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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel VIII

»Fort, Freunde! Was so schmerzlich Ihr erfragt,
Am Friedhof kalter Marmor Euch bald sagt.«

GRAY.

Es mag seltsam erscheinen, aber Maltravers hatte Lady Florence nie geliebt, wie er es jetzt tat. Lag es an der Verkehrtheit der menschlichen Natur, die Sterbliches uns lieber macht, je mehr es unseren Hoffnungen schwindet, wie Vögel, deren Farben sich erst entfalten, wenn sie die Flügel regen und zum Himmel entweichen; oder war es, weil er immer mehr auf die Lieblichkeit des Gemüts als die der Gestalt gegeben hatte und erstere um so mehr aufblühte, je mehr letztere verfiel? Ein Wesen, das man beschirmen, trösten, schützen muss – oh, wie lieb ist dies dem männlichen Stolz! Die hochmütige Frau, die ihre Selbständigkeit behauptet und in unserem Herzen keine Stütze benötigt, verliert den Zauber ihres Geschlechts.

Ich übergehe jene Stufen des Niedergangs, die in Erinnerung zu bringen unnötig schmerzlich wäre und die in einem kalten, technischen Bericht aufzuzeichnen in diesem Fall meine Hand nicht vermöchte. Schließlich kam die Zeit, wo die Ärzte bestimmen konnten, dass die Stunde der Erlösung innerhalb weniger Tage eintreten werde. Und zuletzt war die täuschende Ziererei des Ranges beiseite gelegt worden: Maltravers hatte wenigstens für einige Stunde am Tag neben der Couch, auf welche die bewunderte, glänzende Florence Lascelles nun meist dauerhaft eingeschränkt war, Stellung bezogen. Ihr hoher, heldenmütiger Sinn blieb ihr jedoch bis ans Ende. Bis zum Schluss vermochte sie zu dulden, zu lieben, zu hoffen.

Als Maltravers eines Tages seinen Posten verließ, ersuchte sie ihn mit mehr als gewöhnlicher Feierlichkeit, an diesem Abend zurück zu kehren. Sie nannte die genaue Stunde und atmete heftig, als sie schieden. Maltravers hielt in der Vorhalle an, um mit dem Arzt zu sprechen, der gerade Lord Saxinghams Bibliothek verließ. Ernst unterhielt sich ruhig einige Augenblicke mit, und als er das Fiat lat.: Es wird geschehen. – Anm.d.Übers. vernahm, verriet er keine andere Regung als ein leichtes Zittern der Lippen! »Ich darf noch nicht um sie weinen«, murmelte er, als er hinausging.

Er ging daraufhin zum Haus eines Herrn seiner Jahre, mit dem er jene Form von Bekanntschaft unterhielt, die sich zwar nicht zu vertrauter Freundschaft erhebt, aber auf gegenseitigem Respekt beruht und von der oft mehr Bereitschaft zu gegenseitigen Diensten zu erwarten ist als sogar bei ausgesprochenen Freundschaften.

Colonel Danvers saß im Parlament neben Maltravers; sie stimmten in gleicher Weise ab und dachten über die Grundsätze von Politik und Ehre ähnlich: sie hätten einander Tausende geliehen, ohne einen Schuldschein oder auch nur eine Notiz; und keiner von beiden benötigte einen warmherzigen und aufgebrachten Verteidigers, wenn er hinter seinem Rücken in Gegenwart anderer geschmäht worden war. Gleichwohl stimmten sie in ihren Neigungen und Gewohnheiten nicht überein; und wenn sie sich auf der Straße trafen, sagten sie nie, was sie zu weniger geschätzten Gefährten gesagt hätten: »Lassen Sie uns den Tag miteinander verbringen!« Solche Formen der Bekanntschaft sind unter ehrenwerten Männern gar nicht ungewöhnlich, die bereits ihre eigenen Gewohnheiten und Ziele ausgebildet haben, welche sie sogar um einer Freundschaft willen nicht aufgeben können.

