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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
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Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Einen Augenblick darauf lachten wir alle wie die Unsinnigen.

»So laßt mich doch erzählen, so laßt mich doch erzählen!« rief Aljoscha, dessen helle Stimme uns alle übertönte. »Ihr denkt, daß es dieselbe Geschichte ist wie früher . . . daß ich bloß mit gleichgültigen Nachrichten hergekommen bin . . . Aber ich sage euch, ich habe etwas höchst Interessantes. So seid doch endlich einmal still!«

Er hatte die größte Lust zu erzählen. Man konnte ihm am Gesicht ansehen, daß er wichtige Neuigkeiten hatte. Aber durch die Art, wie er in dem naiven Stolz auf den Besitz solcher Neuigkeiten sich wichtig tat, war Natascha sofort zum Lachen gebracht worden. Und ich hatte mich unwillkürlich von ihr anstecken lassen. Und je zorniger er über uns wurde, um so mehr lachten wir. Aljoschas Ärger und seine darauffolgende kindliche Verzweiflung brachten uns schließlich auf jenen Grad der Heiterkeit, wo man einem, wie dem Midshipman bei Gogol, nur einen Finger zu zeigen braucht, um ihn sogleich dahin zu bringen, daß er sich vor Lachen wälzt. Mawra, die ihre Küche verlassen hatte, stand in der Tür und sah uns mit ernstlicher Empörung an; sie ärgerte sich darüber, daß diesem Aljoscha nicht durch Natascha eine gehörige Kopfwäsche zuteil wurde, wie sie es diese ganzen fünf Tage her mit Genuß erwartet hatte, und daß wir statt dessen alle so vergnügt waren.

Endlich hörte Natascha auf zu lachen, da sie sah, daß Aljoscha sich durch unser Lachen gekränkt fühlte.

»Nun, was willst du also erzählen?« fragte sie.

»Soll ich den Samowar zurechtmachen?« fragte Mawra, indem sie ohne den geringsten Respekt Aljoscha das Wort nahm.

»Geh nur, Mawra, geh nur!« sagte er und scheuchte sie durch eifrige Bewegungen beider Arme eilig fort. »Ich werde alles erzählen, was war und was ist und was sein wird; denn ich weiß es alles. Ich sehe, meine Teuren, ihr möchtet gern wissen, wo ich diese fünf Tage über gewesen bin; und gerade das will ich euch ja auch erzählen; aber ihr laßt mich nicht dazu kommen. Na, also erstens, ich habe dich diese ganze Zeit über getäuscht, Natascha, diese ganze Zeit über; schon lange, lange Zeit habe ich dich getäuscht, und das ist die Hauptsache.«

»Du hast mich getäuscht?«

»Ja, ich habe dich getäuscht, schon einen ganzen Monat lang; schon vor der Ankunft meines Vaters habe ich damit angefangen; aber jetzt ist die Zeit für vollständige Aufrichtigkeit gekommen. Vor einem Monat, als mein Vater noch nicht angekommen war, erhielt ich auf einmal von ihm einen gewaltig langen Brief und verheimlichte ihn euch beiden. In dem Brief erklärte er mir geradezu (und wohlgemerkt in so ernstem Ton, daß ich ganz erschrocken war), die Angelegenheit meiner Brautwerbung sei nun zum Ende geführt; die mir bestimmte Braut sei der Gipfel der Vollkommenheit; ich sei ihrer selbstverständlich nicht würdig, müsse sie aber doch unbedingt heiraten. Deshalb solle ich mich darauf vorbereiten und mir alle Dummheiten aus dem Kopf schlagen; na, ihr könnt euch schon denken, was er mit den ›Dummheiten‹ meinte. Diesen Brief also habe ich euch verheimlicht.«

»Du hast ihn uns ganz und gar nicht verheimlicht!« unterbrach ihn Natascha. »Solche Prahlerei! Die Wahrheit ist, daß du uns alles sofort erzählt hast. Ich erinnere mich noch, wie du auf einmal so fügsam und zärtlich wurdest und gar nicht von mir weggehen wolltest, als ob du dir einer Schuld bewußt wärest, und wie du uns den ganzen Inhalt des Briefes stückweise erzählt hast.«

»Das ist nicht möglich; die Hauptsache habe ich bestimmt nicht erzählt. Vielleicht habt ihr beide etwas erraten; das ist dann eure Sache; aber erzählt habe ich es nicht. Ich verheimlichte es euch und litt darunter schrecklich.«

»Ich erinnere mich, Aljoscha, daß Sie mich damals fortwährend um Rat fragten und mir alles erzählten, allerdings nur bruchstückweise und als handle es sich nur um Vermutungen«, fügte ich hinzu, indem ich Natascha anblickte.

