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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel V

»Auch hat Mylord noch viel, das er Euch gern
Darlegen würde.«

Crabbe, Herzensgeschichten.

Lord Vargrave saß alleine in seiner Bibliothek vor seinen Rechnungsbüchern. Sorgfältig berechnete er die verschiedenen Beträge, die, in verschiedene Spekulationen investiert, seine Einkünfte vermehrten. Das Ergebnis schien zufriedenstellend – und der reiche Mann warf seinen Stift mit trumphierender Miene hin.

»Ich werde 120 000 Pfund in Land investieren – nur 120 000 Pfund. Ich werde nicht in Versuchung geraten, mehr hineinzustecken. Ich werde ein feines Haus haben – ein Haus, wie es einem Edelmann gebührt – ein feines altes elisabethanisches Haus – ein Haus von historischem Wert. Ich muss Wälder und Seen haben – und vor allem einen Wildpark. Wild ist sehr gentlemanmäßig, oh ja. De Clifford's Place steht zum Verkauf, ich weiß; sie wollen zu viel dafür, aber Bargeld lockt. Ich kann handeln, handeln, ich verstehe mich auf's Handeln. Wäre ich nun Lord Baron Vargrave, wenn ich den Leuten immer gegeben hätte, was sie verlangten? Ich werde meine Subskriptionen bei der Bibel-Gesellschaft und beim Philanthropen-Verein und für den Bau neuer Kirchen verdoppeln. Die Welt soll nicht sagen, Richard Templeton verdiene nicht seine Würde. Ich werde … Herein! Wer ist da? – Herein!«

Die Tür öffnete sich sacht – das sanfte Gesicht der neuen Peeress erschien. »Ich störe Sie – Ich bitte Sie um Verzeihung – ich …«

»Kommen Sie herein, meine Liebe, kommen Sie herein – ich möchte mit Ihnen sprechen – ich möchte mit Ihrer Ladyschaft sprechen – setzen Sie sich, bitte.«

Lady Vargrave gehorchte.

»Sie verstehen«, sagte der Peer, indem er seine Beine übereinander schlug und seinen linken Fuß mit beiden Händen streichelte, wobei er seinen stattlichen Leib in seinem Sessel hin- und herschaukelte – »Sie begreifen, dass die mir übertragene Würde einen bedeutenden Wechsel in unserer Lebensart zur Folge haben wird, Mrs. Temple... – ich meine, Lady Vargrave. Dieses Landhaus ist ganz in Ordnung – mein Landgut ist eines Landedelmannes nicht unwert – aber jetzt müssen wir unserem Range Rechnung tragen. Der Landbesitz, der mir gegenwärtig gehört, wird mit dem Titel – an Lumley gehen – ich werde einen anderen zu meiner alleinigen Verfügung erwerben, einen, bei dem ich das Gefühl habe, dass er durchaus mir gehört – es wird ein glanzvolles Besitztum sein, Lady Vargrave.«

»Dieser Besitz ist glanzvoll genug für mich«, sagte Lady Vargrave schüchtern.

»Dieser Besitz? Unsinn! Sie müssen sich jetzt auf höhere Ideen einlassen, Lady Vargrave; Sie sind jung, Sie können sich leicht an Neues gewöhnen, leichter vielleicht als ich selbst. Sie sind eine Lady von Natur, wie ich sagen darf – Sie haben guten Geschmack, sprechen nicht viel, zeigen Ihr Unwissen nicht – ganz recht so. Sie müssen am Hof vorgestellt werden, Lady Vargrave – wir müssen großartige Essen geben, Lady Vargrave. Bälle sind sündhaft, die Oper auch, wie ich wenigstens meine – aber eine Opernloge wäre dennoch eine passendes Zubehör Ihres Ranges, Lady Vargrave.«

»Mein lieber Mr.Templeton …«

»Lord Vargrave, wenn Ihre Ladyschaft erlauben.«

»Ich bitte um Verzeihung. Mögen Sie lange leben, um Ihre Würde zu genießen; aber ich, mein lieber Lord – ich bin nicht geeignet, an ihr teilzuhaben: nur unser ruhiges Leben lässt mich vergessen, was – was ich war. Sie erschrecken mich, wenn Sie vom Hof sprechen – von …«

