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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel IV

………….. »Ängste und Hoffnungen:
Fahren erschreckt empor, und schau herab
Vom schmalen Rand des Lebens – doch wohin?
In bodenlose Tiefen.«

YOUNG

   

»Leb wohl denn, Mädchenstolz, auf immerdar!«

SHAKESPEARE, Viel Lärm um nichts, III,1

Die Wunde, die Maltravers empfangen hatte, war besonders ernst und fraß an ihm. Es ist wahr, dass er nie sozusagen heftig in Florence Lascelles verliebt gewesen war, aber von dem Augenblick an, als er überrascht und bewegt zum erklärten Verehrer geworden war, sah er in Übereinstimmung mit seiner skrupulösen und loyalen Natur nur mehr die lichten Seiten von Florence' Begabungen und Eigenschaften und suchte seine dankbare Fantasie verliebt zu machen in ihre Schönheit, ihr Genie und ihre Zärtlichkeit zu ihm. In dieser Weise hatte er alle seine Gedanken und Hoffnungen auf einen Mittelpunkt gezwungen, und Florence und die Zukunft waren ihm Worte von derselben Bedeutung geworden.

Vielleicht empfand er ihre plötzlichen, ihn betäubenden, in überaus ungehöriger Sprache formulierten Anklagen deshalb so viel bitterer, weil sie mehr seinen Stolz als seine Neigung verletzten und nicht abgemildert wurden durch tausende von Entschuldigungen und Erinnerungen, die eine leidenschaftliche Liebe erdichtet und heraufbeschworen hätte. Es war ein tiefes, konzentriertes Gefühl von Unrecht und Verletzung, das sein ganzes Wesen verhärtete und verbitterte – verletzte Eitelkeit, verletzter Stolz und verletztes Ehrgefühl.

Überdies traf ihn der Schlag zu einer Zeit, als er mit all seinen anderen Aussichten höchst unzufrieden war. Die Kleinlichkeit der politischen Repräsentanten und ihrer Triebfedern widerte ihn an – in verächtlichem Überdruss schaute er auf die Öde literarischen Renommees. Mit dreißig Jahren war er zwangsläufig über die sanguinische Elastizität der Jugend hinausgewachsen und hatte auch schon einige der späteren Spielzeuge des Geschäftslebens und des Ehrgeizes zerbrochen, die dem reifen Mannesalter Klapper und Steckenpferd ersetzen. Immer verlangte er etwas, das für das Menschenleben zu veredelt und erhaben war. Und so musste jeder neue Beweis des Unwerts von Menschen und Dingen ihn betrüben oder empören in seinem Gemüt, das zu wählerisch war für eine Zufriedenheit mit der Welt, wie sie nun einmal ist, etwas, das wir alle erwerben müssen, bevor wir unsere Philosophie praktisch und unseren Geist so fruchtbar machen, wie vielleicht seine Blüten versprechen mögen.

Stolz, einsam und ungesellig, wie er lebte, konnte Ernest Maltravers nicht auf die üblichen Linderungsmittel gekränkter und in ihren Hoffnungen getäuschter Männer zurückgreifen. Streng abgeschieden in seiner ländlichen Zurückgezogenheit verbrachte er seine Tage in verdrossenen Wanderungen. Und abends kehrte er erschöpft und missmutig zu den Büchern zurück. So viel hatte er schon gelernt, dass Bücher ihm wenig beibringen konnten, das er noch nicht wusste. Biographien von Dichtern, diesen geisterhaften Wesen, die scheinbar kein Leben besessen hatten als die Schatten ihrer herumgeisternden, unvergänglichen Gedanken, dämpften die Inspiration, die er sonst von ihren Schriften hätte empfangen können. Diese Sklaven der Leselampe, diese Seidenwürmer des Studierzimmers, wie wenig Freude hatten sie genossen, wie wenig hatten sie geliebt! Zu einem geheimnisvollen Schicksal verdammt durch das Gesamtgeschick der Welt, schienen sie nur geboren, sich für den gemeinen Haufen abzumühen und Gedanken zu spinnen, und, wenn der Auftrag im Dunkel und im drückenden Elend erledigt war, zu sterben, wenn kein weiterer Nutzen aus den Erschöpften mehr gezogen werden konnte. Zu Lebzeiten besaßen sie einen Namen, und als Namen lebten sie auf ewig weiter, im Leben wie im Tode luftige, substanzlose Fantome.

Es bereitete Maltravers zu dieser Zeit Freude, sein forschendes Auge auf die dunkle und halb erloschene Philosophie der alten Welt zu richten. Er verglich die Stoiker mit den Epikuräern – jenen Epikuräern, die ihre eigene Version des einfachen, enthaltsamen utilitaristischen Systems ihres Meister vorgelegt hatten. Er fragte sich, was weiser sei: den Schmerz zu töten oder die Lust zu erhöhen – alles zu ertragen oder alles zu genießen; und aufgrund einer im Leben oft auftretenden Reaktion begann dieser bislang so ernste, tatendurstige und zu großen Dingen entschlossene Mann sich nach den einschläfernden Vergnügungen des Müßiggangs zu sehnen. Der Garten lockte ihn mehr als die Halle. Garten = Epikuräer, Halle = Stoiker. Die Stoa wurde benannt nach der stoa poikile (bemalte Vorhalle, bezugnehmend auf die Athener Säulenmarkthalle gegenüber der Akropolis), dem Gebäude, in dem Zenon sich mit seinen Schülern traf. – Anm.d.Übers. Er durchdachte ernsthaft die alte Wahlmöglichkeit des griechischen Halbgottes am Scheideweg: wäre es nicht weiser, den ernsten Bestrebungen, denen er bislang ergeben war, zu entsagen, das erhabene, strenge Ideal in seinem Herzen zu entthronen, leichte Liebschaften und sinnliche Petitessen wie der große Haufen zu kultivieren und den schmalen ihm noch verbleibenden Raum der Jugend mit Myrten und Rosen zu bepflanzen?