»Du hast alles erzählt! Bitte, prahle nur nicht!« fiel sie ein. »Was kannst du denn überhaupt verbergen? Kannst du jemanden betrügen? Sogar Mawra hat alles erfahren. Hast du es gewußt, Mawra?«

»Na, wie werde ich es nicht gewußt haben!« versetzte Mawra, die vor der Tür stand und den Kopf zu uns hereinsteckte. »Gleich in den drei ersten Tagen haben Sie alles erzählt. Auf Listen verstehen Sie sich nicht!«

»Ach, wenn man mit euch redet, muß man sich auch immer ärgern! Du tust das alles aus Böswilligkeit, Natascha! Und du, Mawra, irrst dich ebenfalls. Ich erinnere mich, ich war damals wie ein Unsinniger; besinnst du dich wohl noch darauf, Mawra?«

»Wie sollte ich mich nicht darauf besinnen? Sie sind auch jetzt wie ein Unsinniger.«

»Nein, nein, was ich da eben sagte, gehört nicht hierher. Aber du erinnerst dich: wir hatten damals gerade kein Geld, und du gingst, mein silbernes Zigarrenetui zu versetzen; aber was die Hauptsache ist: gestatte mir, Mawra, dich darauf aufmerksam zu machen, daß du dich mir gegenüber in einer schrecklichen Weise vergißt. Das hat dich alles Natascha gelehrt. Na also, gesetzt auch, daß ich euch wirklich gleich damals alles bruchstückweise erzählt habe (jetzt besinne ich mich darauf), so kennt ihr doch den Ton des Briefes nicht, den Ton; und gerade der Ton ist bei einem Brief die Hauptsache. Und davon eben spreche ich.«

»Nun, was war es denn für ein Ton?« fragte Natascha.

»Höre einmal, Natascha, du fragst, wie wenn du darüber scherztest. Aber scherze nicht! Ich versichere dich: die Sache ist sehr ernst. Es war ein solcher Ton, daß mir die Arme schlaff herabsanken. Noch nie hatte mein Vater so mit mir gesprochen. Es klang, wie wenn eher der Himmel einstürzen als sein Wille nicht in Erfüllung gehen sollte, so ein Ton war das!«

»Nun, so erzähle doch: warum wolltest du denn den Brief vor mir verheimlichen?«

»Ach du mein Gott, um dich nicht zu erschrecken. Ich hoffte, ich würde alles selbst in Ordnung bringen können. Na also, zuerst erhielt ich diesen Brief, und als dann mein Vater selbst angekommen war, da begannen meine Leiden. Ich hatte mich darauf vorbereitet, ihm eine feste, klare, ernste Antwort zu geben; aber merkwürdigerweise wollte mir das gar nicht gelingen. Der Schlaufuchs fragte mich überhaupt gar nicht! Er benahm sich im Gegenteil so, als ob die ganze Sache schon entschieden sei und es zwischen uns gar keinen Streit und gar keine Mißhelligkeiten geben könne. Hörst du wohl: als ob es das gar nicht geben könne; ein solches Selbstvertrauen! Gegen mich aber wurde er überaus freundlich und liebenswürdig. Ich war geradezu erstaunt. Wenn Sie wüßten, wie klug er ist, Iwan Petrowitsch! Alles hat er gelesen, alles weiß er, und wenn er jemanden nur ein einziges Mal anblickt, so kennt er all dessen Gedanken so gut wie seine eigenen. Darum hat man ihn auch gewiß einen Jesuiten genannt. Natascha hat es nicht gern, wenn ich ihn lobe. Werde nicht böse, Natascha! Nun also . . . aber apropos: anfangs hat er mir kein Geld gegeben; aber jetzt hat er es getan, gestern. Natascha, mein Engel! Jetzt hat unsere Armut ein Ende! Da, sieh! Alles, was er mir in diesem halben Jahr zur Strafe zuwenig gegeben hatte, das hat er alles gestern nachgezahlt; seht mal, wieviel es ist; ich habe es noch nicht gezählt. Mawra, sieh mal, wieviel Geld! Jetzt brauchen wir keine Löffel und Hemdknöpfe mehr zu versetzen!«

Er zog ein ziemlich dickes Päckchen Banknoten, etwa tausendfünfhundert Rubel, aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Mawra betrachtete es erstaunt und lobte Aljoscha. Natascha drängte auf schnelle Fortsetzung der Erzählung.

»Na also . . .«, fuhr Aljoscha fort, »ich dachte: ›Was soll ich tun? Wie soll ich mich seinem Willen widersetzen?‹ Das heißt, ich schwöre euch beiden: wäre er schroff gegen mich gewesen und nicht so gutherzig, so hätte ich mich nicht lange besonnen. Ich hätte ihm geradezu gesagt, daß ich nicht wolle, daß ich bereits selbst ein erwachsener Mensch sei, und damit basta! Und ihr könnt mir glauben, daß ich meinen Willen durchgesetzt hätte. So jedoch, was sollte ich ihm sagen? Aber brecht nicht den Stab über mich! Ich sehe, du machst ein unzufriedenes Gesicht, Natascha. Warum wechselt ihr beide miteinander Blicke? Ihr denkt gewiß: er hat sich gleich einwickeln lassen und besitzt nicht die Spur von Charakterfestigkeit. Aber ich besitze Charakterfestigkeit, wirklich, und mehr als ihr denkt! Und der Beweis dafür ist, daß ich trotz meiner mißlichen Lage mir sogleich sagte: ›Es ist meine Pflicht; ich muß meinem Vater alles sagen, alles!‹ Und so fing ich denn an zu reden und sprach mich aus, und er hörte mich an.«

»Aber was hast du ihm denn gesagt, was?« fragte Natascha beunruhigt.