Colonel Danvers war nicht zu Hause – man glaubte, er sei in seinem Club, bei dem auch Ernest Mitglied war. Dorthin machte Maltravers sich auf den Weg. Bei seiner Ankunft erfuhr er, dass Danvers eine Stunde zuvor im Club gewesen sei und Nachricht hinterlassen habe, er werde binnen kurzem zurückkehren. Maltravers trat ein und setzte sich ruhig nieder. Der Raum war voll von den täglichen Müßiggängern; aber er schreckte vor der Menge nicht zurück, beachtete sie nicht einmal. Er empfand nicht den Wunsch nach Einsamkeit – in ihm war Einsamkeit genug. Verschiedene angesehene Staatsmänner waren anwesend, um den Kamin gruppiert, und viele Mitläufer und Trabanten des politischen Lebens; sie unterhielten sich eifrig und lebhaft, weil es die Zeit eines großen Parteienstreits war. So seltsam es scheinen mag: wenngleich Maltravers jetzt kaum für ihre Konversation empfänglich war, so erinnerte er sich später all dessen lebhaft und getreulich, als er in den ersten Stunde seine eigenen Lebenspläne überdachte, was seine Abneigung gegen die große Welt nur vertiefte und verfestigte. Man diskutierte den Charakter eines bedeutenden Staatsmannes, den sie, obwohl er ausschließlich von den erhabensten und reinsten Motiven beseelt war, zu verstehen außer Stande waren. Ihre widerlichen Verdächtigungen, ihre vulgäre Eifersucht, ihre Berechnung des Patriotismus nach Ämtern, alles, was den Lack vom Gesicht der schönen Dirne, des politischen Ehrgeizes, abwischt, bohrte sich ätzend in sein Gemüt. Ein Herr, der ihn schweigend mit in die Stirn gezogenem Hut da sitzen sah, reichte ihm höflich die Zeitung, in der er gelesen hatte.

»Es ist die zweite Ausgabe; Sie werden die letzten Nachrichten aus Frankreich finden.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Maltravers, und der höfliche Mann stutzte, als er die kurze Antwort hörte, so unaussprechlich niedergeschlagen und gebrochen klang die sie äußernde Stimme.

Maltravers' Blick fiel mechanisch auf die Spalten und fand seinen eigenen Namen. Jenes Werk, das zu verfassen in der schönen Zurückgezogenheit von Temple Grove ihm so viel Freude gemacht hatte – bei jeder Seite und jedem Gedanken hatte er sich mit Florence beraten – so untrennbar war es mit ihrem Bild verbunden und verklärt durch das Licht ihres verwandten Genies – dieses Werk war soeben veröffentlicht worden. Es war seit langem vollendet; aber der Verleger hatte aus besonderen kommerziellen Erwägungen bislang sein Erscheinen verzögert. Maltravers wusste nichts von der Veröffentlichung. Er hatte vorgehabt, sobald er nach London zurückgekehrt war, das Erscheinen des Buches zu verbieten. Aber seine Gedanken hatten in der letzten Zeit alles andere aus seinem Gedächtnis verdrängt. Und nun wurde es in allem Pomp und Prunk seiner Autorschaft in die Welt geschickt! Jetzt, jetzt, wo es wie eine schamlose Verhöhnung des Totenbettes wirkte – eine Gotteslästerung, eine Pietätlosigkeit!

Der Schriftsteller und der Mensch und ihr jeweiliges Leben sind auf furchtbare Weise getrennt: die Zeiten sichtbaren Triumphes können jene der unerträglichsten, wiewohl unerkannten und ungeahnten Qualen sein. Das Buch, welches uns auszuarbeiten Freude machte, erscheint vielleicht zum erstenmal zu einer Stunde, wenn uns alles unter der Sonne freudlos erscheint.

Dieses Buch war Ernest Maltravers' Lieblingsbuch gewesen. Es war konzipiert worden in einer glücklichen Stunde großen Ehrgeizes – es war ausgeführt worden mit jenem Verlangen nach Wahrheit, das im Gemüt des Genies zu Kunst wird. Wie wenig hatte er in den einsamen, dem Schlaf gestohlenen Stunden an sich selbst gedacht und an das, was sich als Lohn der Mühsal »Ruhm« nennt! Wie hatte er davon geträumt, Geheimnisse zu verkünden, um sein Geschlecht besser, klüger und wahrhaftiger zu machen für die großen Ziele des Lebens! Wie hatte Florence, und nur sie allein, die Schläge seines Herzens auf jeder Seite verstanden.

