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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
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Fünftes Kapitel

»Ah, du bist es Masslobojew!« rief ich, da ich auf einmal in ihm einen früheren Schulkameraden vom Gymnasium in der Gouvernementsstadt her erkannte. »Na, das ist ein unerwartetes Zusammentreffen!«

»Allerdings! Sechs Jahre lang sind wir einander nicht begegnet. Das heißt; begegnet sind wir uns schon; aber Euer Exzellenz haben mich keines Blickes gewürdigt. Du bist ja jetzt ein vornehmer Mann geworden, das heißt ein vornehmer Schriftsteller! . . .«

Bei diesen Worten lächelte er spöttisch.

»Na, lieber Masslobojew, da redest du töricht!« unterbrach ich ihn. »Erstens pflegen die vornehmen Leute, und wenn es auch nur vornehme Schriftsteller sind, schon äußerlich anders auszusehen als ich; und zweitens gestatte mir die Bemerkung: ich erinnere mich in der Tat, daß ich dir ein paarmal auf der Straße begegnet bin, aber du selbst wichst mir augenscheinlich aus; und ich werde doch nicht an jemand herantreten, wenn ich sehe, daß er mir ausweichen will. Und weißt du, was ich glaube? Wenn du nicht betrunken wärst, würdest du mich auch jetzt nicht angerufen haben. Nicht wahr? Na also, sei bestens begrüßt! Ich freue mich, freue mich sehr, lieber Freund, daß ich dich getroffen habe.«

»Wirklich? Kompromittiere ich dich auch nicht durch meine wenig korrekte äußere Erscheinung? Aber da bedarf es keiner Frage; ich erinnere mich noch recht wohl, Wanjuscha, was du für ein prächtiger Junge warst. Erinnerst du dich wohl noch, wie du für mich vom Lehrer Hiebe bekamst? Du schwiegst und verrietest mich nicht; ich aber, statt dir dankbar zu sein, machte mich eine Woche lang über dich lustig. Du bist eine edle Seele! Sei herzlich begrüßt, mein Teuerster!« (Wir küßten uns.) »Ich führe nun schon so viele Jahre lang ein einsames, mühseliges Leben, Tag und Nacht; aber ich habe die alte Zeit nicht vergessen. Die vergißt sich nicht! Und du, was machst du?«

»Ich? Ich führe auch ein einsames, mühseliges Leben . . .«

Er blickte mich lange an, mit der tiefen Rührung eines Menschen, den der Branntwein in weiche Stimmung versetzt hat. Übrigens war er auch sonst ein sehr gutherziger Mensch.

»Nein, Wanja, du bist ein anderer Mensch als ich«, sagte er endlich in pathetischem Ton. »Ich habe deinen Roman gelesen; ich habe ihn gelesen, Wanja, gelesen! . . . Aber höre mal: laß uns ein Weilchen gemütlich zusammen plaudern! Hast du Eile?«

»Ja, und ich muß dir gestehen, da ist eine Sache, die mich furchtbar aufregt. Aber weißt du, was das Beste ist? Sag mir, wo du wohnst!«

»Das will ich dir sagen; aber das Beste ist das nicht. Soll ich dir sagen, was das Beste ist?«

»Nun, was denn?«

»Was ist das da? Siehst du wohl?« Er zeigte auf ein Schild, zehn Schritte entfernt von der Stelle, wo wir standen. »Siehst du: ›Konditorei und Restaurant‹, das heißt, es ist einfach ein Restaurant, aber ein gutes Lokal. Ich sage dir vorher: ein anständiges Lokal, und ein Schnaps – vorzüglich! Ein Göttertrank! Ich habe ihn getrunken, oft getrunken; ich kenne ihn; und man wagt hier auch nicht, mir etwas Schlechtes vorzusetzen. Man kennt Filipp Filippowitsch. Ich heiße nämlich Filipp Filippowitsch. Nun? Du machst ein Gesicht? Nein, laß mich erst ausreden! Jetzt ist es ein Viertel auf zwölf, ich habe eben nachgesehen; na also, pünktlich um elf Uhr fünfunddreißig werde ich dich loslassen. Und unterdessen wollen wir ein bißchen was trinken. Zwanzig Minuten für einen alten Freund – ist's dir recht?«

