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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
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Achtes Kapitel

In diesem Augenblick erscholl ein starker Donnerschlag, und der Regen schlug in kräftigem Guß gegen die Scheiben; im Zimmer wurde es dunkel. Die alte Frau hatte einen argen Schreck bekommen und bekreuzigte sich. Wir alle schwiegen auf einmal.

»Es wird gleich vorübergehen«, sagte der Alte, indem er nach dem Fenster blickte; dann stand er auf und ging im Zimmer auf und ab.

Nelly verfolgte ihn mit schrägen Blicken. Sie befand sich in einer außerordentlichen, krankhaften Aufregung. Ich sah das; aber sie vermied es, mich anzusehen.

»Nun, und was geschah dann weiter?« fragte der Alte, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl setzte.

Nelly blickte ängstlich um sich.

»Also hast du deinen Großvater dann nicht wieder gesehen?«

»Doch, ich habe ihn gesehen . . .«

»Ja, ja, erzähle, mein liebes Kind, erzähle!« fiel Anna Andrejewna ein.

»Ich sah ihn drei Wochen lang nicht wieder«, begann Nelly, »bis zum Anfang des Winters. Da wurde es kalt und schneite. Als ich den Großvater an der früheren Stelle wiedertraf, freute ich mich sehr; denn Mama grämte sich darüber, daß er nicht mehr kam. Sobald ich ihn erblickte, lief ich absichtlich auf die andere Seite der Straße, damit er sehen sollte, daß ich vor ihm wegliefe. Aber ich blickte mich um, und da sah ich, daß der Großvater zuerst mir schnell nachging und dann sogar zu laufen anfing, um mich einzuholen, und immer rief: ›Nelly, Nelly!‹ Und Asorka lief hinter ihm her. Er dauerte mich, und ich blieb stehen. Der Großvater kam heran und nahm mich bei der Hand und ging neben mir her, und als er sah, daß ich weinte, blieb er stehen, sah mich an, beugte sich zu mir herab und küßte mich. Da sah er, daß ich schlechte Schuhe anhatte, und fragte mich, ob ich keine anderen hätte. Da sagte ich ihm sogleich, daß Mama gar kein Geld hätte und daß unsere Wirtsleute uns nur aus Mitleid etwas zu essen gäben. Der Großvater sagte nichts dazu; aber er führte mich auf den Markt und kaufte mir ein Paar Schuhe und befahl mir, sie gleich da anzuziehen, und dann führte er mich in seine Wohnung nach der Gorochowaja; vorher aber ging er noch in einen Laden und kaufte eine Pastete und zwei Stücke Zuckerwerk, und als wir zu ihm nach Hause kamen, sagte er, ich solle die Pastete essen, und sah mir zu, während ich aß; und dann gab er mir das Zuckerwerk. Asorka aber hatte die Pfoten auf den Tisch gelegt und bat auch um ein Stückchen Pastete, und ich gab ihm etwas ab, und der Großvater lachte. Dann nahm er mich, stellte mich vor sich hin, streichelte mir den Kopf und fragte, ob ich etwas gelernt hätte und was ich wüßte. Ich sagte es ihm, und er befahl mir, ich solle, wenn es mir irgend möglich wäre, täglich um drei Uhr zu ihm kommen; er wolle mich dann selbst unterrichten. Darauf sagte er mir, ich solle mich umdrehen und durch das Fenster sehen, bis er sagen würde, daß ich mich wieder zu ihm hinwenden dürfe. Ich stellte mich auch so hin; aber heimlich drehte ich mich um und sah, daß er sein Kopfkissen an der einen unteren Ecke auftrennte und vier Rubel herausnahm. Als er sie herausgenommen hatte, brachte er sie mir und sagte: ›Das ist für dich allein.‹ Ich wollte das Geld schon nehmen; aber dann bedachte ich mich und sagte: ›Wenn es für mich allein sein soll, dann nehme ich es nicht.‹ Der Großvater wurde auf einmal zornig und sagte: ›Nun, dann nimm es und mach damit, was du willst! Geh weg!‹ Ich ging hinaus, und er küßte mich diesmal nicht.

