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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
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Sechstes Kapitel

Anna Andrejewna wartete auf mich schon lange. Durch das, was ich ihr tags zuvor über Nataschas Briefchen gesagt hatte, war ihre Neugier stark erregt worden, und sie hatte mich schon viel früher am Morgen erwartet, mindestens schon um zehn Uhr. Als ich aber bei ihr zwischen ein und zwei Uhr mittags erschien, war die Pein des Wartens bei der armen Frau auf den höchsten Grad gestiegen. Außerdem hatte sie auch das dringende Bedürfnis, mit mir von den neuen Hoffnungen zu sprechen, die seit dem vorigen Tag in ihrem Herzen erwacht waren, und von Nikolai Sergejewitsch, der sich seit dem vorigen Tag unwohl fühlte, ein finsteres Gesicht machte, sich dabei aber doch gegen sie besonders zärtlich benahm. Als ich kam, empfing sie mich zunächst mit unzufriedener, kühler Miene, murmelte kaum ein paar undeutliche Worte und zeigte nicht die geringste Neugier, beinah als ob sie sagen wollte: ›Warum bist du denn gekommen? Eine wunderliche Passion von dir, lieber Freund, dich alle Tage bei uns einzustellen!‹ Sie ärgerte sich über mein spätes Kommen. Aber ich hatte Eile und erzählte ihr daher ohne weitere Umschweife die ganze Szene, die sich tags zuvor bei Natascha abgespielt hatte. Sowie die alte Frau von dem Besuch des Fürsten und von seinem feierlichen Antrag hörte, war ihre ganze erkünstelte Verdrossenheit sogleich verflogen. Es fehlt mir an Worten, um zu schildern, wie sie sich freute; sie war ganz fassungslos, bekreuzigte sich, weinte, verbeugte sich mehrmals tief vor dem Heiligenbild, umarmte mich und wollte sogleich zu Nikolai Sergejewitsch laufen, um ihm von ihrer Freude Mitteilung zu machen.

»Weißt du, lieber Freund«, sagte sie zu mir, »sein Unwohlsein rührt nur von den vielerlei Kränkungen und Demütigungen her; wenn er aber jetzt erfährt, daß Natascha volle Genugtuung erhält, so wird er im Augenblick alles vergessen.«

Nur mit großer Mühe redete ich ihr dies aus. Obwohl die gute Alte mit ihrem Mann schon fünfundzwanzig Jahre lang zusammengelebt hatte, kannte sie ihn doch noch immer schlecht. Sie hatte auch die größte Lust, gleich mit mir zu Natascha zu fahren. Ich stellte ihr vor, daß Nikolai Sergejewitsch ihren Schritt vielleicht nicht billigen werde und daß wir dadurch womöglich die ganze Sache verderben würden. Nur schwer ließ sie sich umstimmen; aber sie hielt mich noch eine halbe Stunde länger zurück und redete während dieser ganzen Zeit immer nur allein. »Nun bleibe ich ohne einen Menschen mit meiner großen Freude zurück«, sagte sie, »und sitze hier allein in den vier Wänden!« Endlich überredete ich sie, mich wegzulassen, indem ich ihr vorstellte, daß mich Natascha jetzt ungeduldig erwarte. Die alte Frau bekreuzte mich für meinen Weg mehrmals, trug mir auf, ihrer Tochter ihren besonderen Segen zu überbringen, und fing beinahe an zu weinen, als ich ihr mit aller Entschiedenheit erklärte, ich würde an diesem selben Tag nicht noch einmal am Abend kommen, es müßte denn sein, daß sich mit Natascha etwas Besonderes zutrüge. Den alten Ichmenew bekam ich diesmal nicht zu sehen: er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, über Kopfschmerz und Fieber geklagt und schlief jetzt in seinem Zimmer.

Auch Natascha hatte den ganzen Vormittag über auf mich gewartet. Als ich eintrat, ging sie nach ihrer Gewohnheit mit verschränkten Armen nachdenkend im Zimmer auf und ab. Auch jetzt kann ich, wenn ich an sie zurückdenke, sie mir nicht anders vorstellen, als wie sie immer allein in dem ärmlichen Stübchen, nachdenkend, wartend, mit zusammengelegten Armen und niedergeschlagenen Augen zwecklos hin und her ging.

Leise, und ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, fragte sie, warum ich so spät käme. Ich erzählte ihr in Kürze alle meine Erlebnisse, aber sie hörte mir kaum zu. Es war ihr anzumerken, daß sie mit einer Sorge beschäftigt war.