»Wenn es nur zwanzig Minuten sind, ist's mir recht; denn, lieber Freund, ich habe da, weiß Gott, eine Sache . . .«

»Nun, wenn es dir recht ist, dann schön! Aber warte mal, zwei Worte vorher: du siehst so verstört aus, als ob du dich eben furchtbar geärgert hättest; ist es so?«

»Ja, es ist so.«

»Das hatte ich doch erraten! Ich habe mich nämlich jetzt auf die Physiognomik gelegt, mein Lieber; das ist auch ein Studium! Nun, dann komm und laß uns plaudern! In zwanzig Minuten kann ich meinen Admiralstrunk zu mir nehmen:Nach Schluß der Sitzungen des Admiralitätskollegiums um elf Uhr pflegten Peter der Erste und die Mitglieder des Kollegiums einen Schnaps zu trinken; daher der geläufige humoristische Ausdruck ›die Admiralsstunde‹. erst einen Birkenlikör, dann einen Liebstöckel, dann einen Pomeranzen, dann einen parfait-amour, und dann wird mir schon noch etwas einfallen. Ich bin Trinker, lieber Freund! Nüchtern bin ich nur an Festtagen vor der Messe. Aber du brauchst meinetwegen nicht zu trinken. Es ist mir nur an deiner Person gelegen. Wenn du aber mittrinkst, so wird das ein besonderer Beweis von Edelmut sein. Nun, dann wollen wir gehen! Laß uns ein paar Worte plaudern, und dann trennen wir uns wieder für zehn Jahre! Ich bin nicht von derselben Art wie du, Wanjuscha!«

»Na, schwatze nicht, sondern laß uns lieber hineingehen! Zwanzig Minuten sollen dir gehören; aber dann laß mich los!«

Um in das Restaurant zu gelangen, mußte man eine aus zwei Absätzen bestehende hölzerne Treppe nach dem zweiten Stockwerk hinansteigen. Aber auf der Treppe stießen wir mit zwei stark angetrunkenen Herren zusammen. Als sie uns sahen, wichen sie schwankend zur Seite aus.

Der eine von ihnen war ein sehr junger und sehr jugendlich aussehender Mensch, noch bartlos, nur mit einem ganz schwachen, eben keimenden Schnurrbart und mit übermäßig dummem Gesichtsausdruck. Er war stutzerhaft gekleidet, wirkte aber dabei komisch: es sah aus, als ob er fremde Kleider anhätte. An den Fingern trug er kostbare Ringe; in der Krawatte steckte eine wertvolle Nadel; seine Frisur, mit einer Art von Tolle, nahm sich recht dumm aus. Er lächelte und kicherte fortwährend. Sein Begleiter war schon ungefähr fünfzigjährig, fett, dickbäuchig, ziemlich nachlässig gekleidet, kahlköpfig; er hatte ebenfalls eine große Nadel in der Krawatte, ein pockennarbiges, vom Trunk aufgedunsenes Gesicht und eine Brille auf der knopfähnlichen Nase. Der Ausdruck dieses Gesichtes war boshaft, sinnlich. Die häßlichen, tückischen, mißtrauischen Augen steckten ganz im Fett und blickten wie aus Ritzen heraus. Beide schienen Masslobojew zu kennen; aber der Dicke schnitt bei der Begegnung mit uns ein ärgerliches Gesicht, allerdings nur für einen Augenblick, und der Jüngere verzog seine Lippen zu einem süßlichen, unterwürfigen Lächeln. Er nahm sogar die Mütze ab. Er trug nämlich eine solche.

»Verzeihen Sie, Filipp Filippowitsch«, murmelte er, ihn gefühlvoll anblickend.