Und jetzt! – Zufällig wurde sein Werk in der Zeitung, die er gerade las, rezensiert – die Kritik war nicht allein feindlich, es war eine persönlich beleidigende Schmähung, eine bösartige Ehrabschneidung. Alle Motive, die verdunkeln und herabsetzen, wurden ihm zugeschrieben. Alle niederträchtige Bösartigkeit eines niederträchtigen Geistes wurde herausgeplappert. Hätte der Schreiber den schrecklichen Schlag gekannt, den Maltravers zu dieser Zeit erwartete, so hätte er nicht zur Gattung Mensch gehören müssen, wenn er nicht davor zurückgeschreckt wäre, kleinliche Galle gegen den schwer Getroffenen zu verspritzen. Aber wie ich sagte: der Schriftsteller und der Mensch sind auf furchtbare Weise getrennt. Der erste erfährt immer unsere Gnade – von dem zweiten wissen wir nichts.

In solch einer Stunde vermochte Maltravers nichts zu fühlen von der Verachtung hochmütiger Geister – nichts von dem Zorn auf eitle Gemüter bei diesen Stichen. Er fühlte nichts als einen unbestimmten Abscheu vor der Welt und vor den Zielen, die er so lange verfolgt hatte. Er hatte sich in einem Traum befunden; da aber Menschen sich ihrer Träume erinnern, so ekelte er sich beim Erwachen vor seinen früheren Bestrebungen, und ihr gemeiner Lohn widerte ihn an. Es war das erste Mal seit seinem Beginn als unerfahrener Schriftsteller, dass Schmähungen sogar die Macht hatten, ihn für einen Augenblick zu irritieren. Doch wenn der Becher schon voll war, so brachte dieser Tropfen ihn zum Überlaufen. Die mächtige Säule seiner früheren Welt war geborsten, und alles andere schien zu zerfallen.

Endlich trat Colonel Danvers ein. Maltravers zog ihn beiseite, und sie verließen den Club.

»Danvers«, sprach er zu ihm, »die Zeit, von der ich sagte, dass ich Ihre Dienste benötigen werde, ist nun ganz nahe. Ich würde Sie, wenn es möglich ist, heute abend gern sprechen.«

»Selbstverständlich. Ich werde bis elf im Parlament sein. Danach werden Sie mich zu Hause finden.«

»Ich danke Ihnen.«

»Kann diese Angelegenheit nicht freundschaftlich erledigt werden?«

»Nein, es ein Streit auf Leben und Tod.«

»Die Welt wird aber wirklich zu aufgeklärt für dieses alte Nachäffen des Einzelkampfes.«

»Es gibt ein paar Fälle, in denen die menschliche Natur und deren tiefe Verletzungen immer stärker sein werden als die Welt und ihre Philosophie. Duelle und Kriege gehören zu demselben Grundsatz; beide sind sündhaft bei leichten Anlässen und armseligen Vorwänden. Aber es ist nicht sündhaft für den Soldaten, sein Land gegen Angriffe zu verteidigen; ebensowenig ist es sündhaft für einen Mann, wenn er denn das Herz eines Mannes hat, für Wahrheit und Ehre mit seinem Leben einzutreten. Den Räuber, der mein Geld will, darf ich erschießen. Darf der Räuber, der mir nie zu ersetzende Schätze raubt, frei davon kommen? Dies sind die Inkonsistenzen einer Pseudo-Ethik, die wir, solange wir aus Fleisch und Blut gemacht sind, niemals unterschreiben können.«

»Aber die Alten«, sagte Danvers lächelnd, »waren so leidenschaftlich wie wir und verzichteten auf Duelle.«

»Ja, weil sie ihre Zuflucht zu Meuchelmord nahmen! Vielleicht« fügte Maltravers mit finsterem Stirnrunzeln hinzu, »verfolgten sie ein klügeres, wenn auch nicht edleres Verfahren der Gerechtigkeit. Dieser Satz wurde in der zweiten Auflage gestrichen. – Anm.d.Verf. Wie bei Revolutionen jedes Gesetz außer Kraft ist, so ist es mit stürmischen Ereignissen und heftigen Beleidigungen, die im Leben der Individuen die Revolutionen darstellen. Genug davon – es ist nicht die Zeit zu gelehrtem Streit. Wenn wir uns treffen, werden Sie alles erfahren, und Sie werden urteilen wie ich. Guten Tag!«

»Was, Sie wollen schon gehen? Maltravers, Sie sehen schlecht aus, Ihre Hand ist vom Fieber gezeichnet – Sie sollten Vernunft annehmen.«

Maltravers lächelte – das Lächeln war nicht wie sein eigenes – schüttelte den Kopf und schritt schnell fort.

