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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
projectidf43b867d
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Siebentes Kapitel

Der Weg erschien mir endlos. Schließlich aber kamen wir doch ans Ziel, und ich trat bei den alten Leuten mit bangem Herzen ein. Ich wußte nicht, wie ich aus ihrem Haus herauskommen würde; aber ich wußte, daß ich alles, was nur irgend in meinen Kräften stand, tun mußte, um Verzeihung und Versöhnung herbeizuführen.

Es war schon drei Uhr durch. Die alten Leute saßen wie gewöhnlich allein. Nikolai Sergejewitsch war sehr niedergeschlagen und krank; er saß, in halb liegender Stellung ausgestreckt, in seinem bequemen Lehnstuhl, blaß und kraftlos, den Kopf mit einem Tuch umbunden. Anna Andrejewna saß neben ihm, befeuchtete ihm von Zeit zu Zeit die Schläfen mit Essig und sah ihm fortwährend mit einem forschenden, schmerzlichen Blick ins Gesicht, was den Alten anscheinend sehr beunruhigte und sogar ärgerte. Er schwieg hartnäckig, und sie wagte nicht, ihn anzureden. Unser plötzliches Kommen überraschte sie beide. Anna Andrejewna bekam einen ordentlichen Schreck, als sie mich und Nelly erblickte, und sah uns im ersten Augenblick so an, als ob sie sich plötzlich irgendwelcher Schuld bewußt würde.

»Da bringe ich Ihnen meine Nelly«, sagte ich beim Eintritt. »Sie hat es sich überlegt und wünscht jetzt selbst, zu Ihnen zu ziehen. Nehmen Sie sie freundlich auf und haben Sie sie lieb! . . .«

Der Alte sah mich mißtrauisch an, und schon seinem Blick konnte ich entnehmen, daß ihm alles bekannt war, nämlich daß Natascha jetzt bereits allein, einsam und verlassen und vielleicht sogar schon Beleidigungen ausgesetzt sei. Es lag ihm sehr daran, den wahren Grund unseres Kommens zu durchschauen, und er sah mich und Nelly fragend an. Nelly zitterte und drückte meine Hand fest mit der ihrigen, schaute zur Erde und warf nur ab und zu wie ein gefangenes Tier einen ängstlichen Blick um sich. Aber Anna Andrejewna sammelte sich bald und erriet den Zusammenhang: sie eilte lebhaft auf Nelly zu, küßte und liebkoste sie, begann sogar zu weinen, wies ihr mit großer Zärtlichkeit einen Platz neben sich an und ließ Nellys Hand nicht aus der ihrigen. Nelly sah sie neugierig und mit einer gewissen Verwunderung von der Seite an.

Aber nachdem die alte Frau Nelly gestreichelt und neben sich gesetzt hatte, wußte sie nicht, was sie nun weiter tun solle, und sah mich mit naiver Erwartung an. Der Alte machte ein finsteres Gesicht und mochte beinah erraten, zu welchem Zweck ich Nelly hergebracht hatte. Als er sah, daß ich seine unzufriedene Miene und seine gerunzelte Stirn bemerkte, führte er seine Hand an den Kopf und sagte kurz zu mir:

»Ich habe Kopfschmerzen, Wanja.«

Wir saßen immer noch da und schwiegen; ich überlegte, wie ich die Sache nun anfangen sollte. Im Zimmer war es dunkel; die schwarze Gewitterwolke rückte höher herauf, und es war von neuem ein fernes Donnerrollen zu hören.

»Für ein Gewitter ist es noch recht früh in diesem Jahr«, sagte der Alte. »Aber ich erinnere mich, im Jahre siebenunddreißig war in unserer Gegend noch früher ein Gewitter.«

Anna Andrejewna seufzte.

»Soll ich nicht den Samowar aufstellen?« fragte sie schüchtern; aber niemand antwortete ihr, und so wandte sie sich wieder an Nelly. »Wie heißt du denn, liebes Kind?« fragte sie sie.

Nelly nannte mit leiser Stimme ihren Namen und ließ den Kopf noch tiefer herabsinken. Der Alte blickte sie unverwandt an.