»Aber was denn?«

»Pardon . . . hm . . .« (er knipste an seinem Rockkragen). »Da drinnen sitzt Mitrofan. Er benimmt sich sehr ausfällig, dieser Schurke.«

»Was ist denn los?«

»Ganz arg macht er's . . . Dem hier« (er wies mit dem Kopf auf seinen Begleiter) »haben sie in der vorigen Woche auf Anstiften eben dieses Mitrofan an einem unanständigen Ort das ganze Gesicht voll Sahne geschmiert . . . hihi!«

Sein Begleiter stieß ihn ärgerlich mit dem Ellbogen an.

»Aber wollen Sie nicht mit uns ein Halbdutzend Flaschen trinken, Filipp Filippowitsch? Dürfen wir hoffen?«

»Nein, mein Bester, jetzt habe ich keine Zeit«, antwortete Masslobojew. »Ein Geschäft nimmt mich in Anspruch.«

»Hihi! Ich habe auch noch ein Geschäftchen mit Ihnen zu besprechen . . .«

Der Begleiter stieß ihn wieder mit dem Ellbogen an.

»Ein andermal, ein andermal!«

Masslobojew gab sich offenbar Mühe, die beiden nicht anzusehen. Wir gingen in das erste Zimmer, durch das sich in seiner ganzen Länge ein sehr sauberer Verkaufstisch hinzog, dicht besetzt mit kalten Speisen, mit Fleisch- und Fischpasteten und mit Karaffen voll verschiedenfarbiger Liköre. Kaum waren wir eingetreten, als Masslobojew mich schnell in eine Ecke führte und sagte:

»Der Jüngere ist ein Kaufmannssohn namens Ssisobruchow, der Sohn eines angesehenen Mehlhändlers; er hat von seinem Vater eine halbe Million geerbt und verschwendet sie jetzt. Er war nach Paris gereist, hatte dort schon eine Unmenge Geld vergeudet und hätte dort wohl das ganze vertan; aber da erbte er noch von seinem Onkel und kehrte aus Paris zurück; nun bringt er das übrige hier durch. Nach einem Jahr wird er natürlich betteln gehen. Er ist dumm wie eine Gans, treibt sich in den feinsten Restaurants und in Kellerlokalen und Schenken herum, verkehrt mit Schauspielerinnen und hat sich zum Eintritt als Husar gemeldet; er hat neulich ein Gesuch eingereicht. Der andere, ältere, heißt Archipow; er ist auch so eine Art Kaufmann oder Verwalter, hat sich mit Branntweinpacht abgegeben und ist eine Kanaille, ein Gauner, jetzt Ssisobruchows Gefährte, ein Judas und Falstaff, alles zusammen, ein zweimaliger Bankrotteur und ein abscheulich sinnlicher Patron mit verschiedenen häßlichen Neigungen. In dieser Hinsicht weiß ich von ihm eine kriminelle Geschichte; er hat sich nur noch so zur Not herausgewickelt. In einer Beziehung freue ich mich jetzt sehr darüber, daß ich ihn hier getroffen habe; ich wartete darauf . . . Archipow ist jetzt selbstverständlich dabei, Ssisobruchow auszuplündern. Er kennt eine Menge von Spelunken aller Art, wodurch er für solche Jünglinge wertvoll ist. Ich, lieber Freund, wetze schon lange die Zähne, um ihm einen gehörigen Biß zu versetzen. Und dasselbe tut auch Mitrofan, der forsche junge Mann dort im ärmellosen Wams; er steht da am Fenster, der mit dem Zigeunergesicht. Er beschäftigt sich mit Pferdehandel und ist mit allen hiesigen Husaren bekannt. Ich sage dir, er ist ein solcher Schlaukopf: er wird vor deinen sehenden Augen eine Banknote fälschen, und obgleich du es gesehen hast, wirst du sie ihm dennoch einwechseln. Er trägt ein Wams ohne Ärmel, allerdings von Samt, und sieht wie ein Slawophile aus (was ihm meines Erachtens auch ganz gut steht); aber ziehe ihm auf der Stelle einen eleganten Frack nebst Zubehör an, führe ihn in den Englischen Klub und sage dort: ›Der Großgrundbesitzer Graf Barabanow‹, und sie werden ihn dort zwei Stunden lang für einen Grafen halten, und er wird Whist spielen und wie ein Graf reden, und sie werden nichts merken, und er wird sie betrügen. Er wird einmal ein schlechtes Ende nehmen. Also dieser Mitrofan hat es auf den Dickwanst abgesehen; denn bei Mitrofan ist jetzt Ebbe, und der Dickwanst hat ihm seinen früheren Freund Ssisobruchow abspenstig gemacht, ehe er selbst noch Zeit hatte, ihn ordentlich zu scheren. Wenn sie jetzt in dem Restaurant zusammengetroffen sind, so will Mitrofan dem Dicken gewiß einen Streich spielen. Ich weiß sogar, was für einen, und vermute, daß Mitrofan und kein anderer es gewesen ist, der mich benachrichtigt hat, daß Archipow und Ssisobruchow hier sein werden und sich in dieser Gegend mit irgendwelcher schändlichen Absicht herumtreiben. Mitrofans Haß gegen Archipow will ich mir zunutze machen, weil ich meine eigenen Ursachen habe, und ich bin namentlich deswegen hierhergekommen. Ich will aber tun, als ob ich mit Mitrofan nichts zu schaffen habe, und sieh auch du nicht zu scharf zu ihm hin! Wenn wir aber von hier weggehen werden, so wird er wahrscheinlich von selbst an mich herantreten und mir das Erforderliche sagen . . . Aber jetzt komm, Wanja; wir wollen in jenes andere Zimmer dort gehen. – Na, Stepan«, fuhr er zu dem Kellner gewendet fort, »weißt du, was ich gern möchte?«

