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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel VI

………………. »Erichtho haucht alsdann
Ihr grässliches Gemurmel, das ihn zwingt,
Ihr tödliches Geheimnis hinzutragen
Ins Reich der Schreckgespenster.«

MARLOWE.

Mit schwerem Schritt erstieg Maltravers an diesem Abend die Stufen seines einsamen Hauses, und schwer sank er mit einem unterdrückten Stöhnen auf den ersten Stuhl, der ihm Ruhe bot.

Es war bitterkalt. Während seiner langen Unterredung mit Lady Florence war sein Diener vorsorglich nach Seamore Place gegangen und hatte eilig einige Vorbereitungen für die Rückkehr seines Besitzers getroffen. Indes wirkte das Schlafzimmer unbehaglich und kahl, die Vorhänge waren abgenommen, die Schränke standen offen (die Haushälterin eines alleinstehenden Mannes verhält sich wundervoll vorausschauend bei solchen Sachen; sobald er den Rücken dreht, tummelt sie sich, stellt alles um und jubelt: »endlich kann man die Dinge doch ein wenig in Ordnung bringen!«). Nicht einmal das Feuer wollte richtig brennen, glimmte nur träge und unbeständig in der rauchenden Kohle. Es war ein großes Zimmer, und die Lampen erleuchteten es nur mangelhaft. Auf dem Tisch lagen Parlamentszeitungen, Pamphlete, Rechnungen und von jungen Schriftstellern eingesandte Bücher – Belege des Geschäftstrubels jener ruhelosen Maschine namens ›Welt‹.

Aber für all das besaß Maltravers keinen Sinn: Der winterliche Frost betäubte nicht seine fiebernden Venen. Sein Diener, der ihn liebte, wie alle, die viel mit Maltravers zu tun hatten, werkelte ängstlich im Zimmer herum, schürte das träge Feuer, legte den bequemen Schlafrock heraus, stellte Wein auf den Tisch, stellte Fragen, die nicht beantwortet wurden, und drängte Dienste auf, die unbeachtet blieben. Das kleine Räderwerk des Lebens läuft weiter, sogar wenn das große Rad still steht oder zerbrochen ist. Maltravers befand sich, wenn ich es so ausdrücken darf, in einer Art geistiger Entrücktheit. Er erlebte jene Erstarrung, die auf einen großen Schmerz folgt und wiederum die Vorläuferin weiteren Schmerzes ist.

Schließlich war er allein, und die Einsamkeit brachte ihn halb unbewusst wieder zu sich. In der zweiten Auflage heißt es statt dessen: »… brachte ihn halb unbewusst zur Wahrnehmung seines schweren Kummers.« – Anm.d.Übers. Denn es ist zu beobachten, dass die Gegenwart anderer, wenn uns ein Unglück heimgesucht hat, sich sozusagen als Hindernis zwischen das Gedächtnis und das Herz schiebt. Entferne den Eindringling, und der erhobene Hammer fällt sogleich auf den Amboss! Er stand, als sich die Tür hinter seinem Bediensteten schloss – stand mit einem Ruck auf und warf den Hut von seiner gerunzelten Stirn. Für einige Augenblicke schritt er auf und ab. Die Luft im Raum bedrückte ihn, so kalt sie auch war.

Es gibt Zeiten, da zittert der Pfeil in unserer Wunde, da werden uns alle Räume zu eng. Wie der verwundete Hirsch möchten wir dann ewig fort eilen; ein vages Verlangen nach Flucht beherrscht uns – eine fast wahnsinnige Sehnsucht, aus uns selbst heraus zu kommen: die Seele kämpft darum, auf den Flügeln der Morgenröte zu entfliehen.