Als ich nach Hause kam, erzählte ich alles Mama. Mit Mama aber wurde es immer schlechter und schlechter. Zu dem Sargtischler kam ein Student der Medizin; der behandelte Mama ärztlich und verschrieb ihr etwas zum Einnehmen.

Ich aber ging häufig zum Großvater: Mama wünschte es. Der Großvater kaufte ein Neues Testament und ein Geographiebuch und unterrichtete mich; manchmal erzählte er mir auch, was für Länder es auf der Erde gibt und was für Menschen darin wohnen und was für Meere es gibt und was früher alles geschehen ist und wie Christus uns alle erlöst hat. Wenn ich selbst ihn nach etwas fragte, so freute er sich sehr; darum fragte ich ihn auch häufig, und er erzählte mir alles und sprach auch viel von Gott. Manchmal aber lernten wir nicht, sondern spielten mit Asorka: Asorka hatte mich sehr liebgewonnen, und ich lehrte ihn, über den Stock zu springen, und der Großvater lachte und streichelte mir immer den Kopf. Aber lachen tat der Großvater nur selten. Manchmal sprach er viel; aber dann verstummte er plötzlich wieder und saß da, als ob er eingeschlafen wäre; aber die Augen waren offen. So saß er bis zur Dämmerung; in der Dämmerung aber sah er so furchtbar aus, so alt . . . Und manchmal wieder, wenn ich zu ihm kam, saß er auf seinem Stuhl in Gedanken versunken und hörte nichts, und Asorka lag neben ihm. Ich wartete und wartete und hustete; aber der Großvater blickte nicht auf. So ging ich denn wieder weg. Zu Hause aber wartete Mama immer schon ungeduldig auf mich; sie lag im Bett, und ich erzählte ihr alles, alles, so daß es darüber Nacht wurde; aber ich redete immer noch vom Großvater, und sie hörte zu: was er heute getan hatte, und was er mir erzählt hatte, was für Geschichten, und was er mir für eine Aufgabe aufgegeben hatte. Und wenn ich von Asorka anfing, daß ich ihn hatte über den Stock springen lassen und daß der Großvater gelacht hatte, dann fing auch sie auf einmal an zu lachen, und sie lachte manchmal lange und freute sich und ließ es mich noch einmal wiederholen und fing dann an zu beten. Ich aber dachte immer: ›Wie geht das zu? Mama hat den Großvater so sehr lieb und er sie gar nicht‹, und als ich wieder zum Großvater kam, erzählte ich ihm absichtlich, wie lieb Mama ihn hätte. Er hörte das an, machte aber ein so zorniges Gesicht; er hörte es an, ohne ein Wort zu sagen; dann fragte ich ihn noch, woher denn das komme, daß Mama ihn so liebhabe und immer nach ihm frage, und er sich niemals nach Mama erkundige. Der Großvater wurde sehr böse und jagte mich vor die Tür; ich wartete ein Weilchen vor der Tür, und da machte er auf einmal die Tür wieder auf und rief mich zurück; aber er war immer noch zornig und schwieg. Als wir aber dann anfingen, das Neue Testament zu lesen, da fragte ich wieder, wie denn das zugehe, daß Jesus Christus gesagt habe: ›Liebet euch untereinander und verzeiht die Beleidigungen!‹ und er Mama nicht verzeihen wolle. Da sprang er auf und schrie, das habe Mama mir eingetrichtert, stieß mich zum zweitenmal hinaus und sagte, ich solle mich jetzt nie wieder erdreisten, zu ihm zu kommen. Ich erwiderte ihm aber, ich würde jetzt schon von selbst nicht mehr zu ihm kommen, und ging von ihm weg . . . Aber der Großvater zog am folgenden Tag in eine andere Wohnung . . .«

»Ich habe es ja gesagt, daß der Regen bald vorübergehen werde; da ist er auch schon vorbei, da kommt schon die Sonne . . . sieh nur, Wanja!« sagte Nikolai Sergejewitsch, sich zum Fenster wendend.

