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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel V

»Das Denken sollte ihr Paradies zerstören.«

GRAY.

Maltravers fand in Alice eine so gelehrige Schülerin, wie jeder vernünftige Lehrer sie sich gewünscht hätte. Aber dennoch: Lesen und Schreiben, das sind sehr uninteressante Gegenstände! Hätte eine Grundlage bestanden, es wäre eine Lust gewesen, den schönen Tempel des Wissens zu erbauen; aber das Fundament zur errichten und den Keller zu bauen ist mühselige Arbeit. Vielleicht empfand er das so; denn nach wenigen Tagen wurde Alice dem ältesten und hässlichsten Schreiblehrer überantwortet, den die benachbarte Stadt aufwies. Das arme Mädchen weinte zuerst viel über diesen Wechsel, aber die ernsten Verweisungen und feierlichen Ermahnungen besänftigten sie am Ende, und sie versprach, hart zu arbeiten und den Lektionen ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich bin freilich nicht sicher, ob es die langweilige Arbeit war, die den Idealisten abschreckte – vielleicht spürte er ihre Gefahr – es war ein kräftiges, großzügiges und edles Herz, aus dem solche blühenden Träume und brillanten Verrücktheiten aufstiegen. Er liebte das Vergnügen und war schon der Liebling der gefühlvollen deutschen Damen gewesen. Aber er war auch zu jung und zu lebhaft, und zu romantisch, um ihn sinnlich nennen zu können. Er konnte ein hübsches Gesicht, ein argloses Lächeln und das gesamte unbeschreibliche Ebenmaß einer weiblichen Gestalt nicht mit den Augen eines Menschen anschauen, der Vieh für niedere Zwecke kauft … Er verliebte sich sehr rasch, oder bildete sich dies doch immerhin ein, das ist wahr – aber dann konnte er weder Verlangen von Einbildung trennen noch die Leidenschaft nur als Spiel treiben, ohne Herz oder Fantasie hineinzubringen. Obwohl Alice sehr hübsch und bezaubernd war, hatte er sich noch nicht in sie verliebt und er hegte auch keine Absicht dazu.

Der Abend wurde ihm ein wenig lang, als Alice zum ersten Mal ihre gewöhnliche Lektion unterbrach; aber Maltravers besaß reiche Quellen in sich selbst. Er legte Shakespeare und Schiller auf den Tisch und entzündete seine deutsche Meeschaumpfeife – er las, bis die Inspiration ihn beflügelte, und dann schrieb er – und nachdem er einige Strophen gedichtet hatte, war er nicht zufrieden, bis er sie in Musik gesetzt und sie selbst zu singen versucht hatte. Denn er besaß die ganze Leidenschaft eines Deutschen für das Lied und die Musik – dieser unbändige Maltravers! – und seine Stimme war klangvoll, sein Geschmack vollkommen ausgebildet, sein Wissen gründlich. Wie die Sonne einen Stern überstrahlt, so verdrängte die lodernde Glut seiner mächtig angefachten Fantasie für eine Weile die holde Schwärmerei für seine schöne Schülerin.

Es war spät in der Nacht, als Maltravers zu Bett ging – und als er den engen Korridor zu seiner Kammer durchschritten hatte, hörte er einen leisen eiligen Schritt vor sich und sah flüchtig eine weibliche Gestalt durch eine entfernte Tür entweichen. »Das törichte Kind«, dachte er, alsbald den Grund erahnend, »sie hat mich singen gehört. Ich werde mit ihr schimpfen.« Aber er vergaß diesen Vorsatz.

   

Viele Tag vergingen, und Maltravers sah nur wenig von der Schülerin, um derentwillen er sich selbst in einem Landhaus im tiefen Winter eingesperrt hatte. Noch bereute er sein Vorhaben nicht und war auch nicht im Mindesten seiner Abgeschiedenheit müde – er wollte Alice' Fortschritt nicht kontrollieren, weil er gewiss unzufrieden sein würde mit dessen Langsamkeit – auch die Hübscheste kann nicht an einem Tag Lesen und Schreiben lernen. Aber nichtsdestoweniger hatte er sein Vergnügen. Er war froh über die Gelegenheit, allein mit seinen eigenen Gedanken zu sein; er befand sich nämlich in einem jener wiederkehrenden Lebensabschnitte, in denen man einzuhalten und eine Weile zu verschnaufen liebt, um kurz die planvolle Hast zu unterbrechen, mit der wir zu Grabe eilen. Er wünschte sich auf den Vorrat früheren Erlebens zu besinnen und aus seiner Seele Ruhe zu schöpfen, bevor er frisch ins aktive Leben eintrat.