»Das heißt Jelena, nicht wahr?« fuhr die alte Frau, lebhafter werdend, fort.

»Ja«, antwortete Nelly.

Und wieder folgte ein minuntenlanges Schweigen.

»Deine Schwester Praskowja Andrejewna hatte auch eine Tochter, die Jelena hieß und Nelly genannt wurde«, sagte Nikolai Sergejewitsch. »Ich erinnere mich.«

»Und nun hast du, liebes Kind, gar keine Angehörigen mehr, weder Vater noch Mutter?« fragte Anna Andrejewna wieder.

»Nein«, flüsterte Nelly kurz und ängstlich.

»Ich habe es gehört, ich habe es gehört. Ist denn deine liebe Mutter schon lange tot?«

»Nein, noch nicht lange.«

»Du mein liebes Kind, du arme Waise!« fuhr die Alte fort und blickte sie voll Mitleid an.

Nikolai Sergejewitsch trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch.

»Deine liebe Mutter war eine Ausländerin, nicht wahr? So erzähltest du ja wohl, Iwan Petrowitsch?« setzte die alte Frau ihre schüchternen Fragen fort.

Nelly ließ ihre schwarzen Augen eilig zu mir hinlaufen, wie wenn sie mich um Hilfe anriefe. Sie atmete ungleichmäßig und mühsam.

»Ihre Mutter, Anna Andrejewna«, begann ich, »war die Tochter eines Engländers und einer Russin, so daß sie eher eine Russin genannt werden muß; Nelly aber ist im Ausland geboren.«

»Wie ist denn das gekommen, daß ihre Mutter mit ihrem Mann ins Ausland gefahren ist?«

Nelly wurde auf einmal dunkelrot. Die alte Frau merkte sofort, daß sie mit dieser Frage einen Fehler gemacht hatte, und zuckte unter dem zornigen Blick ihres Mannes zusammen. Er sah sie streng an und wandte sich dann von ihr ab zum Fenster.

»Ihre Mutter ist von einem schlechten, gemeinen Menschen betrogen worden«, sagte er, indem er sich plötzlich wieder zu Anna Andrejewna hinwandte. »Sie fuhr mit ihm von ihrem Vater weg und übergab das Geld ihres Vaters ihrem Liebhaber, der es von ihr durch Betrug herausgelockt hatte; dieser brachte sie ins Ausland, bestahl sie und ließ sie im Stich. Ein guter Mensch nahm sich ihrer an und half ihr bis zu seinem Tod. Als er gestorben war, kehrte sie vor zwei Jahren zu ihrem Vater zurück. So hast du ja wohl erzählt, Wanja?« fragte er kurz.

Nelly stand in größter Aufregung von ihrem Platz auf und wollte zur Tür gehen.

»Komm her, Nelly!« sagte der alte Mann und streckte ihr endlich die Hand entgegen. »Setz dich hierher, setz dich neben mich; hierher; setz dich!«

Er beugte sich zu ihr, küßte sie auf die Stirn und streichelte ihr leise den Kopf. Nelly zitterte am ganzen Leib; aber sie beherrschte sich. Anna Andrejewna sah mit Rührung und freudiger Hoffnung, daß ihr Nikolai Sergejewitsch endlich die Waise liebkoste.

»Ich weiß, Nelly, daß ein schlechter, sittenloser Mensch deine Mutter zugrunde gerichtet hat; aber ich weiß auch, daß sie ihren Vater liebte und achtete«, sagte der alte Mann in starker Erregung und fuhr fort, Nellys Kopf zu streicheln; er hatte es sich nicht versagen können, uns in diesem Augenblick diese Herausforderung entgegenzuschleudern.

Eine leichte Röte überzog seine blassen Wangen; aber er bemühte sich, uns nicht anzusehen.

»Mama liebte den Großvater mehr, als der Großvater sie liebte«, sagte Nelly schüchtern, aber in festem Ton, ebenfalls bemüht, niemanden anzublicken.

