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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel VI

»Jüngling, dein Blut ist, fürcht' ich, rosenrot,
Dein Herz ist weich.«

D'AGUILAR, Fiesco, III, 1

Da Erziehung nicht nur auf Lesen und Schreiben beruht, so nahm Alice, während sie in diesen elementaren Fertigkeiten immer noch zurück war, einige von deren reifsten Ergebnissen vorweg in ihrem Verkehr mit Maltravers. Bevor die Impfung Wirkung zeigte, gewann sie Einsichten auf natürlichem Wege. Denn die Veredelung eines reizenden Verstandes und eines fröhlichen Auftretens wirkt sehr ansteckend. Und Maltravers wurde ermutigt durch ihren schnellen Fortschritt in der Musik, solche Unterweisungen auch auf andere Studien anzuwenden, soweit dies im Rahmen eines Gesprächs zu leisten war. Dies ist eine bessere Schule, als Eltern und Lehrer glauben: Es gab eine Zeit, als jede Information mündlich erfolgte; und wahrscheinlich lernten die Athener mehr dabei, Aristoteles zuzuhören, als wenn wir ihn lesen. Es war ein köstliches Wiederaufleben der Akademie – auf den Spaziergängen oder neben den rustikalen Säulen dieses kleinen Landhauses – der romantische Philosoph und die schöne Schülerin! Und sein Vortrag besaß für einen Zuhörer viel von einem Weisen der frühen Welt mit dessen Sehnsucht und Ernst eines Wilden: er sprach von den Sternen und ihrem Lauf – von Tieren, Vögeln, Fischen, Pflanzen und Blumen – von der Natur als einer großen Familie – von der Gnade und Macht Gottes; – von der geheimnisvollen Seelengeschichte des Menschen.

Entzückt von ihrer Aufmerksamkeit und Gelehrigkeit wechselte Maltravers nach einiger Zeit vom überlieferten Wissen zur Poesie; er zitierte die einfachsten und natürlichsten Stellen, an die er sich bei seinen Lieblingsdichtern erinnern konnte; er dichtete selbst Verse, die er kunstvoll an ihr Verständnis anpasste; letztere mochte sie am liebsten und lernte sie am leichtesten. Niemals erhielt ein Dichter eine anmutigere Inspiration, und niemals löste sich diese unharmonische Welt selbstzufriedener zu sanften Träumen, gleichsam wie ein Noviziat, das, um es seinen Opfern erträglich zu machen, rasch ins freudlose Priestertum überführt wird.

Und Alice hatte sich jetzt ruhig und unempfindlich ihre eigenen Nebenbeschäftigungen erkämpft – als Inhalt ihres Dienstverhältnisses. Die Pflanzen im Wintergarten waren in ihre Betreuung gewechselt, und niemand sonst hatte das Recht, Maltravers' Bücher zu berühren oder den heiligen Wust seiner Studentenwohnung zu ordnen. Wenn er morgens herunterkam oder von seinen Wanderungen zurückkehrte, war alles bereits wie von Zauberhand genauso gerichtet, wie er es wünschte; die Blumen, die er am meisten liebte, standen frisch gepflückt auf dem Tisch; die besondere Position des großen Sessels, genau in jener Ecke am Feuer, von wo aus, wenn Maltravers unter's Dach getreten war, jener seine gastfreundlichen Arme mit der herzlichsten Miene des Willkommens öffnete, – ließ den obwaltenden Genius einer Frau erkennen; und dann kam, genau wenn die Uhr acht schlug, Alice herein, so hübsch, lächelnd und fröhlich blickend, dass es kein Wunder war, wenn die zunächst nur auf eine Stunde zugemessene Zeit sich zu drei Stunden ausdehnte.

