Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fjodr Michailowitsch Dostojewski >

Erniedrigte und Beleidigte

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewski
titleErniedrigte und Beleidigte
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1977
firstpub1921
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20170411
projectidf43b867d
Schließen

Navigation:

Elftes Kapitel

Aber kaum hatte ich das nasse, schmutzige Trottoir des Prospektes betreten, als ich mit einem Passanten zusammenstieß, der, anscheinend in tiefen Gedanken, mit gesenktem Kopf eilig dahinging. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich den alten Ichmenew. Dies war für mich ein Abend der unerwarteten Begegnungen. Ich wußte, daß der alte Mann vor drei Tagen ernstlich erkrankt war, und nun traf ich ihn plötzlich bei solchem feuchten Wetter auf der Straße. Zudem war er auch früher abends nie ausgegangen, und seit Natascha das Haus verlassen hatte, das heißt seit beinah einem halben Jahr, war er ein richtiger Stubenhocker geworden. Er freute sich außerordentlich über das Zusammentreffen mit mir, wie jemand, der endlich einen Freund gefunden hat, mit dem er sich aussprechen kann, ergriff meine Hand, drückte sie kräftig und zog mich, ohne zu fragen, wohin ich ginge, mit sich fort. Er war über etwas in Aufregung, hastete und redete abgebrochen. »Wo mag er nur gewesen sein?« dachte ich bei mir. Ihn danach zu fragen wäre unnütz gewesen; er war furchtbar mißtrauisch geworden und witterte manchmal in der harmlosesten Frage oder Bemerkung eine Kränkung, eine beleidigende Anspielung.

Ich blickte ihn von der Seite an: sein Gesicht sah krankhaft aus; er war in der letzten Zeit sehr abgemagert; rasiert hatte er sich seit einer Woche nicht. Sein ganz ergrautes Haar hing unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und lag in langen Strähnen auf dem Kragen seines alten, abgetragenen Mantels. Ich hatte schon früher bemerkt, daß er manchmal wie geistesabwesend war; er vergaß zum Beispiel, daß er nicht allein im Zimmer war, redete mit sich selbst und gestikulierte mit den Händen. Es war peinlich, ihn anzusehen.

»Nun, wie geht's, Wanja, wie geht's?« sagte er. »Wo kommst du her? Ich bin ausgewesen, lieber Freund, in Geschäften. Bist du gesund?«

»Sind Sie selbst gesund?« antwortete ich. »Sie waren ja noch vor kurzem krank, und da gehen Sie aus?«

Der Alte antwortete nicht, als hätte er mich gar nicht verstanden.

»Wie befindet sich Anna Andrejewna?«

»Sie ist gesund, sie ist gesund . . . Übrigens, ein bißchen kränklich ist sie auch. Sie ist so trübsinnig geworden . . . sie hat auch von dir gesprochen, warum du gar nicht zu uns kämest. Aber du warst wohl jetzt gerade auf dem Weg zu uns, Wanja? Oder nicht? Ich habe dich vielleicht gestört und halte dich von etwas ab?« fragte er plötzlich, mich mißtrauisch und argwöhnisch anblickend.

Der alte Mann war dermaßen empfindlich und reizbar geworden, daß, wenn ich ihm jetzt geantwortet hätte, ich sei nicht auf dem Weg zu ihnen, er sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kalt von mir getrennt hätte. Ich beeilte mich, bejahend zu antworten, daß ich gerade vorhätte, Anna Andrejewna zu besuchen, obwohl ich wußte, daß ich dann bei Natascha zu spät kommen und sie vielleicht überhaupt nicht mehr antreffen würde.

»Nun, das ist ja schön«, erwiderte der Alte, durch meine Antwort beruhigt. »Das ist ja schön . . .«

Auf einmal verstummte er und versank in Gedanken, als ob er noch etwas unausgesprochen gelassen hätte.

»Ja, das ist schön!« wiederholte er mechanisch nach etwa fünf Minuten, wie wenn er nach seiner tiefen Versunkenheit wieder zu sich käme. »Hm! . . . Siehst du, Wanja, wir haben dich immer wie einen eigenen Sohn gehalten; Gott hat mich und Anna Andrejewna nicht mit einem Sohn gesegnet . . . da hat er uns dich gesandt, ich habe es immer so aufgefaßt. Und meine Frau auch . . . ja! Und du hast dich gegen uns immer respektvoll und zärtlich benommen wie ein leiblicher, dankbarer Sohn. Möge dich Gott dafür segnen, Wanja, so wie wir beiden alten Leute dich segnen und lieben . . . ja!«

Seine Stimme fing an zu zittern, er machte eine kleine Pause.