Drei der Londoner Uhren, eine nach der anderen, hatten die neunte Stunde verkündet, als eine hohe, gebieterische Gestalt die Straße zu Saxinghams Haus herauf kam. Fünf Türen, bevor man jene Villa erreicht, gibt es eine Kreuzung, und an diesem Ort stand ein junger Mann, in dessen Gesicht die Jugend selbst einen saftlosen, verödeten Ausdruck erhielt. Es war März, der dritte März; die Witterung war ungewöhnlich streng und beißend, sogar für diesen grimmigen Monat. Es hatte morgens geschneit, und der Schnee lag weiß und eintönig in verschiedenen Haufen entlang der Straße. Der Wind besaß jedoch nicht mehr die heftige, aber ruhige Schärfe des Frostes; im Gegenteil, er heulte wie ein Orkan durch die verlassenen Verkehrsstraßen, und die Laternen flackerten unbeständig in den turbulenten Böen. Vielleicht verstärkten die Windstöße den wilden Eindruck des erwähnten jungen Mannes. Sein Haar, das viel länger war, als man es gewöhnlich trägt, flatterte wild um unnatürlich eingesunkene, hohle, bleifarbene Wangen: mit seiner schwächlichen, dünnen Statur schien er kaum in der Lage, sich selbst gegen die Windstöße zu helfen.

Als die hohe Gestalt, die in ihrem männlichen Wuchs und ihrer eigentümlichen, unsagbaren Vornehmheit der Haltung stark gegen die des jüngeren Mannes abstach, nun zu der Stelle kam, wo die Straßen sich treffen, hielt sie unvermittelt an.

»Da sind Sie also wieder, Castruccio Cæsarini, das ist gut.!« sagte leise die durchdringende Stimme von Ernest Maltravers. »Dies wird, glaube ich, nicht unsere letzte Unterredung heute nacht sein.«

»Ich bitte Sie, Sir«, sagte Cæsarini in einem Ton gemischt aus Stolz und Erregung – »bitte, sagen Sie mir, wie es ihr geht; ob Sie wissen – ich kann nicht sprechen …«

»Ihr Werk ist fast vollbracht«, antwortete Maltravers. »Noch ein paar Stunden, und Ihr Opfer, denn das ist sie, wird seine Geschichte vor den Großen Richterstuhl tragen. Mörder, der Sie sind: zittern Sie, denn Ihre eigene Stunde naht!«

»Sie stirbt, und ich kann sie nicht sehen! und Ihnen ist jener letzte Blick auf menschliche Vollkommenheit vergönnt: Ihnen, der Sie nie liebte, wie ich es tat; Sie Verhasster, Verabscheuter! Sie …«

Cæsarini hielt ein, und seine Stimme erstarb, ging unter in seinen eigenen krampfhaften Versuchen, seiner Brust Luft zu schaffen.

Maltravers schaute auf ihn von der Höhe seiner aufrechten, hohen Gestalt aus mitleidlosen Augen herab; denn in dieser einzigen Hinsicht hatte er jedes Erbarmen aus seiner Seele verbannt.

»Schwacher Verbrecher!« sagte er, »hören Sie mich an. Sie empfingen aus meiner Hand Nachsicht, Freundschaft, Förderung und achtsame Fürsorge. Als Ihre eigenen Torheiten Sie in Armut stürzten, war es meine unsichtbare Hand, die Sie vor Hunger oder Gefängnis bewahrte. Ich trachtete, Sie zu erretten und empor zu heben, und Ihren elenden Geist mit dem Durst nach Ehre und der Macht der Unabhängigkeit auszustatten. Die Vermittlerin dieses Wunsches war Florence Lascelles. Sie haben es uns reich vergolten! durch eine niederträchtige, betrügerische Fälschung, die mir eine elende Gesinnung unterstellte und ihr Qualen und Tod brachte. Am Ende quälte Sie Ihr Gewissen, Sie entdeckten ihr Ihr Verbrechen – ein Funke von Mannhaftigkeit brachte Sie dazu, es auch mir zu enthüllen. So frisch mir in diesem Augenblick das von Ihnen angerichtete Unheil auch war, ich unterdrückte den Impulse, der das Leben aus Ihrer Brust herausgepresst hätte. Ich sagte Ihnen, Sie sollten weiter leben, solange ihr Leben währte. Hätte sie sich erholt, so hätte ich Ihnen vergeben; starb sie, müsste ich Rache üben. Wir gingen diesen feierlichen Vertrag ein, und in wenigen Stunden wird der Schuldschein sein Siegel verlangen: es ist das Blut eines von uns beiden. Castruccio Cæsarini, es gibt eine himmlische Gerechtigkeit. Täuschen Sie sich nicht: Sie werden von meiner Hand fallen. Wenn die Stunde kommt, werden Sie von mir hören. Lassen Sie mich vorbei, ich habe nichts mehr zu sagen.«