»Woher weißt du denn das?« fragte der Alte scharf; er konnte sich wie ein Kind nicht beherrschen und schien sich selbst seiner Aufwallung sogleich zu schämen.

»Ich weiß es«, erwiderte Nelly kurz. »Er nahm Mama nicht auf und . . . trieb sie von sich . . .«

Ich sah, daß Nikolai Sergejewitsch sich anschickte, etwas zu sagen, zu erwidern, vielleicht zu sagen, daß der Alte seine Tochter verdientermaßen nicht aufgenommen habe; aber er sah uns an und schwieg.

»Wo habt ihr denn dann gewohnt, wenn euch der Großvater nicht aufnahm?« fragte Anna Andrejewna, in der auf einmal der eigensinnige Wunsch erwachte, gerade bei diesem Thema zu verbleiben.

»Als wir angekommen waren, suchten wir den Großvater lange«, antwortete Nelly, »aber wir konnten ihn gar nicht finden. Mama sagte mir damals, daß der Großvater früher sehr reich gewesen sei und eine Fabrik habe anlegen wollen, daß er aber nun sehr arm sei, weil der, mit dem Mama weggefahren sei, ihr das ganze Geld des Großvaters weggenommen und nicht wiedergegeben habe. Das hat sie mir selbst gesagt.«

»Hm!« sagte der Alte zur Erwiderung.

»Und sie sagte mir noch«, fuhr Nelly fort, die immer lebhafter wurde und in Wirklichkeit Nikolai Sergejewitschs Zweifel widerlegen wollte, sich aber äußerlich an Anna Andrejewna wandte, »sie sagte mir, der Großvater sei auf sie sehr zornig, und sie selbst habe sich gegen ihn sehr schwer vergangen, und sie habe jetzt auf der ganzen Welt niemanden als den Großvater. Und wenn sie mir das sagte, weinte sie immer . . . ›Er wird mir nicht verzeihen‹, sagte sie, schon als wir hierherfuhren; ›aber wenn er dich sieht, wird er dich vielleicht liebgewinnen und um deinetwillen auch mir verzeihen.‹ Mama liebte mich sehr, und wenn sie so redete, küßte sie mich immer; aber zum Großvater zu gehen, davor fürchtete sie sich sehr. Sie lehrte mich auch für den Großvater beten und betete selbst für ihn und erzählte mir noch vieles, wie sie früher mit dem Großvater gelebt habe, und wie der Großvater sie sehr liebgehabt habe, lieber als alles andere auf der Welt. Sie habe ihm abends etwas auf dem Klavier vorgespielt und ihm Bücher vorgelesen, und der Großvater habe sie geküßt und ihr viele Sachen geschenkt . . . alles mögliche habe er ihr geschenkt, und einmal hätten sie sich deswegen sogar erzürnt, an Mamas Namenstag. Der Großvater habe nämlich gedacht, Mama wisse noch nicht, was er ihr schenken werde; Mama habe es aber schon längst gewußt. Mama habe gern ein Paar Ohrringe haben wollen, und der Großvater habe sie immer absichtlich zu täuschen gesucht und gesagt, er werde ihr keine Ohrringe schenken, sondern eine Brosche. Und als er nun die Ohrringe gebracht und gesehen habe, daß Mama es schon wußte, daß es Ohrringe sein würden und nicht eine Brosche, da habe er sich sehr darüber geärgert, daß Mama es vorher gewußt habe, und habe einen halben Tag lang nicht mit ihr gesprochen; aber dann sei er von selbst gekommen und habe sie geküßt und um Verzeihung gebeten . . .« Nelly erzählte sehr eifrig, und es spielte sogar eine leichte Röte auf ihren blassen, kranken Wangen.

Offenbar hatte ihre Mama oftmals mit ihrer kleinen Nelly von ihren früheren glücklichen Tagen gesprochen, wenn sie im Kellergeschoß in ihrem Verschlag saß und ihr Töchterchen (den einzigen Trost, der ihr im Leben geblieben war) umarmte und küßte und, sich über sie beugend, weinte. Und sie hatte dabei nicht geahnt, wie stark diese ihre Erzählungen auf das krankhaft empfindliche, früh entwickelte Gemüt des kranken Kindes wirkten.

