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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
projectidf43b867d
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Achtes Kapitel

Schweigend ging sie dahin, schnellen Schrittes, mit gesenktem Kopf und ohne mich anzusehen. Aber als wir die Straße hinuntergegangen und in die Uferstraße gelangt waren, blieb sie auf einmal stehen und ergriff meine Hand.

»Ich ersticke!« flüsterte sie. »Ich habe solche Herzbeklemmung! . . . Ich ersticke!«

»Kehre um, Natascha!« rief ich erschrocken.

»Siehst du denn nicht, Wanja, daß ich ganz weggegangen bin, daß ich sie verlassen habe und nie wieder zurückkehre?« sagte sie und sah mich dabei mit unbeschreiblichem Kummer an.

Mein Herz krampfte sich zusammen. Das alles hatte ich schon, als ich zu ihnen hinging, geahnt; das alles hatte ich wie in einem Nebel vielleicht schon lange vor diesem Tag vorhergesehen; aber dennoch trafen mich ihre Worte jetzt wie ein Donnerschlag.

Wir gingen traurig die Uferstraße entlang. Ich konnte nicht reden; ich dachte hin und her und wurde ganz wirr im Kopf. Mir war ganz schwindlig. Die Sache erschien so ungeheuerlich, so unmöglich!

»Du verurteilst mich, Wanja?« sagte sie endlich.

»Nein, aber . . . aber ich glaube es nicht; es kann nicht sein!« erwiderte ich, ohne zu wissen, was ich redete.

»Doch, Wanja; es ist so! Ich habe sie verlassen und weiß nicht, was aus ihnen werden wird . . . ich weiß auch nicht, was aus mir werden wird!«

»Gehst du zu ihm, Natascha? Ja?«

»Ja!« antwortete sie.

»Aber das ist unmöglich!« rief ich ganz außer mir. »Siehst du nicht ein, daß das unmöglich ist, meine arme Natascha? Das ist ja Wahnsinn! Du tötest ja deine Eltern und richtest dich selbst zugrunde! Siehst du das nicht ein, Natascha?«

»Ich sehe es ein; aber was kann ich tun? Es hängt nicht von meinem Willen ab!« antwortete sie, und aus ihren Worten klang eine solche Verzweiflung heraus, als ob sie zur Richtstätte ginge.

»Kehre um, kehre um, solange es noch nicht zu spät ist!« flehte ich sie an, und ich flehte um so dringender und um so inständiger, je mehr ich mir selbst bewußt war, daß meine Bitten in diesem Augenblick völlig zwecklos und töricht waren. »Verstehst du auch wohl, Natascha, was du deinem Vater antust? Hast du das auch bedacht? Sein Vater ist deines Vaters Feind; der Fürst hat ja deinen Vater beleidigt, ihn der Unterschlagung beschuldigt, ihn einen Dieb genannt. Sie prozessieren miteinander . . . Und was rede ich? Das ist noch das wenigste; aber weißt du auch, Natascha (o Gott, du weißt das ja alles!), weißt du auch, daß der Fürst deinen Vater und deine Mutter verdächtigt hat, sie selbst hätten dich absichtlich mit Aljoscha zusammengebracht, als Aljoscha bei euch auf dem Land wohnte. Bedenke doch, stelle dir doch nur vor, wie dein Vater damals unter dieser Verleumdung gelitten hat! Er ist ja in diesen zwei Jahren ganz grau geworden; sieh ihn doch nur an! Aber die Hauptsache ist: du weißt das ja alles, Natascha, o du mein Gott! Ich rede gar nicht einmal davon, welch ein Schmerz es für sie beide sein wird, dich für immer zu verlieren! Du bist ja ihr größter Schatz; du bist alles, was ihnen für die Tage des Alters geblieben ist. Ich will davon gar nicht reden, denn du mußt das ja selbst wissen; aber denke daran, daß dein Vater überzeugt ist, du seiest von diesen hochmütigen Leuten grundlos verleumdet und beleidigt, ohne daß ihr dafür Rache nehmen könntet. Jetzt aber, gerade jetzt ist das alles von neuem aufgeflammt, und diese ganze alte, schmerzliche Feindschaft ist dadurch noch gesteigert worden, daß ihr Aljoscha bei euch aufgenommen habt. Der Fürst hat deinen Vater noch einmal beleidigt; in dem Herzen des alten Mannes kocht noch der Grimm über diese neue Kränkung, und da werden auf einmal all diese Beschuldigungen jetzt als gerechtfertigt erscheinen! Jeder, dem die Sache bekannt ist, wird jetzt dem Fürsten recht geben und dich und deinen Vater verurteilen. Was wird jetzt aus ihm werden? Das wird ihn mit einem Schlag töten! Schmach und Schande kommen über ihn, und durch wen? Durch dich, seine Tochter, sein einziges, teures Kind! Und deine Mutter? Sie wird ihren Gatten nicht überleben . . . Natascha, Natascha! Was tust du? Kehre um! Komm zur Besinnung!«

