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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
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Drittes Kapitel

An diesem Tag war ich den ganzen Abend über bei Natascha. Ich kam erst spät nach Hause. Nelly schlief. Alexandra Semjonowna war ebenfalls sehr schläfrig, saß aber doch noch wachend bei der Kranken und wartete auf mich. Sogleich erzählte sie mir eilig flüsternd, Nelly sei zuerst sehr vergnügt gewesen und habe sogar viel gelacht; aber dann sei eine Verstimmung über sie gekommen, und als sie gesehen habe, daß ich nicht zurückkam, sei sie schweigsam und nachdenklich geworden. »Dann klagte sie über Kopfschmerz, fing an zu weinen und schluchzte so, daß ich gar nicht mehr wußte, was ich mit ihr machen sollte«, fuhr Alexandra Semjonowna fort. »Sie fing mit mir von Natalja Nikolajewna an zu sprechen; aber ich konnte ihr über diese nichts sagen; da hörte sie auf zu fragen und weinte dann immer; so ist sie auch unter Tränen eingeschlafen. Na, nun leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch; es ist ihr jetzt doch leichter ums Herz, wie ich gemerkt habe; ich muß aber nach Hause; so hat es auch Filipp Filippowitsch befohlen. Ich muß Ihnen bekennen, er hat mich diesmal nur für zwei Stunden beurlaubt, und ich bin auf eigene Faust hiergeblieben. Aber das macht nichts; beunruhigen Sie sich nicht um mich; er wird es nicht wagen, böse zu werden . . . Nur vielleicht . . . Ach Gott, liebster Iwan Petrowitsch, was soll ich nur machen: er kommt jetzt immer betrunken nach Hause! Er ist mit etwas sehr beschäftigt, redet nicht mit mir, ist verdrießlich; er hat eine wichtige Sache im Kopf, das sehe ich wohl; abends aber ist er immer betrunken . . . Ich denke nur: wenn er jetzt nach Hause gekommen ist, wer bringt ihn da zu Bett? Na, ich gehe, ich gehe; leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch! Ich habe mir hier Ihre Bücher angesehen: was haben Sie für viele Bücher, und gewiß lauter verständige; aber ich bin ein dummes Frauenzimmer; ich habe nie etwas gelesen . . . Nun, auf morgen . . .«

Aber am anderen Tag war Nelly, nachdem sie erwacht war, traurig und finster und antwortete mir nur widerwillig. Von selbst redete sie mich nicht an, als ob sie auf mich böse wäre. Ich beobachtete nur, daß sie mir mitunter von der Seite verstohlene Blicke zuwarf; in diesen Blicken lag viel verborgener Seelenschmerz; aber dennoch schaute aus ihnen eine Zärtlichkeit heraus, die nicht wahrzunehmen war, wenn sie mich gerade ansah. Dies war der Tag, an dem auch der Auftritt mit dem Einnehmen der Medizin und dem Arzt stattfand; ich wußte nicht, was ich davon denken sollte.

Aber Nelly war mir gegenüber vollständig verändert. Ihre Sonderbarkeiten, ihre Launen, manchmal sogar beinah eine Art von Haß gegen mich – alles dies dauerte bis zu dem Tag, an dem sie von mir fortging, bis zu der Katastrophe, die unserem ganzen Roman ein Ende machte. Aber davon später!

Indessen kam es doch manchmal vor, daß sie plötzlich, etwa auf eine Stunde, gegen mich wieder freundlich wurde wie früher. Ihre Zärtlichkeit schien sich in diesen Augenblicken sogar zu verdoppeln; am häufigsten aber weinte sie gerade in solchen Zeiten bitterlich. Aber diese Stunden gingen schnell vorüber, und sie versank wieder in den früheren Mißmut und sah mich wieder feindselig an oder benahm sich launisch wie damals dem Arzt gegenüber oder begann, wenn sie merkte, daß mir irgendein neuer Streich von ihr mißfiel, zu lachen, was aber fast immer mit Tränen endete.

