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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
projectidf43b867d
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Drittes Kapitel

Als ich am andern Morgen um zehn Uhr im Begriff war, meine Wohnung zu verlassen, um nach der Wassili-Insel zu Ichmenews zu eilen und von ihnen mich möglichst schnell zu Natascha zu begeben, stieß ich plötzlich in der Tür mit meiner gestrigen Besucherin, der Enkelin des alten Smith, zusammen. Sie wollte zu mir kommen. Ich erinnere mich, daß ich mich über ihr Kommen sehr freute, ohne recht einen Grund für diese Freude zu wissen. War sie mir schon am Abend des vorhergehenden Tages merkwürdig erschienen, wo ich sie nicht genauer hatte betrachten können, so setzte sie mich jetzt bei Tage noch mehr in Erstaunen. Es wäre auch wirklich schwer gewesen, ein seltsameres, originelleres Wesen zu finden, wenigstens was das Äußere anlangt. Von kleiner Statur, mit blitzenden, schwarzen, nicht-russischen Augen, mit dichtem, schwarzem, wirrem Haar und mit einem rätselhaften, stummen, hartnäckigen Blick war sie geeignet, sogar die Aufmerksamkeit eines jeden Passanten auf der Straße zu erregen. Besonders frappierte ihr Blick: in diesem leuchtete ein guter Verstand; zugleich aber lag in ihm eine Art von fragendem Mißtrauen, ja sogar eine gewisse argwöhnische Furcht. Ihr abgetragenes, schmutziges Kleidchen hatte bei Tageslicht noch mehr Ähnlichkeit mit Lumpen als am vorhergehenden Abend. Es schien mir, als ob sie an einer schleichenden, hartnäckigen, chronischen Krankheit leide, die allmählich, aber unerbittlich ihren Organismus zerstöre. Ihr blasses, mageres Gesicht hatte eine unnatürliche, bräunlichgelbe, gallige Färbung. Im ganzen aber konnte man sie trotz aller Verunstaltung durch Armut und Krankheit sogar hübsch nennen. Ihre Augenbrauen waren scharf gezeichnet, fein und edel; besonders schön waren auch ihre breite, etwas niedrige Stirn und die Lippen, die einen stolzen, mutigen Zug aufwiesen, aber blaß und nur ganz schwach gerötet waren.

»Ach, da bist du ja wieder!« rief ich. »Nun, das hatte ich mir schon gedacht, daß du kommen würdest. Komm doch herein!«

Langsam, wie gestern, trat sie über die Schwelle, kam herein und blickte sich mißtrauisch um. Aufmerksam musterte sie das Zimmer, in dem ihr Großvater gewohnt hatte, wie wenn sie feststellen wollte, was sich bei dem neuen Mieter darin geändert habe. ›Na, die Enkelin ist geradeso wie der Großvater‹, dachte ich. ›Ob sie wohl bei vollem Verstand ist?‹ Sie schwieg immer noch; ich wartete.

»Ich wollte die Bücher holen!« flüsterte sie endlich mit niedergeschlagenen Augen.

»Ach ja, deine Bücher; da sind sie, nimm! Ich habe sie absichtlich für dich aufgehoben.«

Sie blickte mich neugierig an und zog den Mund in einer eigentümlichen Weise schief, wie wenn sie mißtrauisch lächeln wollte. Aber der Ansatz zu diesem Lächeln ging vorüber, und der frühere finstere, rätselhafte Ausdruck trat sogleich wieder an seine Stelle.

»Hat vielleicht der Großvater zu Ihnen von mir gesprochen?« fragte sie, mich vom Kopf bis zu den Füßen ironisch ansehend.

»Nein, von dir hat er nicht gesprochen; aber er . . .«

»Aber woher haben Sie dann gewußt, daß ich kommen würde? Wer hat es Ihnen gesagt?« fragte sie, mich schnell unterbrechend.

»Ich dachte, dein Großvater könne doch nicht so ganz allein, so von allen Menschen verlassen hier gelebt haben. Er war so alt und schwach; da meinte ich, es sei manchmal jemand zu ihm gekommen. Nimm; da sind deine Bücher. Du lernst wohl daraus?«

»Nein.«

»Wozu brauchst du sie dann?«

»Der Großvater hat mich daraus unterrichtet, in der Zeit, als ich noch zu ihm kam.«

»Bist du denn nachher nicht mehr zu ihm gekommen?«

»Nein, nachher nicht mehr . . . ich war krank geworden«, fügte sie wie zu ihrer Entschuldigung hinzu.

»Hast du Angehörige, eine Mutter, einen Vater?«

Sie zog plötzlich die Brauen finster zusammen und sah mich sogar ordentlich ängstlich an. Dann schlug sie die Augen nieder, wandte sich schweigend ab und ging, ohne mich einer Antwort zu würdigen, leise aus dem Zimmer, ganz wie am vorhergehenden Tag. Erstaunt folgte ich ihr mit den Augen. Aber auf der Schwelle blieb sie stehen.

