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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
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Neuntes Kapitel

Die Gräfin lebte in einer prachtvollen Umgebung. Die Zimmer waren komfortabel und geschmackvoll möbliert, dennoch durchaus nicht luxuriös. Alles trug jedoch den Charakter eines nur provisorischen Domizils; dies war nur ein anständiges Quartier für eine gewisse Zeit, aber nicht der ständige, feste Wohnsitz einer reichen Familie mit aller Großartigkeit des Herrenstandes und mit allen seinen zur Notwendigkeit gewordenen launischen Eigenheiten. Es ging das Gerücht, die Gräfin werde im Sommer auf ihr (sehr heruntergekommenes und mit Hypotheken überlastetes) Gut nach dem Gouvernement Simbirsk fahren, und der Fürst werde sie begleiten. Ich hatte schon davon gehört und mit ernster Sorge gedacht: ›Wie wird sich Aljoscha verhalten, wenn Katja mit der Gräfin wegfährt?‹ Mit Natascha hatte ich noch nicht darüber gesprochen; ich fürchtete mich; aber aus gewissen Anzeichen glaubte ich zu ersehen, daß auch ihr dieses Gerücht bekannt geworden war. Aber sie schwieg und litt im stillen.

Die Gräfin empfing mich sehr freundlich, streckte mir liebenswürdig die Hand entgegen und versicherte, daß sie schon lange gewünscht habe, mich bei sich zu sehen. Sie schenkte selbst den Tee aus einem schönen, silbernen Samowar ein, um den wir uns gruppierten, ich, der Fürst und noch ein sehr vornehmer, schon bejahrter Herr mit einem Ordensstern, einem etwas steifen Benehmen und diplomatischen Manieren. Dieser Gast schien sehr respektiert zu werden. Die Gräfin hatte nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland in diesem Winter noch nicht die Möglichkeit gehabt, in Petersburg größere Verbindungen anzuknüpfen und ihre Position zu festigen, wie das ihren Wünschen und Erwartungen entsprochen hätte. Außer diesem Gast war niemand anwesend, und es erschien auch den ganzen Abend über niemand weiter. Ich suchte mit den Augen Katerina Fjodorowna; sie war mit Aljoscha im Nebenzimmer, kam aber, als sie von unserem Kommen hörte, sogleich zu uns herein. Der Fürst küßte ihr liebenswürdig die Hand; die Gräfin aber machte ihr eine auf mich hinweisende Handbewegung, worauf uns der Fürst sofort miteinander bekannt machte. Ich betrachtete sie mit ungeduldiger Aufmerksamkeit: Sie war eine zarte Blondine, weiß gekleidet, von kleiner Statur, mit stillem, ruhigem Gesichtsausdruck, mit unwahrscheinlich blauen Augen, wie Aljoscha gesagt hatte, mit der Schönheit der Jugend, weiter nichts. Ich hatte erwartet, ein Ideal von Schönheit zu sehen; aber eigentliche Schönheit besaß sie nicht. Ein regelmäßiges, fein gezeichnetes Gesichtsoval, sehr regelmäßige Züge, dichtes, wirklich schönes Haar, eine schlichte Frisur fürs Haus, ein stiller, fester Blick – wäre ich ihr irgendwo begegnet, so wäre ich an ihr vorbeigegangen, ohne ihr irgendwelche besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden; aber das war nur der Eindruck beim ersten Blick, und ich lernte sie später, im Verlauf dieses Abends, wesentlich besser kennen. Schon allein die Art, wie sie mir die Hand reichte und mir mit naiver, gespannter Aufmerksamkeit in die Augen sah, ohne ein Wort zu sagen, überraschte mich durch ihre Seltsamkeit, und unwillkürlich lächelte ich sie an. Ich hatte die bestimmte Empfindung, ein Wesen mit wahrhaft reinem Herzen vor mir zu haben. Die Gräfin verwandte kein Auge von ihr. Nachdem Katja mir die Hand gedrückt hatte, ging sie mit einer gewissen Hast von mir weg und setzte sich am anderen Ende des Zimmers mit Aljoscha zusammen hin. Aljoscha hatte mir bei der Begrüßung zugeflüstert: »Ich bleibe hier nur einen Augenblick; dann gehe ich gleich dorthin.«