»Jawohl, ich weiß.«

»Nun, dann erfülle meinen Wunsch!«

»Sogleich werde ich ihn erfüllen.«

»Tu das! Setz dich, Wanja! Na, warum musterst du mich denn so? Ich sehe ja, daß du mich musterst. Wunderst du dich? Wundere dich nicht! Es kann dem Menschen alles mögliche passieren, was er sich nie hat träumen lassen, namentlich damals nicht . . . na, wenigstens damals nicht, als du und ich am Cornelius Nepos büffelten. Aber das kannst du mir glauben, Wanja: wenn Masslobojew auch vom geraden Weg abgeirrt ist, so ist doch sein Herz dasselbe geblieben, und nur die Umstände haben sich geändert. ›Lieber brav im Dreck und Schmutz als ein Schuft in seinem Putz.‹ Ich fing an, Medizin zu studieren, und wollte Lehrer der vaterländischen Literatur werden und schrieb eine Abhandlung über Gogol und beabsichtigte, unter die Goldgräber zu gehen, und schickte mich an, zu heiraten – ›der Menschenseele Wunsch ist Braten, Schnaps und Punsch‹; und ›sie‹ hatte eingewilligt, obgleich in dem Haus ein solcher Überfluß herrschte, daß man keine Katze durch einen Leckerbissen herauslocken konnte. Ich traf schon die Vorbereitungen zur Trauung und wollte mir ein Paar heile Stiefel borgen, weil die meinigen schon seit anderthalb Jahren zerrissen waren . . . Aber ich habe mich nicht verheiratet. Sie hat einen Lehrer genommen, und ich nahm eine Stelle in einem Kontor an, das heißt nicht in einem Bankkontor, sondern in einem geringeren, andersartigen. Na, damit kam ich in eine andere Richtung hinein. Die Jahre sind dahingegangen, und wenn ich jetzt auch nicht in einer dienstlichen Stellung bin, so verdiene ich mir doch hübsche Summen: ich lasse mir Geld in die Hand drücken und trete für Wahrheit und Recht ein; wie man zu sagen pflegt: ›Klug ist's, Schwache anzugreifen und vor Starken auszukneifen.‹ Ich habe meine Grundsätze und weiß zum Beispiel, daß das Sprichwort recht hat: ›Allein vermag auch der Tapferste wenig‹, und – ich betreibe eifrig meine Geschäfte. Meine Geschäfte aber sind meist von geheimnisvollem Charakter . . . du verstehst?«