Das Wetter war kalt und unbarmherzig; aber Maltravers war ein abgehärteter Naturliebhaber, und weder Schnee noch Frost konnte ihn von täglichen Streifzügen abhalten. So warf er mittags regelmäßig Bücher und Papier beiseite, nahm Hut und Stock und ging, seine Lieblingsmelodien pfeifend oder summend, durch die eintönigen Straßen, die trüben Gewässer entlang oder durch den entlaubten Wald, je nach seiner Stimmung.; denn er war kein Edwin oder Harold, der sein Sinnen nur auf einsame Bäche und idyllische Hügel beschränkte. Maltravers erfreute sich an der Naturbetrachtung bei Menschen ebenso wie bei Schafen oder Bäumen. Die bescheidenste Gasse in einer überfüllten Stadt hatte etwas Poetisches für ihn; er war stets bereit sich unter die Menge zu mischen, wenn sie sich auch nur um eine Drehorgel oder einen Hundekampf versammelte, und allem zu lauschen, was gesagt wurde, und alles zu beachten, was man tat.

Dies scheint mir das wahre poetische Temperament; es ist grundlegend für jeden Künstler, der mehr sein will als nur Bühnenbildner. Aber zu alledem war er höchst interessiert an jeder Äußerung menschlicher Leidenschaften oder Vorlieben; er sah gerne die wahren Farben des Herzens, wo sie am durchsichtigsten sind – bei den Ungebildeten und Armen – denn er war ein Optimist und besaß inniges Vertrauen in die Herrlichkeit unserer Natur. Vielleicht verdankte er tatsächlich vieles von der Erfassung und Beherrschung der Rolle, die er späterhin zu spielen bestimmt war, seiner Unfähigkeit zu glauben, dass jede Schlechtigkeit so finster sei, dass sie nie und nimmer Licht empfangen könne.

Doch Maltravers hatte auch Anfälle von Ungeselligkeit, und dann erquickte ihn nichts als die abgelegensten Schauplätze. Winter oder Sommer, unfruchtbare Wüste oder üppiges Grün – alles besaß Schönheit in seinen Augen; denn ihre Schönheit lag in seiner eigenen Seele, durch die er sie gewahrte. Von diesen Gängen kehrte er gewöhnlich im Halbdunkel heim, nahm eine einfache Mahlzeit und verbrachte die langen Abende dichtend und lesend; Musik wechselte mit den Träumereien eines jungen Mannes, der sich ein unbeschwertes Leben leisten konnte. Glücklicher Maltravers! – Jugend und Begabung gewähren einen Luxus, den all die Rothschilds nicht erwerben können! Und doch bist du ehrgeizig, Maltravers! – Das Leben geht dir zu langsam! Du möchtest das Räderwerk der Zeit antreiben! – Tor – brillanter Tor! Du bist achtzehn und ein Dichter! – Was verlangst du noch? – Bitte die Zeit, für immer stehen zu bleiben!

   

Eines Morgens erhob sich Ernest früher als gewöhnlich und schlenderte sorglos durch den Wintergarten, der sich an sein Wohnzimmer anschloss; er betrachtete die Pflanzen mit friedlicher Neugierde (denn er war nicht nur ein wenig Botaniker, er hatte eine eigentümliche, schwärmerische Auffassung vom Leben der Pflanzen und erkannte in ihnen unzählige Geheimnisse, welche die Pflanzenkunde uns nicht lehrt), als er eine leise und sehr musikalische Stimme in geringer Entfernung singen hörte. Er lauschte und erkannte überrascht seine eigenen Worte wieder, die er zuletzt in Musik gesetzt hatte, und war nun vollauf zufrieden mit seinem nächtlichen Gesang.

