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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel II

         »Da erscheint die Handlung
In ihrer wahren Art ………..
………… Nun? Was bleibt?
Sehn, was die Reue kann.«

SHAKESPEARE. – Hamlet III,3.

   

Ich fürchte, er ist tot, noch eh' ich komme.

SHAKESPEARE , König Johann, V,6

Es war ein schöner Dezembernachmittag, als Lumley Ferrers aus Lord Saxinghams Tür trat. Die Türklopfer waren umwickelt, die Fenster des dritten Stocks waren teilweise geschlossen. Es herrschte Krankheit in diesem Haus.

Lumleys Gesicht war ungewöhnlich ernst, es war geradezu traurig. »So jung, so schön!« murmelte er. »Liebte ich je eine Frau, so, glaub' ich, liebte ich sie. Diese Liebe muss meine Entschuldigung sein … ich bereue, was ich tat. Aber ich konnte nicht vorhersehen, dass die bloße Kriegslist des Liebhabers in solche Wirkungen mündete. Der Metaphysiker hatte Recht, der da sagte: ›Wir sympathisieren nur mit Gefühlen, die wir selbst kennen.‹ Ein wenig Enttäuschung in der Liebe könnte mich nicht so verletzen. Es ist verflucht ärgerlich, dass es sie so verletzt. Mein Glück hat mich überhaupt ganz verlassen. Der alte Templeton – ich bitte ihn um Vergebung: Lord Vargrave – (übrigens wird er jeden Tag rüstiger – welch eine Konstitution er hat!) scheint über Kreuz mit mir. Ihm gefiel meine Idee, Lady Florence zu heiraten, gar nicht und ließ, als ich dachte, dieser Traum könnte verwirklicht werden, Andeutungen fallen, dass ich einige Erwartungen enttäusche, die gehegt hatte. Ich hab' keine Ahnung, was er meint. Dann hat auch die Regierung Maltravers jenes Amt angeboten anstatt mir. In der Tat, mein Stern befindet sich nicht im Steigen. Aber die arme Florence! Ich würde wirklich viel darum geben, wenn ich ihre Gesundheit wiederhergestellt wüsste! Ich habe ein schurkisches Ding gedreht, aber ich hielt es einfach nur für schlau. Indes ist Reue die Leidenschaft eines Narren. Beim Jupiter! Wenn man von Narren spricht – da kommt Cæsarini.«

Bleich, abgezehrt, fast geisterhaft, den Hut in die Stirn gezogen, in vernachlässigter Kleidung und mit wilder, finsterer Miene kreuzte Cæsarini den Weg und sprach Lumley in folgender Weise an:

»Wir haben sie gemordet, Ferrers, und ihr Geist wird uns verfolgen bis ans Ende unserer Tage.«

»Sprechen Sie Prosa. Sie wissen, ich bin kein Dichter. Was meinen Sie?«

»Es geht ihr schlechter heute«, stöhnte Cæsarini mit hohler Stimme. »Ich wandere wie ein verlorener Geist rund um das Haus. Ich frage alle, die heraus kommen. Sagen Sie mir – oh, sagen Sie mir: gibt es Hoffnung?«

»Ich glaube das wirklich«, antwortete Ferrers inbrünstig. »Die Krankheit hat erst zuletzt einen alarmierenden Zustand erreicht. Zuerst war es bloß eine heftige Erkältung, die sie befiel, weil sie sich unklugerweise einer Regennacht aussetzte. Nun fürchtet man, dass es sich in der Lunge festgesetzt hat. Aber wenn wir sie ins Ausland bringen könnten, würde vielleicht alles gut werden.«

»Ist das Ihre aufrichtige Meinung?«

»Ja. Mut, mein Freund. Machen Sie sich selbst keine Vorwürfe, es hat nichts mit uns zu tun. Ihre Krankheit kommt von einer Erkältung, nicht von einem Brief, Mann!«

»Nein, nein. Ich beurteile ihr Herz nach meinem eigenen. Oh, dass ich die Vergangenheit zurückrufen könnte! Schauen Sie mich an: ich bin die Ruine dessen, was ich einst war. Tag und Nacht verfolgt mich die Erinnerung an meine Falschheit mit Gewissensbissen!«

»Pah! Wir werden zusammen nach Italien gehen, und in Ihrem schönen Land wird Liebe durch Liebe ersetzt.«

»Ich bin halb entschlossen, Ferrers.«

»Ha! Um was zu tun?«

»Zu schreiben – ihr alles zu offenbaren.«

Ferrers' abgehärtetes Gesicht wurde lebhaft; sein Stirn verdunkelte sich in einem fürchterlichen Ausdruck.