Sie zankte sich sogar einmal mit Alexandra Semjonowna und sagte ihr, daß sie ihre Hilfe nicht nötig habe. Als ich ihr in Alexandra Semjonownas Gegenwart deswegen Vorwürfe machte, wurde sie hitzig, und in ihrer Antwort kam ein lange aufgespeicherter Grimm heftig zum Ausbruch; aber auf einmal verstummte sie und sprach nun volle zwei Tage lang mit mir kein Wort, wollte keine Medizin einnehmen, ja nicht einmal essen und trinken, und nur der alte Arzt verstand es, mit ihr umzugehen und ihr ins Gewissen zu reden.

Ich sagte schon, daß zwischen dem Arzt und ihr gleich von dem Tag an, wo sich die Szene mit dem Verschütten der Medizin zugetragen hatte, ein wunderliches Freundschaftsverhältnis entstanden war. Nelly hatte ihn sehr liebgewonnen und empfing ihn immer mit einem heiteren Lächeln, mochte sie vor seiner Ankunft auch noch so betrübt gewesen sein. Seinerseits hatte der alte Mann angefangen, täglich zu uns zu kommen, sogar manchmal zweimal am Tag, und er setzte das auch in der Zeit fort, als Nelly schon das Bett verlassen hatte und vollständig in der Genesung begriffen war. Er schien von ihr so bezaubert zu sein, daß er keinen Tag leben konnte, ohne ihr Lachen und ihre Späße über ihn selbst zu hören, die allerdings oft recht amüsant waren. Er brachte ihr illustrierte Bücher mit, lauter solche lehrhaften Inhalts; eines hatte er expreß für sie gekauft. Dann begann er, ihr Süßigkeiten zu bringen, Konfekt in hübschen Schächtelchen. In solchen Fällen trat er gewöhnlich mit feierlicher Miene ein, wie wenn er zu einem Namenstag käme, und Nelly erriet dann sofort, daß er ein Geschenk mitgebracht hatte. Aber er zeigte das Geschenk nicht, sondern lächelte nur listig, setzte sich neben Nelly und machte Andeutungen, wenn eine junge Patientin sich gut zu betragen wisse und auch in seiner Abwesenheit die Achtung ihrer Umgebung verdiene, dann sei ein solches junges Mädchen einer schönen Belohnung würdig. Dabei sah er sie so harmlos und gutmütig an, daß, wenn Nelly auch herzlich über ihn lachte, doch gleichzeitig aus ihren heiteren Augen die aufrichtigste, freundlichste Zuneigung ihm entgegenstrahlte. Endlich erhob sich der Alte feierlich von seinem Stuhl, zog das Schächtelchen mit Konfekt hervor und händigte es Nelly ein, wobei er unfehlbar bemerkte: »Meiner künftigen lieben Gattin!« In diesem Augenblick war er selbst sicherlich noch glücklicher als Nelly.

Darauf begannen die Gespräche, und jedesmal redete er ihr ernsthaft und eifrig zu, ihre Gesundheit in acht zu nehmen, und gab ihr eindringliche ärztliche Ratschläge.

»Vor allen Dingen muß man seine Gesundheit in acht nehmen«, sagte er in lehrhaftem Ton, »und zwar erstens und hauptsächlich, um am Leben zu bleiben, und zweitens, um immer gesund zu sein und auf diese Weise zum Lebensglück zu gelangen. Wenn Sie irgendwelchen Kummer haben, mein liebes Kind, dann ist mein Rat: vergessen Sie ihn, oder, was das beste ist, bemühen Sie sich, nicht daran zu denken. Wenn Sie aber keinen Kummer haben, dann . . . denken Sie ebenfalls nicht an ihn, sondern geben Sie sich Mühe, an Vergnügungen zu denken, an heitere Spiele!«

»Aber an was für heitere Spiele soll ich denn denken?« fragte Nelly.

Der Arzt war ganz verblüfft.

»Nun . . . an irgendein harmloses Spiel, das Ihrem Lebensalter angemessen ist; oder . . . nun, an irgend so etwas . . .»