Als das Lied zu Ende war, schlich Maltravers leise durch den Wintergarten, und als er die in den Garten führende Tür öffnete, sah er am offenen Fenster eines kleinen Raumes, der Alice zugeteilt war und aus dem Gebäude in der fantasievollen Unregelmäßigkeit hervorsprang, wie sie dekorativen Landhäusern zu eigen ist, die Gestalt seiner abgelegten Schülerin. Sie beobachtete ihn nicht, und er musste sie zweimal bei ihrem Namen anrufen, bevor sie aus ihrer nachdenklichen und melancholischen Haltung auffuhr.

»Alice«, sagte er sanft, »setz deine Haube auf und komm mit mir in den Garten: du wirkst bleich, Kind; die frische Luft wird dir gut tun.«

Alice verfärbte sich und lächelte und war in wenigen Augenblicken an seiner Seite. Maltravers war inzwischen hinein gegangen und hatte seine Meerschaumpfeife angezündet, denn sie regte ihn immer sehr an, wenn seine Gedanken verworren waren oder ihm deren gewöhnlicher Fluss abging, und das war nun der Fall. Mit diesem vertrauenswürdigen Verbündeten erwartete er Alice auf dem kleinen Weg, der im Kreis mitten durch Büsche und Immergrün um den Rasen lief.

»Alice«, sagte er nach einer Pause, hielt aber kurz inne.

Alice schaute ernst und respektvoll zu ihm auf.

»Pah!« sagte Maltravers. »Vielleicht missfällt dir der Rauch. Es ist eine schlechte Angewohnheit von mir.«

»Nein, Sir«, antwortete Alice, und sie schien enttäuscht. Maltravers blieb stehen und pflückte ein Schneeglöckchen.

»Es ist hübsch«, sagte er. »Magst du Blumen?«

»Oh, sehr«, gab sie mit einiger Begeisterung zurück. »Ich sah kaum welche, seit ich hierher kam.«

»Nun, dann kann ich weiter gehen«, dachte Maltravers, warum, kann ich nicht sagen, denn ich kenne nicht das sequitur; jedoch ging er weiter in medias res . »Alice, du singst allerliebst.«

»Ah! Sir, Sie – Sie …«. Sie brach unvermittelt ab und zitterte sichtbar.

»Ja, ich habe dich gehört, Alice.«

»Und sind Sie böse?«

»Ich! – Gott behüte! Es ist ein Talent – aber du weißt nicht, was das ist; ich meine, es ist großartig, ein Gehör zu haben, und eine Stimme und ein Herz für Musik; und du hast all das.«

Er unterbrach sich, denn er spürte, wie seine Hand berührt wurde; Alice umschloss und küsste sie plötzlich. Maltravers erzitterte durch und durch; aber etwas im Blick des Mädchens zeigte, dass sie gänzlich im Unklaren war, eine unmädchenhafte oder dreiste Handlung begangen zu haben.

»Ich hatte solche Angst, Sie würden böse sein«, sagte sie, ihre Augen wischend, nachdem sie seine Hand losgelassen hatte, »und nun nehme ich an, Sie wissen alles.«

»Alles!«

»Ja, wie ich Ihnen jeden Abend zuhörte und die ganze Nacht wach lag mit der Musik in meinen Ohren, bis ich versuchte, sie selbst anzugehen; und so wagte ich schließlich laut zu singen. Ich mag das viel lieber als Lesen lernen.«

Alles das war erfreulich für Maltravers: das Mädchen hatte einen seiner wunden Punkte berührt; dennoch blieb er still. Alice fuhr fort:

»Und jetzt hoffe ich, Sir, dass ich kommen und draußen vor der Tür sitzen und Ihnen zuhören darf; ich werde kein Geräusch machen – ich werde ganz leise sein.«

»Was? Auf diesem kalten Flur, in diesen bitterkalten Nächten?«

»Ich bin Kälte gewöhnt, Sir. Vater wollte nicht, dass ich Feuer machte, wenn er nicht daheim war.«

»Nein, Alice, aber du sollst ins Zimmer kommen, wenn ich spiele, und ich werde dir ein oder zwei Lektionen geben. Ich freue mich, dass du ein so gutes Gehör hast; es mag für dich ein Mittel sein, deinen eigenen ehrlichen Unterhalt zu verdienen, wenn du mich verlässt.«

»Wenn ich – aber ich habe gar nicht vor, Sie zu verlassen, Sir!« sagte Alice, zuerst schüchtern, dann ruhig.

