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Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
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Zwölftes Kapitel

Die beiden alten Leute liebten einander sehr. Die Liebe und eine langjährige Gewöhnung wirkten zusammen, um sie untrennbar zu verbinden. Aber Nikolai Sergejewitsch benahm sich (und nicht nur jetzt, sondern es war auch früher, in den glücklichsten Zeiten, ebenso gewesen) gegen seine Anna Andrejewna wenig mitteilsam, ja sogar manchmal rauh, namentlich in Gegenwart von Fremden. Bei manchen Naturen findet man, obwohl sie von dem Gefühl warmer Zärtlichkeit erfüllt sind, doch eine gewisse Sprödigkeit, eine Art von keuscher Scheu davor, sich völlig auszusprechen und dem geliebten Wesen selbst gegenüber ihre Zärtlichkeit kundzutun, und zwar nicht nur in Gegenwart von Fremden, sondern auch unter vier Augen; unter vier Augen sogar in noch höherem Grad; nur selten kommt bei ihnen die Zärtlichkeit zum Durchbruch, dann aber um so heißer und heftiger, je länger sie zurückgehalten war. Von dieser Art war auch der alte Ichmenew im Verkehr mit seiner Anna Andrejewna, und zwar schon seit ihrer Jugend. Er verehrte und liebte sie grenzenlos, trotzdem sie einfach nur eine gute Frau war und nichts weiter verstand, als ihn zu lieben, und er ärgerte sich gewaltig darüber, daß sie ihrerseits in ihrer Harmlosigkeit ihm gegenüber manchmal sogar eine übergroße, unvorsichtige Offenheit zeigte. Aber seit Natascha das Elternhaus verlassen hatte, schienen die beiden gegeneinander zärtlicher geworden zu sein; sie fühlten mit tiefem Schmerz, daß sie allein auf der Welt zurückgeblieben waren. Und obgleich Nikolai Sergejewitsch manchmal außerordentlich mürrisch war, so konnten sie doch beide nicht einmal zwei Stunden lang getrennt sein, ohne sich schmerzlich einer nach dem andern zu sehnen. Von Natascha redeten sie wie nach stillschweigender Übereinkunft keine Silbe, als ob sie überhaupt nicht auf der Welt sei. Anna Andrejewna wagte in Gegenwart ihres Mannes nicht einmal eine deutliche Anspielung auf sie, obgleich ihr das sehr schwerfiel. Sie hatte der Tochter in ihrem Herzen schon längst verziehen. Zwischen ihr und mir bestand eine Art von Abmachung, daß ich ihr bei jedem meiner Besuche Nachrichten von ihrem lieben, unvergessenen Kinde bringen sollte.

Die alte Frau wurde krank, wenn sie lange keine Nachrichten erhielt, und wenn ich zu ihnen kam, interessierte sie sich für die geringsten Einzelheiten, fragte mich voll höchster Teilnahme aus, atmete auf, wenn mein Bericht günstig lautete, starb aber einmal beinahe vor Angst, als Natascha erkrankt war; ja, sie war nahe daran, selbst zu ihr hinzugehen. Aber das war ein ganz besonderer Fall gewesen. Anfänglich mochte sie nicht einmal mir gegenüber den Wunsch nach einem Wiedersehen mit der Tochter aussprechen, und am Ende unserer Gespräche, wenn sie alles aus mir herausgefragt hatte, hielt sie es fast immer für notwendig, sich mir gegenüber zu verhärten und sich mit aller Bestimmtheit dahin auszusprechen, sie interessiere sich zwar für das Schicksal ihrer Tochter, aber Natascha habe sich doch so vergangen, daß Verzeihung ein Ding der Unmöglichkeit sei. Aber das war alles nur Verstellung. Es kam vor, daß Anna Andrejewna in meiner Gegenwart sich nach ihrer Tochter fast totsehnte, weinte, ihr die zärtlichsten Namen gab, sich bitter über Nikolai Sergejewitsch beklagte und in seiner Gegenwart, wiewohl nur mit der größten Vorsicht, Andeutungen folgender Art machte: die Menschen seien gar zu stolz und hartherzig; wir verständen nicht, eine Beleidigung zu verzeihen, und denen, die selbst nicht verziehen, werde auch Gott nicht verzeihen. Aber deutlicher sprach sie sich ihm gegenüber nicht aus. In solchen Fällen machte der Alte sofort ein strenges, finsteres Gesicht und schwieg mürrisch, oder aber er begann auf einmal, meist in recht ungeschickter Weise, sehr laut von etwas anderem zu reden, oder endlich er ging auf sein Zimmer, ließ uns allein und gab so seiner Frau die Möglichkeit, mir ihren Kummer rückhaltlos in Tränen und Klagen auszuschütten. Ganz ebenso pflegte er bei meinen Besuchen, sowie er mich begrüßt hatte, alsbald auf sein Zimmer zu gehen, damit ich Zeit hätte, seiner Frau die letzten Neuigkeiten über Natascha mitzuteilen. So machte er es auch jetzt.

