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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel IX

»So leb' ich jetzt – doch wofür leb' ich noch?
Mit dieser Qual wünscht' ich, ich wär' nicht mehr.«

WORDSWORTH .

Es war etwa neun Uhr an diesem Abend, und Maltravers befand sich allein in seinem Zimmer. Sein Wagen stand vor der Tür – seine Diener kümmerten sich um das Gepäck – er wollte diesen Abend noch nach Burleigh. London – die große Welt – war ihm verhasst geworden. Sein verbittertes, empörtes Gemüt verlangte nach Einsamkeit. In dem Moment trat Lumley Ferrers ein.

»Sie werden mein Eindringen entschuldigen«, sagte dieser mit seiner gewöhnlichen Freimütigkeit – »aber …«

»Aber was, Sir? Ich bin beschäftigt.«

»Ich werde mich sehr kurz fassen. Maltravers, Sie sind mein alter Freund. Ich hege Achtung und Zuneigung für Sie, obwohl unsere unterschiedlichen Gewohnheiten uns zuletzt entfremdeten. Ich komme zu Ihnen von meiner Cousine – von Florence – es hat da einiges Missverständnis zwischen Ihnen gegeben. Ich sprach mit ihr heute, nachdem Sie ihr Haus verlassen hatten. Ihr Leid griff mich an. Ich komme gerade von ihr. Sie hat von irgendeinem Geschwätz gehört oder dergleichen – Frauen sind leichtgläubige, törichte Geschöpfe; – öffnen Sie ihr die Augen, und ich hoffe, alles kommt in Ordnung.«

»Ferrers, wenn ein Mann zu mir gesprochen hätte wie es Lady Florence tat, hätte sein oder mein Blut fließen müssen. Und glauben Sie, dass ich Worte, die mich, von einem Mann gesprochen, in Blutschuld gestürzt hätten, jemals einer Frau verzeihen könnte, die ich mir als Gattin erträumt hatte? Niemals!«

»Puh, puh – Weiberworte sind Wind. Werfen Sie eine so glänzende Partie nicht wegen solcher Lappalie fort!«

»Wollen auch Sie, Sir, mir geldgierige Motive unterstellen?«

»Gott bewahre! Sie wissen, ich bin kein Feigling, aber ich will wirklich nicht mit Ihnen kämpfen. Kommen Sie, nehmen Sie Vernunft an.«

»Ich glaube, dass Sie es gut meinen, aber der Bruch ist endgültig – jedes Zurückkommen darauf ist schmerzvoll und überflüssig. Ich muss Ihnen einen guten Abend wünschen.«

»Sie haben sich definitiv entschlossen?«

»So ist es.«

»Sogar wenn Lady Florence die amende honorable Frz., eine formelle Entschuldigung gegenüber einer Person, deren Ehre verletzt wurde. – Anm.d.Übers. gäbe?«

»Nichts auf seiten von Lady Florence könnte meinen Entschluss ändern. Die Frau, die ein Ehrenmann – ein englischer Gentleman – zu seiner Lebenspartnerin macht, sollte niemals auch nur einer Silbe, die gegen seinen Namen gerichtet ist, Gehör schenken: seine Ehre ist die ihre, und wenn ihre Lippen, aus deren Atem er Trost in der Verleumdung schöpfen sollte, nur zur Wiederholung der Lüge dienen – sie mag schön sein, begabt, reich und wohlgeboren: dennoch hält er einen Fluch in seinen Armen. Diesem Fluch bin ich entronnen.«

»Und das soll ich meiner Cousine sagen?«

»Wie es Ihnen beliebt. Und nun warten Sie, Lumley Ferrers, und hören Sie mich an. Weder klage ich Sie an, noch verdächtige ich Sie, ich wünsche nicht in ihr Herz zu dringen und kann so Ihre Motive nicht erforschen. Aber wenn sich herausstellen sollte, dass Sie irgendwie für die Entstehung von Lady Lascelles' ungerechter Meinung bezüglich meiner Vertrauenswürdigkeit und Ehre verantwortlich sind, dann werden Sie viele Fragen zu beantworten haben, und früher oder später wird der Tag kommen, an dem zwischen Ihnen und mir abgerechnet wird.«

»Mr. Maltravers, es kann zwischen uns keinen Streit geben, bei dem es um den schönen Namen meiner Cousine geht, sonst könnten wir uns jetzt nicht trennen ohne Vorbereitungen für ein eher feindseliges Treffen. Ich kann Ihre Sprache ertragen. Ich kann, wenn ich auch kein Philosoph bin, jedenfalls vergeben. Kommen Sie, Mann, Sie sind erhitzt – das ist ganz natürlich; – lassen Sie uns als Freunde scheiden – Ihre Hand!«

»Wenn Sie meine Hand nehmen können, Lumley, sind Sie unschuldig, und ich habe Ihnen Unrecht getan.«

Lumley lächelte und drückte herzlich die Hand seines alten Freundes.