Am Ende riss Maltravers ungeduldig die Fenstertür auf; sie führte auf einen Balkon, von dem man einen weiten Ausblick hatte, wie ihn dieser Teil des Parks von einer gewissen Höhe aus gewährte. Er trat auf diesen Balkon und entblößte seine Brust der scharfen Luft. Der trostlose, eisige Himmel schaute herab auf das Rauhreif des Grases und die geisterhaften Ästen der todgleichen Bäume. Alles in der Welt da draußen brachte seiner Seele Gedanken ans Grab, an den Stillstand des Daseins und das Verwelken von Schönheit näher und näher. Im geradezu handgreiflich spürbaren Winter schien der Tod selbst sein Knochengerüst mit freudlosen Armen um ihn zu schlingen. Und wie er so da stand und, seines Widerstreitens gegen sie müde, sich endlich den bitteren Gefühlen, die sein Herz auspressten und benagten, duldsam ergab – er hörte weder ein Geräusch an der Tür noch die Fußtritte auf den Stufen, noch bemerkte er, dass ein Besucher in seinem Zimmer war – bis er eine Hand auf seiner Schulter spürte, und sich umwendend erkannte er das kalkweiße, bleifarbene Gesicht von Castruccio Cæsarini.

»Es ist eine triste Nacht und eine ernste Stunde, Maltravers«, sagte der Italiener mit einem zerstörten Lächeln, »eine Nacht und eine Zeit, die zu meinem Gespräch mit Ihnen passen.«

»Hinfort!« stieß Maltravers in ungeduldigem Ton aus. »Ich habe keine Lust auf dieses Schmierentheater-Pathos.«

»Ach, und doch sollten Sie mich zu Ende hören. Ich habe Ihre Ankunft beobachtet – ich habe die Stunden gezählt, die Sie mit ihr zubrachten – ich bin Ihnen nach Hause gefolgt. Wenn Ihnen menschliche Leidenschaften nicht fremd sind, so muss Menschlichkeit selbst in Ihnen vertrocknet sein: dem wilden Tier in seiner Höhle zu begegnen kann nicht furchtbarer sein. So denn: ich suche Sie und trotze Ihnen. Seien Sie still! Hat Florence ihnen den Namen dessen offenbart, der Sie verleumdete und sie selbst durch Betrug dem Tode auslieferte?«

»Ha!« rief Maltravers erbleichend und fasste Cæsarini ins Auge, »Sie sind nicht der Mann – mein Verdacht ging in eine andere Richtung.«

»Ich bin der Mann. Tu Dein Ärgstes!« »Do thy worst.« – Der pathetische Cæsarini zitiert hier eine poetische, in der Alltagssprache antiquierte Wendung, siehe Shakespeare (Othello, V, 2 bzw. Sonett 92) oder John Dryden (Happy the man). – Anm.d.Übers.

Kaum waren diese Worte gesprochen, als sich Maltravers mit einem wilden Schrei auf den Italiener warf; – er riss ihn von den Füßen – packte ihn mit seinen Armen wie ein Kind – er wirbelte ihn buchstäblich herum und in die Höhe; und in diesem wahnsinnigen Paroxysmus war Maltravers im elementaren Kampf zwischen Vergeltung und Vernunft nur um Haaresbreite davon entfernt, den Verbrecher von der furchtbaren Höhe, auf der sie sich befanden, hinab zu schleudern. Die Versuchung ging vorüber – Cæsarini lehnte sicher, unverletzt, doch halb besinnungslos vor Wut und Angst an der Wand.

Er war allein – Maltravers hatte ihn verlassen – war vor sich selbst geflohen – ins Zimmer geflüchtet – Zuflucht suchend vor den menschlichen Leidenschaften unter die schützenden Schwingen des All-Sehenden, All-Gegenwärtigen. »Vater«, stöhnte er auf die Knie sinkend, hilf mir, rette mich: ohne Dich bin ich verloren.« »without Thee I am lost« – (antiquierte) Redewendung in religiösen Texten. – Anm.d.Übers.