»Daß ich keine andere Braut will, sondern bereits eine habe, nämlich dich. Das heißt, so geradezu habe ich ihm das bisher noch nicht gesagt; aber ich habe ihn darauf vorbereitet, und morgen werde ich es ihm sagen; dazu bin ich fest entschlossen. Ich begann damit, ihm zu sagen, nach Geld zu heiraten sei unanständig und zeuge von unvornehmer Gesinnung; wenn wir uns für Aristokraten hielten, so sei das einfach eine Dummheit (ich rede mit ihm völlig offenherzig, als ob er mein Bruder wäre). Dann erklärte ich ihm sofort, ich sei ein Angehöriger des tiers-état, und der tiers-état c'est l'essentiel; ich sei stolz darauf, allen ähnlich zu sein, und wolle mich vor niemand auszeichnen . . . kurz, ich setzte ihm alle diese vernünftigen Ideen auseinander. Ich sprach mit Eifer und Enthusiasmus. Ich wunderte mich über mich selbst. Ich bewies es ihm schließlich auch von seinem eigenen Gesichtspunkt aus; ich sagte geradezu: was seien wir denn für Fürsten? Doch nur der Geburt nach; was hätten wir aber in Wirklichkeit Fürstliches an uns? Erstens, besonderen Reichtum besäßen wir nicht, und Reichtum sei doch die Hauptsache. Heutzutage sei der größte Fürst Rothschild. Zweitens, in der richtigen vornehmen Gesellschaft sei von uns schon seit langer Zeit nichts mehr zu hören gewesen. Der letzte sei der Onkel Semjon Walkowski gewesen, und auch der habe nur in Moskau Aufsehen erregt, und nur dadurch, daß er seine letzten dreihundert Seelen durchgebracht habe, und wenn der Vater nicht selbst Geld erworben hätte, so würden seine Enkel vielleicht eigenhändig den Acker pflügen müssen, wie es denn solche Fürsten wirklich gebe. Mithin hätten wir keinen Grund, hochmütig zu sein. Kurz, ich sprach alles aus, was in mir kochte, alles, mit Feuer und Offenherzigkeit; ich fügte sogar noch dies und das hinzu. Er entgegnete mir nichts darauf, sondern machte mir nur Vorwürfe, daß ich den Verkehr in dem Haus des Grafen Nainski eingestellt hätte, und sagte dann, ich müsse mich um die Gunst der Fürstin K., meiner Patin, bemühen; wenn diese mich gut aufnehme, so würde ich überall Zutritt haben, und meine Karriere sei gemacht, was er mir dann näher ausmalte! Das sind alles Anspielungen darauf, daß ich seit der Verbindung mit dir, Natascha, alle anderen Beziehungen abgebrochen habe; er führt das auf deinen Einfluß zurück. Aber geradezu hat er bisher noch nicht von dir gesprochen; er vermeidet es sogar offenbar. Wir sind beide schlau, wir warten ab und belauern einander; aber du kannst überzeugt sein, daß auch für uns der Tag des Glücks kommen wird.«

»Nun, schon gut; wie endete die Sache? Was hat er beschlossen? Das ist doch die Hauptsache. Du bist ein Schwätzer, Aljoscha . . .«

»Meines Vaters Sinn und Gedanken kennt nur Gott; es ist gar nicht daraus klug zu werden, was er eigentlich vorhat. Ein Schwätzer aber bin ich ganz und gar nicht; ich sage nur, was zur Sache gehört. Er hat nichts Bestimmtes gesagt, sondern auf alle meine Darlegungen nur mit einem Lächeln geantwortet, als ob er mich bemitleide. Ich fühle ja, daß das für mich demütigend ist; aber ich schäme mich nicht. Er sagte: ›Ich bin mit dir vollkommen einer Ansicht; aber wir wollen zum Grafen Nainski fahren. Sprich aber dort nichts von dieser Art; ich für meine Person verstehe dich ja; aber die dort würden dich nicht verstehen.‹ Es scheint, daß auch er selbst dort nicht besonders gut aufgenommen wird; man ist aus irgendwelchem Grund auf ihn erzürnt. Überhaupt ist mein Vater in der vornehmen Welt jetzt nicht beliebt. Der Graf behandelte mich zunächst sehr hochmütig und von oben herab, als ob er ganz vergessen hätte, daß ich in seinem Haus aufgewachsen bin. Er zürnt mir wegen Undankbarkeit; aber wahrhaftig, es liegt von meiner Seite keine Undankbarkeit vor; es ist eben in seinem Haus schrecklich langweilig; na, und da bin ich nicht mehr hingegangen. Er empfing auch meinen Vater in sehr nachlässiger Manier, so nachlässig, daß ich gar nicht verstehe, warum mein Vater den Verkehr fortsetzt. Das alles versetzte mich in Empörung. Mein armer Vater krümmte sozusagen den Rücken vor ihm; ich verstehe ja, daß er das alles in meinem Interesse tut; aber ich brauche nichts. Ich wollte nachher meinem Vater schon alle meine Empfindungen aussprechen; aber ich beherrschte mich und schwieg. Wozu auch? Seine Anschauungen würde ich doch nicht umändern; ich würde ihn nur ärgern, und er hat ohnehin schon genug Sorgen. ›Na‹, dachte ich, ›ich will es mit Schlauheit versuchen; ich werde sie alle überlisten; ich werde den Grafen zwingen, mich zu achten!‹ Und was geschah? Ich habe sofort alles erreicht; an einem einzigen Tag hat sich die ganze Lage geändert! Graf Nainski weiß jetzt gar nicht, was er mir für einen Ehrenplatz anweisen soll. Und all das habe ich bewirkt, ich allein, durch meine eigene Schlauheit, so daß mein Vater vor Erstaunen die Hände über dem Kopf zusammenschlug! . . .«