Sie schwieg; endlich blickte sie mich wie mit stillem Vorwurf an, und es lag in diesem Blick ein so tiefer Schmerz, ein so schweres Leid, daß ich erkannte, wie sehr ihr auch ohne meine Worte das wunde Herz blutete. Ich erkannte, wie schwer ihr dieser Entschluß geworden war und wie sehr ich sie durch meine nutzlosen, zu spät kommenden Bitten quälte und marterte; ich sah das alles ein; dennoch konnte ich mich nicht halten und sprach weiter.

»Du hast doch selbst noch soeben zu Anna Andrejewna gesagt, du würdest vielleicht nicht zum Abendgottesdienst gehen. Also wolltest du doch dableiben und warst noch nicht völlig entschlossen?«

Sie antwortete nur mit einem bitteren Lächeln. Wozu hatte ich auch diese Frage gestellt? Ich konnte ja doch wissen, daß alles schon unwiderruflich entschieden war. Aber freilich war ich ebenfalls meiner nicht mächtig.

»Hast du ihn denn wirklich so liebgewonnen?« rief ich und blickte sie voll Entsetzen an; ich wußte selbst kaum, was ich fragte.

»Was soll ich dir darauf antworten, Wanja? Du siehst ja, wie es steht: er hat mir befohlen zu kommen, und da bin ich nun hier und warte auf ihn«, erwiderte sie mit demselben bitteren Lächeln.

»Aber höre doch, höre doch nur«, begann ich, nach einem Strohhalm greifend, wieder zu bitten, »das läßt sich alles noch in Ordnung bringen; das läßt sich auf eine andere Weise einrichten, auf eine ganz andere Weise! Dabei brauchst du nicht von zu Hause fortzugehen. Ich will dir sagen, wie es zu machen ist, Nataschenka. Ich übernehme es, alles für euch zu bewerkstelligen, alles, auch die Zusammenkünfte und alles . . . Nur geh nicht von zu Hause fort! Ich werde eure Korrespondenz vermitteln; warum sollte ich das nicht tun? Es wird immer noch besser sein als der jetzige Zustand. Ich werde das einzurichten verstehen; ich werde euch beiden Dienste erweisen; ihr sollt sehen, daß ich das tun werde . . . Und du wirst dich nicht zugrunde richten, Nataschenka, wie du es jetzt vorhast . . . Denn so richtest du dich vollständig zugrunde, vollständig! Sag ›ja‹, Natascha, und alles wird schön und glücklich gehen, und ihr werdet einander lieben, soviel ihr wollt . . . Und wenn die Väter aufhören werden, miteinander zu streiten (denn dahin wird es mit Sicherheit kommen), dann . . .«

»Laß es gut sein, Wanja, hör auf!« unterbrach sie mich, indem sie mir kräftig die Hand drückte und unter Tränen lächelte. »Du guter, guter Wanja! Du guter, ehrlicher Mensch! Und von dir selbst sagst du kein Wort! Ich bin es gewesen, die unser Verhältnis gelöst hat, und dabei hast du mir doch alles verziehen und denkst nur an mein Glück. Du willst unsere Korrespondenz vermitteln . . .«

Sie brach in Tränen aus.