»Ja . . . nun aber, wie geht es dir? Du bist doch nicht krank gewesen? Weil du so lange nicht bei uns warst.«

Ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Smith, sagte zu meiner Entschuldigung, diese Angelegenheit habe mich am Kommen gehindert; außerdem sei ich wirklich beinah krank gewesen und hätte wegen all dieser Abhaltungen den weiten Weg nach der Wassili-Insel (da wohnten sie damals) nicht machen können. Ich hätte mich beinah versprochen und gesagt, daß ich trotzdem auch in dieser Zeit die Möglichkeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen; aber ich unterdrückte dies noch rechtzeitig.

Die Geschichte von Smith interessierte den alten Mann sehr. Er wurde aufmerksamer. Als er hörte, daß meine neue Wohnung feucht und noch schlechter als die frühere sei und sechs Rubel monatlich koste, wurde er ordentlich hitzig. Er war überhaupt in der letzten Zeit sehr heftig und ungeduldig geworden. Nur Anna Andrejewna verstand es noch, in solchen Augenblicken mit ihm zurechtzukommen, und auch ihr gelang es nicht immer.

»Hm! . . . Das kommt alles von deiner Schriftstellerei, Wanja!« rief er fast zornig. »Die hat dich in die Dachstube gebracht und wird dich noch auf den Kirchhof bringen! Ich habe es dir schon damals gesagt und dich gewarnt! . . . Was macht denn B.? Schreibt er immer noch Kritiken?«

»Der ist ja schon gestorben, an der Schwindsucht. Ich glaube, ich habe es Ihnen schon gesagt.«

»Gestorben, hm! . . . gestorben! Anders konnte es auch nicht kommen. Hat er denn seiner Frau und seinen Kindern etwas hinterlassen? Du sagtest ja wohl, er sei verheiratet, nicht? . . . Wozu solche Leute nur heiraten!«

»Nein, er hat nichts hinterlassen«, antwortete ich.

»Na, da haben wir's!« rief er mit solcher Erregung, wie wenn die Sache ihn als nahen Verwandten anginge, wie wenn der verstorbene B. sein leiblicher Bruder gewesen wäre. »Nichts! Gar nichts! Weißt du, Wanja, ich habe das schon vorhergeahnt, daß es so mit ihm enden werde, schon damals, du erinnerst dich, als du ihn mir so lobtest. Das spricht sich so leicht hin: er hat nichts hinterlassen! Hm! . . . Ruhm hat er sich ja erworben, meinetwegen sogar unsterblichen Ruhm; aber vom Ruhm wird man nicht satt. Und auch was dich betrifft, Wanjuscha, so habe ich schon damals alles vorausgesehen; ich habe dich gelobt, aber im stillen habe ich alles vorausgesehen. Also B. ist gestorben? Wie sollte einer da auch nicht sterben? Ein unerfreuliches Dasein und . . . ein unerfreulicher Wohnort; da sieh!«

Und mit einer schnellen, unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige, sich vor uns hinziehende Straße, die die aus dem feuchten Dunst hervorschimmernden Laternen nur schwach beleuchteten, auf die schmutzigen Häuser, auf die von Nässe glänzenden Trottoirplatten, auf die mürrischen, ärgerlichen, durchnäßten Passanten, auf dieses ganze Bild, über welchem sich die schwarze, wie mit Kienruß überzogene Kuppel des Petersburger Himmels wölbte. Wir waren nun schon auf den Marienplatz gelangt; vor uns ragte in der Dunkelheit, von unten her durch die Gasflammen erhellt, das Denkmal des Zaren Nikolaus auf, und noch weiter hin erhob sich die finstere, gewaltige Masse der Isaakskathedrale, die sich nur undeutlich von der dunklen Farbe des Himmels abhob.

»Du hast gesagt, Wanja, er wäre ein guter, edeldenkender, sympathischer Mensch, ein Mensch mit Herz und Gemüt. Na, es ist alles dieselbe Sorte, deine sympathischen Menschen mit Herz und Gemüt! Sie verstehen weiter nichts, als die Zahl der armen Waisen zu vermehren! Hm! . . . Und auch das Sterben, meine ich, wird ihm nicht vergnüglich gewesen sein! Ja, ja! Er hätte von hier wegfahren sollen, irgendwohin, und wenn's nach Sibirien gewesen wäre! . . . Was willst du, Kind?« fragte er auf einmal, als er auf dem Trottoir ein kleines Mädchen sah, das um ein Almosen bat.