Anna Andrejewna sah ihn höchst erstaunt an, und auf einmal blitzte ein Gefühl der Empörung in den Augen der bisher so friedlichen, schüchternen alten Frau auf. Schweigend faßte sie Nelly bei der Hand und setzte sie auf ihren Schoß.

»Erzähle du deine Geschichte mir, mein Engel, mir!« sagte sie. »Ich werde dir zuhören. Mögen diejenigen, die ein hartes Herz haben . . .«

Sie sprach den Satz nicht zu Ende und brach in Tränen aus. Nelly richtete erstaunt und erschrocken ihre Blicke auf mich. Der Alte sah mich an, zuckte ein wenig mit den Achseln, wandte sich aber sogleich wieder ab.

»Fahre nur fort, Nelly!« sagte ich.

»Ich ging drei Tage lang nicht zum Großvater«, begann Nelly von neuem; »aber während dieser Zeit verschlimmerte sich Mamas Zustand. Unser Geld war zu Ende, so daß wir keine Medizin kaufen konnten; und auch zu essen hatten wir nichts; denn die Wirtsleute hatten ebenfalls nichts und machten uns Vorwürfe, daß wir auf ihre Kosten lebten. Da stand ich am Morgen des dritten Tages auf und fing an, mich anzukleiden. Mama fragte, wohin ich gehen wolle. Ich sagte: ›Zum Großvater, ihn um Geld bitten‹, und sie freute sich; denn ich hatte ihr erzählt, wie er mich weggejagt hatte, und hatte ihr gesagt, ich wolle nicht mehr zu ihm gehen, obwohl sie geweint und mir zugeredet hatte zu gehen. Ich kam hin und erfuhr, daß der Großvater umgezogen sei, und ging zu dem neuen Haus, um ihn da zu suchen. Als ich zu ihm in die neue Wohnung kam, sprang er auf, stürzte auf mich los und stampfte mit den Füßen, und ich sagte ihm kurz, daß Mama sehr krank sei, daß wir Geld für Medizin brauchten, fünfzig Kopeken, und daß wir nichts zu essen hätten. Der Großvater schrie mich an und stieß mich auf die Treppe hinaus und machte hinter mir die Tür mit dem Haken zu. Aber als er mich hinausstieß, hatte ich ihm gesagt, ich würde mich auf die Treppe setzen und nicht eher fortgehen, als bis er mir Geld gebe. Ich setzte mich auch wirklich auf die Treppe. Nach einer Weile machte er die Tür auf und sah, daß ich noch dasaß, und machte sie wieder zu. Dann verging längere Zeit; da machte er wieder auf, sah wieder nach mir und machte wieder zu. Und so machte er noch viele Male die Tür auf und sah hinaus. Endlich kam er mit Asorka heraus, schloß die Tür zu und ging an mir vorbei aus dem Haus, ohne ein Wort zu sagen. Auch ich sagte kein Wort und blieb so sitzen und saß bis zum Dunkelwerden.«

»Du mein liebes Kind«, rief Anna Andrejewna; »aber es war ja doch kalt auf der Treppe!«

»Ich hatte ein Pelzmäntelchen an«, antwortete Nelly.

»Was hilft so ein Pelzmäntelchen . . . du liebes Kind! Was hast du alles aushalten müssen! Nun, und was tat er, dein Großvater?«