»Ich weiß ja, Wanja, wie du mich geliebt hast, wie du mich immer noch liebst, und nicht einen Vorwurf hast du mir in dieser ganzen Zeit gemacht, nicht ein bitteres Wort zu mir gesagt! Aber ich, ich! O Gott, wie schwer habe ich mich gegen dich vergangen! Denkst du wohl noch an die Zeit, Wanja, an die Zeit, als du und ich zusammengehörten? Ach, wäre ich ihm nie begegnet, hätte ich ihn nie kennengelernt! Dann würde ich mit dir zusammen leben, Wanja, mit dir, du mein Guter, Lieber! . . . Nein, ich bin deiner nicht wert! Du siehst ja, was für eine ich bin: in einem solchen Augenblick erinnere ich dich an unser früheres Glück, und du leidest doch ohnehin schon genug! Drei Wochen lang bist du nicht zu uns gekommen; aber ich schwöre dir, Wanja, auch nicht ein einziges Mal kam mir der Gedanke in den Kopf, daß du mir vielleicht fluchtest und mich haßtest. Ich wußte, weshalb du fortbliebst: du wolltest uns nicht stören und für uns ein lebendiger Vorwurf sein, und auch dir selbst mußte es ja peinlich sein, uns anzusehen. Aber wie habe ich auf dich gewartet, Wanja, wie habe ich auf dich gewartet! Höre, Wanja, obwohl ich Aljoscha wie eine Irre, wie eine Wahnsinnige liebe, so liebe ich dich als meinen Freund vielleicht doch noch mehr. Ich fühle schon, ich weiß schon, daß ich ohne dich nicht leben kann; du bist mir notwendig; dein Herz ist mir notwendig, dein goldenes Herz . . . Ach, Wanja! Was für eine bittere, schwere Zeit kommt jetzt!«

Sie zerfloß in Tränen. Ja, es war ihr schwer ums Herz!

»Ach, wie ich mich danach sehnte, dich zu sehen!« fuhr sie, ihre Tränen unterdrückend, fort. »Wie du abgemagert bist, und wie krank und blaß du aussiehst; bist du wirklich krank gewesen, Wanja? Und ich habe noch gar nicht danach gefragt! Ich rede immer nur von mir. Nun, wie steht es jetzt mit deinen schriftstellerischen Angelegenheiten? Was macht dein neuer Roman? Kommst du gut mit ihm voran?«

»Was kommt es jetzt auf meine Romane und auf mich an, Natascha! Und was ist von meinen Angelegenheiten zu sagen? Es geht einigermaßen damit, so leidlich; lassen wir das beiseite! Was ich noch sagen wollte, Natascha: hat er das denn selbst verlangt, daß du zu ihm kommen möchtest?«

»Nein, nicht er allein; größtenteils ist es mein Gedanke. Allerdings hat er es gesagt; aber auch ich selbst . . . Siehst du, lieber Freund, ich werde dir alles erzählen: sein Vater hat ihm eine Frau ausgesucht, ein reiches, sehr vornehmes Mädchen, und sie ist auch mit sehr vornehmen Leuten verwandt. Sein Vater will durchaus, daß Aljoscha sie heiratet, und er ist, wie du weißt, ein sehr geschickter Intrigant; er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, denn er sagt, eine so günstige Gelegenheit komme in zehn Jahren nicht wieder; solche Konnexionen und ein solches Vermögen . . . Sie soll auch sehr schön sein und gebildet und von gutem Charakter, kurz, ein in jeder Hinsicht ausgezeichnetes Mädchen; Aljoscha ist schon ganz entzückt von ihr. Außerdem möchte sein Vater im eigenen Interesse ihn so bald wie möglich loswerden, um sich selbst wieder zu verheiraten, und hat sich darum vorgenommen, unter allen Umständen und um jeden Preis unsere Verbindung zu zerreißen. Er fürchtet mich und meinen Einfluß auf Aljoscha . . .«