»Woran ist er gestorben?« fragte sie kurz, fast ohne sich nach mir umzuwenden, mit ganz derselben Haltung und Bewegung wie tags zuvor, als sie ebenfalls beim Hinausgehen, das Gesicht der Tür zugewandt, stehenblieb und nach Asorka fragte.

Ich trat zu ihr und begann, ihr in kurzen Worten den Hergang zu erzählen. Mir den Rücken zuwendend, hörte sie mit gesenktem Kopf schweigend und aufmerksam zu. Ich erzählte ihr auch, daß der alte Mann im Sterben von der Sechsten Linie gesprochen habe.

»Ich dachte mir«, fügte ich hinzu, »daß dort gewiß einer von seinen Angehörigen wohne, und daher erwartete ich auch, daß jemand kommen und sich nach ihm erkundigen werde. Gewiß hat er dich liebgehabt, da er sich in seinem letzten Augenblick deiner erinnerte.«

»Nein«, flüsterte sie wie unwillkürlich, »er hat mich nicht liebgehabt.«

Sie befand sich in starker Aufregung. Beim Erzählen hatte ich mich zu ihr hinabgebeugt und ihr ins Gesicht gesehen. Ich hatte bemerkt, daß sie große Anstrengungen machte, um ihre Aufregung zu unterdrücken, anscheinend aus Stolz mir gegenüber. Sie wurde immer blasser und blasser und biß sich stark auf die Unterlippe. Aber namentlich fiel mir der sonderbare Schlag ihres Herzens auf. Dieses schlug immer stärker und stärker, so daß man es zuletzt zwei, drei Schritte weit hören konnte, wie bei einem Aneurysma. Ich glaubte, sie würde auf einmal in Tränen ausbrechen wie am vorhergehenden Tag; aber sie bezwang sich.

»Wo ist der Zaun?«

»Was für ein Zaun?«

»An dem er gestorben ist.«

»Ich werde ihn dir zeigen, wenn wir hinauskommen. Sag mal, wie heißt du denn?«

»Es hat keinen Zweck.«

»Was hat keinen Zweck?«

»Es hat keinen Zweck; es ist gleichgültig . . . ich habe keinen Namen«, stieß sie, anscheinend ärgerlich, heraus und machte eine Bewegung, um fortzugehen. Ich hielt sie zurück.

»Warte doch, du wunderliches Kind! Ich meine es ja gut mit dir; du tust mir leid, seit gestern, als du da im Winkel auf der Treppe weintest. Ich kann gar nicht ohne Schmerz daran denken . . . Außerdem ist dein Großvater unter meinen Händen gestorben, und gewiß hat er an dich gedacht, als er von der Sechsten Linie sprach; es war, als wolle er dich meinem Schutz empfehlen. Ich habe sogar von ihm geträumt . . . Und auch die Bücher da habe ich für dich aufgehoben; aber du bist so scheu, als ob du dich vor mir fürchtetest. Du bist gewiß sehr arm und eine Waise und wohnst vielleicht bei fremden Leuten; ist es so?«

Ich hatte herzlich auf sie eingesprochen und weiß selbst nicht, wodurch sie für mich eine solche Anziehungskraft hatte. Es lag in meinem Gefühl noch etwas anderes als bloßes Mitleid. War es nun das Geheimnisvolle der ganzen Sache oder der Eindruck, den der alte Smith auf mich gemacht hatte, oder meine eigene phantastische Gemütsverfassung, ich weiß es nicht, aber es zog mich etwas unwiderstehlich zu ihr hin. Meine Worte schienen sie gerührt zu haben; sie sah mich sonderbar an, aber nicht mehr finster, sondern sanft und lange; dann schlug sie wieder, wie überlegend, die Augen nieder.

»Jelena«, flüsterte sie auf einmal, für mich unerwartet, sehr leise.

»Also du heißt Jelena?«

»Ja . . .«

»Nun, wie ist's? Wirst du manchmal zu mir kommen?«

»Ich kann nicht . . . ich weiß nicht . . . ja, ich werde kommen«, flüsterte sie, wie überlegend und mit sich kämpfend.

In diesem Augenblick schlug irgendwo eine Wanduhr.

Die Kleine fuhr zusammen, sah mich mit unbeschreiblich schmerzlicher Angst an und flüsterte:

»Was hat es da geschlagen?«

»Doch wohl halb elf.«

Sie schrie vor Schreck auf.

»O Gott!« rief sie und stürzte auf einmal davon. Aber auf dem Flur hielt ich sie noch einmal an.

»Ich lasse dich so nicht fort«, sagte ich. »Wovor fürchtest du dich? Hast du dich verspätet?«

»Ja, ja, ich bin heimlich weggegangen! Lassen Sie mich los! Sie wird mich schlagen!« schrie sie. Sie hatte offenbar mehr gesagt, als sie wollte, und riß sich aus meinen Händen los.