Der ›Diplomat‹ (ich kenne seinen Familiennamen nicht und nenne ihn daher, um ihn irgendwie zu bezeichnen, den Diplomaten) entwickelte in ruhiger, würdevoller Redeweise irgendeine Idee. Der Fürst lächelte zustimmend in schmeichelhafter Weise; der Redende wandte sich häufig an ihn, wahrscheinlich weil er ihn für einen würdigen Zuhörer erachtete. Es wurde mir Tee gereicht, und dann ließ man mich in Ruhe, womit ich sehr zufrieden war. Inzwischen musterte ich die Gräfin. Mein erster Eindruck war der, daß sie mir sozusagen wider meinen Willen gefiel. Sie war vielleicht in Wirklichkeit nicht mehr jung; aber mir schien sie nicht älter als achtundzwanzig Jahre zu sein. Ihr Gesicht sah noch frisch aus und war früher einmal, in ihrer ersten Jugend, gewiß sehr hübsch gewesen. Das dunkelblonde Haar war noch recht dicht; ihr Blick war außerordentlich gutmütig, hatte aber etwas Flatterhaftes, Mutwilliges, Spöttisches. Jetzt jedoch suchte sie sich aus irgendeinem Grund zu beherrschen. In diesem Blick kam auch viel Verstand zum Ausdruck, aber vor allem Gutherzigkeit und Heiterkeit. Ihre Haupteigenschaften waren, wie es mir schien, ein gewisser Leichtsinn, Vergnügungssucht und ein gutmütiger Egoismus, letzterer vielleicht sogar von bedeutender Dimension. Sie stand ganz unter der Botmäßigkeit des Fürsten, der auf sie einen außerordentlich großen Einfluß ausübte. Ich wußte, daß sie ein Verhältnis miteinander hatten, und hatte auch gehört, daß er, während sie sich beide im Ausland aufhielten, für einen Liebhaber recht wenig eifersüchtig gewesen war; aber es wollte mir immer scheinen (und es scheint mir auch jetzt so), daß es, abgesehen von ihren früheren Beziehungen, noch ein anderes einigermaßen geheimnisvolles Band zwischen ihnen gab, eine Art von wechselseitiger Verpflichtung, die auf irgendwelcher Spekulation beruhte; kurz, etwas in dieser Art mußte vorliegen. Ich wußte auch, daß der Fürst im gegenwärtigen Augenblick ihrer überdrüssig war, daß ihre Beziehungen aber trotzdem nicht abgebrochen worden waren. Vielleicht bildeten das Bindemittel damals besonders gewisse Pläne in bezug auf Katja, Pläne, zu denen die Initiative natürlich auf den Fürsten zurückging. Auf dieser Grundlage war der Fürst auch von einer Heirat mit der Gräfin losgekommen; die Gräfin hatte tatsächlich verlangt, daß er sie heirate; er aber hatte sie überredet, dazu mitzuwirken, daß eine Ehe Aljoschas mit ihrer Stieftochter zustande käme.Wenn der Fürst die Gräfin heiratete, so konnte nach orthodoxem Kirchenrecht sein Sohn nicht mehr die Stieftochter der Gräfin heiraten, und umgekehrt; diese Ehe schloß die andere aus. Das hatte ich wenigstens aus den früheren naiven Mitteilungen Aljoschas geschlossen, der doch etwas davon hatte merken müssen. Es schien mir auch, zum Teil auf Grund ebenderselben Mitteilungen, daß der Fürst, obwohl die Gräfin vollständig unter seiner Herrschaft stand, doch irgendwelchen Grund hatte, sie zu fürchten. Selbst Aljoscha hatte das bemerkt. Ich erfuhr später, daß der Fürst sehr wünschte, die Gräfin mit jemandem zu verheiraten, und daß er mit in dieser Absicht sie zu der Reise nach dem Gouvernement Simbirsk überredet hatte, weil er in der Provinz einen passenden Mann für sie zu finden hoffte.

Ich saß und hörte zu und zerbrach mir den Kopf darüber, wie ich es möglich machen könnte, recht bald mit Katerina Fjodorowna unter vier Augen zu reden. Der Diplomat antwortete auf eine Frage der Gräfin nach dem derzeitigen Stand der Dinge im Staat, nach den beginnenden Reformen und ob man sie fürchten müsse oder nicht. Er redete viel und lange, in ruhigem, autoritativem Ton. Er entwickelte seinen Gedanken scharfsinnig und klug; aber der Gedanke selbst war widerwärtig. Er behauptete namentlich, dieser ganze Geist der Reformen und Verbesserungen werde sehr bald bestimmte Früchte zeitigen; wenn man dann diese Früchte sehe, werde man wieder zur Vernunft kommen, und dieser neue Geist werde nicht nur in der Gesellschaft (selbstverständlich meinte er damit nur einen gewissen Teil derselben) wieder vergehen, sondern man werde auch durch diese Erfahrung den begangenen Irrtum erkennen und dann mit verdoppelter Energie die alten Einrichtungen aufrechterhalten. Das jetzige Experiment, so traurig es an sich sei, werde sich doch als sehr nützlich erweisen; denn es werde lehren, daß man die allein Rettung bringenden alten Einrichtungen aufrechterhalten müsse, und werde dafür neue Mittel an die Hand geben; mithin müsse man sogar wünschen, daß jetzt so bald wie möglich mit den Reformen bis zum äußersten Grad der Unvorsichtigkeit vorgegangen werde. »Ohne uns geht es nicht«, schloß er; »ohne uns hat noch nie ein sozialer Zustand Dauer gehabt. Wir werden nicht verlieren, sondern im Gegenteil noch gewinnen; wir werden wieder obenauf kommen, und unsere Devise muß im jetzigen Augenblick sein: Pire ça va, mieux ça est!« Der Fürst lächelte ihm beifällig zu; es war ein widerliches Lächeln. Der Redner war mit sich völlig zufrieden. Ich war so dumm, daß ich etwas darauf erwidern wollte; denn in mir kochte es. Aber ein boshafter Blick des Fürsten hielt mich zurück; dieser Blick glitt flüchtig nach der Gegend hin, wo ich saß, und es schien mir, als erwarte der Fürst tatsächlich einen absonderlichen, jünglingshaften Gefühlsausbruch von meiner Seite; er wünschte das sogar vielleicht, um sich daran zu ergötzen, wie ich mich bloßstellte. Zugleich war ich fest davon überzeugt, daß der Diplomat unfehlbar meine Erwiderung und vielleicht sogar mich selbst unbeachtet lassen werde. Es wurde mir zu einer wahren Pein, mit diesen Menschen zusammenzusitzen; aber Aljoscha wurde mein Retter.

Er trat sachte zu mir heran, berührte mich an der Schulter und bat mich, auf ein paar Worte mitzukommen. Ich erriet, daß er von Katja geschickt war. So war es auch. Einen Augenblick darauf saß ich bereits neben ihr. Anfangs blickte sie mich nur unverwandt an, wie wenn sie im stillen sagte: ›Also so siehst du aus!‹, und im ersten Augenblick fanden wir beide nicht die richtigen Worte, um das Gespräch zu beginnen. Ich war jedoch überzeugt, daß sie nur anzufangen brauchte, um dann nicht wieder aufzuhören, und wenn es bis zum anderen Morgen dauerte. Es huschte mir ein Gedanke an das ›fünf- bis sechsstündige Gespräch‹ durch den Kopf, das Aljoscha einmal erwähnt hatte. Aljoscha saß bei uns und wartete mit Ungeduld darauf, daß wir anfangen würden zu reden.