»Aber weiß denn der Fürst von eurer Liebe?« unterbrach ich sie erstaunt. »Er hatte ja doch nur einen Verdacht, der nicht einmal sicher war.«

»Er weiß es, er weiß alles.«

»Wer hat es ihm denn gesagt?«

»Aljoscha hat ihm vor kurzem alles erzählt. Er hat mir selbst gesagt, daß er seinem Vater alles erzählt habe.«

»Herrgott, was ist das für ein Verhalten! Er selbst hat alles erzählt und noch dazu unter solchen Verhältnissen?«

»Verurteile ihn nicht, Wanja«, unterbrach mich Natascha; »lache nicht über ihn! Man kann ihn nicht so richten wie alle anderen Menschen. Sei gerecht! Er ist eben ein andersgearteter Mensch als du und ich. Er ist ein Kind; und er ist anders erzogen als wir beide. Versteht er denn, was er tut? Der erste beste Eindruck, der erste beste fremde Einfluß ist imstande, ihn von jedem loszureißen, dem er einen Augenblick vorher Treue geschworen hat. Er hat keine Charakterfestigkeit. Er schwört einem Treue und gibt sich an demselben Tag ebenso wahr und aufrichtig einem andern hin; und dabei kommt er noch selbst aus freien Stücken, um es zu erzählen. Er wird vielleicht auch eine schlechte Handlung begehen; und doch wird man ihn wegen dieser schlechten Handlung vielleicht nicht verurteilen können, sondern ihn höchstens bedauern müssen. Auch zur Aufopferung ist er fähig; sogar zu weitgehendster, weißt du! Aber nur, bis ein neues Gefühl sich seiner bemächtigt; dann wird er wieder alles vergessen. So wird er auch mich vergessen, wenn ich nicht beständig um ihn bin. So ein Mensch ist er!«

»Ach, Natascha, vielleicht ist das mit der zukünftigen Frau alles nicht wahr, sondern nur ein bloßes Gerücht. Wie kann er denn, wenn er noch ein solcher Knabe ist, überhaupt heiraten!«

»Der Vater hat seine besonderen Pläne, sage ich dir.«

»Aber woher weißt du, daß sie ein so prächtiges Mädchen ist und daß er von ihr schon entzückt ist?«

»Er hat es mir ja selbst gesagt.«

»Wie? Er hat dir selbst gesagt, daß er eine andere lieben könne, und hat trotzdem jetzt von dir ein solches Opfer verlangt?«

»Nein, Wanja, nein! Du kennst ihn nicht, du bist nur wenig mit ihm zusammengekommen; man muß ihn genauer kennenlernen, erst dann kann man sein Richter sein. Es gibt auf der ganzen Welt kein redlicheres, reineres Herz als das seinige! Wäre es denn etwa besser, wenn er mich belöge? Aber er läßt sich leicht hinreißen; er braucht mich nur eine Woche lang nicht zu sehen, und er wird mich vergessen und eine andere liebgewinnen; und nachher, wenn er mich wiedersieht, wird er von neuem zu meinen Füßen liegen. Nein, es ist gut, daß ich es weiß und er es nicht vor mir verheimlicht; sonst würde ich vor Argwohn sterben. Ja, Wanja, darüber bin ich mir ganz klar: wenn ich nicht immer, beständig, jeden Augenblick bei ihm bin, wird er aufhören, mich zu lieben, er wird mich vergessen und im Stich lassen. Das liegt nun einmal in seiner Natur; er läßt sich von jeder andern fesseln. Und was werde ich dann machen? Dann werde ich sterben . . . Und das wäre noch nicht das Schlimmste; ich würde auch jetzt gern sterben! Denn was hätte ich für ein Leben ohne ihn? Das wäre schlimmer als der Tod, schlimmer als alle sonst erdenkbaren Qualen! O Wanja, Wanja! Ich habe nicht anders gekonnt, als jetzt um seinetwillen Vater und Mutter verlassen! Suche mich nicht zu überreden; mein Entschluß steht fest! Aljoscha muß jede Stunde, jeden Augenblick um mich sein; ich kann nicht zurück. Ich weiß, daß ich mich und andere zugrunde gerichtet habe . . . Ach, Wanja!« schrie sie auf einmal und zitterte am ganzen Leib; »wenn er mich nun nicht mehr liebt? Wenn du recht gehabt hast, als du eben sagtest« (ich hatte das nie gesagt), »daß er mich nur täusche und nur so redlich und aufrichtig scheine, während er in Wirklichkeit ein schlechter, eitler Mensch sei! Da verteidige ich ihn nun dir gegenüber, und er sitzt vielleicht in diesem selben Augenblick bei einer andern und lacht sich ins Fäustchen . . . und ich, ich Schändliche, habe alles im Stich gelassen und laufe auf den Straßen umher und suche ihn . . . Oh, Wanja!«