Aber Nelly, die sich von ihrer Erzählung hatte hinreißen lassen, kam auf einmal zur Besinnung, blickte mißtrauisch im Kreise herum und verstummte. Der Alte runzelte die Stirn und trommelte von neuem auf dem Tisch; in Anna Andrejewnas Augen schimmerten ein paar Tränen, die sie schweigend mit dem Taschentuch wegwischte.

»Mama kam hier sehr krank an«, fügte Nelly leise hinzu. »Sie hatte heftige Brustschmerzen. Wir suchten den Großvater lange und konnten ihn nicht finden; wir selbst wohnten im Kellergeschoß, in einem Verschlag.«

»Eine Kranke in einem Verschlag im Kellergeschoß!« rief Anna Andrejewna.

»Ja . . . in einem Verschlag . . .« antwortete Nelly.

»Mama war arm. Mama sagte mir«, fügte sie, lebhafter werdend, hinzu, »es sei keine Sünde, arm zu sein; eine Sünde sei es, reich zu sein und anderen Unrecht zu tun . . . Sie sei von Gott gestraft worden.«

»Ihr wohntet wohl auf der Wassili-Insel? Das war wohl bei der Bubnowa, nicht wahr?« fragte der Alte, sich an mich wendend, und suchte einen gewissen lässigen Ton in seine Frage zu legen. Er fragte, als sei es ihm peinlich, so stumm dazusitzen.

»Nein, nicht dort; zuerst wohnten wir in der Mjeschtschanskaja«, erwiderte Nelly. »Da war es sehr dunkel und feucht«, fuhr sie nach kurzem Stillschweigen fort, »und Mama wurde sehr krank; aber sie konnte damals noch gehen. Ich wusch ihr die Wäsche; sie aber weinte viel. Da wohnten auch eine alte Kapitänswitwe und ein pensionierter Beamter; der kam immer betrunken nach Hause, und jede Nacht machte er Geschrei und Lärm. Ich fürchtete mich sehr vor ihm. Mama nahm mich zu sich ins Bett und umarmte mich und zitterte manchmal selbst am ganzen Leib, wenn der Beamte schrie und schimpfte. Einmal wollte er die Kapitänswitwe prügeln; die war aber eine ganz alte Frau und ging am Stock. Meiner Mama tat sie leid, und sie trat für sie ein; da schlug der Beamte auch Mama und ich den Beamten . . .«

Nelly hielt inne. Die Erinnerung regte sie heftig auf; ihre Augen funkelten.

»Herr du mein Gott!« rief Anna Andrejewna; sie fühlte sich von der Erzählung im höchsten Grad gefesselt und ließ kein Auge von Nelly, die sich hauptsächlich an sie wandte.

»Damals ging Mama aus«, fuhr Nelly fort, »und nahm mich mit. Das war am Tag. Wir gingen immer auf den Straßen umher bis zum Abend, und Mama weinte und ging immer weiter und führte mich an der Hand. Ich war sehr müde; auch hatten wir den ganzen Tag über nichts gegessen. Mama aber redete mit sich selbst, und zu mir sagte sie immer: ›Bleibe arm, Nelly, und wenn ich sterbe, so höre auf niemanden und auf nichts. Geh zu keinem Menschen; bleib allein und arm und arbeite, und wenn du keine Arbeit hast, dann bitte um Almosen, aber zu ihnen gehe nicht!‹ Als es schon ganz dämmrig war, überschritten wir eine große Straße; auf einmal rief Mama: ›Asorka, Asorka!‹, und ein großer Hund, ohne Haare, kam zu Mama gelaufen und winselte und stürzte auf sie zu; Mama aber erschrak heftig, wurde blaß, schrie auf und warf sich vor einem hochgewachsenen alten Mann auf die Knie, der an einem Stock ging und zur Erde blickte. Und dieser hochgewachsene alte Mann war der Großvater, und er war so hager und hatte so schlechte Kleider an. Da sah ich den Großvater zum erstenmal. Der Großvater war ebenfalls sehr erschrocken und war ganz blaß geworden, und als er sah, daß Mama ihm zu Füßen lag und seine Knie umfaßte, da riß er sich los und stieß Mama von sich und stampfte mit dem Stock auf die Steine und ging schnell von uns weg. Asorka blieb noch bei uns und heulte immer und leckte Mama; dann lief er zum Großvater hin, faßte ihn am Rockschoß und wollte ihn zurückziehen; aber der Großvater schlug ihn mit dem Stock. Asorka wollte wieder zu uns laufen; aber der Großvater rief ihn; da lief er dem Großvater nach und heulte immer. Mama aber lag da wie tot; um uns herum sammelten sich Leute; auch die Polizei kam. Ich schrie immer und suchte Mama aufzuheben. Endlich stand sie auf, blickte um sich und folgte mir. Ich führte sie nach Hause. Die Leute sahen uns noch lange nach und schüttelten alle die Köpfe . . .«