Jede Silbe dieser Rede wurde in jener durchdringenden Deutlichkeit gesprochen, die klang, als habe man die Tiefe des Herzen selbst vernommen. Cæsarini indes schien ihren Sinn nicht erfasst zu haben. Er ergriff Maltravers am Arm und starrte ihm in wild und wahnsinnig ins Gesicht.

»Sagten Sie mir, sie stürbe?« sprach er. »Ich fragte Sie dies: warum antworten Sie mir nicht? Ach, übrigens drohen Sie mir mit Ihrer Rache. Wissen Sie nicht, dass ich mich danach sehne, Ihnen Stirn gegen Stirn auf Leben und Tod gegenüber zu treten? Teilte ich Ihnen dies nicht mit – versuchte ich nicht, Ihr träges Blut in Wallung zu bringen – Sie durch Beleidigungen zu einem Kampf zu bringen, über den ich gejubelt hätte? Aber damals waren Sie aus Stein.«

»Weil ich das mir geschehene Unrecht vergeben konnte, – aber das ihr angetane – es gab da eine Hoffnung, dass dieses nicht einer Wiedergutmachung bedürfe. Hinfort!«

Maltravers schüttelte den Arm des Italieners ab und schritt vorüber. Ein scharf gellender Schrei wilder Verzweiflung erscholl hinter ihm und blieb wie ein Echo in seinem Ohr, als er die lange, dämmrige, einsame Treppe zu Lady Florence' Schlafzimmer erstieg.

Maltravers betrat den Raum, der dem benachbart war, in dem die Leidende lag – denselben immer noch heiteren, verspielten Raum, in dem seine erste Unterredung mit Florence seit ihrer Wiedervereinigung stattgefunden hatte. Hier fand er den Arzt in einem fauteuil schlummernd. Lady Florence war eingeschlafen vor zwei oder drei Stunden. Lord Saxingham hielt sich, tief betrübt und laut schluchzend, in seinem eigenen Zimmer auf, weil man nicht glaubte, dass Florence diese Nacht überleben werde.

Maltravers setzte sich ruhig nieder. Auf dem Tisch vor ihm lagen mehrere bunt und prächtig gebundene Manuskripte; er schlug sie mechanisch auf. Florence' schöne, edle Handschrift traf seine Augen auf jeder Seite. Ihr reicher, tätiger Geist, ihr Liebe zur Poesie, ihr Wissensdurst, ihr Genuss an tiefen Gedanken sprach aus diesen Seiten wie die Geister ihrer selbst. Oft geriet er auf mit ihren beifälligen Bemerkungen versehene Exzerpte seiner eigenen Werke, manchmal auf Reflexionen der Schreiberin selbst, in Wahrheit und Tiefe seinen eigenen nicht nachrangig; dann wieder auf wild hingeworfene, Fragment gebliebene Verse, die jedoch eine Macht und Energie jenseits der zierlichen Anmut weiblicher Poesie bekundeten; kurze, kraftvolle Buchkritiken, die sich weit über die gewöhnlichen Feiertagsbemühungen ihres Geschlechts erhoben; zornige und sarkastische Aphorismen über die wirkliche Welt in hochgemuten und traurigen Gefühlsausbrüchen im Hinblick auf die Welt des Idealen; – alles dies, in bunter Fülle die verschiedenen Bänden bereichernd, bezeugte die seltenen Gaben, mit denen dieses einzigartige Mädchen gesegnet war – gleichsam eine Pflanze mit verwelkten Blüten, denen hesperische Früchte Die Hesperiden, Nymphen der griechischen Mythologie, hüten in einem wunderschönen Garten einen Wunderbaum mit goldenen Äpfeln, der den Göttern ewige Jugend verleiht. – Anm.d.Übers. hätten entsprießen sollen. Und bisweilen erschienen in diesen Ergüssen eines randvollen Geistes und überfließenden Herzens Anspielungen auf ihn selbst, so zärtlich und berührend – seine mit Bleistift nach dem Gedächtnis in tausend Ansichten gezeichneten Gesichtszüge – Bezüge auf frühere Gespräche – die Tage und Stunden vermerkt in liebevoll-weiblicher Sorgfalt! – all diese Zeichen von Genie und Liebe sprachen zu ihm: »Und dieses Geschöpf ist dir auf ewig verloren: du schätztest sie nicht, bevor die Zeit für ihr Scheiden unwiderruflich feststand!«