»Hör mal, Aljoscha, du solltest doch lieber zur Sache kommen!« rief Natascha ungeduldig. »Ich hatte geglaubt, du würdest uns etwas über unsere eigene Angelegenheit mitteilen; aber dir macht es nur Spaß, zu erzählen, wie vortrefflich du dich bei dem Grafen Nainski benommen hast. Was geht mich dein Graf an!«

»Was dich der Graf angeht! Hören Sie wohl, Iwan Petrowitsch, sie fragt, was sie der Graf angeht! Aber darin steckt ja gerade der Kern der Sache. Das wirst du selbst sehen; das wird alles am Ende meiner Erzählung klarwerden. Laßt mich nur erzählen . . . Nun ja (denn warum soll ich nicht offen reden?), ihr wißt ja, sowohl du, Natascha, als auch Sie, Iwan Petrowitsch, ich bin vielleicht wirklich manchmal sehr, sehr urteilslos, na, meinetwegen auch einfach dumm (auch das ist ja mitunter vorgekommen). Aber in diesem Fall, das kann ich euch versichern, habe ich viel Schlauheit bewiesen . . . na . . . ich kann wohl sagen, sogar Verstand; ich glaubte daher, ihr würdet euch selbst darüber freuen, daß ich nicht immer . . . unverständig bin.«

»Ach, was redest du nur, Aljoscha; hör doch auf damit, Liebster!«

Natascha konnte es nicht ertragen, wenn Aljoscha für unverständig gehalten wurde. Wie oft war sie, ohne es mit Worten auszusprechen, böse auf mich gewesen, wenn ich, ohne viele Umstände zu machen, ihrem Aljoscha bewies, daß er irgendeine Dummheit begangen habe; dies war ein wunder Punkt in ihrem Herzen. Sie konnte eine Herabsetzung Aljoschas nicht ertragen, und wahrscheinlich um so weniger, da sie seine geistigen Fähigkeiten im stillen selbst nur für beschränkt hielt. Aber sie brachte diese ihre Meinung ihm gegenüber nicht zum Ausdruck und scheute sich, sein Ehrgefühl zu verletzen. Er seinerseits bewies in solchen Fällen einen besonderen Scharfsinn und erriet immer ihre geheimen Gedanken. Natascha merkte dies, betrübte sich sehr darüber und überschüttete ihn sofort mit Schmeichelworten und Liebkosungen. Dies war der Grund, warum sie jetzt seine Worte schmerzlich berührten.

»Rede nicht so, Aljoscha; du bist nur leichtsinnig, aber gar nicht von solcher Art«, fügte sie hinzu. »Warum machst du dich selbst schlecht?«

»Nun gut; dann laßt mich also zu Ende erzählen! Nach dem Besuch bei dem Grafen war mein Vater ordentlich böse auf mich. Ich dachte: ›Warte du nur!‹ Wir fuhren darauf zur Fürstin; ich hatte schon lange gehört, daß sie infolge ihres hohen Alters geistesschwach geworden sei, außerdem sehr schwer höre und eine große Freundin von Stubenhunden sei. Sie hält sich ein ganzes Rudel dieser Tiere und ist in sie ganz vernarrt. Trotz alledem besitzt sie in der vornehmen Welt großen Einfluß, so daß sogar Graf Nainski, le superbe, bei ihr antichambriert. Unterwegs entwarf ich mir einen Plan für alle meine weiteren Aktionen, und was meint ihr wohl, worauf ich dabei baute? Auf den Umstand, daß mich alle Hunde gern haben, bei Gott! Ich habe das beobachtet. Entweder steckt in mir eine Art Magnetismus, oder es kommt daher, daß ich selbst alle Tiere sehr gern habe; ich weiß es nicht; aber die Hunde lieben mich, das ist Tatsache! Apropos, Magnetismus: ich habe dir noch nicht erzählt, Natascha, wir haben neulich Geister zitiert; ich war bei einem Geisterbeschwörer; es war höchst interessant, Iwan Petrowitsch; es hat mich sehr in Erstaunen versetzt. Ich habe Julius Cäsar zitiert.«

»Ach mein Gott! Was wolltest du denn mit Julius Cäsar?« rief Natascha, die sich vor Lachen ausschütten wollte. »Das ist köstlich!«

»Aber wieso denn? . . . Als wäre ich ein . . . Warum soll ich nicht das Recht haben, Julius Cäsar zu zitieren? Was ist denn dabei? Nun sehe bloß einer, wie sie lacht!«

»Natürlich ist gar nichts dabei . . . ach, mein liebster Aljoscha! Nun also, was sagte denn Julius Cäsar zu dir?«

