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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel IV

»Con una Dama tenia
Un galan conversacion.« Mit einer Dame hatte er
eine galante Unterhaltung.

MORATIN: El Teatro Espanol. Num. 15

Maltravers war zuerst am verabredeten Platz. Sein Wesen war zumeist ausgesprochen energisch, entschieden und frühreif für seine Entwicklung, aber nicht in Bezug auf Frauen: bei ihnen bestimmte ihn der Augenblick; und, hin und her gerissen von allerlei Anwandlungen oder Leidenschaften, verfangen in der Launenhaftigkeit wild vagabundierender, höchst poetischer Fantasien, war Maltravers, halb unbewusst, ein Dichter – ein Dichter des Handelns, und das Weib war seine Muse.

Einen Plan wegen des Mädchens, das er treffen sollte, hatte er sich nicht zurecht gelegt. Er hatte mit ihr nichts Arges im Sinn. Wäre sie weniger hübsch, er wäre ebenso dankbar gewesen; und ihre Kleidung, ihre Jugend und ihr Zustand hätte ihn ebenso genötigt, die Dämmerungsstunde für ein Gespräch zu wählen.

Er erreichte den Treffpunkt. Die Winternacht war schon angebrochen, aber ein scharfer Frost hatte eingesetzt: die Luft war klar, die Sterne schienen hell, und die langen Schatten schliefen still und ruhig entlang der breiten Straße und den weiß überhauchten Feldern drüben.

Er wanderte lebhaft auf und ab, ohne viel an die Unterredung zu denken oder an deren Zweck, sprach alte Verse, deutsche und englische, vor sich hin und hielt alle Augenblicke an, um zu den schweigenden Sterne hinauf zu schauen.

Nach einiger Zeit sah er Alice sich nähern: sie kam scheu und sacht auf ihn zu. Sein Herz schlug schneller; er fühlte, dass er jung und allein mit einem wunderschönen Mädchen war. »Süßes Mädel«, sagte er, unfreiwillig ein mechanisches Kompliment machend, »wie gut dir dieses Licht steht. Wie soll ich dir danken, dass du mich nicht vergessen hast?«

Alice überließ ihm kampflos ihre Hand.

»Wie ist dein Name?« sagte er und beugte sich zu ihrem Gesicht hinunter.

»Alice Darvil.«

»Und dein schrecklicher Vater, – ist er wahrhaftig dein Vater?«

»Er ist tatsächlich mein Vater und auch meine Mutter!«

»Wie kamst du auf den Verdacht, dass er mich ermorden wolle? Hat er jemals ein Verbrechen dieser Art begangen?«

»Nein; aber zuletzt hat er oft von Raub gesprochen. Er ist sehr arm, Sir. Und als ich seine Augen sah und als er nachher, während Sie sich umdrehten, den Schlüssel von der Tür nahm, spürte ich – dass Sie in Gefahr waren.«

»Braves Mädel. Sprich weiter!«

»Ich sagte ihm das, als wir oben waren. Ich wusste nicht, was ich glauben sollte, als er sagte, er würde Ihnen nichts tun; aber ich nahm den Haustürschlüssel, den er auf den Tisch geworfen hatte, und ging zu meiner Kammer. Ich lauschte an meiner Tür; ich hörte ihn die Treppen 'runtergehen – er hielt dort einige Zeit an; und ich beobachtete ihn von oben. Die Stelle, wo es 'rausgeht zum Feld durch den Hintereingang. Nach einiger Zeit hörte ich eine Stimme mit ihm flüstern; ich kannte die Stimme, und dann gingen beide 'raus durch den Hintereingang; so schlich ich 'runter und ging 'raus und lauschte; und ich wusste, der andere Mann war John Walters. Ich hab' Angst vor ihm, Sir. Und dann sagte Walters: ›Ich will den Hammer haben‹, sagt er, ›und ob er schläft oder wach is', wir machen's.‹ Und Vater sagte: ›Er is' im Schuppen.‹ Da sah ich, dass keine Zeit zu verlieren war, Sir, und – und – aber alles andre wissen Sie.«

»Aber wie bist du entwischt?«

»Oh, mein Vater, kam, nachdem er mit Walters gesprochen hatte, in mein Zimmer und schlug und – und – ängstigte mich; und als er zu Bett gegangen war, zog ich mich an und schlich 'raus; es war g'rad' hell, und ich ging, bis ich Sie traf.«

»Armes Kind, in welcher Lasterhöhle bist du aufgewachsen!«

»Wie, Sir?«

»Sie versteht mich nicht. Hast du Lesen und Schreiben gelernt?«

»Oh nein!«

»Aber ich nehme an, man hat dich wenigstens gelehrt, deinen Katechismus aufzusagen – und betest du manchmal?«