Maltravers stieß ein tiefes Stöhnen aus; die gesamte Vergangenheit überwältigte ihn. Ihre romantische Leidenschaft für das noch Unbekannte – Ihre Anteilnahme an seinem Ruhm – ihr Eifer für sein Leben im wirklichen Leben, seinen unbefleckten, stolzen Namen. Mit ihr schienen Ruhm und Ehrgeiz auch zu sterben und fortan nichts als Dreck und schäbige Motive auf Erden zurück zu bleiben.

Wie plötzlich – wie schrecklich plötzlich war der Schlag gefallen! Zwar hatte es eine Abwesenheit von mehreren Monaten gegeben, in denen der Wechsel vorgegangen war. Aber Abwesenheit ist eine Leere, ein Nichtsein. Er hatte sie in scheinbarer Gesundheit verlassen, in der Höhe ihres äußeren Glücks und Stolzes. Dann sah er sie wieder – heimgesucht an Leib und Seele – niedergedrückt – gedemütigt – sterbend. Und wie hatte dieses leuchtende, hohe Wesen ihn geliebt! Niemals hatte jemand so geliebt, ausgenommen in jenem morgendlichen Traum, den die Vision der verlorenen, dunkel erinnerten Alice herauf beschwor. Niemals wieder konnte er auf Erden so geliebt werden. Die Atmosphäre und der Anblick des ganzen Zimmers wurde ihm schmerzhaft und bedrückend. Es war voll von ihr – der Besitzerin. Dort die Harfe, die zu ihrer musengleichen Gestalt so gut passte, dass sie wie ein Teil ihrer selbst erschien! Dort die von ihrer Hand geschaffenen frischen, glänzenden Bilder, – die Anmut – die Harmonie – der klassische, schlichte Geschmack erwies sich allenthalben.

Rousseau hat uns ein unsterbliches Porträt des Liebenden hinterlassen, wie er die erste Umarmung seiner Geliebten erwartet. Aber ihren letzten Blick mit so fieberndem Puls, mit so benommenem Kopf zu erwarten – den Augenblick der Verzweiflung, nicht den der Verzückung – die langsam und dumpf verrinnende Zeit so greifbar auf dem Herzen lastend zu empfinden, dennoch vor unserer eigenen Ungeduld zurückzuschrecken und zu wünschen, dass die Qual der Ungewissheit auf ewig andauern möge – dieses, oh, dieses ist ein Bild heftiger Leidenschaft – der Wirklichkeit aus Fleisch und Blut – einer der seltenen, ernsten Epochen unseres geheimnisvollen Lebens – das des Genies jenes »Apostels der Bedrängten« würdiger gewesen wäre.

Schließlich öffnete sich die Tür; Florence' Lieblingsdiener schaute herein.

»Ist Mr. Maltavers anwesend? Oh, Sir, Mylady ist wach und wünscht sie zu sehen.«

Maltravers stand auf, aber seine Füße klebten am Boden, sein mutloses Herz stand still – ein tödlicher Schrecken ergriff Besitz von ihm. Mit einem tiefen Seufzer schüttelte er den betäubenden Bann ab und schritt zu Florence' Bett.

Sie hatte sich, gestützt von Kissen, aufgesetzt, und als er neben ihr niedersank und ihre fahle, durchsichtige Hand ergriff, schaute sie auf mit einem Lächeln mitleidiger Liebe.