Nellys Lippen fingen an zu zucken; aber sie nahm sich mit einer außerordentlichen Anstrengung zusammen. »Er kam, als es schon ganz dunkel war, stieß an mich, als er in seine Wohnung gehen wollte, und rief: ›Wer ist da?‹ Ich antwortete, daß ich es sei. Er hatte gewiß geglaubt, ich sei schon längst weggegangen, und als er nun sah, daß ich immer noch da war, war er sehr erstaunt und blieb lange vor mir stehen. Auf einmal schlug er mit dem Stock auf die Stufen, lief zu seiner Tür, schloß sie auf, brachte mir einen Augenblick darauf eine Anzahl Kupfermünzen, lauter Fünfkopekenstücke, heraus und warf sie mir auf die Treppe. ›Da hast du‹, schrie er; ›nimm es hin; das ist alles, was ich habe; und sage deiner Mutter, daß ich sie verfluche!‹ Und damit schlug er die Tür zu. Die Kupferstücke aber rollten die Treppe hinunter. Ich begann, sie in der Dunkelheit aufzusammeln; dem Großvater war es offenbar nachträglich zum Bewußtsein gekommen, daß er die Geldstücke so hingestreut hatte und es mir im Dunkeln wohl schwer sein würde, sie alle aufzusammeln; denn er machte seine Tür auf und brachte eine Kerze heraus, und bei deren Schein bekam ich alles bald zusammen. Der Großvater half mir auch selbst suchen und sagte mir, es müßten im ganzen siebzig Kopeken sein; dann ging er wieder weg. Als ich nach Hause gekommen war, gab ich das Geld Mama und erzählte ihr alles, und mit Mama ging es immer schlechter, und auch ich selbst war die ganze Nacht krank und hatte am anderen Tag ebenfalls Fieber. Aber ich hatte nur einen einzigen Gedanken; denn ich war böse auf den Großvater, und als Mama eingeschlafen war, ging ich auf die Straße, auf Großvaters Wohnung zu, und stellte mich, ehe ich ganz hingekommen war auf eine Brücke. Da kam der . . .«

»Sie meint Archipow«, sagte ich; »das ist der Mensch, von dem ich Ihnen schon erzählt habe, Nikolai Sergejewitsch, daß er mit einem Kaufmann zusammen bei der Bubnowa war und da durchgeprügelt wurde. Nelly sah ihn damals zum ersten Male . . . Fahr fort, Nelly!«

»Ich hielt ihn an und bat ihn um Geld, um einen Rubel. Er sah mich an und fragte: ›Einen Rubel?‹ Ich sagte: ›Ja.‹ Da lachte er und sagte zu mir: ›Komm mit mir mit!‹ Ich wußte nicht, ob ich mitgehen solle; auf einmal trat ein alter Herr mit einer goldenen Brille heran; er hatte gehört, wie ich um einen Rubel gebeten hatte, beugte sich zu mir und fragte, wozu ich denn durchaus soviel haben wolle. Ich sagte ihm, Mama sei krank und wir brauchten soviel Geld für Medizin. Er erkundigte sich, wo wir wohnten, schrieb es sich auf und gab mir einen Rubelschein. Der andere aber war, als er den alten Herrn mit der Brille gesehen hatte, weggegangen und forderte mich nicht mehr auf, mit ihm zu kommen. Ich ging in einen Laden und wechselte den Rubel in Kupfermünzen; dreißig Kopeken wickelte ich in ein Stückchen Papier und steckte sie für Mama in die Tasche; die anderen siebzig Kopeken aber wickelte ich nicht in das Papier, sondern ich behielt sie absichtlich fest in der Hand und ging zum Großvater. Als ich zu ihm kam, machte ich die Tür auf, trat auf die Schwelle, holte mit dem Arm aus und warf ihm das ganze Geld hin, so daß es auf dem Fußboden umherrollte. ›Da, nehmen Sie Ihr Geld wieder!‹ sagte ich zu ihm. ›Mama kann Ihr Geld nicht brauchen, da Sie sie verflucht haben!‹ Dann schlug ich die Tür zu und lief sogleich davon.«

Ihre Augen funkelten, und sie sah den alten Mann mit naiv herausfordernder Miene an.

»Das war recht«, sagte Anna Andrejewna, ohne Nikolai Sergejewitsch anzusehen, und drückte Nelly fest an sich. »Das war ihm ganz recht; dein Großvater war ein böser, hartherziger Mensch . . .«

»Hm!« machte Nikolai Sergejewitsch.