Dieses Stöhnen, das aus ihrer tiefsten Seele herausdrang, klang so schmerzvoll, daß mir das Herz vor Gram brechen wollte. Ich sah, daß Natascha schon alle Herrschaft über sich verloren hatte. Nur eine ganz blinde, sinnlose Eifersucht hatte sie zu einem so wahnsinnigen Entschluß bringen können. Aber auch in meinem eigenen Herzen flammte die Eifersucht auf und kam unhemmbar zum Ausbruch. Ich konnte mich nicht halten: ich ließ mich durch dieses häßliche Gefühl fortreißen.

»Natascha«, sagte ich, »nur eins verstehe ich nicht: wie kannst du ihn lieben nach allem, was du soeben selbst über ihn gesagt hast? Du achtest ihn nicht, du glaubst nicht einmal an seine Liebe, und dennoch gehst du zu ihm ohne die Möglichkeit einer Rückkehr und machst um seinetwillen alle unglücklich! Was ist das für eine Handlungsweise? Er wird dir lebenslänglich Qualen bereiten und du ihm ebenfalls. Du liebst ihn im Übermaß, Natascha, im Übermaß! Ich habe kein Verständnis für eine solche Liebe.«

»Ja, ich liebe ihn wie eine Wahnsinnige«, antwortete sie und wurde dabei blaß wie von heftigem körperlichem Schmerz. »Dich habe ich nie so geliebt, Wanja. Ich weiß ja selbst, daß ich den Verstand verloren habe und nicht so liebe, wie ich sollte. Ich liebe ihn in tadelnswerter Weise . . . Höre, Wanja, ich wußte es auch früher schon und ahnte es sogar in unseren glücklichsten Augenblicken, daß er mir nur Qualen bereiten werde. Aber was soll ich machen, wenn jetzt sogar die Qualen, die ich von ihm erleide, mein Glück bilden? Geh ich denn etwa zu ihm, weil ich da Freude erhoffe? Weiß ich denn nicht im voraus, was mich bei ihm erwartet und was ich von ihm zu erleiden haben werde? Er hat mir ja geschworen, mich immer zu lieben, und mir alle möglichen Versprechungen gemacht; aber ich glaube an seine Versprechungen nicht, ich messe ihnen keinen Wert bei und habe das auch früher nicht getan, obgleich ich wußte, daß er mich nicht belog und überhaupt nicht fähig ist zu lügen. Ich selbst, ich selbst habe ihm gesagt, daß ich ihn in keiner Weise binden wolle. Für ihn ist es so am besten: Fesseln liebt niemand, und ich am wenigsten. Und doch freue ich mich, seine Sklavin zu sein, seine freiwillige Sklavin, alles von ihm zu ertragen, alles, wenn er nur bei mir ist, wenn ich ihn nur anschauen kann! Mag er auch eine andere lieben, wenn es nur in meiner Gegenwart geschieht, damit auch ich dabei bin . . . Ist das nicht eine unwürdige Denkart, Wanja?« fragte sie plötzlich, indem sie mich mit einem heißen, brennenden Blick ansah; einen Augenblick lang schien es mir, daß sie im Fieber irrerede. »Es ist doch unwürdig, so etwas zu wünschen! Nicht wahr? Ich sage selbst, daß es unwürdig ist; aber wenn er sich von mir lossagt, so laufe ich ihm nach bis ans Ende der Welt, mag er mich auch zurückstoßen, mag er mich auch von sich jagen. Da redest du mir jetzt zu, ich möchte umkehren; aber was wird die Folge sein? Wenn ich umkehre, werde ich gleich morgen wieder weggehen; wenn er es befiehlt, so gehe ich weg; wenn er mir pfeift, mich ruft wie ein Hündchen, so laufe ich ihm nach . . . Qualen! Ich fürchte von ihm keine Qualen! Ich werde wissen, daß ich durch ihn leide . . . Ach, das läßt sich alles gar nicht aussprechen, Wanja!«