»Warum redet ihr denn nicht?« fragte er, indem er uns lächelnd anblickte. »Nun sind sie zusammengekommen und schweigen!«

»Ach, Aljoscha, wie du auch bist . . . wir werden gleich miteinander reden«, antwortete Katja. »Wir haben ja so vieles zusammen zu besprechen, Iwan Petrowitsch, daß ich gar nicht weiß, womit ich anfangen soll. Wir sind sehr spät miteinander bekannt geworden; es hätte schon viel früher geschehen sollen; ich kenne Sie allerdings schon lange. Und ich habe so sehr gewünscht, Sie zu sehen. Ich habe sogar schon daran gedacht, Ihnen einen Brief zu schreiben . . .«

»Worüber denn?« fragte ich, unwillkürlich lächelnd.

»Über alles mögliche«, antwortete sie ganz ernsthaft. »Zum Beispiel darüber, ob es richtig ist, was er von Natalja Nikolajewna erzählt, daß sie es nicht übelnimmt, wenn er sie gerade in dieser Zeit allein läßt. Nun, darf sich denn jemand so benehmen, wie er es tut? Nun, warum sitzt du denn hier, sag doch mal!«

»Ach, mein Gott, ich werde ja gleich hinfahren. Ich habe ja gesagt, daß ich nur noch einen Augenblick hierbleiben und sehen will, wie ihr beide miteinander redet, und dann will ich sofort hin.«

»Aber was tun wir beide denn hier zusammen, was dich so interessiert? Nun, da sitzen wir, hast du es gesehen? Und so ist er immer«, fügte sie, leise errötend, hinzu und wies mit dem Finger auf ihn. »›Ein Augenblickchen,‹ sagt er, ›nur ein Augenblickchen!‹, aber ehe man es sich versieht, hat er bis Mitternacht dagesessen, und dann ist es für andere Besuche zu spät. Er sagt: ›Sie wird nicht böse darüber; sie hat ein gutes Herz!‹ Das ist seine Denkungsweise! Nun, ist das hübsch? Ist das edel?«

»Nun, meinetwegen, ich will hinfahren«, antwortete Aljoscha in kläglichem Ton. »Ich wäre nur so gern noch ein bißchen bei euch geblieben . . .«

»Was hast du denn von uns? Wir müssen vielmehr über viele Dinge unter vier Augen sprechen. Aber höre, nimm das nicht übel; es ist eben notwendig; versteh das wohl!«

»Wenn das notwendig ist, dann will ich sogleich . . . was ist dabei übelzunehmen? Ich will nur noch auf ein Augenblickchen zu Lew und dann gleich zu ihr. Noch eins, Iwan Petrowitsch«, fuhr er fort, während er nach seinem Hut griff, »Sie wissen, daß mein Vater auf das Geld verzichten will, das er in dem Prozeß mit Ichmenew gewonnen hat?«

»Ja, ich weiß es; er hat es mir gesagt.«

»Wie edel er daran handelt! Katja glaubt nicht, daß das edel von ihm gehandelt ist. Setzen Sie ihr das doch auseinander! Leb wohl, Katja, und, bitte, zweifle nicht daran, daß ich Natascha liebe. Und warum gebt ihr alle mir solche Vorschriften und macht mir Vorwürfe und beobachtet mein Tun und Lassen, gerade als stände ich unter eurer Aufsicht? Sie weiß, wie sehr ich sie liebe, und hat Vertrauen zu mir, und ich weiß, daß sie zu mir Vertrauen hat. Ich liebe sie ohne alle Künsteleien, ohne alle Verpflichtungen. Ich weiß nicht, wie ich sie liebe. Ich liebe sie einfach. Und darum ist gar kein Grund vorhanden, mich wie einen Verbrecher ins Verhör zu nehmen. Da, frage nur Iwan Petrowitsch; jetzt ist er hier und wird es dir bestätigen, daß Natascha eifersüchtig ist und daß sie mich zwar sehr liebt, daß aber in ihrer Liebe doch viel Egoismus steckt, weil sie mir nichts zum Opfer bringen will.«

»Wie meinen Sie das?« fragte ich erstaunt; ich traute meinen Ohren nicht.

»Was redest du da, Aljoscha?« rief Katja, beinah schreiend, und schlug die Hände zusammen.

»Nun ja; was gibt's da sich zu wundern? Iwan Petrowitsch weiß es. Sie verlangt immer, daß ich bei ihr bleiben soll. Und wenn sie es auch nicht mit Worten verlangt, so ist doch deutlich, daß sie es gern möchte.«

»Schämst du dich denn nicht? Schämst du dich denn nicht?« sagte Katja, die vor Zorn ganz rot geworden war.