Wie Welle auf Welle fließt, so rollten neue Pläne über andere – verwischten jeden augenblicklichen Eindruck und ließen die Oberfläche zu Empfang und Vergessen in gleicher Weise zurück. Das ist der gewöhnliche Zustand bei Männern mit Einbildungskraft in solchen Lebenskrisen, wenn eine große Umwälzung in den Plänen und Hoffnungen Elemente freisetzt, die für jeden Wechsel des Windes nur zu empfänglich sind. Und so werden die Schwachen vernichtet, während die Starken nach furchtbaren, aber verborgenen Erschütterungen zurückkehren in die hehre harmonische Ordnung, aus der das Schicksal und Gott ihre Werkzeuge zum Nutzen der Menschheit holen.

Aus dieser Unentschlossenheit im Kampf zweier gegensätzlicher Prinzipien wurde Maltravers durch den folgenden Brief von Florence Lascelles herausgerissen:

»Drei Tage und drei schlaflose Nächte habe ich mit mir gerungen, ob ich Ihnen schreiben sollte oder nicht. Oh Ernest, wäre ich noch, was ich war: gesund und stolz, ich müsste fürchten, dass Sie, so großmütig Sie auch sind, diesen Schritt mißverstehen; aber das ist jetzt unmöglich. Unsere Einheit kann nie wieder hergestellt werden, und meine Hoffnungen sind geschrumpft auf eine einzige süße und schwermütige: dass Sie von meinen letzten Stunden den kalten, dunklen Schatten Ihrer Feindseligkeit entfernen.

Wir sind beide grausam getäuscht und betrogen worden. Vor drei Tagen entdeckte ich die an uns verübte Niedertracht. Und da, ach! da hatte ich – trotz aller menschlichen Qual, sie zu spät entdeckt zu haben ( Ihr Fluch ist in Erfüllung gegangen, Ernest!) wenigstens einen Augenblick stolzer, auserlesener Glückseligkeit. Ernest Maltravers, der Held meiner Träume, stand rein und erhaben da wie früher – ein Wesen, das zu lieben, dem nachzutrauern und für das zu sterben nicht unwert war.

Ein Brief in Ihrer Handschrift war mir gezeigt worden, entstellt und gefälscht, wie es scheint – aber ich erkannte den Schwindel nicht – Sie selbst waren es, Sie allein, der falsches und schreckliches Zeugnis gegen sich selbst ablegte! Und konnten Sie glauben, dass irgend ein anderer Beweis, die Worte, die Eide anderer, Sie in meinen Augen hätten überführen können? Darin taten Sie mir Unrecht. Aber ich verdiente es – ich hatte mich zur Geheimhaltung verpflichtet – das Siegel ist von meinen Lippen genommen, um auf mein Grab gesetzt zu werden.

Ernest, geliebter Ernest – geliebt bis zum letzten Atemzug – bis der letzte Schlag dieses Herzens verstummt – schreiben Sie mir ein Wort des Trostes und der Vergebung. Sie werden glauben, was ich Ihnen nur unvollkommen schreibe, denn Sie vertrauten immer meiner Aufrichtigkeit, wenn Sie auch meine Fehler tadelten.

Ich bin jetzt verhältnismäßig glücklich – ein Wort von Ihnen, und ich bin selig. Das Schicksal war vielleicht gnädiger mit uns beiden, als wir mit unseren kurzsichtigen, ungeduldigen menschlichen Augen wahrzunehmen vermögen; denn nun, wo mein Körper herunter gekommen ist – und in der Einsamkeit meines Zimmers kann ich gebührend und demütig mit meinem eigenen Herzen sprechen, ich erkenne nun als Fehler, was ich einst als Tugenden missverstand – und fühle, dass ich, die ich Sie auf ewig liebe, wenn wir vereint worden wären, vielleicht doch unser Glück nicht hätte begründen können und so das Elend kennen gelernt hätte, Ihre Zuneigung zu verlieren.

Möge Er, der Sie zu ruhmreichen und noch unerfüllten Zielen schuf, Sie stärken, wenn diese Augen nicht länger über Ihre Triumphe strahlen oder bei Ihrem kleinsten Schmerz weinen können. Sie werden auf Ihrer breiten, lichtvollen Bahn weiter schreiten: – ein paar Jahre, und die Erinnerung an mich wird nur die Spur eines Traumes hinterlassen haben. Aber, aber … ich kann nicht mehr schreiben. Gott segne Sie!«

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