»Unfug, Lady Vargrave! Unfug! Wir gewöhnen uns an diese Dinge. Sehe ich etwa aus wie ein Mann, der hinter einer Ladentheke gestanden hat? Der Rang ist ein Handschuh, der sich nach der Hand streckt, die ihn trägt. Und das Kind, das liebe Kind, – die liebe Evelyn, sie wird von ganz London bewundert werden, die Schönheit, die Erbin, die – oh, sie wird mir Ehre machen!«

»Das wird sie, das wird sie!« rief Lady Vargrave, und Tränen entströmten ihren Augen.

Lord Vargrave war gerührt – Der Rest des Satzes wurde in der zweiten Auflage gestrichen. – Anm.d.Übers. er erhob sich von seinem Sessel, nahm die Hand seiner Gattin und küsste liebevoll ihre Stirn.

»Keine Mutter verdiente ihr Kind mehr als Sie Evelyn verdienen.«

»Ich hoffe, ich habe meine Pflicht getan«, sagte, ihre Tränen trocknend, Lady Vargrave.

»Papa, Papa!« rief eine ungeduldige Stimme; es klopfte ans Fenster, »komm spielen, Papa – komm Ball spielen, Papa!«

Und da, am Fenster, stand das schöne Kind, in fröhlicher Gesundheit glühend – ihr helles Haar aus der Stirn gestrichen, ihr süßer Mund in strahlendem Lachen.

»Mein Liebling, geh auf den Rasen, – überanstrenge dich nicht – du hast dich von der furchtbaren Verrenkung noch nicht ganz erholt – ich werde gleich zu dir kommen – Gott segne dich!«

»Mach nicht zu lange, Papa – niemand spielt so gut wie du«, und fröhlich nickend und lachend hüpfte die junge Fee davon. Lord Vargrave wendete sich seiner Gattin zu.

»Was halten Sie von meinem Neffen – von Lumley«, sagte er unvermittelt.

»Er scheint ganz liebenswürdig, freimütig und freundlich.«

Lord Vargraves Stirn wurde nachdenklich. »Ich denke ebenso«, sagte er kurz darauf; »und ich hoffe, Sie werden billigen, was ich zu tun beabsichtige. Sie wissen, meine Liebe, dass Lumley in dem Gedanken aufgezogen wurde, sich als mein Erbe zu betrachten – ich bin ihm etwas schuldig, abgesehen von dem ärmlichen Besitztum, das mit meinem Titel vererbt wird, aber letzterem nicht angemessen ist. Familienehre und erblicher Rang müssen schicklich berücksichtigt werden. Aber das liebe Mädchen – ich werde ihr den Hauptteil meines Vermögens hinterlassen. Könnten wir nicht Vermögen und Titel vereinen? Es würde ihren Rang sichern, es würde all meine Wünsche in Erfüllung bringen – all meine Pflichten.«

»Aber«, sagte Lady Vargrave mit offenkundiger Überraschung, »wenn ich Sie recht verstehe, der Unterschied der Jahre –«

»Na und, na und, Lady Vargrave? Gibt es keinen Unterschied der Jahre zwischen uns? – einen größeren Unterschied als zwischen Lumley und diesem großen Mädchen. Lumley ist noch ein junger Mann, immer noch ein junger Mann, fünfunddreißig; er wird kaum mehr als vierzig sein, wenn sie heiraten; ich war zwischen fünfzig und sechzig, als ich Sie heiratete, Lady Vargrave. Und ich schmeichle mir, Ihnen ein ausgezeichneter Ehemann geworden zu sein.« Dies wurde wie der folgende Einwurf Alice' in der zweiten Auflage gestrichen. – Anm.d.Übers.

