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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
projectidf43b867d
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Siebentes Kapitel

Ich ging eilig nach Hause: Masslobojews Worte hatten auf mich einen starken Eindruck gemacht. Mir gingen Gott weiß was für Gedanken durch den Kopf . . . Und gerade jetzt mußte mich zu Hause ein Ereignis erwarten, das mich wie ein elektrischer Schlag erschütterte.

Dem Tor des Hauses, in dem ich wohnte, gerade gegenüber stand eine Straßenlaterne. Kaum war ich unter das Tor getreten, als plötzlich von der Laterne eine seltsame Gestalt auf mich zustürzte, so daß ich sogar aufschrie; es war ein geängstigtes, zitterndes, halb wahnsinniges Wesen, das sich mit einem Schrei an meine Arme klammerte. Ich bekam einen furchtbaren Schreck: es war Nelly.

»Nelly! Was ist dir?« rief ich. »Was tust du hier?«

»Da oben . . . er sitzt da . . . bei uns.«

»Wer sitzt da? Komm; komm mit mir mit!«

»Ich will nicht, ich will nicht! Ich werde warten, bis er weggeht . . . auf dem Flur . . . ich will nicht.«

Mit einer seltsamen Ahnung stieg ich zu meiner Wohnung hinauf, öffnete die Tür und erblickte den Fürsten. Er saß am Tisch und las meinen Roman. Wenigstens hatte er das Buch aufgeschlagen vor sich liegen.

»Iwan Petrowitsch!« rief er freudig. »Wie freue ich mich, daß Sie endlich nach Hause kommen! Ich wollte eben schon wegfahren. Ich warte auf Sie schon über eine Stunde. Ich habe heute auf die dringenden, inständigen Bitten der Gräfin mein Wort darauf gegeben, Sie heute abend mitzubringen. Sie hat mich so sehr darum gebeten; sie wünscht so lebhaft, Ihre Bekanntschaft zu machen! Da Sie mir bereits Ihr Versprechen gegeben hatten, so beschloß ich, möglichst früh, ehe Sie noch irgendwohin weggingen, selbst zu Ihnen zu fahren und Sie gleich mitzunehmen. Denken Sie sich meinen Verdruß: ich komme an, und Ihre Dienerin teilt mir mit, daß Sie nicht zu Hause seien. Was sollte ich tun? Ich hatte mein Wort gegeben, Sie mitzubringen; so setzte ich mich denn hin, um auf Sie zu warten, in der Meinung, das werde etwa eine Viertelstunde dauern; aber es ist eine etwas lange Viertelstunde geworden! Ich schlug Ihren Roman auf und habe mich ganz in seine Lektüre vertieft. Iwan Petrowitsch! Das ist ja grandios! Da muß ich wirklich sagen: man weiß Sie noch nicht nach Gebühr zu schätzen. Sie haben mir Tränen entlockt. Ich habe geweint, und ich weine doch nicht häufig . . .«

»Sie wünschen also, daß ich mitfahre? Ich muß Ihnen gestehen, jetzt . . . ich bin zwar durchaus nicht abgeneigt; aber . . .«

»Ich bitte Sie um alles in der Welt: kommen Sie mit! Was wollen Sie mir antun? Ich habe ja anderthalb Stunden auf Sie gewartet! . . . Außerdem muß ich notwendig, ganz notwendig mit Ihnen reden – Sie verstehen, worüber. Sie kennen die ganze Angelegenheit besser als ich . . . Wir werden vielleicht eine Entscheidung treffen, zu einer Abmachung gelangen; bedenken Sie nur! Um des Himmels willen, geben Sie mir keine abschlägige Antwort!«

Ich sagte mir, daß ich früher oder später doch hinfahren müßte. Allerdings war Natascha jetzt allein und bedurfte meiner; aber sie hatte mich ja selbst beauftragt, Katjas Bekanntschaft möglichst bald zu machen. Zudem würde ich vielleicht auch Aljoscha dort treffen . . . Ich wußte, daß Natascha sich nicht eher beruhigt fühlen werde, ehe ich ihr nicht Nachrichten von Katja brächte, und so entschloß ich mich denn, mitzufahren. Aber ich war in Sorge um Nelly.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick!« sagte ich zum Fürsten und ging auf die Treppe hinaus.