»Nun, und was geschah dann weiter, was geschah dann weiter?« fragte Anna Andrejewna ungeduldig.

»Ich ging seitdem nicht mehr zum Großvater, und er kam nicht mehr zu mir«, antwortete Nelly.

»Aber wie erging es denn nun dir und deiner Mama? Ach, ihr Armen, ihr Armen!«

»Mit Mama wurde es immer schlechter, und sie stand nur noch selten vom Bett auf«, fuhr Nelly fort, und ihre Stimme zitterte und stockte. »Geld hatten wir nicht mehr, und so fing ich denn an, mit der Kapitänswitwe auszugehen. Diese ging in die Häuser und bat um Almosen, und auch auf der Straße hielt sie gutgekleidete Leute mit solchen Bitten an; davon lebte sie. Sie sagte mir, sie sei keine gewöhnliche Bettlerin, sondern habe Papiere, in denen ihr Stand angegeben sei und auch geschrieben stehe, daß sie arm sei. Diese Papiere zeigte sie immer vor, und daraufhin gaben ihr die Leute Geld. Sie sagte mir auch, alle Menschen um Unterstützung zu bitten sei keine Schande. Ich ging mit ihr zusammen, und wir erhielten milde Gaben; davon lebten wir. Mama erfuhr davon; denn die Tischlerleute machten ihr Vorwürfe, daß sie eine Bettlerin sei; die Bubnowa aber kam selbst zu Mama und sagte, sie solle mich doch lieber zu ihr hingeben, statt mich betteln zu lassen. Sie war auch schon früher zu Mama gekommen und hatte ihr Geld gebracht; und als Mama es von ihr nicht angenommen hatte, da hatte die Bubnowa gesagt: ›Warum sind Sie so stolz?‹ und hatte ihr Essen geschickt. Aber als sie jetzt das von mir sagte, erschrak Mama heftig und fing an zu weinen, und die Bubnowa schimpfte auf sie (denn sie war betrunken) und sagte, daß ich sowieso schon eine Bettlerin sei und mit der Kapitänswitwe ginge, und jagte gleich an demselben Abend die Kapitänswitwe aus dem Haus. Als Mama alles erfahren hatte, brach sie in Tränen aus; dann stand sie plötzlich vom Bett auf, zog sich an, nahm mich bei der Hand und ging mit mir zur Tür. Iwan Alexandrowitsch wollte sie zurückhalten; aber sie hörte nicht auf ihn, und wir gingen hinaus. Mama konnte kaum gehen und mußte sich alle Augenblicke auf der Straße hinsetzen, und ich stützte sie immer. Mama sagte fortwährend, sie wolle zum Großvater gehen und ich möchte sie hinführen; aber es war schon längst Nacht geworden. Auf einmal kamen wir in eine große Straße; da fuhren vor einem Haus schöne Equipagen vor, und es stiegen viele Leute aus, und alle Fenster waren hell erleuchtet, und man hörte Musik. Mama blieb stehen, faßte mich an der Schulter und sagte zu mir: ›Nelly, bleib arm; bleib dein ganzes Leben lang arm; geh nicht zu ihnen hin, wer auch immer dich ruft und zu dir kommt. Auch du könntest dort sein und viel Geld haben und ein schönes Kleid tragen; aber ich will das nicht. Das sind böse, hartherzige Menschen; mein Gebot ist dieses: bleibe arm, arbeite und bitte um Almosen; aber wenn jemand kommt, um dich zu holen, dann sage: ‚Ich will nicht zu Ihnen !‘‹ Das hat Mama zu mir gesagt, als sie krank war, und ich will ihr mein ganzes Leben lang gehorchen«, fügte Nelly, vor Aufregung zitternd, das Gesichtchen von Glut übergossen, hinzu, »und ich werde mein ganzes Leben lang dienen und arbeiten, und auch zu Ihnen bin ich gekommen, um zu dienen und zu arbeiten, und ich will nicht die Stellung einer Tochter einnehmen . . .«

»Nicht doch, nicht doch, mein Herzchen, nicht doch!« rief die alte Frau und umarmte Nelly herzlich. »Deine Mama war ja damals krank, als sie das sagte.«

»Irrsinnig war sie«, bemerkte der Alte in scharfem Ton.