Nelly hielt inne, um Atem zu schöpfen und Kraft zu sammeln. Sie war sehr blaß; aber in ihrem Blick funkelte eine feste Entschlossenheit. Es war deutlich, daß sie entschlossen war, nun auch alles, alles zu sagen. Sie hatte in diesem Augenblick sogar etwas Herausforderndes an sich.

»Nun ja«, bemerkte Nikolai Sergejewitsch mit unsicherer Stimme und in gereiztem, scharfem Ton; »nun ja, deine Mutter hatte ihren Vater schwer gekränkt, und er hatte sie verdientermaßen verstoßen . . .«

»Das hat Mama zu mir auch gesagt«, fiel Nelly ebenfalls in scharfem Ton ein; »und als wir damals nach Hause gingen, sagte sie immer: ›Das ist dein Großvater, Nelly; ich habe mich gegen ihn schwer vergangen, und er hat mich verflucht; dafür bestraft mich Gott jetzt.‹ Und jenen ganzen Abend und die ganzen folgenden Tage sagte sie immer dasselbe. Aber sie redete, als ob sie von sich selbst nichts wüßte . . .«

Der Alte schwieg.

»Und wie seid ihr denn dann in die andere Wohnung gekommen?« fragte Anna Andrejewna, die immer noch leise weinte.

»Mama wurde noch in derselben Nacht recht krank, und die Kapitänswitwe fand die Wohnung bei der Bubnowa, und am dritten Tag zogen wir um und die Kapitänswitwe mit uns; und nach dem Umzug wurde Mama ganz bettlägerig und lag drei Wochen lang krank, und ich pflegte sie. Das Geld war uns völlig ausgegangen; die Kapitänswitwe und Iwan Alexandrowitsch halfen uns.«

»Das ist der Sargtischler, bei dem sie wohnten«, fügte ich zur Erklärung hinzu.

»Als aber Mama wieder vom Bett aufstand und zu gehen anfing, da erzählte sie mir auch von Asorka.«

Nelly hielt inne. Der Alte schien sich darüber zu freuen, daß das Gespräch auf Asorka überging.

»Was hat sie dir denn von Asorka erzählt«, fragte er. Er beugte sich in seinem Lehnstuhl weiter nach vorn, als ob er sein Gesicht noch mehr verbergen und uns nur von unten sehen wolle.