Nelly stand dort in einem dunklen Winkel.

»Warum willst du nicht hereinkommen, Nelly? Was hat er dir getan? Was hat er mit dir geredet?«

»Nichts . . . Ich will nicht, ich will nicht . . .«, wiederholte sie. »Ich fürchte mich . . .«

Alles Zureden half nichts. Ich verabredete mit ihr, sie solle, sobald ich mit dem Fürsten herauskäme, ins Zimmer gehen und sich einschließen.

»Und laß niemanden zu dir herein, Nelly, wenn dich jemand auch noch so sehr bittet.«

»Wollen Sie mit ihm gehen?«

»Ja.«

Sie fing an zu zittern und ergriff meine Hand, wie wenn sie mich bitten wollte, das nicht zu tun; aber sie sagte kein Wort. Ich nahm mir vor, sie am nächsten Tag eingehend zu befragen.

Ich bat den Fürsten um Entschuldigung und begann mich umzukleiden. Er erging sich in Versicherungen, zu einem Besuch dort seien kein besonderer Anzug, keine besondere Toilette erforderlich.

»Höchstens etwas frische Wäsche!« fügte er hinzu, nachdem er mich mit einem inquisitorischen Blick vom Kopf bis zu den Füßen gemustert hatte. »Wissen Sie, diese törichten Anschauungen über äußere Formen . . . man kann sich schlechterdings davon nicht ganz frei machen. Ein vernünftiger Standpunkt wird in unseren Kreisen noch lange nicht zu finden sein«, schloß er, nachdem er mit Vergnügen gesehen hatte, daß ich einen Frack besaß.

Wir gingen hinaus. Aber ich ließ ihn auf der Treppe stehen, ging ins Zimmer zurück, in das Nelly inzwischen bereits hineingeschlüpft war, und nahm noch einmal von ihr Abschied. Sie befand sich in furchtbarer Aufregung. Ihr Gesicht sah ordentlich bläulich aus. Ich ängstigte mich um sie; es wurde mir schwer, sie zu verlassen.

»Sie haben eine sonderbare Dienerin«, sagte der Fürst zu mir, als wir die Treppe hinunter stiegen. »Dieses kleine Mädchen ist ja wohl Ihre Dienerin?«

»Nein . . . sie nimmt keine bestimmte Stellung ein . . . sie wohnt vorläufig bei mir.«

»Ein eigentümliches Mädchen! Ich bin überzeugt, daß sie nicht ganz bei Verstand ist. Stellen Sie sich vor: Anfangs antwortete sie mir ganz vernünftig; aber dann, nachdem sie mich genauer angesehen hatte, stürzte sie auf mich zu, schrie, zitterte und klammerte sich an mich; sie wollte etwas sagen, war aber dazu nicht imstande. Ich muß bekennen, ich bekam es mit der Angst und wollte schon vor ihr flüchten; aber Gott sei Dank, sie lief selbst von mir fort. Ich war höchst erstaunt. Wie bekommen Sie es nur fertig, mit ihr zusammen zu leben?«

»Sie leidet an Epilepsie«, antwortete ich.

»Ah so! Nun, dann ist es nicht weiter auffällig, wenn sie solche Anfälle hat.«

Gleich in diesem Augenblick bildete sich bei mir eine gewisse Ansicht heraus. Der gestrige Besuch Masslobojews bei mir, obwohl er wußte, daß ich nicht zu Hause war, und seine heutige Aufforderung, um sieben Uhr zu ihm zu kommen, und mein Besuch bei ihm und seine Erzählung, die er in trunkenem Zustand, und ohne es recht zu wollen, vorgetragen hatte, und seine Bitte, nicht an ein listiges Verfahren von seiner Seite zu glauben, und endlich der Umstand, daß der Fürst, der vielleicht gewußt hatte, daß ich bei Masslobojew war, auf mich anderthalb Stunden hatte warten mögen, und daß Nelly von ihm weg auf die Straße gelaufen war – alles dies schien mir untereinander in einem gewissen Zusammenhang zu stehen. Dies gab mir Anlaß zu ernstem Nachdenken.

Am Tor erwartete uns die Equipage des Fürsten; wir stiegen ein und fuhren weg.

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