»Ich mag nicht spielen; ich spiele nicht gern«, sagte Nelly. »Sehen Sie, neue Kleider, die habe ich lieber.«

»Neue Kleider! Hm! Nun, das ist allerdings nicht so gut. Man muß in jeder Hinsicht mit einem bescheidenen Los im Leben zufrieden sein. Indessen . . . meinetwegen . . . man kann auch neue Kleider gern haben.«

»Werden Sie mir viele Kleider machen lassen, wenn ich Sie geheiratet habe?«

»Was für eine Idee!« sagte der Arzt und machte unwillkürlich ein finsteres Gesicht. Nelly lächelte schelmisch und blickte sogar einmal, sich vergessend, mit einem Lächeln nach mir hin. »Indessen werde ich Ihnen auch ein Kleid machen lassen, wenn Sie es durch Ihr Betragen verdienen werden«, fuhr der Arzt fort.

»Aber muß ich dann täglich Pulver einnehmen, wenn ich Ihre Frau bin?«

»Na, dann brauchen Sie es nicht immer zu tun.«

Der Arzt begann zu lächeln.

Nelly brach lachend das Gespräch ab. Der Alte lachte mit und beobachtete liebevoll ihre Heiterkeit.

»Ein schalkhaftes Persönchen!« sagte er, zu mir gewendet. »Aber man merkt immer noch an ihr Launenhaftigkeit und eine gewisse Gereiztheit.«

Er hatte recht. Ich wußte schlechterdings nicht, was mit ihr vorgegangen war. Sie schien gar nicht mehr mit mir reden zu wollen, gerade als ob ich mich ihr gegenüber eines Vergehens schuldig gemacht hätte. Das war mir sehr schmerzlich. Ich wurde sogar selbst mürrisch und redete sie einmal einen ganzen Tag lang nicht an; aber am anderen Tag schämte ich mich dieses Benehmens. Sie weinte oft, und ich wußte absolut nicht, womit ich sie trösten sollte. Einmal aber brach sie das Stillschweigen, das sie sonst mir gegenüber beobachtete.

Ich kehrte nämlich eines Tages vor dem Dunkelwerden nach Hause zurück und sah, daß Nelly schnell ein Buch unter dem Kopfkissen versteckte. Es war mein Roman, den sie vom Tisch genommen und in meiner Abwesenheit gelesen hatte. Aber welchen Anlaß hatte sie, ihn vor mir zu verstecken? »Wie wenn sie sich schämte«, dachte ich, tat aber, als ob ich nichts bemerkt hätte. Eine Viertelstunde nachher, als ich auf einen Augenblick in die Küche gegangen war, sprang sie schnell aus dem Bett und legte den Roman an seinen früheren Platz; als ich zurückkam, sah ich ihn schon auf dem Tisch liegen. Einen Augenblick darauf rief sie mich zu sich heran; ihrer Stimme konnte ich eine gewisse Aufregung anhören. Schon seit vier Tagen hatte sie fast gar nicht mit mir gesprochen.

»Gehen Sie . . . heute . . . zu Natascha?« fragte sie mich stockend.

»Ja, Nelly; ich muß heute notwendig mit ihr reden.«

Nelly schwieg.

»Lieben Sie . . . sie sehr?« fragte sie wieder mit schwacher Stimme.

»Ja, Nelly, ich liebe sie sehr.«

»Ich liebe sie auch«, fügte sie leise hinzu.

Es folgte wieder ein längeres Schweigen.

»Ich will zu ihr und will bei ihr wohnen«, fing Nelly wieder an, indem sie mich schüchtern anblickte.

»Das ist unmöglich, Nelly«, antwortete ich, einigermaßen verwundert. »Hast du es denn schlecht bei mir?«

»Warum ist es denn unmöglich?« fragte sie heftig. »Sie reden mir ja zu, ich solle zu ihrem Vater ziehen; aber zu dem will ich nicht. Hat sie eine Magd?«

»Ja.«

»Nun, dann soll sie ihre Magd wegschicken, und ich will bei ihr dienen. Ich werde ihr alles machen und keinen Lohn dafür nehmen; ich werde sie lieben, und auch das Essen werde ich ihr kochen. Sagen Sie ihr das nur heute!«

»Aber wozu denn? Was ist das für ein phantastischer Einfall, Nelly? Und was denkst du denn von ihr: meinst du wirklich, sie werde dich als Köchin nehmen wollen? Wenn sie dich nimmt, so doch nur als eine Gleichgestellte, wie eine jüngere Schwester.«

»Nein, ich will nicht als Gleichgestellte zu ihr. So will ich nicht . . .«

»Warum denn nicht?«

Nelly schwieg. Ihre Lippen zuckten. Sie war nahe daran zu weinen.