»Gesagt hat er nichts. Ich hielt nur einen Bleistift in der Hand, und der Bleistift fuhr von selbst über das Papier und schrieb. Es wurde gesagt, da schriebe Julius Cäsar. Ich glaube nicht daran.«

»Was hat er denn geschrieben?«

»Er schrieb etwas, das sah aus wie ›Werde naß!‹, wie es bei Gogol heißt . . . Aber so hör doch auf zu lachen!«

»Nun, dann erzähle von der Fürstin!«

»Na ja, aber ihr unterbrecht mich ja immer. Wir kamen also zu der Fürstin, und ich begann damit, ihrer Mimi den Hof zu machen. Diese Mimi ist eine alte, häßliche, greuliche Hündin, dazu noch eigensinnig und bissig. Die Fürstin ist ganz in das Tier vernarrt; ich glaube, die beiden sind Altersgenossinnen. Zuerst fütterte ich Mimi mit Konfekt und brachte ihr in zehn Minuten bei, die Pfote zu geben, was man ihr in ihrem ganzen Leben nicht hatte beibringen können. Die Fürstin geriet geradezu in Entzücken, sie weinte beinahe vor Freude: ›Mimi! Mimi! Mimi gibt das Pfötchen!‹ Wenn ein Besucher kam, so hieß es: ›Mimi gibt das Pfötchen! Hier, mein Patenkind hat es sie gelehrt!‹ Graf Nainski kam; sofort mußte er hören: ›Mimi gibt das Pfötchen.‹ Mich blickte die alte Dame beinahe mit Tränen der Rührung an. Sie ist ein seelengutes Wesen; sie tat mir ordentlich leid. Nach diesem glücklichen Erfolg griff ich zur Schmeichelei: auf ihrer Tabaksdose ist ihr eigenes Bild gemalt, als sie noch ein junges Mädchen war, vor sechzig Jahren. Diese Tabaksdose fiel ihr auf den Fußboden. Ich hob sie auf und sagte, als ob ich nicht erkenne, wen das Bild vorstellt: ›Quelle charmante peinture! Ein ideal schönes Gesicht!‹ Na, da war sie ganz hin; sie redete mit mir von diesem und jenem, und wo ich studiert hätte, und bei wem ich verkehrte, und was ich für schönes Haar hätte, und in dieser Art immer weiter. Ich tat auch das meinige, indem ich sie durch eine Skandalgeschichte, die ich ihr erzählte, zum Lachen brachte. Sie hört so etwas gern: sie drohte mir nur mit dem Finger, lachte aber herzlich. Beim Abschied küßte sie mich, bekreuzte mich und verlangte, ich solle alle Tage zu ihr kommen, um sie zu erheitern. Der Graf drückte mir die Hand und gab seinem Blick einen Ausdruck von besonderer Liebenswürdigkeit; und mein Vater – er ist ja der beste, ehrenhafteste, edelste Mensch, ihr mögt es nun glauben oder nicht –, er weinte beinahe vor Freude, als wir beide nach Hause fuhren; er umarmte mich und schüttete mir sein ganzes Herz aus, all seine geheimen Gedanken über Karriere, Konnexionen, Geld, Heirat, so daß ich vieles davon gar nicht verstand. Und dabei gab er mir auch Geld. Das war gestern. Morgen bin ich wieder bei der Fürstin; aber mein Vater ist doch der edelste Mensch, denkt von ihm nichts Schlechtes; und wenn er mich auch von dir losreißen möchte, Natascha, so will er das doch nur, weil er verblendet ist und nach Katjas Millionen Verlangen trägt, die dir fehlen; und die möchte er einzig und allein für mich haben, und nur weil er dich nicht kennt, ist er gegen dich ungerecht. Aber welcher Vater wünscht nicht das Glück seines Sohnes? Er kann ja nichts dafür, daß er gewohnt ist, das Glück in den Millionen zu sehen. So sind sie eben alle. Man muß ihn nur von diesem Gesichtspunkt aus beurteilen, dann erscheint er sofort als gerechtfertigt. Ich bin absichtlich zu dir hergeeilt, Natascha, um dir das auseinanderzusetzen, weil ich weiß, daß du gegen ihn eingenommen bist, wofür du natürlich nichts kannst. Ich gebe dir keine Schuld . . .«

»Also weiter ist dir nichts begegnet, als daß du dir die Gunst der Fürstin erworben hast? Darin besteht deine ganze Schlauheit?« fragte Natascha.

»Nicht doch! Was redest du da! Das ist nur der Anfang . . . Das von der Fürstin habe ich deswegen erzählt, weil ich durch sie meinen Vater in der Hand habe, verstehst du; aber meine Hauptgeschichte hat noch nicht angefangen.«