»Warum soll ich mich denn schämen? Aber wirklich, wie du auch bist, Katja! Ich liebe sie ja mehr, als sie glaubt; aber wenn sie mich in der richtigen Art liebte, so wie ich sie liebe, dann brächte sie mir gewiß ihr Vergnügen zum Opfer. Sie schickt mich allerdings selbst weg; aber ich sehe es ihr ja am Gesicht an, daß ihr das schmerzlich ist; also ist es für mich ganz dasselbe, wie wenn sie mich zurückhielte.«

»Nein, da steckt etwas dahinter!« rief Katja, indem sie sich mit zornfunkelnden Augen wieder an mich wandte. »Gestehe, Aljoscha, gestehe sofort: alles das hat dir dein Vater gesagt? Heute gesagt? Und bitte, suche mich nicht zu täuschen: ich bekomme es doch sofort heraus! Ist es so oder nicht?«

»Nun ja, er hat es zu mir gesagt«, antwortete Aljoscha verlegen. »Aber was ist dabei? Er hat mit mir heute so freundlich und herzlich gesprochen; und sie hat er mir gegenüber immer gelobt, so daß ich ordentlich erstaunt war: sie hat ihn beleidigt, und er lobt sie noch!«

»Und Sie, Sie haben ihm geglaubt«, sagte ich, »Sie, dem sie alles gegeben hat, was sie nur geben konnte? Ja selbst jetzt, noch heute, war ihre einzige Sorge, Sie könnten sich bei ihr unbehaglich fühlen und sie könnte Ihnen an dem Besuch bei Katerina Fjodorowna hinderlich sein! Das hat sie mir selbst heute gesagt. Und auf einmal haben Sie diesen Lügenreden Glauben geschenkt! Schämen Sie sich denn nicht?«

»Du Undankbarer! Aber er schämt sich ja nie, über nichts!« sagte Katja mit einer wegwerfenden Handbewegung nach ihm hin, als ob er ein total verdorbener Mensch wäre.

»Aber was wollt ihr denn eigentlich?« fuhr Aljoscha in kläglichem Ton fort. »Und so bist du immer, Katja! Immer findest du an mir nur Schlechtes . . . Von Iwan Petrowitsch will ich schon gar nicht reden! Ihr glaubt, daß ich Natascha nicht liebe. Das mit ihrem Egoismus habe ich anders gemeint. Ich wollte nur sagen, daß sie mich gar zu sehr liebt, in einer maßlosen Weise, und daß sie dadurch sowohl mir als auch sich selbst das Leben schwer macht. Mein Vater aber wird mich nie betrügen, selbst wenn er es wollte. Ich lasse mich nicht betrügen. Er hat überhaupt nicht gesagt, daß sie eine Egoistin wäre, im schlimmen Sinn des Wortes; ich habe ihn ganz gut verstanden. Er hat alles genau so gesagt, wie ich es jetzt wiedergegeben habe: ihre Liebe zu mir sei so groß und übermäßig, daß sie geradezu zum Egoismus werde; sie mache dadurch sowohl mir als auch sich selbst das Leben schwer, und das werde später für mich noch schlimmer werden. Na, damit hat er doch die Wahrheit gesagt, aus Liebe zu mir, und darin liegt doch nichts Beleidigendes für Natascha; im Gegenteil hat er anerkannt, daß ihre Liebe sehr groß ist, ja übermäßig, geradezu sinnlos . . .«

