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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
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Zweites Kapitel

Ja, er kam geradezu hereingeflogen, mit strahlendem Gesicht, fröhlich und vergnügt. Man sah ihm an, daß er diese vier Tage heiter und glücklich verlebt hatte. Es stand ihm auf dem Gesicht geschrieben, daß er uns etwas mitteilen wollte.

»Da bin ich!« rief er mit schallender Stimme. »Ich, der von allen zuerst hätte hiersein sollen. Aber ihr werdet sogleich alles erfahren, alles, alles! Vorhin, Papa, hatten wir keine Zeit, auch nur ein paar Worte miteinander zu sprechen; und ich hatte dir doch soviel zu sagen. Nur zu Zeiten, wo er in besonders guter Stimmung ist, erlaubt er mir, ihn zu duzen«, unterbrach er sich, zu mir gewendet; »zu anderen Zeiten verbietet er es mir! Und was für einer eigentümlichen Taktik er sich da bedient: er fängt selbst an, zu mir ›Sie‹ zu sagen. Aber vom heutigen Tag an will ich, daß er immer in guter Stimmung sei, und ich werde das bewirken! Überhaupt habe ich mich in diesen vier Tagen verändert, mich völlig, völlig verändert, und ich werde euch alles erzählen. Aber das nachher! Jetzt die Hauptsache: da ist sie, da ist sie wieder! Natascha, Geliebte, guten Abend, mein Engel!« sagte er, setzte sich neben sie und küßte ihr eifrig die Hand. »Wie habe ich mich diese Tage über nach dir gesehnt! Aber was war zu machen! Ich konnte nicht! Ich konnte es nicht ermöglichen. Du meine Liebste! Es sieht aus, als ob du ein bißchen abgemagert wärst, und du bist so blaß geworden . . .«

Voller Entzücken bedeckte er ihre Hände mit Küssen und sah sie glückselig mit seinen schönen Augen an, als könne er sich an ihr gar nicht satt sehen. Ich warf einen Blick auf Natascha und erriet an ihrem Gesicht, daß wir denselben Gedanken hatten: er war völlig schuldlos. Und wann und wie hätte sich dieser Unschuldige auch schuldig machen können? Eine helle Röte ergoß sich auf einmal über Nataschas Wangen, als ob alles Blut, das sich in ihrem Herzen gesammelt hatte, plötzlich nach dem Kopf strömte. Ihre Augen blitzten, und stolz blickte sie den Fürsten an.

»Aber wo . . . bist du denn . . . all diese Tage gewesen?« fragte sie mit mühsam zurückgehaltener, stockender Stimme. Sie atmete schwer und ungleichmäßig. Mein Gott, wie liebte sie ihn!

»Das ist es ja eben, daß ich tatsächlich dir gegenüber schuldig zu sein scheine. Aber was sage ich ›scheine‹? Selbstverständlich bin ich schuldig, und ich weiß das selbst und bin mit diesem Bewußtsein hergekommen. Katja hat gestern und heute zu mir gesagt, es gäbe kein weibliches Wesen, das eine solche Vernachlässigung verzeihen könne (denn sie weiß alles, was sich hier bei uns am Dienstag zugetragen hat; ich habe es ihr gleich am nächsten Tag erzählt). Ich habe mich mit ihr gestritten und ihr bewiesen und gesagt, daß es doch ein solches weibliches Wesen gibt und daß es Natascha heißt und daß ihr auf der ganzen Welt vielleicht nur eines gleichkommt, nämlich Katja; und ich bin selbstverständlich in dem Bewußtsein hierhergefahren, daß ich in dem Streit recht hatte. Kann etwa ein Engel wie du seine Verzeihung verweigern? ›Er ist nicht hiergewesen; also hat ihn jedenfalls etwas gehindert; daß er aufgehört hätte, mich zu lieben, ist ausgeschlossen‹ so wird meine Natascha gedacht haben! Und wie könnte ich auch aufhören, dich zu lieben? Ist das überhaupt möglich? Mein ganzes Herz hat mir weh getan vor Sehnsucht nach dir. Aber doch bin ich schuldig! Wenn du indessen alles erfahren haben wirst, so wirst du die erste sein, die mich für gerechtfertigt erklärt! Sogleich werde ich alles erzählen; es drängt mich, euch allen mein Herz auszuschütten; deshalb bin ich ja auch hergekommen. Ich wollte heute, als ich gerade einen Augenblick freie Zeit hatte, schon zu dir herfliegen, um dich in aller Eile zu küssen; aber auch da kam mir etwas dazwischen: Katja schickte zu mir, ich möchte in einer sehr wichtigen Angelegenheit unverzüglich zu ihr kommen. Das war noch vor der Zeit gewesen, als ich in der Droschke saß, Papa, und du mich sahst; damals fuhr ich schon zum zweitenmal, aus Anlaß eines zweiten Schreibens, zu Katja. Es laufen jetzt den ganzen Tag über zwischen uns Eilboten mit Briefchen von einem Haus zum andern. Iwan Petrowitsch, Ihr Billett habe ich erst gestern in der Nacht zu lesen bekommen, und Sie haben in allem, was Sie da geschrieben haben, vollkommen recht. Aber was war zu machen? Es war eben physisch unmöglich! Daher dachte ich: ›Morgen abend werde ich mich in allen Punkten rechtfertigen‹; denn heute abend mußte ich unter allen Umständen zu dir kommen, Natascha.«

»Was war denn das für ein Billett?« fragte Natascha.