Langsam erholte sich Cæsarini und trat ins Zimmer. In seinem Gehirn war schon gleichsam eine Saite gesprungen; finster und wild kehrte er zurück, um den Löwen, der ihn geschont hatte, anzustacheln. Maltravers hatte sich von seinem kurzen Gebet bereits erhoben. Mit verschlossenem, starrem Gesicht, die Arme vor der Brust gekreuzt, stand er dem Italiener gegenüber, der auf ihn zu schritt, drohend mit Stirn und Arm, aber unwillkürlich vor diesem gebieterischen Anblick einhaltend.

»Nun gut«, brachte Maltravers schließlich in einem übernatürlich ruhigen, leisen Ton hervor, »dann sind Sie also der Mann. Sprechen Sie weiter – welche Künste wandten Sie an?«

»Ihren eigenen Brief. Als ich Ihnen vor vielen Monaten schrieb, um Ihnen von meinen Hoffnungen zu berichten, die ich hegen durfte, und Sie um Ihre Meinung bat zu der, die ich liebte – wie antworteten Sie mir? Zweifelnd, herabsetzend, mit verstecktem, glattzüngigem Hohn bezüglich dieser Frau, die Sie, mit vorsätzlicher Heimtücke, anschließend meiner verehrungsvoll anbetenden Liebe entrangen. Diesen Brief fälschte ich. Ich machte die Zweifel, die Sie an meinem Glück ausdrückten, zu Ihren eigenen Zweifeln. Ich änderte das Datum – ich ließ den Brief so aussehen, als ob er nicht auf Ihre erste Bekanntschaft mit ihr hin geschrieben war, sondern nach Ihrem Verlöbnis. Ihre eigene Handschrift überführte Sie gemeiner Verdächtigungen und schäbiger Motive. Das waren meine Künste.«

»Sie waren sehr edel. Bleiben Sie bei ihnen – oder bereuen Sie?«

»Was ich Dir Der Autor wechselt hier zu den poetischen (und antiquierten) Formen »thou«, »thee« und »thine«, »art« (statt »are«). – Anm.d.Übers. antat, bereue ich nicht. Nein, ich betrachte Dich immer noch als den Angreifer. Du hast mich ihrer beraubt, die für mich die ganze Welt war – und mögen Deine Entschuldigungen wie auch immer lauten: ich hasse Dich mit einem Hass, der nie einschlafen wird – der dem erbärmlichen Namen Reue abschwört! Ich juble über die Todesqualen, die Du ausstehst. Aber sie – die Geschlagene – die Sterbende! Oh Gott, oh Gott! Dieser Streich fällt schwer auf mein Haupt!«

»Die Sterbende!« entgegnete Maltravers langsam und schaudernd. »Nein, nein – sie darf nicht sterben – oder was bist dann Du? Ihr Mörder! Und was werde ich sein? Ihr Rächer!«

Von seinen eigenen Leidenschaften übermannt sank Cæsarini nieder und barg sein Gesicht in seinen gefalteten Händen. Maltravers schritt finster im Zimmer auf und ab. Für einige Augenblicke herrschte Schweigen.

Endlich hielt Maltravers vor Cæsarini und sprach ihn in folgender Weise an:

»Sie sind nicht so sehr deshalb zu mir gekommen, das niederträchtigste Verbrechen einzugestehen, dessen sich ein Mann schuldig machen kann, sondern vielmehr um sich an meiner Qual zu weiden und mich herauszufordern, dass ich mich für das mir angetane Unrecht räche. Gehen Sie, Mann, gehen Sie – vorläufig sind Sie sicher. Solange sie lebt, gehört mein Leben nicht mir, um es aufs Spiel zu setzen – wenn sie sich erholt, kann ich Sie bemitleiden und Ihnen vergeben. Für mich ist Ihr Vergehen, so töricht es sein mag, viel zu niedrig, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Es sind allein die Folgen dieses Verbrechens im Hinblick auf – auf – jene edle, leidende Frau, welche das Verächtliche zum Tragischen erhebt und Ihr Leben zu einem angemessenen und notwendigen Opfer machen – nicht aus Rache, sondern aus Gerechtigkeit: – Leben um Leben – Opfer für Opfer! 's ist das alte Gesetz – 's ist ein gerechtes.«