Aber Katja unterbrach ihn und ließ ihn nicht zu Ende reden. Sie machte ihm heftige Vorwürfe und bewies ihm, daß sein Vater nur deswegen Natascha zuerst gelobt habe, um ihn durch seine scheinbare Güte zu täuschen, und nur in der Absicht, heimlich und unmerklich Aljoscha selbst gegen sie aufzuwiegeln und so ihre Verbindung zu zerreißen. Sie setzte ihm mit ebensoviel Wärme als Klugheit auseinander, daß Natascha ihn liebe, daß aber keine Liebe das verzeihen könne, was er ihr antue, und daß der wahre Egoist hierbei er selbst, Aljoscha, sei. Allmählich brachte Katja ihn in einen Zustand schrecklicher Traurigkeit und tiefer Reue; er saß mit niedergeschlagenen Augen und einer Märtyrermiene neben uns, gab keine Antworten mehr und schien völlig vernichtet zu sein. Aber Katja war unerbittlich. Ich betrachtete sie mit größter Spannung. Es war mein lebhafter Wunsch, dieses seltsame Mädchen sobald wie möglich kennenzulernen. Sie war noch vollständig Kind, aber ein merkwürdiges Kind mit bestimmten Ansichten, festen Grundsätzen und einer leidenschaftlichen angeborenen Liebe zum Guten und zur Gerechtigkeit. Wenn man sie wirklich noch ein Kind nennen konnte, so gehörte sie zu der Kategorie der denkenden Kinder, die in unseren Familien ziemlich zahlreich sind. Es war klar, daß sie schon viel nachgedacht hatte. Es mußte interessant sein, in dieses denkende Köpfchen hineinzublicken und zu sehen, wie sich dort rein kindliche Ideen und Vorstellungen mit ernsten, aus eigener Erfahrung gewonnenen Gefühlen und Lebensbeobachtungen (denn Katja hatte schon gelebt) mischten und zugleich auch mit Ideen, die ihr noch unverständlich waren und nicht ihrer Erfahrung entstammten, sondern ihr theoretisch, in Büchern, imponiert hatten; diese letzteren Ideen waren wahrscheinlich sehr zahlreich, und sie bildete sich wohl ein, durch eigene Erfahrung zu ihnen gelangt zu sein. Im Verlauf dieses ganzen Abends und in der Folgezeit habe ich, wie ich glaube, Katja ziemlich gut kennengelernt. Ihr Herz war leicht erregbar und den Affekten zugänglich. In manchen Fällen verschmähte sie gewissermaßen die Kunst der Selbstbeherrschung, stellte die Wahrheit über alles, hielt den gesamten Zwang des gesellschaftlichen Lebens für törichte konventionelle Form und war, wie es schien, auf diese Anschauung stolz, wie man das bei vielen temperamentvollen Menschen findet, sogar bei solchen, die über die Jahre der Jugend schon hinaus sind. Aber gerade das verlieh ihr einen besonderen Reiz. Sie liebte es sehr, nachzudenken und nach der Wahrheit zu forschen, verfuhr aber dabei so frei von aller Pedanterie und mit so kindlicher Munterkeit, daß man gleich beim ersten Blick dieses ihr originelles Benehmen nett fand und sich mit ihm aussöhnte. Ich dachte an Lew und Boris, und es schien mir, daß das alles durchaus in der Natur der Dinge liege. Und merkwürdig: ihr Gesicht, an dem ich beim ersten Blick nichts besonders Schönes wahrgenommen hatte, wurde gleich an diesem Abend mit jedem Augenblick für mich immer schöner und anziehender. Diese naive Verquickung von Kind und denkendem Weib, dieser kindliche und im höchsten Grad aufrichtige Durst nach Wahrheit und Gerechtigkeit und dieser unerschütterliche Glaube an den Erfolg des eigenen Strebens, all dies erleuchtete ihr Gesicht gleichsam von innen heraus mit einem schönen Licht und verlieh ihm eine hohe, geistige Schönheit, und man begriff, daß es einem nicht so schnell gelingen konnte, diese Schönheit, die sich nicht jedem gewöhnlichen, gleichgültigen Blick darbot, in ihrem ganzen Umfang und Inhalt zu erfassen. Und es wurde mir verständlich, daß Aljoscha sich zu ihr leidenschaftlich hingezogen fühlen mußte. Er, der nicht selbst denken und urteilen konnte, liebte gerade diejenigen, die für ihn dachten und dies sogar gern taten; Katja aber hatte ihn schon ganz unter ihre Vormundschaft genommen. Sein Herz war von unerschütterlichem Edelsinn und unterwarf sich allem, was ehrenhaft und schön war; Katja aber hatte schon mit all der Offenheit, die eine Folge ihres kindlichen Wesens und ihrer Sympathie mit ihm war, ihn in ihren Gesprächen vieles von ihrer Seele sehen lassen. Er besaß nicht eine Spur von eigener Willenskraft; sie dagegen hatte einen sehr energischen, kräftigen, feurig aufflammenden Willen; Aljoscha aber konnte sich nur an jemand anschließen, der imstande war, ihn zu beherrschen und ihm geradezu zu befehlen. Dies war es auch zum Teil gewesen, was ihn in der ersten Zeit seiner Verbindung mit Natascha an diese gefesselt hatte; aber Katja hatte etwas sehr Wesentliches vor Natascha voraus: sie war selbst noch Kind, und es war zu erwarten, daß sie noch lange Kind bleiben würde. Diese ihre Kindlichkeit, ihr klarer Verstand und gleichzeitig ein gewisser Mangel an Urteilskraft, alle diese Momente machten sie zu Aljoschas Geistesverwandter. Er fühlte das, und daher übte Katerina auf ihn eine immer stärker werdende Anziehungskraft aus. Ich bin überzeugt, daß, wenn sie miteinander unter vier Augen sprachen, sie neben ernsten Auseinandersetzungen Katjas über »Propaganda« sich auch manchmal über Spielsachen unterhielten. Und obgleich Katja ihn wahrscheinlich sehr oft abkanzelte und ihn schon ganz in ihrer Botmäßigkeit hielt, so fühlte er sich im Verkehr mit ihr doch behaglicher als mit Natascha. Sie waren gleichartiger, und das war die Hauptsache.

»Hör auf, Katja, hör auf; genug davon; das Resultat ist immer, daß du recht hast und ich unrecht. Das kommt daher, daß deine Seele reiner ist als die meine«, sagte Aljoscha, indem er aufstand und ihr zum Abschied die Hand reichte. »Ich will sofort zu ihr, ohne erst zu Lew zu fahren.«

»Bei Lew hast du auch gar nichts zu tun; daß du aber jetzt folgsam bist und zu ihr fährst, das ist sehr liebenswürdig von dir.«

»Und du bist tausendmal liebenswürdiger als alle«, antwortete Aljoscha betrübt. »Iwan Petrowitsoh, ich möchte noch ein paar Worte mit Ihnen reden.«

Wir traten einige Schritte zur Seite.

»Ich habe mich heute unwürdig benommen«, flüsterte er mir zu; »ich habe mich gemein betragen; ich muß mich vor allen Menschen der Welt schämen und habe mich am allermeisten gegen die beiden vergangen. Heute nach dem Mittagessen machte mich mein Vater mit Mademoiselle Alexandrine bekannt, einer Französin, einem entzückenden Weib. Ich . . . ließ mich hinreißen und . . . nun, was soll ich noch weiter sagen, ich bin nicht mehr wert, mit ihnen zu verkehren . . . Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch!«

»Er ist ein guter, edel denkender Mensch«, sagte Katja eilig, als ich mich wieder zu ihr setzte; »aber über ihn werden wir später noch viel zu sprechen haben; jetzt müssen wir uns vor allen Dingen über einen Punkt einigen: wie denken Sie über den Fürsten?«

»Ich halte ihn für einen sehr schlechten Menschen.«

»Ich ebenfalls. Also sind wir darin einer Meinung; dadurch werden uns die weiteren Erörterungen erleichtert werden. Nun zu Natalja Nikolajewna! . . . Wissen Sie, Iwan Petrowitsch, ich sitze hier sozusagen im Dunkeln und habe auf Sie gewartet wie auf das Licht. Sie müssen mir das alles erklären; denn gerade in diesem Hauptpunkt beruht mein Urteil nur auf Mutmaßungen, auf dem, was mir Aljoscha erzählt hat. Und außer ihm hatte ich bisher niemand, von dem ich hätte etwas erfahren können. Sagen Sie erstens (und das ist die Hauptsache), wie denken Sie darüber: werden Aljoscha und Natascha miteinander glücklich sein? Das muß ich vor allen Dingen wissen, um mir ein endgültiges Urteil zu bilden; erst dann werde ich wissen, wie ich selbst zu handeln habe.«

»Wie kann man aber das mit Sicherheit sagen?«

»Mit Sicherheit kann man es natürlich nicht sagen«, unterbrach sie mich. »Aber was ist Ihre Ansicht? Denn Sie sind ein sehr verständiger Mensch.«

»Meiner Ansicht nach können sie miteinander nicht glücklich sein.«

»Warum denn nicht?«

»Sie sind nicht gleichartig.«

»Das hatte ich mir doch gedacht!«

Sie faltete wie in tiefem Kummer die Hände.