»Ich bin ganz durchnäßt«, sagte er zu ihr, gleich nachdem er ins Zimmer getreten war; »ich werde erst einmal auf mein Zimmer gehen, und du, Wanja, bleib hier! Er hat etwas Merkwürdiges mit seiner Wohnung erlebt. Erzähle es ihr; ich komme gleich wieder.«

Und er ging eilig hinaus, wobei er es sogar vermied, uns anzusehen, wie wenn er sich darüber schämte, daß er selbst uns allein zusammen ließ. In solchen Fällen, und besonders wenn er zu uns zurückkehrte, war er immer sehr finster und mürrisch, sowohl mir als auch seiner Frau gegenüber, ja sogar händelsüchtig; es machte den Eindruck, als ärgere er sich über seine eigene Weichheit und Nachgiebigkeit.

»Ja, so ist er nun«, sagte die alte Frau, die in der letzten Zeit im Verkehr mit mir alle Zurückhaltung und Verstellung aufgegeben hatte; »so benimmt er sich immer gegen mich, und dabei weiß er, daß wir seine List alle durchschauen. Wozu sucht er mir etwas vorzumachen? Bin ich ihm denn eine Fremde? Und so benimmt er sich auch, was die Tochter angeht. Er könnte ihr ja verzeihen; vielleicht wünscht er es sogar; Gott mag's wissen. Er weint nachts; das habe ich selbst gehört! Aber nach außen hin spielt er den Unerbittlichen. Der Stolz betört ihn. Lieber Iwan Petrowitsch, erzähle mir schnell: wo ist er gewesen?«

»Nikolai Sergejewitsch? Ich weiß es nicht; ich wollte Sie danach fragen.«

»Ich habe mich halbtot geängstigt, als er wegging. Er ist ja krank, und nun bei solchem Wetter, und wo die Nacht vor der Tür steht! ›Na‹, dachte ich, ›gewiß hat er etwas Wichtiges vor; und was gibt es für uns Wichtigeres als die bewußte Angelegenheit?‹ So dachte ich bei mir, wagte aber nicht, ihn zu fragen. Ich wage ihn ja jetzt überhaupt nach nichts zu fragen. Herrgott, was habe ich mich geängstigt um ihn und um sie! ›Nun‹, dachte ich, ›er wird zu ihr gegangen sein; ob er sich wohl entschlossen hat, ihr zu verzeihen?‹ Er hat ja alles in Erfahrung gebracht; auch die neuesten Nachrichten von ihr kennt er alle; ich glaube bestimmt, daß er sie weiß; aber woher er diese Kenntnis hat, das kann ich nicht erraten. Gestern hat er sich schrecklich gegrämt und heute auch. Aber warum schweigst du denn? Erzähle mir, lieber Freund, was da noch weiter vorgefallen ist! Ich habe auf dich gewartet wie auf einen Engel Gottes; fortwährend habe ich durchs Fenster gesehen. Nun also, verläßt der Bösewicht Natascha?«