»Was gibt es Neues?« fragte ich.

»Neues gar nichts!« erwiderte sie, aber mit einer Miene, aus der ich sofort erriet, daß sie allerdings etwas Neues hatte und eben deswegen auf mich gewartet hatte, um mir dieses Neue zu erzählen; ich wußte aber, daß sie es mir nach ihrer Gewohnheit nicht sogleich erzählen werde, sondern erst wenn ich mich anschicken würde wegzugehen.

So machte sie es immer. Ich hatte mich schon in diese ihre Besonderheit gefunden und wartete auch diesmal.

Wir begannen unser Gespräch selbstverständlich mit den Ereignissen des vorhergehenden Tages. Besonders überraschte es mich, daß wir beide in unserm Urteil über den alten Fürsten vollständig übereinstimmten: er mißfiel ihr entschieden, und zwar in noch weit höherem Grad als tags zuvor. Und nachdem wir seinen ganzen Besuch Punkt für Punkt durchgesprochen hatten, sagte Natascha plötzlich:

»Hör mal, Wanja, es pflegt ja immer so zu gehen: wenn einem jemand am Anfang mißfällt, so ist das ein Zeichen dafür, daß er einem später bestimmt gefallen wird. Wenigstens ist es mir immer so gegangen.«

»Das gebe Gott, Natascha! Außerdem möchte ich meine Meinung definitiv dahin aussprechen: ich habe alles genau durchdacht und bin zu dem Resultat gelangt, daß der Fürst, wenn auch sein Wesen viel Jesuitenhaftes hat, doch mit eurer Heirat wirklich und im Ernst einverstanden ist.«

Natascha blieb mitten im Zimmer stehen und sah mich finster an. Ihr ganzes Gesicht hatte sich verändert; sogar die Lippen bebten leise.

»Wie sollte er es denn überhaupt bei einer solchen Sache fertigbekommen, sich zu verstellen und . . . zu lügen? fragte sie mit stolzer Verwunderung.

»Nun eben, nun eben!« stimmte ich ihr eilig zu.

»Selbstverständlich hat er nicht gelogen. Ich meine, daran ist überhaupt nicht zu denken. Für eine solche Verstellung läßt sich auch gar kein Anlaß ersinnen. Und schließlich, wofür müßte er mich denn halten, wenn er es fertigbrächte, sich in solcher Weise über mich lustig zu machen? Kann ein Mensch wirklich einer solchen Beleidigung fähig sein?«

»Ganz recht, ganz recht!« fiel ich bestätigend ein, dachte aber im stillen: ›Du hast gewiß jetzt eben, während du im Zimmer hin und her gingst, darüber nachgedacht, mein armes Kind, und zweifelst vielleicht in noch höherem Grad als ich.‹

»Ach, wie sehr wünsche ich, daß er recht bald zurückkäme!« sagte sie. »Er wollte den ganzen Abend bei mir bleiben, und dann . . . Es müssen wohl wichtige Angelegenheiten sein, wenn er alles stehen und liegen ließ und fortfuhr. Weißt du nicht, was für welche, Wanja? Hast du nichts gehört?«

»Gott mag es wissen. Er ist ja immer auf Gelderwerb aus. Ich habe gehört, daß er sich hier in Petersburg an einer Lieferung für den Staat beteiligt. Wir verstehen nichts von Geschäften, Natascha.«

»Gewiß, wir verstehen nichts davon. Aljoscha sprach gestern von einem Brief.«

»Es wird irgendeine Nachricht darin gestanden haben. War denn Aljoscha heute hier?«

»Ja.«

»Frühzeitig?«

»Um zwölf; er schläft ja immer lange. Er hat ein Weilchen hier gesessen. Dann habe ich ihn fortgejagt zu Katerina Fjodorowna; es ging doch nicht anders, Wanja.«

»Wollte er denn nicht selbst dorthin gehen?«

»O doch, er wollte selbst hin . . .«

Sie wollte noch etwas hinzufügen, verstummte aber. Ich sah sie an und wartete. Ihr Gesicht war traurig. Ich hätte sie gern gefragt; aber es mißfiel ihr manchmal sehr, wenn man sie fragte.

»Er ist ein sonderbarer Junge«, sagte sie endlich; sie verzog den Mund ein wenig und vermied es, mich anzusehen.

»Wieso? Gewiß hat es zwischen euch etwas gegeben?«

»Nein, nichts; ich sagte es bloß so . . . Er war übrigens ganz liebenswürdig . . . Nur . . .«

»Nun, jetzt hat ja all sein Kummer und all seine Sorge ein Ende genommen«, sagte ich.