»Er war bei mir, traf mich natürlich nicht zu Hause an und schalt mich in einem Billett, das er mir daließ, tüchtig dafür aus, daß ich nicht zu dir käme. Und er hat vollkommen recht. Das war gestern.«

Natascha sah mich an.

»Aber wenn du Zeit genug hattest, um vom Morgen bis zum Abend bei Katerina Fjodorowna zu sein . . .«, begann der Fürst.

»Ich weiß, ich weiß, was du sagen willst«, unterbrach ihn Aljoscha. »Du willst sagen: ›Wenn du bei Katja sein konntest, dann hattest du noch einmal soviel Grund, bei Natascha zu sein.‹ Ich stimme dir da vollständig bei und füge sogar von mir aus hinzu: nicht noch einmal soviel Grund, sondern tausendmal soviel Grund! Aber erstens gibt es seltsame, unerwartete Ereignisse im Leben, die alles in Verwirrung bringen und das Oberste zuunterst kehren. Nun, so etwas ist auch mir begegnet. Ich habe schon gesagt, daß ich mich in diesen Tagen vollständig verändert habe, vom Kopf bis zu den Füßen; es haben also wirklich wichtige Umstände vorgelegen!«

»Ach mein Gott, was ist dir denn nun eigentlich begegnet? Bitte, martere mich nicht!« rief Natascha, über Aljoschas Eifer lächelnd.

Er war tatsächlich ein bißchen komisch: er überhastete sich; die Worte fielen ihm schnell und ohne Ordnung aus dem Mund; sie polterten nur so heraus. Er wollte immerzu reden, reden, erzählen; aber während des Erzählens ließ er doch Nataschas Hand nicht los und führte sie unaufhörlich an die Lippen, wie wenn er sich gar nicht satt küssen könne.

»Darum handelt es sich eben, was mir begegnet ist«, fuhr Aljoscha fort. »Ach, meine Freunde! Was habe ich alles gesehen, was habe ich alles getan, was für Leute habe ich kennengelernt! Erstens Katja: sie ist geradezu ein Ideal! Ich habe sie bisher gar nicht gekannt, aber auch gar nicht! Auch damals, am Dienstag, als ich mit dir von ihr sprach, Natascha (du erinnerst dich, ich redete noch von ihr mit solchem Entzücken), na, also auch damals kannte ich sie noch so gut wie gar nicht. Sie selbst suchte sich vor mir zu verbergen bis zur jetzigen Zeit. Aber jetzt haben wir einander vollständig kennengelernt. Wir duzen uns jetzt schon. Aber ich will von Anfang an erzählen: erstens, Natascha, wenn du nur hättest hören können, wie sie zu mir von dir gesprochen hat, als ich ihr am andern Tage, am Mittwoch, berichtete, was sich hier zwischen uns zugetragen hatte! . . . Apropos, da fällt mir ein, wie dumm ich mich gegen dich betragen habe, als ich damals, am Mittwochvormittag, zu dir kam! Du empfingst mich voll Entzücken und warst ganz erfüllt von unserer neuen Situation; du wolltest mit mir von all diesen Dingen reden; du warst traurig und scherztest und spaßtest dabei doch mit mir; ich aber wollte den ruhigen, gesetzten Mann spielen! O ich Dummkopf, ich Dummkopf! Ich wollte mich hervortun, damit prahlen, daß ich bald ein Ehemann, ein solider Mensch sein würde, und da mußte ich auch gerade auf dich verfallen, um dir diese Rolle vorzuspielen! Ach, wie hast du damals gewiß über mich gelacht, und wie sehr verdiente ich es, von dir ausgelacht zu werden!«

Der Fürst saß schweigend da und blickte mit einer Art von triumphierendem, ironischem Lächeln Aljoscha an, gerade als freue er sich darüber, daß sein Sohn sich als ein so leichtsinniger, ja sogar komischer Mensch erwies. Diesen ganzen Abend beobachtete ich den Fürsten aufmerksam und gewann die feste Überzeugung, daß er seinen Sohn überhaupt nicht liebe, obgleich die Leute soviel von seiner warmen Vaterliebe sprachen.