Ich erzählte ihr sogleich alles, was ich selbst wußte. Ich war gegen sie immer vollständig offenherzig. Ich teilte ihr mit, daß es zwischen Natascha und Aljoscha in der Tat zum Bruch zu kommen scheine, und daß dies ernster sei als ihre früheren Mißhelligkeiten; daß Natascha mir gestern ein Briefchen geschickt habe, in dem sie mich bitte, heute abend um neun Uhr zu ihr zu kommen und daß ich daher auch gar nicht vorgehabt hätte, heute bei ihnen vorzusprechen; Nikolai Sergejewitsch selbst habe mich hergebracht. Ich setzte ihr eingehend auseinander, daß die Lage jetzt kritisch geworden sei; daß Aljoschas Vater, der vor vierzehn Tagen von einer Reise zurückgekehrt sei, von nichts hören wolle und gegen seinen Sohn mit aller Strenge verfahre und daß, was das Wichtigste sei, Aljoscha anscheinend selbst dem für ihn in Aussicht genommenen Mädchen nicht abgeneigt sei und dem Vernehmen nach sich sogar in sie verliebt habe. Ich fügte noch hinzu, daß Nataschas Brief, soweit man darüber etwas vermuten könne, in großer Aufregung geschrieben sei; sie schreibe, heute abend werde sich alles entscheiden; aber was eigentlich, das sage sie nicht; sonderbar sei auch, daß sie vom gestrigen Tage schreibe, aber mich auffordere, heute zu kommen, und eine bestimmte Stunde, neun Uhr, bezeichnet habe. Deshalb müsse ich unbedingt hingehen, und zwar so bald wie möglich.

»Geh hin, geh hin, lieber Freund, geh unbedingt hin!« sagte die alte Frau eifrig. »Sobald mein Mann wieder hereinkommt, trink eine Tasse Tee mit uns! . . . Ach, der Samowar ist ja noch nicht gebracht! Matrjona! Wo bleibt denn der Samowar! Bist du eine nachlässige Person! . . . Na, wenn du also ein Täßchen Tee getrunken hast; dann erfinde einen anständig aussehenden Vorwand und geh weg! Morgen aber komm unter allen Umständen zu mir und erzähle mir alles! Und komm nur ja recht früh! O Gott, wenn nur da kein Unglück vorgefallen ist! Man weiß freilich nicht, was noch schlimmer sein könnte, als wie es jetzt schon ist! Nikolai Sergejewitsch hat offenbar schon alles erfahren; das sagt mir mein Herz. Ich für meine Person erfahre ja vieles durch Matrjona, und die durch Agascha; Agascha aber ist ein Patenkind von Marja Wassiljewna, die bei dem Fürsten im Haus wohnt . . . na, das weißt du ja alles selbst. Heute war mein Nikolai furchtbar zornig. Ich wollte von diesem und jenem zu reden anfangen, aber er fuhr mich ordentlich an. Nachher tat es ihm leid, und er sagte, wir hätten so wenig Geld; er wollte den Anschein erwecken, als habe er mich des Geldes wegen so angefahren. Na, du weißt ja, in welcher Lage wir uns befinden. Nach dem Mittagessen ging er auf sein Zimmer, als wenn er schlafen wollte. Ich blickte durch eine Ritze zu ihm hinein (es ist da so eine Ritze in der Tür, er weiß nichts davon); da lag mein lieber Mann vor dem Heiligenschrein auf den Knien und betete. Als ich das sah, wäre ich fast umgesunken. Ohne geschlafen und ohne Tee getrunken zu haben, nahm er seinen Hut und ging weg. Zwischen vier und fünf ging er. Ich wagte nicht, ihn zu fragen; er hätte mich doch nur angefahren. Er fährt einen jetzt überhaupt häufig an, am meisten Matrjona, aber auch mich; und wenn er mich anfährt, knicken mir immer gleich die Beine ein, und das Herz wird mir schwach. Es ist ja bei ihm nur äußerlich; ich weiß, daß es nur äußerlich ist; aber es ist doch schrecklich. Als er weggegangen war, habe ich eine ganze Stunde lang gebetet, Gott möge ihm gute Gedanken eingeben. – Wo ist denn ihr Brief? Zeig ihn doch her!«

Ich zeigte ihn ihr. Ich wußte, daß Anna Andrejewna einen heißen Wunsch hatte: Aljoscha, den sie bald einen Bösewicht, bald einen gefühllosen, dummen Jungen nannte, möchte endlich Natascha heiraten, und sein Vater, Fürst Pjotr Alexandrowitsch, möchte es ihm erlauben. Sie hatte diesen Wunsch sogar vor meinen Ohren unversehens ausgesprochen, es aber später bereut und ihre Wort geleugnet. Aber um keinen Preis hätte sie gewagt, ihre Hoffnungen in Nikolai Sergejewitschs Gegenwart auszusprechen, obgleich sie wußte, daß der Alte diese ihre Hoffnungen mutmaßte und ihr sogar mehrmals in versteckter Weise deswegen Vorwürfe gemacht hatte. Ich glaube, er hätte Natascha unwiderruflich verflucht und sie für immer aus seinem Herzen gerissen, wenn er erfahren hätte, daß eine solche Ehe möglich sei.