»Setzen Sie mir das eingehender auseinander! Hören Sie: Ich möchte schrecklich gern mit Natascha zusammenkommen; denn ich habe mit ihr vieles zu besprechen und meine, daß wir beide, sie und ich, für alle schwebenden Fragen die richtige Lösung finden werden. Jetzt aber muß ich mir immer nur so im Kopf ein Bild von ihr machen: sie ist gewiß furchtbar klug, ernst, wahrheitsliebend und schön. Nicht wahr?«

»Ja.«

»Davon bin ich überzeugt gewesen. Nun aber, wenn sie so ist, wie hat sie denn Aljoscha, einen solchen Knaben, liebgewinnen können? Das erklären Sie mir! Ich denke oft darüber nach.«

»Das läßt sich nicht erklären, Katerina Fjodorowna; es ist schwer, zu verstehen, warum und wie jemand einen anderen liebgewinnen kann. Ja, er ist ein Kind. Aber wissen Sie wohl, daß man auch ein Kind liebgewinnen kann?« (Das Herz wurde mir ganz weich, während ich sie so ansah und ihr in die Augen blickte, die unverwandt mit tiefer, ernster, ungeduldiger Aufmerksamkeit auf mich gerichtet waren.) »Und je weniger Ähnlichkeit Natascha selbst mit einem Kind hat«, fuhr ich fort, »je ernster sie ist, um so eher konnte sie ihn liebgewinnen. Er ist wahrheitsliebend, aufrichtig, schrecklich naiv und manchmal in seiner Naivität allerliebst. Vielleicht hat sie ihn . . . wie soll ich mich ausdrücken? . . . vielleicht hat sie ihn sozusagen aus Mitleid liebgewonnen. Ein hochgesinntes Herz kann jemanden aus Mitleid liebgewinnen . . . Ich fühle jedoch, daß ich nicht imstande bin, Ihnen in dieser Hinsicht etwas zu erklären; statt dessen möchte ich an Sie selbst die Frage richten: Sie lieben ihn ja doch?«

Ich stellte ihr kühn diese Frage und fühlte, daß ich durch die Eilfertigkeit derselben die völlige, kindliche Reinheit ihrer klaren Seele nicht trüben konnte.

»Ich weiß es wirklich noch nicht«, antwortete sie mir leise, indem sie mir mit hellem Blick in die Augen sah; »aber ich glaube, ich liebe ihn sehr . . .«

»Nun, also sehen Sie! Können Sie aber auseinandersetzen, warum Sie ihn lieben?«

»Er ist ohne Falsch«, antwortete sie nach einigem Nachdenken. »Und wenn er mir gerade in die Augen blickt und dabei redet, so gefällt mir das . . . Hören Sie, Iwan Petrowitsch, da rede ich nun mit Ihnen davon, und ich bin ein Mädchen und Sie ein Mann: ist das nun gut von mir gehandelt oder schlecht?«

»Was kann denn daran schlecht sein?«

»Das meine ich auch. Gewiß, was kann daran schlecht sein? Aber die da« (sie deutete mit den Augen nach der Gruppe hin, die um den Samowar saß), »die würden gewiß sagen, es sei schlecht. Haben sie nun recht oder unrecht?«

»Unrecht! Da Sie in Ihrem Herzen nicht das Gefühl haben, schlecht zu handeln, so . . .«

»Ja, so mache ich es immer«, unterbrach sie mich; sie hatte es offenbar eilig, da sie noch recht vieles mit mir besprechen wollte. »Sobald ich über irgend etwas im unklaren bin, befrage ich sogleich mein Herz, und wenn das ruhig ist, dann bin ich auch selbst ruhig. So muß man es immer machen. Und mit Ihnen rede ich deshalb so ganz offen, als ob ich mit mir selbst spräche, weil Sie erstens ein prächtiger Mensch sind und ich von Ihren früheren Beziehungen zu Natascha weiß, vor dem Verhältnis mit Aljoscha, und ich habe geweint, als ich es hörte.«

»Wer hat Ihnen denn das erzählt?«

»Natürlich Aljoscha, und er weinte selbst dabei: das war sehr gut von ihm und gefiel mir sehr. Mir scheint, daß er Sie mehr liebt als Sie ihn, Iwan Petrowitsch. Sehen Sie, durch solche Züge hat er mir eben gefallen. Nun, und zweitens rede ich mit Ihnen deshalb so aufrichtig wie mit mir selbst, weil Sie ein sehr kluger Mensch sind und mir viele gute Ratschläge geben und mich belehren können.«

»Woher wissen Sie denn, daß ich so klug bin, Sie belehren zu können?«

»Ach, was ist das für eine Frage!«

Sie dachte nach.

