Nicht der Vase wegen. Die habe ich immer gehaßt. Aber weil die Bolla die Nase in die Luft stecken würde. Dann kam Ludwig, und dann kam Casimir. Da wurde ich noch nervöser. Casimir kann es nicht vertragen, daß ich Ludwig bei mir habe, wenn ich mich ankleide. Ist das nicht lächerlich?«

»Gewiß ist das lächerlich«, sagte Tante Sara.

»Glücklicherweise stand ja die Türe offen, so daß ich Ludwig hinausbrachte. Aber dann kam der Donnerschlag. Casimir erzählte, daß er die Bolla erwischt habe, und daß sie das gesagt habe, du weißt schon, was.« »Und da hast du den Kopf verloren!« seufzte Tante Sara.

»Ich?« fauchte Frau Olga. »Woher denn! Aber Casimir hat den Kopf verloren. Er behauptete, entweder müßten wir sofort die Verlobung bekanntgeben, oder er müsse stante pede weg, um dem Gerede ein Ende zu machen. Kann man sich etwas Dümmeres denken?«

»Nein«, sagte Tante Sara.

»Als ob man sich nicht noch ein bißchen so weiter fortwurschteln könnte! Aber ich wurde böse und sagte, er könne ja gehen. Bitte, von mir aus! Und da war er dabei! ›Mit Vergnügen!‹ sagte er. Kannst du dir so was denken?«

»Ja«, murmelte Tante Sara schläfrig, aber erwachte und verbesserte sich.

»Nun ja«, fuhr Frau Olga fort, »ich habe es ja nicht ernst genommen, bis ich ihn dann im Lusthaus traf und erfuhr, daß er schon zu packen begonnen hatte. Da begriff ich, daß er ganz toll sein müsse. Und das war er auch, nur wußte ich den Grund nicht. Er glaubte nämlich im vollsten Ernst, das Mädchen sei hingegangen und habe sich aus lauter Reue und Angst das Leben genommen. Kannst du begreifen, warum die besten Männer, und gerade die, an denen einem zufällig etwas liegt, immer solche Idioten sein müssen?«

»Nein«, sagte Tante Sara.

»Ich wurde grenzenlos böse, aber es fiel mir natürlich nicht ein, ihn zu bitten, zu bleiben. Ich mußte aber doch in aller Eile einen Vorwand für die Entlassung finden, und da kam ich darauf, Larsbo zu einem Mustergut zu machen und eine Bewegung zu inaugurieren. Das war gar keine so üble Idee. Und die Willmanmädchen brauchen mich deshalb gar nicht auszulachen. Oft werden gerade auf diese Weise, durch einen Zufall, große Gedanken und Ideen geboren. Ich wäre sicherlich in einer solchen Bewegung viel mehr an meinem Platze, wie als Schloßfrau auf einem Gut. Das kann ich ihnen versichern! Oder was glaubst du?«

»Das glaube ich unbedingt«, beteuerte Tante Sara.

»Aber das Schicksal hat es anders gewollt«, sagte Frau Olga, stellte den rechten Fuß auf den Tisch und behandelte mit Sorgfalt dessen Zehen. Dann wechselte sie den Fuß und fragte:

»Hast du nie irgendein Liebesabenteuer gehabt? Erzähle!«

»Nein«, antwortete Tante Sara nach einigem Nachdenken. »Nur einmal in meiner Jugend, als ich mit meinen Eltern einen Sommer in Wiesbaden war. Ich saß eines Abends auf einer Bank im Park, und ein Herr kam und setzte sich neben mich und begann zu plaudern. Er war sehr gebildet und weitgereist, so daß ich wirklich mit Vergnügen zuhörte. Er sagte mir viele schöne Dinge, ja wirklich, aber schließlich bat er mich, ihm einen Taler zu leihen, da er sich in augenblicklicher Verlegenheit befinde. Ich versicherte, daß ich keinen Taler habe, und da sagte er: ›Nicht nur häßlich, sondern auch noch arm!‹ Und dann ging er.«

»So ein Tölpel«, murmelte Frau Olga zerstreut.