War Alice in Maltravers verliebt? – Sie stellte sicherlich nicht die einschlägigen Symptome auf gewöhnlichem Weg zur Schau – sie verhielt sich nicht reservierter, fahrig oder furchtsam – kein Wurm war in der Knospe ihrer seidenweichen Wange: nein, jedoch war sie von Beginn an ziemlich mutig gewesen; sie wurde nun jeden Tag freier, vertraulicher und entspannter; tatsächlich argwöhnte sie niemals auch nur für einen Moment, dass sie sich anders verhalten solle; sie besaß nicht die konventionelle empfindliche Scheu von Mädchen, die, gleichgültig welchen Standes, gelehrt wurden, dass es Geheimnisse und Gefahren in der Liebe gebe; sie hatte eine unklare Vorstellung von Mädchen, die auf Abwege geraten, aber sie wusste nicht, dass Liebe damit irgendetwas zu tun hatte; ganz im Gegenteil hatte es für sie, eingedenk ihres Vater, einen Bezug zum Geld, nicht zur Liebe; alles, was sie fühlte, war so natürlich und so ganz ohne Arg. Konnte sie etwas dafür, wenn es sie so beglückte, ihm zuzuhören, und so grämte, ihn etwa zu verlassen? Was sie da fühlte, gab sie zum Ausdruck, nicht weniger schlicht und nicht weniger arglos: solche Aufrichtigkeit machte ihn manchmal vollständig blind und führte ihn in die Irre. Nein, sie konnte nicht verliebt sein, oder sie konnte nicht so freimütig zugeben, dass sie ihn liebte – es war ein schwesterliches und dankbares Gefühl.

»Das liebe Mädchen – und ich freue mich darüber«, sagte er zu sich selbst, »ich wusste, es würde keine Gefahr geben.«

War er nicht selbst verliebt? – Der Leser muss entscheiden.

   

»Alice«, sagte Maltravers eines Abends nach einer langen Pause des Nachdenkens und der Zerstreutheit, während sie, dessen unbewusst, ihre letzte Lektion auf dem Klavier übte – »Alice, – nein, dreh dich nicht um – bleib sitzen, aber hör mir zu. Wir können in dieser Weise nicht dauernd weiterleben.«

Alice reagierte sofort mit Ungehorsam – sie wendete sich um, und ihre großen blauen Augen richteten sich auf seine mit so viel Angst und Schrecken, dass ihm keine Mittel blieb als aufzustehen und nach seiner Meerschaumpfeife Ausschau zu halten. Aber Alice, die instinktiv seine geringsten Wünsche ahnte, brachte sie ihm, während er immer noch in entlegenen Ecken des Raumes suchte, an Orten, wo sie gewiss nicht sein konnte. Da war sie, bereits gefüllt mit duftendem Salonica und der golden funkelnden Pastille, welche, nicht gerade gesund, das verführerische Kraut mit Düften verdirbt, die das abscheuliche Mäkeln der Peniblen beschwichtigen soll – denn Maltravers war auch in seinen schlimmsten Gewohnheiten ein Epikuräer; – da war sie, sage ich, in dieser hübschen Hand, die er berühren musste, wenn er sie nahm; und während er das Kraut entzündete, musste er wiederum errötend vor diesen großen blauen Augen ein wenig zurückbeben.

»Danke, Alice«, sagte er, »danke. Setz dich dorthin – nicht in den Tabakrauch. Ich werde das Fenster öffnen, die Nacht ist so angenehm.«

Er öffnete den von Schlingpflanzen überwachsenen Fensterflügel, und das Mondlicht lag atemberaubend schön auf dem ruhigen Rasen. Die heilige Stille der Nacht beruhigte und erhob seine Gedanken; er hatte sich aus dem Bannkreis von Alice' Augen entfernt und machte weiter mit sicherer, jedoch leiser Stimme:

»Meine liebe Alice, wir können in dieser Weise nicht dauernd zusammen weiterleben; du bist nun klug genug, um mich zu verstehen, also höre geduldig zu. Eine junge Frau braucht nie ein Vermögen, so lange sie einen guten Charakter hat; sie ist immer arm und verachtet ohne ihn. Nun geht ein guter Charakter in dieser Welt ebenso durch Leichtsinn verloren wie durch Schuld. Und wolltest du mit mir weiter leben, wäre es leichtsinnig, und dein Charakter würde so sehr leiden, dass du nicht mehr fähig wärest, deinen eigenen Weg in der Welt zu gehen. Weit davon entfernt, dir einen Dienst zu leisten, hätte ich dir dann ein tödliches Unrecht zugefügt, das ich nicht wiedergutmachen könnte: möge außerdem der Himmel wissen, was schlimmer ist als Leichtsinn. Denn ich muss leider sagen«, fügte Maltravers mit großem Ernst hinzu, »das du viel zu hübsch bist und zu bezaubernd für – für … kurz: es geht nicht. Ich muss nach Hause; meine Freunde haben ein Recht, sich über mich zu beklagen, falls ich weiterhin viele Wochen für sie verloren bin. Und du, meine liebe Alice, bist nun hinreichend fortgeschritten, um eine bessere Unterweisung zu erhalten, als ich oder Mr. Simcox sie dir geben können. Ich schlage daher vor, dir einen Platz in einer angesehenen Familie zu verschaffen, wo du mehr Komfort und eine bessere Unterbringung haben wirst als hier. Du kannst deine Erziehung zu Ende führen, und anstatt unterrichtet zu werden, wirst du selbst andere unterrichten können. Mit deiner Schönheit, Alice« (und Maltravers seufzte), »deinen natürlichen Gaben und deinem liebenswerten Gemüt brauchst du nur gut zu handeln und kannst schließlich klug einen Ehemann und ein glückliches Heim erwerben. Hast du mir zugehört, Alice? Das ist der Plan, den ich mir für dich zurechtgelegt habe.«

Der junge Mann dachte, wie er sprach, mit echter Freundlichkeit und hohem Ehrgefühl; es war ein schmerzlicheres Opfer, als der Leser vielleicht glauben mag. Jedoch Maltravers besaß vielleicht ein leidenschaftliches, aber kein selbstsüchtiges Herz. Und er spürte, um seine mehr emphatische als eloquente Ausdrucksweise zu benutzen, dass »es nicht ging«, länger mit diesem schönen Mädchen allein zu leben wie die beiden Kinder, welche die gute Fee vor der sündigen Welt im Rosenpavillon sicher verwahrte.

Doch Alice begriff weder die Gefahr für sie selbst noch die Versuchungen, denen Maltravers, falls er nicht widerstehen könnte, aus dem Weg gehen wollte. Sie erhob sich bleich und zitternd – näherte sich Maltravers und legte ihre Hand sanft auf seinen Arm.

»Ich werde weggehen, wenn Sie es wünschen und wohin Sie wollen – je eher, umso besser – morgen – ja morgen; Sie schämen sich für die arme Alice; und es war sehr albern von mir, so glücklich zu sein.« Sie kämpfte eine Weile mit ihren Gefühlen und fuhr dann fort: »Wissen Sie, der Himmel kann mich hören, auch wenn ich entfernt von Ihnen bin, und wenn ich mehr weiß, kann ich besser beten; der Himmel möge Sie segnen, Sir, und Sie glücklich machen, denn ich kann nie für etwas anderes beten.«

Mit diesen Worten wandte sie sich ab und schritt stolz zur Tür. Aber als sie die Schwelle erreichte, hielt sie an und blickte um sich, wie um ein letztes Lebewohl mitzunehmen. Alle mit diesem geliebten Ort verbundenen Gedanken überwältigten sie – sie rang nach Luft, – schwankte, – und fiel besinnungslos zu Boden.

Maltravers war schon an ihrer Seite; er nahm die Leichtgewichtige auf seine Arme; wild erregt rief er: »Alice, geliebte Alice – vergib mir; wir werden uns niemals trennen!« Er rieb ihre Hände, während ihr Kopf an seiner Brust lag, und küsste wieder und wieder diese schönen Augen, bis sie sich langsam zu ihm öffneten und die zarten Arme ihn willenlos fest umschlangen.

»Alice«, flüsterte er – »Alice, liebe Alice, ich liebe dich.« Ach, so war es: er liebte – und vergaß alles außer dieser Liebe. Er war achtzehn.

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