»Der, den sie liebt, geht ja doch von ihr fort und läßt sie allein?« fragte sie endlich.

Ich war erstaunt.

»Woher weißt du das, Nelly?«

»Sie haben mir selbst alles gesagt, und vorgestern, als Alexandra Semjonownas Mann am Vormittag kam, habe ich ihn gefragt; er hat mir alles mitgeteilt.«

»Ist denn Masslobojew vorgestern vormittag hier gewesen?«

»Ja«, antwortete sie mit niedergeschlagenen Augen.

»Aber warum hast du mir denn nichts davon gesagt, daß er hier war?«

»Einen Grund hatte ich weiter nicht . . .«

Ich dachte einen Augenblick nach. Gott mochte wissen, warum dieser Masslobojew mit seiner Geheimniskrämerei hier herumschlich! Was hatte er hier für Beziehungen angeknüpft? Ich mußte doch einmal mit ihm darüber reden.

»Nun, inwiefern berührt es denn dich, Nelly, wenn er sie verläßt?«

»Sie lieben sie ja sehr«, antwortete Nelly, ohne die Augen zu mir aufzuschlagen. »Und wenn Sie sie lieben, so werden Sie sie doch heiraten, sobald der andere fortgeht.«

»Nein, Nelly, sie liebt mich nicht so, wie ich sie liebe, und auch ich . . . Nein, das wird nicht geschehen, Nelly.«

»Ich würde Ihnen beiden als Magd dienen, und Sie würden ein frohes Leben führen«, sagte sie leise, fast flüsternd, ohne mich anzusehen.

»Was ist nur mit ihr, was ist nur mit ihr?« dachte ich und mir war, als ob sich mir das Herz schmerzlich herumdrehte. Nelly schwieg und redete den ganzen Abend über kein Wort mehr mit mir. Als ich aber wegging, fing sie an zu weinen, weinte, wie mir Alexandra Semjonowna berichtete, den ganzen Abend und schlief unter Tränen ein. Selbst in der Nacht, im Schlaf, weinte sie und redete irre Worte vor sich hin.

Aber von diesem Tag an wurde sie noch düsterer und schweigsamer und sprach mit mir gar nicht mehr. Allerdings fing ich zwei oder drei Blicke von ihr auf, die sie verstohlen auf mich richtete, und in diesen Blicken lag soviel Zärtlichkeit! Aber das verging im selben Augenblick wieder, und gleichsam dieser momentanen Weichheit zum Trotz wurde Nelly fast mit jeder Stunde finsterer, sogar dem Arzt gegenüber, der über diese Veränderung ihres Wesens erstaunt war. Inzwischen war sie schon fast ganz genesen, und der Arzt erlaubte ihr endlich, an die frische Luft zu gehen, aber nur sehr wenig. Das Wetter war warm und heiter. Es war in der Karwoche, die diesmal sehr spät fiel; ich ging am Vormittag aus, da ich notwendig bei Natascha sein mußte, nahm mir aber vor, recht früh nach Hause zurückzukehren, um mit Nelly spazierenzugehen; unterdessen ließ ich sie zu Hause allein.

Aber ich kann nicht schildern, welch ein Schlag mich zu Hause erwartete. Ich war schnell nach Hause gegangen, kam hinauf und sah, daß der Schlüssel von außen in der Tür steckte. Ich trat ins Zimmer: niemand da. Ich war starr. Ich blickte ringsumher: auf dem Tisch lag ein Blatt Papier, und auf diesem stand mit Bleistift in großer, unregelmäßiger Schrift geschrieben:

»Ich bin von Ihnen weggegangen und werde nie wieder zu Ihnen zurückkehren. Aber ich habe Sie sehr lieb.

Ihre treue Nelly.«

Ich schrie vor Schreck auf und stürzte aus der Wohnung.

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