Sie stellte sich vor Tante Sara hin, streckte sich, stemmte die Hand in die Seite. Sie sagte:

»Mein Charakter ist furchtbar ernst. Findest du nicht? Manchmal komme ich mir wie eine alte Schachtel vor. Aber was mich am meisten ärgert, ist Jan-Petter, und was mich am meisten freut, ist, daß ich ihn zur Wand gedreht habe.«

»Zur Wand gedreht?« fragte Tante Sara verwirrt.

»Ja, dort unten im Kabinett. Er saß da und grinste mich an. Und ich weiß schon, warum er grinst. Als wir eine Woche verheiratet waren, ließ ich die Türe zwischen unseren Zimmern vernageln und stellte die Vase davor. Ich ließ die Kammerjungfer im äußeren Zimmer schlafen. Dagegen hätte er nichts, sagte er. Aber seiner Gewohnheit getreu, konnte er es nicht lassen, alle möglichen zynischen Anspielungen zu machen. Er sagte: ›Du kannst ruhig sein, liebes Kind! Ich werde die Nägel nicht ausziehen, die Vase nicht wegstellen und die Türe nicht öffnen! Aber du wirst es noch einmal tun!‹ Sagte er. Verstehst du, was er gemeint hat?«

»Nein«, gestand Tante Sara.

»Nun ja, das ist ja gleich. Du hast ihn nicht so gut gekannt wie ich. Er meinte jedoch, daß er nicht an meine Charakterstärke glaube. Und auch an die keines anderen. Aber was mich ärgert, ist, daß er in gewisser Weise, rein äußerlich gesehen, recht behalten hat.«

Sie riß das Nachthemd an sich und fuhr mit solcher Heftigkeit hinein, daß die Nähte krachten. Sie rief nach Bolla, gab Tante Sara einen Gutenachtkuß und sprang ins Bett.

»Da liegt ein Papier auf dem Boden«, sagte die Kammerjungfer, die im Zimmer herumwirtschaftete. Sie reichte Frau Olga das Papier. Es war Jan-Petters Visitkarte, vergilbt und von den schmutzigen Fingern des Spillebodaers befleckt. Frau Olga drehte verwundert die Karte in der Hand. Plötzlich fragte sie die Kammerjungfer, ob sie eine Bibel habe. Das Mädchen ging in ihr Zimmer und kehrte mit dem heiligen Buche zurück. Frau Olga sagte: »Geh jetzt schlafen!«

Sobald das Mädchen verschwunden war, sah sie noch einmal die Rückseite der Karte an. Da stand mit ungleichmäßigen Buchstaben geschrieben: »Meiner lieben Frau einen Gruß und ein Wort zum Nachdenken! Salomos Hohes Lied, 3, 5, 4; 12, 16.« Sie begann mit zitternden Fingern in der Bibel zu blättern. Das Blut stieg ihr zu Kopf, die Augen füllten sich mit Tränen, in den Ohren sauste es, und durch das Sausen hörte sie Jan-Petters Lachen.

Sie dachte:

Es ist sicher etwas Entsetzliches, was er mir sagen will. Etwas, was ich nicht ertragen und worüber ich nicht hinwegkommen kann.

Ihr Finger glitt mit einem gewissen Beben von Vers zu Vers und blieb bei diesen stehen:

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Rehen oder Hinden aus dem Felde, daß ihr meine Freundin nicht aufweckt, noch erregt, bis es ihr selbst gefällt.

Meine Schwester, liebe Braut! Du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born.

Steh auf, Nordwind, und komm, Südwind, und wehe durch meinen Garten, daß seine Würzen triefen! Mein Freund, komme in meinen Garten und esse seiner edlen Früchte.