»Ich habe Vater gebeten, mich nicht zu schlagen.«

»Aber zu Gott gebetet

»Gott, Sir – was ist das?« Diese Unwissenheit – in der Tat der ganze Entwurf der Figur Alice – kommt aus dem Leben; auch ist solch eine Unwissenheit, begleitet von einer anscheinend instinktiven oder intuitiven Erkenntnis von Recht oder Unrecht, nicht so ungewöhnlich, wie unsere Polizeiberichte bezeugen können. Im Examiner für das Jahr 1835, glaube ich, ist der Fall eines jungen, von seinem Vater misshandelten Mädchens zu finden, dessen Antworten bei der Vernehmung des Magistrats sehr ähnlich denen von Alice auf die Fragen von Maltravers sind.

Maltravers wich schockiert und entsetzt zurück. Ein so frühreifer Philosoph er auch war – diese tiefe Unwissenheit verwirrte ihn trotz seiner Klugheit. Er hatte alle gelehrten Streitschriften, ob die Erkenntnis eines Höchsten Wesens angeboren sei oder nicht, studiert, war indes nie zuvor leibhaftig eines Wesens ansichtig geworden, das ohne ein Bewusstsein von Gott lebte.

Nach einer Weile sagte er: »Mein armes Mädchen, wir missverstehen uns. Du weißt, dass es einen Gott gibt?«

»Nein, Sir.«

»Hat nie jemand dir erzählt, wer die Sterne gemacht hat, die du jetzt anblickst – die Erde, auf die du trittst?«

»Nein.«

»Und hast du niemals selbst darüber nachgedacht?«

»Warum sollte ich? Was hat das zu tun mit Kälte und Hunger?«

Maltravers konnte es nicht glauben. »Du siehst das große Gebäude, das sich mit der Turmspitze im Sternenlicht erhebt?«

»Ja, Sir, sicher.«

»Wie nennt man es?«

»Oh, eine Kirche.«

»Bist du jemals hineingegangen?«

»Nein.«

»Was tun Menschen dort?«

»Vater sagt, ein Mann erzählt Unfug, und die anderen Leute hören zu.«

»Dein Vater ist – egal. Du lieber Himmel! Was soll ich mit diesem unglücklichen Kind anfangen?«

»Ja, Sir, ich bin sehr unglücklich«, sagte Alice, seine letzten Worte aufgreifend; und die Tränen rollten still ihre Wangen hinab.

Maltravers war niemals in seinem Leben stärker berührt gewesen. Welche Gedanken von Galanterie in diesen jungen Kopf auch immer eingedrungen wären, hätte er Alice so vorgefunden, wie er vernünftigerweise hätte erwarten können, so spürte er nun, dass sie in ihrer Unwissenheit etwas Heiliges an sich hatte; und seine Dankbarkeit und freundliche Empfindung ihr gegenüber erhielten beinahe brüderlichen Charakter. –

»Du weißt zumindest, was Schule ist?«

»Ja, ich hab' mit Mädchen gesprochen, die zur Schule gehen.«

»Würdest du auch gern dorthin gehen?«

»Oh nein, Sir, bitte nicht!«

»Was würdest du denn gerne tun? Sag's frei heraus, Kind. Ich schulde dir so viel, dass ich zu glücklich wäre, dir Behaglichkeit und Zufriedenheit nach deinen eigenen Vorstellungen zu verschaffen.«

»Ich würde gerne mit Ihnen leben, Sir.«

Maltravers zuckte zusammen, zeigte ein halbes Lächeln und errötete. Aber in ihren Augen, die ernst auf seine gerichtet waren, lag so viel Unschuld mit ihrem sanften, unbewussten Schauen, dass er ihre ganze Unwissenheit erkannte hinsichtlich der Deutung, die angesichts eines so offenherzigen Bekenntnisses nahe gelegen hätte.

Ich erwähnte, Maltravers sei ein wildes, schwärmerisches, sonderbares Wesen – er war in der Tat voll von seltsamer deutscher Romantik und metaphysischen Spekulationen. Er hatte sich einmal für Monate zu astrologischen Studien eingeschlossen – und war sogar verdächtigt worden, ernsthaft dem Stein der Weisen nachzujagen; ein andermal war er bei Gefahr für Leben und Freiheit nur mit Mühe einer wüsten Verschwörung der jungen Republikaner seiner Universität entronnen, in welcher er, wagemutiger und irrwitziger als die meisten von ihnen, einen tätigen Rädelsführer dargestellt hatte; es gab tatsächlich einiges an solchen Torheiten, was ihn zwang, Deutschland eher zu verlassen, als er selbst oder seine Eltern wünschten. Nichts von einem nüchternen Engländer hatte er an sich. Alles, was befremdlich und exzentrisch war, hatte für Ernest Maltravers einen unwiderstehlichen Reiz. Und passend zur dieser Veranlagung umkreiste er nun einen Gedanken, der seine lebhafte, schwärmerische Philosophie entzückte. Er selbst würde dieses bezaubernde Mädchen erziehen – er würde helle, himmlische Zeichen auf dieses leere Blatt schreiben – er würde den ›Saint Preux‹ zu dieser ›Julie von Natur‹ »Julie ou la Nouvelle Héloïse« (1761), Roman von Jean Jacques Rousseau. – Anm.d.Übers. spielen. Leider dachte er nicht an das Ergebnis, auf das die Parallele ihn hätte hinweisen sollen. Ernest Maltravers war in einem Alter, in dem man den Feuereifer für ein Experiment nicht durch Vorausberechnung möglicher Folgen abkühlt.