»Und der Vater und die Mutter?« dachte ich. An diese schien sie gar nicht mehr zu denken.

»Also wird er dich gar nicht heiraten, Natascha?«

»Er hat es versprochen, er hat alles Mögliche versprochen. Er hat mich ja eben deswegen jetzt herbestellt, damit wir uns gleich morgen im stillen außerhalb der Stadt trauen lassen; aber er weiß ja gar nicht, was er tut. Er weiß vielleicht nicht einmal, wie man sich trauen läßt. Und was wird er für ein Ehemann sein! Wirklich, eine lächerliche Vorstellung! Wenn er sich aber mit mir verheiratet, so wird er unglücklich werden und anfangen, mir Vorwürfe zu machen. Ich will aber nicht, daß er mir jemals irgendwelche Vorwürfe macht. Ich will ihm alles geben, er aber soll mir nichts geben. Wenn er also durch die Heirat mit mir unglücklich wird, warum soll ich ihn dann unglücklich machen?«

»Nein, das ist Wahnwitz, Natascha«, sagte ich. »Gehst du jetzt geradenwegs zu ihm?«

»Nein, er hat versprochen, hierherzukommen und mich abzuholen; so haben wir es verabredet.«

Sie spähte mit gespanntem Blick in die Ferne, aber es war noch niemand zu sehen.

»Und er ist noch nicht da! Und du bist zuerst gekommen!« rief ich empört.

Natascha taumelte wie von einem Schlag getroffen. Ihr Gesicht verzog sich schmerzlich.

»Vielleicht kommt er überhaupt nicht«, sagte sie mit einem bitteren Lächeln. »Vorgestern schrieb er mir, wenn ich ihm nicht verspräche zu kommen, so müsse er notgedrungen seine Absicht, sich mit mir trauen zu lassen, aufschieben; dann werde ihn aber sein Vater zu jener jungen Dame mitnehmen. Und das schrieb er so einfach und harmlos, als ob das weiter nichts zu bedeuten hätte . . . Wie nun, wenn er wirklich zu ihr hingefahren ist, Wanja?«

Ich antwortete nicht. Sie drückte fest meine Hand; ihre Augen funkelten.

»Er ist bei ihr«, sagte sie kaum hörbar. »Er hoffte auf mein Ausbleiben, um zu ihr fahren und dann sagen zu können, er sei im Recht; er habe mich vorher auf die Folgen hingewiesen, und ich sei trotzdem fortgeblieben. Ich bin ihm langweilig geworden; darum kommt er nicht . . . O Gott! Ich Wahnsinnige! Er hat mir ja das letztemal selbst gesagt, daß ich ihm langweilig geworden sei . . . Wozu warte ich noch?«

»Da ist er!« rief ich, da ich ihn plötzlich in der Ferne in der Uferstraße erblickte.

Natascha fuhr zusammen, schrie auf, erspähte den sich nähernden Aljoscha, ließ auf einmal meine Hand los und eilte ihm entgegen. Auch er beschleunigte seine Schritte, und einen Augenblick darauf lag sie schon in seinen Armen. Außer uns befand sich fast niemand auf der Straße. Sie küßten sich und lachten; Natascha lachte und weinte, alles durcheinander, als ob sie einander nach einer wer weiß wie langen Trennung wiedersähen. Eine helle Röte überzog ihre blassen Wangen; sie war in einer Art von Verzückung . . . Aljoscha bemerkte mich und trat sogleich zu mir.

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