»Sie werden mit Ihrer verfluchten Kälte nicht so über mich nach Gutdünken verfügen und sich die Wahl, mich zu schlagen oder zu retten, anmaßen! Nein«, fuhr Cæsarini, mit dem Fuß aufstampfend, fort – »nein; weit davon entfernt, aus Ihren Händen Nachsicht zu empfangen – ich fordere Sie heraus und halte Ihnen Stand! Sie glauben, ich hätte Sie beleidigt – ich berufe mich andererseits darauf, dass das Unrecht von Ihnen selbst ausging. Ohne Sie hätte sie mich vielleicht geliebt – wäre mein geworden. Genug damit. Wenigstens hätte ich ohne Sie, soviel ist gewiss, weder meine Seele mit einer ekelhaften Sünde besudelt, noch das lichteste der menschlichen Wesen an Grabesrand gebracht. Wenn sie stirbt, mag ich der Mörder sein, aber Sie sind die Ursache – der Teufel, der zu dem Verbrechen in Versuchung führte. Ich fordere Sie heraus und speie auf Sie – in mir ist keine Sanftmut mehr – meine Adern glühen im Feuer – mein Herz dürstet nach Blut. Sie – Sie – haben immer noch das Vorrecht, sie zu sehen – sie zu segnen – zu pflegen: – und ich – ich, der sie so liebte – der die Erde hätte küssen mögen, die sie betrat – Ich – nun, nun, einerlei – ich hasse Sie – ich beschimpfe Sie – ich nenne Sie ›Schurke‹ und ›Feigling‹ – ich berufe mich auf die Gesetze der Ehre und verlange den Kampf, den Sie hinausschieben oder verweigern wollen!«

»Fort mit Dir, wahnwitziger Schwätzer – fort – fall auf Deine Knie und bete zum Himmel um Vergebung – schließ mit ihm Deine schreckliche Rechnung ab – murre nicht über die Dir noch verbliebenen Tage, um den schmutzigen Fleck aus Deiner Seele zu waschen. Denn während ich spreche, sehe ich nur zu gut vorher, dass ihre Tage gezählt sind, und mit dem Faden ihres Lebens ist auch Dein eigener verflochten. Innerhalb von zwölf Stunden von ihrem letzten Atemzuge an werden wir uns wieder treffen: aber nun bin ich Stein und Eis, – Du kannst mich nicht bewegen. Ihr endendes Leben soll nicht durch Blut verdunkelt werden – durch den Gedanken an das Opfer, das es verlangt. Hinfort, oder die Knechte werfen Dich vor die Tür: dieser Mund ist zu verächtlich, um dieselbe Luft wie ein ehrlicher Mann zu atmen. Hinfort, sage ich, fort!«

Obwohl kaum ein Muskel sich in Maltravers' erhabenem Antlitz bewegte – obwohl keine Falten die majestätische Stirn verdüsterten – obwohl keine Flamme aus seinen festen, verachtungsvollen Augen brach: – eine königliche Gewalt ging von ihm aus, von seinem ausgestrecktem Arm, seinem stattlichen Haupt, und im Anschwellen der strengen Stimme lag eine Macht, die das unglückliche Wesen, dessen eigene Leidenschaften es erschöpften und entmannten, einschüchterten und niederzwangen. Er versuchte voller Eifer, den Hohn zurück zu schleudern, aber seine Lippen zitterten, und seine Stimme erstarb in hohlem Murmeln in seiner Brust. Maltravers betrachtete ihn mit vernichtender, erbitterter Verachtung. Der Italiener rang voller Scham und Zorn mit sich selbst, aber vergebens: die kalten, auf ihn gerichteten Augen bannten ihn; der Satan in ihm vermochte dagegen nicht zu rebellieren oder zu widerstehen. Mechanisch bewegte er sich zur Tür, – dann dreht er sich um, schüttelte seine geballte Faust gegen Maltravers und hetzte mit wildem, wahnsinnigem Gelächter aus dem Zimmer.

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