»Sie redete immer zu mir vom Großvater«, antwortete Nelly; »in ihrer Krankheit sprach sie dauernd von ihm, und auch wenn sie irreredete, war er der Gegenstand. Als sie nun in der Genesung war, da erzählte sie mir, wie sie früher gelebt hatte . . . und da erzählte sie auch von Asorka. Es hatten nämlich einmal am Fluß vor der Stadt Jungen diesen Asorka an einem Strick hinter sich hergeschleppt, um ihn zu ertränken, und Mama hatte ihnen Geld gegeben und ihnen Asorka abgekauft. Als der Großvater Asorka erblickt hatte, hatte er furchtbar über ihn gelacht. Aber Asorka war wieder entlaufen. Mama hatte angefangen zu weinen; der Großvater war darüber ganz erschrocken gewesen und hatte gesagt, er wolle demjenigen, der Asorka wiederbringe, hundert Rubel geben. Am dritten Tag wurde er wiedergebracht; der Großvater bezahlte die hundert Rubel und gewann seitdem Asorka lieb. Mama aber liebte ihn so, daß sie ihn sogar mit in ihr Bett nahm. Sie erzählte mir, Asorka sei früher mit Komödianten auf den Straßen herumgezogen und habe verstanden aufzuwarten und einem Affen als Reittier zu dienen und mit einem Gewehr zu exerzieren und sonst noch vieles. Und als Mama von dem Großvater wegging, da behielt er Asorka bei sich und ging immer mit ihm, so daß Mama, als sie damals auf der Straße Asorka erblickte, auch sogleich wußte, daß der Großvater da sein müsse . . .«

Der Alte hatte offenbar etwas anderes über Asorka zu hören erwartet und machte ein immer finstereres Gesicht. Er stellte von nun an keine Fragen mehr.

»Und seitdem habt ihr also den Großvater nicht mehr zu sehen bekommen?« fragte Anna Andrejewna.

»Doch; als Mama in der Genesung war, da traf ich den Großvater wieder. Ich ging zum Bäcker, um Brot zu holen: auf einmal sah ich einen Mann mit Asorka; ich sah näher hin und erkannte den Großvater. Ich trat zur Seite und drückte mich an ein Haus. Der Großvater blickte mich an, betrachtete mich lange und sah so schrecklich aus, daß ich große Angst vor ihm hatte; dann ging er vorbei; Asorka aber erinnerte sich meiner und begann, neben mir umherzuspringen und mir die Hände zu lecken. Ich lief, so schnell ich nur konnte, nach Hause; dabei blickte ich mich noch einmal um und sah, daß der Großvater in den Bäckerladen ging. Da dachte ich: gewiß erkundigt er sich nach mir, und ich bekam noch mehr Angst, und als ich nach Hause kam, sagte ich Mama nichts davon, damit Mama nicht wieder krank würde. Ich selbst aber ging am anderen Tag nicht zum Bäcker, sondern sagte, ich hätte Kopfschmerzen; und als ich am darauffolgenden Tag hinging, da begegnete ich niemandem und fürchtete mich schrecklich, so daß ich den ganzen Weg lief. Und wieder einen Tag später ging ich hin, und sowie ich um die Ecke herumkam, stand da der Großvater mit Asorka vor mir. Ich lief weg, bog in eine andere Straße ein und näherte mich dem Bäckerladen von der anderen Seite: da stieß ich plötzlich wieder gerade auf den Großvater und bekam einen solchen Schreck, daß ich auf dem Fleck stehenblieb und nicht weitergehen konnte. Der Großvater stellte sich vor mich hin und sah mich wieder lange an, und dann streichelte er mir den Kopf, nahm mich bei der Hand und führte mich, und Asorka folgte uns und wedelte mit dem Schwanz. Da sah ich erst, daß der Großvater gar nicht mehr gerade gehen konnte und sich immer auf den Stock stützte und daß ihm die Hände fortwährend zitterten. Er führte mich zu einem Straßenhändler, der an der Ecke saß und Pfefferkuchen und Äpfel feilhielt. Der Großvater kaufte einen Hahn und einen Fisch von Pfefferkuchen und ein Stück Zuckerwerk und einen Apfel, und als er das Geld aus dem Lederbeutelchen nahm, da zitterten seine Hände sehr, und es fiel ihm ein Fünfkopekenstück hin, und ich hob es ihm auf. Er schenkte mir dieses Fünfkopekenstück und gab mir den Pfefferkuchen und das andere, und streichelte mir den Kopf; aber er sagte wieder nichts, sondern ging von mir weg nach Hause.