»Nach dem Besuch bei dir fuhr ich zu Katja«, fuhr Aljoscha in seiner Erzählung fort. »Ich habe schon gesagt, daß wir erst an diesem Morgen einander vollständig kennenlernten, und das ging in einer ganz merkwürdigen Weise zu . . . ich erinnere mich eigentlich gar nicht mehr, wie . . . Ein paar Worte voll warmen Gefühls, ein paar offen ausgesprochene Gedanken und Empfindungen, und wir waren uns fürs ganze Leben nahegetreten. Du mußt sie kennenlernen, Natascha, mußt sie unbedingt kennenlernen! Wie sie mir dein ganzes Wesen auseinandergesetzt und erläutert hat! Wie sie mir klargemacht hat, was für einen Schatz ich an dir besitze! Allmählich setzte sie mir alle ihre Ideen und ihre ganze Lebensanschauung auseinander; sie ist ein so ernstes, enthusiastisches Mädchen! Sie sprach von unserer Pflicht, von unserer Bestimmung, davon, daß wir alle der Menschheit dienen müßten, und da wir vollständig derselben Ansicht waren, wie sich in einem fünf- bis sechsstündigen Gespräch herausstellte, so endete es damit, daß wir uns geschworen haben, lebenslänglich Freunde zu sein und unser ganzes Leben lang zusammen zu wirken!«

»Auf welchem Gebiet wollt ihr denn wirken?« fragte der Fürst verwundert.

»Ich habe mich so verändert, Vater, daß dich dies alles natürlich in Erstaunen setzen muß; ich sehe sogar alle deine Einwände vorher«, antwortete Aljoscha triumphierend. »Ihr seid sämtlich Leute des praktischen Lebens; ihr habt eine Menge der Erfahrung entstammender ernster, strenger Grundsätze; auf alles Neue, Junge, Frische jedoch blickt ihr mißtrauisch, feindselig und spöttisch herab. Aber jetzt bin ich nicht mehr der, als den du mich noch vor wenigen Tagen gekannt hast. Ich bin ein anderer geworden! Ich blicke allem und allen in der Welt kühn in die Augen. Wenn ich weiß, daß meine Überzeugung die richtige ist, dann bleibe ich ihr treu bis zum Äußersten; und wenn ich nicht vom rechten Wege abirre, dann bin ich ein ehrenhafter Mensch. Das genügt mir. Dann mögt ihr andern reden, was ihr wollt, ich bin meiner Sache sicher.«

»Oho!« sagte der Fürst spöttisch.

Natascha blickte bald mich, bald den Fürsten beunruhigt an. Sie fürchtete für Aljoscha. Es begegnete ihm oft, daß er, sehr wenig zu seinem Vorteil, sich im Gespräch hinreißen ließ, und sie wußte das. Sie wollte nicht, daß Aljoscha sich vor uns, und namentlich vor seinem Vater, in einem komischen Licht zeige.

»Was redest du nur, Aljoscha! Das ist ja schon sozusagen Philosophie«, sagte sie; »das hat dich gewiß jemand gelehrt. Du solltest lieber erzählen.«

»Aber ich bin ja mitten im Erzählen!« rief Aljoscha. »Siehst du: Katja hat zwei entfernte Verwandte, eine Art von Vettern, Lew und Boris; der eine ist Student und der andere einfach ein junger Mann. Sie unterhält mit ihnen Beziehungen, und das sind geradezu hervorragende Geister! Bei der Gräfin lassen sie sich fast gar nicht blicken, aus Grundsatz. Als ich mit Katja von der Bestimmung des Menschen, von seiner Berufung und all dergleichen sprach, wies sie mich auf diese jungen Männer hin und gab mir sofort ein Empfehlungsschreiben an sie; ich eilte unverzüglich zu ihnen, um ihre Bekanntschaft zu machen. Gleich an demselben Abend wurden wir ein Herz und eine Seele. Es waren da ungefähr zwölf Personen von verschiedener Lebensstellung: Studenten, Offiziere, Künstler; auch ein Schriftsteller war dabei; sie kennen Sie; Iwan Petrowitsch, das heißt, sie haben Ihre Schriften gelesen, und erwarten in der Zukunft viel von Ihnen. Das haben sie mir selbst gesagt. Ich sagte ihnen, daß ich mit Ihnen bekannt sei, und versprach ihnen, Sie mit ihnen bekannt zu machen. Sie nahmen mich alle brüderlich mit offenen Armen auf. Ich sagte ihnen gleich von vornherein, daß ich mich bald verheiraten werde; und daher behandelten sie mich schon wie einen Ehemann. Sie wohnen meist im fünften Stock, unter dem Dach, und kommen möglichst oft zusammen, vorzugsweise mittwochs bei Lew und Boris. Es sind lauter frische, junge Menschen, sämtlich von glühender Liebe zur ganzen Menschheit erfüllt; wir sprachen alle von unserer Gegenwart, von unserer Zukunft, von den Wissenschaften, von der Literatur, und es wurde so schön, so offen und schlicht geredet! Auch ein Gymnasiast kommt hin. Wie hübsch sie miteinander verkehren, und was für eine edle, vornehme Denkweise sie haben! Ich habe solche Menschen noch nie kennengelernt! In welchen Kreisen habe ich denn auch bisher verkehrt? Was habe ich zu sehen bekommen? In welcher Umgebung bin ich aufgewachsen? Du, Natascha, bist die einzige, die mit mir von solchen Dingen gesprochen hat. Ach, Natascha, du mußt unbedingt ihre Bekanntschaft machen; Katja ist schon mit ihnen bekannt. Sie reden von ihr beinah mit Ehrfurcht, und Katja hat schon zu Lew und Boris gesagt, wenn sie die Berechtigung erlangt haben werde, über ihr Vermögen zu verfügen, so werde sie unbedingt sogleich eine Million Rubel für soziale Zwecke spenden.«

»Und die Verwalter dieser Million werden gewiß Lew und Boris und ihre ganze Gesellschaft sein?« fragte der Fürst.