»Sie waren sehr, sehr gütig zu mir«, sagte sie nach einer Weile mit einer Stimme, die sich sogar, seit er sie zuletzt gehört, bereits wieder verändert hatte, »und es wird Ihnen vergolten werden. In der zweiten Auflage gestrichen. – Anm.d.Verf. Sie haben mir jenen Lebensabschnitt, vor dem die menschliche Natur mit Schrecken zurückbebt, zum glücklichsten und leuchtendsten meines ganzen kurzen, eitlen Daseins gemacht. Mein angebeteter Ernest – Gott segne Sie!« In der zweiten Auflage: »Mein einziger [my own clear] Ernest – der Himmel lohne es Ihnen!« – Anm.d.Übers.

Einige dankbare Tränen flossen aus ihren Augen und fielen auf die Hand, die zu küssen sie sich niederbeugte.

»Nicht hier – auch nicht inmitten der Straßen und Wohnungen ängstlicher Weltmenschen – erst recht nicht in dieser rauhen, tristen Jahreszeit hätte ich gewünscht meinen letzten Blick auf Erden zu tun. Hätte ich das Antlitz der Natur sehen können – hätte ich noch einmal auf jene entzückende Landschaft, die wir so liebten, im Sommersonnenlicht blicken können, hätte der Tod für mich keinen Unterschied zum Schlaf gehabt. Doch was macht das schon? Mit Ihnen sind der Sommer und die Natur überall!«

Maltravers erhob sein Gesicht, und ihre Augen trafen sich im Schweigen – es war ein langer Blick, der mehr als alle Worte sagen konnte. Ihr Kopf sank auf seine Schulter und blieb dort matt und bewegungslos einige Augenblicke liegen. Ein leiser Schritt glitt ins Zimmer – es war der unglückliche Vater. Er kam an die andere Seite seiner Tochter und schluchzte krampfhaft.

Da erhob sie sich, und sogar inmitten der Todesschatten flog eine schwache Röte über ihre Wangen.

»Mein guter lieber Vater, welche einen Trost wird es Ihnen geben, später daran zu denken, wie zärtlich Sie Ihre Tochter verwöhnten!«

Lord Saxingham war außer Stande zu antworten: er nahm sie in die Arme und weinte. Dann riss er sich los – schaute erschaudernd auf sie …

»Oh Gott!« schrie er, »sie ist tot – sie ist tot!«

Maltravers schreckte auf und winkte den alten Mann ungeduldig beiseite. Der zweite Halbsatz wurde in der zweiten Auflage gestrichen. – Anm.d.Übers. Der Arzt näherte sich freundlich, nahm Lord Saxinghams Hand und führte ihn aus dem Raum – er folgte stumm und gehorsam wie ein Kind.

Aber der Kampf war noch nicht vorüber. Florence öffnete noch einmal ihre Augen, und Maltravers schrie vor Freude. Aber sehr rasch verdunkelten sich diese Augen, die immer noch durch Nebel und Schatten das geliebte Gesicht suchten, das über sie geneigt war, als könne es dem entschwindenden Leben noch belebenden Atem einflößen. Zweimal bewegten sich ihre Lippen, aber ihre Stimme versagte; sie schüttelte traurig den Kopf.

Maltravers hielt ihr hastig eine auf dem Tisch in der Nähe bereit gestellte Arznei hin, doch kaum hatte diese ihre Lippen berührt, als ihre gesamte Gestalt schwerer und schwerer in seinen Armen wurde. Ihr Haupt senkte sich noch einmal auf seine Brust – dreimal rang sie heftig nach Atem – und schließlich rang sich das Leben, indem sie die Hand erhob, zu seinem letzten, verlöschenden Schimmer.

» Dort – oben! – Ernest – dieser Name – Ernest!«

Ja, dieser Name, war das Letzte, das sie sprach. Sie war sich augenscheinlich dieses Gedankens bewusst, denn als ihre Stimme wieder versiegte, verbreitete sich ein Lächeln, – ein liebliches, heiteres Lächeln – jenes Lächeln, das nur auf Gesichtern von Sterbenden und Toten zu sehen – von einem Licht geborgt, das nicht von dieser Welt ist – auf ihrer Stirn, auf ihren Lippen, über ihr ganzes Gesicht; noch atmete sie, aber der Atem wurde schwächer! endlich hörte er ohne ein Murmeln, ohne jeden Laut und ohne einen Kampf ganz auf – ihr Haupt sank von seiner Brust – ihre Gestalt fiel aus seinem Arm – alles war vorüber!

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