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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
projectidf43b867d
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Sechstes Kapitel

Ich las ihnen meinen Roman an einem einzigen Abend vor. Wir fingen gleich nach dem Tee an und saßen bis zwei Uhr morgens zusammen. Der Alte machte anfangs ein finsteres Gesicht. Er hatte etwas unfaßbar Hohes erwartet, etwas von der Art, daß er es vielleicht selbst nicht verstehen könne, aber unter allen Umständen etwas Hohes; und nun bekam er statt dessen ganz alltägliche, allgemein bekannte Dinge zu hören; das war ja alles ganz genauso wie das, was gewöhnlich um einen herum vorgeht. Und wenn der Held noch ein großer, interessanter Mann wäre oder eine historische Persönlichkeit von der Art wie Roslawlew oder Juri Miloslawski;Romane von Michail Nikolajewitsch Sagoskin, erschienen 1829 bzw. 1830. aber hier wurde ein kleiner, schüchterner und sogar ein bißchen dummer Beamter geschildert, an dessen Uniform sogar die Knöpfe zerfasert waren; und alles war in so einfachem Stil geschrieben, genau wie wir selbst reden!Dies bezieht sich auf Dostojewskis eigenen Erstlingsroman ›Arme Leute‹. Sonderbar! Die alte Frau blickte ihren Mann fragend an und warf sogar die Lippen ein bißchen schmollend auf, wie wenn sie sich durch etwas gekränkt fühlte: ›Na, verdient denn solch dummes Zeug wirklich, daß es gedruckt wird und daß man es anhört? Und dafür bezahlen die Leute noch Geld!‹ stand auf ihrem Gesicht geschrieben. Natascha war ganz Ohr, hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu, wandte kein Auge von mir, blickte nach meinen Lippen, wie ich jedes Wort aussprach, und bewegte selbst ihre schönen Lippen in unbewußter Nachahmung. Und was geschah? Ehe ich noch bis zur Mitte gelangt war, strömten meinen Zuhörern die Tränen aus den Augen. Anna Andrejewna weinte aufrichtig, bemitleidete meinen Helden von ganzem Herzen und hegte (was ich aus ihren Ausrufen schließen konnte) den recht naiven Wunsch, ihm irgendwie in seinem Unglück zu helfen. Der Alte hatte alle Gedanken an großartige Stoffe bereits über Bord geworfen. »Man sieht gleich von vornherein«, sagte er, »daß dem Verfasser die Flügel noch nicht gewachsen sind; er ist nur so ein ganz einfacher Erzähler; aber dafür greift er einem ans Herz; dafür wird einem das, was um einen herum vorgeht, verständlich und begreiflich; man sieht ein, daß der armseligste, geringste Mensch doch auch ein Mensch und unser Bruder ist.«

Natascha hörte zu, weinte und drückte mir unter dem Tisch heimlich, aber kräftig die Hand. Die Vorlesung war zu Ende. Natascha stand auf; ihre Wangen glühten; die Tränen standen ihr in den Augen; auf einmal ergriff sie meine Hand, küßte sie und lief aus dem Zimmer. Der Vater und die Mutter wechselten einen Blick miteinander.

»Hm! Wie gerührt sie ist!« sagte der Alte, erstaunt über das Benehmen der Tochter. »Aber das schadet nichts; das ist ganz gut, ganz gut, der Ausbruch eines edlen Gefühls! Sie ist ein braves Mädchen«, murmelte er und sah dabei flüchtig seine Frau an, als wolle er Natascha und gleichzeitig eigentümlicherweise auch mich entschuldigen.