»Du bist doch nicht etwa Geheimpolizist?«

»Nein, das nicht eigentlich; aber ich gebe mich mit gewissen Geschäften ab, teils in offiziellem Auftrag, teils auch auf eigene Faust. Siehst du, Wanja, ich trinke zwar Schnaps; aber da ich meinen Verstand noch nicht im Schnaps ersäuft habe, so weiß ich auch, was mir in der Zukunft bevorsteht. Die Zeit, wo etwas Besseres aus mir werden konnte, ist vorüber; einen schwarzen Hund kann man nicht durch Waschen weiß machen. Ich will dir nur eins sagen: wenn ich nicht manchmal noch wie ein anständiger Mensch dächte und fühlte, so hätte ich dich heute nicht angeredet, Wanja. Du hast recht: ich bin dir früher mehrmals begegnet und habe dich gesehen; oftmals wäre ich gern an dich herangetreten; aber ich wagte es nie, sondern schob es immer auf. Ich bin deiner nicht wert. Und du hast ganz richtig gesagt, Wanja, daß, wenn ich dich diesmal angeredet habe, das nur infolge meiner Betrunkenheit geschehen sei. Aber das alles ist dummes Gerede; hören wir auf, von mir zu sprechen, und sprechen wir lieber von dir! Na, lieber Freund: ich habe es gelesen! Ich habe es gelesen, von Anfang bis Ende! Ich rede von deinem Erstlingswerk. Als ich es durchgelesen hatte, wäre ich beinah ein anständiger Mensch geworden, mein Bester! Beinahe, aber ich überlegte es mir doch noch und zog es vor, ein unanständiger Mensch zu bleiben. So ist es . . .«

Noch vieles sagte er zu mir in dieser Art. Seine Betrunkenheit nahm immer mehr zu, und er wurde sehr gerührt, fast zu Tränen. Masslobojew war immer ein prächtiger Bursche gewesen; aber er hatte immer seinen Kopf für sich gehabt und war gewissermaßen übermäßig entwickelt gewesen, schlau, verschmitzt, ein Intrigant und Ränkeschmied schon auf der Schule; aber im Grunde war er ein Mensch mit einem guten Herzen, ein verlorener Mensch. Solche Menschen sind unter den Russen zahlreich zu finden. Sie besitzen oft große Fähigkeiten; aber in ihrem Kopf herrscht die größte Verwirrung, und überdies sind sie aus moralischer Schwäche imstande, mit Bewußtsein gegen ihr Gewissen zu handeln; und sie gehen nicht nur zugrunde, sondern wissen auch selbst voraus, daß sie zugrunde gehen werden. Masslobojew zum Beispiel ertrank im Branntwein.

»Jetzt noch ein Wort, lieber Freund«, fuhr er fort. »Ich habe gehört, wie zuerst überall dein Ruhm erscholl; ich las dann verschiedene Kritiken deines Werkes (wirklich, ich habe sie gelesen; du denkst wohl, ich lese gar nichts mehr?); dann traf ich dich mit schlechten Stiefeln, im Schmutz ohne Überschuhe, mit einem zerknickten Hut und erriet manches. Du schreibst jetzt für Journale?«