»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr; schäme dich, Vater, so zu reden!« rief Aljoscha eifrig. »Ich merke, was du meinst! Aber diese Million ist tatsächlich der Gegenstand unseres Gespräches gewesen; wir haben lange überlegt, wie sie verwendet werden solle, und uns endlich dafür entschieden, daß sie vor allen Dingen der allgemeinen Aufklärung dienen soll . . .«

»Ja, ich habe Katerina Fjodorowna bisher wirklich nicht ordentlich gekannt«, bemerkte der Fürst, als ob er nur für sich spräche, immer mit demselben spöttischen Lächeln. »Ich habe ihr übrigens manches zugetraut, aber dies . . .«

»Was ist denn dabei?« unterbrach ihn Aljoscha. »Was erscheint dir daran so sonderbar? Daß das aus eurem gewohnten Rahmen heraustritt? Daß bisher niemand eine Million geopfert hat und Katja es tut? Das ist's wohl, was dich befremdet. Aber was ist dagegen zu sagen, wenn sie nicht auf andrer Leute Kosten leben will? Denn von diesen Millionen leben ist soviel, wie auf andrer Leute Kosten leben; das ist mir erst jetzt klargeworden. Sie will dem Vaterland und allen Menschen nützlich sein und für die Förderung des Gemeinwohls ihr Scherflein darbringen. Von einem Scherflein ist ja schon in unseren Schönschreibevorschriften die Rede gewesen, und wie jenes Scherflein der Witwe eine Million wert war, so wird es doch hier auch der Fall sein. Und worauf gründet sich denn diese ganze gepriesene Vernunft, an die ich so fest geglaubt habe? Warum siehst du mich so an, Vater? Als ob du einen Narren, einen Dummkopf vor dir sähest? Nun, was schadet es, wenn man ein Dummkopf ist? Du hättest hören sollen, Natascha, was Katja darüber sagte: ›Nicht der Verstand ist das Wichtigste, sondern das, was ihn regiert: der Charakter, das Herz, die edlen Eigenschaften, die gesamte geistige Entwicklung.‹ Aber die Hauptsache ist: hierüber hat Besmygin einen genialen Ausspruch getan. Besmygin ist ein Bekannter von Lew und Boris und unser Oberhaupt und wirklich ein genialer Kopf! Erst gestern sagte er im Gespräch: ›Ein Dummkopf, der sich bewußt ist, ein Dummkopf zu sein, ist kein Dummkopf mehr!‹ Welch eine tiefe Wahrheit! Solche Denksprüche gibt er alle Augenblicke von sich. Er schüttelt die Wahrheiten nur so aus dem Ärmel.«

»Wirklich genial!« bemerkte der Fürst.

»Du spottest immer. Aber ich habe von dir nie etwas Derartiges zu hören bekommen und ebensowenig von unsrer ganzen sogenannten guten Gesellschaft. Bei euch sucht man so etwas vielmehr zu verstecken; alles sucht man niederzuhalten, damit alle Leute die gleiche Statur haben; selbst die Nasen sollen von gleicher Länge und Gestalt sein – als ob das möglich wäre! Als ob das nicht tausendmal unmöglicher wäre als das, wovon wir reden und was wir vorhaben! Und dabei nennt man uns Utopisten! Du hättest nur hören sollen, was sie gestern zu mir sagten . . .«

»Aber worüber redet ihr denn nun eigentlich, und was habt ihr vor? Erzähle doch, Aljoscha; bis jetzt verstehe ich noch nichts davon«, sagte Natascha.