»Ich habe ja davon nur so nebenbei angefangen zu reden; lassen Sie uns nun von der Hauptsache sprechen! Belehren Sie mich, Iwan Petrowitsch: Sehen Sie, ich fühle jetzt, daß ich Nataschas Nebenbuhlerin bin; ich weiß das; wie soll ich nun handeln? Aus diesem Grund habe ich Sie auch gefragt, ob die beiden miteinander glücklich sein werden. Ich denke darüber Tag und Nacht nach. Nataschas Lage ist schrecklich, ganz schrecklich! Er hat ja ganz aufgehört, sie zu lieben, und mich liebt er von Tag zu Tag mehr. Es ist doch so?«

»Es scheint allerdings so.«

»Und dabei betrügt er sie nicht. Er weiß selbst nicht, daß er aufhört, sie zu lieben; sie aber weiß es sicherlich. Welche Qualen mag sie da ausstehen!«

»Was wollen Sie nun tun, Katerina Fjodorowna?«

»Ich habe eine ganze Menge Pläne«, antwortete sie ernst, »bin aber in großer Verwirrung. Eben deswegen habe ich Sie mit solcher Ungeduld erwartet, damit Sie mir alle diese Zweifel lösen. Sie kennen die ganze Angelegenheit weit besser als ich. Sie sind für mich jetzt sozusagen ein Gott. Hören Sie, am Anfang hatte ich so gedacht: ›Wenn sie einander lieben, so ist es recht und billig, daß sie glücklich werden, und daher muß ich mich zum Opfer bringen und ihnen helfen.‹ So ist es doch?«

»Ich weiß, daß Sie sich zum Opfer gebracht haben.«

»Ja, ich habe mich zum Opfer gebracht; aber dann später, als er anfing, häufiger zu mir zu kommen und mich immer mehr zu lieben, da wurde ich nachdenklich und denke nun immer: »Soll ich mich zum Opfer bringen oder nicht?« Das ist doch sehr schlecht von mir, nicht wahr?«

»Es ist nur natürlich«, erwiderte ich; »es muß so sein . . . und Sie tragen keine Schuld.«

»Ich bin doch anderer Ansicht; Sie sagen das nur, weil Sie so gut sind. Ich meine aber, daß mein Herz nicht ganz rein ist. Wäre mein Herz rein, so würde ich wissen, wofür ich mich zu entscheiden habe. Aber lassen wir das! Darauf habe ich etwas mehr über ihre gegenseitigen Beziehungen gehört, vom Fürsten, von Mama, von Aljoscha selbst, und habe herausgefühlt, daß sie nicht zueinander passen; und Sie bestätigen mir das jetzt. Da habe ich nun weiter überlegt: ›Wie soll ich mich jetzt verhalten?‹ Denn wenn zu erwarten ist, daß sie miteinander unglücklich sein werden, so ist es für sie das beste, sich zu trennen; und darauf habe ich mir vorgenommen, Sie recht genau nach allem zu befragen und selbst zu Natascha zu fahren und mit ihr die ganze Sache zu erledigen.«

»Aber wie zu erledigen, das ist die Frage.«

»Ich will zu ihr sagen: ›Sie lieben ihn ja über alles; daher müssen Sie auch sein Glück höherstellen als das Ihrige; folglich müssen Sie sich von ihm trennen.‹«

»Ja, aber was meinen Sie, wie sie das aufnehmen wird? Und wenn sie Ihnen zustimmt, wird sie imstande sein, es auszuführen?«

»Das ist's gerade, worüber ich Tag und Nacht nachdenke, und . . . und . . .«

Sie brach plötzlich in Tränen aus.

»Sie glauben gar nicht, wie leid mir Natascha tut«, flüsterte sie mit zuckenden Lippen.

Ich hatte nichts weiter hinzuzufügen. Ich schwieg und hätte, wie ich sie so ansah, am liebsten selbst losgeweint, nicht aus Schmerz, sondern aus einer Art von Liebe. Was war sie für ein liebes, liebes Kind! Ich fragte sie nicht, weshalb sie denn sich selbst für fähig halte, Aljoscha glücklich zu machen.

»Lieben Sie Musik?« fragte sie, nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, aber noch wehmütig von den soeben vergossenen Tränen.

»O ja«, antwortete ich etwas verwundert.

»Wenn wir Zeit hätten, würde ich Ihnen das dritte Konzert von Beethoven vorspielen. Ich spiele es jetzt. Darin sind alle diese Gefühle ausgedrückt . . . ganz genau so, wie ich sie jetzt empfinde. So scheint es mir wenigstens. Aber das müssen wir auf ein andermal verschieben; jetzt haben wir noch miteinander zu reden.«

Wir berieten nun darüber, wie ihre geplante Begegnung mit Natascha ins Werk zu setzen sei. Sie teilte mir mit, daß sie streng gehalten werde; wiewohl ihre Stiefmutter gut sei und sie liebe, werde sie ihr doch unter keinen Umständen erlauben, Natalja Nikolajewnas Bekanntschaft zu machen; daher habe sie sich zur Anwendung einer List entschlossen. Vormittags fahre sie manchmal spazieren, aber fast immer mit der Gräfin zusammen. Mitunter jedoch fahre die Gräfin nicht mit, sondern lasse sie mit der Französin allein fahren, die jetzt krank sei. Das geschehe, wenn die Gräfin Kopfschmerzen habe, und daher müsse man abwarten, bis die Kopfschmerzen sich wieder einmal einstellten. Bis dahin aber werde es ihr schon gelingen, ihre Französin (eine alte Dame, so eine Art von Gesellschafterin) auf ihre Seite zu bringen; denn diese Französin sei eine herzensgute Person. Als Resultat ergab sich, daß es schlechterdings unmöglich sei, im voraus den Tag zu bestimmen, an dem der Besuch bei Natascha stattfinden solle.

