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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
projectidf43b867d
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Vierter Teil

Erstes Kapitel

Ich will nicht weiter schildern, wie wütend ich war. Obgleich ich auf alles gefaßt gewesen war, war ich doch überrascht; er war ganz unerwartet, sozusagen in seiner ganzen Häßlichkeit, vor mich hingetreten. Indes waren, wie ich mich erinnere, meine Empfindungen trübe und undeutlich: ich fühlte mich niedergeschmettert, zu Boden gedrückt; es war mir, als ob ein schwerer Kummer immer schmerzlicher an meinem Herzen söge; ich ängstigte mich um Natascha. Ich ahnte, daß ihr viele Qualen bevorstanden, und sann in unklarer Weise darauf, wie man ihr diese Qualen ersparen, wie man ihr diese letzten Augenblicke vor der endgültigen Lösung des Knotens erleichtern könne. Daß die Lösung erfolgen mußte, daran konnte kein Zweifel sein. Sie nahte heran, und wie sie ausfallen werde, war leicht zu erraten.

Ich merkte gar nicht, wie ich nach Hause kam, obgleich der Regen mich auf dem ganzen Weg durchnäßte. Es war schon drei Uhr morgens. Kaum hatte ich an die Tür meiner Wohnung geklopft, als ich ein Stöhnen hörte und die Tür eilig aufgeschlossen wurde, wie wenn Nelly sich gar nicht schlafen gelegt, sondern die ganze Zeit über dicht an der Schwelle auf mich gewartet hätte. Es brannte eine Kerze. Ich sah Nelly ins Gesicht und erschrak: ihr Gesicht sah ganz entstellt aus; die Augen brannten wie im Fieber und hatten einen wilden, scheuen Blick, als ob sie mich nicht erkenne. Ihr Kopf glühte.

»Nelly, was ist dir? Bist du krank?« fragte ich, indem ich mich zu ihr beugte und den Arm um sie schlang.

Sie drückte sich zitternd an mich, als ob sie etwas fürchtete, und begann hastig und stoßweise zu reden, wie wenn sie nur auf mich gewartet hätte, um es mir recht schnell zu erzählen. Aber ihre Worte waren unzusammenhängend und seltsam; ich verstand nichts; sie redete irre.

Ich führte sie schleunigst zum Bett; aber sie drückte sich fortwährend fest an mich, als ob sie sich ängstigte und mich bäte, sie vor jemand zu beschützen; und als sie schon im Bett lag, griff sie immer noch nach meiner Hand und hielt sie fest, aus Furcht, daß ich wieder fortgehen könnte. Mein Nervensystem war dermaßen angegriffen und erschüttert, daß ich, während ich sie so ansah, in Tränen ausbrach. Ich war selbst krank. Als sie meine Tränen sah, blickte sie mich lange und unverwandt mit gewaltsam angespannter Aufmerksamkeit an, als bemühe sie sich, mit ihren Gedanken über etwas ins klare zu kommen. Es war ihr anzusehen, daß sie dies große Anstrengung kostete. Endlich schimmerte auf ihrem Gesicht etwas auf, was mit einem Gedanken Ähnlichkeit hatte; nach einem starken epileptischen Anfall war sie gewöhnlich eine Zeitlang außerstande, mit ihren Gedanken zurechtzukommen und deutlich zu reden. So war es auch jetzt: sie strengte sich aufs äußerste an, um mir etwas zu sagen, und da sie merkte, daß ich sie nicht verstand, streckte sie ihre kleine Hand aus und begann, mir die Tränen abzuwischen; dann umschlang sie meinen Hals, zog mich zu sich herab und küßte mich.

Es war klar: Sie hatte in meiner Abwesenheit einen Anfall gehabt, und dieser war gerade in dem Augenblick eingetreten, als sie dicht an der Tür stand. Als er vorübergegangen war, hatte sie wahrscheinlich lange nicht zu sich kommen können. In diesem Stadium des Leidens pflegt sich die Wirklichkeit mit den Fieberphantasien zu vermischen, und es waren ihr irgendwelche schrecklichen, beängstigenden Vorstellungen gekommen. Gleichzeitig war sie sich unklar bewußt geworden, daß ich zurückkommen müsse und an die Tür klopfen werde, und daher hatte sie, dicht an der Schwelle auf dem Fußboden liegend, auf meine Rückkehr gewartet und war auf mein erstes Klopfen aufgestanden.

»Aber wie ist es zugegangen, daß sie sich gerade an der Tür befand?« dachte ich und bemerkte plötzlich zu meinem Erstaunen, daß sie ihren kleinen Pelz anhatte (ich hatte ihn ihr eben erst bei einer mir bekannten alten Trödlerin gekauft, die manchmal zu mir in die Wohnung kam und mir ihre Ware auf Kredit gab); folglich hatte sie vorgehabt, irgendwohin auszugehen, und war wahrscheinlich schon im Begriff gewesen, die Tür zu öffnen, als der Anfall sie plötzlich überraschte. Wohin hatte sie aber gehen wollen? Hatte sie sich vielleicht damals schon im Fieberwahn befunden?

Die Hitze verging nicht, und sie versank bald wieder in Bewußtlosigkeit und redete irre. Sie hatte schon zweimal in meiner Wohnung Anfälle gehabt, die aber beide einen glücklichen Verlauf genommen hatten; jetzt jedoch hatte sie ein hitziges Fieber. Nachdem ich eine halbe Stunde an ihrem Bett gesessen hatte, rückte ich ein paar Stühle an das Sofa und legte mich, angekleidet wie ich war, in ihrer Nähe hin, um schnell zu erwachen, wenn sie mich rufen sollte. Die Kerze löschte ich nicht aus. Viele Male blickte ich noch nach ihr hin, bevor ich selbst einschlief. Sie war blaß; ihre Lippen waren von der innerlichen Hitze ausgetrocknet und, wahrscheinlich infolge des Hinfallens, blutig; ihr Gesicht hatte den Ausdruck der Angst und eines quälenden Kummers nicht verloren; diese Empfindungen schienen auch im Schlaf nicht von ihr zu weichen. Ich nahm mir vor, morgen so früh wie möglich den Arzt zu holen, wenn es ihr schlechter gehen sollte. Ich fürchtete, es werde ein richtiges Nervenfieber zum Ausbruch kommen.

»Das sind die Folgen der Angst, die ihr der Fürst eingejagt hat«, dachte ich und zitterte dabei; unwillkürlich mußte ich an seine Erzählung von der Frau denken, die ihm ihr Geld gelassen und ihm Schmähworte ins Gesicht geschleudert hatte.

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