»So«, sagte er nach kurzer Entrückung, »du willst also mit mir leben? Aber Alice, wir dürfen uns nicht ineinander verlieben.«

»Ich versteh nicht, Sir.«

»Macht nichts«, sagte Maltravers ein wenig fassungslos.

»Ich wollte immer gern in einen Dienst gehen.«

»Ha!«

»Und Sie wären ein freundlicher Herr.«

Maltravers war halb ernüchtert.

»Keine sehr schmeichelhafte Präferenz«, dachte er, »um so sicherer für uns. Nun, Alice, es soll sein, wie du wünschst. Hast du es angenehm, wo du bist, in deiner neuen Unterkunft?«

»Nein.«

»Warum? Kränken sie dich etwa?«

»Nein, aber sie machen Lärm, und ich mag's ruhig, um an Sie zu denken.«

Nun war der junge Philosoph mit seinem Plan wieder in Einklang.

»Gut, Alice – geh zurück – ich werde morgen ein Häuschen mieten, und du wirst mein Dienstmädchen sein; ich werde dich Lesen und Schreiben lehren und deine Gebete zu sagen und dass du weißt, dass du einen Vater über dir hast, der dich mehr liebt als der hier unten. Wir treffen uns morgen zur selben Stunde. Warum weinst du, Alice? Warum weinst du?«

»Weil – weil«, schluchzte das Mädchen, »weil ich so glücklich bin, und ich werde mit Ihnen leben und Sie sehen.«

»Geh, Kind – geh, Kind«, sagte Maltravers hastig und ging fort mit einem rascheren Puls, als seiner neuen Eigenschaft als Dienstherr und Lehrer gut tat.

Er schaute zurück und sah, wie das Mädchen ihm nachstarrte; er winkte ihr zu, und sie kam in Bewegung und folgte ihm langsam zurück zur Stadt.

   

Maltravers war, obwohl nicht der Erstgeborene, der Erbe eines reichen Vermögens; er hatte sich eines großzügigen Taschengelds erfreut, das für die Kaprizen einer Jugend hinreichte, die in Deutschland nichts mitbekam von den verschwenderischen Einfällen, die bei jungen Engländern von ähnlichem Stand und vergleichbaren Aussichten die Regel sind. Er war ein verzogenes Kind, das kein Gesetz anerkannte außer seiner eigenen Fantasie, – seine Rückkehr in die Heimat wurde nicht erwartet, – nichts vermochte den Genuss seiner neuen Laune zu unterbinden.

Am nächsten Tag mietete er ein Häuschen in der Nachbarschaft, eines von den hübschen reedgedeckten Bauwerken, mit Veranden, jeden Monat Rosen, einem Wintergarten und einem Rasen, womit das englische Sprichwort von Landhaus und Liebe bestätigt war. Errichtet hatte es ein kaufmännischer Junggeselle für irgendeine ›Schöne Rosamund‹, und es machte seinem Geschmack Ehre. Eine alte Frau, mit dem Haus übernommen, sollte kochen und die Arbeit verrichten. Alice war nur dem Namen nach Dienstmädchen. Weder die alte Frau noch der Hausbesitzer begriffen die platonischen Absichten des jungen Fremden. Aber er zahlte seine Miete im Voraus, und sie waren nicht heikel. Er jedenfalls hielt es für klug, seinen Namen zu verbergen. Er musste sicher bekannt sein in einer Stadt, die nicht sehr weit entfernt lag von der Residenz seines Vaters, einem wohlhabenden Gentleman mit langem Stammbaum. Er nahm deshalb den gewöhnlichen Namen Butler an, der in der Tat von Mutterseite mit ihm in Beziehung stand, und ausschließlich unter diesem Namen war er der Nachbarschaft und Alice bekannt. Wegen ihr hätte er nicht eine solche Geheimhaltung gesucht, – aber irgendwie bot sich keine Gelegenheit, die ihn veranlasst hätte, ihr viel von seiner Abkunft oder Geburt zu erzählen.

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