»Wir reden überhaupt von allem, was zum Fortschritt und zur Humanität und zur Liebe führt; alles das erörtern wir anhand der neuzeitlichen Fragen. Wir reden von der Publizität, von den beginnenden Reformen, von der Liebe zur Menschheit, von den führenden Geistern; wir kritisieren sie, wir lesen ihre Schriften. Aber die Hauptsache ist: wir haben einander das Wort darauf gegeben, unter uns vollständig aufrichtig zu sein und einander alles über uns selbst offen und ohne falsche Scham zu sagen. Nur Offenheit und Aufrichtigkeit können das Ziel erreichen. Darauf dringt Besmygin ganz besonders. Ich habe Katja davon erzählt, und sie ist durchaus der Ansicht Besmygins. Und darum haben wir alle unter Besmygins Leitung uns das Wort darauf gegeben, unser ganzes Leben hindurch offen und ehrlich zu handeln und, was man auch von uns sagen und wie man auch über uns urteilen mag, uns durch nichts beirren zu lassen, uns unseres Enthusiasmus, unserer Bestrebungen, unserer Fehler nicht zu schämen, sondern geradeaus unseren Weg zu gehen. Wenn du willst, daß man dich achte, so achte zuerst und vor allen Dingen dich selbst; nur dadurch, nur durch Selbstachtung, zwingst du auch andere, dich zu achten. Das sagt Besmygin, und Katja stimmt ihm vollständig bei. Überhaupt sprechen wir jetzt viel von unseren Anschauungen und haben beschlossen, es soll sich jeder für sich allein mit Selbsterkenntnis beschäftigen, und dann sollen alle zusammen sich wechselseitig belehren . . .«

»Was für ein heilloser Unsinn!« rief der Fürst beunruhigt. »Und wer ist dieser Besmygin? Nein, das darf man nicht so weitergehen lassen!«

»Was darf man nicht so weitergehen lassen?« fiel Aljoscha ein. »Höre, Vater, warum setze ich jetzt das alles in deiner Gegenwart auseinander? Weil ich wünsche und hoffe, auch dich für unseren Verein zu gewinnen. Ich habe es dort auch schon versprochen, dich hinzubringen. Du lachst; nun, das habe ich vorher gewußt, daß du lachen würdest! Aber höre! Du bist gut, du bist edel; du wirst mich verstehen. Du kennst ja diese Menschen nicht; du hast sie noch nie gesehen, sie nicht selbst gehört. Gesetzt auch, du habest von alledem schon gehört, denn du hast ja alles studiert und bist furchtbar gelehrt: aber sie selbst hast du noch nicht gehört, du bist noch nicht bei ihnen gewesen; wie kannst du also über sie ein richtiges Urteil haben? Du bildest dir nur ein, daß du sie kennst. Nein, komm zu ihnen hin, höre sie, und dann – und dann verbürge ich mich dafür, daß du einer der Unsrigen werden wirst! Und die Hauptsache ist: ich will alle Mittel anwenden, um dich vom Verderben in deinem Gesellschaftskreis zu retten, an dem du so hängst, und dich von deinen Anschauungen abzubringen.«

Der Fürst hatte Aljoschas pathetische Rede schweigend und mit einem spöttischen Lächeln angehört; sein Gesicht hatte einen boshaften Ausdruck getragen. Natascha hatte ihn mit unverhohlenem Widerwillen beobachtet. Er hatte dies gesehen, aber getan, als bemerke er es nicht. Aber als Aljoscha geendet hatte, brach der Fürst plötzlich in ein Gelächter aus. Er ließ sich sogar gegen die Lehne des Stuhles zurücksinken, als ob er nicht imstande wäre, sich zu halten. Aber dieses Lachen war entschieden gekünstelt. Es war nur zu deutlich, daß er einzig und allein in der Absicht lachte, seinen Sohn möglichst zu kränken und zu demütigen. Aljoscha fühlte sich wirklich beleidigt; sein ganzes Gesicht drückte tiefen Schmerz aus. Aber er wartete geduldig, bis die Heiterkeit seines Vaters aufhörte.

»Vater«, begann er traurig, »warum lachst du denn über mich? Ich habe offen und ehrlich zu dir gesprochen. Wenn ich deiner Meinung nach Dummheiten gesagt habe, so belehre mich, aber lache mich nicht aus! Und worüber lachst du? Über das, was mir jetzt heilig und edel erscheint? Nun, mag ich auch irren, mag das auch alles unrichtig und fehlerhaft sein, mag ich auch ein Dummkopf sein, wie du mich manchmal genannt hast: aber wenn ich auch irre, so tue ich es mit aller Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit; ich habe den Adel meiner Seele nicht eingebüßt. Ich begeistere mich für hohe Ideen. Mögen sie auch irrig sein, so ist doch ihre Grundlage heilig. Ich habe dir ja gesagt, daß du und alle Angehörigen deines Kreises mir noch nichts Derartiges gesagt haben, was mich angezogen hätte und mir als Richtschnur hätte dienen können. Widerlege diese Ideen, sage mir etwas Besseres, und ich werde dir folgen; aber lache nicht über mich; denn das kränkt mich sehr.«

Aljoscha hatte das mit edlem Anstand und mit einer Art von ernster Würde gesagt. Natascha war seinen Worten mit Teilnahme gefolgt. Der Fürst hatte seinem Sohn ganz erstaunt zugehört und änderte nun sogleich seinen Ton.