Aber Anna Andrejewna machte, obgleich sie während der Vorlesung selbst recht aufgeregt und gerührt gewesen war, jetzt doch ein Gesicht, als ob sie sagen wollte: »Freilich ist Alexander von Makedonien ein Held; aber muß man deshalb gleich Stühle zerschlagen?«

Natascha kehrte bald zurück; sie war heiter und glücklich und kniff mich heimlich, als sie an mir vorbeiging. Der Alte wollte sich wieder daranmachen, meinen Roman »ernsthaft« zu kritisieren; aber vor Freude blieb er seiner Rolle nicht treu, sondern ließ sich hinreißen:

»Na, Wanja, lieber Freund, das ist ja schön, sehr schön! Es hat mir gefallen! Es hat mir so gut gefallen, wie ich es gar nicht erwartet hatte. Es ist ja nichts Hohes, nichts Großartiges; das ist klar. Da habe ich ein Buch liegen: »Die Befreiung Moskaus«; es ist auch in Moskau selbst verfaßt – na, da sieht man gleich bei der ersten Zeile, lieber Freund, daß der Verfasser sich sozusagen auf Adlersfittichen in die Höhe schwingt. Aber weißt du, Wanja, bei dir ist alles einfacher, verständlicher. Eben deshalb sagt es mir zu, weil es verständlicher ist! Es steht einem gewissermaßen näher; es ist mir, als hätte ich es selbst erlebt. Und was hat man von etwas Großartigem? Ich hätte es selbst nicht einmal verstanden. Den Stil würde ich an deiner Stelle verbessern; ich lobe ihn ja, aber man muß doch sagen, er ist etwas niedrig. Na, aber jetzt ist es dazu zu spät: nun ist es gedruckt. Vielleicht bei der zweiten Auflage? Es wird ja doch wohl zu einer zweiten Auflage kommen? Dann erhältst du auch wieder Geld . . . Hm!«

»Und hast du wirklich so viel Geld dafür erhalten, Iwan Petrowitsch?« sagte Anna Andrejewna. »Ich sehe dich an und kann es immer noch nicht recht glauben. Ach du mein Gott, wofür die Leute nicht alles jetzt Geld ausgeben!«

»Weißt du, Wanja«, fuhr der Alte, immer eifriger werdend, fort, »das ist ja zwar kein Staatsdienst, aber eine Art Karriere ist es doch. Auch hochgestellte Persönlichkeiten werden es lesen. Du hast uns gesagt, Gogol habe eine jährliche Beihilfe bekommen und sei ins Ausland geschickt worden. Nun, wenn dir das auch zuteil würde? Wie? Oder ist es dazu noch zu früh? Mußt du noch etwas anderes schreiben? Nun, dann tu das, lieber Freund, tu das so schnell wie möglich! Ruhe nicht aus auf deinen Lorbeeren! Worauf willst du warten?«

Er sagte das alles in einem solchen Tone der Überzeugung und mit soviel Gutherzigkeit, daß ich nicht den Mut fand, seine phantastischen Vorstellungen zu hemmen und abzukühlen.

»Oder vielleicht gibt man dir auch eine Tabatiere, wie? Gnadenbeweise sind an keine Regeln gebunden. Man wird dich aufmuntern wollen. Und wer weiß, vielleicht kommst du auch an den Hof«, fügte er flüsternd mit einem bedeutsamen Blick hinzu; »oder geht das nicht? Das ist wohl noch zu früh?«

»Na, am Ende gar an den Hof!« sagte Anna Andrejewna, wie wenn sie sich gekränkt fühlte.

»Es fehlt nicht viel, so werden Sie mich noch zum General befördern!« antwortete ich, herzlich lachend.

Der Alte lachte ebenfalls. Er war außerordentlich zufrieden.

»Exzellenz, belieben Sie nicht zu speisen?« rief die übermütige Natascha, die unterdessen für uns das Abendbrot zurechtgemacht hatte.

Sie kicherte, lief zu ihrem Vater, umarmte ihn innig und streichelte ihn mit ihren heißen Händen.

»Gutes, gutes Papachen!«

Der Alte wurde gerührt.