»Mag sie auch irrsinnig gewesen sein«, erwiderte Nelly, sich heftig an ihn wendend. »Mag sie auch irrsinnig gewesen sein; sie hat es mir so befohlen, und so werde ich mein ganzes Leben lang handeln. Und als sie mir das gesagt hatte, fiel sie in Ohnmacht.«

»Herr du mein Gott!« schrie Anna Andrejewna auf. »Krank, und auf der Straße, im Winter! . . .«

»Man wollte uns nach der Polizei bringen; aber ein Herr nahm sich unser an, fragte mich, wo wir wohnten, gab mir zehn Rubel und sagte, ich solle Mama in seinem Wagen zu uns nach Hause bringen. Nachher ist Mama nicht mehr vom Bett aufgestanden, und nach drei Wochen starb sie . . .«

»Und ihr Vater? Also hat er ihr nicht verziehen?« rief Anna Andrejewna.

»Nein, er hat ihr nicht verziehen«, erwiderte Nelly, sich mit qualvoller Anstrengung zusammennehmend. »Eine Woche vor ihrem Tod rief mich Mama zu sich und sagte: ›Nelly, geh noch einmal zum Großvater, zum letztenmal, und bitte ihn, er möchte zu mir kommen und mir verzeihen; sage ihm, ich würde in wenigen Tagen sterben und ließe dich allein auf der Welt zurück. Und sage ihm noch, das Sterben werde mir schwer . . .‹ Ich ging hin und klopfte bei dem Großvater an; er machte auf, und als er mich erblickte, wollte er die Tür sogleich wieder vor mir zumachen; aber ich klammerte mich mit beiden Händen an der Tür fest und rief ihm zu: ›Mama liegt im Sterben; sie läßt Sie rufen; kommen Sie zu ihr!‹ Aber er stieß mich weg und schlug die Tür zu. Ich kehrte zu Mama zurück, legte mich neben sie, umarmte sie und sagte nichts. Mama umarmte mich auch und stellte keine Frage . . .«

Hier stützte sich Nikolai Sergejewitsch schwerfällig mit der Hand auf den Tisch und stand auf; aber nachdem er einen seltsamen, trüben Blick über uns alle hatte hingleiten lassen, ließ er sich wieder kraftlos in seinen Lehnstuhl zurücksinken. Anna Andrejewna sah ihn nicht mehr an, sondern umarmte Nelly schluchzend . . .

»Und dann am letzten Tag rief mich Mama, bevor sie starb, gegen Abend zu sich, faßte mich bei der Hand und sagte: ›Ich werde heute sterben, Nelly‹; sie wollte noch etwas sagen, war aber dazu nicht mehr imstande. Ich sah sie an; aber sie schien mich nicht mehr zu sehen; sie hielt nur meine Hand fest in ihren Händen. Ich zog leise meine Hand heraus und lief aus dem Haus, und den ganzen Weg über lief ich, so schnell ich konnte, und lief zum Großvater. Als er mich erblickte, sprang er vom Stuhl auf und sah mich an und erschrak so, daß er ganz blaß wurde und am ganzen Leib zitterte. Ich ergriff ihn bei der Hand und sagte nur ganz kurz: ›Sie stirbt gleich.‹ Da fing er auf einmal an, im Zimmer hin und her zu rennen, ergriff seinen Stock und lief mir nach; er vergaß sogar seinen Hut, und es war doch kalt. Ich nahm den Hut und setzte ihn ihm auf, und wir liefen zusammen aus dem Haus. Ich trieb ihn zur Eile an und sagte, er möchte doch eine Droschke nehmen, weil Mama gleich sterben werde; aber der Großvater hatte im ganzen nur noch sieben Kopeken. Er hielt einige Droschkenkutscher an und handelte mit ihnen; aber sie lachten nur über ihn, und auch über Asorka lachten sie, der mit uns lief, und wir liefen immer weiter und weiter. Der Großvater wurde müde und konnte nur mühsam atmen; aber doch beeilte er sich, soviel er nur konnte, und lief. Auf einmal fiel er hin, und der Hut flog ihm vom Kopf. Ich hob ihn auf, setzte ihn ihm wieder auf den Kopf und führte Großvater an der Hand; erst kurz vor Einbruch der Nacht kamen wir zu uns nach Hause . . . Aber Mama lag schon tot da. Als der Großvater sie sah, schlug er die Hände zusammen, fing an zu zittern, beugte sich über sie und sagte kein Wort. Da trat ich zu meiner toten Mama heran, faßte den Großvater bei der Hand und rief ihm zu: ›Da, du grausamer, böser Mensch, nun sieh her! . . . Sieh her!‹ Da schrie der Großvater auf und fiel wie tot auf den Fußboden.«