»Nun, dann erzähle doch!«

»Heute habe ich noch ein Erlebnis gehabt, sogar ein sehr seltsames Erlebnis, von dem ich noch jetzt ganz ergriffen bin«, fuhr Aljoscha fort. »Ich muß vorausschicken, daß zwar mein Vater und die Gräfin unsere Verheiratung beschlossen haben, daß aber bis jetzt absolut nichts Offizielles stattgefunden hat, so daß wir uns jeden Augenblick trennen könnten, ohne daß irgendwelches Gerede darüber entstände; nur Graf Nainski weiß es; aber der gilt ja als Verwandter und Gönner. Überdies bin ich ja zwar in diesen beiden Wochen sehr viel mit Katja zusammen gewesen, aber doch haben wir bis auf diesen Augenblick keine Silbe von der Zukunft gesprochen, das heißt von der Ehe und . . . na, und von Liebe. Außerdem ist beschlossen worden, vorher noch die Einwilligung der Fürstin K. zu erbitten, von der man bei uns alle mögliche Protektion und einen goldenen Regen erwartet. Was sie sagen wird, das wird auch die vornehme Gesellschaft sagen, denn ihre Verbindungen sind von solcher Art. Und sie wollen mich durchaus in die Gesellschaft einführen und mich protegieren. Wer aber besonders auf diesem Verfahren besteht, das ist die Gräfin, Katjas Stiefmutter. Die Sache ist die, daß die Fürstin der Gräfin vielleicht wegen all der Extravaganzen, die diese im Ausland begangen hat, den Zutritt zu ihrem Salon noch nicht gestatten wird, und wen die Fürstin nicht empfängt, den empfangen wohl auch die andern nicht; daher würde meine Bewerbung um Katja eine gute Gelegenheit zur Annäherung bieten. Und darum hat die Gräfin, die früher gegen diese Partie war, sich heute außerordentlich über meinen Erfolg bei der Fürstin gefreut. Das nur beiläufig; die Hauptsache aber ist dies: ich habe Katerina Fjodorowna zwar schon seit dem vorigen Jahr gekannt, aber damals war ich noch ein Knabe und hatte kein Verständnis und fand daher an ihr nichts Besonderes . . .«

»Die Sache ist einfach die: damals liebtest du mich mehr«, unterbrach ihn Natascha; »darum fandest du an ihr nichts Besonderes; aber jetzt . . .«

»Sprich nicht weiter, Natascha!« rief Aljoscha mit warmer Empfindung; »du bist vollständig im Irrtum und kränkst mich sehr! Ich werde dir nicht einmal etwas darauf erwidern; höre nur weiter, und du wirst alles erkennen, wie es ist. Ach, wenn du Katja kenntest! Wenn du wüßtest, was für ein zartfühlendes, reines, seelengutes Wesen sie ist! Aber das wirst du sogleich erkennen; höre nur zu Ende! Als sie vor zwei Wochen angekommen waren, führte mich mein Vater zu Katja, und ich fing an, sie mir genau anzusehen. Ich merkte, daß auch sie mich musterte. Das erregte nun vollends mein Interesse, ganz abgesehen davon, daß ich die besondere Absicht hatte, sie näher kennenzulernen, eine Absicht, die schon durch jenen Brief meines Vaters angeregt worden war, der mich so überrascht hatte. Ich werde weiter nichts zu ihrem Lob sagen als das eine: sie bildet unter den Damen jenes ganzen Gesellschaftskreises eine glänzende Ausnahme. Sie hat einen so eigenartigen Charakter, eine so starke, redliche Seele, stark eben durch ihre Reinheit und Redlichkeit, daß ich ihr gegenüber geradezu ein Knabe bin, ihr jüngerer Bruder, trotzdem sie nur siebzehn Jahre alt ist. Noch eins bemerkte ich: sie scheint einen schweren, geheimen Kummer zu haben; aber sie ist nicht gesprächig, zu Hause schweigt sie fast immer, wie wenn sie eingeschüchtert wäre. Es ist, als ob sie über etwas nachsänne. Vor meinem Vater scheint sie Furcht zu haben. Zu ihrer Stiefmutter hegt sie keine Liebe, das merkte ich; die Gräfin selbst allerdings sucht in bestimmter Absicht die Meinung zu verbreiten, daß die Stieftochter sie schrecklich liebhabe; aber das ist völlig unwahr. Katja gehorcht ihr nur ohne Widerrede, das ist zwischen ihnen eine Art von Verabredung. Nachdem ich alle diese Beobachtungen gemacht hatte, beschloß ich vor vier Tagen, meine Absicht zur Ausführung zu bringen, und das habe ich heute abend auch wirklich getan. Meine Absicht war nämlich die: Katja alles zu erzählen, ihr alles zu bekennen, sie auf unsere Seite zu bringen und dann mit einem Schlag die ganze Sache zu erledigen . . .«

»Wie! Was denn zu erzählen? Was zu bekennen?« fragte Natascha beunruhigt.

»Alles, schlechterdings alles«, antwortete Aljoscha; »und ich danke Gott, der mir diesen Gedanken eingegeben hat. Aber hört zu, hört zu! Vor vier Tagen faßte ich folgenden Entschluß: mich von euch fernzuhalten und die Sache allein zu erledigen. Wenn ich mit euch zusammengewesen wäre, so wäre ich schwankend geworden, ich hätte auf euch hingehört und wäre zu keinem Entschluß gelangt. Nun aber, da ich allein war und mich expreß in eine Lage versetzt hatte, in der ich mir jeden Augenblick sagen mußte, daß ich die Sache zu Ende bringen müsse, daß es meine Pflicht sei, sie zu Ende zu bringen, da faßte ich Mut, und siehe da: ich habe sie zu Ende gebracht! Ich hatte mir vorgenommen, nicht eher zu euch zurückzukehren, ehe ich nicht die Entscheidung hätte, und da bringe ich nun die Entscheidung!«