Natascha blickte mich unverwandt und prüfend an. Vielleicht hätte sie selbst Lust gehabt, mir zu antworten: »Er hat auch vorher nur wenig Kummer und Sorge gehabt«; aber sie hatte das Gefühl, daß in meinen Worten dieser selbe Sinn lag. Sie machte deswegen ein finsteres Gesicht.

Indessen wurde sie sofort wieder freundlich und liebenswürdig. Sie war diesmal außerordentlich sanft. Ich saß bei ihr über eine Stunde. Sie beunruhigte sich sehr. Der Fürst ängstigte sie. Ich merkte an manchen Fragen, die sie stellte, daß sie gern erfahren hätte, welchen Eindruck sie gestern auf ihn gemacht habe. Ob sie sich richtig benommen habe; ob sie ihre Freude ihm gegenüber nicht zu stark zum Ausdruck gebracht habe; ob sie nicht zu empfindlich gewesen sei oder im Gegenteil zu demütig. Wenn er doch nichts Schlechtes von ihr dächte; wenn er sich doch nicht über sie lustig machte; wenn er sie doch nicht geringschätzte! . . . Von diesen Gedanken glühten ihre Wangen wie Feuer.

»Wie kann man sich nur so darüber aufregen, was ein schlechter Mensch etwa von einem denken mag!« sagte ich. »Mag er denken, was er will!«

»Warum soll er denn schlecht sein?« fragte sie.

Natascha war argwöhnisch, hatte aber ein reines Herz, eine offene Denkweise. Ihr Argwohn ging aus einer reinen Quelle hervor. Sie besaß ihren Stolz, einen edlen Stolz, und konnte es nicht ertragen, wenn das, was sie hochschätzte, vor ihren Augen der Verspottung preisgegeben wurde. Auf Geringschätzung seitens eines niedrigen Menschen hätte sie sicherlich nur mit Geringschätzung geantwortet; aber doch hätte ihr das Herz weh getan bei einer Verspottung dessen, was sie für ein Heiligtum hielt, mochte der Spötter sein, wer er wollte. Dies war nicht etwa die Folge eines Mangels an Festigkeit. Es war hauptsächlich die Folge davon, daß sie zu wenig Weltkenntnis besaß, nicht gewohnt war, sich unter Menschen zu bewegen, sich immer still für sich in ihrem Winkel gehalten hatte. Sie hatte ihr ganzes Leben in ihrem Eckchen verbracht, fast ohne es je zu verlassen, Und endlich war bei ihr eine Eigenschaft gutmütiger Leute, die vielleicht von ihrem Vater auf sie übergegangen war, in besonders starkem Maße entwickelt: nämlich einen Menschen übermäßig zu loben, ihn hartnäckig für besser zu halten, als er in Wirklichkeit war, und alles Gute an ihm eifrig zu übertreiben. Die Enttäuschung empfinden solche Leute nachher schmerzlich, besonders schmerzlich, wenn sie fühlen, daß sie selbst daran schuld sind. Warum haben sie auch mehr erwartet, als die andern geben konnten? Und eine derartige Enttäuschung erwartet solche Leute in jedem Augenblick. Das beste ist schon, wenn sie ruhig in ihren Winkeln sitzen bleiben und nicht in die Welt hinausgehen; ich habe sogar bemerkt, daß sie tatsächlich ihre kleine Welt dermaßen lieben, daß sie in ihr ganz menschenscheu werden. Übrigens hatte Natascha ja auch viel Leid und viele Kränkungen zu ertragen gehabt. Sie war bereits ein krankes Wesen, und man kann ihr keinen Vorwurf machen, wenn überhaupt in meinen Worten ein Vorwurf liegt.

Aber ich hatte Eile und stand auf, um wegzugehen. Sie war erstaunt darüber, daß ich schon gehen wollte, und fing beinahe an zu weinen, obwohl sie in der ganzen Zeit, während ich bei ihr gesessen hatte, mir keinerlei besondere Zärtlichkeit erwiesen, sondern sich im Gegenteil anscheinend ungewöhnlich kühl gegen mich benommen hatte. Sie küßte mich herzlich und sah mir lange in die Augen.