Maltravers nahm Zuflucht zur Meerschaumpfeife.

Glücklicherweise vielleicht gesellte sich gerade jetzt Mr. Simcox zu ihnen, der alte Schreiblehrer. Alice ging hinein, um ihre Bücher zu holen; Maltravers aber legte seine Hand auf die Schulter des Lehrers.

»Sie haben hoffentlich eine aufgeweckte Schülerin, Sir?« sagte er.

»Oh ja, sehr, Mr. Butler. Sie kommt glänzend voran. Sie übt viel, wenn ich fort bin, und ich gebe mir alle Mühe.«

»Und«, fragte Maltravers in ernstem Ton, »haben Sie Fortschritte dabei erzielt, dem Geist des armen Kindes etwas von diesen mehr geistlichen Kenntnissen einzuflößen, von denen ich zu Ihnen bei unserem ersten Treffen sprach?«

»Genau, Sir, sie war in der Tat eine richtige Heidin – fast eine Mohammedanerin, könnte man sagen; aber es ist schon etwas besser jetzt.«

»Was haben Sie sie gelehrt?«

»Dass Gott sie geschaffen hat.«

»Das ist ein großer Schritt.«

»Und dass Er gute Mädchen liebt und über sie wachen wird.«

»Bravo! Sie schlagen Plato.«

»Nein, Sir, ich schlage nie jemanden, außer den kleinen Jack Turner, aber der ist ein Strohkopf.«

»Pah! Was lehren Sie sie sonst?«

»Dass der Teufel mit bösen Mädchen wegläuft und …«

»Schluss damit, Mr. Simcox. Vergessen Sie den Teufel für eine Weile. Lassen Sie sie erst lernen, Gutes zu tun, dass Gott sie liebt; das Übrige kommt danach. Ich möchte die Menschen lieber durch ihre besten Gefühle gläubig machen als durch ihre schlechtesten, – lieber durch ihre Dankbarkeit und ihre Zuneigung als durch ihre Ängste und die Abwägung von Risiko und Strafe.«

Mr. Simcox erstarrte.

»Spricht sie ihre Gebete?«

»Ich habe sie ein kurzes gelehrt.«

»Hat sie es sogleich gelernt?«

»Gott sei Dank, ja! Als ich ihr sagte, sie solle zu Gott beten, um ihren Wohltäter zu segnen, gab sie keine Ruhe, bis ich ein Gebet aus unserem Sonntagsschulbuch aufsagte, und sie konnte es mit einem Mal auswendig.«

»Genug, Mr. Simcox. Ich will Sie nicht länger aufhalten.«

Sein unberührtes Frühstück vergessend, fuhr Maltravers mit seiner Meerschaumpfeife und seinen Betrachtungen fort: er ruhte nicht, bis er sich selbst überzeugt hatte, dass er lediglich seine Pflicht Alice gegenüber tat, indem er sie lehrte, ihr reizvolles Talent zu kultivieren, das sie augenscheinlich besaß und durch das sie ihre eigene Unabhängigkeit sicherstellen könnte. Er bildete sich ein, dass er sich auf diese Art befreien würde von einer Belastung und Verantwortung, die ihn oft verwirrte. Alice würde ihn verlassen und könnte der Welt nun mit einem ehrenwerten Beruf entgegentreten. Es war eine ausgezeichnete Idee. »Aber es lauert Gefahr«, flüsterte Bewusstsein. »Ja«, antworteten Philosophie und Stolz, jene weisen Gelackmeierten, die sich immer mit so feierlicher Miene hereinlegen lassen. »Aber was ist Tugend ohne Versuchung?«

Und nun schwebte jeden Abend, wenn die Fenster geschlossen waren und der Kamin sauber brannte, während die Winde stürmten und der Regen draußen klopfte, eine geschmeidige und liebliche Gestalt um die Kammer des Studenten; und seine wilden Lieder wurden gesungen von einer Stimme, welche die Natur sogar wohlklingender als seine eigene gemacht hatte.