»Sie werden es nicht bereuen, Nataschas Bekanntschaft gemacht zu haben«, sagte ich. »Sie wünscht selbst lebhaft, Sie kennenzulernen, und das ist auch nötig, schon damit sie weiß, wem sie ihren Aljoscha übergibt. Grämen Sie sich über diese ganze Angelegenheit nicht zu sehr. Die Zeit wird auch ohne Ihre Sorgen die Lösung bringen. Sie fahren ja doch aufs Land?«

»Ja, bald, vielleicht in einem Monat«, antwortete sie; »und ich weiß, daß der Fürst darauf bestehen wird.«

»Was meinen Sie, wird Aljoscha mit Ihnen fahren?«

»Sehen Sie, daran hatte ich soeben auch gedacht!« sagte sie, mich unverwandt anblickend. »Glauben Sie nicht, daß er mitkommen wird?«

»Ganz bestimmt.«

»Mein Gott, was aus alledem noch werden wird, das weiß ich nicht! Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen von allem, was vorfällt, schreiben; ich werde Ihnen oft und viel schreiben. Ich bin nun einmal Ihr Quälgeist geworden. Werden Sie vorher noch oft zu uns kommen?«

»Das weiß ich nicht, Katerina Fjodorowna; das wird von den Umständen abhängen. Vielleicht werde ich überhaupt nicht wieder herkommen.«

»Warum denn nicht?«

»Das können verschiedene Ursachen bewirken, besonders meine Beziehungen zum Fürsten.«

»Er ist ein unehrlicher Mensch!« erwiderte Katja in entschiedenem Ton. »Aber wissen Sie, Iwan Petrowitsch, wie wär's, wenn ich zu Ihnen käme? Würde das von mir gut gehandelt sein oder nicht?«

»Wie denken Sie selbst darüber?«

»Ich glaube, gut. Ich käme einfach so gelegentlich zu Ihnen hin . . .« fügte sie lächelnd hinzu. »Ich sage das, weil ich Sie nicht nur hochschätze, sondern auch sehr gern habe . . . Und ich kann von Ihnen vieles lernen. Und ich habe Sie sehr gern . . . Ich brauche mich doch nicht darüber zu schämen, daß ich so zu Ihnen spreche?«

»Was gibt's da zu schämen? Auch Sie sind mir lieb und wert wie eine nahe Verwandte.«

»Sie wollen also mein Freund sein?«

»Das will ich, gewiß!« antwortete ich.

»Nun, die da würden bestimmt sagen, daß ich mich schämen müsse und daß sich ein junges Mädchen nicht so benehmen dürfe«, bemerkte sie, indem sie wieder mit den Augen nach der Gesellschaft am Teetisch hindeutete.

Ich schiebe hier die Bemerkung ein, daß der Fürst uns anscheinend absichtlich allein ließ, damit wir uns nach Belieben miteinander aussprechen könnten.

»Ich weiß ja sehr gut«, fügte sie hinzu, »der Fürst hat es auf mein Geld abgesehen. Von mir glauben sie, daß ich noch ein vollständiges Kind sei, und sagen mir das sogar geradezu. Ich jedoch glaube das nicht. Ich bin kein Kind mehr. Sie sind sonderbare Menschen; sie sind ja selbst wie Kinder; wozu machen sie sich nur soviel Mühe und Sorge?«

»Katerina Fjodorowna, ich wollte Sie noch fragen: was sind das für Leute, Lew und Boris, die Aljoscha so oft besucht?«

»Es sind entfernte Verwandte von mir. Sie sind sehr kluge und sehr ehrenhafte Menschen; aber sie reden furchtbar viel . . . Ich kenne sie genau . . .«

Sie lächelte.

»Ist es wahr, daß Sie ihnen zu gegebener Zeit eine Million schenken wollen?«

»Nun, sehen Sie, zum Beispiel gleich diese Million! Da schwatzen sie nun schon so viel von ihr, daß es gar nicht mehr zu ertragen ist. Gewiß, ich gebe mit Freuden für alle nützlichen Zwecke etwas her; wozu hat man denn sonst das viele Geld, nicht wahr? Vorläufig jedoch bin ich ja noch gar nicht in der Lage, etwas herzugeben; sie aber verteilen es jetzt schon und überlegen und schreien und disputieren über die beste Verwendung und zanken sich sogar deswegen; es ist ein ganz wunderliches Benehmen. Sie haben es gar zu eilig. Aber doch sind sie so offenherzige und . . . verständige Menschen. Sie lernen fleißig. Das ist immer besser als die Art, in der manche anderen leben. Nicht wahr?«

So sprachen wir noch über vieles miteinander. Sie erzählte mir beinahe ihre ganze Lebensgeschichte und hörte mit lebhaftem Interesse meine Erzählungen an. Immer verlangte sie, ich solle ihr noch mehr von Natascha und Aljoscha erzählen. Es war schon zwölf Uhr, als der Fürst zu mir trat und mir zu verstehen gab, daß es Zeit sei aufzubrechen. Ich empfahl mich. Katja drückte mir herzlich die Hand und sah mich bedeutsam an. Die Gräfin bat mich, meinen Besuch zu wiederholen; ich ging mit dem Fürsten zusammen hinaus.

Ich kann mich nicht enthalten, eine seltsame und vielleicht gar nicht zur Sache gehörige Bemerkung hier herzusetzen. Aus meinem dreistündigen Gespräch mit Katja hatte ich unter anderem die wunderliche, aber zugleich feste Überzeugung gewonnen, daß sie noch bis zu dem Grad völlig Kind war, daß sie von den besonderen Beziehungen zwischen Mann und Frau keine Kenntnis besaß. Manchen ihrer Darlegungen und überhaupt dem ernsten Ton, mit dem sie über viele sehr wichtige Dinge sprach, verlieh das eine unfreiwillige Komik.

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