»Höre«, sagte sie, »Aljoscha war heute sehr komisch und hat mich sogar in Erstaunen versetzt. Er war sehr liebenswürdig und, wie es schien, sehr glücklich; aber er kam hereingeflattert wie ein Schmetterling, wie ein Geck und drehte sich immer vor dem Spiegel herum. «Er benimmt sich jetzt gar zu ungeniert . . . er ist auch nicht lange hiergeblieben. Stelle dir nur vor: er hat mir Konfekt mitgebracht!«

»Konfekt? Nun, das ist doch sehr liebenswürdig und harmlos. Ach, was seid ihr alle beide für Menschen! Da habt ihr nun jetzt angefangen, einander zu beobachten, euch auszuspionieren, einer des andern Gesicht zu studieren, geheime Gedanken darauf zu lesen (und doch versteht ihr nichts von dem, was darauf geschrieben steht!). Und ihm schadet das noch nicht viel; er ist vergnügt und jungenhaft wie früher. Aber du, du!«

Jedesmal, wenn Natascha ihren Ton änderte, um mir entweder eine Klage über Aljoscha vorzutragen oder sich von mir irgendwelche peinlichen Zweifel lösen zu lassen oder mir ein Geheimnis mitzuteilen, wobei sie wünschte, daß ich es aus halben Worten und Andeutungen verstehen möchte, dann blickte sie mich mit halbgeöffnetem Mund an, so daß ihre Zähne sichtbar wurden, und bat gleichsam flehentlich, ich möchte unter allen Umständen eine Antwort geben, von der ihr gleich leichter ums Herz werde. Aber ich erinnere mich auch, daß ich in solchen Fällen immer einen mürrischen, scharfen Ton annahm, als ob ich jemanden ausschölte; das geschah bei mir ganz unwillkürlich, wirkte aber immer gut. Mein finsteres, wichtigtuendes Benehmen war am richtigen Platz und verlieh mir eine gewisse Autorität; und der Mensch verspürt ja manchmal das unwiderstehliche Bedürfnis, sich von jemandem ausschelten zu lassen. Natascha wenigstens war, wenn wir uns dann trennten, meist ganz getröstet.

»Nein, siehst du, Wanja«, fuhr sie fort, indem sie ihre eine Hand auf meiner Schulter behielt, mit der andern meine Hand drückte und mit ihren Augen in meinen zu lesen suchte, »es schien mir, als ob sein Gefühl nicht sehr tief war . . . er kam mir vor wie so ein mari, weißt du, wie ein Mann, der schon zehn Jahre verheiratet ist, sich aber immer noch gegen seine Frau liebenswürdig benimmt. Ist es nicht jetzt noch zu früh dazu? Er lachte und drehte sich hin und her, aber als ob dieses ganze Benehmen gegen mich nur oberflächlich wäre und er sich schon zum Teil zurückzöge; es war nicht so wie früher . . . Er hatte es sehr eilig, zu Katerina Fjodorowna zu kommen . . . Ich redete mit ihm; aber er hörte nicht zu oder fing von etwas anderem an zu sprechen, weißt du, diese häßliche Gewohnheit vornehmer Leute, die wir beide ihm abzugewöhnen gesucht haben. Kurz, er war eigentümlich . . . ordentlich gleichgültig . . . Aber was rede ich! Ich bin ganz ins Anklagen hineingekommen! Ach, Wanja, was sind wir alle für anspruchsvolle, eigensinnige Despoten! Erst jetzt sehe ich es ein! Wir verzeihen einem Menschen nicht einmal eine bloße Veränderung der Miene, und eine solche Veränderung kann doch Gott weiß was für Ursachen haben! Du hast recht, Wanja, daß du mir soeben Vorwürfe gemacht hast! Ich allein bin an allem schuld! Wir schaffen uns selbst Kummer, und dann beklagen wir uns noch! . . . Ich danke dir, Wanja; du hast mich vollständig getröstet. Ach, wenn er doch heute käme! Aber vielleicht ist er noch von vorhin böse.«

»Habt ihr euch denn wirklich schon gezankt?« rief ich erstaunt.

»Nein, ich habe mir nichts merken lassen! Ich war nur ein bißchen traurig; er aber, der zunächst heiter gewesen war, wurde dann nachdenklich und nahm, wie mir schien, von mir etwas trocken Abschied. Aber ich will zu ihm schicken und ihn bitten herzukommen . . . Komm du doch heute auch her, Wanja!«

»Ich komme bestimmt, wenn mich nicht eine andere Sache aufhält.«

»Nun, was ist denn das für eine Sache?«

»Ich habe mir da etwas auf den Hals geladen! Doch glaube ich, daß ich bestimmt kommen werde.«

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