»Nun, nun, laß nur gut sein, laß nur gut sein! Ich rede das ja alles nur so harmlos hin. Lassen wir den General beiseite und gehen wir zum Abendessen! Ach, was bist du für ein empfindsames Ding!« fügte er hinzu und klopfte seiner Natascha auf das gerötete Bäckchen, was er bei jeder passenden Gelegenheit zu tun pflegte. »Siehst du, Wanja, ich rede so, weil ich es gut mit dir meine. Na, wenn du auch kein General bist (bis dahin hast du es allerdings noch weit!), so bist du doch eine bekannte Persönlichkeit, ein Autor.«

»Heutzutage sagt man ›Schriftsteller‹, Papachen.«

»Nicht Autor? Das habe ich nicht gewußt. Na, meinetwegen auch ein Schriftsteller; aber was ich noch sagen wollte: zum Kammerherrn werden sie dich für deinen Roman freilich nicht befördern, daran ist nicht zu denken; aber Karriere kannst du trotzdem machen; du könntest zum Beispiel Attaché werden. Man kann dich ins Ausland schicken, nach Italien, zur Wiederherstellung deiner Gesundheit oder zur Vervollkommnung in den Wissenschaften, ja; man kann dir eine pekuniäre Beihilfe geben. Natürlich ist erforderlich, daß auch von deiner Seite alles anständig zugeht und daß du für deine Leistungen, für wirkliche Leistungen Geld und Ehren einerntest und nicht infolge von Protektion . . .«

»Und werde dann nur nicht stolz, Iwan Petrowitsch!« fügte Anna Andrejewna lachend hinzu.

»Verleihe ihm nur recht schnell einen hohen Orden, Papachen; denn bloß Attaché ist doch ein bißchen wenig.«

Dabei kniff sie mich wieder in den Arm.

»Dieses Mädchen muß sich doch immer über mich lustig machen!« rief der Alte und blickte entzückt seine Natascha an, deren Bäckchen brannten und deren Äuglein wie zwei Sternchen lustig glänzten. »Ich bin, wie es scheint, wirklich etwas zu weit gegangen, Kinder; ich habe mich in die Wolken verstiegen; ich bin immer so gewesen . . . Aber weißt du, Wanja, sehe ich dich so an: was bist du für ein einfacher Mensch . . .«

»Ach, mein Gott! Wie soll er denn sein, Papachen?«

»Nein, nein, ich drücke mich falsch aus. Ich meine nur, Wanja, du hast so ein Gesicht . . . das heißt sozusagen ein ganz unpoetisches Gesicht. Weißt du, man sagt, die Dichter, das sind solche blassen Menschen, und sie haben solche Haare, und es liegt so etwas in ihren Augen. Weißt du, ich denke da an Goethe und andere; ich habe das im ›Abbadona‹ gelesen. Aber wie ist's? Habe ich da wieder etwas Dummes geschwatzt? Nun sieh einer die Schelmin; sie will sich ordentlich ausschütten vor Lachen über mich! Ich bin kein Gelehrter, meine Lieben: ich kann nur meinem Gefühl folgen. Na, lassen wir dein Gesicht; was man für ein Gesicht hat, das ist schließlich kein Unglück; mir ist deins hübsch genug, und es gefällt mir sehr. In dem Sinn habe ich es nicht gesagt. Sei nur ein ehrenhafter Mensch, Wanja, ein ehrenhafter Mensch, das ist die Hauptsache; lebe ehrenhaft; überhebe dich nicht! Du hast freie Bahn vor dir. Diene ehrenhaft deinem Beruf; das ist's, was ich sagen wollte; das ist's, was ich eigentlich sagen wollte!«