Als ich dann zu Mama kam, erzählte ich ihr alles von dem Großvater und wie ich zuerst vor ihm Angst gehabt und mich vor ihm versteckt hatte. Mama glaubte mir zuerst nicht; aber dann freute sie sich so, daß sie mich den ganzen Abend über ausfragte, mich küßte und weinte; und als ich ihr alles erzählt hatte, da befahl sie mir im voraus, ich solle mich nie vor dem Großvater fürchten; der Großvater habe mich offenbar lieb, wenn er so absichtlich komme, um mich zu sehen. Und sie hieß mich freundlich gegen den Großvater sein und mit ihm sprechen. Und am nächsten Tag schickte sie mich am Vormittag mehrmals aus, obgleich ich ihr sagte, daß der Großvater immer erst gegen Abend komme. Sie selbst aber folgte mir in einiger Entfernung und versteckte sich hinter einer Ecke, und am anderen Tag ebenso; aber der Großvater kam nicht. Aber an diesen Tagen regnete es, und Mama erkältete sich sehr, weil sie immer mit mir auf die Straße gegangen war, und sie mußte sich wieder hinlegen.

Der Großvater aber kam erst nach einer Woche wieder und kaufte mir wieder einen Fisch und einen Apfel und sagte wieder kein Wort. Aber als er von mir fortgegangen war, ging ich ihm heimlich nach, denn das hatte ich mir im voraus so ausgedacht, um zu erfahren, wo er wohnte, und es Mama zu sagen. Ich ging in ziemlicher Entfernung auf der anderen Seite der Straße, so daß der Großvater mich nicht sah. Er wohnte aber sehr weit, nicht dort, wo er nachher gewohnt hat und gestorben ist, sondern in der Gorochowaja, ebenfalls in einem großen Haus, im vierten Stock. Ich brachte alles in Erfahrung und kehrte erst spät nach Hause zurück. Mama war in großer Angst, weil sie nicht gewußt hatte, wo ich war. Als ich ihr aber alles erzählte, da freute Mama sich wieder sehr und wollte sogleich zum Großvater gehen, gleich am nächsten Tag; aber am nächsten Tag kamen ihr Angst und Bedenken, und sie fürchtete sich ganze drei Tage lang und ging nicht hin. Aber dann rief sie mich zu sich und sagte: ›Höre, Nelly, ich bin jetzt krank und kann nicht hingehen; aber ich habe einen Brief an deinen Großvater geschrieben; geh zu ihm und gib ihm den Brief! Und gib acht, Nelly, was er für ein Gesicht macht, wenn er ihn liest, und was er sagt, und was er tut; und falle vor ihm auf die Knie, küsse ihm die Hand und bitte ihn, er möchte deiner Mama verzeihen . . .‹ Und Mama weinte sehr und küßte mich immer und bekreuzte mich für den Weg und betete, und ich mußte mit ihr vor dem Heiligenbild niederknien, und obgleich sie sehr krank war, begleitete sie mich doch bis an das Tor unseres Hauses, und als ich mich umwandte, stand sie immer noch da und sah mir nach, wie ich hinging . . . Ich kam zum Großvater und öffnete die Tür, die keinen Vorlegehaken hatte. Der Großvater saß am Tisch und aß Brot mit Kartoffeln, und Asorka stand vor ihm, sah zu, wie er aß, und wedelte mit dem Schwanz. Auch in jener Wohnung des Großvaters waren die Fenster klein und trüb, und im Zimmer standen nur ein Tisch und ein Stuhl. Da wohnte er ganz allein. Als ich eintrat, erschrak er so, daß er blaß wurde und anfing zu zittern. Ich erschrak ebenfalls und sagte nichts, sondern trat nur an den Tisch heran und legte den Brief darauf. Sowie der Großvater den Brief erblickte, wurde er so zornig, daß er aufsprang, den Stock ergriff und gegen mich ausholte; aber er schlug mich nicht, sondern führte mich nur auf den Flur hinaus und stieß mich weg. Ich war noch nicht die erste Treppe hinuntergestiegen, als er die Tür noch einmal aufmachte und mir den Brief ungeöffnet nachwarf. Ich ging nach Hause und erzählte alles. Da mußte Mama sich wieder ins Bett legen . . .«

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