So dachten wir damals alle. Er ersehnte die Rückkehr seiner Tochter von ganzem Herzen; aber sie sollte allein kommen, als eine Reuige, die alle Erinnerungen an ihren Aljoscha aus ihrem Herzen gerissen hatte. Das war die unerläßliche Bedingung der Verzeihung; er sprach diese Bedingung zwar nicht aus, aber wenn man ihn ansah, so erkannte man das in zweifelloser Weise.

»Er ist charakterlos, ein charakterloser Knabe, charakterlos und hartherzig; das habe ich immer gesagt«, begann Anna Andrejewna wieder. »Und sie haben auch nicht verstanden, ihn zu erziehen; da ist er denn ein solcher windiger Patron geworden; zum Dank für soviel Liebe läßt er sie sitzen, Herr du mein Gott! Was soll nur aus der Ärmsten werden? Und was er an der Neuen gefunden hat, das ist mir unbegreiflich!«

»Ich habe gehört, Anna Andrejewna«, erwiderte ich, »daß das junge Mädchen ein entzückendes Geschöpf ist, und auch Natalja Nikolajewna hat von ihr dasselbe gesagt . . .«

»Glaube doch das nicht!« unterbrach mich die alte Frau. »Was wird sie denn für ein entzückendes Geschöpf sein? Für euch Tintenkleckser ist jede ein entzückendes Geschöpf, wenn sie nur ihre Röcke zu schlenkern versteht. Und wenn Natascha sie lobt, so tut sie das nur, weil sie ein so gutes, edles Herz hat. Sie versteht nicht, ihn festzuhalten; alles verzeiht sie ihm, und sie selbst leidet und leidet. Wie oft hat er sie schon betrogen! Was gibt es für hartherzige Bösewichter! Ich lebe in der größten Seelenangst, Iwan Petrowitsch. Der Stolz hat sie alle betört. Wenn nur mein Mann sich bezwingen und meinem lieben Kind verzeihen und sie wieder herholen möchte! Dann würde ich sie endlich wiedersehen und in meine Arme schließen! Ist sie abgemagert?«