Es war eine wundervolle Zeit! Alle meine freien Stunden, alle Abende verlebte ich bei ihnen. Dem Alten brachte ich Nachrichten aus der literarischen Welt, über alle möglichen Schriftsteller; denn er hatte auf einmal aus nicht recht verständlichem Grund angefangen, sich für diese lebhaft zu interessieren; er hatte sogar angefangen, die kritischen Artikel B.s zu lesen, über den ich ihm vieles mitgeteilt hatte; er verstand sie fast gar nicht, lobte ihn aber begeistert und schalt grimmig auf seine Feinde, die in der »Nordischen Biene« schrieben. Die alte Frau hatte ein scharfes Auge auf mich und Natascha, konnte uns aber doch nicht immer beaufsichtigen! Wir hatten schon ein wichtiges kleines Gespräch miteinander gehabt, und ich hatte endlich gehört, wie Natascha mit gesenktem Köpfchen und nur halb geöffneten Lippen fast flüsternd zu mir »ja« sagte. Aber auch die Eltern erfuhren dies: sie errieten es, sie dachten es sich. Anna Andrejewna schüttelte lange den Kopf. Eine seltsame Bangigkeit überkam sie; sie setzte auf mich kein rechtes Vertrauen.

»Solange du Erfolg hast, ist ja alles schön und gut, Wanja«, sagte sie. »Aber wenn nun eines Tages der Erfolg ausbleibt oder sonst etwas passiert, was dann? Wenn du doch irgendwo im Staatsdienst eine Anstellung hättest!«

»Hör mal zu, was ich dir sagen werde!« ließ sich der Alte nach einigem Nachdenken vernehmen. »Ich habe es auch selbst gesehen, es bemerkt und, offen gestanden, mich sogar darüber gefreut, daß du und Natascha . . . na, was ist da weiter zu sagen! Siehst du, Wanja, ihr seid beide noch sehr jung, und meine Anna Andrejewna hat ganz recht. Warten wir noch ein Weilchen! Du besitzt allerdings Talent, sogar ein bemerkenswertes Talent . . . na, ein Genie bist du nicht, wie die Leute zuerst schrien; du hast eben einfach Talent (ich habe da gerade heute eine Kritik über dich in der »Nordischen Biene« gelesen; da haben sie dir sehr übel mitgespielt; aber was ist das auch für ein Schandblatt!). Ja! Also siehst du: wenn man Talent hat, so hat man darum noch nicht ein hübsches Kapital bei der Bank; ihr seid beide arm. Warten wir noch so anderthalb Jahre oder wenigstens ein Jahr: wenn du deinen Weg machst und festen Ganges auf deiner Bahn vorwärtsschreitest, so ist Natascha die Deine; gelingt es dir nicht, so wirst du dir das Nötige selbst sagen! Du bist ein ehrenhafter Mensch; denk über die Sache nach!«

Dabei blieb es. Aber nach einem Jahr stand die Sache folgendermaßen:

Ja, es war fast genau ein Jahr darauf! Am Spätnachmittag eines hellen Septembertages kam ich, krank und voll tiefen Herzwehs, zu dem alten Ehepaar und sank beinah ohnmächtig auf einen Stuhl, so daß sie mich ganz erschrocken ansahen. Aber nicht deshalb war mir der Kopf so schwindlig und das Herz so beklommen, daß ich zehnmal an ihre Tür herangekommen und zehnmal wieder umgekehrt war, nicht deshalb, weil meine Karriere mir nicht geglückt war und ich immer noch weder Ruhm noch Geld besaß; nicht deshalb, weil ich noch nicht »Attaché« geworden war und viel daran fehlte, daß man mich zur Wiederherstellung meiner Gesundheit nach Italien geschickt hätte; sondern deshalb, weil man in einem einzigen Jahr zehn Jahre durchleben kann und meine Natascha wirklich in diesem einen Jahr zehn Jahre durchlebt hatte. Ein unendlicher Raum lag zwischen uns. Und so saß ich denn damals dem alten Ichmenew gegenüber, schwieg und zerknickte in meiner Zerstreuung mit der Hand die Krempe meines Hutes, die auch ohnehin schon arg zerbrochen war; ich saß da und wartete, ohne zu wissen warum, darauf, daß Natascha hereinkäme. Mein Anzug war kläglich und saß mir schlecht; im Gesicht war ich mager und gelb geworden, war aber dennoch einem Dichter nicht im entferntesten ähnlich, und in meinen Augen lag nichts Großartiges, worüber sich der gute Nikolai Sergejewitsch einstmals seine Sorgen gemacht hatte. Die alte Frau sah mich mit unverhohlenem und gar zu eiligem Mitleid an und dachte im stillen:

»Und der wäre beinah Nataschas Bräutigam geworden! Gott behüte und bewahre uns!«

»Wie ist's, Iwan Petrowitsch?« sagte sie. »Willst du nicht Tee trinken?« (Der siedende Samowar stand auf dem Tisch.) »Wie ist denn dein Befinden, lieber Freund? Du siehst ganz krank aus«, fügte sie in klagendem Ton hinzu; ich höre sie, als ob es heute wäre.

Und als ob es heute wäre, sehe ich sie: sie redete so mitleidig zu mir; aber in ihren Augen war noch eine andere Sorge sichtbar, ebendieselbe Sorge, die auch ihren Mann bedrückte, so daß er jetzt vor seiner kalt gewordenen Tasse Tee saß und in Gedanken versunken war. Ich wußte, daß ihnen jetzt der übel verlaufende Prozeß mit dem Fürsten Walkowski Sorge bereitete und daß ihnen noch andere Unannehmlichkeiten zugestoßen waren, die den alten Nikolai Sergejewitsch hart angegriffen und ordentlich krank gemacht hatten. Der junge Fürst, um dessentwillen diese ganze häßliche Prozeßgeschichte entstanden war, hatte vor fünf Monaten eine Gelegenheit gefunden, zu Ichmenews ins Haus zu kommen. Der Alte, der »seinen lieben Aljoscha« wie einen eigenen Sohn liebte und fast täglich an ihn gedacht hatte, nahm ihn mit Freuden auf. Anna Andrejewna mußte wieder an Wassiljewskoje denken und zerfloß in Tränen. Aljoscha kam nun immer häufiger zu ihnen, ohne Wissen seines Vaters; Nikolai Sergejewitsch, als ehrlicher, gerader, offenherziger Mann, wies entrüstet alle Vorsichtsmaßregeln zur Verheimlichung dieser Besuche zurück. In edlem Stolz kümmerte er sich nicht darum, was der Fürst sagen werde, wenn er erführe, daß sein Sohn wieder bei Ichmenews verkehre, und verachtete im stillen den törichten Verdacht, den der Fürst hegen könnte. Aber der Alte hatte nicht bedacht, ob auch seine Kraft dazu ausreichen werde, neue Beleidigungen zu ertragen. Bald kam der junge Fürst täglich zu ihnen. Das Zusammensein mit ihm machte sie heiter und fröhlich. Die ganzen Abende und bis lange nach Mitternacht saß er bei ihnen. Natürlich erfuhr der Vater schließlich dies alles in Form einer widerwärtigen Klatscherei. Er beleidigte Nikolai Sergejewitsch durch einen abscheulichen Brief über dasselbe Thema wie früher und untersagte dem Sohn auf das strengste den weiteren Verkehr mit Ichmenews. Dies hatte sich zwei Wochen vor dem Besuch, den ich ihnen machte, zugetragen. Der alte Mann war furchtbar traurig. Wie! seine Natascha, seine unschuldige, edle Tochter, sollte wieder in diese schmutzige Verleumdung, in diese Gemeinheit hineingezogen werden! Ihr Name wurde in beleidigender Weise von dem Menschen ausgesprochen, der ihn auch früher schon verunehrt hatte! Und hierfür keine Genugtuung erlangen zu können! In den ersten Tagen hatte er sich vor Verzweiflung ins Bett gelegt. All dies wußte ich. Die ganze häßliche Geschichte war mir in allen Einzelheiten bekannt geworden, obgleich ich, krank und niedergeschlagen, die letzte Zeit über, drei Wochen lang, mich bei ihnen nicht hatte blicken lassen und in meiner Wohnung bettlägerig gewesen war. Aber ich wußte auch (nein! ich ahnte es damals nur erst, oder vielmehr ich wußte es, wollte es aber nicht glauben), daß es außer dieser unangenehmen Sache noch etwas gab, was sie mehr als alles andere beunruhigen mußte, und ich beobachtete sie mit qualvoller Sorge. Ja, ich litt Qualen; ich fürchtete mich, die Wahrheit zu erraten; ich fürchtete mich, sie zu glauben, und suchte aus aller Kraft, den verhängnisvollen Augenblick hinauszuschieben. Und doch war ich um dieses Augenblicks willen hingegangen. Es hatte mich an diesem Abend unwillkürlich zu ihnen hingezogen!