Alice' Gabe für Musik war tatsächlich überraschend; begeistert und rasch, wie er selbst war in allem, was er unternahm, staunte Maltravers über ihren zügigen Fortschritt. Bald lehrte er sie, nach dem Gehör zu spielen; und Maltravers konnte nicht umhin zu bemerken, dass ihre Hand, immer schon fein von Wuchs, ihre von der Arbeit derbe Farbe und ihre Grobheit verloren hatte. Er dachte an diese hübsche Hand viel öfter, als er hätte tun sollen, und führte sie über die Tasten, während sie ihren Weg sehr gut ohne ihn gefunden hätte.

Beim Eintreffen im Landhaus hatte er die alte Dienstmagd angewiesen, passende und anständige Kleidung für Alice bereitzuhalten; aber als sie nun »mit dem Gentleman sitzen« durfte, hatte die Alte, ohne auf neue Befehle zu warten, die Idee, der »hübschen jungen Frau« Gewänder zu kaufen, die gewiss immer noch schlicht waren, aber aus besseren Stoffen und weniger bäurisch; und Alice' überbordende Haarpracht wurde nun sorgfältig in ordentliche, glänzende Locken gelegt, und sogar ihre Form war nicht mehr dieselbe; Glück und Gesundheit blühte auf ihren flaumigen Wangen und lächelte von ihren taufrischen Lippen, die sich nie ganz schlossen über den schneeweißen Zähnen, außer wenn sie traurig war – aber das schien nie der Fall zu sein, da sie nicht von Maltravers verbannt worden war.

Ganz abgesehen von der ungewöhnlichen Anmut und Zartheit von Alice' Gestalt und Aussehen, gibt es fast immer eine natureigene Eleganz bei sehr jungen Frauen (außer wenn sie zusammenkommen und herumkichern); es beschämt uns Männer zu sehen, wieviel früher sie in die übliche Form gebracht sind als wir mit unseren rauhen männlichen Kanten. Welchen Eifer, dem Himmel sei's geklagt, braucht ein gewöhnlicher Bursche, um drei Schritte zu tun – ich sage nicht, wie ein Gentleman, sondern nur wie ein Leib, der innen eine Seele hat; aber gewähre einem Bauernmädchen den geringsten Aufstieg in Stand oder Bildung, und Hundert zu Eins wird sie sich zur Vornehmheit läutern, noch bevor der Bursche einen Bückling machen kann, ohne den Tisch umzustoßen. Alle Frauen besitzen von sich aus Gefühl, und Gefühl gibt dem Gedanken Anmut und dem Verhalten Anstand. Bei Männern ist Gefühl im allgemeinen etwas Erarbeitetes, ein Sprössling von intellektueller Qualität, nicht, wie beim anderen Geschlecht, von sittlicher.

Im Verlauf seiner Musik- und Gesangslektionen nutzte Maltravers behutsam die Gelegenheit, Alice' häufige Verstöße gegen Grammatik und Aussprache zu korrigieren: und ihr Gedächtnis war außerordentlich schnell und aufnahmefähig. Der besondere Klang ihrer Stimme schien sich in Maltravers' Ohren verändert zu haben; und irgendwie kam die Zeit, als sie nicht mehr den Unterschied in ihrer Stellung empfand.

Die alte Dienstmagd, die von Anfang an gesehen hatte, wie es werden würde, und stolz gewesen war auf ihre eigene Prophezeihung, als sie Alice' neue Kleidung bestellt hatte, war ein besserer Philosoph gewesen als Maltravers, obwohl er schon bis über beide Ohren Platos mondheller Höhle gesteckt und ein Dutzend Notizbücher mit Kritik an Kant gefüllt hatte.

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