»Was denn? Was denn? Was hat denn die Sache für einen Verlauf genommen? So erzähle doch schnell!«

»Es machte sich ganz einfach! Ich wandte mich offen, ehrlich und mutig an sie . . . Aber zuerst muß ich euch etwas erzählen, was ich vorher erlebte und was einen starken Eindruck auf mich machte. Ehe wir hinfuhren, hatte mein Vater einen Brief erhalten. Ich trat in diesem Augenblick gerade in sein Arbeitszimmer und blieb an der Tür stehen. Er sah mich nicht. Er war durch diesen Brief in eine solche Erregung geraten, daß er mit sich selbst sprach, irgendwelche Ausrufe ausstieß, ganz außer sich im Zimmer auf und ab ging und schließlich auf einmal laut auflachte; dabei hielt er immer den Brief in der Hand. Ich fürchtete mich ordentlich, hineinzugehen, wartete noch ein Weilchen und trat dann zu ihm. Mein Vater war über etwas hocherfreut; er begann mit mir in einer ganz seltsamen Art zu reden; dann brach er plötzlich ab und befahl mir, mich sogleich zum Wegfahren fertig zu machen, obgleich es noch sehr früh war. Bei ihnen war heute kein Fremder; die beiden waren allein; du hast mit Unrecht geglaubt, Natascha, daß dort eine Gesellschaft stattfände. Da bist du falsch unterrichtet gewesen.«

»Ach, bitte, schweife nicht ab, Aljoscha; sage, wie du es angefangen hast, Katja alles zu sagen!«

»Es war ein Glück, daß wir ganze zwei Stunden lang allein blieben. Ich erklärte ihr einfach, obwohl man aus uns ein Paar machen wolle, so sei unsere Verheiratung doch ein Ding der Unmöglichkeit; ich empfände eine herzliche Zuneigung zu ihr, und sie allein könne mich retten. Dann entdeckte ich ihr alles. Stelle dir vor: sie wußte nichts von unseren Erlebnissen, von meinen Beziehungen zu dir, Natascha! Wenn du hättest sehen können, wie gerührt sie war; zuerst hatte sie sogar einen Schreck bekommen. Sie war ganz blaß geworden. Ich erzählte ihr den ganzen Hergang: wie du um meinetwillen dein Elternhaus verlassen hättest, wie wir eine Wohnung für uns allein bezogen hätten, von was für Leid und Befürchtungen wir jetzt gequält würden und daß wir jetzt unsere Zuflucht zu ihr nähmen (ich sprach auch in deinem Namen, Natascha); sie möchte selbst unsere Partei ergreifen und ihrer Stiefmutter geradezu sagen, daß sie nicht meine Frau werden wolle; darauf beruhe unsere ganze Rettung, und wir hätten von keiner anderen Seite Hilfe zu erwarten. Sie hörte mit solchem Interesse, mit so herzlicher Teilnahme zu! Was hatte sie in diesem Augenblick für schöne Augen! Ihre ganze Seele kam in ihrem Blick zum Ausdruck. Sie hat ganz himmelblaue Augen. Sie dankte mir, daß ich nicht an ihr gezweifelt hätte, und gab mir ihr Wort darauf, daß sie uns aus aller Kraft helfen wolle. Dann erkundigte sie sich nach dir, sagte, sie wünsche sehr, deine Bekanntschaft zu machen, bat mich, dir zu bestellen, daß sie dich schon jetzt wie eine Schwester liebe und daß auch du sie wie eine Schwester lieben möchtest; und als sie erfuhr, daß ich schon seit fünf Tagen nicht bei dir gewesen sei, schickte sie mich sofort weg, damit ich zu dir ginge.«

Natascha war gerührt.

»Und du konntest vorher von deinen Großtaten bei einer schwerhörigen Fürstin erzählen! Ach, Aljoscha, Aljoscha!« rief sie, ihn vorwurfsvoll anblickend. »Nun, und wie benahm sich Katja? War sie froh und heiter, als sie dich entließ?«