»Allerdings, Anna Andrejewna.«

»Ach, mein armes, liebes Kind! Ich habe auch ein Unglück gehabt, Iwan Petrowitsch. Die ganze Nacht und den ganzen Tag habe ich heute geweint; den Grund werde ich dir nachher sagen. Unzählige Male habe ich meinem Mann beiläufig eine Andeutung gemacht, er möchte ihr doch verzeihen; geradezu wage ich es nicht; ich habe nur so ganz von weitem auf eine geschickte Manier die Rede darauf gebracht. Aber mein Herz will ganz verzagen: ich glaube, er wird in Zorn geraten und sie ganz und gar verfluchen! Eine Verfluchung habe ich bis jetzt noch nicht von ihm gehört, aber ich fürchte, daß es doch noch dazu kommt. Und was wird dann geschehen? Wenn der Vater sie verflucht hat, dann wird auch Gott sie strafen. Ist das ein Leben; jeden Tag zittre ich vor Angst. Aber auch du solltest dich schämen, Iwan Petrowitsch; du bist doch in unserem Haus aufgewachsen und hast von uns beiden alle elterliche Liebe erfahren: und da bekommst du es doch fertig, von einem entzückenden Geschöpf zu reden! Wie kannst du nur! Was wird sie denn für ein entzückendes Geschöpf sein? Da redet Marja Wassiljewna viel besser. (Ich habe einmal eine Sünde begangen und sie zum Kaffee eingeladen, als mein Mann den ganzen Vormittag in Geschäften ausgegangen war.) Sie hat mir das ganze Geheimnis enthüllt. Der Fürst, Aljoschas Vater, hat mit der Gräfin ein unerlaubtes Verhältnis unterhalten. Die Gräfin hat ihm schon seit langer Zeit, wie es heißt, Vorwürfe darüber gemacht, daß er sie nicht heirate; aber der Fürst ist immer ausgewichen. Diese Gräfin aber hat damals, als ihr Mann noch lebte, durch ihren schandbaren Lebenswandel Aufsehen erregt. Nach dem Tod ihres Mannes ging sie ins Ausland: da verkehrte sie mit einer Menge italienischer und französischer Barone, und da verstand sie es auch, den Fürsten Pjotr Alexandrowitsch an sich zu ketten. Ihre Stieftochter aber, die Tochter ihres verstorbenen Mannes, eines Branntweinpächters, war inzwischen dem Kindesalter entwachsen. Die Gräfin, die Stiefmutter, brachte ihr eigenes Vermögen vollständig durch; aber Katerina Fjodorowna wuchs unterdessen heran, und die zwei Millionen Rubel, die ihr Vater, der Branntweinpächter, ihr bei der Bank hinterlassen hatte, wuchsen auch heran. Jetzt, sagt man, besitzt sie drei Millionen; und da hat sich nun der Fürst gesagt: ›Die sollte Aljoscha heiraten!‹ (Keine schlechte Spekulation! Er weiß auf seinen Vorteil zu setzen.) Der Graf, der vornehme Herr am Hofe, du erinnerst dich wohl, der Verwandte des Fürsten, war ebenfalls einverstanden; drei Millionen sind keine Kleinigkeit. ›Gut‹, sagte er, ›reden Sie mit dieser Gräfin!‹ Der Fürst teilte der Gräfin seinen Wunsch mit. Aber die widersetzte sich mit Händen und Füßen: sie ist ein Weib ohne Anstand, sagt man, ein rechter Zankteufel! Sie hat hier nicht in allen Familien Zutritt, sagt man; das ist hier anders als im Ausland. ›Nein‹, sagte sie, ›Fürst, du selbst mußt mich heiraten; meine Stieftochter kann nicht Aljoschas Frau werden.‹Wenn der Fürst die Gräfin heiratete, so konnte nach orthodoxem Kirchenrecht sein Sohn nicht mehr die Stieftochter der Gräfin heiraten, und umgekehrt; diese Ehe schloß die andere aus. Das Mädchen aber, die Stieftochter, ist ihrer Stiefmutter sehr ergeben, vergöttert sie beinahe und gehorcht ihr in allen Stücken. Man sagt, sie sei sanft und fügsam wie ein Engel! Der Fürst sah, um was es sich handelte, und sagte: ›Beunruhige dich nicht, Gräfin! Du hast dein Vermögen durchgebracht und Schulden gemacht, die du nicht bezahlen kannst. Aber wenn deine Stieftochter Aljoscha heiratet, so werden die beiden zueinander passen: sie ist naiv, und er ist ein Dummkopf; wir beide werden sie gleich von Anfang an unter unsere Vormundschaft nehmen; dadurch wirst auch du zu Geld kommen. Aber was nützt es dir‹, sagte er, ›mich zu heiraten?‹ So ein Schlaukopf! Der reine Freimaurer! So stand die Sache vor einem halben Jahr; die Gräfin konnte sich damals nicht entschließen; aber jetzt, sagt man, sind sie nach Warschau gefahren und haben sich da miteinander geeinigt. So habe ich das gehört. All das hat mir Marja Wassiljewna erzählt, das ganze Geheimnis; sie selbst hat es von einem zuverlässigen Gewährsmann gehört. Also darum handelt es sich bei diesem Eheprojekt, um das Geld, um die Millionen, nicht darum, daß sie ein entzückendes Geschöpf ist!«

Anna Andrejewnas Erzählung machte auf mich einen starken Eindruck. Sie stimmte vollständig zu alledem, was ich unlängst von Aljoscha selbst gehört hatte. Bei seinen Mitteilungen hatte er sich gerühmt, er werde unter keinen Umständen um des Geldes willen heiraten; er hatte aber gesagt, Katerina Fjodorowna habe ihm außerordentlich gut gefallen. Ich hatte von Aljoscha auch noch gehört, daß sein Vater sich vielleicht selbst wieder verheiraten werde, obgleich er diese Gerüchte als unwahr bezeichne, um die Gräfin nicht vor der Zeit zu reizen. Ich habe schon gesagt, daß Aljoscha seinen Vater sehr liebte, auf ihn stolz war und ihm in allen Stücken wie einem Orakel vertraute.