»Tun Sie das, und Sie fallen am nächsten Tag von meiner Hand. Ich verfehlte in leichteren Waffengängen nie mein Ziel.«

»Wagen Sie mir zu drohen?«

»Wagen Sie mich zu verraten? Einen zu verraten, der, wenn er sündigte, es Ihnen zu Liebe tat – in Ihrem Interesse; der Ihnen die lieblichste Braut und die fürstlichste Mitgift von ganz England gesichert hätte; und dessen einziger Fehler Ihnen gegenüber ist, dass er nicht über Leben und Gesundheit gebieten kann?«

»Vergeben Sie mir«, lenkte der Italiener mit großer Bewegung ein, »vergeben Sie mir, und missverstehen Sie mich nicht. Ich wollte nicht Sie verraten – es gibt eine Schurkenehre. Ich wollte mein eigenes Verbrechen gestehen. Ich hätte niemals das Ihre aufgedeckt. Warum sollte ich? Es ist unnötig.«

»Sprechen Sie im Ernst – sind Sie aufrichtig?«

»Bei meiner Seele!«

»Dann sind Sie tatsächlich meiner Freundschaft wert. Sie wollen die ganze Fälschung – ein hässliches Wort, aber es vermeidet Umschreibungen – auf sich nehmen?«

»Das will ich.«

Ferrers hielt einen Augenblick ein, dann fuhr er plötzlich auf.

»Sie werden das schwören!«

»Bei allem, was heilig ist!«

»Dann passen Sie auf, Cæsarini: Wenn es morgen Lady Florence schlechter gehen sollte, sollten Sie sich entschließen, es zu tun. Ich werde den Einfluss, den Sie mir lassen, nutzen, um Ihr Vergehen zu lindern, für Sie Vergebung zu erreichen. Und dennoch Ihre Hoffnungen aufgeben – jemanden, den man so geliebt hat, den Armen eines so Verhassten zu überlassen – es ist großherzig – es ist edelmütig – es übersteigt meine Begriffe! Tun Sie, was Sie wollen.

Cæsarini wollte gerade antworten, als ein Diener auf einem Pferd unvermittelt um die Ecke bog, fast in voller Geschwindigkeit. Er hielt an – sein Auge fiel auf Lumley – er stieg ab.

»Oh, Mr. Ferrers«, sagte der Mann atemlos«, ich war bei Ihrem Haus. Man sagte mir, ich könnte Sie bei Lord Saxingham finden – ich war gerade dahin unterwegs …«

»Gut, gut, worum geht's?«

»Mein armer Herr, Sir … Mylord, meine ich …«

»Was ist mit ihm?«

»… hatte einen Anfall, Sir – die Ärzte sind bei ihm – meine Herrin – denn mein Lord kann nicht sprechen – schickte mich zu Ihnen.«

»Leihen Sie mir Ihr Pferd – so, verlängern Sie die Steigbügel.«

Während der Diener mit dem Sattel beschäftigt war, wandte sich Ferrers zu Cæsarini.

»Tun Sie nichts übereilt«, sagte er. »Ich würde empfehlen, wenn Sie gestatten, überhaupt nichts ohne meinen Rat zu tun. Aber denken Sie daran: ich verlasse mich in jedem Fall auf Ihr Versprechen – auf Ihren Eid.«

»Das können Sie«, sagte Cæsarini düster.

»Dann leben Sie wohl«, sagte Lumley, als er aufstieg, und in wenigen Augenblick war er außer Sichtweite.

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