»Ich wollte dich ganz und gar nicht kränken, lieber Sohn«, antwortete er; »ich bedaure dich vielmehr. Du bereitest dich zu einem Schritt im Leben vor, bei dem es an der Zeit wäre, das leichtsinnige, knabenhafte Wesen abzulegen. Das ist meine Meinung. Ich mußte unwillkürlich lachen und habe dich durchaus nicht kränken wollen.«

»Warum schien es mir dann aber so?« fuhr Aljoscha mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes fort. »Warum scheint es mir schon lange, daß du gegen mich eine feindliche Stellung einnimmst, mich mit kaltem Spott behandelst und nicht so, wie ein Vater seinen Sohn behandeln sollte? Warum scheint es mir, daß ich, wenn ich an deiner Stelle wäre, meinen Sohn nicht in so kränkender Weise auslachen würde, wie du es jetzt mit mir tust? Höre: sprechen wir uns doch jetzt gleich ein für allemal aufrichtig aus, so daß keinerlei Mißverständnisse mehr zurückbleiben! Und . . . ich will die volle Wahrheit sagen: als ich hier eintrat, schien es mir, daß auch hier ein Mißverständnis stattgefunden hatte; ich hatte erwartet, euch in anderer Stimmung hier zusammen zu finden. Ist es so oder nicht? Wenn es so ist, ist es dann nicht besser, daß ein jeder seine Empfindungen frei ausspricht? Wieviel Schaden kann durch Aufrichtigkeit verhütet werden!«

»Sprich nur, sprich nur, Aljoscha!« erwiderte der Fürst. »Was du uns da vorschlägst, ist sehr verständig. Vielleicht hätten wir das von vornherein tun sollen«, fügte er mit einem Blick auf Natascha hinzu.

»Sei also nicht böse über meine vollständige Offenherzigkeit!« begann Aljoscha. »Du wünschst sie selbst, verlangst sie selbst. So höre denn! Du hast deine Einwilligung zu meiner Heirat mit Natascha gegeben; du hast uns dieses Glück gewährt und zu diesem Zweck dich selbst überwunden. Du bist großmütig gewesen, und wir alle haben dein edles Verhalten gebührend gewürdigt. Aber warum deutest du mir denn jetzt fortwährend mit einer Art von Schadenfreude an, daß ich noch ein lächerlicher Knabe und für die Stellung eines Ehemannes ungeeignet sei? Ja noch mehr: du legst es darauf an, mich zu verhöhnen, mich zu demütigen, mich sogar in Nataschas Augen zu verunglimpfen. Es ist dir immer eine große Freude, wenn du mich von einer komischen Seite zeigen kannst; das habe ich nicht erst jetzt bemerkt, sondern schon lange. Als ob du es besonders darauf abgesehen hättest, uns zu beweisen, daß unsere Ehe lächerlich und absurd sei und wir nicht zueinander paßten. Gerade als ob du selbst nicht daran glaubtest, daß das zustande kommen werde, was du doch selbst für uns in Aussicht genommen hast; als ob du das alles nur für einen Scherz, für einen amüsanten Einfall, für ein komisches Vaudeville hieltest . . . Ich schließe das ja nicht nur aus deinen heutigen Worten. Gleich an jenem Abend, am Dienstag, als ich von hier zu dir zurückkehrte, hörte ich aus deinem Mund einige merkwürdige Ausdrücke, die mich verwunderten und geradezu kränkten. Auch als du am Mittwoch abreistest, machtest du einige Anspielungen auf unsere jetzige Lage und sprachst auch von Natascha, zwar nicht in beleidigender Weise, nein, aber doch so, wie ich es aus deinem Mund lieber nicht gehört hätte, gar zu leichtfertig, lieblos, respektlos. Es ist schwer, das darzulegen; aber der Ton war nicht mißverständlich; mein Herz vernahm ihn. Sage mir doch, daß ich mich irre! Belehre mich eines Besseren, beruhige mich und . . . und auch sie; denn du hast auch sie gekränkt. Das merkte ich beim ersten Blick, als ich hier eintrat . . .«

Aljoscha hatte das mit warmer Empfindung und in festem Ton gesprochen. Natascha hatte ihm mit einer Art von Triumph zugehört und in starker Erregung und mit glühendem Gesicht ein paarmal während seiner Rede vor sich hingesagt: »Ja, ja, so ist es!« Der Fürst war verlegen.