Als sie dies gelesen hatte, seufzte sie erleichtert auf; und sie sagte zu sich selbst:

Na ja! Für einen Gruß von Jan-Petter! – Im tiefsten Grunde war er nicht böse, und ich verzeihe ihm aus ganzem Herzen. Morgen werde ich ihn wieder richtig drehen.

Sie löschte das Licht und legte sich nieder. Aber im nächsten Augenblick saß sie wieder kerzengerade im Bett und lauschte:

Aus dem Hof oder Park hörte man Stimmen, gedämpft, aber deutlich genug, um die dazugehörigen Personen zu erkennen: Ludwig und Brita!

Sie sah auf die Uhr. Die stand allerdings, aber gab ihr in irgendeiner geheimnisvollen Weise zu verstehen, daß die Stunde unpassend war.

Was sollte sie tun?

Ihnen eine Rüge erteilen, sie hereinrufen. Das war ihre offenkundige Pflicht. Aber unangenehm. Denn –

Wie war es eigentlich um ihre moralische Autorität bestellt? Nach den Ereignissen des Tages? Was riskierte sie? Welche Antwort konnte sie sich von dem rücksichtslos aufrichtigen Ludwig und der impertinenten Brita erwarten?

Sie errötete wieder, die Wangen brannten, die Augen füllten sich mit Tränen, in den Ohren sauste es. Und durch das Sausen hörte sie Jan-Petters Lachen.

Das bestimmte sie. Lach du nur! dachte sie. Das sind zwei Kindsköpfe, und ich gedenke meine Pflicht zu tun, ob ich nun ein verschlossener Garten bin oder nicht. Sie sprang rasch, wenn auch zähneklappernd, aus dem Bett, richtete sich zu einer resoluten Haltung auf, um sich selbst Mut zu machen. Sie schritt zum Fenster und schob die Gardinen zurück. Sofort erblickte sie die beiden Gestalten, die auf einer Bank unter einem Jasminstrauch saßen. Sie räusperte sich und rief: »Ludwig! Brita!« Die beiden Gestalten hockten sich nieder und duckten sich zusammen, aber antworteten nicht. Da griff sie zu ihren tiefsten Brusttönen:

»Gebt euch keine Mühe! Ich sehe und höre euch. Was soll das heißen? Warum liegt ihr nicht? Das ganze Haus schläft, aber ihr müßt euch herumtreiben! Findet ihr das passend? Und was macht ihr eigentlich?«

Nach einigem hastigen Geflüster vernahm man endlich Ludwigs Stimme. Frau Olga, die in großer Spannung dagestanden war, atmete auf und gestattete ihrem müden Körper, ein wenig in behaglicher Schlaffheit zusammenzusinken. Denn die Stimme hatte einen zwar aufrichtigen, aber alles eher als impertinenten Klang. Sie sagte:

»Nicht bös sein, Ollo! Wir haben nur den Eros begraben!«

Und Brita rief: »Wir haben ihn feierlich und unter großer Beteiligung von Leidtragenden begraben!«

»Was schwätzt ihr da für Dummheiten?« rief Frau Olga und richtete sich auf. Aber Ludwig gab sofort die Erklärung.

»Ich habe die Scherben der Vase eingegraben. Du hast mich doch heute früh selbst gebeten, es zu tun.«

»Gut«, antwortete Frau Olga, »aber jetzt geht ihr sofort hinein und legt euch nieder.«

Gehorsam und sittig lief Brita über den Hof, und ihr nach schlenderte Ludwig mit langen Schritten.

Frau Olga zog ihre Gardinen wieder zu.

»Die närrischen Gören!« murmelte sie. »Ja, es braucht so wenig, um Kinder zu amüsieren.«

Die kleine Episode wirkte seltsam beruhigend. Sie fühlte sich geborgen und behaglich schläfrig; sie hoffte auf einen tiefen, traumlosen Schlummer.

Aber was den zerbrochenen Eros betrifft, so lagen seine Scherben noch immer unberührt in der Lade, wo Frau Olga sie aufgehoben hatte.

Ludwig, der Wahrheitsliebende, hatte gelogen!

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