Als er die Stufen hinabschritt, folgte ihm Maltravers, und gerade als Lumley sich zur Curzon Street wandte, raste der Wagen an ihm vorüber, und im Laternenlicht sah er das bleiche und harte Gesicht von Maltravers.

Ein träger Nieselregen fiel, – es war eine jener unbehaglichen Nächte, wie sie häufig in London am Herbstende auftreten. Ferrers jedoch ging unempfindlich gegen das Wetter langsam und nachdenklich auf das Haus seiner Cousine zu. Er spielte mit hohem Einsatz, und bislang waren die Würfel zu seinen Gunsten gefallen, dennoch fühlte er sich beklommen und verstört. Sein Gewissen war gegen alle Schuldgefühle abgehärtet, sowohl wegen der Leichtfertigkeit wie der Stärke seines Naturells. Und da Maltravers nun ausgeschaltet war, vertraute er auf seine Kenntnis des menschlichen Herzens und den trügerischen Schein seines glatten Benehmens, um schließlich mit Lady Florence' Hand sein ehrgeiziges Ziel zu erreichen. Es war nicht ihre Neigung, auf die er sich verließ, sondern auf ihren Groll, ihre Verbitterung. »Wenn eine Frau sich einbildet, sie sei von dem Mann, den sie liebt, beleidigt worden, muss der erste neue Bewerber fürwahr ein Tölpel sein, wenn er sie nicht abkriegt.«

So dachte Ferrers, war aber dennoch aufgewühlt und beunruhigt. Die Wahrheit ist: so geschickt, kühn, leichtblütig und zynisch er auch war – sein Geist bebte vor dem von Maltravers. Er fürchtete den Löwen in diesem Naturell, wenn er erst richtig erwachte. Sein eigener Charakter besaß manches von einer Frau – einer skrupellosen, begabten, ehrgeizigen und raffinierten Frau – und in Maltravers – ernst, schlicht und männlich – erkannte er die überlegene Würde des »Herrn der Schöpfung«. Die Vorstellung von dessen Zorn und Vergeltung, deren Berechtigung er fühlte und deren tödlichen Ausgang er fürchtete, schüchterte ihn ein.

Während gleichwohl sein Gemüt die übliche Elastizität zurückgewann, kam er in die Nähe von Lord Saxinghams Haus und wurde plötzlich an einer Straßenecke am Arm ergriffen. Zu seinem unaussprechlichem Erstaunen erkannte er in der verhüllten Gestalt, die ihn ansprach, Florence Lascelles.

»Gott im Himmel!« rief er, »ist es möglich? – Sie, alleine in den Straßen, zu dieser Stunde, in solch einer Nacht noch dazu! Ganz verkehrt – überaus unklug!«

»Reden Sie nicht mit mir – ich bin sowie schon fast wahnsinnig: ich fand keine Ruhe – ich hielt die Ruhe, die Einsamkeit nicht aus – noch weniger meines Vaters Gesicht – ich konnte es nicht! – aber rasch, was sagt er? – Welche Entschuldigung hat er? Sagen Sie mir alles – ich werde mich an jeden Strohhalm klammern.«

»Und das ist die stolze Florence Lascelles?«

»Nein, – es ist die gedemütigte Florence Lascelles. Mit dem Stolz ist es vorbei. – Reden Sie!«

»Ach, welch ein Schatz ist so ein Herz! Wie kann er es wegwerfen?«

»Leugnet er?«

»Er leugnet nichts – er drückt seine Freude aus, entronnen zu sein – so lautete sein Ausdruck – einer Ehe, an der sein Herz keinen Anteil nahm. Er ist Ihrer unwert – vergessen Sie ihn.«

Florence erschauerte, und als Ferrers ihren Arm in den seinen legte, berührte ihre bloße Hand die seine, und die Berührung war kalt wie Eis.

»Was werden die Diener denken? – welche Entschuldigung können wir vorbringen?« sagte Ferrers, als sie unter dem Portal standen.

Florence antwortete nicht; aber als die Tür sich öffnete, sagte sie leise: »Ich bin krank – krank«, und klammerte sich an Ferrers mit jenem leblosen, drückenden Gewicht, das Ohnmacht ankündigt.

Das Licht schien grell auf sie – die Gesichter der Lakaien verrieten ihr unverhülltes Erstaunen. Mit einer heftigen Anstrengung fing Florence sich, denn ihr Stolz war noch nicht gebrochen, fegte durch den Flur mit ihrem gewöhnlichen kraftvollen Schritt, stieg langsam die breite Treppe hinauf und erreichte endlich die Einsamkeit ihres Zimmer, um bewußtlos zu Boden zu sinken.

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