»Lieber Sohn«, entgegnete er, »ich kann mich natürlich nicht auf alles besinnen, was ich zu dir gesagt habe; aber es ist sehr sonderbar, wenn du meine Worte in einem solchen Sinn aufgefaßt hast. Ich bin bereit, dich eines Besseren zu belehren, soweit ich nur irgend kann. Wenn ich jetzt gelacht habe, so ist auch das begreiflich. Ich sage dir, daß ich mit meinem Lachen sogar meine schmerzliche Empfindung verhüllen wollte. Wenn ich mir jetzt vorstelle, daß du dich bald anschickst, ein Ehemann zu sein, so erscheint mir das jetzt völlig unmöglich, absurd, ja, nimm es mir nicht übel, sogar lächerlich. Du machst mir dieses Lachen zum Vorwurf; aber ich sage dir, daß es ganz und gar durch dich herbeigeführt ist. Eine gewisse Schuld trage allerdings auch ich: vielleicht habe ich in der letzten Zeit zu wenig auf dich achtgegeben und daher erst jetzt, heute abend, erkannt, was für einer Handlungsweise du fähig bist. Jetzt wird mir geradezu bange, wenn ich an dein künftiges Leben mit Natalja Nikolajewna denke: ich habe mich übereilt; ich sehe, daß ihr sehr wenig zusammenpaßt. Jede Liebe geht vorüber; aber die Disharmonie bleibt lebenslänglich. Ich will gar nicht einmal von deinem eigenen Schicksal reden; aber wenn anders du ehrliche Absichten hast, so bedenke, daß du mit dir zusammen auch Natalja Nikolajewna zugrunde richtest, entschieden zugrunde richtest! Da hast du nun jetzt eine ganze Stunde lang von Liebe zur Menschheit, von Adel der Gesinnung, von hochherzigen Menschen, mit denen du bekannt geworden bist, gesprochen; aber frage Iwan Petrowitsch, was ich vorhin zu ihm gesagt habe, als wir auf dieser abscheulichen Treppe zum vierten Stock hinaufstiegen und hier an der Tür stehenblieben und Gott für die Rettung unseres Lebens und unserer Beine dankten! Weißt du, welcher Gedanke mir da unwillkürlich durch den Kopf ging? Ich wunderte mich, wie du bei deiner großen Liebe zu Natalja Nikolajewna es dulden kannst, daß sie in einer solchen Wohnung lebt. Hast du dir denn gar nicht gesagt, daß, wenn du über keine Mittel verfügst und nicht die Fähigkeit besitzt, deine Pflichten zu erfüllen, daß du dann auch nicht berechtigt bist, ein Ehemann zu sein, nicht berechtigt bist, irgendwelche Pflichten auf dich zu nehmen? Die Liebe allein genügt nicht; die Liebe zeigt sich in Taten; aber so zu denken wie du: ›Magst du auch mit mir leiden; aber lebe dennoch mit mir!‹, das ist nicht human, nicht edel! Von allgemeiner Liebe zu reden, sich für allgemein menschliche Fragen zu begeistern und gleichzeitig Verbrechen gegen die Liebe zu begehen und es gar nicht einmal zu bemerken – ein solches Verhalten ist mir unverständlich! Unterbrechen Sie mich nicht, Natalja Nikolajewna, lassen Sie mich ausreden; es ist mir so weh ums Herz, und ich muß mich ganz aussprechen. Du hast gesagt, Aljoscha, du habest dich in diesen Tagen für alles, was edel, schön und ehrenhaft ist, begeistert und hast es mir zum Vorwurf gemacht, daß in unserem Gesellschaftskreis solche Begeisterung nicht zu finden sei, sondern nur trockene Vernunft. Nun sieh, was du getan hast: du hast dich für das Hohe und Schöne begeistert und hast trotz allem, was hier am Dienstag geschehen ist, vier Tage lang diejenige vernachlässigt, die, wie man meinen sollte, dir teurer sein müßte als alles auf der Welt! Du hast sogar bekannt, daß du in dem Streit mit Katerina Fjodorowna behauptet habest, Natalja Nikolajewna liebe dich so sehr und sei so großmütig, daß sie dir dein Verhalten verzeihen werde. Aber welches Recht hast du, auf eine solche Verzeihung zu rechnen und darauf zu wetten? Hast du denn wirklich kein einziges Mal daran gedacht, wie viele Qualen, wie viele bittere Gedanken, wieviel Zweifel und wieviel Argwohn du in diesen Tagen bei Natalja Nikolajewna hervorriefst? Hattest du deswegen, weil du dich dort für irgendwelche neuen Ideen begeistertest, ein Recht, deine allererste Pflicht zu vernachlässigen? Verzeihen Sie mir, Natalja Nikolajewna, daß ich meinem Wort untreu geworden bin. Aber die gegenwärtige Angelegenheit ist von ernsterer Bedeutung als dieses Versprechen; Sie werden das gewiß selbst einsehen . . . Weißt du wohl, Aljoscha, daß ich Natalja Nikolajewna in so tiefem Leid angetroffen habe, daß mir daraus verständlich wurde, in welche Hölle du diese vier Tage für sie verwandelt hast, die vielmehr die glücklichsten Tage ihres Lebens hätten sein sollen? Eine solche Handlungsweise auf der einen Seite und Worte, Worte und immer wieder Worte auf der anderen – habe ich da nicht recht? Und bei alledem bringst du es fertig, mich zu beschuldigen, während du doch die ganze Schuld trägst?«

Der Fürst war zu Ende. Er war sogar entzückt von seiner rednerischen Leistung und vermochte sein Triumphgefühl vor uns nicht zu verbergen. Als Aljoscha von Nataschas Leid hörte, blickte er sie mit schmerzlichem Kummer an; aber Natascha hatte bereits ihren Entschluß gefaßt.