Nelly sprang auf, machte sich von Anna Andrejewnas Armen frei und stand blaß, erschöpft und in höchster Erregung mitten unter uns. Aber Anna Andrejewna eilte auf sie zu, schlang von neuem die Arme um sie und rief wie in Verzückung:

»Ich, ich werde jetzt deine Mutter sein, Nelly, und du mein Kind! Ja, Nelly, laß uns fortgehen; verlassen wir all diese grausamen, schlechten Menschen! Mögen sie sich aus dem Urteil anderer Menschen nichts machen; aber Gott, Gott wird es ihnen heimzahlen . . . Komm, Nelly, komm weg von hier, laß uns fortgehen! . . .«

Niemals, weder vorher noch nachher, habe ich sie in einem solchen Zustand gesehen, und ich hätte nicht gedacht, daß sie sich jemals in solcher Erregung befinden könne. Nikolai Sergejewitsch richtete sich in seinem Lehnstuhl gerade, erhob sich ein wenig und fragte mit stockender Stimme:

»Wo willst du hin, Anna Andrejewna?«

»Zu ihr, zu meiner Tochter, zu Natascha!« rief sie und zog Nelly hinter sich her, der Tür zu.

»Halt, halt, warte einen Augenblick!«

»Wozu soll ich noch warten, du hartherziger, böser Mensch! Ich habe lange genug gewartet, und sie hat lange genug gewartet; jetzt leb wohl! . . .«

Nach dieser Antwort drehte die alte Frau sich noch einmal um, blickte zu ihrem Mann hin und wurde starr vor Staunen. Nikolai Sergejewitsch stand vor ihr, hatte seinen Hut ergriffen und mühte sich mit seinen zitternden, kraftlosen Händen, eilig seinen Mantel anzuziehen.

»Du . . . du willst auch mit mir kommen?« rief sie, die Hände faltend, und sah ihn zweifelnd an, als ob sie an ein so großes Glück gar nicht zu glauben wage.

»Natascha, wo ist meine Natascha? Wo ist sie? Wo ist meine Tochter?« rang es sich endlich wie ein Schrei aus der Brust des alten Mannes. »Gebt mir meine Natascha wieder! Wo, wo ist sie?«

Er ergriff den Krückstock, den ich ihm reichte, und eilte zur Tür.

»Er hat ihr verziehen! Er hat ihr verziehen!« rief Anna Andrejewna.

Aber der alte Mann gelangte nicht bis zur Schwelle. Die Tür wurde hastig aufgerissen, und Natascha stürzte ins Zimmer, blaß, mit fieberhaft glänzenden Augen. Ihr Kleid war zerdrückt und vom Regen durchnäßt. Das Tuch, das sie sich um den Kopf gebunden hatte, war ihr in den Nacken gerutscht, und in ihren verwirrten, dichten Haarsträhnen funkelten große Regentropfen. Sie kam hereingelaufen, erblickte ihren Vater, fiel aufschreiend vor ihm auf die Knie und streckte die Arme nach ihm aus.

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