»Ja, gewiss, aber …«

»Ich mag es nicht, wenn Knaben und Mädchen heiraten: ein Mann sollte älter als seine Gattin sein. Aber Sie sind so romantisch, Lady Vargrave. Außerdem ist Lumley so fröhlich und gutaussehend und beträgt sich so gut. Er war sehr nahe daran, eine andere Verbindung zu knüpfen; aber das ist, denke ich, nun aus seinem Kopf. Sie müssen einander einfach mögen. Sie werden mir nicht widersprechen, Lady Vargrave, und wenn mir irgendetwas zustößt – das Leben ist ungewiss …«

»Oh, sprechen Sie nicht so – mein Freund, mein Wohltäter!«

»Oh, in der Tat«, fuhr seine Lordschaft in mildem Ton fort, »dem Himmel sei Dank: es geht mir sehr gut – ich fühle mich jünger als je – aber dennoch ist das Leben ungewiss; und wenn Sie mich überleben, werden Sie meinem großen Plan keine Hindernisse in den Weg legen?«

»Ich? Nein, – nein – natürlich haben Sie in allen Dingen das Recht, über ihr Schicksal zu verfügen; aber sie ist noch so jung – so weichherzig … wenn sie sich in jemanden ihres Alters verlieben würde …«

»Liebe! – puh! Liebe kommt in Mädchenköpfe nur, wenn sie dort hineingebracht wird. Wir werden sie aufziehen, Lumley zu lieben. Ich habe noch einen anderen Grund – einen dringenden – unser Geheimnis! – ihm kann ich es anvertrauen – es darf nicht aus der unserer Familie kommen. Noch in meinem Grab fände ich keine Ruhe, wenn ein Flecken auf meine Achtbarkeit, auf meinen Namen fiele.«

Lord Vargrave hatte feierlich und voller Wärme gesprochen; dann murmelte er vor sich hin: »Ja, so ist es am besten«, nahm seinen Hut, verließ den Raum und ging zu seinem Stiefkind auf dem Rasen. Er tobte mit ihr – er spielte mit ihr – dieser steife, stattliche Mann! – er lachte lauter als sie und rannte fast genauso schnell. Und als sie erschöpft und atemlos war, ließ er sie neben sich sitzen in einem kleinen Sommerhaus, und zärtlich über ihre in Unordnung geratenen Locken streichend sagte er:

»Du ermüdest mich, Kind; ich werde allmählich zu alt, um mit dir zu spielen. Lumley muss meinen Platz einnehmen. Liebst du Lumley?«

»Oh, sehr, er ist so gut gelaunt, so freundlich: er hat mir so eine schöne Puppe geschenkt, mit solchen Augen!«

»Du wirst seine kleine Ehefrau werden – möchtest du gerne seine kleine Ehefrau sein?«

»Seine Ehefrau! Oh, die arme Mama ist eine Ehefrau, und sie ist nicht so glücklich wie ich.«

»Deine Mama ist nicht ganz gesund, mein Liebling«, sagte Lord Vargrave etwas aus der Fassung gebracht. »Aber es ist eine feine Sache, eine Ehefrau zu sein und einen eigenen Wagen zu haben und ein feines Haus, und Juwelen und viel Geld, und seine eigene Herrin zu sein; und Lumley wird dich sehr liebhaben.«

»Oh ja, das würde ich alles mögen.«

»Und du wirst einen Beschützer haben, Kind, wenn ich nicht mehr bin.«

Der Ton erfüllte mehr als die Worte ihres Stiefvaters das Herz des Kindes mit Trübsinn. Evelyn erhob ihre Augen, schaute ihn ernsthaft an, warf dann ihre Arme um ihn und brach in Tränen aus.

Lord Vargrave wischte sich selbst die Augen und bedeckte sie mit Küssen.

»Ja, du wirst Lumley's Frau werden, seine geehrte Frau, Erbin meines Ranges wie meines Vermögens.«

»Ich will alles tun, was Papa wünscht.«

»Du wirst dann Lady Vargrave sein und Lumley dein Ehemann«, sagte der Stiefvater nachdrücklich. »Denk darüber nach, was ich gesagt habe. Nun lass uns zu Mama gehen. Aber, bei meinem Leben! da ist Lumley selbst. Sei's drum, jetzt ist es noch nicht an der Zeit, ihn auszuforschen: – ich hoffe, dass er bei dieser Lady Florence kein Glück hat.«

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