»Laß es gut sein, Aljoscha, gräme dich nicht!« sagte sie. »Andere sind schuldiger als du. Setz dich hin und höre zu, was ich deinem Vater jetzt gleich sagen werde. Es ist Zeit, ein Ende zu machen!«

»Sprechen Sie sich deutlich aus, Natalja Nikolajewna!« fiel der Fürst ein; »ich bitte Sie dringend darum. Schon zwei Stunden lang höre ich diese rätselhaften Andeutungen. Das wird unerträglich, und ich muß gestehen, daß ich einen solchen Empfang hier nicht erwartet hatte.«

»Das mag sein; denn Sie meinten, Sie würden uns durch Ihre Worte bezaubern, so daß wir Ihre geheimen Absichten nicht merkten. Was soll ich Ihnen denn erst noch deutlich machen? Sie wissen ja selbst alles und verstehen alles. Aljoscha hat recht. Was Sie vor allen Dingen wünschen ist: uns zu trennen. Sie haben alles vorher gewußt, was sich hier nach jenem Dienstagabend ereignen würde, und es sich sozusagen an den Fingern berechnet. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Sie es mit mir und der von Ihnen in die Wege geleiteten Eheschließung nicht ernst meinen. Sie treiben mit uns Ihren Scherz, Ihr Spiel und haben dabei eine bewußte Absicht. Ihr Spiel ist gut berechnet. Aljoscha hatte recht, als er Ihnen vorwarf, Sie betrachteten diese ganze Angelegenheit wie eine Vaudeville. Sie sollten sich vielmehr über Aljoschas Benehmen freuen, statt ihm Vorwürfe zu machen; denn er hat unwissentlich alles erfüllt, was Sie von ihm erwarteten, vielleicht sogar noch mehr.«

Ich war starr vor Staunen. Ich hatte zwar erwartet, daß sich an diesem Abend eine Katastrophe ereignen werde; aber doch versetzten Aljoschas schroffe Offenherzigkeit und ihr unverhohlen verächtlicher Ton mich in die äußerste Verwunderung! ›Also weiß sie tatsächlich etwas‹, dachte ich, ›und hat sich ohne Verzug zum Bruch entschlossen. Vielleicht hat sie sogar den Fürsten mit Ungeduld erwartet, um ihm mit einemmal alles ins Gesicht zu sagen.‹ Der Fürst wurde ein wenig blaß. Aljoschas Miene drückte naive Furcht und qualvolle Erwartung aus. »Bedenken Sie, was für eine Anschuldigung Sie soeben gegen mich erhoben haben«, rief der Fürst, »und überlegen Sie wenigstens einigermaßen, was Sie sagen! . . . Ich verstehe nichts davon!«

»Ah! Also Sie wollen mich in dieser kurzen Fassung nicht verstehen«, sagte Natascha. »Sogar er, Aljoscha hier, hat Sie ebenso durchschaut wie ich, und doch haben wir beide nicht miteinander gesprochen und uns nicht einmal gesehen! Auch er hat die Empfindung gehabt, daß Sie mit uns ein unwürdiges, beleidigendes Spiel treiben; und doch liebt er Sie und glaubt an Sie wie an eine Gottheit! Sie haben nicht für nötig gehalten, ihm gegenüber größere Vorsicht und List anzuwenden; Sie rechneten darauf, daß er nichts merken werde. Aber er hat ein feinfühliges Herz, und Ihre Worte, Ihr ›Ton‹, wie er sagt, haben ihm einen dauernden Eindruck gemacht.«

»Ich verstehe nichts davon, gar nichts!« wiederholte der Fürst, indem er sich mit einer Miene größter Verwunderung an mich wandte, wie wenn er mich als Zeugen anrufen wollte. Er war gereizt und heftig erregt. »Sie sind argwöhnisch und befinden sich in Aufregung«, fuhr er, zu Natascha gewendet, fort. »Sie sind einfach eifersüchtig auf Katerina Fjodorowna und neigen daher dazu, die ganze Welt und in erster Linie mich anzuklagen. Gestatten Sie, daß ich Ihnen alles frei heraus sage: man muß daraus eine eigentümliche Meinung über Ihren Charakter gewinnen. Ich bin an solche Szenen nicht gewöhnt; ich würde nach dem Vorangegangenen keinen Augenblick länger hierbleiben, wenn es sich nicht um das Interesse meines Sohnes handelte . . . Ich warte immer noch, ob Sie nicht die Gewogenheit haben wollen, sich deutlicher auszusprechen.«

»Also Sie beharren auf diesem Verlangen und wollen mich nicht in dieser kurzen Fassung verstehen, trotzdem Sie alles ganz genau wissen? Sie wollen durchaus, daß ich Ihnen alles offen sage?«

»Das und nichts anderes ist es, was ich wünsche.«

»Gut denn; so hören Sie!« rief Natascha, deren Augen vor Zorn funkelten. »Ich werde alles sagen, alles!«

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