»Ja, Masslobojew.«

»Du bist also Postgaul geworden?«

»So etwas Ähnliches.«

»Na, dann höre, lieber Freund, was ich dir mit Bezug darauf sagen will: da ist es schon besser, du legst dich aufs Trinken! Siehst du, ich betrinke mich, lege mich auf mein Sofa (ich habe ein prächtiges Sofa mit Sprungfedern) und denke mir, daß ich zum Beispiel so ein Homer oder Dante oder so ein Friedrich Barbarossa bin – ich kann mir ja alles mögliche vorstellen. Na, aber du kannst dir nicht vorstellen, daß du Dante oder Friedrich Barbarossa bist, erstens, weil du du selbst sein willst, und zweitens, weil dir alles Wollen verboten ist; denn du bist eben ein Postgaul. Ich lebe im Reich der Phantasie und du im Reich der Wirklichkeit. Höre, was ich dir offen und geradezu als guter Kamerad sage (durch eine Ablehnung würdest du mich auf zehn Jahre kränken und beleidigen): brauchst du Geld? Ich habe welches. Mach keine Umstände! Nimm das Geld, zahle deinen Verlegern die Vorschüsse zurück, wirf das Kumt ab, lege dir soviel Geld hin, daß du für ein ganzes Jahr sicher zu leben hast, und dann mach dich an die Ausführung einer Lieblingsidee, schreib ein großes Werk! Nun? Was sagst du?«

»Hör mal, Masslobojew! Deinen kameradschaftlichen Vorschlag weiß ich nach Gebühr zu schätzen; aber ich kann dir jetzt nichts darauf antworten; warum ich es nicht kann, das zu erzählen würde zu lange dauern. Es liegen besondere Umstände vor. Übrigens verspreche ich dir: ich werde dir später alles als Freund erzählen. Für deinen Vorschlag danke ich dir; ich verspreche dir, dich zu besuchen, und ich werde dich oft besuchen. Aber jetzt handelt es sich um folgendes: du bist gegen mich offen, und daher möchte ich dich um Rat fragen, um so mehr, da du, wie es scheint, mit solchen Sachen gut Bescheid weißt.«

Und ich erzählte ihm meine Erlebnisse mit Smith und seiner Enkelin, von dem Vorfall in der Konditorei an. Sonderbar: während ich erzählte, glaubte ich ihm an den Augen anzusehen, daß er von dieser Geschichte schon etwas wußte. Ich fragte ihn danach.

»Nein, das nicht!« antwortete er. »Übrigens, über Smith habe ich einiges gehört: daß da ein alter Mann in einer Konditorei gestorben ist. Aber über Frau Bubnowa weiß ich in der Tat dies und das. Dieser Dame habe ich vor zwei Monaten eine kleine Summe abgenommen. Je prends mon bien, où je le trouve und habe nur hierin mit Molière Ähnlichkeit. Aber obgleich ich ihr hundert Rubel abgezwackt habe, habe ich mir doch gleich damals vorgenommen, nächstens nicht bloß hundert, sondern fünfhundert Rubel aus ihr herauszuschinden. Ein gräßliches Weib! Sie treibt ein unerlaubtes Gewerbe. Und das hätte noch nichts zu besagen; aber manchmal versteigt sie sich zu allzu argen Sachen. Bitte, halte mich nicht für einen Don Quichotte! Die Sache ist die, daß dabei tüchtig etwas für mich abfallen kann, und als ich vor einer halben Stunde Ssisobruchow traf, freute ich mich sehr. Ssisobruchow ist offenbar hierhergeführt worden, und zwar von dem Dickwanst, und da ich weiß, mit was für Geschäften sich dieser Dickwanst besonders abgibt, so schließe ich daraus . . . Na, ich werde ihn schon überrumpeln! Ich freue mich sehr, daß ich von dir etwas über dieses Mädchen gehört habe; ich bin jetzt auf eine andere Spur gekommen. Ich beschäftige mich ja damit, allerlei Privataufträge zu erledigen, lieber Freund, und mit was für Leuten werde ich dabei bekannt! Da habe ich neulich für einen Fürsten Nachforschungen in einer Angelegenheit angestellt, ich kann dir sagen, in einer derartigen Angelegenheit, wie man sie von diesem Fürsten nicht erwartet hätte. Oder wenn du willst, werde ich dir eine andere Geschichte von einer verheirateten Frau erzählen? Besuche mich nur, lieber Freund; da werde ich dir solche Stoffe mitteilen, daß, wenn du sie in deinen Erzählungen behandelst, dir kein Mensch glauben wird . . .«

»Wie heißt denn dieser Fürst?« unterbrach ich ihn, von einer Art Ahnung erfüllt.