Es war ein kümmerliches, mageres Wesen, nicht älter als sieben oder acht Jahre, in schmutzige Lumpen gekleidet; die kleinen Füße steckten ohne Strümpfe in zerrissenen Schuhen. Sie suchte ihr vor Kälte zitterndes Körperchen mit einem alten kurzen Mäntelchen zu schützen, aus dem sie schon längst herausgewachsen war. Ihr hageres, blasses, kränkliches Gesichtchen war uns zugewendet; schüchtern und schweigend, mit einer Art von ergebungsvoller Furcht vor einem abschlägigen Bescheid, streckte sie uns ihr zitterndes Händchen hin. Der Alte fing bei ihrem Anblick am ganzen Leib ordentlich zu zittern an und wendete sich so schnell zu ihr hin, daß er sie sogar erschreckte. Sie fuhr zusammen und schwankte vor ihm zurück.

»Was willst du, Kind? Was willst du?« rief er. »Eine Gabe? Ja? Da hast du etwas, da . . . Nimm, da!«

Hastig und vor Aufregung zitternd, suchte er in seiner Tasche umher und zog zwei oder drei Silbermünzen heraus. Aber das kam ihm noch zuwenig vor; er holte sein Portemonnaie hervor, entnahm ihm einen Rubelschein (alles, was darin war) und legte das Geld in die Hand der kleinen Bettlerin.

»Christus behüte dich, du mein liebes kleines Kind! Gottes Engel mögen um dich sein!«

Er bekreuzte das arme Kind mehrmals mit zitternder Hand; plötzlich aber, als er bemerkte, daß ich ihm zusah, machte er ein finsteres Gesicht und ging mit schnellen Schritten weiter.

»Siehst du, Wanja, ich kann das gar nicht mit ansehen«, begann er, nachdem er ziemlich lange ärgerlich geschwiegen hatte, »wie diese kleinen, unschuldigen Wesen vor Kälte auf der Straße zittern . . . um ihrer verfluchten Mütter und Väter willen. Aber freilich, welche Mutter wird auch ein Kind bei solchem Wetter hinausschicken, wenn sie nicht selbst unglücklich ist! . . . Gewiß hat sie da in ihrem elenden Kämmerchen noch andere vaterlose Waisen sitzen, und dies ist die älteste; sie selbst, die Mutter, ist krank; und . . . hm! Es sind keine Fürstenkinder! Es gibt auf der Welt viele Kinder, Wanja, die keine Fürstenkinder sind! Hm!«

Er schwieg eine Weile, wie wenn es ihm Schwierigkeiten machte, das, was er noch sagen wollte, auszusprechen.

»Siehst du, Wanja«, begann er dann etwas verwirrt und stockend, »ich habe meiner Frau versprochen, das heißt, ich bin mit Anna Andrejewna übereingekommen, ein Waisenmädchen zur Erziehung anzunehmen, ein armes Kind, ein kleines Kind, ins Haus, ganz und gar; du verstehst? Sonst ist es uns alten Leuten doch gar zu langweilig, so allein, hm! . . . Aber, siehst du, Anna Andrejewna ist dagegen. Also rede du mit ihr darüber, weißt du, nicht so, als ob ich dich dazu veranlaßt hätte, sondern als ob du es von selbst tätest . . . überrede sie dazu . . . verstehst du? Ich wollte dich schon längst darum bitten . . . daß du sie überreden möchtest einzuwilligen; sie selbst darum so sehr zu bitten behagt mir nicht recht . . . was soll man über solche Lappalien viel reden! Was habe ich von so einem kleinen Mädchen? Ich bedarf ihrer nicht; es ist nur so zur Erheiterung . . . damit man eine Kinderstimme hört . . . übrigens möchte ich es eigentlich nur um meiner Frau willen tun; es wird ihr vergnüglicher sein, als immer nur so mit mir allein zu sitzen. Aber das ist alles nur dummes Zeug! Weißt du, Wanja, auf die Art wird es lange dauern, bis wir hinkommen; wir wollen eine Droschke nehmen; es ist zu weit zum Gehen, und Anna Andrejewna wartet gewiß schon ungeduldig auf uns . . .«

Es war halb acht, als wir zu Anna Andrejewna kamen.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.