»Ja, Wanja«, fragte auf einmal der Alte, wie wenn er aus seiner Versunkenheit erwachte, »bist du vielleicht krank gewesen? Weil du so lange nicht zu uns gekommen bist. Ich muß dich um Entschuldigung bitten: ich wollte dich schon längst besuchen, aber immer . . . hm . . .«

Er versank wieder in seine Gedanken.

»Ich bin unwohl gewesen«, antwortete ich.

»Hm! Unwohl!« wiederholte er fünf Minuten darauf. »So so, unwohl! Ich habe es dir damals gesagt und dich gewarnt; aber du hast nicht auf mich gehört! Hm! Nein, Wanjuscha: solange die Welt steht, hat die Muse hungernd im Dachkämmerchen gesessen, und das wird auch immer so bleiben. So ist das!«

Ja, der Alte war in übler Stimmung. Hätte er nicht eine so tiefe Wunde im Herzen gehabt, so würde er nicht zu mir von der hungernden Muse gesprochen haben. Ich blickte ihm ins Gesicht: es war gelb geworden, und in seinen Augen lag der Ausdruck eines verständnislosen Zweifels, einer Frage, die er nicht zu beantworten vermochte. Er zeigte eine gewisse Schroffheit und eine ungewöhnliche Verbitterung. Seine Frau sah ihn beunruhigt an und schüttelte den Kopf. Als er sich einmal umwendete, machte sie mir nach ihm hin verstohlen mit dem Kopf ein Zeichen.

»Wie befindet sich Natalja Nikolajewna? Ist sie zu Hause?« fragte ich die bekümmerte Anna Andrejewna.

»Ja, sie ist zu Hause, lieber Freund«, erwiderte sie in einem Ton, als ob ihr meine Frage unangenehm sei. »Sie wird gleich selbst hereinkommen, um dich zu begrüßen. Es ist keine Kleinigkeit, einander drei Wochen lang nicht zu sehen! Und sie ist in der letzten Zeit eine ganz andere geworden; man wird gar nicht aus ihr klug, ob sie gesund ist oder krank; Gott helfe ihr!«

Sie sah ihren Mann schüchtern an.

»Was redest du da? Es fehlt ihr nichts«, versetzte Nikolai Sergejewitsch mißmutig und kurz abgebrochen; »sie ist gesund. Das Mädchen kommt einfach in die Jahre; sie ist kein Kind mehr; das ist das Ganze. Wer kann diesen Mädchenkummer und diese Mädchenlaunen genau verstehen!«

»Na, am Ende gar Launen!« erwiderte Anna Andrejewna gekränkt.

Der Alte schwieg und trommelte mit den Fingern auf dem Tische. ›Mein Gott, ob denn wirklich schon etwas zwischen ihnen vorgefallen ist?‹ dachte ich voller Angst. »Nun, und wie steht es bei euch?« begann der Alte von neuem. »Schreibt B. immer noch Kritiken?«

»Ja, das tut er«, antwortete ich.

»Ach, Wanja, Wanja!« schloß er mit einer resignierten Handbewegung. »Was kümmern uns jetzt die Kritiken!«

Die Tür öffnete sich, und Natascha kam herein.

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