»Wozu willst du das wissen? Na, meinetwegen: Walkowski.«

»Pjotr?«

»Ja. Kennst du ihn?«

»Ja, aber nicht näher. Nun, Masslobojew, ich werde mich nach diesem Herrn noch manchmal bei dir erkundigen«, sagte ich und stand auf; »du hast mein Interesse in hohem Grade wachgerufen.«

»Na ja, alter Freund, erkundige dich, soviel du willst! Geschichtchen verstehe ich schon zu erzählen, aber selbstverständlich nur innerhalb gewisser Grenzen, du verstehst? Sonst verliert man seinen Kredit und seine Ehre, das heißt die geschäftliche Ehre, na und so weiter.«

»Nun also, soweit es deine Ehre gestatten wird.«

Ich befand mich in starker Aufregung. Er bemerkte das.

»Nun, was kannst du mir denn jetzt über die Geschichte sagen, die ich dir eben erzählt habe?« fragte ich ihn. »Ist dir ein guter Gedanke gekommen?«

»Über deine Geschichte? Warte einen Augenblick auf mich; ich möchte bezahlen.«

Er trat ans Büfett und traf dort, wie zufällig, auf einmal mit jenem jungen Menschen im ärmellosen Wams zusammen, den man so schlechthin mit dem Vornamen Mitrofan zu nennen pflegte. Es schien mir, daß Masslobojew ihn etwas näher kannte, als er mir gegenüber selbst zugegeben hatte. Wenigstens war deutlich, daß sie jetzt nicht zum erstenmal zusammenkamen.

Mitrofan war dem Aussehen nach ein recht origineller Bursche. In seinem Wams, seinem rotseidenen Hemd, mit seinen scharfen, aber wohlgestalteten Gesichtszügen, noch ziemlich jugendlich, sonnengebräunt, mit kühnem, funkelndem Blick, machte er einen interessanten und durchaus nicht abstoßenden Eindruck. Sein Benehmen hatte etwas gekünstelt Keckes; aber im gegenwärtigen Augenblick legte er sich offenbar Zwang auf und suchte sich vor allem ein geschäftsmäßiges, würdiges, solides Aussehen zu geben.

»Also, Wanjuscha«, sagte Masslobojew, als er zu mir zurückkehrte, »besuche mich heute um sieben Uhr; dann werde ich dir vielleicht etwas sagen können. Siehst du, ich allein vermag nichts zu leisten; früher war das anders, aber jetzt bin ich nur ein Säufer und habe mich von den Geschäften einigermaßen zurückgezogen. Aber ich habe immer noch meine früheren Beziehungen; ich kann über manches Erkundigungen anstellen und im Verein mit allerlei schlauen Leuten dies und das herausschnüffeln; in meiner freien Zeit allerdings, das heißt, wenn ich nüchtern bin, tue ich auch selbst etwas, ebenfalls mit Hilfe von Bekannten . . . meistens auf dem Gebiet der Nachforschungen . . . Na, aber nun genug! Da ist meine Adresse: in der Schestilawotschnaja. Jetzt aber, mein Teuerster, bin ich schon ganz unbrauchbar. Ich will noch ein Gläschen Goldwasser trinken und dann nach Hause. Ich will mich hinlegen. Wenn du kommst, will ich dich mit Alexandra Semjonowna bekannt machen, und wenn wir Zeit haben, wollen wir auch über Literatur reden.«

»Nun, und auch von meiner Angelegenheit?«

»Vielleicht auch von deiner Angelegenheit.«

»Nun gut, ich werde kommen, ich werde bestimmt kommen.«

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