»Ja, sie freute sich darüber, daß sie eine gute Tat tun konnte; aber sie weinte. Denn sie liebt mich ja ebenfalls, Natascha! Sie gestand, daß sie bereits angefangen habe, mich zu lieben; sie komme nur mit wenigen Menschen zusammen, und ich hätte ihr schon längst gefallen; sie schätze mich besonders deswegen hoch, weil um sie herum alles List und Lüge sei, ich ihr aber ein aufrichtiger, ehrlicher Mensch zu sein scheine. Sie stand auf und sagte: ›Nun, Gott stehe Ihnen bei, Alexei Petrowitsch; ich hatte gedacht . . .‹ Sie sprach nicht zu Ende, fing an zu weinen und ging hinaus. Wir haben verabredet, daß sie gleich morgen ihrer Stiefmutter sagen soll, sie wolle nicht meine Frau werden, und daß auch ich gleich morgen meinem Vater alles sagen und mit Mut und Festigkeit sprechen soll. Sie machte mir Vorwürfe, weshalb ich nicht schon früher mit ihm geredet hätte; ›ein rechtschaffener Mensch darf sich vor nichts fürchten!‹ sagte sie. Sie hat eine so edle Denkungsart. Meinen Vater mag sie ebenfalls nicht leiden; sie sagt, er sei listig und trachte nach Geld. Ich suchte ihn zu verteidigen, aber sie glaubte mir nicht. Wenn es mir morgen bei meinem Vater nicht gelingt (und sie hält es für sehr wahrscheinlich, daß es mir nicht gelingen wird), dann ist sie damit einverstanden, daß wir meine Gönnerin, die Fürstin K., um ihren Schutz zu bitten. Wenn sie ihn uns gewährt, dann wird niemand von ihnen wagen, gegen uns anzukämpfen. Wir beide haben einander das Wort darauf gegeben, daß wir zueinander wie Bruder und Schwester sein wollen. Oh, wenn du auch ihre Geschichte kenntest, wie unglücklich sie sich fühlt, mit welchem Widerwillen ihr Leben bei der Stiefmutter und diese ganze Umgebung sie erfüllt! Sie hat mir das nicht geradezu gesagt; es machte den Eindruck, als ob sie sich auch vor mir scheute, das auszusprechen; aber ich habe es aus einigen Worten entnommen. Ach, Natascha, du mein Herz! wie entzückt würde sie von dir sein, wenn sie dich sähe! Und was hat sie für ein gutes Herz! Es verkehrt sich mit ihr so leicht! Ihr beide seid dazu geschaffen, einander Schwestern zu sein, und müßt einander lieben. Ich habe immer darüber nachgedacht. Und wirklich: ich müßte euch beide zusammenführen und würde dann selbst danebenstehen und euch voll Entzücken betrachten. Denke nichts Schlechtes, Nataschenka, und erlaube mir, von ihr zu reden! Es macht mir eine besondere Freude, mit dir von ihr zu sprechen und mit ihr von dir. Du weißt ja, daß ich dich mehr liebe als jeden anderen Menschen, auch mehr als sie . . . Du bist mein ein und alles!«

Natascha blickte ihn, ohne ein Wort zu sagen, freundlich und mit einer Art von stiller Traurigkeit an. Seine Worte schienen sie zu erfreuen und ihr gleichzeitig Pein zu bereiten.

»Und schon seit längerer Zeit, schon vor zwei Wochen, habe ich Katja schätzengelernt«, fuhr er fort. »Ich bin ja jeden Abend bei ihnen gewesen, und wenn ich dann nach Hause zurückgekehrt war, dann habe ich oftmals immerzu an euch beide gedacht und euch miteinander verglichen.«

»Und welche von uns beiden erschien dir dann als die bessere?« fragte Natascha lächelnd.

»Manchmal du, manchmal sie. Aber du trugst doch schließlich immer den Sieg davon. Wenn ich aber mit ihr spreche, so habe ich immer die Empfindung, daß ich selbst gewissermaßen besser, verständiger und edler werde. Aber morgen, morgen wird sich alles entscheiden.«

»Und tut sie dir nicht leid? Sie liebt dich ja; du sagst, daß sie das selbst ausgesprochen habe?«

»Ja, sie tut mir leid, Natascha! Aber wir werden alle drei einander lieben, und dann . . .«

»Und dann lebe wohl!« sagte Natascha leise, wie vor sich hin.

Aljoscha blickte sie erstaunt an.

Aber unser Gespräch wurde auf einmal in einer ganz unerwarteten Weise unterbrochen. Aus der Küche, die zugleich als Vorzimmer diente, wurde ein leichtes Geräusch vernehmbar, wie wenn jemand hereinkäme. Einen Augenblick darauf öffnete Mawra die Tür und winkte mit dem Kopf Aljoscha verstohlen zu, er möchte herauskommen. Wir alle wandten uns zu ihr hin.

»Da fragt jemand nach Ihnen; bitte, kommen Sie heraus!« flüsterte sie geheimnisvoll.

»Wer kann jetzt nach mir fragen?« sagte Aljoscha, sie erstaunt anblickend. »Ich komme!«

In der Küche stand ein Diener des Fürsten, seines Vaters, in Livree. Dieser teilte ihm mit, der Fürst habe auf der Rückfahrt nach Hause die Equipage bei Nataschas Wohnung halten lassen und ihn hinaufgeschickt, um sich zu erkundigen, ob Aljoscha da sei. Nach dieser Mitteilung ging der Diener sogleich wieder fort.

»Sonderbar! Das ist noch nie dagewesen!« sagte Aljoscha, uns verwirrt anblickend. »Was hat das zu bedeuten?«

Auch Natascha sah ihn beunruhigt an. Plötzlich öffnete Mawra wieder die Zimmertür.

»Er kommt selbst, der Fürst!« sagte sie hastig flüsternd und verschwand sofort wieder.

Natascha wurde blaß und erhob sich von ihrem Platz. Ihre Augen fingen auf einmal an zu glühen. Sie stand, sich leicht auf den Tisch stützend, da und blickte aufgeregt nach der Tür, durch die der unerwartete Gast eintreten mußte.

»Natascha, fürchte dich nicht; ich bin bei dir! Ich werde dich nicht beleidigen lassen«, flüsterte Aljoscha, der zwar verwirrt war, aber nicht die Fassung verloren hatte.

Die Tür öffnete sich, und auf der Schwelle erschien Fürst Walkowski in eigener Person.

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