»Sie ist ja doch auch nicht aus gräflichem Geschlecht, dein entzückendes Geschöpf!« fuhr Anna Andrejewna fort, die über mein Lob des dem jungen Fürsten zugedachten Mädchens höchst aufgebracht war. »Natascha wäre für ihn eine weit bessere Partie. Jene ist die Tochter eines Branntweinpächters, während Natascha aus einer altadligen Familie stammt und ein hochwohlgeborenes Fräulein ist. Mein Mann hat gestern (ich habe vergessen, dir das zu erzählen) seine eisenbeschlagene Truhe aufgemacht (du kennst sie wohl?) und den ganzen Abend mir gegenübergesessen und unsere alten Papiere durchgesehen. So saß er in tiefem Ernst da. Ich strickte einen Strumpf und sah meinen Mann gar nicht an, vor Furcht. Als er merkte, daß ich nichts sagte, wurde er ärgerlich und redete mich selbst an und erklärte mir den ganzen Abend über unseren Stammbaum. Es ergab sich dabei, daß wir, die Ichmenews, schon unter der Regierung Iwan Wassiljewitschs des Schrecklichen Edelleute waren und daß meine Familie, die Schumilows, schon unter der Regierung Alexei Michailowitschs in Ansehen stand; wir haben Dokumente darüber, und es ist auch in Karamsins russischer Geschichte erwähnt. Also sind wir in dieser Hinsicht nicht schlechter als andere Leute, lieber Freund. Als mein Mann anfing, mir das auseinanderzusetzen, da begriff ich gleich, was ihm im Kopf steckte. Es war ihm nämlich kränkend, daß Natascha als minder vornehm angesehen wurde. Nur durch ihren Reichtum ist uns die andere über. Na, mag dieser schändliche Mensch, Fürst Pjotr Alexandrowitsch, nach Reichtum trachten; das ist ja allgemein bekannt, daß er ein hartes, habsüchtiges Herz hat. Es heißt, er sei in Warschau heimlich Jesuit geworden; ob das wohl wahr ist?«

»Ein törichtes Gerücht!« erwiderte ich; aber es interessierte mich unwillkürlich, daß sich dieses Gerücht so hartnäckig hielt.

Aber die Nachricht, daß Nikolai Sergejewitsch seine alten Papiere durchgesehen hatte, erregte meine Aufmerksamkeit. Früher hatte er sich niemals seines Stammbaumes gerühmt.

»Es sind alles hartherzige Bösewichter!« fuhr Anna Andrejewna fort. »Nun, was macht denn mein liebes Kind, grämt sie sich, weint sie? Ach, es wird Zeit, daß du zu ihr gehst! Matrjona, Matrjona! Bist du eine nachlässige Person! Haben sie sie auch nicht gekränkt? So sprich doch, Wanja!«

Was sollte ich ihr antworten? Die alte Frau fing an zu weinen. Ich fragte sie, was sie noch für ein Unglück gehabt habe, von dem sie mir vorhin habe Mitteilung machen wollen.