»So höre doch und warte; du willst nach der Wassili-Insel und ich ebenfalls, nach der Dreizehnten Linie. Ich habe mich auch verspätet und will eine Droschke nehmen. Willst du mit mir fahren? Ich werde dich hinbringen. Es geht schneller als zu Fuß . . .«

»Sie dürfen nicht dahin, wo ich wohne!« schrie sie, noch heftiger erschrocken. Ihre Gesichtszüge verzerrten sich sogar bei dem bloßen Gedanken, daß ich zu ihrer Wohnung kommen könnte.

»Aber ich sage dir ja, daß ich in meinen eigenen Angelegenheiten nach der Dreizehnten Linie will und nicht zu dir! Ich werde nicht hinter dir hergehen. Mit einer Droschke werden wir bald da sein. Komm!«

Wir stiegen eilig die Treppe hinunter. Ich nahm die erste Droschke, auf die ich stieß; es war ein greuliches Vehikel. Jelena hatte offenbar große Eile, da sie sich entschloß, mit mir einzusteigen. Das Rätselhafteste war mir, daß ich nicht einmal wagen durfte, sie zu fragen. Sie wehrte mit den Armen ab und wäre beinahe aus der Droschke gesprungen, als ich fragte, vor wem sie zu Hause solche Furcht habe. ›Was steckt für ein Geheimnis dahinter?‹ dachte ich.

In der Droschke saß sie sehr unbequem. Bei jedem Stoß griff sie mit ihrer schmutzigen, von Schrunden bedeckten, kleinen Linken nach meinem Mantel, um sich festzuhalten. Mit der andern Hand hielt sie ihre Bücher fest gefaßt; es war aus allem ersichtlich, daß ihr diese Bücher sehr teuer waren. Als sie sich einmal zurechtrückte, wurde einer ihrer Füße sichtbar, und zu meinem größten Erstaunen nahm ich wahr, daß sie nur zerrissene Schuhe, aber keine Strümpfe anhatte. Obgleich ich mir eigentlich vorgenommen hatte, sie nach nichts zu fragen, konnte ich mich doch nicht bezwingen.

»Besitzt du denn keine Strümpfe?« fragte ich. »Wie kann man nur bei so feuchtem, kaltem Wetter mit bloßen Füßen gehen?«

»Nein«, antwortete sie kurz.

»Aber, mein Gott, du wohnst doch gewiß bei jemand! Da solltest du die Leute um Strümpfe bitten, wenn du ausgehen mußt.«

»Ich will es selbst so.«

»Aber du wirst krank werden und sterben!«

»Nun, dann sterbe ich!«

Sie wollte mir offenbar nicht antworten und war über meine Fragen ungehalten.

»Hier ist die Stelle, wo er gestorben ist«, sagte ich und zeigte ihr das Haus, bei dem der alte Mann gestorben war.

Sie betrachtete es aufmerksam, wandte sich dann auf einmal zu mir und sagte im Ton inständigster Bitte:

»Um Gottes willen, gehen Sie mir nicht nach! Aber ich werde zu Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen! Sobald es mir möglich sein wird, werde ich kommen!«

»Nun gut; ich habe dir schon gesagt, daß ich dir nicht nachgehen werde. Aber wovor fürchtest du dich denn? Du bist gewiß sehr unglücklich. Es tut mir weh, dich anzusehen . . .«

»Ich fürchte mich vor niemand«, antwortete sie; ihre Stimme klang gereizt.

»Aber du sagtest doch vorhin: ›Sie wird mich schlagen!‹«

»Mag sie mich schlagen!« erwiderte sie mit funkelnden Augen. »Mag sie mich schlagen! Mag sie mich schlagen!« wiederholte sie bitter, und ihre Oberlippe zog sich verächtlich in die Höhe und zitterte.

Endlich kamen wir auf die Wassili-Insel. Die Kleine ließ den Kutscher am Anfang der Sechsten Linie halten und sprang, sich unruhig rings umblickend, aus dem Wagen.

»Fahren Sie weiter; ich werde zu Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen«, wiederholte sie in schrecklicher Beängstigung und bat mich flehentlich, ihr nicht nachzugehen. »Fahren Sie recht schnell fort, recht schnell!«

Ich fuhr davon. Aber nachdem ich ein paar Schritte auf der Uferstraße weitergefahren war, lohnte ich den Kutscher ab, kehrte nach der Sechsten Linie zurück und ging schnell auf die andere Seite der Straße hinüber. Ich sah das Mädchen; sie war noch nicht weit weg, obgleich sie sehr schnell ging und sich dabei immer umblickte; einmal blieb sie sogar einen Augenblick stehen, um besser sehen zu können, ob ich auch nicht hinter ihr herkäme. Aber ich versteckte mich in einem Torweg, bei dem ich gerade war, und sie bemerkte mich nicht. Sie ging weiter und ich hinter ihr her, immer auf der anderen Seite der Straße.

Meine Neugier war im höchsten Grad erregt. Ich beabsichtigte zwar nicht, ihr in ihre Wohnung zu folgen, wollte aber für jeden Fall das Haus sehen, in welches sie hineingehen würde. Ich stand unter der Einwirkung eines seltsamen, peinlichen Gefühls, ähnlich demjenigen, das ihr Großvater in der Konditorei bei mir hervorgerufen hatte, als Asorka starb.

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