»Ach, lieber Freund, es ist an dem bisherigen Unglück noch nicht genug gewesen; wir haben offenbar den Becher noch nicht ganz geleert! Du erinnerst dich vielleicht, lieber Wanja, ich hatte ein goldenes Medaillon, ein Souvenir, und darin war ein Bild Nataschas aus ihrer Kinderzeit; acht Jahre war sie damals alt, mein Engelchen. Nikolai Sergejewitsch und ich hatten es von einem durchreisenden Maler machen lassen; du hast das gewiß vergessen, Wanjuscha. Es war ein tüchtiger Künstler; er hatte sie als Amor dargestellt: sie hatte damals so schönes, helles, lockiges Haar; in einem Musselinhemdchen hatte er sie gemalt, so daß das Körperchen durchschimmerte, und sie sah auf dem Bild so hübsch aus, daß ich mich gar nicht daran satt sehen konnte. Ich bat den Maler, ihr auch Flügelchen zu malen, aber das wollte er nicht. Also, lieber Freund, nach unseren damaligen schrecklichen Erlebnissen nahm ich das Medaillon aus der Schatulle heraus und hängte es mir an einem Schnürchen auf die Brust; so trug ich es neben meinem Taufkreuz und fürchtete immer, mein Mann könnte es einmal zu sehen bekommen. Er hatte ja gleich damals befohlen, wir sollten alle ihre Sachen aus dem Haus schaffen oder verbrennen, damit nichts dabliebe, was uns an sie erinnern könnte. Mir aber war es ein Trost, auch nur ihr Bild anzusehen; oft fing ich bei dem Anblick an zu weinen; aber es wurde mir doch leichter ums Herz; und manchmal, wenn ich allein war, konnte ich mich gar nicht satt daran küssen, als ob ich sie selbst küßte; ich gab ihr zärtliche Namen und bekreuzte sie auch jedesmal zur Nacht. Ich redete mit ihr laut, wenn ich allein war, und fragte sie allerlei und stellte mir vor, daß sie mir darauf antwortete, und fragte dann weiter. Ach, Wanjuschka, es macht einen traurig, auch nur davon zu erzählen! Na, ich war nur froh, daß er wenigstens von dem Medaillon nichts wußte und nichts gemerkt hatte; aber auf einmal, gestern früh, war das Medaillon weg, und es hing nur das Schnürchen da; dieses hatte sich jedenfalls durchgescheuert, und da hatte ich das Medaillon verloren. Ich wurde ganz starr vor Schreck. Nun hieß es suchen: ich suchte und suchte – nichts zu finden! Es war verloren und verschwunden! Aber wo konnte ich es verloren haben? ›Wahrscheinlich‹, dachte ich, ›im Bett‹; ich durchwühlte das ganze Bett – nichts da! Wenn es losgerissen und irgendwohin gefallen war, dann hatte es wohl jemand gefunden; aber wer konnte es gefunden haben außer meinem Mann und Matrjona? Na, an Matrjona war überhaupt nicht zu denken; die ist mir mit ganzer Seele ergeben . . . (Matrjona, bringst du nicht bald den Samowar?) ›Na‹, dachte ich, ›wenn er es nun findet, was wird dann geschehen?‹ Ich saß still da und grämte mich und weinte; ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Aber Nikolai Sergejewitsch wurde immer freundlicher und freundlicher gegen mich; er sah mich betrübt an, als ob er wüßte, weshalb ich weinte, und mit mir Mitleid hätte. Da dachte ich bei mir: ›Woher kann er es wissen? Hat er das Medaillon vielleicht wirklich gefunden und aus dem Fenster geworfen? Denn in seinem Zorn ist er dessen fähig; er hat es hinausgeworfen und grämt sich nun selbst; er bereut, daß er es getan hat.‹ Ich ging sogar mit Matrjona hinaus, und wir suchten unter dem Fenster; aber wir fanden nichts. Das Medaillon war wie von der Erde verschwunden. Ich habe die ganze Nacht hindurch geweint. Zum erstenmal konnte ich Natascha nicht zur Nacht bekreuzen. Ach, das bedeutet etwas Schlimmes, das bedeutet etwas Schlimmes, Iwan Petrowitsch, das ist keine gute Vorbedeutung; nun weine ich schon den zweiten Tag, ohne mir je die Augen zu trocknen. Ich habe auf dich gewartet, lieber Freund, wie auf einen Engel Gottes: ich kann mir wenigstens das Herz erleichtern . . .«

Und die alte Frau brach in bittere Tränen aus.

»Ach ja, das habe ich noch vergessen, dich zu fragen,« sagte sie auf einmal, erfreut, daß es ihr noch eingefallen war; »hat er dir etwas von einer Waise gesagt?«

»Ja, Anna Andrejewna, er sagte zu mir, Sie beide wären nach längerem Überlegen übereingekommen, ein armes Waisenmädchen zur Erziehung anzunehmen. Ist das richtig?«

»Ist mir nicht eingefallen, lieber Freund, ist mir nicht eingefallen! Ich will keine Waise haben! Sie würde mich nur an unser trauriges Schicksal, an unser Unglück erinnern. Außer Natascha will ich niemand haben. Sie war unsere einzige Tochter und wird immer unsere einzige Tochter bleiben. Aber was hat das nur zu bedeuten, lieber Freund, daß er auf die Annahme einer Waise verfallen ist? Wie faßt du das auf, Iwan Petrowitsch? Wollte er mich damit trösten, weil er meine Tränen sah, oder wollte er dadurch seine leibliche Tochter ganz aus seinem Gedächtnis vertreiben und seine Zuneigung einem anderen Kind zuwenden? Was hat er dir unterwegs von mir gesagt? Wie ist er dir vorgekommen – finster, zornig? Pst! Er kommt! Sag es mir ein andermal, lieber Freund, ein andermal! . . . Vergiß nicht, morgen herzukommen . . .«

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